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Eine Anthologie in drei Teilen: Teil 1: Drei Geschichten 1.1: "Der zweite Engel" - Ein Versuch zu trösten 1.2: "Pharmakon Athanasias - Die Medizin der Unsterblichkeit" - Ein Versuch, die Ideale der Freimaurerei begreiflich zu machen 1.3: "1984 plus 1" Eine politische Absurdität? - Denkmöglichkeiten über das Wohl in einer ideologisch fundamentierten Diktatur Teil 2: Gedichte - Über den Sinn des Lebens Teil 3: "Gedünnte" - Nonsens und Kokolores
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2020
Bodo Uibel
Stöbern untermDach
Eine literarische Nachlese
© 2020 Bodo Uibel
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44,22359 Hamburg
Lektorat: Renate Uibel, Dipl. Theol.
Umschlaggestaltung: Thomas Uibel, Dipl. Des. (FH)
ISBN
Paperback:
978-3-347-14130-8
Hardcover:
978-3-347-14131-5
e-Book:
978-3-347-14132-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhaltsverzeichnis
Ein Wort zuvor
Teil I – Kurzgeschichten
I.1 Der zweite Engel
Ein Versuch zu trösten
I.2 Pharmakon Athanasias
Die Medizin der Unsterblichkeit
I.3 1984 plus 1
Eine politische Absurdität?
Teil II – Gedichte
Teil III – Gedünnte
Ein Wort zuvor
„Dachbodenfunde“ hätte der Titel dieses Buches ebenso gut lauten können. Oder auch: „Überraschendes unter längst Vergessenem“ – ein Wiederfinden dessen, was einstmals flüchtig notiert wurde.
Literarische Augenblickseindrücke sind es, aus einer bestimmten Situation heraus rasch niedergeschriebene Entwürfe, die – zunächst unredigiert und lange Zeit unbeachtet – in die Ablage gewandert sind.
Die Anlässe für solche flüchtigen Aufzeichnungen sind so mannigfaltig, wie uns das Leben selbst begegnet: eine konkrete politische Lage zum Beispiel, ein Schicksalsschlag oder eine ausgelassene Hochstimmung, die immer auch zu ‚höherem Blödsinn‘ verleiten kann.
Da lagen diese fußnotenähnlichen Aufzeichnungen jahrelang auf dem „Dachboden“ – zeitgemäß: unter den Entwürfen auf der Festplatte meines PC. Dann schaffte ich mir einen neuen PC an. Und diesen Umstand betrachtete ich nun als Gelegenheit, alles Überflüssige zu löschen. Ich durchstöberte also meine Dokumente in der Annahme, viel Verstaubtes und Entbehrliches zu finden. Das traf auch zu. Dann aber war ich erstaunt, dass sich auf jenem „Dachboden“ auch einiges Brauchbare befand, das einer Bearbeitung wert schien. So entstand eine Art Anthologie, eine „Blütenlese“ unterschiedlichster Inhalte und Formen, die ich in drei Teilen zusammengefasst habe:
Im Teil I sind drei Kurzgeschichten versammelt.
Die erste hat ihren Sitz im Leben meiner Familie und basiert auf einem Schicksalsschlag.
Die zweite stellt den Versuch dar, meine Kenntnisse der Ideale der Freimaurerei im wahrsten Sinne des Wortes ‚begreiflich‘ zu machen.
Die dritte Geschichte resultiert aus meiner konkreten Erfahrung mit dem DDR-Regime. Hierzu merke ich allerdings an, dass ich diese nur dem Leser empfehlen kann, der hinter die inneren Triebkräfte einer über jede Kritik erhabenen ideologisch betonierten Staatsform und hinter die absurdesten – aber immerhin denkbaren – Konsequenzen des Handelns ihrer Führer kommen möchte. Der Entwurf hierzu ist entstanden, als ich noch in der DDR gelebt habe.
Teil II – ‚Gedichte‘ – hier habe ich im Wesentlichen solchen Gedanken eine Form verliehen, die für mich selbst von Bedeutung waren und die mich wiederkehrend beschäftigt haben.
