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Es ist die stille Jahreszeit, tiempo muerto: Die Ernte ist eingefahren, die Landarbeiter ziehen von den Zuckerrohrplantagen ab und alle warten, ob die neuen Pflanzungen von der Dürre verschont bleiben. Erzählt wird die Geschichte eines mysteriösen Verschwindens aus zwei völlig unterschiedlichen Frauenperspektiven: Zum einen der von Racel, einer Hausangestellten aus Singapur, die von der fiktiven Insel Banwa auf den Philippinen stammt. Ihre Mutter betreute dort das Herrenhaus der reichen und mächtigen Familie Agalon ebenfalls als Hausangestellte. Als Racel erfährt, dass ihre Mutter seit einem Taifun, der Banwa und die umliegenden Inseln verwüstet hat, verschwunden ist, erhält sie zwei Wochen Urlaub, um nach ihr zu suchen. Die andere Perspektive stammt von Lia, die zur selben Zeit von Singapur nach Manila und von dort weiter nach Banwa reist. Sie ist die Tochter der Agalons und wurde von ihrer Familie in die Provinz verbannt, bis die Gerüchte über ihre Scheidung vom Sohn einer chinesischen Oligarchenfamilie und ihre Affäre mit einem Fitnesstrainer in Manila verstummen. Beide Frauen waren sich in ihrer Kindheit sehr nahe, Racels Mutter war Lias Kindermädchen. Die Klassenunterschiede ließen sie jedoch getrennte Wege gehen. Vorsichtig nähern sie sich bei ihrem Aufeinandertreffen auf Banwa wieder an und suchen gemeinsam nach Racels verschwundener Mutter. Hierbei tauchen sie auf ihre je eigene Weise immer wieder in die brutale Geschichte der Familie Agalon ein, die seit mehr als 200 Jahren die Insel beherrscht. Die Suche nach der verschwundenen Mutter wird letztendlich zur Suche nach einem selbstbestimmteren, gewaltfreieren Leben jenseits des Diktats von Klasse und gesellschaftlichen Zwängen. Am Ende fällt jede eine überraschende, radikale Entscheidung für ihre weitere Lebensführung. Zwei fein gezeichnete Frauenportraits kombiniert mit einem fast schon dokumentarischen Interesse an Landschaft, Kultur und Einrichtungen ergeben ein eindrucksvolles, sozialkritisches Gegenwartspanorama von Singapur, Manila und einem kleinen Provinzort. Spürbar treten die Spannungsverhältnisse hervor, die neben dem Erbe des Kolonialismus durch wachsende Bildungsmöglichkeiten und globale Migration auch abgelegenste Orte der Welt in Unruhe versetzen.
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Seitenzahl: 425
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Übersetzung aus dem Englischen wurde gefördert von Litprom e. V. in Kooperation mit dem Goethe-Institut.
Die Übersetzerin bedankt sich herzlich beim Deutschen Übersetzerfonds für die Förderung ihrer Arbeit an diesem Roman.
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Gestaltung & Satz: Leonard Keidel, philotypen.de
ISBN:978-3-88423-723-6
Caroline Hau
Roman
Aus dem Englischen
von Susann Urban
WUNDERHORN
»Nawawala si Nanay.«
Kalt drücken die harten Fliesen gegen meine Knie und Zehen. Wie ein Stein liegt mir das mit Schaumbläschen überzogene Mobiltelefon in der Hand und mir gehen zwei Dinge durch den Kopf: Der Badezimmerboden ist noch nicht fertiggeschrubbt und ich will das Handy an die Wand schleudern. Mir kommt ein dritter Gedanke: Wer außer mir soll hinterher die Einzelteile vom Boden aufklauben? Auch den vierten Gedanken – sie ist meine Nay, nicht deine – behalte ich für mich.
»Hallo, hallo. Racel?«, spricht der Stein.
»Ich bin da, Ate Gaby.« Als ich merke, dass ich flüstere, werde ich lauter. »Kannst du mir sagen, was passiert ist?«
»Das wissen wir nicht. Wir wissen bloß, dass sie nicht zum balay auf Banwa zurückgekehrt ist.«
»Seit wann ist sie verschwunden?«
»Seit ungefähr einer Woche. Wie du weißt, gab es einen Taifun. Wir haben angenommen, dass sie in Iloilo oder vielleicht auch in Bacolod gestrandet ist. Seitdem haben wir von ihr nichts mehr gehört.«
»Ich hatte keine Zeit zum Telefonieren und nach dem Taifun kam ich nicht durch. Seither rufe ich immer wieder ihre Handynummer an, aber keine Antwort«, sage ich. Bis auf den ersten Teil ist alles wahr und diese Formulierung fällt mir leichter als das Geständnis, dass ich während der letzten zwei Jahre meine Mutter weder gesehen noch mit ihr gesprochen habe. »Rufst du aus Banwa an?«
»Nein, aus Manila.«
»Wer hat dir gesagt, dass sie verschwunden ist?«
»Susanna, das Mädchen, das sich um das Haus auf Banwa kümmert.«
»Ich kenne keine Susanna. Wo ist Digna?«
»Weißt du das nicht? Digna hat die Insel vor zwei Jahren verlassen. Arbeitet jetzt in Iloilo. Ich gebe dir ihre Handynummer, falls du sie anrufen möchtest.«
Ich weiß, was Ate Gaby sagen wird, bevor sie den Mund aufmacht.
»Racel, es wäre gut, wenn du herkommst und nach deiner Mutter suchst. Von uns hier kann das keiner machen.«
»Ich muss Mam fragen, ob ich Urlaub bekomme. Ate Gaby, ich muss jetzt aufhören. Während der Arbeit darf ich nicht telefonieren.« Tatsachen, die wie Ausreden klingen.
»Schreib mir eine Nachricht, wenn du in Manila angekommen bist. Geh nach Lavezares Village. Ich lasse den Wachposten am Eingangstor deinen Namen auf die Einlassliste setzen.«
Ich stecke das Handy in meine Schürzentasche und tunke die Zahnbürste wieder in die Paste aus Backpulver und Essig in der Schüssel neben mir. Mit einer Hand stütze ich mich ab und mit der anderen schrubbe ich die Fugen zwischen den Fliesen weiter. Als ich aufstehe, sehen meine Knie aus, als wären sie vernarbt.
Die Stunden surren vorbei, während ich von Zimmer zu Zimmer ziehe. An meinem ersten Tag bei dieser Familie händigte Mam mir einen Ausdruck des Arbeitsplans aus. Sechs Jahre, in denen ich das Gleiche zur ungefähr gleichen Zeit am selben Ort tue, haben die Anordnungen in eine Gewohnheit verwandelt, die alles bestimmt: Schlafrhythmus, meine Wege durchs Haus, Körperhaltung und Gesten, meine Fähigkeit, Darm und Blase unter Kontrolle zu halten.
Die Originalliste meiner Arbeitspflichten habe ich aufgehoben und zwischen die Seiten der Bibel auf Ilonggo gesteckt, die mir meine Mutter vor über zwanzig Jahren in der Abflughalle des Ninoy Aquino International Airport in die Hand gedrückt hatte, bevor der Sicherheitsbedienstete meinen Pass und mein Ticket sehen wollte.
Meine Mutter war den ganzen Weg von Banwa Island nach Manila gekommen, um mich vor meinem ersten Auslandsvertrag in Singapur zu verabschieden. Es erstaunte mich, dass sie mir eine Bibel schenkte, denn sie war keine fromme Frau. Zwar besaß sie einen Santo Niño, aber mir kam er wie eines der Kinder vor, um die sie sich kümmerte, jemand, dem sie das Gesicht abwischte, dessen Gewand sie sauber hielt, jemand, den sie mit Obst und Süßigkeiten versorgte und mit Blumen – Arabischer Jasmin, Herbstchrysanthemen – statt Babypuder bestäubte. Drüben in Cebu mochte man ihn »Señor« nennen und Er war womöglich fähig, sich Boxkämpfe mit den Kindern zu liefern und ihnen ein blaues Auge zu verpassen, Menschen vor dem Feuer zu erretten, indem Er die nächstgelegene Luke des Notausstiegs fand und öffnete oder von Seinem hohen Sitz herunterzuspringen und sich auf die Suche nach verschwundenen Carabaos zu machen. Doch der von meiner Mutter bevorzugte Christus war das Kind, das sie in den Armen halten konnte, nicht der Mann, der für sie gestorben war, geschweige denn der, der ihre Gebete erhörte.
