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Als Jill in den Gassen von Ebel dem magisch begabten Nero begegnet, spürt sie sofort, dass sein Schicksal eng mit dem des Landes verbunden ist. Doch nicht nur dieser Hauch der Vorsehung ermutigt sie dazu, sich ihm und seinen Freunden anzuschließen. Viel wichtiger ist ihr gemeinsames Ziel, den König Nuamars zu stürzen. Aber die Stimmen des Lichts, und auch Jill selber haben Geheimnisse, die es um jeden Preis zu schützen gilt. Bald schon zwingt eine aufkeimende Bedrohung sie, sich zu entscheiden: Kann sie Nero und seinen Freunden vertrauen oder muss sie ihren Weg alleine gehen?
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Für meine Familie und Freunde
Kapitel 1: Begegnung
Kapitel 2: Aus der Sonne in die Nacht
Kapitel 3: Angebot
Kapitel 4: Glückstreffer
Kapitel 5: Lucy
Kapitel 6: Finsterer Wald
Kapitel 7: Schattenteufel
Kapitel 8: Dünnes Band der Zuversicht
Kapitel 9: Taktik
Kapitel 10: Vorahnung
Kapitel 11: Eis
Kapitel 12: Vision
Kapitel 13: Sturz
Kapitel 14: Der Nebel des Todes
Kapitel 15: Opferung
Kapitel 16: Trauer
Kapitel 17: Entführung
Kapitel 18: Die Moorhexe
Kapitel 19: Der Ursprung
Kapitel 20: Blaues Feuer
Kapitel 21: Feindesland
Kapitel 22: Wiedersehen
Kapitel 23: Missverständnisse
Kapitel 24: Kontrolle
Kapitel 25: Erleichterung
Kapitel 26: Hitze
Kapitel 27: Nemis
Kapitel 28: Xander
Kapitel 29: Der Krieger des Königs
Kapitel 30: Fluchtplan
Kapitel 31: Fliegender Tod
Kapitel 32: Falle
Kapitel 33: Das Kind des Königs
Kapitel 34: Rache
Mein Blick fiel von den drei rotbraunen Sturmklauen, die gerade gefährlich nahe über die Dächer der Stadt schossen und dabei das Stück Himmel, welches zwischen den Dächern zu sehen war, verdunkelten, wieder nach unten. Dort standen zwei Männer in schäbiger, abgetragener Kleidung in der Tür eines Hauses und unterhielten sich leise.
Auch sie hatten aufgesehen, als die großen, raubtierartigen Wesen mit ihrer Geschwindigkeit einen heftigen Luftzug in der Gasse verursachten und einer von ihnen mit seinem riesigen, ledrigen Flügel fast einen Schornstein mitgenommen hätte. Sie waren noch jung und verspielt und achteten nicht darauf, wo sie sich befanden. Aber mit ihren fünfzehn Metern vom Kopf bis zum Schwanzansatz wurden sie langsam zu groß für diese Gegend. Der einzige Grund, warum sie nicht vertrieben wurden, war, dass sie reine Pflanzenfresser waren und dafür sorgten, dass die Bäume und Sträucher nicht zu sehr wucherten. Und nebenbei schreckten sie mit ihrer Größe andere, gefährlichere Wesen ab.
Bald würden sie mit ihren Eltern zurück in die Berge ziehen, hoch auf die Gipfel, wo keine Eierdiebe sie erreichen konnten und wo sie dann selbst Familien gründeten.
Während die Männer weiter flüsterten, saß ich auf einer Steinmauer neben einem Rosenstrauch, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, die Mauer und das daneben stehende Haus für sich zu erobern. Große rosafarbene Blüten verströmten einen angenehmen Duft und kleine Vögel und Insekten nutzen den Platz, um Nahrung zu suchen.
Ich saß da und beobachtete die Männer, die nur ein paar Meter von mir entfernt standen und mich nicht beachteten. Sie waren zu vertieft in ihre Unterhaltung.
Es waren Händler, die illegal seltene Kreaturen fingen und dann verkauften. Ich hatte sie vor zwei Tagen dabei gesehen, wie sie einen Kristallvogel in den Wäldern fingen. Ein kleiner, dunkelblauer Vogel mit einem orangefarbenen Bauch und hellen Kristallen als Augen, der lange, geschwungene Schwanzfedern besaß und dafür nur kurze, winzige Beinchen, die zwischen den Federn kaum zu sehen waren.
Ich hatte es beobachtet und war ihnen daraufhin unauffällig gefolgt, um herauszufinden, wo sie ihn hinbrachten. Sie waren nicht die ersten Vogelfänger, die ich sah, daher wusste ich, wie sie vorgingen. Sie mussten irgendwo ein geheimes Lager haben, wo noch andere Tiere versteckt waren. Bisher hatte ich jedoch nicht herausfinden können, wo es sich befand – den Kristallvogel hatten sie direkt an einen Abnehmer verkauft und das Geld noch am gleichen Tag in einer schäbigen Bar versoffen. Und während sie betrunken auf dem Boden gelegen hatten, hatte ich dem Abnehmer einen Besuch abgestattet und den Vogel wieder freigelassen.
Neben mir, im Rosenstrauch, raschelte es und ich holte die kleine Box aus meiner Tasche. Es war eine Box mit blauen und weißen Kristallen auf rotem Stoff mit silbernen, hauchdünnen Mustern, die sich wie Blumen und Ranken hier und dort von der Farbe abhoben und die durch einen Mechanismus verschlossen war, den man auf den ersten Blick nicht erkannte. Mit wenigen Handgriffen öffnete ich sie und hielt sie nah an den Strauch, schräg hinter mich.
Der kleine, schlanke Körper, der dem einer Schlange ähnelte und im Sonnenlicht perlmuttfarbend glänzte, schlich schnell zurück in die warme Box, die mit rotem Stoff ausgepolstert war. Ich schloss sie und verstaute sie wieder in der Tasche.
In dem Moment erklang ein krachendes Geräusch und die Tür zu einer Bar, etwas weiter die Straße runter, wurde aufgerissen. Heraus kamen ein großes Mädchen mit rotbraunen Haaren und einem kurzen Kleid, welches sie mit den Händen abklopfte, als sei es schmutzig geworden und ein großer, breitschultriger Junge, der auf dem Rücken ein außergewöhnliches Großschwert trug.
»Kannst du dich vielleicht auch einmal nicht provozieren lassen? Echt mal, mit dir kann man nirgendwo hingehen! Was, wenn etwas kaputtgegangen wäre?«, keifte sie ihn an. Er ging nur weiter neben ihr her und brummte: »Tut mir leid.«
Sie warf ihm einen bösen Blick zu. Dann seufzte sie. »Wie auch immer. Lass uns die anderen suchen.«
Sie kamen an mir vorbei und da bemerkte ich, dass die zwei Händler verschwunden waren. Ich warf einen irritierten Blick die Gasse runter, konnte sie aber nicht entdecken.
Schließlich stand ich auf und lief den Weg zum großen Platz zurück. Dort war es voll, wegen des Marktes, der zwei Mal wöchentlich stattfand, trotzdem war ich mir sicher, dass ich die Männer wiederfinden würde. Auch ohne in die Zukunft zu schauen.
Als ich in die Menge eintauchte, nahm ich meine Tasche vorsorglich nach vorne und hielt sie fest. Um mich herum verkauften die Menschen ihre Sachen – Früchte, Fisch, Tonschalen und alles, was man so gebrauchen könnte.
Ich ließ mich davon zunächst nicht ablenken und suchte nach den beiden Gestalten, doch als ich sie nicht entdecken konnte, begann ich mich gelangweilt umzusehen. An einem Tisch mit Perlenschmuck blieb ich stehen und bewunderte die Auswahl.
»Seht Euch ruhig um. Es ist gute Qualität und ganz preiswert.«, versicherte mir die ältere Frau, die ein geblümtes Tuch auf dem Kopf trug und deren Augen vom Alter leicht trüb waren. Sie lächelte und drückte mir eine Kette in die Hand. Kurz betrachtete ich sie, legte sie dann aber zurück, da ich keinen Schmuck trug und ihn mir auch nicht leisten konnte.
Als ich mich zum Gehen abwandte, wurde ich plötzlich heftig angerempelt und meine Tasche wurde mir aus den Händen gerissen. Es war einer der Händler, der sie sich gepackt hatte und nun davonrannte.
»Hey!«, rief ich erschrocken und rannte hinterher. Panik überkam mich, als er sich in der Menge immer weiter von mir entfernte. »Stehen bleiben!« Er schlängelte sich mit Leichtigkeit zwischen den Menschen hindurch und brachte immer mehr Abstand zwischen uns.
Ich musste schneller rennen, durfte ihn nicht entkommen lassen! Aber mit den ganzen Leuten um uns herum, war das nicht so einfach. Immer wieder wurde mir der Weg versperrt und ich verlor den Mann schließlich ganz aus den Augen.
Wenn er die Box sah und sie öffnete, war alles verloren!
»Haltet ihn fest! Er hat meine Tasche!«, schrie ich weiter, doch niemand war schnell genug und niemand kümmerte sich groß darum.
