Still wanting you - Valentina Fast - E-Book
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Still wanting you E-Book

Valentina Fast

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Beschreibung

Eine alte Liebe und neu entfachte Gefühle Um sich von der Trennung von ihrem Freund abzulenken, krempelt Amber ihr Leben völlig um: Sie stürzt sich gemeinsam mit ihren Pflegegeschwistern in die Renovierung des alten Hotels und sucht sich dazu noch einen weiteren Job. Dort läuft sie bereits an ihrem ersten Tag ausgerechnet Brian in die Arme. Brian, der ihr letztes Date war, bevor sie ihren Ex traf – und mit Abstand das schlimmste Date ihres Lebens …

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Valentina Fast

Still wanting you

Roman

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

1Amber

»Ich habe alles getan, um das zu sein, was er wollte. Doch selbst das war nicht genug.«

Zu wissen, dass ich bereit gewesen wäre, diesen Trottel zu heiraten, verursachte mir spontanen Würgereiz.

»Amber.« Mein Ex-Freund Frederic hatte denselben tadelnden Tonfall drauf wie schon all die Jahre zuvor. Wie hatte ich den eigentlich immer überhören können?

Mein Puls hämmerte und ich war kurz davor, ihm die Tür vor der Nase zuzuschlagen. »Was willst du? Habe ich mich nicht klar ausgedrückt? Du bist hier nicht willkommen!«

Sein Lächeln wurde gönnerhaft und er zog einen Brief aus seiner Aktentasche. »Wie du willst. Du hast eine Woche, um das Haus zu verlassen.«

Ich stieß ein Lachen aus, das mehr wie ein Fauchen klang. »Das ist mein Haus.«

Gekünsteltes Mitleid huschte über seine Züge, die ich einst so attraktiv gefunden hatte. Nun war da nur noch Verachtung in mir, denn dieser Mann war nichts anderes als ein Betrüger, der mit meiner angeblichen Freundin ins Bett gestiegen war. »Tja, das stimmt nicht so ganz.«

Eine Ader pulsierte in meiner Schläfe. Zugleich zwang ich mich, Ruhe zu bewahren. Das waren alles Lügen. »Du kannst dir diesen Unsinn sparen.«

»Ich stehe im Kaufvertrag und im Finanzierungsvertrag. Erinnerst du dich? Ich habe das Gebäude gekauft und die Finanzierung geregelt. Du wolltest einfach nur deinen Anteil dazugeben. Wir haben danach nie über die Eigentumsverhältnisse gesprochen. Wieso auch? Als Eheleute hätten wir eh alles geteilt.« Die letzten Worte betonte er, indem er sie besonders langsam aussprach. Als wären sie der Schlüssel, um uns aus dem Sumpf aus Enttäuschung und Verrat zu holen.

Erst wollte ich lachen, doch sein selbstgefälliges Grinsen brachte mich dazu, ihm den Umschlag aus der Hand zu reißen.

Ich zog die Papiere heraus und überflog sie. Langsam setzten die Worte sich vor meinen Augen zu einem Taifun zusammen, der mich zu verschlingen drohte.

Nein! Das konnte nicht wahr sein!

Fassungslosigkeit. Ohnmacht. Wut.

Weiße Punkte tanzten am Rande meines Sichtfelds, während ich kurz davor war, auszuflippen. Sein Name. Überall! »Du hast mich reingelegt!«

Er zuckte mit den Schultern und aus seinem aristokratischen Gesicht wichen jegliche Emotionen. Die Kälte in seinen Augen ließ alles verblassen, was ich einst an ihm attraktiv gefunden hatte. »Du hast noch die Chance, zu mir zurückzukommen. Wir vergessen diesen Unsinn und ich überlasse dir das Haus.«

»Das Haus, das ich bezahlt habe.« Wut ließ meine Stimme zittern. Die Dokumente knisterten in meiner Faust, und ich merkte, wie ich kurz davor war, einen Mord zu begehen.

Dieser elende Dreckskerl hatte die Frechheit, mich anzulächeln, während er auf die Unterlagen deutete. »Schau es dir in Ruhe an. Das Haus gehört mir.« Er machte einen Schritt nach hinten und lächelte strahlend. »Komm zu mir zurück und ich überlasse es dir. Ansonsten«, sein Lächeln verschwand, »sehen wir uns in einer Woche zur Schlüsselübergabe. Einen schönen Abend dir noch.« Ohne eine Reaktion abzuwarten, stieg er die Verandastufen hinunter. Er beendete einfach das Gespräch und scherte sich nicht um meine Antwort. Wie immer.

Mein Atem ging viel zu laut. Ich nahm wahr, wie die beiden Nachbarinnen, die neugierig vom rechten Gartenzaun aus gelauscht hatten, leise tuschelnd ihr Gespräch wieder aufnahmen. Großartig. Das war die Kirsche auf der Sahne, nachdem ich Frederics Sachen vor Kurzem im Vorgarten verteilt und damit für genug Stoff zum Tratschen gesorgt hatte. Bitte schön.

Ich sah die beiden Mittdreißigerinnen mit einem falschen Lächeln an, das sie zögerlich erwiderten, trat zurück und schloss die Tür mit so viel Selbstbeherrschung wie möglich. In mir brodelte ein Vulkan und drängte danach, etwas zu zerstören.

Stattdessen atmete ich tief durch und schaute mir erneut die Unterlagen genau an, die Frederic mir so selbstgefällig hingehalten hatte. Es war die Kopie unseres Kaufvertrags – in dem eindeutig sein Name stand. Ich wurde dort nirgends erwähnt. Auf der zweiten Seite unten war meine Unterschrift neben seiner zu sehen. Doch sie bedeutete nichts. Gar nichts. Das konnte nicht wahr sein …

Ich eilte ins Büro, wo wir all unsere Unterlagen aufbewahrten, und betete innerlich, dass das Ganze nur ein kranker Scherz von Frederic war. Meine Hände zitterten, und ich zog mit so viel Schwung mehrere Ordner aus dem Regal, dass sie sich polternd auf dem dunklen Boden verteilten, den wir erst letztes Jahr hier hatten verlegen lassen. Ich ignorierte das Chaos und konzentrierte mich nur auf den einen Ordner, den ich eilig durchblätterte. Mit angehaltenem Atem starrte ich auf den Kaufvertrag. Er sah genauso aus wie die Kopie. Mit all seinen fürchterlichen Details!

So gut wie jeder Penny meines Gehalts steckte in diesem Haus. Es war das Haus, in dem ich die meiste Zeit meines Lebens verbracht und alt hatte werden wollen.

Aber es gehörte offensichtlich nicht mir. Ich war auf einen Betrüger hereingefallen!

Tränen schossen mir in die Augen, doch ich blinzelte sie weg, während ich zum Handy lief. Dann wählte ich die Nummer des Anwalts, der für die Belange meiner verstorbenen Pflegeoma Betty zuständig gewesen war.

Es klingelte zweimal, ehe seine Sekretärin abnahm. »Hallo, hier ist Amber Wilson. Ich brauche so schnell wie möglich einen Termin bei Mr Stewards.«

Grimmig zog ich meine Augenbrauen zusammen. Wut wandelte sich in Entschlossenheit und ich knallte den Ordner zu. So schnell würde dieser elendige Betrüger mich nicht brechen. Ich würde bis zum Schluss kämpfen.

Glücklicherweise hatte der Anwalt Zeit für ein spontanes Mittagessen, wie mir seine Sekretärin mitteilte. Direkt nachdem ich aufgelegt hatte, schnappte ich mir eine Tasche, schlüpfte in Pumps und Jacke, bevor ich nach draußen stürmte.

Frederic fuhr gerade aus der Parklücke vor dem Haus, und ich stand kurz davor, seinen Rücklichtern den Mittelfinger zu zeigen. Doch ich drängte diesen kindischen Impuls zurück und stieg voller Entschlossenheit in mein Auto.

Pah! Er konnte mich nicht betrügen und dann zu einer Obdachlosen machen. Dachte er etwa, er könnte mich so wieder zurückgewinnen?

