Stirb, Brüderchen, stirb - Tatjana Ustinowa - E-Book

Stirb, Brüderchen, stirb E-Book

Tatjana Ustinowa

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Beschreibung

Sie wird verfolgt. Und nicht nur vom Pech. Warja fristet in Moskau ein langweiliges Dasein als Sekretärin. Ihr Chef, Manager einer Fernsehstation, hält sie für einen unfähigen Trampel, und auch sonst ist ihr Leben ziemlich ereignislos. Bis sie eines Tages in ihrem Büro über einen Toten stolpert. Auf dem Heimweg wird Warja angefahren, und dann ist auch noch ihre Wohnung verwüstet. Ausgerechnet jetzt schickt ihr Chef sie nach Prag, wo sie einen geheimnisvollen Umschlag übergeben soll. Aber die Adresse existiert nicht, und die junge Frau gerät in den Strudel einer Verschwörung.

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Seitenzahl: 473

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Tatjana Ustinowa

Stirb, Brüderchen, stirb

Aus dem Russischen von Margret Fieseler

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Sie wird verfolgt. Und nicht nur vom Pech.

 

Warja fristet in Moskau ein langweiliges Dasein als Sekretärin. Ihr Chef, Manager einer Fernsehstation, hält sie für einen unfähigen Trampel, und auch sonst ist ihr Leben ziemlich ereignislos. Bis sie eines Tages in ihrem Büro über einen Toten stolpert. Auf dem Heimweg wird Warja angefahren, und dann ist auch noch ihre Wohnung verwüstet. Ausgerechnet jetzt schickt ihr Chef sie nach Prag, wo sie einen geheimnisvollen Umschlag übergeben soll. Aber die Adresse existiert nicht, und die junge Frau gerät in den Strudel einer Verschwörung.

Über Tatjana Ustinowa

Tatjana Ustinowa, geboren 1968, studierte Aerodynamik in Moskau und arbeitete danach beim Fernsehen. Sie hat in Russland 15 Kriminalromane veröffentlicht, die millionenfach verkauft wurden. Mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt sie in Moskau. Im Rowohlt Verlag erschienen bislang: «Dass du nicht mehr lebst», «Blind ist die Nacht» und «Wenn die Stunde schlägt».

Inhaltsübersicht

Unter diesem Stein ...Stirb, Brüderchen, stirb [Teil 1]Stirb, Brüderchen, stirb [Teil 2]Stirb, Brüderchen, stirb [Teil 3]

Unter diesem Stein fand Jackson, Hugh

nach langem Leiden die letzte Ruh.

Im Leben als Jackson, William bekannt,

ward er im Grabe umbenannt.

weil sich kein Reim auf «William» fand.

(Unbekannter englischer Autor)

UND DANN WÄRE SIE FAST NOCH unters Auto gekommen.

«Alte, pass auf, wo du hintrittst, wenn du nicht abkratzen willst», brüllte der Fahrer grob und sprang aus dem Auto. Er machte nicht einmal einen Schritt auf sie zu, um nachzusehen, was ihr passiert war.

Was war denn auch schon passiert. Heute war vor ihren Augen ein Mann ums Leben gekommen, und sie hatte den Verdacht, dass er ermordet worden war, das war alles.

«He! Was sitzt du da herum, steh gefälligst auf, Alte!»

Mit Mühe wälzte sie sich auf die Knie, kroch zum Straßenrand und zog sich dort mit beiden Händen an einer harten, schmutzigen Schneewehe hoch. Die ganze Straße schaute dabei zu, wie sie versuchte, ihren Mantel sauber zu klopfen, und nach ihrer Handtasche suchte.

Die Tasche war nicht mehr da.

«Na, was ist? Kannst du laufen?»

Das Knie schmerzte heftig, wahrscheinlich war Warwara damit auf den Asphalt geprallt, als sie stürzte. Sie bückte sich und versuchte nachzusehen, was mit ihrem Knie passiert war, konnte aber nichts erkennen.

Mein Gott, und ihre Tasche!

Die Autos hupten wie verrückt – sie wollten den Wagen wegdrängeln, der Warwara angefahren hatte. Er stand mitten auf der Straße und versperrte ihnen den Weg. Dieser mitfühlende Fahrer, der sich in so überaus höflichen Worten erkundigt hatte, ob mit ihr alles in Ordnung sei, schlug einfach die Tür zu und fuhr los.

Warwara schickte ihm unter ihrem verrutschten Kopftuch hervor einen vernichtenden Blick nach.

Was jucken den schon deine Blicke, meine Liebe. Du hast noch großes Glück gehabt, dass er dich erstens nicht totgefahren und dir zweitens nicht in die Fresse gehauen hat, schließlich hast du sein kostbares Auto gefährdet und ihn gezwungen, anzuhalten, Zeit zu verlieren und dir Fragen zu stellen!

Aber wo war bloß die Tasche?!

Warwara trat von einem Bein aufs andere, als wollte sie deren Standfestigkeit testen, da tauchte der verfluchte Wagen plötzlich direkt vor ihrer Nase auf. Sie wich erschrocken zurück, überzeugt, dass er sie diesmal bestimmt überfahren würde.

Die hintere Tür wurde aufgerissen.

«Oma», ertönte es herzlich aus dem Wageninneren, «kann ich Sie irgendwohin mitnehmen? Wollen Sie vielleicht ins Krankenhaus?»

«Danke, nicht nötig», murmelte Warwara und klopfte eifrig ihren Mantel ab.

«Nun kommen Sie schon.»

«Ich hab doch gesagt, es ist nicht nötig», wiederholte sie mit Nachdruck. «Mit mir ist alles in Ordnung.»

In diesem Moment erblickte sie ihre Tasche – sie lag weit weg an einer Hauswand – und humpelte freudig auf sie zu, so als könne die Tasche sie beschützen und vor allen Widrigkeiten des heutigen Tages retten.

Gleich würde sie sie aufheben und ruhig nach Hause gehen, die Tür hinter sich zumachen, in die Badewanne steigen und im heißen Wasser sitzen, solange sie Lust hatte, und der Tag würde endlich zu Ende gehen.

Die Tasche war leer. Warwara drehte sie um und schüttelte sie, in der Erwartung, dass aus dem Inneren sogleich Pass, Geldbörse, Brille, der dicke Roman und das noch aus ihrer Schulzeit stammende Notizbuch mit dem flotten Prägedruck auf dem Umschlag – Hammer und Sichel – herauspurzeln würden.

«Na, Alte?», fragte der Fahrer spöttisch direkt neben ihrem Ohr. «Hamse dir die Rente geklaut? Auf dein Geld musst du eben besser aufpassen!»

«Und du solltest nach vorn gucken, wenn du am Steuer sitzt», sagte Warwara, ohne sich umzudrehen. Sie war den Tränen nahe und schluckte angestrengt, um sie zu vertreiben. «Auf die Straße musst du gucken, nicht Krähen zählen und den Mädels hinterherglotzen!»

«Alle Achtung!», rief der Mann beinahe entzückt. «Die hat ja Haare auf den Zähnen! Die lässt sich nichts gefallen!»

«Gib endlich Ruhe, Witja.»

Hinter ihr bewegte sich etwas. Sie schluckte ihre Tränen hinunter, schaute weiter angestrengt in ihre Tasche und wandte sich absichtlich nicht um. Jemand fasste sie energisch beim Ellbogen.

«Kommen Sie mit.»

«Ich komme nirgendwohin mit!»

«Kommen Sie. Ich fahre Sie nach Hause. Sie haben doch gar nichts mehr – kein Geld und keine Papiere.»

Mein Gott, wofür wurde sie eigentlich so gestraft?

«Entweihe den Namen Gottes nicht», pflegte Oma Nastja ärgerlich zu sagen. Sie trug tagein, tagaus ein weißes Kopftuch mit kleinen Pünktchen, ihr Gesicht war dunkel und streng. Warwara hatte Angst vor ihr. «Gott ist nicht Nachbars Ziege, ihn ruft man nicht so mir nichts, dir nichts, nur wenn es sehr nötig ist oder etwas ganz, ganz wichtig!»

«Nun seien Sie doch nicht so störrisch!», sagte die Stimme hinter ihr ärgerlich. «Steigen Sie ein, was stellen Sie sich so an!»

Ein Stoß in den Rücken, und Warwara kroch ungeschickt in das von warmem Licht erhellte Wageninnere. Hier zeigte sich, dass ihre Strumpfhose zerrissen war. An beiden Knien gähnten gleichmäßige runde Löcher wie Seen. Die schmutzige weiße Haut darunter sah in der gedämpften Beleuchtung beinahe unanständig aus, und Warwara bedeckte ihre Knie hastig mit den Mantelschößen.

Sobald ich zu Hause bin, nehme ich ein Bad, dachte sie.

Die Türen wurden zugeschlagen, und der Wagen setzte sich in Bewegung.

«Wo müssen Sie hin, Oma?»

«Tuchatschewski-Straße», sagte Warwara.

Es tat ihr schrecklich leid um das Geld, immerhin fast fünfhundert Rubel. Natürlich würde sie jetzt nicht Hungers sterben, aber es war kränkend.

«Warum gucken Sie denn nicht nach rechts und nach links, wenn Sie die Straße überqueren? Sie müssen besser aufpassen, besonders abends.»