Ich hätte ihn sofort aufhalten können, wenn die vielen Menschen nicht gewesen wären. Wäre es in einer einsamen Gasse passiert, wäre er nicht weit gekommen, aber hier, inmitten der Menge, konnte ich nichts machen. Es würde nur Chaos geben.
Doch wenn ich ihn wiederfinden konnte, würde ich sicher eine Gelegenheit finden.
Vor mir tauchte das Ende des Platzes auf. Die Menge lichtete sich und plötzlich sah ich ihn wieder. Der Mann war nicht mehr weit von mir entfernt. Gleich würde ich ihn greifen können!
Gerade, als ich meine Hand ausstrecken wollte, traf mich ein starker Stoß von der Seite und ich wurde hart zu Boden geworfen.
»Pass gefälligst auf, wo du hinrennst!«, beschimpfte mich ein dicker Mann im hellbraunen, fleckigen Ledermantel, statt mir aufzuhelfen. In seiner Hand hielt er einen halbleeren Bierkrug und er torkelte leicht.
Ich hatte keine Zeit, mich mit ihm zu beschäftigen. Hastig sprang ich wieder auf die Füße und stieß ihn grob zur Seite. Ich brach aus der Menschenmenge und sah mich um. Er war nirgends zu sehen.
»Nein! Nein!«, rief ich verzweifelt und rannte in die Gasse vor mir. So schnell ich konnte, lief ich über den steinernen, unebenen Boden.
Wo war er? Er konnte nicht weg sein! Er war hier irgendwo!
Laute Stimmen drangen an meine Ohren, doch ich hörte nicht hin. Die Gasse führte um eine Ecke, ich nahm sie im engen Bogen und stieß erneut mit jemanden zusammen. Bevor ich auf dem Boden aufschlug, packte eine Hand meinen Arm und fing mich auf.
Erschrocken hob ich den Blick. Es war der Junge mit dem Großschwert und neben ihm standen das Mädchen und noch ein weiterer Junge.
Schnell wich ich zurück.
»Wohin so eilig?«, fragte der Junge mit dem Schwert neugierig.
»Du musst auch immer im Weg stehen!«, fuhr der andere Junge ihn an.
»Wenn ich im Weg stehe, was machst du dann?«
Das Mädchen hob die Arme, um sie auseinanderzuhalten. »Jungs! Ruhe jetzt!«
Dann wandte sie sich mir zu. Freundlich fragte sie: »Ist alles in Ordnung? Du siehst etwas blass aus.«
»Habt ihr einen Mann hier vorbeikommen sehen?«, wollte ich atemlos wissen.
»Einen Mann?«, fragte der zweite Junge ahnungslos.
Ich nickte. »Ja. Er ist etwa so groß und trägt zerschlissene Sachen. Hatte es ziemlich eilig.«
»Doch nicht etwa der Glatzkopf?«, wollte das Mädchen wissen.
Ich blinzelte. »Das ist sein Komplize, glaube ich.« Ich war mir ziemlich sicher. Meine Augen huschten suchend die Gasse entlang, aber sonst war niemand zu sehen.
»Der Arsch hat mein Geld geklaut! Gerade eben!«, sagte sie aufgebracht.
Überrascht sah ich sie an. »Der andere hat meine Tasche. Ich brauche sie unbedingt wieder!«
Sie sah mich eine Weile nachdenklich an. »Mach dir keine Sorgen. Die Jungs finden die beiden und holen unser Zeug zurück!«, meinte sie schließlich und wies mit dem Daumen auf die zwei hinter ihr.
»Warum müssen wir das machen? War doch nicht unser Geld!«, sagte der mit dem Schwert mürrisch. »Und wie sollen wir sie überhaupt finden?«
»Dann streng dich mal an und such!«
Während sie anfingen, angeregt zu diskutieren, wandte ich mich ab und sah die Gasse hinunter. Ich würde sie selbst finden. Noch war es vielleicht nicht zu spät.
Die Sonne ging bald unter und die Menschen machten sich auf den Heimweg. Nachts sah man kaum noch Leute draußen. Es war zu gefährlich.
Ohne noch etwas zu sagen, lief ich los.
»Hey, warte doch!«, rief das Mädchen mir hinterher.
Aber ich wartete nicht. Ich musste die Box zurück bekommen, bevor sie sie öffneten. Bevor das größte Geheimnis an die Öffentlichkeit kam, denn es war noch nicht die Zeit dafür.
Mein Weg führte mich zu einem ruhigen Teil der Stadt, wo nur wenige Menschen lebten und die Abstände zwischen den Häusern größer wurden. Ich folgte den Wegen und stand bald vor der Stadtmauer.
Kurz sah ich mich nach allen Seiten um, ob jemand zu sehen war, dann krümmte ich meine Finger und sprang, wie eine Katze, auf die hohe Mauer. Oben angekommen blieb ich in der Hocke sitzen und sah auf die rostigen Dächer hinab. Meine Nägel kratzen an dem Stein und hinterließen feine Haarrisse.
Ich schloss die Augen und als ich sie wieder öffnete, öffnete ich damit auch meinen Geist. Vor mir sah ich die Stadt in einem seicht milchigen Schleier. Die Farben traten hier und da hervor, schienen zu leuchten, während andere Teile wiederum an Kontrast und Schärfe verloren und schwarzweiß wirkten. Es hing davon ab, worauf ich mich konzentrierte. Ein kühler Wind kam auf und streifte über meine Haut, wie eine sanfte Liebkosung.
Wo sind sie?, flüsterte ich dem Wind zu.
Keine zwei Sekunden später trug er mir ein Bild heran; Ein altes Gebäude, am Rand der Mauer. Zerbrochene Fenster und ein vermodertes Schild am Eingang. »Len's Gasthaus«, stand in fast vollkommen verblasster Schrift auf dem morschen, hölzernen Schild.
Ich blinzelte und das Bild war fort. Ich schloss meinen Geist und die Stadt wirkte wieder ganz normal. Hinter mir ging die Sonne unter. Die Umrisse der zwei Monde zeichneten sich hell und klar am Himmel ab. Man sah sie auch tagsüber, wie sie im blassen Weiß am Himmel standen, doch nachts zeigten sie, dass sie nicht bloß weiß, sondern auch lila und rot scheinen konnten.
In dem Bild schien die Sonne von Osten auf das Schild. Demnach stand das Gebäude links von mir.
Ich richtete mich auf und lief los, über die Mauer, während auf der einen Seite die Stadt und auf der Anderen die Wälder und Felder lagen.
Die Stadt war nicht sehr riesig. Schon bald sah ich das Gasthaus, das direkt an der Mauer stand und wurde langsamer.
Hoffentlich hatten sie die Box noch nicht geöffnet.
In der Nähe hörte ich niemanden, aber ich wusste, dass sie da waren. Sie mussten einfach, denn sonst hätte ich das Bild nicht gesehen.
Nun befand ich mich direkt über dem Haus und sprang leise von der Mauer auf das Dach. Der Höhenunterschied betrug nur einen halben Meter.
Vor mir befand sich ein eingeschlagenes Dachfenster. Ich schlich mich heran, wobei sich winzige Stücke von den Dachziegeln lösten und leise nach unten rieselten. Ich horchte, vernahm aus dem Haus zunächst jedoch nichts. Stattdessen drang ein Geräusch vom Hinterhof zu mir, der sich als Dreieck zwischen Haus und Mauer befand.
Bevor ich dem nachgehen konnte, vernahm ich von dem Dach eines gegenüberliegenden Hauses eine Bewegung. Ich blieb geduckt wo ich war und starrte in die Schatten zwischen den Schornsteinen und Dachschrägen der Fenster. Hinter einem der Schornsteine sah ich schließlich etwas. Jemand versteckte sich dort.
»Hey.«, zischte eine leise Stimme und ließ mich leicht zusammenfahren. Diese kam nicht von dem anderen Dach, sondern von der Mauer, hinter mir.
Ich drehte mich um.
Dort versteckte sich eine junge Frau mit dunklen Haaren. »Was machst du da?«, fragte sie leise.
»Und du?«, gab ich zurück, verwirrt darüber, dass sie mir vorher nicht aufgefallen war. Wo kam sie auf einmal her und was wollte sie hier?
»Ah. Du musst das Mädchen sein, dessen Tasche sie gestohlen haben.«
Ich überlegte, ob ich sie schon einmal gesehen hatte. Trotz der Schatten, die es im Prinzip unmöglich machten, sie zu identifizieren, war meine Antwort ein klares Nein.
»Hör zu. Wir haben uns einen Plan überlegt, wie wir sie überraschen. Es wäre blöd, wenn du hereinplatzt und alles zerstörst. Also kommst du am besten mit mir und wartest, bis die Sache vorbei ist.«
Während ich mich fragte, ob ich sie nun unhöflich und arrogant finden sollte, nickte ich und schlich zu ihr. Jetzt, da Zeugen in der Nähe waren, hatte sich die Lage sowieso wieder verändert. Wenn es nicht mehr anders ging und die Kerle die Box öffneten, konnte ich immer noch eingreifen. Vorausgesetzt, sie hatten sie nicht schon geöffnet. Aber darüber wollte ich lieber gar nicht erst nachdenken.