Teil III – ‚Gedünnte‘ – folgt als Gegensatz dazu. Das sind, was dieser verunstaltete Begriff anzeigen soll, weitgehend anspruchslos daherkommende Reime, die ich wiederum nur dem Leser empfehle, der eine Ader für den Nonsens hat und dem Kokolores eine gewisse Daseinsberechtigung zubilligt. Diesem Leser einigen Spaß an diesem Teil.
Celle, im September 2020
Der zweite Engel
Ein Versuch zu trösten
Der Himmelssaal war bis auf den letzten Platz besetzt. Gott Vater hatte alle Schutzengel zu einer dringenden Dienstbesprechung gerufen. Jeder Engel, der irgendwie abkömmlich sei, habe zu erscheinen, so hieß es in der Einladung.
Pünktlich zur festgesetzten Zeit öffnete sich die Tür zum Allerheiligsten und herein trat Gott Vater mit tiefernstem Antlitz. Das vieltausendfache Gemurmel verstummte augenblicklich. Und als Gott Vater auf seinem Thron Platz genommen hatte, war es so still, dass man eine Feder aus einem Engelsflügel hätte zu Boden fallen hören.
Da hob Gott Vater seine Augen auf und sprach: „Meine lieben himmlischen Helfer. Ihr wisst, wenn ich selbst hier vor euch erscheine, dann liegt immer etwas Besonderes vor. So ist es auch heute.“ Gott Vater machte eine kurze Pause. Dann fuhr er fort:
„Nun hört, worum es geht: Kaum jemand von euch wird den kleinen und unbedeutenden Planeten Erde in einem der vielen Sonnensysteme am Rande der Galaxis 2806 kennen. Doch ihr wisst, dass mir nichts zu unbedeutend ist, als dass ich mich nicht selbst darum kümmere. In einem noch unbedeutenderen Lande dieses Planeten wird morgen ein Knabe zur Welt kommen, der mich und einen von euch gehörig beschäftigen wird. Denn er wird ein äußerst komplizierter Mensch werden: Er wird sehr begabt sein, und doch wird er stets an sich zweifeln. Er wird viele Menschen – auch in anderen Ländern – kennenlernen, doch er wird immer das Gefühl haben, einsam zu sein. Er wird sein Gerechtigkeitsgefühl derart übersteigern, dass er schon wieder ungerecht gegenüber anderen Menschen werden kann. Doch dies alles betrifft nicht eure Zuständigkeit als Schutzengel. Ich sage das nur, damit ihr erkennt, mit wem wir es zu tun haben werden.“
Wieder unterbrach Gott Vater seine Rede und sein Blick schweifte in die Ferne, genau in die Richtung, in der die winzige Erde um ihre Sonne kreiste. „Meine lieben Schutzengel“ fuhr er fort, „ich habe euch zusammengerufen, weil ich voraussehe, dass dieser neue Mensch vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Niedergang und vom Einbruch der Nacht bis zum Erscheinen der Morgenröte bewacht und beschützt werden muss. Denn er wird ein unruhiger Mensch sein. Seine Gedanken über sich selbst werden ihn eher niederdrücken als aufbauen. Aber ebenso gnadenlos werden seine Analysen anderer Menschen ausfallen, und sein Nachdenken über die Welt wird ihn zum Pessimisten werden lassen. Und das alles nur, weil er sich und andere Menschen ausschließlich an den höchsten Maßstäben von Vernunft und Sitte zu messen bereit sein wird. Die Begierden seiner Seele und die Schwachheit seines Leibes wird er zwar zur Kenntnis nehmen, aber er wird sie – auf seine Vernunft setzend – nicht wahrhaben wollen und schließlich verachten. Und genau das wird zu seinem größten Lebensrisiko werden.“
Gott Vater holte tief Atem und kam nun auf den Punkt: „Ich brauche also ab morgen einen Schutzengel, der bereit ist, viele Überstunden zu machen, und der die riesige Entfernung bis zur Erde hunderte Male zurückzulegen in der Lage ist, um rasch und beherzt eingreifen zu können. Mit einem Wort: Ich brauche einen Helfer, der – wie es die Menschen auf der Erde ausdrücken – rund um die Uhr zur Verfügung steht.“
Wieder hielt Gott Vater inne, um seinen Worten die richtige Wirkung zu geben. Eine ungeheure Spannung lag über dem Himmelssaal. Einige Engel rückten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Manche räusperten sich verlegen. Wieder andere duckten sich ab wie einst in ihrer Lehrzeit, als sie von ihrem ausbildenden Engel nicht gesehen werden wollten. Niemand sprach es aus, aber fast alle dachten: ‚Hoffentlich fällt die Wahl nicht auf mich!’