«Ich passe ja auf», sagte Warwara böse. «Es war Ihr Chauffeur, der sonst wohin geguckt hat! Ich bin bei Grün über die Straße gegangen, auf dem Fußgängerüberweg!»

«Aber das Grün flackerte schon!», empörte sich der Chauffeur auf dem Vordersitz, überzeugt, dass er zu Unrecht beschuldigt wurde. «Die Alte ist selber schuld, sie will das jetzt bloß vertuschen. Ich hatte noch gar kein Tempo und bin erst angefahren, als die Ampel schon auf Rot umgesprungen war!»

«Ich weiß nichts von einer roten Ampel», parierte Warwara. «Ich bin jedenfalls bei Grün über die Straße gegangen, und Sie sind wie der Teufel gerast! Ja, und hinter mir kamen noch ganze Scharen von Leuten, das haben Sie doch gesehen!»

«Weil es nur noch Trottel gibt! Wenn die Ampel flackert, muss man stehen bleiben. Ste-hen blei-ben! Aber ihr trampelt einfach weiter, wie eine Hammelherde! Mein Gott, Fußgänger in Moskau!»

«Witja!»

Der Chauffeur blickte in den Rückspiegel, bewegte noch ein Weilchen die Lippen, als könne er nicht auf der Stelle verstummen, und brummte dann: «Entschuldigung, Iwan Alexandrowitsch.»

Iwan Alexandrowitsch, den Warwara noch gar nicht genauer angesehen hatte, rückte ein wenig zu ihr herüber und bot ihr einigermaßen teilnahmsvoll an: «Vielleicht sollten wir Sie doch besser zur Ambulanz bringen? Was haben Sie da … tut das weh?»

Er fürchtet, ich könnte recht haben, dachte Warwara. Selbst hat er natürlich nicht nach draußen geschaut und weiß jetzt nicht, wem er glauben soll, mir oder seinem Chauffeur.

«Alles in Ordnung», sagte sie, während sie sich das Tuch vom Kopf zog. «Nur Hautabschürfungen und zerrissene Strümpfe. In der Ambulanz bekommt man keine neuen Strümpfe, und Jod habe ich selbst zu Hause.»

Und dabei schaute sie ihn endlich an.

Er hatte kurz geschnittenes dunkles Haar, war nicht dick, aber sehr kräftig gebaut. Große Hände, ein starker, von der Krawatte eingeschnürter Hals. Augen, die durch die dichten dunklen Wimpern wie schwarz umrandet wirkten.

Er blickte sie ebenfalls eine Weile aufmerksam an. Die Farbe seiner Augen konnte Warwara nicht erkennen.

«Entschuldigen Sie», brummte er und wandte sich wieder ab. «Ich dachte, Sie seien eine Oma.»

«Ich bin keine Oma», erklärte Warwara. «Aber vielleicht werde ich es in einiger Zeit mal sein.»

Der Chauffeur glotzte sie im Rückspiegel an und traute offensichtlich seinen Augen nicht. Die plötzliche Verjüngung Warwaras verwirrte ihn völlig.

«Ich hab gedacht», sagte er plötzlich, «Kopftuch, Handtasche, Mantel … ’ne alte Schachtel, was sonst …»

«Witja!»

«Entschuldigen Sie, Iwan Alexandrowitsch …»

«Umso unverzeihlicher», fuhr Iwan Alexandrowitsch aufgebracht fort. «Sie sehen also vermutlich ganz gut, Ihre Beine sind in Ordnung, was haben Sie dann auf der Fahrbahn zu suchen!»

«Nichts habe ich gesucht. Ich habe die Straße überquert.»

«Ja, ich hab’s gehört. Bei Grün. Trotzdem müssen Sie nach rechts und links sehen, wenn Sie nicht wollen, dass man Sie überfährt!»

«Das sagen Sie mal Ihrem Chauffeur! Ich will bestimmt nicht überfahren werden, aber wieso rast er einfach in die Leute hinein?! Mit mir zusammen sind noch viele andere über die Straße gegangen!»

«Aber merkwürdigerweise sind ausgerechnet Sie uns vors Auto gelaufen! Alle anderen sind wohlbehalten hinübergekommen, nur Sie kommen unter die Räder!»

«Weil er mich angefahren hat und ich gestürzt bin! Und meine Tasche ist weggeflogen, und alles hat man mir geklaut!»

«Ja», sagte Iwan Alexandrowitsch ganz ruhig. «Das ist schlimm. Schade um die Tasche. Was war drin? Geld? Papiere?»

«Geld, Papiere, alles Mögliche!»

«Viel Geld?»

«Allerdings», fauchte Warwara wütend. «Fünfhundert Rubel.»

Und plötzlich tat es ihr so leid um diese fünfhundert Rubel, um sich selbst, um ihren Pass mit dem ausnahmsweise einmal gut getroffenen Foto darin und sogar um den Krimi, den sie gerade erst angefangen hatte, dass sie laut zu weinen begann, die Hände vors Gesicht geschlagen und den Kopf im Schoß vergraben.

Sie schluchzte fast den ganzen Weg nach Hause und hörte erst an der Kreuzung auf, als dieser Iwan Alexandrowitsch sie fragte, wo sie abbiegen müssten. Warwara wies ihm mit dem Arm die Richtung. Als letzte und schlimmste Demütigung wollte er ihr auch noch Geld zustecken, als der Wagen hielt, und versicherte mehrmals, er sei bereit, sie zu «entschädigen». Aber Warwara schob seine Hand weg, schluchzte und wischte sich mit dem Kopftuch die Tränen ab.

Endlich gelang es ihr loszukommen, sie stolperte über den sauber gefegten Weg zum Hauseingang und wäre fast noch einmal gefallen, als sie auf einen von frisch gefallenem Schnee bedeckten Eisstreifen trat. Sie fuchtelte mit den Armen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren, die leere Tasche wirbelte um sie herum, das Auto aber fuhr immer noch nicht fort, und Warwara begriff, dass Iwan Alexandrowitsch und sein Chauffeur sie aus dem Wagen heraus beobachteten.

Im Lift hatten sich unappetitliche Pfützen gebildet, im Windfang roch es nach Hund. Die Nachbarn hielten in ihrer Zweizimmerwohnung drei riesige Kaukasische Hirtenhunde. Der Nachbar brüstete sich damit, dass sie ihre Wohnungstür gar nicht mehr abschließen müssten. Warwara glaubte ihm aufs Wort – nicht weil die Hunde so wild und gefährlich waren, sondern weil es derart durchdringend nach ihnen stank. Jeder Einbrecher würde garantiert sofort bewusstlos umfallen.

Der Nachbar hatte seine Hundefamilie gerade zum Gassigehen formiert. Er staunte über Warwaras derangiertes Aussehen, verfluchte die «neuen Russen» und ihre Autos und brüllte seine Hunde an, die mit ihren schweren Schnauzen Warwara bedrängten. Sie stand an die Wand gedrückt und umklammerte ihre Handtasche, denn die Hunde nahmen allen freien Raum in dem engen Windfang ein. Als sie endlich alle draußen im Treppenhaus waren und Warwara ihre Wohnungstür geöffnet und in der Diele, die winzig wie ein Kleiderschrank war, das Licht angeknipst hatte, stellte sich heraus, dass ihr Mantel vorn nicht nur nass und schmutzig, sondern auch noch voller Hundehaare war.

«Wie sieht denn das aus!», rief Warwara betrübt ihrer Handtasche zu, die sie noch am Henkel hielt. «Wie um Himmels willen sieht denn das aus?!»

Die Tasche gab keine Antwort, und Warwara warf sie unter den Spiegel. Sie trat sich die Füße auf der vorsorglich hinter der Tür ausgebreiteten Zeitung ab, um den sauberen Fußboden nicht zu beschmutzen, dann zog sie ihre Stiefel aus und hängte ihren Mantel an die Garderobe.

Was sollte sie jetzt morgen zur Arbeit anziehen?

Sie könnte natürlich versuchen, den Mantel mit dem Föhn zu trocknen und anschließend abzusaugen. Sie entfernte schließlich nicht zum ersten Mal Hundehaare, denn sie traf ihren Nachbarn recht oft, wenn der mit seiner «Familie» Gassi ging. Nach solchen Begegnungen musste sie ihren Mantel regelmäßig mit dem Staubsauger bearbeiten.

Wie hatte sie nur vor dieses Auto laufen können?! Sie hatte wirklich noch Glück gehabt, dass sie mit dem Schrecken davongekommen und auch noch so komfortabel nach Hause chauffiert worden war. Weniger kultivierte und höfliche Leute hätten sie vielleicht noch verprügelt.

Schniefend stellte Warwara den Wasserkessel auf den Herd und zog dann ihren Bademantel aus Frottee an. Früher war der Bademantel mal hellblau gewesen, mit Sternen und Wolken, die im Laufe der Zeit immer mehr verblassten, bis der Mantel eine graublaue Farbe angenommen hatte. Es war ihr Lieblingsteil, kein gewöhnliches Kleidungsstück, sondern ein Seelentröster. In ihm war es warm und weich, aber sie sah darin so schlimm aus, dass sie lieber nicht in den Spiegel schaute, wenn sie ihn trug.