Dieses Mädchen musste jedenfalls zu den Leuten gehören, die ich vorhin getroffen hatte. Eine andere Erklärung fiel mir nicht ein.
»Also gut.«, sagte sie leise, als ich bei ihr war. »Die Jungs werden gleich reingehen und die zwei ein wenig ablenken. Dann schleichen wir rein und holen uns das Zeug zurück.«
»Klingt einfach.«
Sie lachte. Dunkel und ein wenig verschlagen. »Abwarten. Unsere Ideen verlaufen selten wie geplant.«
Auf dem Dach gegenüber bewegte sich erneut jemand.
»Es geht los.« Ihr Blick richtete sich nach unten, zum Eingang des Hauses.
Aus der Gasse vor dem Gasthaus traten aus dem Schatten drei Gestalten. Die zwei Jungen, die ich bereits gesehen hatte und in der Mitte ein weiterer. Er war nicht so groß wie der mit dem Schwert, hatte dunkles Haar, welches ihm leicht ins Gesicht fiel und ein Auftreten, welches Entschlossenheit signalisierte.
Als ich ihn ansah und der letzte Sonnenstrahl über die Dächer kroch und für kurze Zeit sein Gesicht erhellte, konnte ich seine Augen erkennen. Dunkel und irgendwie anders.
Ein Stich traf meine Seele. Es fühlte sich an, als würde sich mein Innerstes kurz zusammenziehen und mir die Luft nehmen. Von den Vorhersehungen der Zukunft geprägt, erkannte ich ihn sofort. Zum ersten Mal sah ich jemanden, der in der Lage war, alles zu verändern. Er war ein Auserwählter, über die Zukunft zu entscheiden!
Ich konnte es fühlen, fast als wäre es direkt vor mir, als könnte ich die Zukunft anfassen. Ich hatte gelernt solche Dinge zu erkennen. Es war ein Sinn, der tief in mir verankert war, der durch meine Abstammung in meinem Blut schlummerte und darauf wartete, gebraucht zu werden.
»Gut, komm.«, sagte das Mädchen neben mir.
Sie kletterte die Mauer und das Haus hinunter.
Die Jungen verschwanden aus meinem Blickfeld. Ich riss mich los und folgte ihr nach unten, wo sie mich anwies, durch ein kaputtes Fenster zu klettern.
Wir schlüpften in das ehemalige Gasthaus. Es war so dunkel, dass man kaum etwas erkennen konnte.
»Ich bin übrigens Jen.«, sagte das Mädchen und mit einem mal leuchtete etwas in ihrer Hand auf und tauchte den Raum in blaues Licht. Ich konnte nicht erkennen, was es war, aber nun war der Raum hell genug, um alles zu sehen.
Ein alter Holztresen und ein paar Tische und Stühle standen einsam herum. In einem Regal verstaubten Flaschen und Spinnweben zogen sich an der Decke entlang.
Es war kalt und roch muffig.
Jen lief zu einer Tür, spähte vorsichtig hindurch und gab mir ein Zeichen, dass ich folgen sollte. Wir traten in einen kurzen Flur mit blassgrünen Wänden und rotbraunen Fliesen. Von einem Ende drangen Stimmen zu uns und Licht fiel in den Flur.
»Wer seid ihr? Was wollt ihr hier?«, hörte ich einen Mann laut sagen.
»Ihr habt etwas, das uns gehört.«
»Keine Ahnung wovon ihr redet. Aber ich rate euch, jetzt besser zu gehen. Ihr habt hier nichts zu suchen.«, drohte einer.
»Wo ist es?«, beharrten die drei Jungs.
Jen drückte sich an die Wand neben der Tür und spähte in den Raum, um die Lage zu begutachten. Langsam trat ich neben sie. Aus dem Raum drang das Licht von Kerzen. Schatten bewegten sich am Boden.
Zumindest nicht, bevor ich sie umgebracht hatte.
»Ich habe gesagt, raus! Oder soll ich nachhelfen?« Der Mann klang wütend, als würde er jeden Moment die Beherrschung verlieren.
»Nun, eigentlich ist es auch egal. Wir finden es auch ohne eure Hilfe.«
»Tut uns echt leid.« Spott.
Ein dumpfes Geräusch erklang und jemand keuchte auf. Etwas klirrte und einer der Männer stieß einen wütenden Schrei aus, dann folgte ein weiteres dumpfes Geräusch und es war still.
»Das hätten wir.«
Jen löste sich von der Wand und trat locker in den Raum.
Die Stimme des anderen Mädchens, welches ich schon in der Gasse getroffen hatte, erklang. »Wollt ihr sie nicht lieber fesseln?«, wollte sie skeptisch wissen.
»Wieso? Sie haben nicht mal Waffen bei sich.«
Vorsichtig wagte ich mich um die Ecke. Die Fünf standen in dem kleinen Raum, um die zwei bewegungslosen Männer herum, die auf dem Boden lagen und äußerlich unverletzt wirkten.
»Hm?«, machte der Große mit dem Schwert, als er mich sah. Alle reagierten und schauten zu mir.
»Ah! Das Mädchen von vorhin!«, sagte die Braunhaarige, scheinbar erfreut mich wiederzusehen, nur um dann verwirrt hinterher zu schieben: »Wie kommt sie hier rein?«
»Ich habe sie abgefangen, als sie alleine in das Haus wollte.«, antwortete Jen.
»So?«
»Na, da hat sie ja Glück gehabt, dass wir da waren.« Nun, da sie alle still standen, hatte ich Zeit, sie mir einmal genauer anzusehen.
Jen stand mir am nächsten. Sie und das andere Mädchen waren etwa gleich groß, aber Jen schien zwei oder drei Jahre älter zu sein. Mitte zwanzig, würde ich schätzen. Sie hatte einen ernsten Gesichtsausdruck und ihre Augen waren blau. Die schwarzen Haare fielen ihr glatt auf die Schulter. Sie trug eine dunkle Hose und eine weiße Bluse, durch die ich ein großes, geschwungenes Tattoo sehen konnte, welches sich schräg über Bauch und Rippen zog.
Das andere Mädchen, mit den langen braunen Haaren, trug noch immer das kurze, beige Kleid, welches ihre langen Beine betonte. Ihre Augen waren so braun, wie ihr Haar und sie wirkte sehr zierlich und alles in allem offen und freundlich. Sie war wohl so alt, wie ich.
Der Junge, der neben ihr stand, hatte blondes, kurzes Haar und eine athletische Figur in dunklen Hosen und braunem Oberteil. Er war einen guten Kopf größer als sie. Seine Haut war blass, wie seine Augen und seine Ohren waren spitz. Er war ein Elf.
Der mit dem Großschwert hatte dunkelbraunes, wirres Haar und braungrüne Augen. Er schien auf den ersten Blick ebenfalls etwas älter zu sein und von allen am meisten Muskeln zu haben, was aufgrund des Schwertes gut nachvollziehbar, aber nicht ausschlaggebend war. Ein einfacher Mensch würde es auch mit mehr Muskeln kaum festhalten können. Er musste also etwas an sich haben, was ihm ermöglichte, es zu tragen. Äußerlich konnte ich jedoch nichts Ungewöhnliches feststellen.
Und dann war da der Dunkelhaarige. Man sah auch unter seinem blauen Oberteil Muskeln, aber trotzdem wirkte er nicht breit. Seine dunklen Augen musterten mich.
Wieder war da dieses Gefühl. Die Gewissheit, dass er anders war.
»Also, das ist Lucy.«, begann Jen, ihre Freunde vorzustellen. »Soran.«, sie zeigte auf den Blonden, der mir zulächelte. »Das sind Xander und sein Schwert Satariel und zu guter Letzt Nero, der Kopf unserer Gruppe.«
»Kopf würde ich nicht sagen.«, meinte Soran.
»Ne, das kann man zu euch allen dreien nicht sagen.«, erwiderte Lucy.
»Und wie ist dein Name?«, fragte Jen.
»Ich heiße Jill.«
»Hübscher Name, passt zu dir.«, sagte Soran und lächelte wieder.
»Ignoriere ihn einfach. Er versucht das bei jedem Mädchen.«, mischte Lucy sich wieder ein und machte eine wegwerfende Handbewegung in seine Richtung.
»Wir sollten jetzt unser Gold suchen.«
»Gold?«, fragte ich überrascht. Hatten sie nicht von Geld gesprochen?
Kurzes, betretenes Schweigen trat ein, in der jeder nach einer passenden Antwort suchte.
»Es ist nicht sehr viel.«
»Ja.«
»Hmh...«
»Und wo sind die Sachen?«, wollte ich ungerührt wissen. Meine Box musste hier schließlich irgendwo sein. Ihr Gold interessierte mich nicht, auch wenn ich nicht besonders reich war. Eigentlich war ich derzeit sogar ziemlich arm.
Lucy drehte sich schwungvoll um, trat zu einer Tür, auf der anderen Seite des Raumes, öffnete sie und kalte Luft zog hinein. Die Tür führte in den Hinterhof, wo ein kleiner Schuppen stand.
