Stippstereken - Georg Baars - E-Book

Stippstereken E-Book

Georg Baars

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Beschreibung

Stippstereken sind niederdeutsche Kurzgeschichten. Der Autor hat 175 meist lustige Geschichten zusammengetragen, die ein Bild vom Dorfleben, nicht nur Stecklenberg, zeigen. Der Zeitraum reicht vom Mittelalter bis zum heutigen Tag. Lachen können nicht nur Stecklenberger, die ihre Mitbewohner erkennen, auch für Dorffremde sind die Texte sehr amüsant. Stecklenberg mit seinen drei Burgruinen und weiteren Sehenswürdigkeiten wird als beliebtes Wandergebiet den Besuchern nähergebracht.

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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Schtuppsteerekens un Schpurrenkens

Der Hecht im Karpfenteich

Der Ortsbürgermeister

Aktenberg

Husten

Finanzamt

Tabak

Predigt

Ein Zaun als Naturschutzgebiet

Es kann nicht jeder Harzer ein Stecklenberger sein

Heilwasser

Junge Mutter

Jägerbataillon Thadden

Karli Lofinks Hochzeit

Kirschen in Stecklenberg

Kofferfahren

Kommodenlack

Mein Hund tut nichts

Peter und die Fahrerlaubnis

Platt gesprochen

Pfannkuchen

Sehr kurzsichtig

Trockenpflaumen

Staatsreserve

Sprüche

Verspielt

Postmietbehälter

Von der Wirksamkeit des Fluchens

1945

Ausbrummen

Das Amtsbrauhaus in Stecklenberg

Erinnerungen an vergangene Zeiten

Bewerbung

Das Moped

Der beste Gulasch

Der faule Storch

Der Schatz

Die Blume der Lauenburg

Die Sage von der Blume der Lauenburg

Die Sage vom Ritter auf der Stecklenburg

Die Sage von den Erbsensteinen auf der Stecklenburg

Die Zugspitze

Ein Dresdener Maler auf der Lauenburg

Eine missglückte Polizeikontrolle

Eine romantischer Schubs

Frühgeburt

Halbe Sache

Hundeerziehung anders

Hundesache

Dachs

Krach

Vornehm

Noch ein Hut

Schneeziegen

Uralt

Der Hahn

Kurzes Kneipen Gespräch

Ludolf von Trier

Sauer macht lustig

Unser Genie

Über-Spannung

Ausländisch

Der schlaue Wilddieb

Die Heerstraße am Küchenberg bei Stecklenberg

Die schnellste Feuerwehr

Die Schweineköpfe

Ein einsichtiger Polizist

Ein kluger Hund

Eine Verbesserung

Eselsmilch

Friseurtermin

Ich war mal Millionär

I-A

Lange überlegt

Missverständnisse

Mundraub

Schlauer Fuchs

So ein Käse

Schneiderei

Fingerei

Geiz

Kutschfahrt

Zeuge

Posaunen

Vorsicht

Unwetter

Verkehrt herum

WC

Eisenbahn

Hartherzig

Sparkasse

Heimweg

Ding Dong

Doktor

Schnelldiagnose

Wildschweinplage

Zungenfertig

Zwilling

Außer Atem

Ein Wolf

Jungfer

Ferkel

Holz oder Stein

Hasenbraten

Unterscheidungen

Angebot

Jagdgast

Dubletten

Die Einundfünfzigste

Missverständnis

Noch besser

Belohnung

Berühmte Stecklenberger Gäste

Denkübungen

Feuer

Bräuche zur Hochzeit

Da steht ein Pferd auf dem Flur

Das Fahrrad im Waldfrieden

Datenschutz

Der Apfel

Der Schein muss gewahrt bleiben

Der Trinkfeste

Die Kerze

Gesundung

Die Arche

Die Kur beim Militär

Die rote Lampe

Die Teerstraße

Die weise Eiche

Düwelsteene

Ein berühmter Gast

Ein korrekter Musiker

Ein ruhiges Gemüt

Fruchtbarkeit

Umsonst

Zu dritt

Knüppelbrücke

Kümmelspitzen

Zutaten

Gegenwind

Gehängt

Krepel

Harzer Worte

Homöopathie

Kekse

Noch eine Wunderheilung

Schlagfertig

Langer Weg

Verloren

Unser wachsamer Dorfpolizist

Eine artistische Leistung

Eine Braut

Eine Panne

Eine Räubergeschichte

Eintreibender Arzt

Etwas zu Verwandten