Jetzt musste sie aber doch einen Blick in den Spiegel werfen.

Aber es war nichts Ungewöhnliches zu sehen. Zumindest in ihrem Gesicht hatte der heutige Unfall keinerlei Spuren hinterlassen – keine Schrammen, keine Kratzer, alles in Ordnung. Nur ihre Augen waren noch vom Weinen gerötet. Sie würde Kohlblätter darauf legen. «Ein Blatt Kohl vertreibt jede Röte», hatte Oma Nastja immer gesagt.

Obwohl – was machte es schon aus! Als ob auf der Arbeit irgendwer ihre roten Augen bemerken würde!

In ihrem geliebten Bademantel wirkte sie dick und blass. Jetzt würde sie den ganzen Abend darüber nachdenken, wieso sie eigentlich so dick war. Sie aß doch eigentlich gar nicht viel, war fast immer auf der Arbeit, wo sie zum Essen sowieso keine Zeit hatte, und nahm immer nur einen Löffel Zucker in den Tee. Wika Gorina nahm dagegen drei, und trotzdem war Wika schlank, leicht und flink auf den Beinen …

Warum war das Leben nur so ungerecht?

Zum Abendessen gab es Huhn mit Reis, und vor lauter Kummer darüber, dass sie so dick war, aß Warwara alles bis zum letzten Bissen auf, obwohl sie sich vorgenommen hatte, die Hälfte für morgen übrig zu lassen, jetzt, wo sie fünfhundert Rubel aus ihrem Budget streichen musste.

Sie machte es sich mit einem großen Becher Tee – nur ein Löffel Zucker! – im Wohnzimmer bequem und dachte nach.

Heute hatte es bei ihnen in der Firma einen «Unglücksfall» gegeben.

Der Besucher, ein unscheinbarer junger Mann mit Aktentasche, war schon zum dritten Mal ins Büro gekommen. Der Chef empfing ihn jedes Mal, egal, wann er auftauchte, und das fand Warwara ziemlich merkwürdig.

Der Chef empfing sonst niemanden, der nicht zuvor eine bestimmte Zeit im Vorzimmer geschmort hatte. Das gehörte zu seinem Stil. Er war der Meinung, Besucher zur vereinbarten Zeit zu empfangen, passe nicht zu einem wirklich großen Boss. Der Chef hielt sich für einen großen Boss, und in seinem Vorzimmer bildeten sich regelmäßig Schlangen wie vor dem Milchladen am Morgen zu Sowjetzeiten. Doch dieser junge Mann durfte sogleich ins Büro, kaum dass Warwara seinen ausgefallenen Familiennamen beim Boss angemeldet hatte.

Ligo, Pjotr Borissowitsch, so hieß er.

Heute war er wieder erschienen und wieder sofort ins Büro gerufen worden, sobald Warwara ihn telefonisch angemeldet hatte. Etwa zehn Minuten später rief der Chef nach Warwara und bat sie in gereiztem Tonfall um Kaffee. Mit ihr sprach er immer so gereizt. Auch das hielt er für einen großen Boss für angemessen.

Warwara brachte den Kaffee.

Pjotr Borissowitsch Ligo saß mit angespanntem Gesichtsausdruck auf dem Sofa. Seine Hände hielt er auf ein Knie gepresst. Er bemühte sich, Warwara freundlich anzulächeln, tat das aber derart ungeschickt, dass sie ihn nur besonders aufmerksam musterte und sich fragte, was mit diesem Mann eigentlich los war, dass er so eigenartige Grimassen schnitt. Kurz darauf schaute Pjotr Borissowitsch ins Vorzimmer und bat Warwara um einen Aschenbecher. Ganz überrascht sprang Warwara von ihrem Stuhl auf, lief sofort in die so genannte Wirtschaftsabteilung – eine Nische in der Wand, vor der ein vergitterter Paravent stand – und suchte einen Aschenbecher heraus. Der Aschenbecher war sauber, aber feucht, und Warwara, die vor lauter Eifer und Eile einen Stapel Servietten herunterwarf, rieb ihn mit solcher Inbrunst trocken, dass er quietschte, und reichte ihn dann dem demütig wartenden Pjotr Borissowitsch.

Etwa eine halbe Stunde später ging sie noch einmal hinein, um das schmutzige Geschirr abzuräumen und saubere Tassen mit frischem Kaffee zu bringen.

Pjotr Borissowitsch Ligo saß mittlerweile in dem Sessel am Fenster, in einiger Entfernung vom Kaffeetischchen. Sein Gesicht konnte Warwara nicht sehen, aber er sprach gerade ziemlich laut. Was er sagte, konnte sie nicht verstehen, also achtete sie auch nicht weiter darauf. Zehn Minuten später rief Lina Achmetowa aus der Rechtsabteilung den Chef an. Er ging hinüber und knurrte ihr im Vorbeigehen noch zu, dass Pjotr Borissowitsch am Computer arbeiten wolle, er selber aber dringend zu den Juristen müsse. Das war in Warwaras Firma so üblich – zu den Juristen gingen immer alle persönlich und sofort. Nur dem Präsidenten wurden die juristischen Dokumente eigens ins Büro gebracht. Warwara wunderte sich zwar ein wenig darüber, was der Besucher am Computer zu tun hatte, aber natürlich stellte sie keine Fragen.

Die Tür war nicht ganz fest geschlossen, und einige Male hörte sie ein Geräusch, so als ob Pjotr Borissowitsch im Büro auf und ab ginge. Dann krachte es plötzlich so laut, dass Warwara entsetzt in die Höhe fuhr. Es hörte sich an, als habe Pjotr Borissowitsch den Bücherschrank umgeworfen.

«Was treibt er da bloß?», fragte sie Ljuda Galkina aus der Werbeabteilung, die gerade ihre Zigarettenpause bei ihr machte.

«Wer weiß», entgegnete Ljudka. «Sieh lieber nach. Nun geh schon!»

Und Warwara ging hinein.

Pjotr Borissowitsch Ligo lag auf dem Fußboden, die gelbe Schläfe an den Teppich geschmiegt. Neben ihm auf dem Boden lagen Monitor und Tastatur.

Pjotr Borissowitsch selbst war mausetot, eindeutig und unwiderruflich. Warwara wusste es auf den ersten Blick, fiel aber weder in Ohnmacht, noch vollführte sie irgendwelche sinnlosen Handlungen wie im Kino – den Toten schütteln, mit Wasser begießen, mit zitternder Hand Validol verabreichen, erst sich selbst, dann der Leiche, oder umgekehrt.

«Ljuda», sagte Warwara stattdessen, am Boden kauernd, «ich glaube, den hat es erwischt.»

Ljudka ächzte, wich zurück und fasste sich an ihren Rollkragenhals.

«Ich rufe den Notarzt», fuhr Warwara rasch fort, bevor Ljudka auf die Idee kam, ohnmächtig zu werden. «Hol du den Chef. Er ist bei den Juristen. Rasch, rasch, beweg dich!»

Wenn es nötig war, konnte Warwara sehr energisch werden.

Mit bleichem Gesicht kam der Chef angelaufen, gefolgt von einem der Juristen, und Warwara wurde fortgescheucht.

Dann gab es ein großes Durcheinander und Panik. Bis der Notarzt kam, dauerte es quälend lange, und im Vorzimmer drängten sich die Neugierigen. So ein unerwartetes «Glück»: am helllichten Tag eine Leiche in der Firma! Bestimmt würde man jetzt einen Tag, ach was, eine ganze Woche nicht arbeiten müssen!

Wenn sich die hohe Tür öffnete, stellte sich Warwara aufgeregt auf die Zehenspitzen und hielt sich an den Schultern der anderen Neugierigen fest. Alle schubsten und drängelten, um sehen zu können, was dort im Zimmer vor sich ging. Wenn sie sich schloss, drehten sich alle zu Warwara um, belagerten ihren Schreibtisch und blickten sie neugierig und flehend an. Sie aber setzte eine strenge und etwas traurige – eben eine «angemessene» – Miene auf und schwieg beredt. Dafür erzählte Ljudka im Korridor wohl zum hundertsten Mal, wie sie gerade bei Warwara gesessen und geraucht hatte, da hätte es auf einmal laut gepoltert, sie seien ins Büro gestürzt, und da habe er dann gelegen, neben ihm der Monitor, ein grausiger Anblick. Kurz gesagt – mausetot. Endgültig und unwiderruflich …

Warwara war überzeugt, dass Pjotr Borissowitsch ermordet worden war und dass der Schlaganfall, die Diagnose, die sich gleich nach der Ankunft des Notarztwagens und der bulligen, finster dreinschauenden Sanitäter wie ein Lauffeuer in der Firma verbreitet hatte, nichts mit seinem Tod zu tun hatte.

«Du hast zu viele Kriminalromane gelesen, meine Liebe», sagte Warwara zu sich selbst. Sie sagte das nur, um zu hören, wie es klang. Es klang wenig überzeugend.