Da sprach Gott Vater: „Für diese schwere Aufgabe will ich vorerst niemanden bestimmen. Ich suche vielmehr einen Freiwilligen mit großer Erfahrung, bester Kondition und einem Herzen, das auch dann nicht den Mut verliert, wenn es spürt, dass unser Freund auch aus den gefährlichsten Situationen nichts oder nur wenig gelernt hat. Erst wenn sich niemand findet, werde ich einen von euch bestimmen.“
Gott Vater blickte regungslos in den Himmelssaal hinein und wartete geduldig. Er kannte schließlich seine Engel und wusste, dass auch sie mit sich zu kämpfen haben, bevor sie sich für die Übernahme einer so schweren Aufgabe entscheiden können.
Die Sekunden schienen sich zu Minuten zu dehnen. Gott Vater harrte ruhig auf seinem Thron aus und schien alle Zeit des Himmels zu haben. Die Spannung stieg auf den Höhepunkt.
Da meldete sich aus der letzten Reihe ein kleiner, etwas untersetzter, aber intelligent aussehender Engel und sprach: „Himmlischer Vater, wenn Du mich für würdig erachtest, will ich es tun.“
Alle Augen richteten sich voller Bewunderung und zugleich Erleichterung auf den kleinen Engel, und Gott Vater sprach: „Ich danke dir für deinen Mut! Aber sage mir zuerst, welche Erfahrungen du als Schutzengel bislang gesammelt hast.“
Und der kleine Engel begann: „Himmlischer Vater, ich diene im Amt 2806, Referat 407, das ist das Referat „Erde“, seit mehr als drei Jahrtausenden. Ich war Schutzengel so bekannter Menschen wie des Königs David und der Esther, des Sokrates, Lao Tse und Paganini, eines Konrad Adenauer und Charlie Chaplin.“
„Fürwahr, eine illustre Gesellschaft! Aber mit den beiden letzten Männern waren dir zwei Menschen zu gleicher Zeit anvertraut. Wie hast du das geschafft?“
„Ja, himmlischer Vater. Das war damals gut zu schaffen, denn beide waren kluge und zugleich vorsichtige Männer.“
„Das ist wahr“, bestätigte Gott Vater. „Doch Sokrates und Paganini! Warst du denn nicht bereits mit einem der beiden überfordert?“
Der kleine Engel überlegte kurz, wie er dieser leichten Skepsis des Allerhöchsten am besten begegnen könnte. Dann entgegnete er mit fester Stimme: „Du gibst, himmlischer Vater, jedem Menschen sein charakteristisches Wesen und seinen eigenen Willen. Philosophen und Künstler nutzen beides intensiver als andere Menschen – der Philosoph sehr sorgfältig, der Künstler zumeist leidenschaftlich. Beide aber sind sich der Konsequenzen durchaus bewusst und nehmen die Ergebnisse ihres Handelns in Kauf – gefasst wie Sokrates oder tollkühn wie Paganini. Letztlich kommt auch der beste Schutzengel nicht gegen solche Extreme an.“
„Auch das ist wahr!“ Gott Vater musste trotz der angespannten Situation innerlich ein wenig darüber schmunzeln, wie der kleine Engel den Ball an ihn zurückgespielt hatte. „Ich sehe, dass du meinen Schöpfungswillen und die Menschen, die ich erschaffen habe, verstanden hast. Du sollst nun den, der in wenigen Stunden seinen ersten Atemzug tun wird, unter deine Fittiche nehmen. Ich nenne dir noch den Namen, den ihm seine Eltern geben werden: Er wird Matthias heißen. Sie, seine Geschwister und Freunde, werden ihn Matze nennen. Leite ihn, aber entmündige ihn nicht. Belehre ihn, aber entwerte nicht seine eigenen Gedanken. Halte ihn fest, aber enge ihn nicht unnötig ein. Und nun mache dich auf und erfülle deine Pflicht.“
Mit diesen Worten beschloss Gott Vater die Versammlung – froh, den richtigen Schutzengel gefunden zu haben.