Meine Mutter mag die Kinder und Bediensteten auf Banwa mit bloßem Heben der Augenbrauen oder Kräuseln der Lippen dirigiert haben, in der Öffentlichkeit wurde sie aus Unsicherheit zu Holz, wie der 'Nyor Santo Niño. Jedes Mal, wenn ich durch die Sicherheitskontrolle ging, welche die Welt meiner Mutter von der trennte, in der ich mittlerweile lebte, drehte ich mich um und suchte in der zurückbleibenden Menge nach ihr. Ich sah sie die Hand und beide Mundwinkel heben, wie es eine Heilige zu tun vermochte.
Wo immer ich schlafe, ihre Bibel liegt neben mir, nicht weil ich regelmäßig darin lese, sondern weil sie zu den wenigen Besitztümern meiner Mutter gehört, die ich ins Ausland mitnehmen konnte.
Ich hole aus der Bibel meiner Mutter die Liste mit meinen täglichen Aufgaben:
4:20
Aufstehen
5:00
Sophie aufwecken, Sophies Frühstück zubereiten
5:20
Sophie Frühstück servieren
5:50
Dafür sorgen, dass Sophie rechtzeitig zum Schulbus kommt (Wichtig! Mittwochs Schulbeginn 8:40 statt 7:20, Abfahrt Schulbus 7:20, Frühstück 6:30)
6:00
Wohnzimmer und Sophies Zimmer putzen (außer staubsaugen)
6:30
Frühstück für Mr. und Mrs. Wong zubereiten
7:30
Küche aufräumen
8:00
Mr. und Mrs. Wongs Schlafzimmer putzen
8:30
Waschmaschine anwerfen
8:45
Gesamtes Haus staubsaugen
10:00
Einkaufen (nach Bedarf)
12:00
Mittagessen
13:00
Bügeln
14:00
Badezimmer putzen
15:00
Einkaufen (nach Bedarf)
16:00
Abendessen zubereiten
17:40
Sophie von der Bushaltestelle abholen
18:00
Abendessen
18:30
Sophie baden, Hausaufgaben
19:00
Abspülen, Küche aufräumen
20:00
Schlafenszeit Sophie
20:30
Duschen
21:00
Licht aus
An den meisten Tagen arbeite ich fünfzehn Stunden, wenn man den Leerlauf zwischendurch mitrechnet, außer samstags, da ist Frühstück um acht und ich muss nicht vor sieben aufstehen, und sonntags habe ich frei und verlasse das Haus, nachdem ich den Frühstückstisch abgeräumt habe.
Meine letzten drei Verträge habe ich mit Sophies Familie abgeschlossen. Mam gehört nicht zu den tai-tai, die durchs ganze Haus rennen und mit dem Zeigefinger über Lampen und Vasen fahren, dir, während du putzt, weitere Anweisungen um die Ohren hauen oder dir das Messer aus der Hand reißen, weil sie zeigen wollen, wie man einen Fisch richtig filetiert. Sie ist Managerin eines internationalen Unternehmens und ich habe ihre Freundinnen sagen hören, dass sie mehr Geld heimbringt als Sir, der Krebsspezialist am Mount Elizabeth Hospital ist.
Mam hat ein ganzes Arsenal an schwarzen Kostümen (irgendwie passend, dass auf den meisten Etiketten das Wort Boss steht) – jede Woche muss ich eines zur Reinigung bringen – und Schuhe mit roten Sohlen und Absätzen, geschwungen wie das Heft eines Bolo-Messers, die ich putze und sorgsam ins fast deckenhohe Regal im Schlafzimmer stelle.
Aus erlauschten Gesprächsperlen habe ich mir die Geschichte aufgefädelt, wie sie Sir in Cambridge, England, beim Studium kennengelernt hat, wofür beide ein Stipendium hatten. Unglaublich, dass die zwei in Sozialwohnungen in Queenstown aufgewachsen sind, sich dort aber nie getroffen haben.
Mam macht gern Listen. Sie hinterlässt Einkaufslisten am Kühlschrank und Lektürelisten auf Sophies Schreibtisch, erstellt To-do-Listen für sich, ihr Kind und ihren Mann. Ihr ist es egal, wie die Arbeit erledigt wird, nur wann und von wem.
Mam hat mir sonntags freigegeben, noch bevor ein freier Tag pro Woche für Hausangestellte Pflicht wurde. Ich darf mich am UCC- und Lavazza-Kaffee bedienen, den ich ihr täglich mache, allerdings ist mir löslicher Kaffee lieber, entweder Gold Kili oder Aik Cheong Kopi O. Auf ihre Veranlassung hin nennt Sophie mich Auntie Racel. Die Kinder meiner vorherigen Arbeitgeber nannten mich alle beim Vornamen, manche Väter, die sich die Namen ihrer Hausangestellten nicht merken konnten, nannten mich »Du«.
Mein Arbeitsplatz ist eine Maisonette-Wohnung für gehobene Ansprüche, die fünf Zimmer und eine Dachterrasse hat, in der Bishan Street, wo Wohnungen des Housing and Development Board bis zu siebenhunderttausend Dollar kosten. Vor kurzem wurde ein Penthouse-Zwilling dieser Wohnung im Gebäude nebenan für sechs Millionen Singapur-Dollar verkauft. Mam hätte sich einen der superteuren, höchst gefragten Good-Class-Bungalows in einem der exklusiven Wohngebiete in der Nähe von Orchard, Tanglin oder Bukit Timah, in Holland, Binjai oder Windsor Park kaufen können, aber ich habe sie Sir gegenüber erwähnen hören, wie sehr ihr die Vorstellung gefällt, die Maisonette-Wohnung abschließen und lange wegfahren zu können, ohne sich um den Garten, die Haustiere und die Hausangestellten kümmern zu müssen.
Hier haben, anders als bei mir zu Hause, die Leute keine Angst vor Einbrüchen, Diebstahl und Mord. Auch nicht vor den Taifunen, denn die richtig starken ziehen nur gelegentlich über Singapur hinweg.
Mein Königreich ist die Küche. Sie ist geräumig, offen und fast komplett aus Edelstahl. Es gibt eine Multifunktionsspüle, die laut Sophie in Japan handgefertigt wurde. Die Spüle ist neben dem Herd eingebaut und mit einer verschiebbaren Arbeitsplatte, einem Schneidbrett und einem Abtropfbrett ausgestattet. So kann ich das Essen zubereiten, ohne viel hin- und herlaufen zu müssen, und mich gleichzeitig um Sophie kümmern.
Mein anderes Königreich ist das Hausmädchenzimmer, es ist nicht größer als das Bad, das zu Mr. und Mrs. Wongs Schlafzimmer gehört. Glücklicherweise gibt es keine Kamera; darin stehen ein Bett, ein Tisch und ein Stuhl, es gibt einen Einbauschrank und ein kleines Bad. Die Wände sind hellgrau gestrichen, was für die Augen angenehmer ist als das grelle Weiß der Zellen, in denen ich früher untergebracht war. Ich habe mehr Glück als meine Freundin Ligaya, die neben Waschmaschine und Wäschekorb schläft.
Die Bibel meiner Mutter liegt auf dem Tisch neben meinem Bett. Ich habe einen tragbaren CD/DVD-Player, den ich vor Jahren am Sim Lim Square gekauft habe. An den Wochenenden sehe ich mir abends Tagalog-Filme an, die meine Freundinnen aus Manila mitbringen. Unter der Woche höre ich abends Freddie Aguilar, Imelda Papin, Rico J. Puno, Sharon Cuneta und Rey Valera, gelegentlich das ein oder andere Lied von Regine, Sarah oder Charice von den Greatest-Hits-CDs, die Kuya Vic netterweise für mich gebrannt hat. Es stört mich nicht, dass mein Musikgeschmack in früheren Zeiten und einem anderen Land verankert ist. Mein Lieblingssong ist Corithas »Oras Na«.
Bevor ich vor zweiundzwanzig Jahren in dieses Land kam, bekamen wir von der Vermittlungsagentur eine Einweisung, was uns erwartete. Es war das Jahr, in dem ein philippinisches Dienstmädchen gehängt wurde, weil es ein anderes philippinisches Dienstmädchen und dessen drei Jahre alten singapurischen alaga getötet haben sollte. Die Hinrichtung war das Hauptgesprächsthema bei der Unterweisung.