Identifiziert

Lange Leitung

Mathematik

Mir und Mich

Hallisch

Inflationszeit

Katharina von Oettingern, die Schlossfrau der Stecklenburg

Mit Schwung aus der Wanne

Nachwiegen

Förster und Wilddieb

Preiskampf

Prost

Schatzsucher

Schminke

Schweinerei

Schwiegermütter und Schwiegertöchter

Sie

Sonderwunsch

Ländliche Diagnose

Vorwort

Stippstereken sind meist lustige Kurzgeschichten. Stipp ist in Plattdeutsch eine Kleinigkeit, ein Punkt, eine kurze Zeit oder ein Augenblick. Eine Stippvisite ist auch kurz. Man stippt den Keks in den Kaffee. Stereken ist eine Verkleinerungsform und mit Story verwandt. Auch Stuppsteerekens und Spurrenzkens wurden solche Geschichten früher bei uns genannt. Stippstöökn sagt man in Einbeck für Geschichten und Anekdoten. Storjen heißt im Eichsfeldischen erzählen.

Das Wort Stippstereken war früher geläufig und wird heute selten gebraucht.

„ok wenn e vertellt stipstereken, döneken, snurren, fortjeken, heinderken un wu se noch alle sik nennt.“ (E. Smelskop, Immen. Bronswik 1846)

„Die norddütschen Stippstörken und Legendchen von Schulmann sind freundliche reizende Bilderchen, zum Teil den Spukgeschichten angehörig, die man sich beim Schummern (in der Dämmerungszeit) vor dem Kamin zu erzählen pflegt.“ (Blätter für literarische Unterhaltung 1859)

Stipstereken und Mundartenproben aus der Heimatdichtung .

Hrsg. v . Louis Wille . Magdeburg : Verl . ,, Der Harz " 1940

Als es noch keine Radios gab, gab es Volksmusik, als es noch keine Fernseher gab, hatten die Leute Lauben an der Straße, um sich mit dem Nachbarn zu unterhalten und als es noch keine Handys oder Smartphones gab, erzählten sich die Leute gegenseitig ihre Geschichten.

Manchmal musste die Obrigkeit gegensteuern:

Tageszeitung Freiheit Nr. 131, Montag, 8. Juni 1959,

Ausgabe Quedlinburg

Vom Gerücht, dass eine Kreuzotter in seinen Rucksack gekrochen ist und ein Mädchen tot gebissen hat, wird erklärt, dass da nichts dran ist. Das Gerücht existiert in verschiedenen Versionen.

Doch auch bei uns in Stecklenberg hat man Geschichten erzählt, die es wert sind, für die Nachwelt erhalten zu werden, zum einen weil sie amüsant und zum anderen weil sie Zeitzeugnisse sind.

In einem kleinen Dorf, wo jeder jeden kennt, wird, wie auch woanders, geliebt, gelebt, gestritten, gehasst, erzählt, geschwindelt und gelacht. Letzteres natürlich besonders herzlich über die Missgeschicke anderer. Manche Geschichten sind immer weitergegeben und „verbessert“ worden. An manche werden sich ältere Stecklenberger erinnern. Manche wurden in alten Schriften wiedergefunden. Aber es kommen immer wieder welche dazu. Manche sind so deftig, dass man sie lieber nicht aufschreibt oder erst 100 Jahre später.

Wer weiß denn, wie viel Kurioses schon für immer vergessen ist. Also sind hier einige Geschichten gesammelt, die dem Leser Freude bringen sollen und nicht eventuell Beteiligte verärgern.

Daher wurden tatsächlich ungelogen alle Namen, Personen und Geschichten frei erfunden, kannste glauben.

Sollte jemand Ähnlichkeiten feststellen, ist das reiner Zufall!

Sollen sich unsere Nachfahren auch ein Bild von unserm Leben machen. Wir wissen zwar nicht, ob in 100 Jahren der Begriff „Smartphone“ noch gebräuchlich ist, aber dann wird es sicher ähnliche Apparaturen geben, mit denen man auch dieses Büchlein lesen kann oder sich vorlesen lässt, wenn es keine Papierbücher mehr gibt.