«Träumerin», hatte Oma Nastja missbilligend über sie gesagt. «Ewig schwebt sie in den Wolken. Es ist ein Kreuz mit ihr!» Übrigens kannte Warwara niemanden, über den sich die Oma zustimmend geäußert hätte. Warwara war eine «Träumerin», ihr Vater ein «Stoffel», ihre Mutter eine «Kratzbürste», die Nachbarin ein «Dragoner», ihr Sohn ein «Bandit», obwohl der rosige, bebrillte, dicke Dimka ungefähr so viel Ähnlichkeit mit einem Banditen hatte wie Warwara mit der Miss Universum.

Dimka hatte ihr früher einmal den Hof gemacht, und sein verlegenes Schnaufen und die feuchten Finger, mit denen er Warwaras Hand gequetscht hatte, waren die romantischsten Erinnerungen in ihrem Leben.

Es gab Schlimmeres.

Zum Beispiel Tatjana, ihre beste Freundin. Hatte mit zwanzig geheiratet – natürlich aus rasender Liebe. Eine Zeit lang blieb die Liebe so rasend, dann wurde sie alltäglich, dann verschwand sie ganz. Übrig blieb die Plackerei mit einem Kerl, den sie längst leid und der zu nichts nütze war, der ihr aber, wie zum Trotz, im Laufe der Zeit irgendwie «ans Herz gewachsen» war. Ihn einfach seinem Schicksal zu überlassen, das brachte ihre gutmütige Freundin nicht über sich. Er saß ihr und ihren Eltern auf der Pelle, und zwar sehr bequem, ließ die Beine baumeln, tat nichts, kümmerte sich um nichts, sorgte sich um nichts – fast zehn Jahre lang. Tatjana verwandelte sich in dieser Zeit in eine Matrone mit Kleidergröße 48 – Warwara bedauerte sie mit einer typisch weiblichen Mischung aus Mitleid und Überheblichkeit, denn sie selbst passte noch in Größe 44 –, wurde zänkisch und weinerlich, drehte ihre Haare auf Lockenwickler, lackierte ihre Fingernägel blutrot, stritt sich mit ihren Eltern herum und vergötterte ihren Sohn Wassja, dem die übertriebene Mutterliebe gar nicht bekam und der mit seiner Umwelt große Probleme hatte.

So viel zu romantischen Gefühlen, verehrte Warwara Andrejewna. Wollen Sie so etwas? Sie sitzen hier gemütlich in Ihrem geliebten Bademantel im Sessel, trinken eine Tasse Tee, sinnieren über Gott und die Welt, trauern ihren fünfhundert Rubeln nach – während Tanja vermutlich mit einer Hand Kartoffeln brät und mit der anderen den Fußboden wischt und mit einem Auge Schulaufgaben kontrolliert.

Nur gut, dass sie ihren «Liebsten» im letzten Jahr doch noch vor die Tür gesetzt hatte. Es war wie in einer Komödie gewesen. Sie war an Neujahr etwas früher nach Hause gekommen, bepackt mit drei Einkaufstaschen, einer Pute, Mandarinen und Geschenken, ihr «Liebster» aber rannte, nur mit einer Unterhose bekleidet, aufgeregt durchs Zimmer, während auf dem Balkon ein Dämchen ohne BH stand, mitten im tobenden Schneesturm.

Tanja brach in schallendes Gelächter aus und lachte immer weiter, bis zum Prozess, und noch vor Gericht lachte sie, und die Richter zusammen mit ihr. In fünf Minuten waren sie geschieden.

Neun Jahre permanentes Eheglück hatten alle zermürbt. Tatjana hatte eine Neuralgie und ein beginnendes Magengeschwür, der ehemalige «Liebste» einen Bierbauch, Atemnot und Herzbeschwerden, Wassja wachte mitten in der Nacht auf und weinte aus Angst, die Eltern würden sich wieder anbrüllen. Dann fünf Minuten, und das Leben begann wieder von neuem.

Nein, verehrte Warwara Andrejewna, bedanken Sie sich bei Ihrem Schutzengel, dass Sie davon verschont geblieben sind. Ein bisschen schade war es natürlich schon, dass sie niemals verliebt gewesen war und kein Kind hatte, dass es nichts gab, was ihr Herz rascher klopfen ließ. Und dieser dreiste Chauffeur hatte auch noch geglaubt, sie sei ein altes Weib, dabei hatte sie doch noch ein ganzes Jahr, nein, sogar anderthalb bis zu ihrem dreißigsten Geburtstag!

Und dann dieser Mord an Pjotr Borissowitsch mit dem seltsamen Nachnamen Ligo. Warwara war überzeugt, dass es geschehen war, gleich nachdem der Chef das Büro verlassen hatte. Jemand musste das Gespräch der beiden belauscht und Pjotr Borissowitsch ermordet haben, sobald der Chef weg war.

Aber warum? Wer war überhaupt dieser Pjotr Borissowitsch? Was hatte er mit dem Chef zu bereden? Warum musste er nie im Vorzimmer warten, sondern konnte hineingehen, ohne jemanden anzuschauen?

Heute hatte man ihn umgebracht. Mausetot war er, wie Ljudka Galkina sich ausgedrückt hatte.

Warwara seufzte auf, schüttelte aus den Aufschlägen des Bademantels die Krümel von gestern und schlurfte in die Küche, um den Wasserkocher anzustellen. Schade, dass sie schon gestern alle Plätzchen aufgegessen hatte.

Aber sie war sowieso zu dick. Wika Gorina aß abends bestimmt keine Plätzchen, und sie, Warwara, würde es auch nicht tun.

Ihr Appetit auf so einen harten Kringel mit Vanillegeschmack, mit Rosinen und braunem Hagelzucker wurde fast unerträglich.

Ob sie vielleicht aus der Bäckerei noch ein Stück Kuchen oder ein Eis holen sollte? Vanillekringel hatten die sicher nicht.

Nein, das würde sie nicht tun, auf keinen Fall! Wika Gorina beispielsweise …

Warwara schaltete den Wasserkocher aus, in der Küche wurde es abrupt still, und sie hörte, dass es an ihrer Tür klingelte.

Sie erschrak so heftig, dass sie den Wasserkocher in die Spüle fallen ließ. Er polterte laut, das heiße Wasser spritzte in alle Richtungen.

Die Wohnungstür erzitterte, als stürme ein wilder Eber dagegen an. «Warwara!!!», röhrte der Eber draußen vor der Tür. «Nun mach schon auf!»

Warwara holte Luft und trabte in ihre Minidiele.

«Warum hast du nicht vorher angerufen!», sagte sie ärgerlich, als sie die Tür aufriss.

«Wozu denn!», schnaufte Tatjana und zwängte sich an ihr vorbei. «Ich weiß doch auch so, dass du zu Hause bist!»

«Woher?»

«Daher. Wo sollst du sonst sein, wenn nicht zu Hause?»

«Da hast du auch wieder recht», seufzte Warwara und schob ihrer Freundin ein Paar Pantoffeln hin. «Und wieso bist du nicht zu Hause? Oder hast du deine ganze Wäsche schon fertig gebügelt?»

«Nichts habe ich gebügelt», sagte Tatjana müde. In ihrer linken ausgestreckten Hand hielt sie ihre Schuhe, mit der rechten schüttelte sie die von der Mütze plattgedrückten Locken auf ihrem Kopf auf. «Ich habe überraschend Ferien bekommen.»

«Was für Ferien, hat Wassja etwa …»

«Wassja ist gestern von meinen Eltern abgeholt worden, sie sind mit ihm in ein Erholungsheim bei Solnetschnogorsk gefahren. Ich bin jetzt so frei und unabhängig wie unsere ehemalige Bruderrepublik, die Ukraine. Ich hab uns Räucherwurst mitgebracht und eine Torte.»

«Ausgerechnet eine Torte!»

«Nur eine ganz kleine», gurrte Tatjana einschmeichelnd. «So ein kleines Törtchen schadet uns schon nicht! Na?»

Warwara verzichtete darauf, ihrer auf Ferien eingestimmten Freundin zu sagen, dass Wika Gorina bestimmt keine Torte vorm Zu-Bett-Gehen aß, nicht einmal eine kleine, von Räucherwurst ganz zu schweigen.

«Stell deine Schuhe unter die Heizung», befahl Warwara. «Aber leg was drunter, sonst gibt es eine Pfütze.»

«Ich wische sie vorher ab, dann gibt es keine. Übrigens habe ich auch was zu trinken mitgebracht.»

«Wir werden trinken?»

«Und essen. Wir werden essen und trinken. Stell eine Pfanne auf den Herd.»

«Ich habe aber nichts, was wir braten könnten», sagte Warwara und befreite den Wasserkocher aus der Spüle. «Ich hatte ein Huhn, aber das habe ich schon aufgegessen.»

«Auf dein Huhn habe ich auch gar nicht gezählt», erklärte Tatjana energisch und erschien in der Küche. «Ich habe Schnitzel gekauft.»

Sie blickte Warwara treuherzig an. «Wenn ich schon mal Ferien habe! Da darf ich doch wohl was essen! Du lieber Gott, das letzte Mal in Ruhe gegessen habe ich Silvester letzten Jahres, und das war um vier Uhr nachts, als ich Wassja endlich ins Bett gejagt hatte und meine Eltern auch schon schliefen.»

«Und wozu die Kartoffeln?», fragte Warwara streng, während sie zuschaute, wie die Kartoffelschalen flott in die Spüle flogen. Tatjanas blutrote Krallen funkelten räuberisch. «Kartoffeln mit Fleisch! Schlimmer ist nur noch Torte mit Margarineröschen!»