Nur wenige der Frauen im Besprechungsraum hielten sie für schuldig. Der Junge musste versehentlich in der Badewanne ertrunken sein und sein wütender Vater das Dienstmädchen getötet haben. Die Behörden suchten und fanden im Tagebuch der Ermordeten ihre Verdächtige, bastelten aus dem Gekritzel einer Toten die Schlinge, die sie dem anderen Dienstmädchen um den Hals legten. Die Verurteilte konnte es in unseren Augen nicht getan haben, denn sie hatte selber vier Kinder. Nie hätte sie diese freiwillig ihrer Mutter beraubt. Wie werden Menschen in diesem Land hingerichtet? Nix da mit einschläfern, den Leuten Drogen in die Adern spritzen, damit ihr Herz stillsteht, wie es hier vor zwei Jahren in Manila mit dem Mann geschah, der seine Stieftochter vergewaltigt hatte. (Eine Frau im Besprechungsraum schnaubte: In seinen letzten Sekunden hat er das philippinische Volk um Vergebung der Sünde, deren man ihn beschuldigte, gebeten. Man muss nicht wie ich zehn Jahre lang an der High School Philippinisch unterrichtet haben, um sein Selbstmitleid zu riechen, und man muss bestimmt keine Krankenschwester sein, um bei ihm eine chronische Allergie gegen Verantwortung zu diagnostizieren. Seine Stieftochter hat er nämlich nicht um Vergebung gebeten. Der Mann hatte die Frechheit, sich als »Pilipino, pinatay ng kapwa Pilipino« zu bezeichnen, wobei es wie immer nur darum ging, was ihm seine philippinischen Landsleute antaten, nicht darum, was er seiner philippinischen Mitbürgerin, noch dazu einem zehnjährigen Kind, angetan hatte.) Nein. Dort stülpten sie der Gefangenen eine schwarze Kapuze über den Kopf, fesselten sie an Armen und Beinen und öffneten die Falltür für den Sturz, der ihr das Genick brach. Sie wurde mit drei anderen gehängt, Männern, die wegen Drogenschmuggels verurteilt worden waren. (Die Frau fügte hinzu: Das letzte Geräusch, das der Vergewaltiger von sich gab, war ein rasselndes Schnarchen. Mögen auch wir einmal so friedlich sterben!)
Am Galgen ist angeblich Platz für sieben Verurteilte gleichzeitig. Wenn diese Leute das Abwasser, das die Toilettenschüssel runtergespült wird, aufarbeiten und in trinkbares NEWater verwandeln können, dann sind sie gewiss auch bei der Wiederverwertung der Toten effizient. Verurteilte Häftlinge können ihre Organe – Nieren, Hornhaut, Haut – und Knochen spenden. (Dieselbe Frau, die ihre Meinung über den hingerichteten Vergewaltiger geäußert hatte, mischte sich erneut ein: Dieser Mann wollte noch nicht mal seine Hornhaut spenden. Eine andere hob die Hand: Vielleicht aufgrund seines Glaubens? Niemand hatte eine Antwort darauf, als die ehemalige Lehrerin fragte: Hat ihn sein Glaube daran gehindert, ein Kind zu vergewaltigen?)
Ich fragte mich, warum es einfacher war, sich die Verurteilte als Justizopfer vorzustellen und nicht als Frau, die fähig war, eine andere Frau zu erwürgen und einen kleinen Jungen zu ertränken. Vielleicht liegt es daran, dass wir es gewohnt sind, Horrorgeschichten über misshandelte und ermordete Dienstmädchen zu hören und deshalb mit dem Schlimmsten rechnen. Vielleicht aber auch daran, dass egal, was in Wahrheit zwischen den beiden Dienstmädchen vorgefallen ist, nicht die gewichtige Wahrheit auslöscht, warum unsere Frauen und Frauen aus anderen Ländern behandelt werden, wie sie behandelt werden, und warum sie pflegen, putzen und kochen, die Welt am Laufen halten und ihre Arbeit dennoch kaum oder gar nicht gewürdigt wird.
Die Frau, die die Orientierungsveranstaltung leitete, wir sollten sie Miss Ymson nennen, wollte meine Hände sehen. »Wir wollen sehen, ob Sie eine fleißige Arbeiterin sind«, sagte sie.
»Die Arbeitgeber möchten, dass die Fingernägel ihrer Dienstmädchen gepflegt sind.« Zufrieden mit meinen Schwielen und sandpapierrauen Handflächen, den Schnitt- und Brandnarben auf meinen Fingern und Armen, forderte sie mich auf, ein Lied zu singen.
»Ist ein philippinisches okay?«, fragte ich.
»Das ist egal«, antwortete sie. »Wir müssen nur überprüfen, ob Sie ein Wiegenlied können.«
Zuerst wollte ich »Dandansoy« singen, denn das war das erste Lied, das Nay mir beigebracht hatte. In letzter Sekunde entschied ich mich für »Bahay Kubo« und stimmte dann in das Gelächter der anderen Pinays im Raum ein.
Miss Ymson erklärte, dass wir nicht unter das Arbeitsgesetz fielen, es keinen Mindestlohn und auch keinen gesetzlich vorgeschriebenen freien Tag geben würde. Ich hörte jemanden – Ligaya, wie sich herausstellte – flüstern: »Aba, das unterscheidet sich nicht groß von unserer Situation hier. Pala!« Miss Ymson fuhr fort, als hätte sie nichts gehört: »Das Folgende ist jetzt sehr wichtig.« Sie erklärte uns, dass wir ein höheres Gehalt bekämen als Dienstmädchen anderer Nationen, weil wir Englisch beherrschten. »Manche Ihrer Arbeitgeber sprechen womöglich nicht fließend Englisch«, sagte sie. »Sie werden wollen, dass Sie mit ihren Kindern Englisch üben.«
Sie wies uns darauf hin, dass wir keine Staatsbürger oder Einwohner mit ständigem Wohnsitz des Landes heiraten und nicht schwanger werden dürften sowie während unseres Arbeitsvertrags selbst keine Staatsbürger werden könnten. Einige Jahre später, als ich bereits hier arbeitete, brachte eine schwangere Pinay ihr Kind auf der Toilette einer Shopping-Mall zur Welt und ließ es in der Toilettenschüssel zurück. Von meiner Freundin Dewi erfuhr ich, dass ein indonesisches Dienstmädchen ihr totgeborenes Baby im Garten vergraben hatte.
Seitdem haben sich die Vorschriften etwas geändert. Philippinerinnen wie ich bekommen jetzt fünfhundertfünfzig Dollar, mehr als das Doppelte von dem, was ich zu Beginn meiner Arbeit in Singapur bekam. Daheim liegt der Mindestlohn dank des neuen Kasambahay-Gesetzes bei zweitausendfünfhundert Pesos, der gilt aber nur für Dienstmädchen, die in der Hauptstadtregion arbeiten. Ob meine Mutter weniger als eintausendfünfhundert Pesos im Monat bekommt, das ist der Mindestlohn in anderen Gemeinden. Ich habe nie daran gedacht, sie zu fragen, ob ihre Arbeitgeber, die Agalons, ihren Lohn je erhöht haben. Womöglich hat sie gar nicht danach gefragt.
Normalerweise ist Mam rechtzeitig für Sophies Gute-Nacht-Geschichte zu Hause, aber da sie heute mit Sir auswärts isst, bin ich dafür zuständig.
»Erzähl weiter«, sagt Sophie.
»Hala, es ist schon neun Uhr. Wir sind eine Stunde über der Zeit. Du solltest bereits schlafen.« Ich entziehe Sophie meine Hand, hieve mich vom Bett hoch, beuge mich vor und streiche die Bettdecke glatt.
»Was ist Zeit?«, flötet Sophie. »Zeit vergeht nicht, Zeit fließt nicht. Zeit ist.« Das ist ihr Mantra, seit sie sich im neuen Schuljahr in die Naturwissenschaften verliebt hat.
Sie packt meine Hand und zieht mich zu sich aufs Bett. »Bleib noch ein bisschen. Bitte!« Sophie sieht mich mit diesem Blick an, von dem sie weiß, dass ich ihr dann nichts abschlagen kann. »Sag Mom, ich hätte schlecht geträumt.«
»Deine Mutter wird wissen, dass wir lügen.«
»Sie kommt sowieso erst nach zehn heim, vielleicht sogar später.«
Eine Sturzflut von Bittebittes und ich gebe auf. »Na gut. Last two minutes, last two minutes.« Ich mache die Stimme des Ansagers der Spiele Crispa gegen Toyota der Philippine Basketball Association nach, die ich früher im Fernsehen angesehen habe. Sophie kennt weder Crispa noch die PBA, aber ihr gefällt meine Imitation. Und sie quengelt, ich soll die zwei Minuten auf fünf ausdehnen.
»Glaubst du, dass der Vulkan demnächst ausbricht?«, fragt sie.