Den Lesern in 100 Jahren sei gesagt, ein Smartphone war zu unserer Zeit so eine Art kleines tragbares Telefon, auch neudenglisch „Händie“ genannt, welches epidemieartig die Bevölkerung in Zwangsneurosen gestürzt hat, denn jeder hatte fast ständig, selbst bei Feiern, so einen Apparat vor Augen, um keinen Anruf zu verpassen und jeden über jeden seiner Schritte per Text, Bild und Video zu unterrichten. Da blieb kaum noch Zeit, sich zu unterhalten. 100 Jahre später ist das sicher ganz anders. Das würde wieder Geschichten zum Aufschreiben geben.

Georg Baars 2025

Schtuppsteerekens un Schpurrenkens De Bärenjagd

(aus „Am Heimatborn“ Beilage der Quedlinburger Zeitung Nr. 284)

In'n Landkreise Quellenborg da liet en klaines, schmuckes Dörp. De Liede sind bekannt als liebenswerdig und jastfreindlich. Man kann set in dissen klai'n Neste wollfeil'n, denn dä Menschen kennen en dreb'n Schpaß vordrahn. Awer wenn se ook sonst urjemietlich sind, eins kenn je nich heer'n, nämlich dat Brumm'n. Ek mechte kein'n Frem'm rad'n, da in'n Dörpe oder sonst wu te brumm'n. Wenn einder brummt, so ähnlich wie so'n Bär, denn wern se fuchsdeiwelswild un ken'n kein'n Schpaß mehr, un man kann in de scheenste Klopperie komm'n un janz etlich den Pelz utjeschteret krien.

Oot mechte et kein'n rad'n, set in ner Fleischerie'e en Bärnschinken tau verlangen.. Dat kann 'ne dier tau schtahn komm'n un hei kann sek ruhig vorrher siene Knoken nummerieren, weil hei bestimmt in'n Klump eschlahn werd.

Dä biedern Liede hem'm nämlich den Bienam'n de Bärnjäjer". Wie se da tau ekom'm sind, will ek jiech jetzt vortell'n.

Eines scheenes Dages, et war in dr Reu'm-Vertrecketied, da kam en Trupp. Bärntreckersch vorbie un lagerten sek in dr Hasselgrund, dä zwischen zwei Dörpern liet, opm nämlichen Flecke, wou sek immer de Tatern nedderlaat'n.

Einen bon dä Bärn den worde et nachts de Tied tau lang. un als jrade keiner op 'ne oppaste; makte hei set op de Socken, immer heste nich e seihn, nah'n Hatel tau.

Wie dat dä Liede in'n Dörpe erfaur'n, da kricht'n se doch ein klein'n Schrecken, der noch jrötter worde, als ein paar vortellt'n, dat se den Bär eseihn herrn, wie hei int Holt elopen war. Um den Bär antelocken, lecht'n se et nachts en Batzen Fleisch op'n Acker. Dat war denn ook et morjens vorschwun'n. Aver nich dr Bär harre dat e haalt, i bewahre, de Fikse fraten dat op.

Met dr Wiele da kam aan Vormeddach en Mann utn Hatel taun Herrn Amtsrat un mellte: „Herr Amtsrat, ek hew'n seihn, hei hett so'n richtigen Fußpuckel!"

Dat schprook set in'n Dörpe rum. Man säde sek, dat Biest mett'n wei fängen, sonst fritt et noch de Liede op.

Dr Amtsrat schickte rum un bot alle tapfern Mänder op. Under siener Fiehrung - hei reet schtolz te Päre - jing et denn los, op de Seuke.

Von dr andern Siete awer da kam'n de Bärnjäjer von'n Nachbardörpe un et entschpunn sek en richtiges Kesseldriems.

En oolder Mann, der noch nischt von disser schrecklichen Sache wußte, war alleene in'n Felle un vortrog Reum'm. Wie nun de Bärnjäjer von wiedens den braidn krum'm Puckel bon den ool'n Mann, in siender grauen Jacke hindern Koornfelle jewahr wor'n, da haltn se ne for'n Bärn un einder raup: „Herr Amtsrat, da sitt dat Biest, et sei sie'n Fußpuckel, lat'n se mek man vorrweg, ek werne eins opbren'n, et hewwe zweie rinneprumst!" „Täuw man en bettchen," säde dr Amtsrat, ,,laat man dä andern ook erscht ran."