»Es muss alles hier drin sein.«
Wir folgten ihr zum Schuppen, als ich die Geräusche von Vögeln hörte – Vögel, die nicht in die Stadt gehörten.
Bevor ich etwas sagen konnte, hatte Lucy die hölzerne Doppeltür geöffnet und ein Licht entfacht, welches aus ihrer Hand schien, wie bei Jen zuvor. Damit sah man noch nicht viel, doch hier und da blitzte etwas in der Dunkelheit silbern auf. Sie fand den Lichtschalter und eine Deckenlampe erhellte den Schuppen und gab dessen Inhalt preis. Darunter auch das, was so geglänzt hatte.
Ich hielt unwillkürlich den Atem an.
Zwischen Säcken voll Diebesgut und Schmuck standen kleine, rostige Metallkäfige, in denen Kristallvögel und Perlentaucher gefangen waren. Tiere, für die eine Menge bezahlt wurde. Es waren mindestens dreißig Käfige. Die Tiere schrien und schlugen vor Angst wild mit den Flügeln, als das plötzliche Licht sie erschreckte. Manche regten sich kaum noch und verloren Federn.
»Das sind...«, fing Lucy fassungslos an.
»Wilderer also.«, sagte Xander.
»Sie haben die alle gefangen?« Lucy trat langsam vor, doch die Tiere wurden nur noch panischer.
»Was machen wir jetzt?«, fragte Soran.
Da sah ich sie – meine Box stand ganz am Ende des Schuppens, auf einem der Käfige. Sie war verschlossen.
Mir fiel ein Stein vom Herzen, aber die Erleichterung währte nur kurz, denn vielleicht hatten sie ihn schon entdeckt und irgendwo anders hingebracht. Ich sah die Käfige durch, konnte ihn aber nicht finden.
»Was ihr jetzt macht?«, erklang hinter uns eine Stimme.
Wir fuhren erschrocken herum. Es waren die beiden Männer. Sie richteten sich gerade wieder zu voller Größe auf und traten aus dem Haus in den Hof. Unter dem schmalen Vordach blieben sie stehen, etwa drei Meter entfernt von uns.
Sie hätten sie doch fesseln sollen.
»Wie wäre es, wenn wir euch diese schwierige Entscheidung abnehmen?«
In ihren Händen hielten sie Speere, an deren Spitzen blaue, magische Kristalle befestigt waren, welche in gewissem Maße die Elemente kontrollieren konnten. Wenn sie die gegen uns einsetzten, konnte das schlimme Folgen haben. Kristalle waren schwer zu handhaben. Wenn sie damit umgehen konnten, war das schlimm, wenn sie es nicht konnten, war es aber nicht gerade besser. Dann würden sie im schlimmsten Fall ein unkontrollierbares Chaos anrichten.
Xander griff nach seinem Großschwert und schwang es über seine Schultern nach vorne. Dabei machte es ein wütendes, surrendes Geräusch und blitzte im schwachen Licht. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. »Wir lassen uns nicht gerne etwas vorschreiben.«
Er führte das Schwert langsam zur Seite und schräg hinter sich. Alleine der Anblick, dass er es mit nur einer Hand so ruhig halten konnte, war in meinen Augen beeindruckend.
Die Männer betrachteten es, musterten den Jungen und das Schwert, sahen sich dann aber doch auf der besseren Seite, da sie die Kristalle besaßen, und lachten amüsiert.
»Mach dich nicht lächerlich. Ihr seid bloß Kinder.«
»Für wen fangt ihr die Vögel?«, erklang die Stimme Neros. Es war das Erste, was ich ihn sagen hörte. Er hatte eine dunkle, ruhige, kontrollierte Stimme.
»Schluss jetzt, wir beenden das Ganze!« Der Mann, der das Gold gestohlen hatte, schwang den Speer in unsere Richtung und macht eine schnelle, schneidende Bewegung in der Luft. Der Kristall an der Spitze glühte und knackte und aus dem Schnitt, den er gemacht hatte, schlug uns eine gewaltige Wasserfontäne entgegen.
Ich wollte mich instinktiv ducken und hob die Hände vor das Gesicht. Ich rechnete damit, hart getroffen, eventuell sogar von den Füßen gerissen zu werden, doch ich hörte nur, wie das Wasser um mich herum und schließlich hinter mir dahin strömte. Mich selbst traf nichts.
Als ich vorsichtig zwischen den Armen aufsah, stand Xander vor uns, das Schwert noch in der Luft. Das Wasser brach an uns vorbei, als befänden wir uns in einer unsichtbaren Kuppel und riss Teile des Schuppens und Gerümpel mit. Es krachte und rauschte. Die Vögel schrien panisch.
Sprachlos sah ich ihn an. Er hatte das Wasser mit seinem Schwert zerschnitten!
Es gab nur eine Art von Wesen, die das konnte. Ein Krieger. Aber wie war das möglich?
Die Männer begriffen es ebenfalls und ein wütender Ausdruck trat in ihre Gesichter, gleichzeitig zögerten sie jedoch.
Xander holte erneut aus, um sie dieses Mal direkt anzugreifen.
Plötzlich trat Nero vor und hob einen Arm vor Xander, damit er aufhörte. Zu meiner Überraschung tat er es. Er warf Nero nur einen kurzen Blick zu, dann ließ er das Schwert sinken, bis die Klinge kurz über dem Boden war.
»Ich wiederhole ein letztes Mal. Für wen sind die Vögel?«
Die Männer lachten. Unsicher, aber unnachgiebig. »Vergiss es, Kleiner.«
Sie wollten gerade erneut die Kristalle aktivieren, da zog er die Ellenbogen nach hinten, ballte die Hände in Rippenhöhe zu Fäusten und schlug, mit beiden Händen parallel, nach vorne zu. Er war nicht ansatzweise in ihrer Reichweite. Seine Fäuste schienen gegen die Luft vor ihm zu prallen – tatsächlich ertönte ein donnernder Knall. Ich glaubte, etwas Erde zu seinen Füßen aufwirbeln zu sehen, dann verdrehten die Männer mitten in der Bewegung die Augen und fielen bewusstlos zu Boden.
Ich stand nur da und starrte ihn an. Er hatte sie nicht mal berührt. »Ein Magier?«, hauchte ich.
Er ließ die Arme sinken, drehte sich zu mir um und lächelte. »Ja.«
»Bist du schon mal einem begegnet?«, fragte Soran mit einem genießerischen Lächeln, während er sich neben die reglosen Körper stellte, um zu kontrollieren, ob sie auch wirklich bewusstlos waren.
Ich schüttelte den Kopf. Magier waren entweder gefährliche Kriminelle oder lebten versteckt, um der Missgunst der anderen zu entgehen. Die Menschen hatten Angst vor ihren Kräften, weil sie so vielfältig und stark waren.
Er hatte es einfach so zugegeben.
Nero ging an uns vorbei, in die Scheune. »Lucy, hast du unser Gold?« Die Männer ließen sie erneut unbeachtet liegen.
Ihre Gelassenheit war bewundernswert, aber auch schrecklich naiv.
»Jep. Aber, was machen wir mit den Vögeln?«
»Wir lassen sie frei.«, kam es von Soran.
Xander hatte sein Schwert wieder auf seinen Rücken geschnallt und lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Tür. »Und wie willst du das machen? Bevor du den Käfig geöffnet hast, sind sie vor Schreck tot umgefallen.«
Lucy überlegte und zog dabei eine Schnute.
»Was willst du damit sagen, hä?« Soran drehte sich zu Xander um und machte sich groß. Scheinbar war es die gängige Art, wie sie miteinander umgingen.
»Als sie gefangen wurden, müssen sie betäubt gewesen sein.«, sagte Jen.
»Das wird schwierig.«, bestätigte Lucy.
»Lassen wir sie einfach hier. Die sehen sowieso nicht mehr so gut aus.« Xander drehte sich um und wollte gehen.
Ich zog die Augenbrauen zusammen und drehte mich zu den Käfigen um. Meine Box war noch da und sie schien unversehrt. Die Männer hatten sie also vielleicht gar nicht aufbekommen. Sicher war ich mir trotzdem nicht.
So oder so hatte der Kleine sicher bemerkt, dass er nicht mehr bei mir war und hatte schreckliche Angst.
Ohne auf die Uneinigkeit der anderen zu achten, lief ich zwischen den Käfigen durch und auf die Box zu. Ich nahm sie von dem Gitter, in meine Hände. Sie war ganz kalt. Doch allein das Gewicht verriet mir, dass er sich noch darin befand und ich atmete erleichtert aus. »Es ist alles gut.«, flüsterte ich und ließ Wärme durch meine Finger in die Box fließen. Eine Bewegung im Innern bestätigte, dass es dem Kleinen gut ging.
Mit der Box in den Händen drehte ich mich um und hielt erschrocken inne. Nero und die anderen sahen mich erstaunt an.
»Wie machst du das?«, fragte Soran fassungslos.
»Sie sind alle ganz ruhig.«, meinte Jen.
Die Vögel hatten aufgehört, sich gegen die Käfige zu wehren und zu schreien. Sie saßen alle still und entspannt auf ihren Stangen.