Mein hektischer Atem erfüllte die Luft, und ich kniff die Augen zusammen, um mich zu sammeln. Ich ballte die Fäuste und startete dann den Wagen. Seinen Wagen. Er war ein Geschenk gewesen. Vermutlich lief das Auto ebenfalls auf seinen Namen und er konnte es mir mit einem Fingerschnippen wegnehmen.

Ich schluckte, drehte das Radio so laut, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr hören konnte, und machte mich auf den Weg. Mit einer brüllenden Taylor Swift fuhr ich quer durch Eastwood. Ungläubige Blicke folgten mir, und ich drehte automatisch die Musik leiser, um nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf mich zu lenken.

Ich parkte an der Straße, direkt vor der großen Fensterfront des Restaurants, und riss die Autotür auf.

Ein Hupen ertönte. Ich schrie auf, zog hastig die Tür zu und ein Wagen schoss mit wildem Dröhnen und einem wackeligen Schlenker an mir vorbei.

Ich zitterte vor Schreck und legte mir eine Hand auf die Brust.

Beim nächsten Aussteigen warf ich vorher einen Blick in den Seitenspiegel, um nach weiteren Verkehrsteilnehmern Ausschau zu halten. Erst als ich sicher war, keinen Unfall zu verursachen, trat ich auf die Straße, umrundete das Auto und lief zum Restaurant.

Mr Stewards würde mir helfen können. Das musste er.

Der Anwalt meiner verstorbenen Großmutter saß be- reits an dem Tisch und erhob sich wie ein Gentleman, als ich auf ihn zukam. Sein Händedruck war warm und fest. Er trug sein weißes Haar etwas kürzer und auch sein grauer Schnäuzer war frisch gestutzt. »Was verschafft mir die Ehre eines gemeinsamen Essens?«

»Es geht um meinen Ex-Freund.« Ich setzte mich ihm gegenüber hin und riss mich so lange zusammen, wie die Bedienung brauchte, um unsere Bestellungen aufzunehmen, bevor ich Frederics Unterlagen aus meiner Tasche holte. Ruhe breitete sich in mir aus, während ich Mr Stewards alles erzählte. Der ältere Herr hatte eine Ausstrahlung, die mich erdete.

Er nickte, stellte Fragen und las sich die Dokumente genau durch. Dann hob er seinen Blick und seine Miene zeigte Bedauern. »Leider scheint Ihr ehemaliger Freund tatsächlich Eigentümer des Hauses zu sein. Wir können vor Gericht ziehen, aber ich muss ehrlich zu Ihnen sein – das ist nicht sehr Erfolg versprechend.«

Mir entglitten alle Gesichtszüge. »Nein …«

»Gibt es Kontoauszüge, die belegen, dass Sie diese Zahlungen geleistet haben?«

»Natürlich.« Ich kramte mein Handy heraus und öffnete die Banking-App, in der ich die Kontoauszüge anklickte. »Hier. Da ist die letzte Rate.«

Er warf einen Blick darauf, nickte und stockte dann. »Hatten Sie ein gemeinsames Konto oder ist das Ihr eigenes?«

»Unser gemeinsames«, flüsterte ich und wusste in diesem Moment, dass ich verloren hatte. Tränen strömten aus meinen Augen, und ich stieß ein Schluchzen aus, das so gewaltig war, dass es meinen gesamten Körper zittern ließ.

Mr Stewards erhob sich, trat um den Tisch herum und legte mir die Arme um die Schultern.

»Ich bin so dumm«, stieß ich aus und wurde erneut von einem Schluchzer geschüttelt. »Er hat mich reingelegt!«

Der Anwalt sagte nichts, sondern strich mir nur beruhigend über den Rücken.

Ich brauchte eine Ewigkeit, um die Fassung zurückzuerlangen. Erst als ich mir nicht mehr so vorkam wie eine Ertrinkende an Land, strich ich meine Bluse glatt und dankte dem Anwalt mit einem Lächeln, das so viel selbstbewusster war, als ich mich fühlte.

Ich ging zu den Toiletten, richtete das ruinierte Make-up und straffte die Schultern. Frederic konnte doch nicht ernsthaft erwarten, dass er mir so eine Neuigkeit an den Kopf knallte und ich es einfach so hinnehmen würde. Mein grimmiger Blick traf mich durch den Spiegel, und trotz der geröteten Augen und der blassen Wangen sah ich keine Versagerin in der Spiegelung. Ich würde mich unter keinen Umständen von ihm brechen lassen. Auch wenn es jetzt aussichtslos schien, gab es doch sicher noch einen Ausweg. Es musste einfach einen geben.

Schnell checkte ich unser gemeinsames Bankkonto und überwies die Hälfte auf mein eigenes Konto. Glücklicherweise hatte ich wenigstens darauf bestanden, es zu behalten, statt alles zusammenzulegen.

Als ich zurückkam, betrachtete Mr Stewards mich beunruhigt. »Geht es Ihnen besser?«

»Ja, viel besser. Danke.« Mein Lächeln wankte nicht, obwohl meine Wangen heiß von dem Gedanken wurden, dass ich hier gerade mitten in diesem schicken Restaurant einen kleinen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Das war der Grund, weshalb ich weder nach rechts und links schaute, auch wenn die neugierigen Blicke unserer Tischnachbarn auf meiner Haut brannten.

Mr Stewards schien mich zu durchschauen, denn um seine Augen bildeten sich kleine Fältchen. »Ich werde mir in der Kanzlei alles noch einmal in Ruhe ansehen. Aber ich befürchte, dass dieser Fall recht eindeutig ist.«

Ich nickte langsam, denn diese Tatsache wurde mir ebenfalls bewusst. Frederic hatte von Anfang an geplant, mich zu überlisten. Er stand allein im Kaufvertrag. Der Kredit lief über ihn und die Raten wurden von unserem gemeinsamen Konto abgebucht.

Ich hatte mich auf Frederic verlassen, all mein Vertrauen in ihn gesteckt und war sicher gewesen, dass er nur das Beste für mich wollte. Wir kannten uns seit der Highschool. Er war mein Abschlussball-Date, und wir hatten schon darüber geredet, zu heiraten.

Wir galten sogar inoffiziell als verlobt!

Ich zuckte zusammen, als der Kellner auftauchte und die Meeresfrüchte brachte. Irgendwie rang ich mir ein Lächeln ab und bat darum, das Mittagessen doch zum Mitnehmen einzupacken, bevor ich darauf bestand, für alles zu bezahlen.

Mr Stewards wehrte sich nur kurz dagegen, weil er sicher wusste, dass ich knapp vor einem richtigen Nervenzusammenbruch stand und das einzig Hilfreiche für mich die Illusion von Kontrolle war.

Dabei leuchtete in meinem Kopf die ganze Zeit eine Leuchtreklame mit dem Wort IDIOTIN.

Wie hatte ich es nur so weit kommen lassen können?

 

 

»Ich bringe ihn um«, waren Hazels erste Worte, nachdem ich ihr am selben Abend von Frederics Betrug berichtete.

Sie stand hinter der Bar des Red Chili und sah aus, als würde sie das Glas, das sie gerade polierte, zertrümmern wollen. Dafür liebte ich meine Pflegeschwester. Sie war echt, und man wusste immer, woran man bei ihr war. Um uns herum war es laut, weil eine Gruppe von Collegestudenten feierte. Normalerweise nervte mich so ein Geräuschpegel, doch heute genoss ich die Intimität, die ihr Lärm verursachte. Niemand achtete auf unser Gespräch, während ich auf dem alten Barhocker saß und zu Hazel hinter die Bar blickte. Sie war seit ein paar Wochen hier fest angestellt, nachdem sie beschlossen hatte, in Eastwood zu bleiben. Zwar hatte ich zuvor einige Vorbehalte gegen dieses Lokal gehabt, aber ich arrangierte mich so langsam damit. Natürlich war es noch immer irritierend, dass sich der Fast-Food-Laden vom Tag am Abend wie eine Bar anfühlte. Das Mobiliar war abgegriffen und die rote Wandfarbe ausgeblichen. Zwar versuchte Joe, der Besitzer, alles durch ein paar hübsche Hängelampen und Blumen auf den Tischen aufzuwerten, aber meiner Meinung nach war hier nichts mehr zu retten.