Mutig jing man nun droplos. Enn paar awer, dä makten en höllischen Schpektakel. Se dachten, et is besser, wei jechen dat Biest furt, denn wenn der Bär op uns tau kimmt, denn werd di Sache brenzlich. Drumme is et besser, hei maakt set ut'n Schtoowe, als dat wei for ehne fortlop'n mett'n.

En janz Vorwitziger awer der konnte sek doch nich mäßigen, hei mußte siene oole Franzosenflinte, dä sien Jroßvader utn Freiheitskrieje met e bracht harre (se nennten de oole Fierspritze en „Kauhfaut") losballdern. Bautz! Klatschten de Rehposten in den Wiedenkorf, dat de Kaffepulle in dausend Scherben flog. Hilpe!, Hilpe!, röp der Dole un schmeet sek in de Reu'm.

Et war en jrotes Jlicke, dat der Scharpschitze blos in'n Korf e dropen harre. Na ner Wiele da makte set der Dole wedder hoch un kuckte set umme.

Nun makten de Bärnjäjer aver lanke Jesichter. Alle war'n froh, dat et kein Bär war; denn son Dier kann einen doch wat utwischen. Un vor allen Dingen war'n alle froh, dat der oole Mann nich an eschootn war. Janz betöppert schliekt'n se na Huse un säd'n tein Sterbenswoort.

Als dr Amtsrat opn Hoff kam, da fraug ne so'n näsewieser Ochsenpumper, wu denn dr Bär is, den hei erlecht hädde. Der säde awer nischt un tappelte fek in't Wohnhus.

Der Bär awer, der war schon lange vorher von janz alleene in't Lager e'kom'm, un harre sek taun Freet'n innefun'n. Dä Bärnjagd harre awer noch en Nachspeel. Ut Wut, dat man nischt utericht harre, da makte man enne nie'e Dummheit.

Abens in Dunkeln kam der Kantor von Wilslewwe de Dörpstrate runder, en Liedchen vor sek her brummend. „Wat het hei hier te brum'm," reep zornig der Nachtwächter, ,,brum'm is ne Beleidijung." Gelassen antwerte der Kantor: „Nun, man wird ja wohl noch'n Liedchen vor sich hin summen dürfen. Ich möchte nach Wilsleben hinüber. Sagen Sie mal, ist die Flur jetzt frei, hat man den Bär eingefangen?" In noch jrötterer Wut jrölt de Nachtwächter oan: „Dats enne nie'e Beleidijung, sone Frechheit. In Namen des Jejetzes verhafte ek sei! Rinn int Lock!“

Un so kam denn der Herr Kantor korter Hand for disse Nacht int Spritzenhus. Lange noch na disser Jeschichte da jing der Schpruch: ,,Dä Bärnjagd is nun vorbie, nun sperr'n se noch den Wilslewwer Kanter bie."

Un hiete noch het'n de Liede „de Bärnjäjer".

Der Hecht im Karpfenteich

Das Fußball-Lokalderby Stecklenberg gegen Neinstedt war immer etwas Besonderes.

Um 1968 spielten beide in Stecklenberg.

Der Sportplatz war voll mit Besuchern. Aus Neinstedt waren viele Zuschauer gekommen. Für sie war klar: Stecklenberg wird in Sack und Tüten gehauen. 5:0 protzten die Neinstedter Spieler.

Das Endergebnis sah anders aus 5:0 für Stecklenberg. Torschützenkönig war Lutz Kirchner, der „Büffel“, der alle fünf Tore geschossen hatte. Eigentlich stammte er aus Neinstedt, lebte aber schon einige Jahre in Stecklenberg und spielte hier Fußball.

Seine Schwester Jutta war mit Lutz Hanske in Neinstedt verheiratet.

Lutz Hanske hatte für Neinstedt gespielt. Wutendbrand kam er nach Hause.

Jutta ahnte etwas: „Na habt ihr die Stecklenberger 5:0 geschlagen?“

„So eine Sch… 5:0 haben wir eine drüber gekriegt und das Schlimmste ist, dein Sch… Bruder hat alle fünf Tore gemacht“ schimpfte sich Lutz von der Seele.

