Stille Nacht - Martin Walker - E-Book

Stille Nacht E-Book

Martin Walker

3,0
10,99 €

Beschreibung

Lucia soll für einen Concept Store das passende Weihnachtsambiente schaffen – und das mitten im Sommer, doch die Dekorateurin kann sich schlecht auf ihre Arbeit konzentrieren. Ihr Mann Simon ist als Kriegsfotograf im Nahen Osten. Und dann kommt die so gefürchtete Nachricht: Simon ist bei einem Einsatz getötet worden. Nur langsam erholt sich Lucia vom Verlust. Was ihr bleibt, sind Simons zahlreiche eindringliche Bilder. Ein Jahr später wird Lucia von einem Mann angesprochen, der ihr irgendwie bekannt vorkommt. Scheu entwickelt sich zwischen ihr und Saeed, einem Künstler aus Syrien, eine zarte Beziehung. Er ist einer der Menschen, die Simon fotografiert hat. Martin Walker hat eine berührend liebe- und humorvolle Geschichte geschrieben, die dazu ermuntert, trotz politischer Wirren und privater Mühsal nicht aufzugeben.

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Seitenzahl: 62

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Martin Walker

Stille Nacht

Nicht nur eine Weihnachtsgeschichte

DÖRLEMANN

eBook Ausgabe 2017 Alle Rechte vorbehalten © Copyright 2016 Dörlemann Verlag, Zürich Umschlaggestaltung: Mike Bierwolf Satz und eBook-Umsetzung: Dörlemann Satz, Lemförde ISBN 978-3-03820-938-6www.doerlemann.com

Inhalt

CoverTitelei und ImpressumLucia saß im Park, …Lucia konnte nicht sehen, …Zum BuchZum Autor

 

Lucia saß im Park, es war ein heißer Tag, der erste in diesem Jahr, man hatte sehnsüchtig auf helleres Wetter gewartet. Die plötzliche Hitze drückte nun schwer auf die angestaute Schwermut und machte gleichzeitig die Menschen leicht. Das Licht ließ das Grau des Alltags schrumpfen, bis es implodierte und sich in gute Laune verwandelte. Kinder sonder Zahl sprangen und hüpften und wurden halbwegs davon abgehalten, ins seichte Wasser des Brunnenbeckens zu springen. Die Ausgelassenheit brach sich ihren Weg wie bei Kälbern, die nach langen Winterwochen zum ersten Mal auf die Weide dürfen. Kleinkinder lagen nur in Windeln im Schatten auf dem Rücken und ruderten mit den Ärmchen, strampelten mit speckigen Beinchen in der Luft. Väter zeigten ungeniert ihre nackten Oberkörper, denen man den langen Winter deutlich ansah. Junge Männer, ebenfalls halbnackt, machten selbstverliebt Tai-Chi-Übungen und zeigten der schwitzenden Umwelt, wie eins sie waren mit ihr – und sich selbst. Junge Frauen im Bikini sonnten sich auf der Wiese. Andere lagen da in BH und hochgeschobenen leichten Röcken. Ungehörig irgendwie, zu intim und doch einladend frivol. Der Rauch unzähliger Grills verfing sich in Büschen, hockte über ausgebreiteten Decken, kräuselte sich in den blauen Himmel.

Lucia saß im Park. Es roch nach Orient. Das Stimmen- und Sprachengewirr drang schmerzhaft laut an ihre Ohren. Sie roch das Lammfleisch, den Kreuzkümmel, verbrennendes Fett unzähliger Lammspieße, hörte Arabisch, Türkisch, Dari, Portugiesisch und Deutsch, sah Menschen mit bleichen Beinen und roten Schultern, sah Menschen mit dunkler und noch dunklerer Haut. Lucias Blick wanderte zum Himmel, zu den gewaltigen Ästen des Baumes, unter dem sie saß, einer Zeder, natürlich einer Libanonzeder. Jede einzelne ihrer Nadeln versetzte ihr einen Stich.

Orient, das war da, wo sich Simon gerade befand.

Orient, das war da, wo ihr Mann viel zu oft und jetzt schon wieder viel zu lange war. Dieser Orient hatte nichts mit der fröhlichen Stimmung im Park zu tun, da war kein verklärtes Bild von farbenfrohen und wohlriechenden Märkten, von Stoff- und Schmuckhändlern, von dampfenden Töpfen auf halboffener Straße, auf der Fetzen von Musik zu hören waren, von rauchenden Männern vor ihren Teegläsern, von tiefen Blicken hinter dunklen Schleiern. Da war nur Angst. Da waren Splittergruppen von Oppositionsparteien, da war der Islamische Staat, der Menschen vor laufender Kamera die Köpfe abschnitt, da waren Militärs verschiedener Staaten und Bomben, die wahllos töteten. Da rasten schlecht ausgerüstete Kämpfer in Pick-ups rum, mit montierten Maschinengewehren auf der Ladefläche, scharf geladenen Waffen unter wehenden Fahnen.

Und ihr Mann mittendrin. Mit einer Kamera in der Hand, einer zweiten um den Hals gehängt, einer dritten mit kurzem Objektiv in einer Tasche. Er trug eine schusssichere Weste über seinem verschwitzten Hemd, war unrasiert und übermüdet und neugierig.