Mit einem unwohlen Gefühl sah ich hinunter, auf die Box. Als ich gesagt hatte, dass alles gut sei, war dieses Empfinden auch auf die Vögel übergegangen. Unbeabsichtigt.
Mit einem entschlossenen Schritt war ich bei dem ersten Käfig und öffnete die Tür. Der Kristallvogel neigte den Kopf. Sein blau schimmerndes Gefieder glänzte schwach, wirkte fast matt, weil er in so schlechter Verfassung war. Aber die schwarzen Augen blickten neugierig. Mit seinen kleinen Füßen stieß er sich aus dem Käfig und flog etwas unkoordiniert davon. Die geschwungenen Schwanzfedern sahen etwas zerfleddert aus, doch das würde wieder nachwachsen. Er würde sich erholen.
Auch Lucy trat vor, von meiner Handlung ermutigt. Langsam und vorsichtig öffnete sie einen der Käfige und der Vogel flog entspannt davon. Nach wenigen Griffen waren alle Vögel frei.
»Deine ruhige Art muss sich irgendwie auf die Tiere übertragen haben.«, überlegte Jen, als wir aus dem Schuppen traten. Sie musterte mich mit festem Blick.
»Hast du deine Tasche gefunden?« Lucy stand neben mir.
»Ich hab alles, was ich brauche.«, antwortete ich.
Kurz darauf verließen wir das Gasthaus durch den Eingang. Es war inzwischen so dunkel geworden, dass nur noch die vereinzelten Laternen einen Anhaltspunkt darüber gaben, wo man sich befand und wo es lang ging.
»Was ist mit den Männern?«, wollte ich wissen. »Sollen wir sie wirklich da liegen lassen?«
»Keine Sorge, die werden keinen Ärger mehr machen.«, meinte Nero.
Ich wusste nicht, ob ich ihm zustimmen konnte.
»So, wir müssen weiter.«, entschied Lucy und sah sich in der Gasse um. »Bald gehen die Lichter aus. Dann sieht man hier gar nichts mehr.«
»Danke für eure Hilfe.«
Sie lachten. »Gern geschehen.«
»Vielleicht sieht man sich mal wieder.«
Ich betrachtete sie. Den Jungen, der Veränderung brachte. »Bestimmt.«
Dann folgten sie lachend und redend einer der Gassen, während ich mich allein auf den Weg zu meinem Gasthaus machte.
Als die Sonne aufging, lag ich auf dem harten Bett, in einem kleinen Zimmer, welches ich für eine Nacht bezahlt hatte. Es war recht kalt, weil das Zimmer direkt im Dachboden lag und das Fenster nicht richtig schloss.
Die Sonnenstrahlen trafen das Bett und brachten etwas Wärme mit sich.
Ich setzte mich auf, ließ die dünne, viel zu kleine Decke auf meinen Beinen liegen und strich die blonden Haare nach hinten, die sich in der Nacht aus dem Zopf gelöst hatten.
Dann griff ich über das Bett und nahm ein Stück Brot von dem kleinen Tisch. Es wurde schon hart und schmeckte alt, trotzdem riss ich etwas davon ab und warf es mir in den Mund. Neben mir erklang ein leises, niedliches Knurren. Ich sah auf das Kissen.
Der kleine, schlanke Drache lag dort eingerollt, gab wütende Geräusche von sich und trat mit den Füßchen, weil er träumte.
Ich lächelte bei dem Anblick, riss ein kleines Stück vom Brot ab und legte es vor den Drachen, auf das Kissen. Seine Bewegung veränderte sich, er schnupperte im Schlaf und machte schließlich die Augen auf.
Als er aufstand wand sein Schwanz sich drei Mal um ihn herum, bis er ordentlich hinter ihm lag. Mit der kleinen Schnauze schnupperte er an dem Brot und sah mich dann mit großen Augen an.
»Was Anderes gibt es im Moment nicht.«, sagte ich entschuldigend.
Zum Glück war er noch nicht so wählerisch. Wenn er größer wurde, würde sich das ändern.
Er schnappte das Stückchen und schluckte es im Ganzen hinunter. Dann dehnte und schüttelte er sich und sprang von dem Kissen auf meinen Schoß und damit in das Sonnenlicht. Seine winzigen, hellen Schuppen glänzten und spiegelten das Licht wider. Die zarten, leicht transparenten Flügel waren von dem langen Aufenthalt in der Box noch zerknittert und klebten an seinem Körper. Die Sonne würde helfen, sie aufzurichten, wie bei einem Schmetterling. Wie alle Reptilien brauchte er die Sonne, um Energie zu tanken.
Ich war wirklich froh, dass er die Entführung gut überstanden hatte.
»Wie soll ich dich bloß verstecken, wenn du anfängst zu wachsen?«
Er horchte auf und versuchte mit Begeisterung eine Fliege zu schnappen, die summend um seinen Kopf flog. Sie würde gerade in sein Maul passen.
Während er ihr auf den Boden folgte, stand ich auf und wusch mich. Ich zog das helle Korsett an und streifte die weiße Bluse über. Es folgten die hautenge, sandfarbene Hose und die festen Stiefel. Zuletzt flocht ich den Zopf neu und ließ ihn über die Schulter nach vorne fallen.
»Die Leute gestern waren echt nett.«, sagte ich. In einem verdreckten Spiegel sah ich, dass die Flügel des Drachen nun ordentlich saßen.
»Etwas komisch. Aber freundlich.«
Beim Zuknöpfen der Bluse hielt ich kurz inne, ganz in Gedanken an den gestrigen Tag vertieft.
»Dieser Junge war ein Magier. Seine Magie war unglaublich. Sie hängen alle eng mit der Zukunft zusammen, aber dieser Junge am meisten. Wenn er sich dazu entscheidet.«
Ich drehte mich um und ging zu dem Bett. Der kleine Drache kam auf mich zu, die Fliege war ihm entkommen und saß nun an der Fensterscheibe.
»Genug gespielt. Wir müssen weiter.« Gehorsam kroch er in die Box. Ich schloss sie und befestigte sie an meinem Gürtel. Eine Tasche besaß ich immerhin nicht mehr.
Die Frau vom Gasthaus verabschiedete mich freundlich.
Der Tag war schön, wie immer – warm, hell und friedlich.
Meine Beine trugen mich zum Stadttor. Von dort aus ging es zunächst Richtung Norden und später nach Süden, um der Dunkelheit auszuweichen, die dort bereits weite Teile der Wälder und Täler eingenommen hatte.
Sobald ich das Tor passiert und den Pfad im dichten Wald betreten hatte, ließ ich den kleinen Drachen wieder frei. Er kletterte freudig die Bäume und Ranken hinauf und machte waghalsige Sprünge nach unten, um seine Flügel auszuprobieren und zu stärken. Bis sie ihn tragen konnten, würde noch eine ganze Weile vergehen. Erst recht, solange ich ihn verstecken musste.
Wir verließen bald den sicheren Pfad und liefen, parallel zum Weg, ein Stück weit in den Wald hinein. So wurden wir nicht von vorbeifahrenden Kutschen und Reitern gestört, die man so nah an der Stadt noch häufiger antraf.
Die Sonnenstrahlen fielen durch die Blätter und tanzten im Wind. Zwischen ihnen spielten Paare von bunten Schmetterlingen. Es war ein schöner Anblick, der beruhigend wirkte und auch das fröhliche Zwitschern der Vögel trug seinen Teil dazu bei.
Als ich über eine größere Wurzel trat, kullerte mir eine Brombeere vor die Füße. Überrascht blieb ich stehen, bückte mich und hob sie auf.
Ich sah mich um, konnte aber zunächst nicht erkennen, wo sie hergekommen war. Es war kein Brombeerenstrauch in Sicht. Vielleicht hatte ein Vogel sie verloren? Mein Blick glitt nach oben und ich entdeckte zwischen den Ästen eines hohen Baumes schließlich, anstatt eines Vogels, einen kleinen Wurzeldrachen.
Es war eigentlich kein richtiger Drache, mehr eine Art Kobold. Seine Haut hatte die gleiche Farbe, wie die der Baumrinde und seine Körperform ähnelte der, von zusammengesetzten Ästen. Er besaß hauchdünne, grüne Flügel, die man für Blätter halten konnte und im Notfall auch sollte, da er ein Beutetier und nicht viel größer, als meine Hand war. Eine Delikatesse für größere Raubtiere.
Jetzt saß er auf einem Ast und sortierte Brombeeren.
Mein kleiner Drache sah ihn zum Glück nicht, denn er war zu beschäftigt damit, die Schmetterlinge zu jagen, also lief ich weiter, bevor er ihn entdeckte, und schob mir die Brombeere in den Mund. Das nächste Dorf lag nicht weit entfernt. Wir würden nicht mal im Wald übernachten müssen. Allerdings bekam ich allmählich Hunger und hielt nach weiteren Beeren Ausschau. Scheinbar hatte ich heute kein Glück, denn ich fand nicht einen Strauch, was mich wunderte, da der Kobold so viele gehabt hatte.
»Wärst du größer, könntest du mir was jagen.«, sagte ich zu dem kleinen Drachen.