Doch die Menschen liebten diesen Laden und Hazel arbeitete gerne hier.

Ich schlürfte an dem superleckeren Cocktail, den sie für mich gemixt hatte, und spürte Wärme in mir aufsteigen, die so langsam all die Wut in mir verdrängte. »Wenn jemand dran glauben sollte, bin es ja wohl ich. Die dümmste Kuh auf Erden.«

Hazel polierte mit zusammengebissenen Zähnen weiter. Ihr braunes Haar hatte sie zu einem perfekten, unordentlichen Dutt hochgedreht. Etwas, das ich noch nie hinbekommen hatte. Bei mir sahen Dutts immer streng aus. »Du warst leichtgläubig, und ich muss gestehen, das setzt meinem Schock noch mal ein Krönchen auf. Aber was ich nicht verstehe – wer hat diese Verträge aufgesetzt? Haben die alle nicht gewusst, dass du das Haus kaufen willst?«

»Der Notar ist Frederics Onkel. Der Typ von der Bank ist sein Schwager.« Langsam setzte die Scham ein. »Kein Wunder, dass er so gedrängt hat, die Unterlagen dort alle anfertigen zu lassen.«

»Aber hast du dir die gar nicht durchgelesen? Ich meine – Amber, du bist doch sonst nicht so!« Hazel versuchte vermutlich, nicht vorwurfsvoll zu klingen, scheiterte allerdings maßlos.

»Doch. Er hat mir vorher die ganzen Blankoverträge gegeben und mich unterschreiben lassen. Weil Lauren auf einmal Druck gemacht hat. Sie wollte überraschend auf Weltreise gehen und brauchte das Geld auf der Stelle. Deshalb hat Frederic alles innerhalb weniger Tage in die Wege geleitet.« Meine Kehle wollte sich zusammenschnüren und Tränen brannten mir in den Augen. Schnell nahm ich einen großen Schluck und spürte, wie der Alkohol den Schmerz kurz trübte. Wie armselig von mir!

»Lauren, dieses Miststück«, zischte Hazel und schien schon wieder ein Glas zerschmettern zu wollen. Sie hatte am meisten unter unserer Pflegemutter gelitten. Etwas, das mir erst kürzlich klar geworden war. Dafür würde ich mich vermutlich ewig schuldig fühlen.

Doch glücklicherweise waren wir sie für immer los, was uns Pflegegeschwister noch ein wenig mehr zusammengeschweißt hatte.

»Vergiss sie«, bat ich und sog mit meinem Strohhalm den Rest des Glases leer, bevor ich es ihr wieder zuschob. »Kümmere dich bitte um das hier.«

Sie hob eine Augenbraue, betrachtete meine mitleiderregende Gestalt und machte sich dann mit einem ergebenen Seufzen an die Arbeit. »Denkst du wirklich, dass Mr Stewards kein Schlupfloch findet?«

»Er wollte sich die Unterlagen noch einmal genau ansehen. Aber er war ziemlich sicher, dass da nichts zu machen ist. Bestimmt könnte ich vor Gericht ziehen. Nur habe ich keine Beweise, dass Frederic mich reingelegt hat.«

»So ein Mistkerl! Dabei hat er dieses verflixte Haus nicht einmal nötig!« Hazel goss einen Schuss weniger Rum in das Glas als vorher, was mir sofort auffiel, ich allerdings nicht kommentierte. »Warum hat er das überhaupt getan?«

»Weil er ein selbstgefälliger Arsch ist, der alles unter Kontrolle haben will. Sicher hat er seine Chance gewittert, mich so für immer an ihn zu ketten.« Allein bei dem Gedanken daran, wie oft er mich vielleicht sonst noch betrogen haben könnte, wurde mir übel. Ganz bestimmt war Angela nicht seine erste Affäre. Angela, mit der ich aufgewachsen war und die ich zu meinen besten Freundinnen gezählt hatte. »Allein die Vorstellung, dass er –«

»Quäl dich bitte nicht damit«, unterbrach Hazel mich sofort und legte ihre Hand auf meine. Ihre braunen Augen waren unerbittlich. »Er hat dich wie Dreck behandelt. Lass nicht zu, dass du dich wie Dreck fühlst. Du hast etwas Besseres verdient als diesen Vorstadtfuzzi.«

»Er war immer genau das, was ich wollte«, platzte es aus mir heraus, und ich zog das Glas an mich, das bisher einsam zwischen uns gestanden hatte.

Hazel schüttelte ihren Kopf. »Vielleicht symbolisierte er einfach nur das, was du brauchtest.«

Ich rümpfte die Nase und zog an dem Strohhalm.

»Stabilität. Er hat dich in ein Leben geführt, das scheinbar stabil war, und du hast dich dem angepasst.«

»Angepasst.« Ich spuckte dieses Wort aus, als wäre es eine Beleidigung. »Ich habe alles getan, um das zu sein, was er wollte. Doch selbst das war nicht genug.« Mein Blick glitt ins Leere, während ich an all die Male dachte, in denen ich mich verbogen hatte, kleine Spitzen seinerseits hinnahm, wenn ihm meine Art zu lachen, zu argumentieren oder gar mein finsterer Blick auf andere nicht passten. Ich hatte all diese Dinge abgespeichert und mir vorgenommen, sie beim nächsten Mal zu vermeiden, um ihn nicht zu verärgern. Weil ich eine gute, gefällige Freundin sein wollte.

Ich war so dumm.

»Warte mal«, stieß Hazel aus und beugte sich nachdenklich zu mir vor. »Du hast keine Beweise für seinen Betrug. Aber was ist, wenn er es zugeben würde?«

»Wieso sollte er das tun?«, fragte ich, den Strohhalm noch an meinen Lippen.

»Weil du sein Spiel mitspielst.« Langsam hoben sich ihre Mundwinkel. »Wir könnten ihm eine Falle stellen. Wenn du erst mal den Beweis hast, dass er das alles geplant hat, hättest du eine Chance.«

Ich lehnte mich langsam zurück und starrte Hazel an. Entweder war sie ein Genie oder verrückt. Vielleicht ja beides. »Das könnte klappen. Frederic liebt es, anderen seine Siege unter die Nase zu reiben. Ich müsste nur so tun, als würde ich –« Meine Stimme versagte und mir wurde schlecht. Allein der Gedanke, ihn in der Nähe zu haben, in Kombination mit all den Cocktails, ließ meinen Magen bedrohlich grummeln.

»Ab jetzt gibt es nur noch Wasser.« Hazel deutete mit dem Finger auf mich. »Wag es nicht zu kotzen. Ich hole dir was zu essen.«

Ich verzog die Lippen und schob den Cocktail wieder von mir. Während Hazel in der Küche verschwand, beobachtete ich ihre Kollegin, die im Akkord Bestellungen abarbeitete und sicher genervt davon war, dass Hazel sich so auf mich konzentrierte.

Es war einiges im Laden los. Dennoch zog Hazel mich vor. So war sie einfach. Wir hatten uns so sehr zerstritten und beinahe gehasst. Trotzdem war sie beim ersten Anzeichen, dass etwas in meinem Leben schieflief, zu mir geeilt.

Dabei war sie diejenige gewesen, die eine helfende Hand hätte gebrauchen können.

Ich war so ein beschissener Mensch.

Niemals würde ich wiedergutmachen können, was früher passiert war, doch ich konnte Hazel jetzt eine gute Schwester sein – auch wenn wir nicht blutsverwandt waren.

Nebenbei musste ich noch irgendwie meinen Ex-Freund reinlegen. Das würde ich schaffen. Er hatte mich all die Jahre getäuscht. Wieso sollte ich jetzt Hemmungen haben, ihm das heimzuzahlen?

2Amber

»Was ist eigentlich nicht richtig bei dir?«

Natürlich hatte ich recht gehabt und war am nächsten Morgen mit höllischen Kopfschmerzen aufgewacht. Aber selbst wenn ich nach einem Cocktail aufgehört hätte, wäre es auf dasselbe hinausgelaufen, weil ich schlichtweg keinen Alkohol vertrug.

