Stolz und Widerstand - Shqipe Sylejmani - E-Book

Stolz und Widerstand E-Book

Shqipe Sylejmani

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Beschreibung

Für Shote bricht die Welt zusammen, als sie in der Schwangerschaft ihr Kind verliert. Auf der Suche nach Trost begibt sie sich auf Reisen durch Nordmazedonien, Kosovo, Montenegro und Albanien. Unterwegs begegnet sie den unterschiedlichsten Frauen, die ihr Geschichten erzählen. Nicht nur jene von Schicksalsschlägen, sondern auch Anekdoten und Weisheiten der Hoffnung. Shote teilt diese Geschichten mit Ursula, die mit ihrem ganz eigenen Kummer ringt und die ihrer jüngeren Freundin ihrerseits Beistand leistet. Ein Roman über Freundschaft und Familie, Tradition und Tabu und über den unbändigen Lebenswillen von Generationen von Frauen zwischen der Schweiz und dem Balkan.

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Seitenzahl: 373

Veröffentlichungsjahr: 2025

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G E S C H I C H T E N Z W E I E R W E L T E N

S H Q I P E S Y L E J M A N I

Deutsche Erstauflage 2025

Copyright © 2025 LIBRAS Shqipe Sylejmaniwww.shqipesylejmani.com

Umschlagillustration: Jehona Brahimi, eyeloveyou GmbH

Porträt der Autorin: Valentina Pezzo

Lektorat: Marguerite Meyer

Korrektorat: Daniel Meyer

Druckerei: CPI Books GmbH

Layout und Gestaltung: eyeloveyou GmbH, Basel

ISBN Book: ISBN 978-3-033-11446-3

ISBN eBook: ISBN 978-3-033-11447-0

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Für unsere Mütter.

Für unsere Schwestern und Töchter.

Prolog

Stolz.

Schlägt man das Wort »Stolz« im Wörterbuch nach, stehen da Beispiele für die Bedeutung des Wortes. Eines davon lautet:

In seinem Selbstbewusstsein überheblich und abweisend: »eine stolze Frau«.

Ich lese den Satz und muss an all die Frauen vor mir denken, die meinen Weg ebneten. Ich gedenke meiner Urgroßmutter, die zwischen dem Acker und der Scheune meine Ahnen zur Welt brachte, sie umsorgte und zu ihrer Feldarbeit zurückkehrte, um jene Früchte zu säen, die ich heute noch ernte.

Ich gedenke meiner Großmutter, wie ihre Hände aus gemahlenen Körnern und Wasser einen Teig schufen, der Generationen nähren würde.

Ich denke an meine Mutter, welche die Grenzen in fremde Länder und fremde Sprachen überquerte, die selbst ihren Kopf senkte und sich nie mit einem Wort widersetzte, damit ich heute umso lauter meine Stimme erheben kann.

Es waren stolze Frauen, die uns aus ihrem Körper in die Welt gebaren, um erhobenen Hauptes diese Welt zu gestalten.

Uns wurde etwas vererbt, das verankert ist in unserem Wesen und in unserem Blut. Es tritt zum Vorschein, wenn wir uns für die Freiheit einsetzen, uns für Gerechtigkeit aussprechen, wenn wir für die Liebe zu unserem Land und für unser Leben mit sanften Worten und großen Taten einstehen und mit dem Körper, der sich für unsere Kinder und Eltern, für Geschwister und die Männer in unseren Leben aufopferte, um sie mit unseren Händen zu nähren, zu pflegen, zu lieben.

Wir gebaren den Menschen und die Menschheit aus unserem Leib und zogen sie groß, kämpften in Kriegen ums Überleben und überlebten in diesen Kriegen die Gewalt an unseren Seelen, an unseren Körpern, die selbst nach Qualen niemals aufhörten, Leben zu schaffen und zu erhalten.

Wir waren und sind die Frauen, die Revolutionen befeuerten und die lenkende Hand hinter den Männern waren, bis wir selbst hervortraten und diese Welt erhellten mit unserer Kraft, unserem Mut und dem Ehrgeiz, in unserer Gutmütigkeit, endlosen Liebe und dem Mitgefühl, die diese Erde menschlich macht.

