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Rahel betrachtet ihr Spiegelbild und fühlt dabei nichts als Leere. Wann werden diese Augen endlich wieder strahlen? Wo ist das Leuchten hin? Das Leuchten, das ausdrückt, dass wir stolz auf uns sind. Dass wir glücklich sind. Auf dem steinigen Weg dorthin lernen wir uns besser kennen und der eigenen Intuition zu vertrauen. Beziehungen und Vorstellungen loszulassen, die nicht dazu bestimmt sind, für immer zu sein. Wir kämpfen uns durch Phasen von Angst und Panik und realisieren, wie stark wir sind. Wie Rahel und andere junge Frauen ihre innere Stimme trotz den Steinen auf ihrem Lebensweg wahrnehmen und ihr folgen, wird in acht Geschichten erzählt. Geschichten, die Mut machen und ein Lichtblick sind auf dem Weg zur Selbstfindung und zum Frieden, nach dem wir alle streben.
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Seitenzahl: 89
Veröffentlichungsjahr: 2023
Still und stark
Familientreffen
Therapie
Dein halbes Herz
Angst und Panik
Debbie
Weihnachten mit echten Kerzen
Ahron
Rahel stützt sich mit beiden Händen auf dem Lavabo ab und wartet auf die Entscheidung ihres Körpers, ganz aufzugeben und in Ohnmacht zu fallen oder die Kraft doch noch aufzubringen, um stehen zu bleiben. Nach drei schweren Atemzügen fühlt sie, wie das Blut wieder langsam in ihren Kopf zurückfließt. Also keine Ohnmacht. Sie hebt den Blick zum Spiegel, der jetzt nah an ihrem Gesicht ist. Es ist nicht das erste Mal, dass ihr schwarz vor Augen wird. «Das sei wegen des niedrigen Blutdrucks», meinten die Ärzte. «Dieser sei besser als erhöhter Blutdruck», hieß es, als ob das etwas ganz Großartiges wäre. Wie hilfreich, dachte sie damals nur, lebenslängliche Ohnmachtsanfälle für mich. Noch ein tiefer Atemzug. Die schwarzen Punkte vor Rahels Augen verblassen langsam.
Die junge Frau, die Rahel im Spiegel erblickt, wirkt fremd, ihre Erscheinung kommt ihr nichtssagend vor. Langes, dunkelbraunes Haar fällt ihr auf beiden Seiten über die Schultern und ihre Haut leuchtet blass im Kontrast dazu. Rahel schaut in dunkelgrüne, leere Augen. Erschöpfte Augen. Bedrückung macht sich in ihr breit. Das Gefühl, nicht zu wissen, wer sie ist, ist in diesem Moment stärker denn je. Vielleicht sollte ich mal wieder zum Arzt gehen, denkt sie, wohlwissend, dass ein weiterer Arztbesuch ihr auf die Frage, wer sie ist, keine Antwort liefern könnte. Den eigenen Anblick nicht mehr ertragend, löst sie die Hände vom Lavabo, dreht der Frau im Spiegel den Rücken zu und verlässt das Badezimmer.
***
Immer noch müde von dieser unruhigen Nacht, lässt sich Rahel auf ihr Bett fallen. Sie fühlt sich, als würden schwere Eisenketten ihren Körper und ihren Geist nach unten ziehen, jedes Mal, wenn sie versucht, aufzustehen oder positiv in die Zukunft zu blicken. Ms. Harper Lee, welche mit Rahel in ihrem Studio wohnt, springt auf das Bett zu ihr hoch. Das weiche Fell, über das ihre kalten Hände streichen, fühlt sich angenehm warm an. «Bin ich froh, dass du da bist, mein kleiner Tiger», sagt Rahel leise zu Ms. Harper Lee und betrachtet die wachen, hellgrünen Augen ihrer Katze. «Wenn du mir doch nur den Weg aus diesem dunklen Loch zeigen könntest.» Rahel lässt ihren Blick nachdenklich durch ihr Studio schweifen. Die senfgelben Tapeten lösen sich immer mehr von den Wänden ab und lassen sie in einem hässlichen Braunton hervortreten. Nicht nur an den Wänden zeigt ihr Studio seine Altersschwäche. Die Holzdielen treten an den Rändern teilweise aus dem Boden hervor und knarren lautstark wie die Bretter eines alten Piratenschiffs, wenn Rahel ihr Studio durchquert. Damit sie ihre Wohnungstüre richtig abschließen kann, muss sie einmal heftig mit der Schulter dagegen stoßen, bevor sich der Schlüssel im Schlüsselloch umdrehen lässt. Rahels Blick richtet sich auf die Decke des Studios. In der Wohnung über ihr lebt Mr. Sevenporth, dessen Gehör nur noch eingeschränkt funktioniert und der jeden Abend bis tief in die Nacht in voller Lautstärke Fußball schaut. Sie stellt sich vor, wie er allein auf seinem grauen, in die Jahre gekommenen Fernsehhocker sitzt und seine Hand eine Flasche Brewdog umfasst, welche nach ein paar Stunden auf den Boden gleitet, weil er vor dem Fernseher eindöst. Und jeden Abend hört Rahel den Fernseher durch die Decke, bis der Schlaf auch sie einholt. Mittlerweile stört es sie nicht mehr. Im Gegenteil nimmt es ihr sogar etwas von dem Gefühl, komplett allein zu sein. Sie könnte ihn mal besuchen und nachschauen, wie es ihm geht, kommt Rahel ab und zu die Idee. Bisher fehlte ihr der Mut und die Energie, um bei ihrem Nachbarn zu klingeln.