»Das werden diese Gören noch büßen!«, erklang plötzlich eine vertraute Stimme vor mir, auf dem Pfad.
Erschrocken blieb ich stehen. Der Pfad war nur wenige Meter von mir entfernt, versteckt hinter den Bäumen.
Ich pfiff einmal leise, ähnlich wie ein Vogel und der kleine Drache sprang sofort in ein dichtes Gebüsch, wo ihn niemand sehen konnte. Dann schlich ich mich hinter den großen Blättern eines Gewächses näher an den Pfad heran.
Es war eindeutig die Stimme von einem der Wilderer gewesen!
Geduckt kam ich näher und spähte dann zwischen den Bäumen und Sträuchern auf den Pfad. Dort stand ein Wagen mit einem Pferd. Auf dem Wagen waren die leeren Käfige geladen, in denen gestern noch die Perlentaucher und Kristallvögel gesessen hatten, daneben standen die zwei Männer. Scheinbar vollkommen unversehrt.
Es sah so aus, als hätten sie ein Problem mit dem Rad, weshalb sie nicht weiterkamen.
»Das sag ich dir, die werden dafür bezahlen, dass sie uns ins Geschäft gepfuscht haben! Der Boss wird darüber verdammt wütend sein.«, sagte der mit der Glatze und kratze sich sogleich an selbiger.
»Sobald wir ihm davon berichtet haben, wird er ein paar seiner Leute losschicken und die Gören zum Schweigen bringen, bevor sie uns verpfeifen können.«
»Und was, wenn sie es schon getan haben?«, warf der Andere nervös ein, als erwarte er, dass jeden Moment jemand um die Ecke kam, um sie zur Rechenschaft zu ziehen.
»So oder so, sie kommen nicht davon. Nachweisen kann man uns nichts, es gibt keine Beweise.« Scheinbar war der Glatzkopf der Gelassenere von beiden.
Der andere nickte, schien aber nicht vollkommen beruhigt. »Der Boss soll nur gute Leute schicken. Einer von ihnen war ein Krieger und einer ein Magier.«
»Gute Leute?« Der Glatzkopf lachte auf. »Die nehmen es mit wahren Magiern auf! Erst letztens sollen sie den Magier aus Belor getötet haben!«
Entsetzt riss ich die Augen auf. Der Magier aus Belor war ein schrecklicher Geselle gewesen. Sehr stark, hatte die ganze Stadt kontrolliert und jeden Angreifer, der die Bewohner beschützen oder retten wollte, mit einem Schlag vernichtet. Jeder hatte schon von ihm gehört.
»Du spinnst doch!«, sprach der Andere aus, was ich dachte.
»Die werden mit so ein paar Kindern locker fertig, verlass dich drauf.« Er tat einen kräftigen Handgriff am Rad und klatschte dann in die Hände. »So. Das hätten wir.«
Sie setzten sich wieder auf den Wagen und fuhren los.
Ich blieb in meinem Versteck und starrte ihnen nach.
Sollte es wirklich wahr sein, was sie gesagt hatten, waren Nero und seine Freunde in Schwierigkeiten.
Aber er war wichtig. Ich durfte das nicht zulassen. Ohne vorher nochmal darüber nachzudenken, sprang ich aus meinem Versteck und stellte mich direkt auf den Pfad. Der Wagen war bereits einige Meter weit weg, doch das machte nichts.
Ich tat es nicht gern, aber ich wusste, dass es notwendig war. Ich hatte keine Wahl, wenn ich sehen wollte, was er aus der Zukunft machen würde. Es war die einzige Art, wie ich ihm helfen konnte.
Also streckte ich einen Arm aus, als wollte ich nach den Männern greifen, streckte Zeige- und Mittelfinger und atmete tief aus. Ich fühlte aktiv die Luft um mich herum, fühlte, wie sie sich im Wind bewegte. Sie wurde greifbar, unterwarf sich meiner Kontrolle.
Mit einem Ruck zog ich den Arm blitzschnell nach rechts, indem ich die Finger zur Faust ballte.
Die Vögel im Wald schrien auf und flogen voller Panik davon, das Pferd vor dem Wagen bäumte sich auf und rannte los. Die Gestalten fielen nacheinander leblos herunter und blieben auf der staubigen Erde liegen, während der Wagen davonfuhr.
Langsam ließ ich den Arm sinken. Mein Herz ging schnell und mir wurde heiß und kalt.
Ich hatte es getan.
Panisch und entsetzt löste ich meine Starre und rannte in den Wald hinein. Dort ließ ich mich keuchend auf die Knie fallen und rang nach Luft. Ich hatte es getan.
Der kleine Drache kam aus seinem Versteck und näherte sich mir vorsichtig.
»Es ist ok.«, sagte ich keuchend. »Mir geht es gut. Du brauchst keine Angst zu haben.« Mein Blick glitt durch den stillen Wald. »Wir sollten gehen, bevor jemand kommt.«
Der Drache kletterte in seine Box und ich machte mich eilig auf den Weg, um den Teil des Waldes hinter mir zu lassen.
Jetzt würden keine gefährlichen Leute hinter ihnen her sein. Ich hatte das Richtige getan. Ich hatte es tun müssen.
Das war das Einzige, woran ich dachte, um den stetigen Schrei meines Gewissens, dass es vollkommen falsch gewesen sei, zu übertönen.
Irgendwann verdrängte der Hunger jedoch meine hastigen Gedanken und setzte sich an ihre Stelle, was beruhigend war. Am Nachmittag fand ich endlich eine Reihe an Beerensträuchern und Apfelbäumen und das nagende Gefühl verschwand fast vollständig.
Da ich keine Tasche mehr besaß, flocht ich mir einen groben Beutel aus Schlingpflanzen und Blättern und sammelte darin Äpfel für unterwegs. Der kleine Drache kugelte mit gefallenen, halb faulen Äpfeln über den Boden und zupfte Raupen aus den Löchern im Fruchtfleisch.
Als es dämmerte, erreichte ich ein kleines Dorf, das aus gerade einmal einem Dutzend Häusern bestand. Es war arm, ohne feste Wege oder richtige Läden. Die Häuser bestanden alle aus morschem Holz und waren sehr klein.
Ich ging auf einen Mann zu, der einen Karren hinter sich herzog, in dem Strohballen lagen. Er war nicht alt, aber er hatte von der harten Arbeit tiefe Falten im Gesicht. Seine Kleidung war dreckig und zerrissen, seine Finger, mit denen er den Karren zog, wund und rau.
»Bitte, wo kann ich hier einen Platz zum Schlafen finden?«, fragte ich ihn.
Er sah mich von oben bis unten an, mit skeptisch zusammengekniffenen Augen. »Hier gibt es kein Gasthaus.«, krächzte er und wollte weiter. Dann hielt er doch noch mal an und musterte mich erneut. »Ich kann höchstens den Stall anbieten. Aber das ist dir sicher zu schmutzig.«
»In Ordnung.«, sagte ich freundlich, bevor er es sich wieder anders überlegte.
Nach kurzem Zögern nickte er mehrmals. »In Ordnung.«, wiederholte er meine Worte und zog seinen Karren weiter. »Komm mit.«
»Kann ich Ihnen vielleicht helfen?«, fragte ich, als ich neben ihm herging.
Er lachte leise. »Das ist meine Arbeit.«
Der Stall stand am Rand des Dorfes. Er beherbergte ein paar dürre Pferde und zwei Kühe.
Das Stroh stellte er am Eingang ab und wies auf eine Leiter, die nach oben, auf den Dachboden führte.
»Da oben ist nur ein wenig Gerümpel. Du wirst auch eine Decke finden, falls dir zu kalt wird. Das Stroh kannst du auch benutzen.«
»Danke.«, sagte ich und holte eine Münze hinter meinem Gürtel hervor, die ich ihm entgegenhielt.
Er sah sie an, lange. »Behalte dein Geld.«, sagte er, löste seinen Blick jedoch nicht von dem glänzenden Kupfer.
Ich hielt es ihm weiter hin. »Ich will, dass Sie es nehmen.«
Zaghaft, aber doch gierig, nahm er es mir ab. »Angenehme Nachtruhe.« Er drehte sich um und verließ eilig den Stall.
Nachdem ich die Leiter empor geklettert war, suchte ich mir einen Platz unter einem der offenen Fenster, um mich auszuruhen. Meine Füße taten fürchterlich weh.
Tatsächlich fand ich mit dem kleinen Drachen mehrere alte, verfilzte Decken, die ich zu einem Kopfkissen zusammenlegte und mich schließlich zudeckte. Als die Sonne unterging, spielte ich mit dem Gedanken, den letzten Apfel zu essen. Aber ich wollte ihn für den nächsten Tag aufheben.
Der Drache hatte sich ein Nest in der Kopfkissendecke gebaut, sich darin eingerollt und schlief bereits tief und fest. Ich war genauso müde und schlief unter den ruhigen Geräuschen der Pferde und Kühe schnell ein.
Am Morgen weckte mich das Schnauben eines Pferdes. Das Licht, das durch die Öffnung im Dach fiel, sagte mir, dass ich recht lange geschlafen hatte.