Wir sind die Frauen, die seit Anbeginn der Zeit für den Anfang stehen und in uns das größte Wunder bergen. Aller Schwere und Grausamkeit zum Trotz ist unser Widerstand in Anmut gekleidet und sind unsere Tränen so kraftvoll wie das tosende Meer bis zu seinen tiefsten Abgründen.

Scham hat keinen Platz auf unserem Haupt. Wir sind die Frauen, die in den Augen die Güte der Welt offenbaren und in unseren Herzen das Feuer, um sie in Schutt und Asche zu legen.

Wir sind der Anfang und das Ende.

Wir sind die Liebe und das Leben.

Und in unserem Widerstand sind wir stolz.

1

Heute

Meine Augen wandern über die Schweiz, über die Straßen, die in eine neue Zukunft führen, zu den Tunneln, die Menschen verbinden. Ich sehe die hohen Gebäude, die so hoch in den Himmel ragen wie unsere Gebete. Erbaut von den Händen unserer Väter.

Denn ich sehe die Hände meines Vaters in den Pflastersteinböden, die die Auffahrten zu den Gebäuden der Stadt verzieren. Ich sehe sie in den Fußgängerstreifen, die mit Präzision die Wege für Passantinnen zugänglich gestalten. Und überall, wo ein dunkler Fleck am Boden andeutet, dass ein Kanal überarbeitet oder ein Loch im Asphalt erneuert wurde. Ich sehe die Hände meines Vaters in den Brücken der Städte, erinnere mich an die heißen Tage im Sommer, an all die Regenschauer, die unsere Stadt heimsuchten. An die Kälte, den Schnee und den erbarmungslosen Wind, an die langen Tage, an denen der Bohrer sein Gehör zermürbte und die Teerdämpfe seine Lungen füllten. Mein Vater ebnete mir den Weg zur Schule – nicht nur mit dem Wissen, das er mir trotz seiner Ermüdung vermittelte, sondern weil die Straßen, auf denen ich zur Schule ging, von seinen Händen geschaffen wurden. Er baute sie mit den Vätern meiner Klassenkameradinnen an jenen Tagen im Sommer, an denen die vorbeigehenden Passanten beschämt wegschauten, wenn die erschöpften Arbeiter sich den Schweiß von der Stirn wischten und ihre Haut von der Sonne gestraft wurde. Und er baute sie mit den anderen Vätern im Winter, als ihre Gesichter von der Kälte geschnitten wurden. Ich sehe die Hände meines Vaters in allem, was in diesem Land steht. Seine Hände und die all jener Männer, die alles zurückließen, was sie kannten, um ihre Familie hier und in der Heimat am Leben zu erhalten.

Man sah diese Männer, doch man erkannte sie nicht. Noch weniger erkannte man die Hände, die für ihre ausgelaugten Männer aus nichts ein Brot zu backen versuchten. Jene Hände, die nährten – mit dem, was übrig blieb. Die Hände, die Kinder umsorgten und sich mit dem Wissen am Leben festhielten, dass sie für das Wohl der Familie zu sorgen hatten. Jene Hände, die in fremden Häusern ihren Stolz tief in ihrer Seele kleindrückten, sodass kein Naserümpfen und unverständliches Wort sie schmerzen konnte. Jene Hände, die sich und ihre Körper opferten – um keine Stunde und keinen Tag verstreichen zu lassen, ohne zu wirken, ohne ihren Beitrag zu leisten, um eine Perspektive zu bieten, die besser war als das Leid, in der man die eigene Familie in der Heimat zurückgelassen hatte.