Neben Rahel und Mr. Sevenporth sind die meisten Bewohner des Hauses Alleinstehende. Also neuerdings alleinstehend, was sie betrifft. Von David getrennt zu sein, fühlt sich noch immer ungewohnt an. David. Ein schmerzhafter Stich zieht sich durch Rahels Bauch.
***
Nach ein paar weiteren Minuten, die sie schwer und erschöpft auf ihrem Bett liegt, greift Rahel ihr Handy und meldet sich bei ihrer Vorgesetzten am Lehrstuhl für Literatur via Textnachricht für heute krank. Ein Gefühl der Erleichterung überkommt sie. Wenigstens heute muss sie nicht vor ihre Klasse treten und hat Zeit zum Nachdenken. Darüber, wie sie ihr Leben ohne David wieder auf die Reihe bekommen und sich aus diesem tiefen, dunklen Loch der Trauer und Isolation befreien kann. Darüber, wie sie der Frau im Spiegel wieder mit einem guten Gefühl in die Augen blicken kann.
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Nach einer Weile schafft es Rahel, aufzustehen. Durch das Küchenfenster sieht sie, dass der übliche Regen auszubleiben scheint, dafür ein umso stärkerer Wind weht. An diesem Ort auf der Welt sind das gute Wetterverhältnisse. Rahel füttert Ms. Harper Lee, zieht sich warm an und steigt in ihren kleinen, roten Ford - von dem sie sich noch immer nicht lösen kann, obwohl eine Neuanschaffung längst überfällig wäre - und fährt los in Richtung Norden zum Meer.
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Die Magie Schottlands zog Rahel vor vier Jahren, als sie das erste Mal hier war, augenblicklich in ihren Bann. Damals wollte sie wie die meisten ihrer Mitstudierenden für ein oder zwei Semester von Zürich weg ins Ausland ziehen. Damals war sie noch mutiger und abenteuerlustiger, wie ihr scheint. In Aberdeen lernte sie David kennen, verliebte sich in ihn, erhielt ein Stellenangebot als Assistenzlehrkraft an der Universität und blieb schließlich dort. Alles war perfekt. Sie hatte das Leben, von dem sie immer dachte, dass es sie glücklich machen würde. Zumindest war es ein Leben, das ihre Eltern glücklich machte. Und jetzt ist sie am Montagmorgen hier draußen, auf der Flucht vor ihrer Arbeit und vor sich selbst. Mit David spricht sie schon seit mehreren Monaten nicht mehr.
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Ein paar Schafe blockieren die Küstenstraße, auf der Rahel entlangfährt, um zum ruhigsten und ihrer Meinung nach schönsten Strand in der Gegend zu gelangen. Zu dieser Jahreszeit findet sich sowieso fast nie jemand an den Stränden. Schon gar nicht am Montagmorgen. Sie hält an und wartet, bis sich die Herde bewegt. In Schottland leben mehr Schafe als Menschen, hat sie irgendwo mal gelesen. Schlimm findet sie das nicht. Schafe sind im Gegensatz zu den Menschen simple Wesen. Sie gehören zum Landschaftsbild dazu, in etwa so, wie die Kühe zur Schweiz.