Sogar der kleine Drache war schon wach.
Gähnend setzte ich mich auf und rieb mir die Augen. Ich war ausgeruht, doch als meine Gedanken die Ereignisse des gestrigen Tages wieder in mein Bewusstsein riefen, fühlte ich mich kurz wieder unruhig.
Die knurrenden Geräusche des Drachen erregten meine Aufmerksamkeit und verscheuchten die unschönen Erinnerungen an die Wilderer, sowie die besseren, an die fünf Freunde. Ich hatte jetzt nichts mehr mit ihnen zu tun, also machte es auch keinen Sinn, mich weiter mit ihnen zu beschäftigen.
Der kleine Drache sprang nah bei der Leiter um etwas herum. Ein Teller mit Brot, Obst, Schinken und einem Glas Mich stand dort.
Verwundert blinzelte ich, stand auf und setzte mich davor. Mein Blick huschte nach unten, zu den Pferden, aber es war niemand zu sehen. Also nahm ich den Teller und das Glas und ging damit zum Fenster zurück. Der kleine Drache folgte mir aufgeregt.
Während ich dankbar aß, warf ich ihm immer wieder Schinkenstücke zu, die er zu fangen versuchte und gierig hinunterschlang. Zum Schluss trank ich das Glas Milch bis auf einen Rest aus, den ich auf den leeren Teller kippte und dem Drachen hinstellte. Den letzten Apfel, die Beeren vom Teller und ein Stück Brot legte ich zurück in den Beutel. Damit würden wir über den Tag kommen. Es würde nicht lange satt halten, aber es war besser als nichts und mittlerweile war ich den Hunger bereits gewöhnt. Er verschwand nie ganz.
Als ich die Leiter nach unten kletterte, erfasste mich kühle Zugluft. Ich unterdrückte ein Schaudern und rieb mir die Arme. Was mir fehlte, war eine Jacke oder ein Umhang. Aber die meiste Zeit würde ich ihn ohnehin nicht tragen und unnötiger Ballast war etwas, was ich tunlichst zu vermeiden versuchte.
Da ich nicht wusste, in welchem Haus der Mann wohnte, dem der Stall gehörte, stellte ich Teller und Glas einfach auf den Heuballen, neben der Tür.
Draußen war es wirklich kalt. Der Tag begann ausnahmsweise ohne Sonne. Die Straßen waren matschig und unebener, als am Tag zuvor.
Ich stapfte langsam den Weg zu den Häusern hinunter und achtete sorgfältig darauf, wo ich hintrat, um nicht auszurutschen und zog dabei den Kopf unter der dichten Wolkendecke ein. Die Menschen waren längst auf den Beinen und verrichteten ihre Arbeit, wie sie es jeden Tag taten.
Als mir eine Frau mit einem großen Korb voll Äpfel auf dem Rücken entgegenkam, hielt ich sie an.
»Entschuldigung, können Sie mir sagen, wie weit es bis zur nächsten Stadt ist?«
»Oh, natürlich, Kindchen. Wo soll es denn hingehen?«
»Nach Norden.«
Sie nickte. »Dann wäre die Grenzstadt am nächsten. Allerdings dauert die Reise ganze zwei Tage zu Fuß.«, sagte sie besorgt und musterte mich. »Und der Weg führt nah am Dunklen vorbei. Man sollte ihn besser nicht alleine gehen.«
Aber ich reiste nun mal allein und wehren konnte ich mich auch. Selbst gegen das Dunkle. Trotzdem würde ich es nicht darauf ankommen lassen.
»Kennen Sie denn jemanden, der dorthin fährt?«, fragte ich artig.
Sie schüttelte bekümmert den Kopf. »Tut mir leid, aber hier fährt niemand nach Grenzstadt. Es ist zu weit weg und wir dürfen dort nicht handeln.«
Ich verzog den Mund und ging weiter. Meine einzige Hoffnung waren also Reisende, wenn ich nicht zwei Tage zu Fuß unterwegs sein wollte. Im Moment war ich jedoch die einzige Fremde im Dorf und die ersten Kutschen würden noch eine oder zwei Stunden auf sich warten lassen. Des Nachts fuhren keine Kutschen, weil die Wesen aus dem Dunklen zu dieser Zeit Zutritt zur Sonnenseite hatten.
Diese Welt hatte sich in den letzten Jahren in zwei Bereiche unterteilt. Die Sonnenseite, auf welcher es sowohl Tag, als auch Nacht gab und die Temperatur nie unter zehn Grad sank, war die Seite, auf der Menschen, Elfen und andere Wesen ein halbwegs friedliches Leben führen konnten. Natürlich gab es immer mal Probleme und Konflikte, die es zu lösen galt, wie Verbrechen und Unfälle. Diese Dinge waren tragisch, doch waren es nur Einzelfälle, die man schnell wieder in den Griff bekam.
Auf der anderen Seite war das ganz anders. Das Dunkle war quasi eine völlig andere Welt. Niemand aus der Sonnenseite wagte sich freiwillig hinein. Es gab keine fühlbare Grenze dorthin. Der einzige Unterschied zwischen den Seiten war, dass es im Dunklen nie Tag wurde. Es war immer tiefste Nacht. Pflanzen und die meisten Tiere verkümmerten und starben schließlich.
Wenn man vor der Grenze stand, war es, als würde man vor einer Glaswand stehen, hinter der es dunkel war. Aber da war kein Glas, man konnte einfach so hinein. Mit einem einzigen Schritt aus der Sonne in die Nacht.
Am Anfang war nur ein kleines Waldstück betroffen gewesen, irgendwo im Norden. Mit der Zeit hatte es sich ausgebreitet, sehr langsam, da es von den Drachen immer wieder zurückgedrängt wurde. Bis ein dramatischer Vorfall im letzten Jahr das Blatt gewendet hatte. Seitdem hatte das Dunkle schon fast die Hälfte der Erde für sich beansprucht und wuchs mit jedem Tag weiter.
Die Wesen des Dunklen waren Wesen des Todes. Sie waren von Grund auf schlecht. Der einzige Grund, warum sie tagsüber nicht die Seite wechselten, um sich am Leid der Menschen und ihrem Blut zu laben, war der, dass sie im Sonnenlicht verbrannten. Selbst an regnerischen Tagen war es für sie immer noch ein Risiko, doch der Hunger konnte sie trotzdem dazu zwingen.
Auch heute würden wieder welche hinüber kommen.
Mein Blick glitt zu den dunklen Wolken am Himmel. Ich konnte nur geduldig sein und setzte mich nah an den Weg, auf einen alten, modrigen Zaun, der um eine Reihe Apfel- und Birnenbäume aufgestellt worden war. Von diesem Platz aus konnte ich in beide Richtungen sehen.
Der Pfad, aus dessen Richtung ich gekommen war, verlief durch den dichten, grünen Wald. In der anderen Richtung verschwanden die Bäume und wichen weiten Feldern, die die Menschen angebaut hatten. Es war noch immer kalt, doch mittlerweile wurde es erträglicher.
Ich hoffte inständig, nicht zu lange warten zu müssen und tatsächlich zeichnete sich bald ein Wagen am Horizont ab. Auf den ersten Blick schien es eine Postkutsche zu sein. Hoch, massiv, mit einem schwarzen Dach und schönen Verzierungen aus Silber. Sie wurde von vier Pferden gezogen.
Die Kutsche hielt am Dorfrand an und ein Ehepaar stieg aus. Der Kutscher trug, im Gegensatz zu meinen Erwartungen, kein elegantes Kostüm, sondern einfache Bauernkleidung. Er hatte kurze Haare und einen Bart.
Dies war keine Postkutsche.
»Fahren Sie nach Grenzstadt?«, rief ich dem Mann zu.
Er nickte zu mir herunter und zeigte seine gelben Zähne. »Ganz richtig. Wollen Sie mitfahren, junge Dame? Kostet nur drei Silbermünzen.« Wucher. Aber ich wollte nicht länger warten.
»Sehr gerne«, antwortete ich.
Der Mann schlug kräftig gegen das Holz, neben seinem Bein. »He, Marko! Komm da raus und öffne der jungen Dame die Tür!«
Der Vorhang am Fenster bewegte sich und ein zweiter Mann öffnete die Tür. Er war etwas stabiler als sein Kollege, hätte ansonsten aber gut sein Bruder sein können.
»Bitte sehr. Angenehme Fahrt.«, sagte er und hielt mir die Tür auf. Es klang etwas spöttisch und belustigt. Das machte mir Sorgen, denn ich war der einzige Fahrgast.
Dennoch stieg ich ein, die Tür wurde hinter mir zugeknallt und die Kutsche schaukelte, als der Mann nach vorne aufstieg. Ich setzte mich auf die harten, abgewetzten Pölster aus beigem Stoff, in den blasse grüne und violette Blumen eingelassen waren. Sie waren einst echt gewesen.
Ich ließ die zum Teil zerrissenen Vorhänge offen und betrachtete die Landschaft, als die Kutsche losfuhr und das Dorf hinter sich ließ.
Die beiden Fahrer unterhielten sich und lachten laut.