Sieht dieses Land unsere Mütter, ohne die wir keine Liebe und keine Wärme kennen würden? Die Mütter, die uns Trost spendeten – nachdem ein Traum erneut geplatzt war, noch ehe er Form annehmen konnte? Die Hände, die entschlossen mit Lehrkräften gestikulierten, weil die Sprache nicht reichte, um das Wissen ihrer Kinder zu untermauern, das ignoriert wurde. Die Hände, die Sporttrikots wuschen, nähten und bügelten und Essen für die Mannschaft, unsere Freunde, unsere Mitschülerinnen zubereiteten, weil das Geben der Kern unserer Kultur ist. Die Hände, die uns auffingen, wenn wir in dieser ausgrenzenden Welt fielen und fielen, die unsere Tränen wegwischten und stets ermunternde Worte in unsere Wangen streichelten. Die Hände, die jene großzogen, die dieses Land bereichern würden. Die Hände unserer Mütter, die niemals müde wurden, alle anderen zu tragen, zu pflegen und zu heilen.

Aus ihrem Schoß geboren, fanden wir in ihren Händen unsere erste Heimat.

Niemand sah sie. Am wenigsten unsere Familie in der alten Heimat. Denn meine Großeltern und wir sprachen zwar dieselbe Sprache, doch verstanden uns oft kaum. Ihre Welt hatte bis auf die Wurzeln unserer Familie nichts mit meiner gemeinsam. Wir wären uns vielleicht gänzlich fremd gewesen, hätte nicht ein Band des Schicksals unsere Leben verknüpft. Lange Zeit, dieses Gefühl hatte ich damals, sprachen wir aneinander vorbei. Wir lebten in solch unterschiedlichen Welten – ihre Bahnen verliefen parallel zueinander, doch sie fanden nur wenig Verbindung.

Das zeigte sich besonders im Sommer, mit jedem Urlaub in der Heimat. Unsere Leben prallten aufeinander, die Gegensätze wurden mit jedem Jahr im Ausland größer. Wir rieben uns aneinander. Und jeder Sommer schleuderte uns ein bisschen weiter voneinander weg. Viele Jahre vergingen, bis ich das erkennen konnte und den Verdruss verstand, der unsere Verbindung manches Jahr überschattet hatte.

Als ich aber die Schönheit der alten Geschichten und Anekdoten entdeckte, war es, als ob jede Erzählung ein Stein in jener Brücke wurde, die mich zurück zu meiner Familie führte. Jedes gemeinsame Lachen über eine Pointe wurde zum Stahl, der die Brücke festigte, und jede neue Wendung in den Geschichten der Zement, der sie trotz allem zusammenhielt.

Diese Märchen, Legenden und Anekdoten ließen uns etwas teilen und brachten unsere Welten, unsere Sprachen, unser Schicksal auf wundersame Weise in Einklang.

Sie ließen mich verstehen, aus welchem Samen ich gewachsen war und welche Regenschauer, Gewitter und Dürren ihn hatten wachsen lassen. Mich hatten wachsen lassen. Sie ließen mich sehen, welches Erbe ihnen übertragen, welches Leid seit Generationen erduldet und auch durchbrochen wurde. Und ich war der dünnste Ast eines Baumes, der seine Wurzeln tief gebohrt hatte in eine Erde, die so oft niedergebrannt worden war. Und doch überlebte der Baum, mit seiner Krone, mit seinen Zweigen. Ich konnte endlich die Zerrissenheit der Vergangenheit auch in mir erkennen. Wir waren nicht getrennt in unseren Leben und unserem Erleben. Wir trugen dasselbe in uns – und am Ende siegte das Verständnis füreinander.

Sie fehlen mir in all den kleinen Momenten des Lebens. Ich vermisse die ruhende, heilende Hand meiner Großmutter auf meiner. Ihre sanfte Stimme, die ein wohliges Bett für meine Seele war, in das sie sich zurückziehen und in Fürsorge erholen konnte. Ich vermisste sie für die großen Momente. Wenn ich ihr von den Reisen erzählen wollte, zu denen mich unser Erbe geführt hatte. Wenn ich ihnen die Menschen vorstellen wollte, die nun mein Herz umsorgten. Wenn ich Entscheidungen ohne ihren Rat und ihren Beistand zu treffen hatte – doch im Wissen, dass eine ihrer Geschichten mir den Weg weisen würde.

Und sie fehlten mir für die Momente, von denen ich nie geträumt hatte, dass ich sie tatsächlich würde erleben dürfen. Wie an diesem Tag.