Jutta bekam eine Lachanfall.

In der Saison 1964/65 war die junge Mannschaft Stecklenbergs, die erst 1962 gegründet worden war, sogar Kreismeister geworden. Eins zu Null im letzten Spiel in Opperode reichte zur Meisterschaft. Es war eins der schwersten Spiele geworden, denn die Opperöder kämpften wie die Löwen, angefeuert von den Quedlinburgern, die Meister geworden wären, hätte Stecklenberg verloren.

In dieser Saison schossen die Stecklenberger 130 Tore. Davon schoss der Büffel, Lutz Kirchner allein 70.

Die Presse lobte die Stecklenberger:

„Stecklenberg ist der Hecht im Karpfenteich.“

Der Ortsbürgermeister

Philipp Nathusius, Neinstedt 1851

Viel Sorgen, Mühe und saurer Schweiß,

Neid, Undank, Feindschaft, wie man weiß,

Kleinkram, Akten, kleiner Lohn,

dabei von oben noch ein Hohn

sind aller Reichtum und Vorrat,

den man hier auf Erden hat.

Aktenberg

1893 trennte sich Stecklenberg von Neinstedt und wurde eine eigene Gemeinde. Dazu wurde ein Bürgermeister gewählt. Die Verwaltung oblag dem Gemeindesekretär.

Eines Tages stapelten sich auf dem Schreibtisch des Bürgermeisters einige Briefe. Darauf kamen Akten, so dass die Briefe einige Zeit liegen lieben. Als der Stapel zu hoch wurde, übergab sie der Bürgermeister dem Gemeindesekretär zur Erledigung.

Da sie aber aus zweiter Hand, also von der Schreibkraft dem Sekretär überbracht worden, brannte das Befehlsfeuer des Bürgermeisters nicht so scharf. Die Papiere blieben in Ruhe liegen, nicht mal ein Mäuschen knabberte daran. Endlich, 3 Monate waren vergangen, waren auch die Briefe zur Bearbeitung vorgesehen. Die Schafe standen mit Lämmern auf der Weide, der Bauer war mit dem Bestellen fertig und die Hamster hatten ihre Löcher aufgemacht. Die Briefe aber enthielten sämtlich Beschwerden über die verschneiten Straßen in Stecklenberg und Umgebung.

Was blieb dem Sekretär weiter übrig, als überall einen Stempel “Erledigt” anzubringen.

Husten

Der alte K. hatte einen fürchterlichen Husten und Schnupfen, also ging er zum Barbier, welcher damals des Doktors Kollege und rechte Hand war und dessen medizinal redliche Tätigkeit viel in Anspruch genommen wurde. Er gibt ihm den ärztlichen Rat: „Nehmen Sie ein wenig Salmiak und Lakritz ein, das löst.“

Der K. antwortet: „Brennewien löset ok.“

Der Barbier hält aber „Brennewien“ doch in diesem Falle nicht für das rechte Spezifikum.

Sagt der K: „Wenn de Brennewien ok en Hausten nich löset, hilfte doch übern Tach“, und geht.

Finanzamt

Um 1900 hatte sich Professor Podikau aus Leipzig ein Sommerhaus in Stecklenberg (jetzt Nr. 18) bauen lassen. Als er einmal auf dem Perron (offener Teil des Personenwagens) des Zuges von Leipzig nach Aschersleben stand, fegt ihm eine Windböe seinen teuren Hut hinfort.

In der nächsten Steuererklärung setzte er ihn als Reiseunkosten mit auf die Liste. Bei der Revision wurde ihm diese Position gestrichen.

Im Folgejahr legt er wieder eine Reiseunkostenrechnung vor.

Der Finanzbeamte fragte scherzend: „Haben sie wieder einen Hut aufgeschrieben?“

„Ja, aber soll mich der Teufel holen, wenn Sie den diesmal finden können“ war die Antwort.

Tabak

Zur Witwe Emma F. kam ihre Bekannte, Frau Müller, zum Sonntagnachmittag-Kaffee.

Es roch sehr streng nach Pfeifentabak.