«Gar nicht wahr! Kartoffeln mit Fleisch sind auf eine Weise gut und Torten mit Rosen auf eine andere.»

«Sollen die Kartoffeln gekocht oder gebraten werden?», fragte Warwara.

«Gekocht. Das Fleisch gebraten, die Kartoffeln gekocht. Beides zu braten ist schädlich. Wieso hast du eigentlich diesen Bademantel an? Ist was passiert?»

«Das kann man wohl sagen», seufzte Warwara. «Bei uns in der Firma hat heute so ein komischer Vogel den Löffel abgegeben, und ich wäre fast unters Auto gekommen. Genauer gesagt, ich bin unters Auto gekommen, aber … nur ein bisschen. Lass uns die Kartoffeln doch lieber braten.»

«Was soll das heißen – nur ein bisschen?!», rief ihre Freundin. «Wie kann man ‹nur ein bisschen› unters Auto kommen?! Bist du bei Rot über die Straße gegangen? Oder bei Grün? Wenn es bei Grün war, musst du vor Gericht gehen und Schmerzensgeld verlangen! Hast du Zeugen?»

«Tanja, was redest du? Was für ein Gericht, was für Zeugen? Ich bin froh, dass man mich friedlich hat ziehenlassen und mich sogar noch nach Hause gebracht und keine Entschädigung von mir verlangt hat! Du hättest den Wagen sehen sollen – wirklich gediegen. Eine große Limousine. Und der Besitzer wirkte auch sehr gediegen.»

Plötzlich erinnerte sie sich wieder deutlich an die grauen Augen, die durch die dichten, kurzen, geraden Wimpern dunkler wirkten, an die großen Hände, an die Stimme, das gemütliche Licht im Wageninneren und daran, wie sie vor ihrem Haus gestolpert war und mit der Handtasche herumgefuchtelt hatte.

Wie unangenehm!

«Und aus meiner Handtasche hat man mir alles gestohlen», fuhr Warwara traurig fort. «Bis ich wieder auf die Beine gekommen war und meinen Mantel abgeklopft hatte …»

«Wie – alles?!», japste Tatjana. Sie stöhnte und entsetzte sich, vergaß aber keine Sekunde die Kartoffeln und die Schnitzel – sie salzte und rührte und schnupperte aufmerksam und mit Genuss. «Wie viel Geld war denn drin?»

«Fünfhundert Rubel. Und mein Pass! Jetzt fängt die ganze Lauferei von vorne an, zur Miliz, zum Fotografen, zur Hausverwaltung, und Gebühren muss ich bestimmt auch nochmal bezahlen, und in der Sparkasse sind immer so lange Schlangen! Erst vor zwei Wochen hatte ich auch meinen Auslandspass bekommen und gedacht, jetzt habe ich endlich alles beisammen. Offenbar fahren in unserem Land des siegreichen Kapitalismus alle scharenweise ins Ausland. Hast du davon schon gehört?»

«Nein», musste Tanja zugeben.

«Ich auch nicht. Aber unsere Auslandsabteilung hat mir ständig in den Ohren gelegen – nun beantrage doch endlich einen Pass. Wir sind eine moderne Firma, alle unsere Mitarbeiter brauchen unbedingt auch einen Auslandspass! Was ist, wenn der Chef plötzlich auf die Idee kommt und dich zu einem Lehrgang nach London oder New York schickt!»

«Du hährst nach Hondon und Hu Ork?», fragte Tanja mit vollem Mund.

«Nein! Aber das ist unwichtig. Wichtig ist, dass die in der Auslandsabteilung alle Daten im Computer haben – Warwara Laptewa, Sekretärin, Pass Nummer soundso. Hinter diesem Pass bin ich drei Wochen lang hergelaufen. Und jetzt soll das alles wieder von vorn anfangen?!» Und Warwara brach, ganz überraschend für sich selbst, in Tränen aus.

Das hatte sie nicht gewollt, und eigentlich war doch auch alles schon überstanden und vorbei, sie hatte ihren Bademantel an und beinahe schon vergessen, dass der dreiste Chauffeur sie fröhlich «Alte» genannt hatte – und nun fing sie wieder an zu weinen!

Sie weinte lange, inbrünstig schluchzend und schniefend. Tanja schaute sie von der Seite an, pickte sich Kartoffelscheibchen aus der Pfanne, kaute schweigend und stellte ihr keine Fragen.

Wie gut, dass es Freundinnen gibt, die wissen, wann man Fragen stellen darf und wann man besser Kartoffeln isst und schweigt. Wenn man solche Freundinnen hat und dazu noch Bratkartoffeln und Schnitzel und eine Torte, dann kann man auf alles pfeifen. Nur um das Geld war es schade und um den Pass …

«Genug geheult», erklärte Tanja schließlich energisch, und Warwara wischte sich mit dem Ärmel des Bademantels gehorsam die Tränen ab. «Gleich ist alles angebrannt und schmeckt nicht mehr. Lass uns lieber essen.»

«Ich habe beschlossen abzunehmen», verkündete Warwara, als sie mit einem großen Stück des «Törtchens» beim Tee saß. Alle Gedanken an Wika Gorina hatte sie gerade noch rechtzeitig verscheucht.

«Die Montignac-Diät soll gut sein», meinte Tanja. «Bei uns in der Buchhaltung hat ein Mädchen damit fünfzehn Kilo abgenommen. Man darf keine Kartoffeln und kein Weißbrot essen, alles andere ist erlaubt, sogar Schokolade.»

«Schön wär’s», sagte Warwara seufzend und packte sich noch ein Stück Torte auf ihren Teller. «Ich glaube, fünfzehn Kilo kann man nur abnehmen, wenn man seinen Lebensstil von Grund auf ändert.»

«Und wie?»

«Zum Beispiel, indem man furchtbar reich wird und sich nur noch von Austern und Krabben ernährt. Und das ganze Leben lang nichts anderes mehr isst. Und anfängt, Tennis zu spielen. Hör mal, klingt das nicht super: Heute Morgen spiele ich Tennis, dann gehe ich in die Sauna, ruf mich bitte am Nachmittag an, wenn ich meinen Kräutertee trinke und dazu ein Vollkornbrötchen esse …»

«Ich hab jeden Tag Tennis und Sauna», brummte Tanja. «Zuerst Sauna mit Wassja und dann Tennis mit meinen Eltern. Manchmal auch umgekehrt. Also erst Tennis und dann Sauna. Weißt du was, Laptewa, lass uns lieber noch mal anstoßen. Auf uns, weil wir so klug und schön sind. Wir beide sind doch klug und schön. He, Laptewa?»

«Nur fällt das leider niemandem auf», murmelte Warwara. «Es ist zum Verzweifeln. Der Chef hat mir vor drei Monaten eine Beförderung versprochen, ich sollte seine Assistentin werden, aber stattdessen …»

«Was?»

«Haben wir eine Leiche», sprudelte Warwara heraus, denn ihr war plötzlich eingefallen, dass sie der Freundin die wichtigste Neuigkeit noch gar nicht erzählt hatte. «Stell dir vor, Tanja, heute ist bei uns in der Firma ein Mann ermordet worden!»

«Wie … ermordet?», fragte Tanja und griff sich mit ihrer rundlichen kleinen Hand an die üppige Brust – dort, wo sich vermutlich ihr Herz befand. Ihre Augen begannen zu funkeln. «So wie im Film ‹Die Straßen der zerbrochenen Laternen›? Du sitzt am Schreibtisch, plötzlich stürzen vier Maskierte herein, werfen alle zu Boden und ermorden deinen Chef, du aber rufst die Miliz und kämpfst gegen die Mafia …»

«Und zum Schluss heiratet mich der Major von der Miliz», fuhr Warwara für ihre Freundin fort. «Vergiss es. Niemand ist hereingestürzt und niemand zu Boden geworfen worden. Entschuldige.»

«Schon gut.»

«Wirklich, Tanja. Natürlich sah alles so aus, als wäre er von selbst gestorben, aber ich glaube, dass er ermordet wurde.»

Tanja nahm die Hand von der Brust, stützte das Kinn auf und blickte ihre Freundin mit gespanntem Interesse an. Die klein geringelten Locken auf ihrem Kopf begannen zu zittern.

Vor rund acht Jahren waren bei einer Familienfeier die Brillantohrringe von Tanjas Schwiegermutter verschwunden. Sie hatten in einer flachen Kristallschale auf der niedrigen Anrichte gelegen. Die Ohrringe waren antik, das Letzte, was vom einst gewaltigen Erbe geblieben war, das die Ur- oder Ururgroßmutter der Schwiegermutter ihren Kindern hinterlassen hatte. Die Schwiegermutter war am Boden zerstört und weinte. Der Schwiegervater lief mit einem Fläschchen Valokordin herum und erfüllte das ganze Haus mit dem Geruch nach Medizin. Tanjas Mann, den sie damals noch heiß und leidenschaftlich liebte, versteckte sich hinter Tanja, die Gäste diskutierten aufgeregt miteinander. Die Schwiegermutter schrie die ganze Zeit, sie habe die Ohrringe erst vor fünf Minuten in die Schale gelegt, weil ihr fast «die Ohren abgefallen» seien. Die Ohrringe waren sehr schwer.