Frederic hatte stets behauptet, dass betrunkene Frauen geschmacklos wären, weshalb ich mich immer auf nur einen Champagner beschränkt hatte. Allein bei dem Gedanken daran, wie sehr ich mich von ihm hatte leiten lassen, verstärkte sich das Pochen hinter meinen Schläfen noch.

Ich tastete nach dem Handy und kniff die Augen zusammen, weil ich gestern Nacht die Vorhänge nicht zugezogen hatte und mir jetzt ungehindert die Morgensonne ins Gesicht schien.

Blinzelnd starrte ich auf das Handydisplay und entdeckte eine Nachricht von Frederic.

Wie oft er sich seit der Enthüllung seines Betrugs gemeldet hatte, konnte ich an einer Hand abzählen. Obwohl ich am liebsten nie wieder ein Wort mit ihm sprechen wollte, verletzte es mein Ego trotzdem, wie wenig Mühe er sich gab, mich zurückzugewinnen.

Ich hatte Frederic geliebt. Ehrlich und echt. Das zwischen uns sollte für immer halten.

Aber jetzt, da seine fein säuberliche Fassade eines leicht arroganten und doch charmanten Gentlemans abgeplatzt war, konnte nichts auf der Welt mehr ändern, wie angewidert ich von ihm war. Allein die Vorstellung, dass er während seiner Geschäftsreisen mit einer anderen Frau geschlafen haben könnte und mir bei jeder Rückkehr einen Kuss gegeben hatte, ließ Galle in meinem Hals aufsteigen.

Einen Moment lang erwog ich, seine Nachricht zu löschen. Dann siegte meine Neugier. Nach dem Gespräch mit Hazel hatte mich dieser verrückte Plan, ihm eine Falle zu stellen, nicht mehr losgelassen.

Deshalb hatte ich ihm geschrieben:

Du hast eine Chance, dich zu erklären.

Zu etwas Netterem hatte ich mich nicht herablassen können.

Heute Abend ist ein Firmenevent. Sei meine Begleitung. Danach reden wir. Zieh etwas Schickes an.

Seine selbstgefällige Antwort brachte mich fast dazu, ihm ein Foto von einem Pavianhintern zu senden.

Stattdessen atmete ich tief durch.

Ein Firmenevent. Klar. Er wollte den Menschen weiter das Bild des perfekten Paares vorspielen. Auch wenn sie sicher alle längst wussten, dass ich ihn rausgeworfen hatte.

Schon der Gedanke, dort aufzutauchen und so tun zu müssen, als hätte ich ihm seinen Betrug verziehen, ließ meinen Magen zu einem Stein werden.

Alles in mir wehrte sich dagegen, und einen Moment lang war ich versucht, ihm abzusagen.

Aber was war schon mein Ego im Gegensatz zu den Zehntausenden Dollar und dem Haus, um das er mich betrogen hatte?

Ich legte mein Handy zur Seite und stand auf. Es war kurz vor Mittag und es gab einiges für mich zu tun. Auch wenn ich nun arbeitslos war – da es außer Frage stand, weiterhin für Frederic tätig zu sein.

Direkt nach dem College war ich als Sekretärin in der Firma seines Vaters eingestiegen und hatte seitdem dort gearbeitet.

Doch jetzt hatte ich ein neues Ziel: das Hotel leiten, das unsere verstorbene Pflegeoma Betty mir und meinen Pflegegeschwistern vererbt hatte. Sie hatte das Erbe an die Bedingung geknüpft, dass wir es alle gemeinsam renovieren mussten. Dadurch hatte sie es geschafft, uns wieder zusammenzubringen. Im Laufe der Arbeiten war mir klar geworden, dass dieses Hotel meine Chance auf einen Neubeginn war.

Allein bei dem Gedanken daran hob sich meine Laune, nur um schlagartig wieder in den Keller zu fallen.

Ich hatte keine Ahnung von Hotels. Deshalb war mein Plan gewesen, nebenbei Hotelmanagement im Fernstudium zu belegen, und dafür wollte ich eine Hypothek auf das Haus aufnehmen. Ich hatte schon versucht, mich für ein paar Stipendien zu bewerben, aber ohne Erfolg.

Meine Hände zitterten bei der Vorstellung, dass ich all das verlieren könnte. Es wäre doch Wahnsinn, ein Hotel zu leiten, wenn man keine Ahnung hatte, wie man es führte.

Ich drückte meine Hand gegen die Brust, um die aufsteigende Panik zu vertreiben, und lief in die Küche. Dort stellte ich mir einen Cappuccino an.

Danach klemmte ich mir meinen Laptop unter den Arm und ging auf die Terrasse, auf der es von der Frühlingssonne wohlig warm war.

Einen Moment lang betrachtete ich den gepflegten Rasen, die perfekt gestutzten Sträucher und den kleinen Teich, den Frederic hatte anlegen lassen. Alles war geradlinig und makellos aufeinander abgestimmt. Selbst das schlichte Baumhaus aus unserer Kindheit hatte einen neuen Anstrich erhalten, sodass es sich perfekt in die Umgebung einfügte. Für unsere zukünftigen Kinder …

Das Haus hatten wir gemeinsam renoviert, und natürlich hatte er ebenfalls Geld investiert, aber das rechtfertigte keinesfalls die Tatsache, dass er mir meins gestohlen hatte.

Ich schüttelte die aufsteigende Wut ab und machte mich daran, die Rechnungen von unserem Baukonto zu bezahlen, die Sam mir weitergeleitet hatte. Er war ein Kumpel von meinem Pflegebruder Derek und außerdem unser Bauleiter.

Da wir das Hotel in Eigenregie renovierten und uns nicht viel Geld zur Verfügung stand, mussten wir gut haushalten. Dafür sorgte ich.

Hazel wiederum schaffte es immer, die günstigsten Schnäppchen aufzustöbern, und Derek war als Tischler für dieses Projekt unbezahlbar.

Mein anderer Pflegebruder Ryan hingegen war derjenige, der das meiste Geld investiert hatte.

Wir waren zwar alle keine Blutsverwandten, aber sie waren die beste Familie, die ich mir nur wünschen konnte.

Deshalb durfte ich ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Sie ermöglichten mir, das Hotel zu leiten, und ich würde diese Chance auf keinen Fall in den Sand setzen. Dafür brauchte ich dieses Studium.

Ich würde Frederic mit seinen eigenen hinterlistigen Waffen schlagen, um zu bekommen, was ich wollte.

Für dieses Ziel würde ich meine Seele dem Teufel eine Nacht lang leihen, auch wenn es bedeutete, meinem betrügerischen Ex vorzumachen, ich könnte zu ihm zurückkommen.

 

 

»Du siehst fantastisch aus, Darling.« Frederic hauchte mir einen Kuss auf die Wange und ich ließ es aus Gewohnheit geschehen. Sein Blick wanderte über mein dunkelblaues Etuikleid, zu dem ich Perlenschmuck und weiße Pumps kombiniert hatte. Seine Mundwinkel hoben sich zufrieden. »Es freut mich, dass du dich entschlossen hast, mich zu begleiten.«

Ich lächelte unverbindlich und verdrehte innerlich die Augen. »Was ist das für ein Event?«

Er führte mich auf die Terrasse eines schicken Fünf-Sterne-Restaurants, das am Wood Lake lag. Die untergehende Sonne glitzerte golden auf dem Wasser und ließ mich blinzeln. Dahinter erhoben sich riesige Bäume in Richtung Himmel, deren sattgrüne Baumkronen im sanften Wind hin und her wogten. Von hier aus schien der Wald endlos, als wären wir am Rande der Welt angekommen, hinter dem sich nur noch reine Natur befand. Frederics Firma hatte eigens einen kleinen Veranstaltungsraum hier angemietet, damit die Gesellschaft weitestgehend ungestört war.

Ich beobachtete die anderen Gäste, die durch den Haupteingang in das Gebäude traten, während wir im hinteren Teil die langsam eintrudelnde Gesellschaft begrüßten. Da Frederic zu der Geschäftsführung gehörte, waren wir die Ersten gewesen, die hier eingetroffen waren.