„Oh“ sagte Frau Müller „Emma rauchst du jetzt oder hattest du Herrenbesuch?“ „Aber nein“ sagte Emma „aber immer, wenn ich traurig an meinem Verflossenen

denke, lege ich etwas von seinem Tabak ins Feuer und schon riecht die Bude, als wenn mein Mann noch da wäre.“

Predigt

Früher als die Stecklenberger noch in Neinstedt in die Kirche gingen, war es üblich, dass sich der neue Pastor bei der Gemeinde mit einer Predigt bewerben musste.

Es ist lange her, da bewarben sich zwei Kandidaten. Jeder sollte am Sonntag seine Predigt halten.

Beide übernachteten in nebeneinander liegenden Zimmern im Krug.

Der eine war ein begabter junger Mann, aber das Auswendig lernen der Rede bereitete ihm Mühe.

Der andere dagegen hatte ein gutes Gedächtnis.

Den ganzen Abend schritt der Begabte in seinem Zimmer auf und ab und wiederholte immer wieder seiner Predigt. Im Nachbarzimmer hörte der andere mit und fand das diese Predigt wesentlich besser wäre, als die seinige.

Am anderen Tag begann der Nachbar mit dem besseren Gedächtnis mit seiner Predigt und Wort für Wort hielt er die Predigt seines Mitbewerbers.

Der war darüber sehr erstaunt. Was sollte er nun tun. Sich im Amt mit Streiterei einführen?

Schließlich stieg er auf die Kanzel und begann:

„Liebe Gemeinde, wir haben da eine so schöne Predigt gehört. dass ich nicht anders kann, als diese Predigt noch einmal zu wiederholen.“ Und er wiederholte die gesamte Predigt Wort für Wort.

Da sperrten aber die Bauern ihr Maul auf, und als er zu Ende war, sagten sie: „Dat is aber en Kerl, de kann wat“ und wählten ihn zum Pfarrer.

Ein Zaun als Naturschutzgebiet

Nach 1990 änderten sich viele Vorschriften.

Am Sportplatz hatte der Reit- und Fahrverein sein Gelände. Herr Stertz zäunte es ein, indem er geviertelte Weidenstämme als Pfähle benutzt und Draht dazwischen spannte. Im darauffolgenden Jahr schlugen die geviertelten Stämme aus und es entwickelten sich daraus Büsche und letztlich Kopfweiden.

Eifrige Naturschützer ließen diese Kopfweiden unter Naturschutz stellen.

Einige Jahre später wurde die Unterschutzstellung aufgehoben mit der Begründung „ein von Menschenhand geschaffenes Gebilde kann kein Naturschutzobjekt sein“.

Das gleiche Schicksal ereilte der Schröterhaufen. Das war ein Abfallhaufen aus Mostpressrückständen von Saftstertz auf einer Wiese am Emthöfen. Hier vermehrten sich eifrig die Nashornkäfer. Auch er wurde unter Naturschutz gestellt und das wurde später wieder zurückgenommen.

Es kann nicht jeder Harzer ein Stecklenberger sein

1993 fand zum Harzfest eine Veranstaltung im großen Saal des Kurzentrums in Bad Suderode statt. Unter anderem trat auch der damalige Frauenchor aus Stecklenberg auf.

Zu der Zeit stritt sich die Landesregierung mit dem Bürgermeister von Stecklenberg um veruntreute Millionenbeträge an Fördermitteln.

Als der Frauenchor die Strophe sang “Es kann nicht jeder Harzer ein Stecklenberger sein”, rief jemand vom Prominenten-Tisch laut “na Gott sei Dank.”

Doch der Ruf von Stecklenberg hat sich inzwischen grundlegend gewandelt.

2022 wanderte die Stecklenbergerin Conny S. auf den Brocken. Dort kam sie ins Gespräch mit anderen Wanderern, die erzählten, dass sie schon fast überall im Harz gewesen sind.

Auf die Frage von Conny, die nicht gesagt hatte, wo sie herkommt, “Wo hat es ihnen denn am besten gefallen?” kam die spontane Antwort “In Stecklenberg war es am schönsten, da müssen sie mal hinfahren.”

Heilwasser

Die Kalziumquelle in Stecklenberg hieß früher Radiumquelle und es wurde ihre heilende Wirkung angepriesen. Zeitweise wurde das Heilwasser auch von einer Brunnenmaid verkauft.