»Wir können nicht in die Zukunft sehen. Immerhin steigt hin und wieder Rauch aus dem Krater.«
»Vielleicht als Warnung?«
»Die Alten sagen, der Rauch bedeutet, dass unsere Götter im Inneren des Vulkans fleißig arbeiten.«
»Was arbeiten sie?«
»Das Gleiche, was wir außerhalb des Vulkans tun, nur werden die Arbeiter drinnen in Gold bezahlt.«
»Wow, das ist viel Geld.«
»Doch nimm dich in Acht, wenn die Götter böse werden! Es heißt, fließende Lava klingt wie zerberstendes Glas.«
Sophie ist begeistert von meinem Bericht über den Ausbruch des Mount Balaan 1899 auf Banwa Island. Ihr gefällt meine Geschichte, weil nur wenige Menschen davon gehört haben. Sogar im Internet, das Sophie zu Lernzwecken nutzen darf, findet sich nur wenig darüber.
Das meiste kenne ich aus den Geschichten, die mir meine Mutter erzählt hat; den Rest habe ich erfunden. Die Geschichte über die Arbeiter, die mit Gold bezahlt werden, muss ich nicht erfinden. Ich kann das Göttergeld sogar beschreiben: Dreiecke, die größer und schwerer als Pesomünzen sind, geprägt mit einem gefiederten Sagopalmfarn auf der einen und einem Zauberspruch in Badlit auf der anderen Seite.
Wie viele Zehnjährige ist Sophie von Katastrophen aller Art fasziniert. Sie hat über den Vesuv gelesen, der Pompeji und Herculaneum unter sich begrub, und ist zwischen den Ruinen herumspaziert. Im Fotoalbum vom Urlaub vergangenes Jahr sieht man sie vor dem Tor, dem Forum und der Basilika, vor dem Tempel, den Thermen und Häusern, dem Souvenirshop und dem Bordell (ich versuche mir vorzustellen, wie Sophies Mutter nach einer Erklärung ringt, wozu ein Bordell dient). Der in Gips gegossene Junge und sein Hund, beide in Todesangst erstarrt, haben sich in Sophies Träume eingeschlichen und auch in meine, obwohl ich noch nie in Italien war.
»Also konnten die Banwaner vor dem Ascheregen fliehen«, sagt Sophie.
»Manche blieben und starben. Auf Banwa haben wir keine Museen. Leute verschwinden. Oder gehen fort.« Wie meine Mutter. Ich drehe mich zur Wand, weg von Sophie, denn ich habe Angst, dass mir sonst noch mehr Unbedachtes über die Lippen kommt.
»Kann die Regierung aus deiner Insel keine Touristenattraktion machen, dann können wir dort Ferien machen.«
»Die Insel gehört nicht der Regierung.«
»Wem dann?«
»Einer Familie namens Agalon. Diese Familie ist mächtiger als die Regierung.«
Sophie, die Singapurerin, glaubt mir nicht. »Niemand ist mächtiger als die Regierung.«
»In meinem Land sind manche Familien so mächtig, dass sie Menschen umbringen können, ohne dafür ins Gefängnis zu gehen.« Ehe ich mich bremsen kann, rutscht mir heraus: »Jemand von den Agalons lebt hier in Singapur.«
»In welchem Teil?«
»District 10.«
»Wah, der reiche Teil!«
Sophie will den Namen wissen. Ich wähle ein beliebiges Etikett aus meinem geistigen Küchenregal, denn ich befürchte, Sophie wird diesen Leckerbissen mit Mam teilen. Mam hätte sofort den Nachnamen der Tochter meines ehemaligen amo auf Banwa erkannt, die seit einiger Zeit in den Schlagzeilen ist.
Während Sophie weiterplappert, bleiben meine Gedanken bei den jüngsten Ereignissen hängen.
In der Woche, in der Taifun Petrel auf den Visayas erwartet wurde, hatte mir Sophie auf ihrem iPad gezeigt, wie der Sturm aussah, ein Senkloch, in dem Schaum hinabgurgelte. Das Bild, das mir durch den Kopf wirbelte, war wie ein bunter Trickfilm in Endlosschleife – Lapislazuli, das an den Rändern ausfranste, während türkise, neongrüne und orangerote Fetzen sich zu einer grauen, schwarzumrandeten Braue über der Iris eines wütenden Auges formten.
Als ich Sophie wieder wahrnehme, ist das Mädchen verstummt. Sie schläft.
Bevor ich das Licht ausmache, ziehe ich die Decke über ihre Schultern.
Ich sehe ständig auf meine Armbanduhr, doch die Stunden stellen sich tot, und ich kann kaum die Augen offenhalten. Mehr als ein paar Minuten habe ich bestimmt nicht geschlafen, da schreckt mich das Geräusch des Schlüssels in der Wohnungstür hoch. Es ist nach elf und Mam und Sir sind zurück. Ich gehe in die Diele und nehme ihnen die Jacken ab.
»Sophie schläft?« Mam wirft ihren Schlüsselbund in die Porzellanschale auf der Konsole.
»Ja, Mam. Mam, kann ich mit Ihnen reden?«
Sir murmelt »Gute Nacht« und verschwindet hinter der Schlafzimmertür. Mam geht ins Wohnzimmer, wo eine Tasse japanischer Tee (heute Abend Gyokuro, sie hat mir beigebracht, bei welcher Temperatur und wie lange er ziehen muss) sowie die neuesten Ausgaben von Tatler und Insider auf sie warten. Mam ist süchtig nach »Schundmagazinen«, wie sie sie nennt, weshalb ich darauf achte, Sophie nicht zu viel über die Menschen zu erzählen, für die ich früher gearbeitet habe.
Anfangs fragte mich meine Mutter über Singapur aus und ich konnte ihr bloß die Fotos in den Zeitschriften zeigen, die ich aus dem Mülleimer meiner amo fischte. Ich erzählte ihr auch von den Läden, Restaurants und Hotels, die ich gesehen hatte, als ich die Familie auf ihren Ausflügen ins Daimaru, ins Oriental Emporium und ins Scotts begleitete.
Nay las gern über die Restaurants und deren Spezialitäten, dass man ins Gun Hoe Soon wegen des Babi Pong Tay ging, ins Red Star wegen der Dim-Sum, ins Gim Tim wegen des Chin Beh Kueh und ins Prima Tower Revolving Restaurant wegen des Three-Non-Stick-Desserts. Sie mochte den Klang der Worte, wie anders sie in unserem Mund schmeckten.
Zufällig ist die Tochter meines ehemaligen Banwaner Bosses auf dem Cover eines der aktuellen Hochglanzmagazine abgebildet, die mich Mam fächerartig auf dem Couchtisch ausbreiten lässt. In einem Kleid, in der Farbe der Banwa-Gewässer, hat sich diese Agalon ein strahlendes Lächeln aufgemalt, das zwei Monate braucht, bis es abgewischt ist. Diese Zeitschrift werde ich nicht aus dem Papierkorb fischen und meiner Mutter mitbringen. Artikel über die Frau, die von meiner Mutter aufgezogen wurde, schneide ich eher nicht aus, denn über Leute wie sie wird in Manila sicher genug berichtet. Andererseits gelangen philippinische Zeitschriften ziemlich selten nach Banwa und in Nays Hände.
Ich weiß, dass ich Mam während ihrer Ruhephase störe, doch bei all der Hausarbeit, die noch auf mich wartet, habe ich nicht die Zeit, darüber nachzudenken, wie ich ihr die Sache am besten beibringe.
»Meine Mutter ist verschwunden«, sage ich zu Mam.
Das hört sich falsch an. Ich versuche es erneut. »Meine Mutter wird vermisst.«
Wie sagt man Nawawala si Nay auf Englisch? Mutter ist verschwunden? Mutter ist verschollen? Mutter ist fort? Mutter ist nicht auffindbar?
Ligaya beschrieb mir einmal die Symptome ihrer Blasenentzündung: der brennende Harndrang, das schmerzhafte Ziehen unterhalb des Nabels, das trübe Rinnsal, der Geruch nach totem Fisch. Mein angestrengtes Konzentrat englischen Wortgetröpfels ist nicht besser. Beinahe muss ich den Kopf schütteln ob dieses verrückten Gedankens.
Zuerst will Mam wissen, ob meine Mutter tot sei, dann fragt sie, wie lange ich wegwolle. Sie hält nichts von Smalltalk und mir ist sowieso nicht danach.
»Vielleicht zwei Wochen.« Ich achte darauf, dass mein Vielleicht entschieden, nicht fragend klingt.
»Kannst du nicht bis zu den Weihnachtsferien warten?«
Mein Kopf ist gesenkt, mein Gesicht regungslos. Ich warte, dass Mam einen anderen Ton anschlägt. Was sie schließlich tut.
»Ich weiß, du hast seit zwei Jahren keinen Urlaub genommen, obwohl ich dich dazu ermuntert habe. Mir ist der Ernst der Lage bewusst. Es ist nur so, dass ich nächste Woche sehr beschäftigt bin.«
Ich hebe den Blick nicht von meinen blauen Gummischlappen.