Warwara fand die Ohrringe.

Wie in einem Kriminalfilm stellte sie jedem der Anwesenden eine Frage und achtete genau auf die Antworten. Einiges schrieb sie sich sogar auf. Anschließend dachte sie eine Weile nach und hielt dann eine kurze Rede.

«Ich weiß, wer die Ohrringe von Marina Iljinitschna aus der Schale genommen hat», sagte Warwara. Stille legte sich über den Tisch und kroch rasch in alle Ecken. «Und ich weiß auch, wie man es beweisen kann. Ich verspreche, dass ich niemandem sage, wer es war, wenn die Ohrringe wieder zurückgelegt werden. Wenn nicht, werde ich Marina Iljinitschna und Viktor Iwanowitsch erklären, wie alles passiert ist, und dann können sie selbst nach ihrem Gutdünken verfahren. Ich glaube, so ist es gerecht. Viktor Iwanowitsch, löschen Sie das Licht im Korridor und schließen Sie die Tür. Gut. Nun knipse ich den Kronleuchter aus und zähle bis dreißig. Wenn ich das Licht wieder einschalte, sollten die Ohrringe im Obstteller liegen. Tanja, nimm die Äpfel vom Teller. Eins, zwei, drei!»

Das Licht ging aus, es wurde so finster wie in einem Keller während der Polarnacht, und als einige Sekunden später das Licht wieder aufflammte, lagen auf dem Obstteller in voller Pracht die Ohrringe der Urgroßmutter.

Wie sehr Tanja ihr danach auch zusetzte, Warwara verriet nicht, wer sie entwendet hatte. Auch die Schwiegermutter hätte es schrecklich gern gewusst, sie suchte Warwara gnädig zu stimmen und schmeichelte ihr, backte Piroggen und eine Prager Torte und knetete ihr zu Ehren sogar Kirschknödel – wo doch jeder weiß, dass es nichts Schlimmeres gibt, als für die ganze Familie Kirschknödel kneten zu müssen.

Warwara ging nicht auf Schmeicheleien und gutes Zureden ein, auch die Kirschknödel konnten nichts ausrichten.

Aber seit dieser Zeit war Tanja fest überzeugt, dass Warwara eine direkte Nachfahrin Sherlock Holmes’ in der weiblichen Linie sei.

«He, Laptewa-a», quengelte sie üblicherweise nach einer neuen Folge einer bekannten Krimiserie, die natürlich an der spannendsten Stelle aufgehört hatte, «sag schon, wie geht es weiter? Was meinst du, wer hat diese Kuh abgemurkst? Ihr Mann? Oder doch dieser Typ, der sie erpresst hat? Oder war es ihre Schwester? Oder ist das vielleicht gar nicht ihre Schwester?»

Manchmal zankten sie sich deswegen sogar.

«Ich schreibe doch nicht die Drehbücher», brüllte Warwara. «Ich weiß nicht, ob das ihre Schwester ist oder nicht! Und überhaupt sehe ich nicht fern! Fernsehen geht mir auf die Nerven!»

Tanja glaubte, Warwara kokettiere nur und wolle sich interessant machen.

«Na und?» Tanja goss sich und Warwara noch ein «Schlückchen» ein. Auf dem Grund der Flasche schwappte ein letzter trüber Rest, Tanja schüttete entschlossen in jedes Glas etwas nach und warf die Flasche in den Mülleimer. «Wer hat ihn umgebracht? Ein Killer? Ein Scharfschütze?»

«Weder noch. Schusswunden hatte er keine, so viel steht fest. Ich war ja als Erste bei ihm», sagte Warwara mit einem gewissen Stolz. «Irgendwas hatte fürchterlich gepoltert, ich bin ins Büro gegangen, und da … da lag er auf dem Boden. Tot.»

«Und dein Chef?», fragte Tanja mit entsetztem Flüstern und nahm noch einen Schluck aus ihrem Glas, um ihre angegriffenen Nerven zu stärken.

«Der Chef war gerade in die Rechtsabteilung gegangen», erklärte Warwara verdrossen.

«Dann kann dieser Typ, die Leiche meine ich, doch auch einfach am Herzschlag gestorben sein oder an irgendwelchen anderen … körperlichen Gebrechen», meinte Tanja enttäuscht. «Und ich dachte, es wären Ströme von Blut geflossen und bei euch im Büro hätte es stundenlange Schießereien gegeben, und jetzt müsste renoviert werden, weil alle Wände von Kugeln durchlöchert sind!»

«Kugellöcher gibt’s keine, aber trotzdem ist der Mann ermordet worden! Überhaupt war alles sonderbar, von Anfang an. Ich weiß nicht warum, aber der Chef hat ihn immer sofort empfangen. Ohne Wartezeit, kannst du dir das vorstellen? Kaum melde ich ihn an, da kommt der Chef auch schon raus und führt ihn in sein Büro. Fehlte nur, dass er ihn auch noch untergehakt hätte. Er empfängt sonst niemanden sofort. Niemals.»

«Aber wenn er keine Schusswunden hat, wieso glaubst du dann, dass er ermordet wurde?»

Warwara schnupperte an ihrem Glas, verzog das Gesicht, stürzte den Wodka in einem Zug hinunter und schnappte mit offenem Mund nach Luft.

«Das Fenster», sagte Warwara nachdenklich und steckte ihre Nase tief in den Kragen ihres Bademantels, in die Wärme des abgenutzten, halb zerfallenen Gewebes. «Das Fenster war geöffnet. Und der Monitor. Es hat was mit diesem verflixten Monitor zu tun.»

«Man hat ihn mit dem Monitor ermordet?»

«Blödsinn», sagte Warwara zerstreut. «Natürlich nicht.»

Warwara wurde plötzlich ganz schläfrig.

Zuerst musste sie aber noch das Bett für Tanja machen, das Geschirr spülen, den Mantel trocken föhnen und absaugen – oder sollte sie ihn vielleicht erst mit dem Besen abbürsten?

«Dann ist er also aus dem Fenster gefallen?»

«Wer?!»

«Na, deine Leiche. Sollen wir uns Tee kochen oder schon Kaffee?»

«Er ist nicht aus dem Fenster gefallen!»

«Aber das hast du doch selbst gesagt.»

«Ich habe gesagt, das Fenster war geöffnet.»

«Und er ist rausgefallen?»

Warwara schüttelte heftig den Kopf.

Der Wodka gluckerte in ihrem Magen. Ihre Augen brannten. Morgen früh würde es noch schlimmer sein, obwohl Warwara dank ihrer Körperfülle nicht so leicht betrunken wurde. Eine einzige Flasche Wodka, noch dazu zusammen mit Tanja, reichte da längst nicht aus.

«Wer hat das Fenster geöffnet? Wozu? Wann? Ich bin zweimal ins Büro gegangen. Beim ersten Mal habe ich Kaffee gebracht, und später wollten sie nochmal frischen. Das Fenster war beide Male geschlossen. Es ist sowieso schwierig, es aufzubekommen, man muss dazu aufs Fensterbrett steigen. Oder auf einen Stuhl. Wenn der Chef es geöffnet hat, müsste er also auf einen Stuhl geklettert sein. Oder aufs Fensterbrett? Unsinn, das kann nicht sein. Außerdem hatte er Schnupfen.»

«Wer?», fragte Tanja und gähnte. «Der Tote?»

Ihr Interesse war versiegt, als ihr klar wurde, dass keine vier maskierten Männer Warwara gezwungen hatten, sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen, und dass überhaupt alles ganz anders gewesen war als in dem Film «Die Straße der zerbrochenen Laternen».

«Der Chef hat Schnupfen. Er erlaubt uns ja nicht einmal, die Tür vom Vorzimmer zum Flur zu öffnen. Er sagt, es zieht dann immer so.»

«Dann hat vielleicht der Tote das Fenster geöffnet? Ich meine natürlich, bevor er tot war?»

«Wozu?»

«Um zu lüften.»

«Tanja», sagte Warwara geduldig und rieb sich die vom reichlich konsumierten Wodka geröteten Augen, «das kann nicht sein. Ein Besucher in einem fremden Büro, der auf den Stuhl oder aufs Fensterbrett klettert und das Fenster aufmacht, um zu lüften! Das gibt es nicht.»

«Mag sein», stimmte Tanja fügsam zu. «Aber was ist mit dem Monitor?»

«Als ich reinkam, lag der Tote auf dem Fußboden. Neben ihm der Monitor und die Tastatur. Alles sah ganz natürlich aus. Ein Mann sitzt am Computer, arbeitet ruhig vor sich hin, und dann plötzlich – bum! Herzanfall! Nur war der Monitor gar nicht an.»

«Na und?», fragte Tanja verständnislos. «Ist doch kein Wunder, dass er nicht lief. Er war schließlich auf den Boden gefallen. Ist runtergefallen und kaputtgegangen, so wird’s gewesen sein.»

«Er ist aber nicht kaputtgegangen. Das heißt, vielleicht ist er schon kaputtgegangen, aber ich weiß, dass er auch nicht lief, bevor er herunterfiel.»

«Weshalb?»