Frederic ignorierte die kühle Distanziertheit in meiner Stimme. »Nur ein nettes Zusammensein mit ein paar Geschäftspartnern.«

Daher wehte also der Wind. Bei diesen Veranstaltungen war meist nur die Geschäftsführung zugegen. Somit war keiner meiner ehemaligen Arbeitskollegen anwesend, die sich bestimmt das Maul über uns zerrissen hätten.

»Bitte benimm dich.«

Seine Rüge für mein geringes Entgegenkommen traf bei mir einen Nerv, und am liebsten hätte ich ihm den Aperitif ins Gesicht geschüttet, der mir beim Betreten des Restaurants gereicht worden war. Ohne eine Antwort zu erwarten, schob er mich in Richtung eines Geschäftspartners, den ich bei der letzten Weihnachtsfeier kennengelernt hatte.

In dem Moment, in dem wir Hallo sagten, schien es, als würde sich bei mir ein Schalter umlegen. Mein Lächeln wurde weicher, die Haltung offener, und während Frederic seinen Mandanten begrüßte, machte ich seiner Frau ein Kompliment zu ihrem Kleid.

Wie auf Autopilot erzählte ich von den Vorbereitungen für das diesjährige Eastwood-Sommerfest, in dessen Komitee ich war, und lud sie herzlich ein, dieses zu besuchen. Dabei ließ ich unerwähnt, dass ich mich in den letzten Wochen völlig daraus zurückgezogen hatte, weil ich es nicht ertragen konnte, meine Freunde zu sehen, die mich alle kalblütig hintergangen hatten.

Ich lächelte und plauderte, genauso wie Frederic es erwartete.

Der Abend zog rasend schnell und zugleich unerträglich langsam an mir vorbei. Jede Faser meines Seins widerte es an, neben ihm zu stehen. Doch gleichzeitig genoss ich die Gespräche und das Gefühl, einen Teil meines Lebens zurückzubekommen. Ich fühlte mich für wenige Stunden wie die Amber, die ich vermisste. Die Amber, die einen Raum durch ihre Anwesenheit dominieren konnte und sich nicht wünschte, den Abend zu Hause verbringen zu dürfen.

Frederic legte seine Hand auf meinen Rücken, während er sich nach dem letzten Gang zurücklehnte und über irgendeinen Witz lachte, den jemand erzählt hatte.

Ich versteifte mich und musste mich zusammenreißen, um nicht angewidert aufzuspringen. Den ganzen Abend schon suchte er meine Nähe, streifte wie zufällig meine Hand, berührte mich und lächelte, als würde ich ihm etwas bedeuten.

Dabei wollte ich innerlich nichts anderes, als ihn zu ohrfeigen.

Aber mein Lächeln blieb standhaft.

Während einer Pause zwischen den Gängen setzte sich sein Großvater neben uns und legte seine Hand auf meine. »Amber, ich hoffe, es geht dir langsam besser.«

Mr Richardson war ein groß gewachsener, schlanker Mann. Sein graues Haar machte ihn attraktiver, und er trug stets einen Ausdruck von leichter Überheblichkeit auf den geschürzten Lippen. Doch nicht dann, wenn er mit mir sprach. Er mochte mich und machte draus keinen Hehl. Und plötzlich wurde mir bewusst, was der Grund für Frederics Einladung war. Sein Großvater schätzte mich und hatte schon mehrmals erwähnt, dass er Frederic erst ernst hatte nehmen können, nachdem er sah, was für eine gute Wahl er bei seiner Partnerin getroffen hatte.

»Mir geht es gut. Danke.« Ich erwiderte sein Lächeln, aus Gewohnheit und weil ich ihn ebenfalls mochte. Trotz seiner Strenge war er immer gut zu mir gewesen. Als potenzieller Schwiegergroßvater, aber auch als Arbeitgeber. Die Vorstellung, er könnte wissen, dass ich Frederics Sachen in unserem Vorgarten verteilt hatte, ließ mich leicht erröten.

»Wundervoll. Frederic hatte angedeutet«, nun wurde seine Stimme leiser und sein Griff um meine Hand ein wenig fester, »du würdest seit dem Tod deiner Großmutter etwas straucheln. Ich wollte dir nur sagen, dass deine Auszeit so lange gehen darf, wie du es für nötig hältst.« Ohne eine Antwort abzuwarten, drückte er meine Hand und mischte sich wieder unter die Menge.

Mit offenem Mund starrte ich ihm hinterher, bevor ich mich zu Frederic umwandte, der so tat, als wäre er in ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn vertieft. Dabei war ich mir sicher, dass er jedes Wort gehört hatte.

Hatte er etwa erzählt, ich wäre durchgedreht?

Und was war mit meiner Kündigung? Sein Großvater müsste doch spätestens dann die Wahrheit erfahren haben!

Es dauerte zwei geschlagene Stunden, bis wir uns endlich verabschieden konnten. Erst kurz vor ein Uhr stiegen wir in Frederics Wagen.

Ich zog sofort das Handy aus der Handtasche und öffnete eine Sprachnachricht an Hazel. Dann platzierte ich es so auf dem Schoß, dass die Tasche es verdeckte. »Ich habe meinen Teil der Abmachung erfüllt. Dieser Abend in Austausch für ein Gespräch.«

»War das nicht ein netter Abend?«, fragte Frederic und fuhr vom Parkplatz. »Du musst doch zugeben, dass wir ein gutes Paar abgeben.«

»Du hast mir mein Haus gestohlen«, erwiderte ich gepresst.

»Nein. Ich habe mich um die Verträge gekümmert. Wir haben das Haus gekauft und wollten es abbezahlen.«

»Nur, dass du es so gedreht hast, dass dir am Ende alles gehört.« Mein Herz klopfte hart gegen meine Rippen.

»Das war eine gemeinsame Sache. Mit unserer Eheschließung gehört uns alles zusammen.« Dieser verdammte Mistkerl umging einfach eine direkte Antwort!

»Warum hast du dich als alleinigen Käufer in den Notarvertrag eintragen lassen?«

»Wieso reitest du so auf Kleinigkeiten herum? Wir wollten es gemeinsam kaufen. Es ist doch egal, wer irgendwo drinsteht. Wichtig ist nur –«

»Mir ist es wichtig! Warum hast du mir das angetan?«

Frederic seufzte schwer und schüttelte den Kopf, als würde es keinen Sinn haben, mit mir zu sprechen. Es war, als würde er die Wahrheit nicht aussprechen wollen.

»Warum hast du mit Angela geschlafen?«

»Es war ein Ausrutscher. Ich habe mich bereits dafür entschuldigt. Wir sollten wirklich in die Zukunft blicken«, erwiderte er hörbar genervt.

Mein Puls verdreifachte sich. »Ist das dein Ernst?«

»Wieso musst du so emotional werden?« Er fuhr in den Black Bridge Forest, der die Kleinstadt Eastwood von Westwood trennte. Dunkle Laubbäume drängten sich an der Straße, und ihre Kronen schluckten jegliches Mondlicht, weshalb nur die Scheinwerfer vor uns ein Stück weit den Weg erhellten. »Es war ein Ausrutscher.«

»Ich glaube dir kein Wort«, zischte ich.

»Amber, bitte. Denk doch einfach darüber nach. Wir beide sind so ein ansehnliches Paar. Die Menschen lieben uns gemeinsam.«

Fassungslos starrte ich ihn an. »Was ist eigentlich nicht richtig bei dir?«

Er schnaubte, während er über die alte Black Bridge fuhr und dafür ein wenig vom Gas ging.

Mein Blick fiel auf das Handy, auf dem noch immer die Sprachnachricht aufgezeichnet wurde. Ich räusperte mich. »Und wenn wir heiraten, wird das Haus dann uns gehören?«

»Natürlich wird es das«, erwiderte er wohlwollend. »Alles wird dann geteilt.«

»Und jetzt gehört das Haus dir.«

»Laut dem Vertrag«, gab er zu.