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Unweigerlich muss Rahel an David denken, mit dem sie im Sommer ständig zu diesen Stränden fuhr und dessen Abwesenheit eine große Leere in ihr hinterlässt. Er war ihr bereits in der ersten Semesterwoche aufgefallen, als sie in der Reihe direkt hinter ihm saß. David drehte sich zu ihr um, um ihr die Vorlesungsfolien weiterzureichen, blickte ihr dabei tief in die Augen und lächelte sie charmant an. Er war Brite, groß und hatte stahlblaue Augen. Mit seinen Witzen und blöden Sprüchen zog er stets die Aufmerksamkeit aller auf sich. Sein extrovertiertes Wesen zog Rahel magisch an. Ihre Gedanken kreisten nur noch um seine blauen Augen und die Blicke, die er ihr zuwarf. Er war bei den Mitstudentinnen beliebt, was in Rahel den Wunsch nur noch verstärkte, seine Freundin zu werden und sich seine Liebe zu erkämpfen. Seine Freundin zu sein, musste ein besonderes, schönes Gefühl sein, dachte sie sich. Ob er auch zu ihr passte, daran dachte sie nicht. Nachdem sie sich immer mehr Textnachrichten hin- und herschickten, lud er sie schließlich gegen Ende des Semesters an einem verregneten Sonntag in seine Wohnung ein. Seither erinnern sie ans Fenster klopfende Regentropfen unentwegt an diesen einen Nachmittag, an diese Geborgenheit und Wärme, die sie damals fühlte.
In ihrem Bauch wird es warm, wenn Rahel daran denkt. Noch immer. Diese Zeit war beflügelnd gewesen und Davids Anwesenheit zündete eine Flamme in ihrem Körper, von der sie dachte, dass sie nur brennen könnte, wenn er da war. Zumindest hielt dieses Gefühl die ersten paar Wochen ihrer Beziehung an. Dann schloss David mit einigen Mitstudierenden des Cricket-Teams Freundschaft und ließ Rahel immer öfter links liegen. Das Gefühl, nicht gut genug für ihn zu sein, rückte mehr und mehr in den Vordergrund. Das angezündete Licht erlosch langsam und Rahel fand sich in ihrer eigenen, dunklen, ihr heimischen Welt wieder.
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Rahel steigt aus ihrem Auto und kommt bei einem Weg mit wild durcheinander liegenden Holzpflöcken und Brettern an, der nach unten zum Strand führt. Sie bleibt erstmal hier oben, wo der Wind am stärksten weht. Mit geschlossenen Augen nimmt sie einen tiefen Atemzug, was ihr jetzt schon deutlich besser gelingt als heute Morgen, als sie sich noch auf dem Lavabo abstützen musste, um nicht umzukippen. Sie geht den Küstenweg entlang, der ihr eine eindrucksvolle Sicht auf das aufgepeitschte Meer bietet. Es kommt ihr so vor, als wollte ihr das Meer etwas mitteilen. Vielleicht, dass es Zeit ist, zu neuen Ufern aufzubrechen. In Gedanken versunken beobachtet sie die Unruhe, die sich vor ihr abspielt, noch eine Weile.
***
Rahel erinnert sich daran, wie sie mittags mit David und vier Mitstudierenden in der Cafeteria der Universität am Tisch saß. Manchmal kamen noch weitere Personen dazu. Rahel schwieg die meiste Zeit während dieser Zusammenkünfte. Sie wusste nicht, wie sie mit der Gruppe interagieren sollte und die Freunde von David kamen ihr oberflächlich vor. Ihre Gesprächsthemen waren belanglos: Prüfungen, Sport, Ausgehen, Sex, Lästereien über Mitstudierende und Dozenten. Rahel empfand dabei immer große Abneigung.
Eines Mittags verabschiedete sie sich von David, nachdem sie ihr Sandwich heruntergedrückt hatte, obwohl sie keinen Hunger verspürte. David sah sie fragend an: «Wohin gehst du? Wir haben nachher Vorlesung, kommst du nicht?» Rahel stand auf, nahm die Umhängetasche und flüsterte ihm zu: «Ich muss noch was erledigen. Bis später.» Beim Weglaufen hörte sie die Gruppe sagen: «Was ist mit deiner Freundin? Ist sie immer so still?»
Weil sie eisern an der Beziehung festhielt, nahm sie weiterhin an den Treffen mit seinen Freunden teil. Noch ein Versuch und noch einer. Je mehr sie sich bemühte, dazuzugehören, umso miserabler fühlte sie sich. Lag es an ihr? Lag es an David? Warum war sie nicht glücklich? Warum konnte sie sich nicht öffnen?
Dann gab es noch Tina, die ebenfalls in Davids Freundeskreis war. Sie war von Natur aus rothaarig, wofür Rahel sie äußerst stark beneidete. Auffällige Sommersprossen verteilten sich über ihr ganzes Gesicht und unterstrichen ihre natürliche Schönheit. Sie war eine der besten Spielerinnen im Cricket-Team der Universität und wurde von allen gemocht. Rahel kam das Kotzen, wenn Tina lauthals über Davids Witze lachte und ihr rotes, lockiges Haar in den Nacken warf. Es schmerzte sie, wie er Tina ansah. Es war derselbe Blick, den er Rahel anfangs zugeworfen hatte.
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Auf ihrem Spaziergang begegnet sie zwei Schotten, die sie freundlich grüßen. «Good morning!» Ein warmherziges Aufblitzen in deren Augen. «Good morning»