Mam atmet aus. »Ich rufe Sophies Großmutter an und bitte sie, Rowena herzuschicken. Kannst du bis Ende nächster Woche warten? Dann hätte ich abends mehr Zeit für Sophie.«
»Okay, Mam.«
»Geh nicht weg«, sagt Sophie. Sie ist im Dienstmädchentrakt, soll heißen meinem Zimmer, und sieht zu, wie ich Kleidung in meine Reisetasche stopfe.
»Ich muss nach Hause.« Ich rolle einige Handtücher zusammen.
»Aber du kommst doch zurück?«
»Natürlich«, sage ich schließlich, doch nur, weil Sophie ihr Gesicht in der Armbeuge versteckt. Warum klingt das, was sich für mich wahr anfühlt, wie eine Lüge?
»Was ist, wenn was passiert und du nicht zurückkommst?«
»Deine Mutter wird böse, wenn sie dich weinen sieht.«
»Mir doch egal.«
Mit strengem Gesicht reiche ich Sophie einen Bausch Papiertaschentücher. Ich habe gesehen, wie Mam mich mustert, wenn Sophie sich so benimmt, daher möchte ich das Kind keinesfalls ermutigen, etwas zu sagen oder zu tun, was Mam das Gefühl gibt, als Mutter nicht zu genügen.
Ich erzähle Sophie noch ein paar Geschichten aus Banwa. Von meinen Träumen erzähle ich ihr nichts. Ich habe viele, doch seit ich nach Singapur gezogen bin, immer nur Versionen eines einzigen Traums.
Ich renne durch einen schwarzen Flur mit lauter Türen. Die Türen sind verschlossen. Wenn ich stehenbleibe und an den Knäufen drehe, sind die Räume versperrt. Hinter mir spüre ich etwas, was wie ein großes Tier riecht. Wenige Zentimeter von meinen Fersen entfernt, höre ich das Scharren von Hufen und schweres Keuchen und es kostet mich große Anstrengung, mich nicht umzudrehen. Ich stelle fest, dass ich auf dem Holzboden riesige Sprünge machen kann. Der Flur ist endlos. Ich werfe mich ins Dunkel, bis die Wucht des Fluges mich weckt. Meist dauert es einige Sekunden, bis ich mich daran erinnere, dass ich in einem anderen Haus, in einem anderen Land bin.
Das Wochenende vor meiner Abreise ist nicht besonders unangenehm, denn Sir kocht gern und Mam übernimmt für mich den Einkauf, da sie nichts anderes zu tun hat. Samstags isst die Familie auswärts zu Mittag.
Kurz nach vier Uhr nachmittags öffnet Sir eine Flasche Rotwein und übernimmt das Kommando in der Küche. Mam trägt ihren Teil bei, schnippelt Gemüse und reduziert Saucen, mehr um ihm Gesellschaft zu leisten als zu helfen. Ich habe mitbekommen, dass sie Kochen für eine lästige Pflicht hält. Kochen ist seine Therapie, Reisen ihre.
Wenn Sophie nicht liest oder im Wohnzimmer lernt (Wii und Nintendo 3DS sind nur sonntags erlaubt), hilft sie in der Küche mit. Chicken Nuggets und Hamburger bekommt sie ganz allein hin. Beim Zubereiten von Gulai Ayam ist sie Expertin: Koriander- und Kreuzkümmelsamen werden gemörsert, Zitronengras und Chili, eine Dose Kokosnussmilch, Schalotten und Knoblauch, Ingwer und Gelbwurz dazu. Wenn ich ihr Gericht probiere, lobe ich sie mit einem lauten »Shiok!«
Sir möchte Sophie die Grundlagen beibringen, damit ihr die heimische Küche nicht fehlt, wenn sie später in Amerika oder England studiert. Er hält sein »Erfolgsrezept« für das beste: gute Schule, gute Universität, gute Karriere, guter Ehemann, gute Kinder, guter (sprich gesunder) Körper, guter Ruhestand. Sogar von gutem Tod habe ich ihn reden hören. Immer wieder trichtert er Sophie ein, dass man bei Rezepten mit den Zutaten, der Zubereitung und Reihenfolge herumexperimentieren kann, Hauptsache das Gericht schmeckt gut. All die Schufterei und die Aufopferung sollen sicherstellen, dass Sophie später auf der ganzen Welt Arbeit findet. Ich frage mich, wessen Schufterei und Aufopferung er meint.
Sir und Mam verbringen enorm viel Zeit damit, sich Sophies Zukunft auszumalen und diese zu planen. Sie sind sehr stolz auf die Fähigkeiten ihrer Tochter beim Kopfrechnen und dass sie Einstein und diese Männer namens Eddington und Schrödinger versteht. Ich bringe es nicht übers Herz, ihnen Sophies einziges Ziel zu verraten, nämlich dass sie sich die neueste Mario-Kart-Version kaufen und am Wochenende eine Stunde länger Nintendo spielen darf. Wenn sie ein gehorsames und fleißiges Mädchen ist, gibt ihr das bei ihren Eltern einen gewissen Verhandlungsspielraum.
Ich mache mir Sorgen, was passiert, wenn Sophie während meiner Abwesenheit einen ihrer Wutanfälle bekommt. Normalerweise ordnet Mam dann eine Auszeit an und verbannt Sophie in ihr Zimmer; sie darf erst wieder herauskommen, wenn sie sich beruhigt hat. Ich möchte mit Mam nicht über Kindererziehung diskutieren. Es steht mir nicht zu, ihr zu erklären, wie leicht sich während einer solchen Wartezeit Wut in Angst verwandeln und wie schnell sich die Angst im Herzen eines Kindes einnisten kann, sogar nachdem alles vergeben ist.
Mir macht es nichts aus, wenn Sophie in meiner Anwesenheit Wutanfälle bekommt. Wenn sie dabei allein sein will, gut. Doch ich ordne keine Auszeit an und schicke sie auch nicht in ihr Zimmer, sondern mache einfach meine Arbeit weiter – Wäsche zusammenlegen, Reisnudeln in einem Topf mit simmernder Laksa weichkochen, die Gesichter von Sophies Puppen schrubben – und warte darauf, dass Sophie aus eigenem Antrieb zu mir kommt. Von meiner Mutter habe ich die Kunst des deadma gelernt, das Lied und den Tanz des vorgeblichen Mir-doch-egal, lalalala, in der Sarswela-Tradition – was mir immer gute Dienste geleistet hat.
Wenn Sophie krank ist, nimmt Mam sich frei und geht mit ihr zum Arzt. Weil Mam jeden Werktag im Büro sein muss, schlafe ich auf einer banig, die aus den Blättern der Pandan-Palme gewebt ist und die ich den weiten Weg aus meinem Land mitgebracht habe; sie nimmt weniger Platz im Schrank weg als die weiche Matratze, die ich laut Mam benutzen soll. Ich schlafe auf dem Boden neben Sophies Bett, damit ich früh am Morgen nach dem Aufstehen gleich ihre Temperatur messen kann. Eine fiebernde Sophie wird wieder zum Kleinkind, sie muss gefüttert, gebadet und umgezogen werden. Wenn sie wieder gesund ist, stelle ich fest, dass mir diese Sophie fehlt, die mich mehr als jeden anderen braucht. Wie albern ist meine Hoffnung, dass Sophie nicht über mich hinauswächst, weil ich doch genau weiß, es wird so kommen.
Bevor freie Tage verpflichtend wurden, ab 2005 einmal im Monat, ab 2013 einmal in der Woche, gab es Jahre, in denen ich nicht aus dem Haus kam, das mein Arbeitsplatz war.
An den Tagen, an denen ich frei hatte, traf ich Ligaya und die anderen Haushaltshilfen zum Picknick an unseren Lieblingsplätzen in der Stadt. Bevor wir zu unserem jetzigen Mittagsplatz umgezogen sind, einer öffentlichen Wiese aus Teppichgras und mit riesigen, schattenspendenden Banyanbäumen hinter der Wisma-Atria-Shopping-Mall, belegten wir den schmalen Streifen, der neben dem Lucky Plaza von der Mount Elizabeth Road die Orchard Road entlang verläuft, wo wir uns anschließend mit Mami-Instantnudeln, Palmolive-Shampoo und Jack-'n'-Jill-Snacks eindeckten. Davor hatten wir den Orchard Park vor der Haltestelle des Mass Rapid Transit mit Beschlag belegt, bis der Park an einen privaten Immobilienentwickler verkauft wurde.