«Weil er nicht ans Netz angeschlossen war, deshalb. Der Computer selbst war gar nicht an, verstehst du? Wir haben eine sehr gründliche Putzfrau. Wenn sie Staub saugt, zieht sie alle Stecker aus den Steckdosen. Immer. Ich habe nachgeschaut – der Stecker lag auf dem Teppich, neben der Steckdose.»

«Vielleicht ist das Kabel herausgerissen worden, als er gestürzt ist? Er hat im Fallen den Monitor umgeworfen und der Monitor hat …»

«Eben», sagte Warwara. «Verstehst du? Der Monitor war an den Rechner angeschlossen, und der Rechner hing an der Steckdose. Der Rechner stand noch an Ort und Stelle, höchstens ein bisschen verschoben, das Kabel hatte noch rund einen Meter Spielraum. Das heißt, man hätte den Rechner noch einen Meter in jede Richtung verschieben können, es war genug Kabel da. Der Stecker lag neben der Steckdose, genau so, wie ihn die Putzfrau gestern herausgezogen hatte. Fazit: Pjotr Borissowitsch hat an einem ausgeschalteten Computer gearbeitet.»

Tanja blinzelte, und Warwara fuhr inspiriert fort: «Und der Chef wusste, dass der Computer nicht angeschlossen war! Er schnauzt die Putzfrau immer am lautesten an, und wenn er zur Arbeit kommt, kontrolliert er zuerst alle Steckdosen. Er wird aus der Rechtsabteilung angerufen, geht ins Vorzimmer, sagt mir, der Besucher schreibe irgendwas am Computer und er müsse mal kurz zu den Juristen. Weshalb hat er mir das überhaupt gesagt? Er braucht mir doch gar nichts zu erklären! Er erklärt mir auch sonst nie was! Aber er hat es getan. Warum?»

«Warum?», wiederholte Tanja.

«Ich weiß es nicht.»

«Vielleicht hat er ihn umgebracht? Ein Schlag auf den Kopf – und aus, vorbei.»

«Nein.»

«Warum nicht?», fragte Tanja und gähnte wieder.

Warwara warf einen raschen Blick auf die Uhr – halb zwei, und sie musste noch ihren Mantel absaugen!

«Weil der besagte Pjotr Borissowitsch noch im Büro umherging, nachdem der Chef schon weg war. Ich habe seine Schritte gehört. Lass uns ins Bett gehen, Tanja.»

«Und unsere Party?», fragte Tanja und riss die Augen, die ihr schon zufielen, wieder weit auf. «Wir haben doch gerade erst angefangen! Das letzte Mal hab ich …»

«Ich weiß, ich weiß», unterbrach Warwara sie schon aus dem Korridor. «Voriges Jahr Silvester, als alle schliefen! Geh schon mal ins Bad, ich mache inzwischen das Bett für dich.»

«Das kann ich selber», brummelte Tanja nicht recht überzeugend. «Und das Geschirr spüle ich auch. Und ich räume alles auf. Will nur noch ein bisschen sitzen bleiben.»

«Nun geh schon! Du fällst mir ja sonst noch vom Hocker. Und was soll ich dann mit dir anfangen?!»

«Wassja hat am Samstag auf seinen Vater gewartet. Er hatte ihm versprochen, mit ihm in den Zirkus zu gehen oder zu MacDonald’s. Wassja hat den halben Tag neben dem Telefon gesessen und dann in der Diele an der Tür. Als ich ihn da wegjagen wollte, hat er gebrüllt wie am Spieß. Aber der Mistkerl ist einfach nicht gekommen. Was soll ich nur tun, Warja?»

«Nichts», knurrte Warwara. «Weiterleben.»

«Und was soll Wassja tun?»

«An der Tür sitzen», sagte Warwara finster. «Bis er kapiert, dass er sein ganzes Leben an der Tür sitzen kann, weil dieses Schwein nun mal nicht kommt.»

«Er tut mir so lei-eid …», schluchzte Tanja plötzlich und raufte sich die Schäfchenlocken auf ihrem Kopf. «Er ist doch noch so klei-ein! Ich möchte doch so gern eine richtige Familie ha-aben! Und ich kann nicht mal meinen eigenen Soho-hon …»

«Tanja», rief Warwara und zog ihre Freundin entschlossen von dem Hocker hoch, auf dem sie bittere Tränen vergoss, «dafür kannst du doch nichts! Das ist nicht deine Schuld. Niemand hat Schuld. Wassja ist noch klein, er wird groß werden und alles begreifen. Aber du darfst dich nicht so grämen, ich bitte dich! Du machst es nur für alle noch schlimmer, vor allem für Wassja. Er muss wissen, dass du immer für ihn da bist! Immer, egal, was passiert. Für ihn ist das am wichtigsten.»

«Und … und sein Vater?», fragte Tanja hicksend. «Ist sein Vater nicht auch am wichtigsten?»

«Nein», erklärte Warwara entschieden. «Jetzt ist sein Vater nicht auch am wichtigsten. Jetzt ist er schon Vergangenheit. Basta. Ob er jetzt kommt oder nicht – das ist alles sein Problem. Zur Hölle mit ihm, soll er leben, wie er will. Kapiert?»

Tanja grunzte leise, sie habe kapiert.

Warwara brachte sie in das Bett, das sie ihr auf dem Sofa gemacht hatte, stopfte das dicke Federbett an allen Seiten gut fest, kletterte über die im Dunkeln aufgetürmten Stühle und öffnete das Oberlicht einen Spaltbreit, um frische Luft hereinzulassen.

Na, wie gefällt Ihnen das Familienleben, wenn andere davon erzählen, liebe Warwara Andrejewna, fragte sie sich selbst, während sie unter dem Wasserhahn die kristallenen Schnapsgläser spülte, alte, dicke Gläser, noch erfüllt von feierlich-sowjetischer Würde. Warwara liebte und hütete sie sehr. Es gab gar keine Familie und hatte sie nie gegeben. Es gab Tanja und Wassja auf der einen Seite und den Mann irgendwo auf einer anderen Seite. Niemals hatte er sich für Frau und Kind interessiert, niemals darüber nachgedacht, wovon sie heute leben würden und wovon morgen, woraus sie Frikadellen machen sollten und wohin sie im Juli fahren könnten, wer ins Krankenhaus gehen und den Opa besuchen sollte, wieso Wassja in Naturkunde nur eine Vier bekommen hatte und wer den umgefallenen Zaun auf der Datscha reparieren würde.

Es gab keine Familie und hatte sie nie gegeben, es gab nur den Schmerz, wenn man dem Kind, das den halben Tag an der Tür gesessen und vorher die ganze Woche gewartet und sich gefreut hatte, absolut nicht erklären konnte, wieso kein Papa kam und auch nicht kommen würde. Niemand war daran schuld. Das Leben war einfach so.

Oder war es nicht das Leben, sondern die Menschen, die so waren?

Warwara stellte die Gläser zurück in den Geschirrschrank und befühlte rasch ihren Mantel, der im Badezimmer über der Heizung hing. Natürlich, noch feucht. Was sollte sie nur morgen zur Arbeit anziehen?

Ach, zum Teufel mit ihm. Zum Teufel mit dem Mantel, dem Pass und der Geldbörse! Morgen früh würde ihr schon irgendwas einfallen.

Aber Pjotr Borissowitsch Ligo war ermordet worden.

So ein höflicher, unauffälliger, grauer kleiner Mann. Warum nur hatte man ihn umgebracht?

***

«HINTER DIE OHREN!»

«Was?!»

«Ich sage – hinter die Ohren!»

«Wovon redest du?! Was für Ohren?!»

«Wenn deine Haare in alle Richtungen abstehen», schrie Warwara aus der Küche und warf geschickt den Pfannkuchen in der Pfanne herum, «dann musst du sie hinter die Ohren stecken!!»

«Wie sollen die Ohren wohl aussehen, hinter die man meine Haare stecken kann?!», maulte Tanja.

Sie war nicht ausgeschlafen und entsprechend schlechter Laune. Und zur Arbeit musste sie auch noch. Warum nur, warum war so selten Samstag? Wenigstens zweimal pro Woche könnte doch Samstag sein. Zweimal Samstag und einmal Sonntag.

An der Tür klingelte es, und Tanja ließ das Klappsofa fallen – auf ihren Fuß.

«Verdammt! … Ach, mein Gott!»

«Entweihe den Namen Gottes nicht», sagte Warwara belehrend aus der Diele. «Gott ist nicht Nachbars Ziege …»

«Mach lieber die Tür auf», stöhnte Tanja und versetzte dem Sofa einen Tritt. Der Fuß schmerzte trotzdem noch, aber das Gefühl, sich gerächt zu haben, verschaffte ihr eine gewisse Genugtuung. «Wer in aller Welt besucht uns um halb acht Uhr morgens?!»

Warwara trat in den Gemeinschaftskorridor hinaus, der mit Schachteln und Gläsern vollgestellt war – die Gläser waren sorgsam durchnummeriert und mit einer alten Decke verhüllt, damit niemand sie klaute –, und schaute mit gerecktem Hals durch die trübe Scheibe.

«Wer ist da?»

Hinter der Scheibe bewegte sich etwas Dunkles, Riesiges, und Warwara erschrak so heftig, dass sie aufjapste und abrupt zurückwich.