Lucia saß im Park und hasste die Menschen. Sie hasste die Fröhlichkeit. Sie hasste die Flüchtlinge, die schuld waren, dass ihr Mann nicht da war. Lucia saß im Park und schämte sich für diesen Gedanken. Natürlich konnten sie nichts dafür und trotzdem war Simon dort, wegen ihnen. Weg hier, dachte sie, einfach weg hier.

Der Abschied war ein endgültiger, wie immer in der Maske des Alltäglichen, der Wiederholung. Sie waren die Abschiede gewöhnt.

Nur ein paar Wochen, versprach Simon, und er lächelte dazu, während er die letzten Dinge einpackte. Ich passe auf, ich bin ja nicht allein.

Lucia kannte das Packritual, Lucia kannte das Lächeln und sie kannte die Lüge, an der sie sich beide klammerten, wie sich ein Rebstock Stück für Stück Halt sucht und sich mit Bestimmtheit um jeden noch so dünnen Draht rollt. Natürlich konnte es gefährlich werden, schließlich reiste er in den Krieg.

Simon klopfte die Taschen ab – Pass, Tickets, Dokumente, Geld – alles da. Er stand hilflos im Flur, den Rucksack auf dem Rücken, die abgewetzten Reisetaschen lehnten sich am Boden vertraut aneinander.

Sie sprachen nicht mehr viel. Die Diskussionen hatten sie bereits geführt, am Küchentisch, auf dem Sofa, im Bett spätnachts bei offenem Fenster flüsternd, was die Dringlichkeit dämpfte und das Ergebnis nicht zu ändern vermochte.

Lucia wusste, er musste wieder in den Krieg, er musste diese Fotos schießen, die um die Welt gingen, Bilder, die ihm Preise einbrachten – Ehrungen, die ihn nicht interessierten. Die Menschen interessierten ihn und er fühlte sich schuldig, weil er sie in ihrer Hilflosigkeit entblößte – und gleichzeitig hoffte, damit etwas zu bewirken. Er fühlte sich mitschuldig an der Situation, ohne etwas dafür getan zu haben, und gerade im Nichtstun bestand die Schuld, die er tilgen wollte, indem er festhielt, was alle wussten, aber niemand sehen wollte. Szenen, die nicht gezeigt wurden, weil man sie niemandem zumuten wollte. Wenn Simon abends die Fotos des Tages durchschaute, weinte er oft dabei – er sah Menschen, die vor kurzem noch mit ihm geredet hatten, deren Hand er gedrückt hatte und die jetzt tot waren. Und er sah auch die Fotos, die er nicht geschossen hatte.

Simon suchte nicht die Gefahr, Simon war nicht mutig, er war nicht leichtsinnig, Simon lag, das wusste Lucia, lieber in ihren Armen, als dass er sie in seinen hielt.

Jetzt streckte er sie aus, die Taschen rechts und links griffbereit. Lucia ging auf ihn zu, umfasste seine Hüfte, legte ihren Kopf an seine Brust, spürte seine Hände an ihrem Rücken. Sie küssten sich. Nein, nicht das letzte Mal. Sie spürte, dass er jetzt gehen wollte. Und wollte nicht, dass er ging.

Komm wieder, flüsterte sie in sein Ohr, ich liebe dich.

Pass auf dich auf, sagte er und drehte sich halb um. Ich liebe dich auch, jetzt und morgen und in fünfzig Jahren.

Früher hatte sie ihn zum Flughafen begleitet, zum Bahnhof, hatte ihn am Bahnsteig abgeholt, hinter der Schranke nach der Zollkontrolle auf ihn gewartet.

Lucia blieb noch einen Augenblick im Flur stehen, zwinkerte eine Träne weg und ging in die Küche. Seine Tasse würde sie noch nicht spülen, würde sie stehen lassen. Zwei, drei Tage. Sie hatten wie auch zuvor ausgemacht, dass er keine SMS schicken würde, dass sie nicht skypen würden, dass er irgendwann einfach wieder vor der Tür stehen würde.

Lucia wusste, dass sie ab heute Zeitungen meiden, die Nachrichten im Fernsehen nicht mehr verfolgen und wenig ausgehen würde. Ihren Facebook-Account hatte sie schon vor Langem gelöscht. Sie ging ins Schlafzimmer, sammelte Wäsche auf und roch an seiner, ging in sein Zimmer und betrachtete die Bilder der Menschen, die eine ganze Wand füllten, sah in deren Augen und fühlte sich hilflos. Lucia wusste, die Menschen im Krieg konnten nichts dafür, dass Simon fort war. Sie waren Opfer zynischer Machtspiele, die sie nicht begreifen konnte.

In ihrem Arbeitszimmer öffnete Lucia die Fenster und hoffte auf Durchzug, der nicht nur Kühlung bringen, sondern auch noch die Gerüche des Parks aus ihrer Nase, aus ihren Haaren und ihren Kleidern entfernen sollte. Frische Luft sollte ihr die Sorge nehmen und ihre schweren Gedanken verwehen.