Manche Läden im Lucky Plaza hängten Schilder mit Sitzen/Picknicken streng verboten auf und die Hour Glass Plaza band sich zur Abwehr der ausländischen Haushaltshilfen eine Sonntagsschürze aus Blumen um. Wir nahmen das Gelände trotzdem in Beschlag, verschafften uns in dieser Stadt einen Raum, wo wir aßen, tranken und plauderten, wenn auch nur für ein paar Stunden, bis wir wieder unseren Dienst antreten mussten. Egal wie köstlich Emys Pancit und Pets Lumpia waren, ich konnte kaum die Augen von meiner Armbanduhr abwenden. Im Gegensatz zu den Werktagen schienen die Sonntagnachmittage viel schneller zu vergehen.
Nach vielen Jahren in diesem Land erkenne ich rasch, wo unsichtbare Zäune die Hausangestellten und Arbeiter von öffentlichen und privaten Plätzen fernhalten sollen. Hier ist es nicht anders als in Manila, wo wir nach unserer Hautfarbe beurteilt werden, dem Zustand unserer Zähne, nach unserer Sprache, unserem Dialekt, unseren Kleidern und Schuhen, danach, wie wir gehen und stehen, nach dem, was wir essen, nach den Vierteln, die wir mit Beschlag belegen, den Menschen, die unsere Verwandten und Freunde sind.
Meiner Mutter schreibe ich nichts von diesen unsichtbaren Zäunen. Stattdessen erzähle ich Nay, wie gern sich meine derzeitige Mam in Schale wirft und mit Sophie in den Tiffin Room des Raffies Hotels zum Tee geht (»Sag ›Tea‹, Liebling, nicht ›High Tea‹«, erklärt Mam ihr) oder ins neueröffnete Colony im Ritz-Carlton (»Die Kellner sind angezogen wie früher die Butler«, sagt Sophie). Ich gebe Nanay die Auflistung der Speisen auf dem Büfett und den silbernen Etageren weiter, die mir Sophie mit zuckrigem Atem aufsagt: Rosinen-Scones mit Clotted Cream, Gurken- und Lachssandwiches, Obsttörtchen und Biskuitkuchen, Currypasteten, alles Dinge, die ich höchstwahrscheinlich nie kosten werde. Mit Hilfe von Kochbüchern lerne ich, manches davon zuzubereiten. Ich male mir gern Nays Gesicht aus, wenn ich ihr eines Tages eine dieser Köstlichkeiten serviere.
Bei den Sonntagspicknicks geht es auch ums Geschichtenerzählen. Wir erzählen Geschichten von Dienstmädchen, die mit ihrem amo umgebracht werden oder von ihrem amo, von anderen Dienstmädchen, anderen Menschen und von eigener Hand. Eine Arbeitgeberin ist von der Regierung mit einem Bußgeld belegt worden, weil sie sich ein Jahr lang weigerte, ihrem Dienstmädchen das Gehalt zu zahlen. Eine andere zieht ihrem indonesischen Dienstmädchen etwas vom Gehalt ab, weil die den Tofu falsch schneidet. Eine dritte nennt sich Asam und hat einen Blog, auf dem sie detailliert berichtet, wie sie zehn Dienstmädchen gefeuert hat, und fordert die Leser und Leserinnen auf, ihre eigenen Horrorgeschichten von diebischen, unhöflichen, undankbaren, mürrischen, unbelehrbaren, rachsüchtigen, kranken und promiskuitiven Dienstmädchen zu erzählen, egal ob an den Geschichten was dran ist oder nicht.
Wie leicht sich Haushaltsgeräte in Folterwerkzeuge verwandeln lassen: ein Bügeleisen, ein Teekessel, ein Mörser, ein Pfannenwender aus Metall, ein Hammer, ein Staubwedel, eine Bambusstange. Ebenso Körperteile der Arbeitgeber: Zähne, Fingernägel, Hände, Arme, Knie, Füße. Schlimmer noch sind die Worte, die nach Galle und Säure stinken. Und die Augen und Hände, die dir in Ecken und Zimmer folgen, wo keine Überwachungskamera hinsieht. Letztes Jahr sind sieben Dienstmädchen beim Fensterputzen aus einem Hochhaus in den Tod gestürzt.
Auch ein friedliches Land, wie dieses, hat seine dunklen Seiten, doch unsere Geschichten handeln nicht nur davon.
Wir sprechen über eine kababayan, die ihren amo beerbte, einen Arzt, den sie nach seiner Krebsdiagnose bis zum Tod umsorgt hatte. Eine andere hatte eine alaga, die Jahre später einen Film über sie drehte, und ich erkenne das Lolita-Carbon-Lied am Ende des Films wieder, weil meine Kindheit auf Banwa von Radioklängen durchdrungen war. Wieder eine andere zog einen alaga groß, der später als erster Athlet aus Singapur (genaugenommen aus Südostasien) bei den Olympischen Spielen eine Goldmedaille in einer Schwimmdisziplin holte. Die Enkelsöhne der englischen Königin wurden von einem philippinischen Kindermädchen großgezogen, das der erstgeborene Prinz später zu seiner Hochzeit einlud.
Noch ist es nicht so weit, dass uns das Thema Automatisierung Angst macht. Jetzt müssen wir uns noch keine Sorgen machen, dass Roboter uns ersetzen, aber keine von uns gibt sich der Illusion hin, wir wären unersetzlich. Ein Roboter gibt die perfekte Bedienstete ab: Er macht, was ihm gesagt wird, er arbeitet, solange die Batterien durchhalten, er braucht keinen Urlaub, er gibt nie Widerworte oder wehrt sich, er beschwert sich nie und fragt nie nach einer Gehaltserhöhung. Aber es dauert noch, bis Roboter so billig sind wie menschliche Arbeitskräfte. Bis dann gehen wir überall hin, wo wir gebraucht werden. Jemand – eine Singapurerin, die einer NGO angehört, die bedürftigen ausländischen Gastarbeitern hilft – hat mir einmal erzählt, die meisten der im Ausland arbeitenden Filipinos seien zwar in Asien beschäftigt, doch man würde sie überall auf der Welt antreffen. Sie gab mir ihre Visitenkarte mit den Worten, wenn ich Hilfe brauchte, könne ich mich jederzeit melden.
Ligaya arbeitet hier genauso lange wie ich. Ihr amo ist Lehrer und lebt in einer Wohnung des Housing and Development Board in Yishun. Sie erzählt allen, sie sei »lakíng Tondo«, und die Art, wie sie es sagt, hält sämtliche Männer in unserem Kreis – ob Philippiner oder Bangladescher – davon ab, diese prahlerische Aussage zu hinterfragen. Die aus Bangladesch wissen nicht genau, wo in Manila Tondo liegt.
Ligaya weiß von den unsichtbaren Zäunen, ist aber der Meinung, dass es immer einen Schleichweg gibt, wenn man die richtige Einstellung und die richtigen Beziehungen hat. Sie beschwert sich darüber, dass man als Fußgänger auf Straßen und in U-Bahnhöfen nur auf vorgeschriebenen Wegen gehen darf. Sie gehört zu denen, die mit zerrissener Jeans und T-Shirt einen Rolex-Laden betreten und die Verkäufer geradezu auffordern, sie rauszuwerfen. Meistens treten die nach einem raschen Blick auf Ligaya einen Schritt zurück und lassen sie in Ruhe; andere machen einen auf deadma, ignorieren sie bewusst, als wäre sie ein unsichtbares Gespenst.
»Fertig gepackt?« Ligaya besteht darauf, dass zumindest wir zwei eine despedida feiern. Wir essen die Turon, die wir am Sonntag bei einer der manang gekauft haben, die im Lucky Plaza an den Ständen bedienen. Eigentlich wollte Ligaya eine richtige Abschiedsparty schmeißen. Ich sei dazu nicht in Stimmung, erklärte ich.
»Alles passt in eine Reisetasche, die ich als Handgepäck mitnehmen kann«, sage ich.
Das letzte Mal, als ich zu Hause war, vor mehr als zwei Jahren, musste ich zwei schwere Koffer von Flughafen zu Flughafen, vom Taxistand zum Fähranleger und zur Insel schleppen, wo mich meine Mutter erwartete, dabei hatte ich schon Monate davor eine Balikbayan-Box vorausgeschickt. Diesmal gibt es keinen Grund, weshalb ich mein Gepäck mit vielen Lagen Plastikfolie mumifizieren sollte, damit das Sicherheitspersonal am Flughafen keine Kugeln oder andere verbotene Gegenstände hineinschmuggelt.