»Wieso sollte denn jemand glauben, dass du das Haus kaufen würdest, wenn ich doch darin aufgewachsen bin?«

»Weil ich Geschäftsführer bin und du Sekretärin. Mal ehrlich. Es war einfacher für mich, einen Kredit zu bekommen, als für dich.«

Ich schnappte nach Luft. »Also hast du mir einen Gefallen getan?«

»Richtig.« Er fuhr aus dem Wald, nach Eastwood hinein. Altmodische Laternen spendeten gelbliches Licht, und um diese Uhrzeit wirkte die hübsche Kleinstadt wie ausgestorben.

»Gib doch einfach zu, dass du mich reingelegt hast! Du hast mir Blankoverträge gegeben, damit ich sie unterschreibe und glaube, ich würde ein Haus kaufen! Ich habe die letzten Jahre jeden Penny in dieses Haus gesteckt!«

»Heirate mich, dann bekommst du es zurück«, erwiderte Frederic emotionslos.

Mir entfuhr ein wütender Schrei. »Du Scheißkerl! Halt sofort an!«

Ich umklammerte meine Tasche und war kurz davor, sie ihm mit voller Wucht gegen den Kopf zu knallen. Dieser verfluchte Mistkerl würde niemals zugeben, dass er mich reingelegt hatte, weil er vermutlich selbst glaubte, mir einen Gefallen getan zu haben!

»Mach dich nicht lächerlich. Wir sind gleich da.«

»Halt an!«, brüllte ich lauter und zitterte vor Wut.

Frederic hielt angesichts des Wutgebrülls an und schaute mich mit erhobenen Augenbrauen an. »Melde dich am besten, wenn du dich wieder beruhigt hast.«

Ich knurrte, öffnete den Gurt und schnappte mir meine Sachen, bevor ich aus dem Auto floh.

Frederic fuhr los, kaum dass ich die Tür hinter mir zugeschlagen hatte – vermutlich aus Angst, dass ich seine geliebte Limousine treten könnte.

Mit der Faust umklammerte ich mein Handy und schickte die Sprachnachricht an Hazel, bevor ich weiterlief und so laut schnaufte, dass es total lächerlich klang.

Ich wollte auf etwas einschlagen und zugleich ließ Fassungslosigkeit meine Schritte wacklig werden.

Ich hasste ihn so sehr! Dieser elendige Betrüger hatte mir das Haus gestohlen! Und das Schlimmste daran war, dass er vermutlich sogar damit durchkommen würde.

Mit wütendem Stechschritt lief ich durch Eastwoods Innenstadt. Vorbei an geschlossenen Läden, einem verwaisten Park und der imposanten Kirche, die den Mittelpunkt der Stadt bildete.

Wut vernebelte meine Gedanken und ich konnte mich kaum beruhigen, denn in meinem Kopf spielten sich all die letzten Jahre ab – all die Zeit, die ich vergeudet hatte!

Mein Handy vibrierte und ich nahm Hazels Anruf umgehend an. »Hast du es gehört?«

»Wo bist du gerade?« Im Hintergrund hörte ich Musik und Lachen.

»Beim Park.« Mein Blick wanderte über das Gelände, das in Dunkelheit gehüllt war, und auf dem ich noch grob die Umrisse des Brunnens und eines Spielplatzes ausmachen konnte.

»Warte dort. Ich bin im Joanas und gleich bei dir.«

»Nein. Ich komme zu dir!« Mit demselben wütenden Schritt lief ich in Richtung der kleinen Kneipe, die sich am entgegengesetzten Ende der Innenstadt befand. »Ich will Dart spielen oder irgendwas, das mich auf andere Gedanken bringt!«

»Du klingst, als würdest du die Einrichtung auseinandernehmen, wenn du herkommst.« Selbst durch das Telefon hörte ich ihr Lächeln. »Wenn du willst, wartet hier ein Bier auf dich.«

»Ich will einen Burger«, erwiderte ich und legte auf. Mein Magen knurrte, weil ich nur winzige Bissen von dem Essen zu mir genommen hatte – da sich mein Bauch sonst zu sehr aufblähte! Was war ich nur für eine blödsinnige Kuh, mir solche Gedanken zu machen!

Als ich das Joanas erreichte, hörte man schon von draußen leise Musik und Stimmengewirr. Hinter der Tür schlug mir der Geruch von Bier und Frittierfett entgegen. Gedämpftes Licht drang aus dem Inneren und dunkle Holzvertäfelung dominierte den lang gezogenen Raum, der nur aus Stehtischen und einer großen Bar zu bestehen schien.

Ich kannte die meisten Anwesenden schon seit meiner Kindheit und grüßte sie knapp, bevor ich zu der Ecke ging, in der sich die Dartscheibe und ein paar Stehtische befanden. Hazel lieferte sich hier mit unserem Pflegebruder Derek, der zugleich ihr Freund war, ein Turnier. Sie gewann jedes Mal, was ihn aber nicht daran hinderte, sie immer aufs Neue herauszufordern.

Ich begrüßte die beiden mit einer Umarmung. Zum Glück waren sie heute zu zweit hier. Mehr Menschen hätte ich nicht ertragen.

Zumal ich all die Blicke spürte, mit denen alle anderen Gäste mein dunkelblaues Etuikleid, die hohen Schuhe und das aufwendige Make-up musterten. Hier in dieser Bar fiel ich mit meinem Outfit auf wie eine Discokugel am Tannenbaum. Aber ich scherte mich nicht um die Meinung der anderen. Seit Frederics Betrug, woraufhin ich all seine Sachen auf dem Rasen vor dem Haus verteilt hatte, wurde sowieso regelmäßig getratscht.

Hazel schob mir einen Teller entgegen, als ich mich auf dem Hocker am Stehtisch niederließ. »Ich habe einen vegetarischen bestellt.«

Herzhaft biss ich hinein. »Danke.«

Derek lachte neben mir, und als ich ihm einen finsteren Blick zuwarf, grinste er nur. Wie immer sah er aus, als käme er gerade direkt aus seiner Tischlerei. Unordentliches, dunkles Haar, Holzfällerhemd und verwaschene Jeans. Er war der ehrlichste und bodenständigste Kerl, den ich kannte. »Dass du mal mit vollem Mund reden würdest.«

Mein Lachen klang gepresst. »Hast du die Sprachnachricht auch gehört?«

Sofort verfinsterte sich sein Blick. »Dieser Dreckskerl glaubt seine beschissenen Lügen vermutlich auch noch. Er wird niemals zugeben, dass er dich reingelegt hat.«

Ich biss erneut in den Burger und nickte nur, denn dazu gab es nichts mehr zu sagen. Frederic würde die Wahrheit immer so drehen, wie sie ihm passte. Das hatte er schon früher getan. »Ich könnte dennoch vor Gericht gehen.«

»Hatte Mr Stewards nicht gesagt, dass das nicht viel bringen würde?« Hazel setzte sich neben mich auf einen Hocker und trank einen Schluck aus ihrer Bierflasche. Sie trug ihr mittellanges, braunes Haar heute in Wellen, die aussahen, als hätte sie gerade erst einen Dutt gelöst. So war Hazel. Schön, ohne sich anstrengen zu müssen.

»Hat er. Es kommt mir dennoch falsch vor, Frederic einfach damit durchkommen zu lassen.«

»Da hast du recht. Er kann nicht denken, dass er dich bestehlen kann und damit durchkommt. Wir müssen uns irgendwie an ihm rächen.«

»Wir könnten das Haus mit faulen Eiern bewerfen«, schlug Derek vor und lehnte sich an den Tisch, weil es keine freien Stühle mehr gab.

»Sind wir zehn Jahre alt?« Hazel versuchte, streng zu klingen, aber ihr Blick war dafür zu liebevoll.