Draußen schaffte es die Sonne nicht, sich durchzusetzen. Dunkle Regenwolken gesellten sich zu den normalen Wolken.
Meine Befürchtungen, die Männer könnten während der Fahrt anfangen, mich zu belästigen, verflüchtigten sich nach einer Weile, denn sie kümmerten sich nicht weiter um mich.
Gegen Mittag begann es stark zu regnen. Ich musste die Vorhänge zuziehen, damit der Regen nicht nach Innen kam, denn die Kutsche besaß keine Scheiben. Trotz allem wurde es feucht im Inneren und mir blieb nur ein kleiner trockener Platz in der Mitte der Sitzbank. Die Männer unterhielten sich weiter, über Geschäfte, Geld und alles andere. Sie schien der Regen nicht zu stören. Ich war froh darüber, denn andernfalls hätten sie mir doch noch Gesellschaft geleistet.
Als ich gerade dabei war, meinen Proviant zu halbieren, fing ich etwas von ihrem Gespräch auf, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ.
»... die toten Wilderer?«, sagte der eine im unheilvollen Ton.
Ich erstarrte in der Bewegung. Sicher war es eine Verwechslung, sie konnten nicht die beiden meinen, die ich...
»Angeblich wissen sie, wer es getan hat.«, erwiderte der andere.
»Dann wurden sie umgebracht?«
»Das waren Handlanger einer großen Organisation, die mit seltenen Wesen und Menschen handelt. Das sind die gefährlichsten Leute in der Umgebung.«
»Menschenhandel?«, fragte der Erste entsetzt.
»Erinnerst du dich an die Gruppe von Halbstarken, die seit einiger Zeit für Aufruhr sorgt?«
»Ja, von denen hab ich gehört. Sag mir nicht, man glaubt, dass sie es waren? Das sind doch bloß Kinder!«
»Sie sollen angeblich einen Krieger und einen Magier bei sich haben!«
»Nein! Das glaube ich nicht. Einen Krieger? Es gibt keine Krieger mehr.«
»Die Leute der Organisation glauben es. Und jetzt wollen sie die Kinder aus dem Weg räumen.«
Mir war heiß und kalt geworden, während ich ihnen zugehört hatte. Woher wussten sie das? Wie konnten sie das erfahren haben? Ich war diejenige, die die Händler getötet hatte, um die Kinder zu beschützen. War es umsonst gewesen?
Ich wollte sie sofort warnen, aber sie konnten mittlerweile sonst wo sein. Wie sollte ich sie erreichen? Meine einzige Chance, war, nach ihnen zu suchen, aber ich hatte eigene Probleme, um die ich mich kümmern musste. Ich konnte nicht nach ihnen suchen.
Mein eigenes Ziel war wichtiger.
Es regnete weiter, während ich mit meinem Gewissen kämpfte. Die Dunkelheit zog ein und ich wurde schläfrig.
Die Sonne hatte heute gefehlt.
Als die Kutsche in Grenzstadt ankam, war es bereits Nacht. Durch den Regen hatte die Fahrt länger gedauert und es hatte mich gewundert, dass die Kutscher das Risiko eingegangen waren, noch in der Dunkelheit weiterzufahren. Andererseits waren wir nur einen Steinwurf vom Dunklen entfernt. Da war es besser, sich noch in die Stadt zu flüchten, statt alleine und verlassen auf einem Feld zu übernachten und darauf zu warten, dass die Kreaturen auftauchten.
Ich hatte die meiste Zeit gedöst und war nun hellwach, als ich aus der Kutsche sprang und dem Mann das Geld gab. Er bedankte sich knapp und führte die Pferde weg.
Sie hatten mich nur bis zum Eingang der Stadt gefahren, weshalb ich ein Stück laufen musste, bis ich das Zentrum erreichte.
Grenzstadt war riesig. Ich lief bestimmt zwei Stunden umher, doch ich fand kein einziges Gasthaus, das noch frei war und in dem nicht gefeiert wurde. Jedes Mal, wenn ich die Tür zu einer Herberge öffnete, kam mir lautes Lachen, der Geruch von Alkohol und Rauch entgegen. Überall waren Betrunkene. Sie lehnten an den Wänden in den Straßen, lagen wie tot herum oder liefen singend und orientierungslos schwankend umher.
Ich fühlte mich nicht wohl und wollte einen Platz finden, wo es etwas ruhiger zuging. Die Sache mit der vermeintlichen Organisation, die jetzt schon hinter Nero und den anderen her sein konnte, beschäftigte mich noch immer.
Es war inzwischen Mitternacht und die zwei Monde standen hell am Himmel.
Ich musste zugeben, dass es auch die Nähe zum Dunklen war, die mich nervös machte. Immer wieder drehte ich mich um, weil ich glaubte, jemand sei hinter mir und könnte mich verfolgen. Mich erkennen.
Mein Weg führte mich weiter durch die Straßen. Einzelne Laternen warfen ein schwaches Licht auf den Boden. Zumeist nur eine einzige pro Straße.
Als ich gerade am Rand des Zentrums durch eine sichelförmige Gasse ging, hörte ich vor mir Stimmen, die auf mich zukamen. Einem Impuls folgend, bog ich in eine Seitengasse ab, bevor die Leute mich sehen konnten.
Schließlich stand ich auf einer anderen, größeren Straße.
Hier gab es nicht die Spur eines Gasthauses.
Verzweifelt seufzte ich, als ich die Stimmen erneut hörte. Dieses Mal kamen sie von jeder Straßenseite. Das kam mir verdächtig vor, aber es gab keinen Winkel, in dem ich mich noch verstecken konnte.
Mit eingezogenem Kopf lief ich geradeaus. Meine Hand betastete kurz die Box. Alles in Ordnung.
Eine Gruppe von jungen Männern und Frauen tauchte auf. Sie lachten und schienen angetrunken zu sein. Möglicherweise war ich die einzige nüchterne Person in der ganzen Stadt.
»Oh, sieh mal an!«, sagte eine der Frauen mit melodischer Stimme, als sie mich entdeckte. »Ein entlaufendes Kätzchen!«
Sie lachten.
»Kleine Kätzchen müssen um diese Zeit längst im Bett sein.« Auf hohen Schuhen kam sie dicht auf mich zu und zwang mich zum Stehenbleiben. Ich vermied es, ihr in die Augen zu sehen.
»Was ist, Kätzchen? Hast du deine Stimme verloren?«
Auch die anderen kamen näher und ich merkte, wie sie mich umzingelten.
»Das Kätzchen kommt mir so bekannt vor.«, sagte einer der Jungen. Meine Augen trafen seine und ich schaute schnell weg.
»Weißt du, Kätzchen«, fing die Frau wieder an. »dass du zu dieser Uhrzeit alleine hier herumläufst, sagt mir etwas.«
Die Atmosphäre veränderte sich spürbar. Ich kannte diese Ausstrahlung, denn auch mir kamen sie bekannt vor.
»Möchtest du wissen, was?«, fragte die Frau.
Bestien. Sie waren Bestien aus dem Dunklen. Hatten die Möglichkeit genutzt, dass die Stadt so nah war und sich her getraut, um nach Beute Ausschau zu halten. Getarnt als Menschen.
»Es sagt mir, dass dich niemand vermissen wird, wenn du nicht mehr nach Hause kommst.«
Ich sah auf. Ihre Erscheinung hatte sich verändert. Ein selbstsicheres Lächeln umspielte ihren Mund, aus dem lange, scharfe Zähne herausragten. Leuchtend grüne Augen hatten mich umzingelt, die Gesichtszüge waren spitz geworden, die Haut war dunkel, fast schwarz und über den Knochen gespannt. Fahl.
»Mich wird niemand vermissen.«, sagte ich leise. »Aber euch auch nicht.«
Ich nahm die Arme nach unten, ging in die Hocke und stieß mich vom Boden ab, um einen engen Handstützüberschlag rückwärts zu vollführen, indem ich die Arme über den Kopf schwang und mit ihnen und den Beinen einen mächtigen Sturm erzeugte, der meiner Bewegung folgte. Beim Flug, kurz bevor ich die Hände aufsetzte, stieß ich den Sturm, mit Hilfe des Schwungs der Beine, weg von mir. Er explodierte als eine wirbelnde Kugel, riss die Bestien fort und warf sie gegen die Wände der Häuser. Das, neben dem ich gestanden hatte, wurde halb aufgerissen und Ziegelsteine flogen als gefährliche Geschosse durch die Luft.
Ich landete sicher und richtete mich gerade auf. Die Bestien lagen regungslos am Boden, manche zudem von den Ziegelsteinen getroffen.
»Unglaublich!«
Mein Kopf fuhr hoch. Am Ende der Straße standen Nero, Lucy, Xander, Soran und Jen und sahen mich aus großen, erstaunten Augen an.
Erschrocken darüber, dass sie hier waren, und darüber, dass sie offenbar alles gesehen hatten, hielt ich die Luft an und verharrte in der Position.
»Das war echt cool.«, rief Lucy in total begeistertem Ton.
»Und wir haben uns Sorgen um sie gemacht.«, meinte Xander mit Blick zu den anderen.
Verblüfft über ihre Reaktion, sagte ich gar nichts.