»Du hast alle deine Dokumente beisammen?«
»Ja. Mam hat die Agentur gebeten, sich um den Antrag auf Heimaturlaub zu kümmern.«
»Diese Wegelagerer verlangen dafür vierhundert Dollar! Wenn deine Mam sich selbst darum kümmert, kostet es bloß etwas mehr als hundert Dollar.«
»Sie hat mir erklärt, dass ihre Zeit viel mehr Dollar in der Stunde wert ist, lah. Du weißt, wie lang die Liste der nötigen Dokumente ist.«
Mir ist die Liste von Namen und Abkürzungen so vertraut wie die Perlen am Rosenkranz meiner Mutter: OEC, Overseas Employment Certificate (Anstellungsbestätigung); SEC (Standard Employment Contract – der Standardarbeitsvertrag, ausgestellt von der philippinischen Botschaft); UOE (Undertaking of an Employer – Verpflichtungserklärung des Arbeitgebers, ausgestellt von der philippinischen Botschaft); Arbeitserlaubnis; Pass; Ausweis; Vertragserfüllungsbürgschaft; MOM (Medical Insurance Policy – die vom Arbeitsministerium verlangte Krankenversicherung); OWWA (Overseas Workers Welfare Administration – Bestätigung, dass man als ausländische Arbeitskraft sozialversichert ist); PIF (Pag-IBIG Fund – Mitgliedsbeitrag für Pag-IBIG Fund, den Immobilienkreditfonds); Fahr-/Flugschein oder Reiseroute.
»Kommt mir vor, als würden die uns für alles Mögliche blechen lassen«, sagt Ligaya. »Dem System kann man nicht trauen. Mein Onkel hat über vierzig Jahre lang für die Regierung gearbeitet. Jetzt ist er in Rente und hat seine Bezüge beantragt, und was sagen sie? ›Jemand hat Ihre Bezüge bereits erhalten.‹ – ›Wie kann das sein?‹, fragt mein Onkel. ›Die Schecks, die wir auf Ihren Namen ausgestellt haben, wurden bei einer Bank in Pampagna eingelöst.‹ Wat da? Mein Onkel lebt in Pateros. Patay lah.«
»Wie gut, dass man das OEC mittlerweile online beantragen kann. Wenn man beim selben Arbeitgeber bleibt, muss man beim nächsten Heimatbesuch keine Gebühren bezahlen«, sage ich.
»Was ist mit dem OWWA, ah? Der ausgezahlte Betrag reicht im Fall des Falles nicht einmal, um unsere sterblichen Überreste nach Pinas zurückzubefördern. Aber wenn ich tot bin, ist es mir ohnehin egal, was mit meinem Leichnam passiert. Meinetwegen können sie den ins Meer schmeißen«, sagt Ligaya.
»Das wird deinen Eltern nicht gefallen, lah«, sage ich.
Sie sieht meinen Gesichtsausdruck und beugt sich so weit vor, dass ich ihren Karamellatem riechen kann. »Du siehst ganz steif aus, kein Witz. Soll ich dir die Schultern massieren? Bekanntlich habe ich Zauberhände.«
Während sie meine Muskeln knetet, spüre ich meine Knochen weich werden.
»Weißt du«, sagt sie,»das Unglück kann viele Formen annehmen, manchmal kommt es aber auch nicht ganz so dick. Deine Nay hat vielleicht nur ihr Gedächtnis verloren, wie in einer Telenovela.«
»Was, wenn sie tot ist?«
»Dann finde sie und lass sie anständig beerdigen.«
»Und das von der Frau, die gerade erklärt hat, es sei ihr egal, was mit ihrem Leichnam passiert.«
»Das ist meine Einstellung, lah. Ich gehe nicht davon aus, dass andere das auch so sehen.«
»Was, wenn der Taifun sie erwischt hat und ich sie nicht finde?«
Ligayas Hände an meinem Hals sind warm. »Jetzt ist nicht die Zeit zum Trauern. Du findest sie, lah. Ich habe ein gutes Gefühl. Jetzt pass lieber auf, dass deine Tränen dir nicht das Turon versalzen.«
Seit siebzehn Jahren hatte Lia Silayco Agalon ihren vollständigen Namen nicht mehr benutzt. In all diesen Jahren war sie für die Zeitungen und Klatschblätter im Heimatland ihres Mannes Lia Liao, Frau von Alexander Liao, Schwiegertochter des Immobilienmoguls Wesley Liao, ungeachtet dessen, dass sie laut ihrem philippinischen Pass offiziell Maria Leah Agalon-Liao hieß. Sie hatte das Gefühl, durch die Aufgabe eines Teils ihres Namens etwas verloren zu haben, was durch die mittlerweile vollzogene Scheidung nicht wiedererlangt werden konnte. Doch zumindest wirkte die Rückkehr zu ihrem Mädchennamen Maria Lea Silayco Agalon wie ein Neuanfang, wenn schon nicht in realiter, so doch auf dem Papier.
Da war zum einen das Kind. Bei ihr daheim hätte eine Scheidung nicht Scheidung geheißen. Heimlich, still und leise hätte ihre Familie eine Annullierung erwirkt, die rückwirkend ihre Ehe für nichtig erklärt hätte, als wäre sie nie verheiratet gewesen. Wahrscheinlich hätte sie Natasha behalten dürfen, da nach dem Gesetz ihres Heimatlandes die Mutter als Hauptbezugsperson galt, wobei der Begriff Hauptbezugsperson nicht auf die vielen Dienstmädchen angewendet wurde, die Natashas Windeln wechselten, neben ihrem Bett auf dem Boden schliefen und sie von der Schule abholten, die Mahlzeiten für die Familie kochten, deren Wäsche wuschen und den geräumigen Oberschichtsbungalow in der Dalvey Road putzten.
Obwohl dieser im modernen Shanghai-Stil eingerichtet und strategisch mit Antiquitäten ausgestattet war, die aus Ländern des Fernen Ostens stammten, kam es Lia angesichts der Herkunftsländer der Dienstmädchen und der Chinoiserien manchmal so vor, als hätte sie das Agalon-Anwesen in Lavezares Village nie verlassen. Vertraut mit den Unwägbarkeiten, den Höhen und Tiefen einer engen Bindung, sorgte Lia dafür, dass keines der für Natasha zuständigen Dienstmädchen länger als die vertraglich vereinbarten zwei Jahre bei ihnen blieb, egal wie lieb sie war. Vor allem, wenn sie lieb war.
Was die heimische Gerüchteküche betraf, so war es ihrer Familie nicht gelungen, das Unkraut in den Klatschspalten komplett auszurupfen, doch man konnte den Schreiberlingen drohen, ihnen die Zunge herauszureißen, sollten sie es wagen, Lias Namen zu erwähnen. Am Telefon hatte ihr Vater Lia erklärt, dass die Journalisten eine Kost aus Bargeld, Freikarten, Mahlzeiten und beträchtlichem Rabatt im Einzelhandel gewohnt waren. Die phantasievolleren unter ihnen wollten sich nicht länger die Hände mit Geld schmutzig machen, sie bevorzugten Aktien, Eigentumswohnungen oder Grundstücke und »Studienreisen« ins Ausland, bei denen sämtliche Kosten übernommen wurden. Zudem konnte man darauf zählen, dass Journalisten im Schnitt eine niedrigere Lebenserwartung hatten.
Seltsamerweise fühlte sich Lia nach dem Telefonat nicht erleichtert. Sie störte sich weniger an dem, was ihr Vater gesagt hatte – schließlich hörte sie ihn nicht zum ersten Mal über solche Dinge reden –, sondern vielmehr an der Nonchalance, mit der er seinen Schlachtplan für die Manipulation der öffentlichen Meinung darlegte. In den Philippinen braucht ein Politiker oder Geschäftsmann lediglich den Wunsch zu äußern, er wolle eine bestimmte Person loswerden, schon verschwand besagte Person, entweder buchstäblich oder im übertragenen Sinn mit Hilfe von Geld und Muskelkraft.
Zwar hatten sie das gemeinsame Sorgerecht, doch es war Alexander – der abwesende Vater, ein evangelikaler Christ –, der die Sorge und Betreuung ausübte. Natasha war in Singapur aufgewachsen (die kurzen Ferienaufenthalte auf den Philippinen zählten nicht), hatte sich gut an den rigiden Lehrplan der Nanyang Girls' High School gewöhnt und dem Richter erklärt, sie wolle nicht auf die Philippinen ziehen. Beim Familiengericht in Singapur wurde Lias Familienname kaum zur Kenntnis genommen, mochte er auf der anderen Seite des Südchinesischen Meers noch so berühmt sein. Natasha, wohlaufgehoben im Namen und Umfeld ihres Vaters, war für ihr Alter außergewöhnlich eigenständig und hatte seit dem Eintritt in die High School ihre Mutter um nichts mehr gebeten.
Dann hatte es den Skandal gegeben.