Ich strich den weißen Stoff glatt und betrachtete das Kleid vor mir. In wenigen Stunden würde ein langer Schleier meine Schultern zieren, über die Spitze des Kleides reichen, das sich eng an meinen Körper legen würde.

Ich hatte mich für etwas Schlichtes entschieden. Es war wohl der Versuch, irgendetwas an diesem Tag klassisch zu halten, wenn es alles andere nicht war. Es waren die letzten Momente, die ich für den Rest meines Lebens nur für mich haben würde.

Mein Leben lang hatte ich gehofft, dafür gebetet, eines Tages diesen Moment erleben zu dürfen. Dabei war mir dieser Tag nicht einmal sonderlich wichtig gewesen.

Die Liebe, an der ich zweifelte, und daran, ob sie mich überhaupt jemals fände. Und ob sie all die Grenzen überschreiten könnte, die zwei Menschen in ihrer Verbindung vorfänden. Ob sie genug sein könnte, um zwei Menschen mit einem Wort aneinander zu binden. Um sich vor Gott, den Angehörigen und den Liebsten jenes Versprechen zu geben, das für die Ewigkeit halten sollte.

Es gibt viele Traditionen, die an diesem Tag zur Geltung kommen. Manche Kulturen verschreiben etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes und etwas Blaues für das endlose Glück. In gewissen Kulturen legt man der Frau einen Glückspfennig in den Schuh. Und manche sehen in einem besonderen Strumpfband den Überbringer von Glück und Liebe. Ich hatte aus den unzähligen Hochzeiten all die Bräuche kennengelernt, von roten Schnüren um die Hüfte, roten Schleiern und vom Überqueren einer Brücke, und dass erst dann die Stille mit Jubel durchbrochen werden durfte.

Heute sollte der schönste Tag meines Lebens sein. Und eine Frau mit den höchsten Ansprüchen an Bräuche und Traditionen hatte mich in der Nacht zuvor besucht.

Im Traum saß ich im Garten meiner Großeltern. Dort, wo die Blumen blühten, gewärmt von der aufgehenden Sonne eines strahlenden Frühlingsmorgens. So wie an dem Tag, an dem das Schicksal, Kismeti, mein Leben auf einen neuen Pfad geführt hatte. Ich hörte, wie die Haustür geöffnet wurde. Und da stand sie. Meine Großmutter.

Ihre mit Henna schwarz gefärbten Haare trug sie kurz und nach hinten gekämmt, sie zog ihre Pantoffeln an und lächelte mich an. Es war, als hätten wir uns gestern erst gesehen. Ohne Eile lief sie die Holztreppe hinunter zu mir, und ich spürte warme Tränen auf meinem Gesicht, als Nana – so nannte ich Großmutter – vor mir stand und meine Hand nahm. Ich zog sie an mich und weinte, hielt sie wortlos in meinen Armen und beruhigte mich erst, als ich meinen Kopf an ihre Schultern lehnte und ihren Geruch einatmete: Es war jener Duft, den ich so geliebt hatte. Der Duft von Salz, der auf die heiße Oberfläche eines Holzofens trifft. Es war der Geruch meiner Kindheit.

»Mein Kind«, sagte Nana. »Schau, wie schön du geworden bist«, lächelte sie, nahm mein Gesicht in die Hände und küsste meine Wangen.

»Oj Nanë«, stammelte ich hinter meinen Tränen hervor.

»Ich verstehe nicht. Bin ich tot? Ist dies das Paradies?«, fragte ich und Nana brach in schallendes Gelächter aus – wie so oft, wenn ich früher Blödsinn von mir gegeben hatte.

»Nennen wir es einen Traum«, meinte sie, und wir setzten uns unter die mit Efeu und Weinreben überdachte Veranda. Ich hielt Nanas Hände, sie waren sanft und warm – wie früher, wenn sie die Pitalka, die Brötchen, am frühen Morgen aus dem Ofen geholt hatte.

»Ich habe deinen Weg gesehen, Shote. Hätte ich gewusst, dass du nach meinem Tod einen so netten Burschen kennenlernen würdest, wäre ich schon viel früher von euch gegangen!«, scherzte sie und erinnerte mich daran, wie schwarz der Humor unserer Familie war.