Was tun?! Die Miliz rufen? Die würde eine Stunde brauchen, bis sie da war. Oder zwei. Inzwischen hatte man sie und Tanja längst umgebracht.

«Warwara», rief von draußen eine merkwürdige, unbekannte Stimme, und wieder bewegte sich der dunkle Koloss. «Warwara, sind Sie … bist du das?»

«Ja, ich», krächzte sie, tastete mit der Hand an der Wand entlang und bekam ein Gurkenglas zu fassen. Das konnte man jemandem durchaus auf den Schädel schlagen.

«Warwara, hier ist Dima Wolkow. Kennst du … Kennen Sie mich noch?»

Auf einmal lichtete sich der Nebel in Warwaras Kopf, sie japste erneut auf, diesmal aber vor Freude, stürzte an die Tür, fummelte ungeschickt das schwächliche kleine Schloss auf und starrte angestrengt auf den dunklen Schatten im ewigen Dämmer des Treppenhauses.

«Dimka?!»

«Nun ja. Ich bin’s.»

Er sagte das in einem etwas seltsamen, gleichsam fragenden Tonfall, so, als sei er nicht ganz sicher, ob er tatsächlich Dimka sei, lächelte verlegen und hielt eine dreieckige, in Zellophan gehüllte Tüte vor der Brust, aus der drei verfrorene Nelken ragten.

«Dimka!», schrie Warwara, fiel ihm um den Hals und küsste ihn auf die Wange. «Wo kommst du denn her, Dimka?! Du bist doch in Amerika!»

«In Amerika», bestätigte er und reichte Warwara die Zellophantüte. «Für dich. Ich fürchte nur, sie sind nicht mehr ganz frisch.»

«Die waren vielleicht vor einem Monat frisch», sagte Warwara ungeduldig und reckte sich, um ihm noch einen Kuss zu geben. «Aber das ist doch völlig egal.»

Sie hielt noch das Glas mit den Gurken in der Hand, stellte es zurück und schob mit dem Fuß die Decke darüber.

«Dimka, wann bist du denn angekommen?!»

«Warwara, wer ist das? Die Pfannkuchen sind angebrannt!»

«Du bist nicht allein?», fragte Dimka, machte einen Schritt zurück und schlug verschämt die Augen nieder, wie damals in der Schule.

«Nein. Meine Freundin Tanja hat bei mir übernachtet. Wieso stehen wir eigentlich noch im Flur?» Sein Arm unter dem dunkelblauen Jackenstoff fühlte sich dick und warm an, ganz wie in früheren Zeiten. Warwara hielt sich an diesem Arm fest und blickte Dimka ins Gesicht, vor Freude tänzelte sie sogar etwas.

«Wahrscheinlich, weil es dir unangenehm ist, mich hereinzubitten», mutmaßte Dimka, und Warwara schnaubte: «Du hast in deinem Amerika wohl komplett den Verstand verloren! Nun komm! Ein bisschen flott!»

«Flott» ging es allerdings nicht, weil er einen Rucksack von der Größe eines Heuschobers trug, außerdem noch eine Tasche und einen etwas kleineren Rucksack.

«Du lieber Gott, warst du etwa noch gar nicht zu Hause?!»

«Doch, war ich», schnaufte Dimka, während er seine Bagage in die winzige Diele schleppte. «Aber ich hatte sie vorher nicht benachrichtigt. Es sollte eine … eine Überraschung sein. Surprise.»

«Was ist los, kannst du kein Russisch mehr?», fragte Warwara. Am Tragegurt schleifte sie den kleineren Rucksack hinterher.

«Doch. Aber ich verlerne es so schnell. Ich habe dort niemanden, mit dem ich Russisch reden kann.»

Warwara kletterte über den Berg von Sachen, der sich in ihrer Minidiele türmte, um die Tür zum Korridor wieder zu schließen. Die Nachbarin, die auf den Lärm hin herausgekommen war, hatte schon die alte Decke zurückgeschlagen und zählte, lautlos die Lippen bewegend, ihre Einmachgläser nach.

«Guten Morgen», sagte Warwara zum Rücken der Nachbarin und schlug rasch die Tür hinter sich zu.

«Warwara, wer ist das da bei dir?! Wir kommen zu spät zur Arbeit! Und die Pfannkuchen sind verbrannt! Hörst du?!»

«Dimka ist gekommen», schrie Warwara zurück. «Dimka Wolkow! Aus Amerika. Also warum warst du noch nicht zu Hause, das hab ich jetzt nicht verstanden. Was für eine Überraschung?»

«Ich wollte nicht, dass meine Eltern mich abholten. Ich wollte sie … überraschen.»

«Ach so, jetzt verstehe ich!», unterbrach ihn Warwara vergnügt. «Du bist hier einfach reingeschneit aus deinem Amerika und hast zu Hause niemanden angetroffen. Yes?»

«Yes», bestätigte Dimka grinsend.

«Was für ein Wolkow?», fragte Tanja verdrießlich und erschien in der Küchentür.

Sie trug ein ausgeblichenes rosa T-Shirt mit einem Hundekopf auf dem Bauch – die Schnauze reichte fast bis zu ihren monumentalen milchweißen Knien. Ihre Locken standen wild zu Berge, in der Hand hielt sie einen Holzlöffel mit angesengtem Stiel. Auf ihren Augenlidern lagen frische halbierte Gurkenscheiben.

Jede Frau hat ihre eigene Methode, sich am Morgen nach einem «Weiberabend» wieder in Form zu bringen. Warwara glaubte an Kohlblätter und Tanja an Gurken.

«Guten Morgen», sagte Dimka höflich. «Entschuldigen Sie mein ungebetenes Eindringen. Ich konnte mich nicht anmelden, weil mein Handy sich nicht auf das russische Mobilnetz umstellen lässt.»

Das brachte Tanja zur Besinnung. Sie riss sich die Gurkenscheiben von den Augen und verschwand blitzschnell hinter der nächsten Tür.

«Guten Morgen», rief sie von dort zurück. «Achten Sie gar nicht auf uns. Wir hatten keinen Besuch erwartet.»

«Falls ich zur Unzeit …», hob Dima Wolkow erneut an, aber Warwara puffte ihn gegen die Schulter.

«Du bist wohl nicht ganz bei Trost», sagte sie, ohne seine Schulter loszulassen. «Zieh endlich deine Sachen aus, und dann gibt’s erst mal Kaffee! Allerdings sind die Pfannkuchen angebrannt.»

Er nickte und hängte seine Jacke an die Garderobe.

«Ich hatte nicht daran gedacht, dass Mama Bereitschaftsdienst haben könnte. Vermutlich hat sie gerade Dienst, und Papa ist bestimmt auf Geschäftsreise. Gewöhnlich geht er gegen neun zur Arbeit, und ich bin um halb acht gekommen.»

«Vielleicht war er nur eben beim Bäcker», meinte Warwara. «Wenn du willst, dann ruf doch an. Aber selbst wenn er wieder da sein sollte», rief sie schon aus der Küche, «trinken wir jetzt erst mal Kaffee. Tanja, komm raus da! Du lieber Himmel, wir haben uns bestimmt seit drei Jahren nicht mehr gesehen! Was für eine prima Idee von dir, Dimka, einfach herzukommen!»

«Warwara, bring mir meine Hose», bat Tanja mit gedämpfter Stimme hinter der Tür. «So kann ich nicht rauskommen.»

«Sofort. Hast du schon angerufen, Dimka?»

«Bin gerade dabei. Bis jetzt geht keiner dran.»

«Na, dann ist wohl auch niemand da! Nun komm her, lass dich mal anschauen! Hier, Tanja.» Und sie schob die Hose durch den sich öffnenden Türspalt. «Dimka, möchtest du Tee oder Kaffee?»

«Kaffee», antwortete er direkt hinter ihr, und sie drehte sich freudig überrascht um.

Er hatte sich fast gar nicht verändert, Dima Wolkow, der damals ihre Hand in seiner großen, feuchten Pranke gedrückt und dabei so ausdrucksvoll geschnauft hatte. Er war immer noch riesig, rotwangig, verlegen, kurzsichtig und flachsblond.

Immer noch. Wie schön das war.

«Da wird Lidia Wladimirowna sich aber freuen», murmelte Warwara, schaute ihm ins Gesicht, fasste ihn bei der Hand und zog ihn zum Fenster, um ihn besser betrachten zu können.

Er wirkte älter und noch etwas größer als früher. Vielleicht kam das daher, dass er sich jetzt aufrechter hielt. Der blonde Flaum auf den Wangen, der ausgesehen hatte wie dichter Filz, war verschwunden. Die Elefantenäuglein hinter den Gläsern der großen Brille schauten Warwara mit freudigem Staunen an, als hätte auch er ganz vergessen, wie sie aussah, und erinnere sich erst jetzt wieder. Es war offenbar eine angenehme Erinnerung. Er trug einen dunkelblauen, grob gestrickten Pullover und helle Jeans.

«Dimka», sagte Warwara und betrachtete ihn, «ich weiß gar nicht recht, hast du dich verändert oder nicht? Meiner Meinung nach nicht. Oder doch?»

«Nein», erwiderte er verlegen. «Und du auch nicht. Überhaupt nicht. Ich hatte dich genau so in Erinnerung.»