Nachdem Natasha die Grundschule abgeschlossen hatte und ihr Mann für das Familienunternehmen nach Dubai gegangen war, hatte Lia, um etwas Gewicht zu verlieren, mit einem Personal Trainer gearbeitet. Aerobic, Core-Übungen und Krafttraining hatten Pausbacken und Körperfett verschwinden lassen sowie manche ihrer Zweifel ausgehöhlt, die sie am Sinn ihres Lebens gehabt hatte.
Lia hatte ihr Bestes gegeben, um eine gute Ehefrau und Schwiegertochter zu sein. Mit anderen tai-tai die üblichen Mittagessen, Mah-Jongg-Nachmittage, Benefizveranstaltungen, Produkteinführungen und Vernissagen absolviert. Sie verwaltete die Wohltätigkeitsstiftung ihrer Schwiegerfamilie und unterschrieb Schecks, mit denen Tanztheaterproduktionen, Sonderausstellungen, Projekte zur Erhaltung der Biodiversität oder des kulturellen Erbes gesponsert wurden. Sie hatte mit ihrem Gesicht und Namen für das Symphonieorchester geworben, für das Rote Kreuz, den Verein »Auch Gelegenheitsarbeiter zählen« (schließlich waren viele davon ihre kababayan), für AIDS-Galas, das Programm »Verschenk eine Mahlzeit« der Stiftung »Mainly I Love Kids« (MILK), den Tierschutz.
Und trotzdem zogen sich die Stunden endlos hin. Die Bücher, die sie las, verschlossen sich vor ihr. Mit undurchdringlicher Miene präsentierten die tai-tai Geschlossenheit, achteten dabei aber sorgfältig darauf, ihre Meinung, ihr Urteil für sich zu behalten. Mit den von ihrem Arzt verschriebenen Tabletten konnte sie sich nicht länger Schlaf erkaufen. In ihrem Ankleidezimmer stapelten sich vollgestopfte Kartons mit der Ausbeute, die sie von gemeinsamen Shoppingtouren mit den Frauen und Töchtern von Männern, die derselben Gesellschaftsschicht wie ihr Mann angehörten, heimgebracht hatte. Lia konnte sich kaum mehr daran erinnern, warum sie da waren und warum sie überhaupt so viel Geld dafür ausgegeben hatte. Das kunstvoll angerichtete Essen, das man ihr hinstellte, schmeckte sämtlich wie ein zu lange in ungesalzenem Wasser gekochter Fisch. Wenn sie ihre diversen Aktivitäten einstellte und verschwände, würde alles ohne sie weiterlaufen. Natasha würde weiterhin zur Schule gehen, Alexander hätte kein Problem, einen Ersatz für sie zu finden, Haus und Garten wären immer noch tadellos in Schuss, die Wohltätigkeitsorganisationen würden eine andere Sponsorin finden.
Außer der erkauften Freiheit hatte ihr diese Ehe wenig eingebracht. Lia dachte an all die Projekte, die sie angefangen und nie beendet hatte: Die Bücher, die sie nach wenigen Kapiteln abgebrochen hatte, die Geschichten und Gedichte, die sie zu schreiben begonnen hatte, die karitativen Unternehmungen, an denen sie kaum teilnahm, die Hatha-, Vinyasa-, Ashtanga- und Bikram-Yoga-Kurse, die sie unregelmäßig besuchte, die Vorstandssitzungen, bei denen ihr vorgegeben wurde, wie sie abzustimmen hatte, der Masterstudiengang in Politikwissenschaft, Geschichte oder Literatur, für den sie sich eventuell einschreiben wollte, die Frauen, mit denen sie hätte befreundet bleiben sollen.
Mittlerweile hatte Alexander ordentlich zugelegt und wurde seinem Vater, den er nicht mochte und nie zufriedenstellen konnte, immer ähnlicher. In den ersten sechs Monaten mit Alexander hatte sie nur eine vage Vorstellung von seiner Familie, so eifrig ersparte er ihr Einzelheiten. Wenn sie jetzt so darüber nachdachte, musste sie feststellen, dass sie bei diesem Thema ebenso zugeknöpft gewesen war.
Jahre später passierte Ähnliches, nur aus einem anderen Grund, mit anderen Folgen. Alexander brachte seine Gedanken und Gefühle nicht mehr mit nach Hause, sondern beschränkte die Gespräche rund um Tisch und Bett lieber auf den Ehealltag. Allmählich zehrte das tägliche Miteinander an ihm und er hörte auf, ihr jene Höflichkeit zu erweisen, die er Mrs. Deng, ihrer Haushälterin, nie vorenthalten würde. Für beide war es eine große Erleichterung, als sie sich für getrennte Schlafzimmer entschieden.
Lia fand Kevin Hale nicht verführerisch. Er war ihr Personal Trainer, ein besserbezahlter Dienstbote, der über jene Motivationsfähigkeit verfügte, die nötig war, damit sie wieder ihre alte Figur zurückgewann. Sie mochte Männer, die adrett waren, gertenschlank, dunkelhaarig, mit mandelförmigen Augen und brauner Haut, keine Muskelprotze mit blauen Augen und ausgeprägter Kinnpartie.
Es hatte mit Kräutertee und koffeinfreiem Kaffee nach dem Workout begonnen, mit Mittagessen unter der Woche, während sie darauf wartete, dass Natasha von der Schule heimkam. Kevin hatte seine Hand auf ihre gelegt, während sie ihm von ihrem Streit mit Alexander erzählt hatte, weil dieser sich weigerte, sie nach Dubai mitzunehmen. Unter Tränen hatte sie sich bei Kevin bedankt, dem Vorfall aber keine Beachtung geschenkt.
Als Kevin sie küsste – ein schneller, sanfter Druck auf den Mund statt der üblichen besos auf die Wangen –, gerade als sie in der Tiefgarage der Shopping-Mall, in der sie sich zum Mittagessen verabredet hatten, ihren Autoschlüssel herausholte, dachte sie an den Knoblauch in ihrem Pastagericht, bevor ihr klar wurde, worauf der Mann hinauswollte. Sie konnte ihn im Rückspiegel sehen, wie er reglos, mit ernstem Gesicht dastand, und drückte aufs Gaspedal, damit der Abstand zwischen ihnen größer wurde.
In ihrem Ankleidezimmer musterte Lia die Frau im Spiegel, deren Augen und Mund verschmiert waren. Eine Affäre mit dem Personal Trainer entsprach derart dem Klischee, dass es erbärmlich war. Sie entsann sich, wie angewidert und voller Verachtung sie gewesen war, als sie vor zehn Jahren vom Tanzlehrer ihrer Mutter erfahren hatte. Lia brach in Lachen aus.
Alexanders Vater hatte es so arrangiert, dass er und Anneliese, seine eurasische tai-tai, getrennte Wohnsitze hatten. Er war aus seinem Anwesen an der Marine Parade Road ausgezogen und hatte vorübergehend in der Royal Suite im Raffies Hotel logiert, bis sein Penthouse in der Wallich Residence, das sich über drei Stockwerke erstreckte, bezugsfertig war.
Wesley Liao mochte seine Frauen groß und schillernd, wie seine Hochhäuser. Er wurde mit einer Reihe junger Frauen fotografiert, die bald als die Four Beauties bekannt waren – eine ehemalige Miss Singapur, die Tochter eines Wirtschaftsmagnaten, die Tochter eines Ministers sowie eine junge Frau aus der Volksrepublik China. Als Patriarch sah er keinen Widerspruch darin, seinen Sohn Alexander darüber zu belehren, dass er eine bessere Wahl hätte treffen können, als eine Frau aus einem Dritte-Welt-Land zu heiraten, auch wenn sie aus einer guten Familie stamme.
Das Bild von Wesley Liaos leberfleckiger Hand auf ihrem Knie unter dem roten Tischtuch während eines Silvesterbanketts verschwand, als Lia Kevins Zunge in ihrem Mund und seine Finger unter ihrem Rock spürte. Nachdem sie tagelang zwischen Furcht und Sehnsucht geschwankt hatte, kam es ihr nun vor, als befände sie sich im Auge eines Sturms. Kevin hatte den langen Kuss unterbrochen, sich hinter das Lenkrad ihres Wagens gesetzt und war in einen Teil Geylangs gefahren, wo sie nicht auf jemanden aus Lias Kreisen treffen würden.
Die blauweiße Fassade des preiswerten Hotels war pseudogeorgianisch und die Wand hinter der Rezeption unerklärlicherweise mit einem riesigen Foto des Fujiyamas geschmückt, der schneebedeckt und von Kirschblüten umweht war.
Kevin bezahlte das Zimmer, das kleiner war als das Gästebad ihrer Villa in der Dalvey Road. Auch wenn Wände und Fußboden aus reinem Sperrholz bestanden, das Bett war groß und weich, das Bettzeug duftend und sauber.