Die Jahre vergingen. Matze wuchs auf im Schoße der Familie. Bald stellten auch die Mutter und der Vater fest, was Gott Vater von Beginn an wusste, und die Sorge um ihren Sohn wuchs mit der Zahl seiner Lebensjahre. Solange Matze noch im Elternhaus lebte, konnten beide – wie es ihre Elternpflicht gebot – dem Schutzengel hilfreich zur Seite stehen. Doch je älter Matze wurde und je weiter sich sein Lebensmittelpunkt vom Elternhaus entfernte, desto mehr Arbeit fiel ihm, dem kleinen Engel, allein zu. Auch er spürte, dass seine Arbeit immer schwieriger wurde und immer mehr Kraft erforderte. Aber der kleine Engel war klug und geschickt, so dass er alle heiklen Situationen entschärfen konnte.
Eines Tages klopfte es an die Tür des himmlischen Lageraumes, von dem aus die Schutzengel ihre Schützlinge beobachten. Herein trat ein Engel von der himmlischen Post und rief: „Ein Brief von Gott Vater persönlich an den Matze-Schutzengel! Wo sitzt der?“
„Hier!“, meldete sich der kleine Engel. „Was ist los?“
„He! Was hast du angestellt, dass dir Gott Vater persönlich schreibt?“, fragte der himmlische Postbote und überreichte dem kleinen Engel einen versiegelten Umschlag.
„Nichts habe ich angestellt! Natürlich nichts!“, antwortete er, freilich ohne recht von seiner Antwort überzeugt zu sein.
Der kleine Engel riss den Brief auf und sprach halblaut mit, was er las: „Der Schutzengel von Matthias hat sich am 1. August 1993 früh um 9: 00 Uhr nach Erdzeitrechnung bei mir zur Berichterstattung einzufinden. Gott Vater.“
Puhh! Dem kleinen Engel rutschte das Herz in die Hose. Glücklicherweise hatte er genau Buch geführt und alles niedergeschrieben, was er mit seinem Schützling erlebt und in welchen Situationen er eingegriffen hatte.
So nahm der kleine Engel an dem betreffenden Tage seine Notizen unter den Arm und betrat das Vorzimmer seines Chefs. Sein persönlicher Referent – ein kräftiger und Respekt einflößender Engel – meldete den kleinen Engel bei Gott Vater an und wies ihn an einzutreten.
Der Allerhöchste empfing ihn mit den Worten: „Nun, mein lieber Helfer, sehen wir uns nach einem Vierteljahrhundert menschlicher Zeitrechnung wieder! Dies ist der rechte Augenblick zu hören, was du in diesen Jahren zu tun hattest. Doch was ist das? In deinen sonst so schneeweißen Flügeln sehe ich graue Federn! Was ist geschehen?“
„O!“, schluchzte der kleine Engel und strich sich verlegen über das Gesicht: „Matze, mein Matze macht mir viel zu schaffen. Ich kann sein kompliziertes Wesen auch nach 25 Jahren noch immer nicht völlig verstehen. So ein hoffnungsvoller Junge – und macht mir so viel Kummer, dass ich graue Federn kriege!“ Und dann erzählte der kleine Engel von Matzes waghalsigen Radfahrten durch den dicksten Straßenverkehr, den vielen Stürzen, von denen einer beinahe einen steilen Abhang hinuntergeführt hätte. „Das hätte seinen Tod bedeuten können“, betonte der kleine Engel. „Ich konnte es gerade eben noch verhindern.“ Er berichtete von den Autounfällen, an denen er meistens selbst schuld war, von den vorsätzlichen Verkehrsübertretungen, dem absichtlichen Fahren mit dem Fahrrad in die Gegenrichtung von Einbahnstraßen, auf Fußgängerbrücken, in Fußgängerzonen und den polizeilichen Strafen für ein derartiges Verhalten. „Aber er lernte nicht viel daraus!“, beklagte der kleine Engel. ‚Er füge ja’, so meint mein Matze, ‚damit niemandem einen Schaden zu.’ Die kleinen Dinge, himmlischer Vater, will ich gar nicht aufzählen, ich müsste denn bis heute Abend berichten. Hier sieh“, und der kleine Engel hielt Gott Vater seinen Notizblock entgegen. „Er ist schon fast voll!“