Derek grinste ein bisschen mehr. »Es könnten richtig viele Eier sein.«

Ich lachte bei der Vorstellung und schüttelte den Kopf. »Ich wohne noch in dem Haus.« Schlagartig verdüsterte sich meine Miene. »Nächste Woche will er die Schlüssel haben. Ich habe keine Ahnung, wo ich hingehen soll.«

»Du kannst bei mir wohnen«, schlug Derek sofort vor, während Hazel sagte: »Bei Olivia und mir ist auch noch Platz.«

»Derek, ich will nicht auf deinem Sofa schlafen, und Hazel, das ist echt nett, aber bei euch wäre höchstens noch auf einer Luftmatratze oder ebenfalls auf dem Sofa Platz.« Ich ließ meinen Burger sinken, denn nun war mir endgültig der Appetit vergangen. »Ich muss mir noch was überlegen.«

Aus dem Augenwinkel nahm ich wahr, wie sich die Tür zur Bar öffnete, und automatisch hob ich den Kopf. Einen Wimpernschlag lang starrte ich den großen, breitschultrigen Mann mit seinem zurückgestrichenen dunkelblonden Haar nur an – und mit einem Mal schien sich die Luft in der Bar zu verändern. Als würde jemand den Sauerstoff entziehen und mich plötzlich am Atmen hindern.

Brian Donovan.

Er sah so aus wie damals – nur sehr viel heißer. Tausend Erinnerungen glühten in meinem Kopf auf, aber am prägnantesten war diejenige, die mir die Schamesröte in die Wangen schießen ließ.

»Verdammt«, flüsterte ich und glitt vom Barhocker. Gleichzeitig ließ ich Brian nicht aus den Augen, der jetzt mit einem Lachen zu einer Gruppe stieß. Er hatte mich noch nicht entdeckt. Aber die Bar war so klein, dass es unvermeidlich sein würde. Es war nur eine Frage von Minuten.

Daran hatte ich absolut kein Interesse.

»Alles klar?«, fragte Hazel und folgte meinem Blick. »Oh«, machte sie dann. Natürlich kannte sie Brian. Jeder kannte Brian. Den beliebtesten Jungen unseres Jahrgangs, Footballspieler, Lehrerliebling und Schwarm so ziemlich aller Mädchen, die ihm jemals begegnet waren.

»Ich verschwinde jetzt besser«, würgte ich heraus, tätschelte abwesend die Arme meiner Pflegegeschwister und verließ die Bar in einem möglichst normalen Tempo.

Dabei betete ich, dass er mich nicht bemerkte, und wandte mein Gesicht, so gut es ging, von ihm ab.

Schnell weg hier. Für heute reichte es mir mit den Männern aus meiner Vergangenheit.

3Amber

»Du hast doch echt einen Schaden, wenn du denkst, du könntest eine Frau mit Erpressung dazu bringen, dich zu heiraten.«

Die ganze nächste Woche suchte ich nach Möglichkeiten, das Haus doch noch behalten zu können. Ich hatte mehrere Termine mit Mr Stewards und war am Ende sogar so verzweifelt, dass ich mit Frederics Mutter telefonierte. Leider war sie eine selbstgefällige Hexe, die die Wahrheit so drehte, dass ich dankbar sein sollte, von diesem Haus und dem Schuldenberg befreit zu werden.

Egal, was ich tat – nichts half.

Genau eine Woche später, an einem sonnigen Dienstagvormittag, trat ich aus dem halb leer geräumten Haus. Bis tief in die Nacht hatten mir Hazel, Derek und sogar Ryan dabei geholfen, meine wenigen Besitztümer herauszuschaffen. Die meisten Möbel hatte Frederic gekauft, weshalb ich sie zurückließ. Ich würde ganz sicher nichts von seinen Sachen behalten, außer dem Schmuck und den Handtaschen, die einfach zu teuer gewesen waren, als dass ich sie ihm überlassen würde. Immerhin waren es Geschenke. Bestechungsgeschenke vermutlich, damit ich nicht merkte, was er hinter meinem Rücken trieb. Urgh. Vielleicht sollte ich das Ganze doch besser einfach verkaufen.

In diesem Moment steuerte Frederic mit seinem Mercedes in die Einfahrt und parkte hinter dem Auto, das ich ebenfalls zurücklassen würde, weil er es gekauft hatte.

Als er ausstieg und mich mit einem selbstgefälligen Lächeln bedachte, hätte ich am liebsten geschrien. Stattdessen hielt ich die Fassade aufrecht, reckte das Kinn, während mein Gesichtsausdruck Gleichgültigkeit ausstrahlte. Hoffte ich zumindest.

Tief in mir fühlte ich nur Schmerz über seinen Verrat und über meine eigene Dummheit. Wir waren seit der Highschool ein Paar gewesen, und selbst wenn es jetzt so schrecklich endete, änderte das nichts daran, dass ich ihn einmal geliebt hatte. Die alte Amber, tief in mir, trauerte um diesen Verlust.

Doch die neue, die genau wusste, dass ich ihm nie wieder vertrauen könnte, schaute Frederic an, als wäre er kaum mehr als ein unangenehmer Fremder.

»Du solltest es dir wirklich überlegen.« Er blieb vor mir stehen, den Blick auf das Gebäude gerichtet. »Heirate mich und behalte das Haus.«

»Du hast doch echt einen Schaden, wenn du denkst, du könntest eine Frau mit Erpressung dazu bringen, dich zu heiraten.«

»Du hast dich doch bisher auch außerordentlich gerne beschenken lassen.«

»Weil ich dachte, dass du mich liebst!« Ich presste die Worte hervor, und der Teil von mir, der ihn immer noch geliebt hatte, verschwand. All die jahrelange Liebe wandelte sich binnen Sekunden in Abscheu.

»Natürlich liebe ich dich«, erwiderte Frederic und hob eine Augenbraue.

Ich konnte ihm nicht einen Moment länger gegenüberstehen. Deshalb streckte ich ihm mit spitzen Fingern den Hausschlüssel entgegen und ließ ihn auf seine Handfläche fallen. »Viel Spaß.«

»Nun sei doch jetzt nicht so eingeschnappt.« Dieser Satz, der mich während unserer Beziehung immer wieder empfindlich getroffen hatte, prallte nun an mir ab.

Ich würdigte ihn keines weiteren Wortes, als ich an ihm vorbeiging, das Grundstück verließ und in Richtung Stadt lief. Das Haus bedeutete mir nichts mehr. Es war eine Geldanlage, und schlussendlich war es nie das Elternhaus gewesen, mit dem ich eine wunderschöne Kindheit verband. Hier war ich aufgewachsen, aber mir war gestern Abend klar geworden, dass nicht das Haus für mich Familie bedeutete – es waren meine drei Pflegegeschwister. Lauren hatte mich aufgenommen, als ich ein Kind gewesen war. Sie hatte sich um mich gekümmert und mir so etwas wie einen Rahmen geboten, einen Ort, an dem ich groß werden konnte. Was auch immer sie falsch oder richtig gemacht hatte – nichts davon würde mich länger an das Haus binden. Ich trauerte nur dem Geld nach, das ich verloren hatte. Betty hätte es Lehrgeld genannt und vermutlich dabei grimmig gelacht, weil sie Frederic sowieso nie hatte ausstehen können.

Dieser rief mir etwas hinterher, das ich aber ignorierte. Mit einem Mal fühlte es sich an, als würde ich endlich wieder Luft bekommen.

Vor meinen Augen spulten all die Erinnerungen ab, die ich mit diesem Haus verband. Die guten und die schlechten. Wie ich vor dem Haus Fahrradfahren lernte, auf der Veranda mit Hazel stritt, in dem Baumhaus im Garten heimlich mit Ryan meine erste und letzte Zigarette rauchte, in der Küche meine Hausaufgaben machte, im Wohnzimmer neben meiner Pflegemutter saß und die neuste Folge der Topmodels schaute.

Eine Menge meiner Erinnerungen beinhalteten meine Pflegemutter, die nie eine gute Mutter gewesen war. Ich hatte so viele Jahre damit verschwendet, ihr gefallen zu wollen. Genauso wie es all die Jahre auch bei Frederic gelaufen war.

Mir war derselbe Fehler zwei Mal passiert. Vielleicht würde ich nun endlich daraus lernen.

Ich hatte mich selbst aufgegeben und ihnen blind vertraut. Ab jetzt würde ich mich nur noch auf meine Geschwister und, allen voran, auf mich selbst verlassen.

 

 

»Bist du sicher, dass du hier wohnen willst?« Hazel wirkte ein bisschen verzweifelt bei dieser Frage, während sie mir dabei zusah, wie ich meine Koffer in dem einzigen Zimmer sortierte, das schon bewohnbar war – in der Suite unseres Hotels, oben unter dem Dach.