Eine Frau stand im kleinen Park an der Quelle und trank ein Glas. Ein Sommergast fing ein Gespräch mit ihr an und fragte dabei: „Sie trinken das gute Heilwasser, sind sie leidend?“

„Nein, ich trinke es nur aus Dummheit, weil es andere auch trinken.“

„Und hat es bereits geholfen?“

Junge Mutter

Im Hotel Waldfrieden logierte einmal eine elegante Dame mit ihrem Sohn.

Der Wirt füllte das Meldeformular aus und fragte die Dame nach ihrem Alter „Ich bin 25 Jahre, wie Sie sehen.“

„Und wie alt ist ihr Sohn?“

„Ja, äh, der ist 15 Jahre“ sagte errötend die Dame.

Jägerbataillon Thadden

Am 20. Oktober 1813 stellte Premier-Leutnant von Thadden in Quedlinburg sein Stabsquartier auf. Über 250 Mann meldeten sich zum Freiwilligen-Jäger-Detachement von Thadden und zogen in den Kampf gegen Napoleon. Das Freiwilligen-Jäger-Detachement kehrte 1814 zurück. 1815 kämpfte es erneut gegen Napoleon und wurde nach dessen Niederlage aufgelöst.

Großer Jubel herrschte in Quedlinburg, als das Jägerbataillon (Major) v. Thadden am 2. Juli 1814 aus dem Befreiungskriege zurückkehrte und wieder in die Stadt einzog, aus der so viele Freiwillige in diese Truppe eingetreten waren. Der Magistrat hielt vorher Rat mit dem Stadtkommandanten Hauptmann v. Malinowski. Dieser riet: „Nur nicht so viel kostspielige Feierlichkeiten, lieber die Zurückkehrenden festlich und reichlich verpflegen! Daran habe es beim Truppeneinzuge in Magdeburg leider gefehlt. Die zurückkehrenden Truppen sind dort mit vieler Solennität empfangen, aber herzlich schlecht bewirtet worden, so daß sie beim Genuß des kärglichen Mahles alle Feierlichkeit zum Teufel wünschten.“

Nun, die Quedlinburger werden den Ratschlag des alten Praktikers schon befolgt und den wackeren Freiheitskämpfern reichlich Festbraten mit den nötigen Getränken gespendet haben.

Das Jäger-Bataillon v. Thadden wurde nunmehr aufgelöst. Was aus seinem Kommandeur geworden ist, läßt sich nicht ermitteln. Er wird noch eine Zeitlang im preußischen Heere gedient haben; sonst hätte er es nicht bis zum Major gebracht. Der Dank der Hinterbliebenen für sein Begräbnis vor 100 Jahren ist das Einzige, was wir über ihn erfahren. Das soll uns Anlaß sein, an sein verdienstvolles Wirken in einer großen Zeit würdiglich zu gedenken, zumal da er zu Quedlinburg so treue Anhänglichkeit zeigte, daß er hier seinen Lebensabend verbrachte. Aus der städtischen Seelenliste geht hervor, daß er Neuendorf 21 wohnte und unverheiratet oder verwitwet, durch eine Haushälterin versorgt wurde.

Karli Lofinks Hochzeit

Dieter Flohr aus „Das Gasthaus zum Landhaus“

Karl Lofink (1905-1979) war der Postbote von Stecklenberg, der obwohl gehbehindert werktäglich von Neinstedt bis zur Lauenburg laufend die Post austrug. Zur Hochzeit sammelten die Stecklenberger Geld und schenkten Karl Lohfink Stubenmöbel.

Die Nachricht schlug ein wie eine Bombe. Es würde eine Hochzeit geben. Karli unser Postbote würde heiraten. Ich spitzte meine Ohren. Eine Braut hatte ich bei ihm noch nie gesehen. Und vorstellen konnte ich mir das Ganze überhaupt nicht.

Wie sollte das gehen? Ein behinderter Mann mit einem Klumpfuß und ein Ehemann? Was wenn Kinder kämen?

Tatsächlich hörte ich an einem Abend auf dem Flur an den mein Zimmer grenzte, irgendwelches Gewisper, Türenschlagen, Gerenne. Dann wieder war alles ruhig. Wenig später erfuhr ich, dass an diesem Abend alles klar gemacht worden war. Tante Frieda war dabei, die Braut natürlich und Karli. Vielleicht auch noch ein reicher Bauer, der im Hintergrund bleiben wollte.