Einen Augenblick lang blieb es still. Dann sprach der Allerhöchste: „Ich habe es gewusst, kleiner Engel. Ich habe alles vorher gewusst! Denn ich gab deinem Matze dasjenige Wesen, aus dem Großes erwachsen kann, aber das zugleich ein Übermaß an Risiken in sich birgt. Matze ist mit seinen 25 Jahren noch nicht am Ende seiner Selbstfindung. Sein Verstand arbeitet präzise. Doch er versteht es noch nicht, ihn in eine rechte Beziehung zu seiner ganzen Person zu setzen. Er ignoriert noch immer die Grenzen seiner körperlichen und seelischen Kräfte. Vor diesem Hintergrund, mein lieber kleiner Engel, hast du deine Sache sehr gut gemacht. Ich bin stolz auf dich. Jetzt aber steht ein neues Kapitel deiner Arbeit bevor: Dein Matze wird in das für Erdenverhältnisse große Land Amerika gehen. Er will dort etwas ganz Neues beginnen, als Austauschstudent frei sich entfalten und richtig fröhlich leben. Kurz: Er möchte ein neuer Mensch werden. Und wenn es ihm gelingt, dann wäre mein Wille erfüllt. Ich wünsche es ihm so sehr! Doch dieser Prozess wird für dich sehr aufreibend sein. Denn das Streben nach Freiheit, das Suchen nach dem Sinn des Lebens und das Stillen des Erlebnishungers haben eine gemeinsame Schwester, und die heißt: Gefahr! Bist du nach dieser Ankündigung noch immer bereit?“
„Herr, du machst mir Angst. Was erwartet mich da?“, fragte der kleine Engel.
Und Gott Vater antwortete: „Mein lieber kleiner Engel, das weiß ich im Einzelnen auch nicht. Ich gebe den Menschen nur das Wesen, bestimme aber nicht jede einzelne Handlung, die sich daraus ergeben kann. Denn alles, was auf Erden geschieht, gleicht einem Regentropfen, der wohl rein und klar vom Himmel fällt. Wenn er aber auf die Erde trifft, mischt er sich mit Staub und nimmt des Staubes Art an. So kommt es, dass nichts auf Erden dem Himmel und nichts, was ich geschaffen habe, dem Schöpfer gleicht. Denn wäre es anders, würde dem Menschen nichts mehr auf seiner kleinen Erde fehlen. Er hielte sich selbst für Gott. So aber, wie ich es gemacht habe, bleibt er bei all seiner Klugheit ein irdisches Wesen. Doch ich gab ihm genau damit die Chance zu erkennen, was er ist: ein endlicher Mensch mit der Sehnsucht nach Vollkommenheit.“
Wieder trat eine kurze Pause ein. Dann fragte der Allmächtige: „Willst du noch immer?“
Und der kleine Engel sagte tapfer: „Ja!“
Da erhob sich Gott Vater, reichte seinem mutigen Helfer die Hand und verabschiedete ihn mit dem aufmunternden Wort: „Dann flieg zu und tue deine Pflicht!“
Und der kleine Engel tat seine Pflicht so, wie er sie übernommen hatte.
Sieben Monate vergingen, und der kleine Engel hatte wirklich viel zu tun in Amerika und sogar in Mexiko. Mehr als einmal musste er hart zugreifen. Doch jedes Mal schaffte er es wieder – bis auf das eine Mal, das letzte Mal.
Am frühen Nachmittag des 18. März 1994 nach menschlicher Zeitrechnung läutete das Telefon im Vorzimmer des Allerhöchsten. Der Engel Sekretär nahm den Hörer ab. Eine schluchzende Stimme bat darum, möglichst sofort bei Gott Vater vorgelassen zu werden. Es sei etwas Schreckliches geschehen.
Der Engel Sekretär erkannte die Stimme des kleinen Engels. Und weil er von dessen schwieriger Aufgabe wusste, ahnte er auch, worum es ging. Deshalb bat er den kleinen Engel, doch gleich zu ihm ins Vorzimmer des Allerhöchsten zu kommen. Er werde zusehen, ob er seinen Besuch noch irgendwie einschieben könne.
Der kleine Engel musste nicht lange warten, da wurde er hereingerufen. Gott Vater kam auf ihn zu,