Das Hotel, das wir von unserer Pflegeoma Betty geerbt hatten, sah nach etlichen Monaten Sanierung so aus, als könnten hier tatsächlich in einigen Wochen Gäste übernachten.

Eigentlich hatten wir vorgehabt, es zu verkaufen. Doch dann war mir klar geworden, dass dieses Hotel eine Aufgabe war, die mir Freude bereiten würde.

Es war nicht das Hotel selbst, sondern die Unabhängigkeit, die mir dieser Job gewähren würde.

In all den Jahren, in denen ich als Frederics Sekretärin gearbeitet hatte, war ich nie glücklich gewesen. Ich erledigte einen Job, mit dem ich Geld verdiente, und das war lange Zeit okay gewesen, weil es mir Sicherheit verschaffte und mir Struktur verlieh.

Das Hotel zu leiten war ein Risiko. Eines, das ich nun bereit war einzugehen. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass mich nichts zurückhielt – außer mir selbst. Ich musste mir und der Welt einfach beweisen, dass ich mehr als das eingebildete Vorstadtpüppchen war, das alle in mir sehen wollten.

Wenn ich jetzt nicht dieses Wagnis einging, würde ich nie wieder so eine Chance bekommen. Mit meinen Qualifikationen würde ich vermutlich erneut in einem Job landen, der mich unglücklich machte.

Sollte ich scheitern, konnten wir das Hotel immer noch verkaufen.

Aber ich hatte mir geschworen, nicht fehlzuschlagen.

»Ja, ich bin sicher.« Ich hängte eine Jacke an den Kleiderständer, den ich gestern günstig im Baumarkt gekauft hatte.

Die Wände waren verputzt, jedoch nicht gestrichen, dafür war bereits ein heller Fußboden verlegt worden. Eine Luftmatratze lag in der Ecke gegenüber der Doppelflügeltür, hinter dem sich der Balkon befand, von dem aus man eine fantastische Aussicht auf Vermonts Wälder hatte.

Es war ein Neuanfang. Vielleicht musste er genauso aussehen. Mit einer nackten Luftmatratze und einer fantastischen Aussicht.

»Du kannst immer noch bei Olivia und mir schlafen.«

»Wieso denn? Ich habe hier Strom und Wasser. Das Badezimmer ist bereits fertig, und ich kann die Tür abschließen, wenn mich die vielen Handwerker stören.«

Wobei die meisten davon sowieso Dereks Freunde waren. Das fühlte sich nicht so an, als wäre man mit völlig Fremden unter einem Dach. Und es erwies sich auch für das Budget als recht hilfreich, denn unsere Ersparnisse gingen langsam zur Neige. Deshalb machten wir möglichst viel selbst und dankten es den Helfern mit kleinen Grillfesten am Wochenende. Frederic hätte das armselig gefunden.

Ich wischte diesen Gedanken fort. Was Frederic von meinem Leben hielt, war nicht von Belang.

Was auch immer Hazel darauf entgegnen wollte, ging in dem Klopfen an der offenen Tür unter.

Im nächsten Moment trat unser Pflegebruder Ryan in den Raum. Wie üblich trug er einen perfekt sitzenden Anzug und hielt sein Smartphone in einer seiner ausgestreckten Hände. »Schwesterchen! Hast du dich etwa endlich von dem Höllenloch befreit, in dem wir groß geworden sind?«

»Es war nicht die Hölle«, erwiderte ich automatisch und ließ mich von Ryan zur Begrüßung umarmen. Er war groß, muskulös und roch immer nach teurem Aftershave.

»War es doch«, entgegnete Hazel und umarmte Ryan ebenfalls. »Hast du mal wieder ein bisschen Zeit zwischen zwei Terminen gehabt?«

»Für meine Schwestern habe ich immer Zeit«, verkündete er ein wenig großspurig, und doch wusste ich, dass er es ernst meinte. Seine Familie ging ihm über alles.

»Na dann – willkommen in meinem neuen vorübergehenden Zuhause.« Mit einer ausschweifenden Geste deutete ich um mich herum. »Ich mache es mir noch nett.«

»Es ist fürchterlich. Zieh doch bei mir ein«, bot er sofort an. »Du weißt, dass mein Haus groß genug ist, damit wir uns sogar tagelang aus dem Weg gehen könnten.«

Mir schossen umgehend Tränen in die Augen, weil meine Pflegegeschwister mir trotz aller Zwistigkeiten in der Vergangenheit sofort Hilfe anboten. Sie waren für mich da, ganz uneigennützig. Das musste Liebe sein. Nicht so wie das, was ich mir von meiner Pflegemutter und Frederic hatte erarbeiten müssen.

»Danke, aber ich denke, ich brauche das hier gerade.«

»Eine Baustelle?«, fragte Ryan irritiert und öffnete die Türen zum Balkon, als müsste er frische Luft reinlassen. Es roch tatsächlich ein wenig staubig.

»Ich brauche es, alleine zu sein.«

»Ich könnte dir ein Hotel mieten, in dem du alleine sein kannst und sogar noch Zimmerservice bekommst.«

Bei Ryans verständnislosem Tonfall musste ich lachen. »Ich weiß. Vielleicht komme ich ja nach meiner ersten Nacht darauf zurück.«

Hazel seufzte, schaute auf die Uhr und fluchte leise. »Ich muss ins Red Chili. Meine Schicht geht gleich los.« Ihr besorgter Blick fiel auf mich. »Kann ich dich wirklich hierlassen?«

»Keine Sorge. Ich führe sie zum Essen aus.«

Wir starrten beide Ryan an.

»Was denn? Ich habe mir von meiner Sekretärin alle Mittagstermine streichen lassen.«

»Du hast mittags mehrere Termine?«, fragte Hazel verblüfft, schüttelte dann den Kopf und küsste uns nacheinander auf die Wangen. »Egal. Super. Wir hören uns ganz bald!« Damit rauschte sie davon.

Ryan lachte leise und legte dann seinen Arm um meine Schultern. »Komm mit. Du hast sicher heute noch nichts gegessen. Worauf hast du Lust? Sushi?«

»Bitte kein Fisch«, bat ich ihn und zog die Nase kraus. »Der Gestank von Dereks Angelausrüstung geht mir immer noch nicht aus der Nase.« Aus einem mir nicht erfindlichen Grund war Hazel mit den ganzen Angelsachen aufgetaucht und hatte sie im Flur deponiert. Während wir meine Sachen aus unserem alten Haus räumten, wäre ich beinahe zweimal darüber gestolpert, aber Hazel hatte sich geweigert, sie wieder rauszubringen.

Ryan brummte nachdenklich. »Hat Hazel dir eigentlich verraten, wofür sie das Zeug mitgebracht hat?«

»Nein. Sie meinte nur, ich sollte nicht so viele Fragen stellen. Der Gestank war sogar heute Morgen noch im Haus, obwohl sie die Sachen wieder mitgenommen hat.«

»Ist doch ein nettes Abschiedsgeschenk für Frederic.«

Ich schnaubte und löste mich von seinem Arm, um nach meiner Handtasche zu greifen. »Wie wäre es mit Indisch?«

»Dann auf nach Westwood«, rief Ryan heiter und lief voraus.

Er strahlte so eine positive Stimmung aus, dass sich meine Laune hob, während ich ihm durch das Hotel folgte. Noch war hier nichts los, weil Derek und seine Freunde alle nach Feierabend herkamen.

Die Wände mussten teilweise noch verputzt und abgeschliffen und die Türzargen erneuert oder ausgetauscht werden. Es fehlten so gut wie alle Bodenbeläge und von den Einrichtungsgegenständen wollte ich gar nicht sprechen. Wir konnten uns so gut wie nichts mehr leisten, weshalb die Arbeiten nur noch schleppend vorangingen.

Das war aber ein Thema, über das ich mir jetzt keine Gedanken machen wollte.

Ryan fuhr mich in das Herz von Westwood zu einem kleinen indischen Restaurant, das versteckt in der Fußgängerzone lag. Oft schreckten mich hier die ganzen Touristen ab, aber heute brauchte ich den Trubel um uns herum.