»Shote, ich bin hier, weil ich dir etwas Wichtiges schenken will. Morgen ist ein besonderer Tag für dich, mein Kind. Und für diesen möchte ich dir etwas mitgeben. Am Tag meines letzten Atemzuges habe ich auf mein Leben zurückgeblickt. Und ich sah all die schönen Momente, all die Wunder und Geschenke des Lebens, mit denen ich gesegnet wurde. Doch sah ich auch all die Dinge, die ich entbehrt hatte. Ich sah all die Träume, die ich nie verwirklicht hatte, die Wünsche und Hoffnungen, die ich mir selbst nie erfüllt habe. Shote, morgen soll ein neues Kapitel für dich beginnen. Doch ein Amanet,ein letztes Vermächtnis, möchte ich dir hinterlassen. Denk daran, wenn du dein neues Leben mit jemandem teilst: vergiss nicht deinen eigenen Platz in deinem Leben. Geh auf in deiner Liebe, doch geh nicht in ihr unter. Die Liebe zu dir selbst musst du genauso pflegen wie jene für deinen zukünftigen Mann. Du musst sie wachsen und sich entfalten lassen. Tust du es nicht, wirst du dich fragen müssen, welche Hoffnung, welcher unerfüllte Wunsch sich dir in deinen letzten Momenten offenbaren wird.«

Nana beendete unser Gespräch mit einer Bitte: »Generationen von Frauen vor dir haben ihre Opfer erbracht und dir ihre Träume vererbt, ihre Sehnsucht nach Freiheit in dein Herz gelegt. Shote, es waren mehr als genug Opfer. Es ist an dir, dieses Erbe zu unterbrechen. Damit du es nicht auch der nächsten Generation vermachst.«

Ich tauchte in Nanas Umarmung ein, dann verschwamm sie.

Ich spürte noch immer ihre sanften Hände auf mir, als ich in meinem Bett erwachte. Ich griff nach Luans Schulter neben mir. Dann erinnerte ich mich, dass wir diese Nacht vor der Hochzeit allein verbringen wollten.

Ich strich mir über den Bauch und dachte an Nanas Worte: das Opfer der Frau. Sie hatte mir nicht erläutern müssen, welche Geschichten dieses Wort stemmte, welche Tiefe es hatte, welche Bürde es war.

Als Kind hatte mir meine Großmutter immer wieder diese eine Anekdote erzählt. Ich hatte sie über all die Jahre vergessen, Stück für Stück fand die Erinnerung an sie zu mir zurück.

Die Ehe

Ein junger Mann war frisch verheiratet. Um sich im Kreise der Männer in der Oda, dem Gemeinschaftshaus, als stark und streng zu beweisen, verkündete er, seiner Vermählten bereits die Leviten gelesen zu haben – damit sie ja nicht erst auf dumme Gedanken käme und verstehe, wer im Haus das Sagen habe.

Der Dorfälteste, bekannt für seine Weisheit und Güte, hob die Hände, als die Männer in Gelächter verfielen, sodass wieder Ruhe einkehrte.

Er sprach: »Ein Haus kann nicht geführt werden, wenn eine Tür aus Sträuchern besteht und die andere aus Stahl. Dies bedeutet, dass eine Ehe nur dann blühen und wachsen kann, wenn für beide dieselben Regeln gelten. Wenn der eine kommt und geht, wie es ihm gefällt, doch seine Partnerin einsperrt, wird das Haus nicht von Glück erfüllt sein können. Nur Gleichheit bringt Harmonie und Freude in deine Ehe und in dein Haus.«

Die Anekdote erinnerte mich daran, dass ich nach diesem Tag ein neues Leben in einem neuen Land beginnen – und für die Liebe meines Lebens meine Familie, meine Karriere, mein Zuhause zurücklassen würde.

Und ich erinnerte mich daran, weshalb dieser Tag nicht nur mein Leben verändern würde.

2

»Habe ich dir je erzählt, wie meine Eltern sich kennengelernt haben?«, fragte Luan und ruderte behutsam, sodass sein sanfter Schlag lautlose Wellen im Wasser verursachte.

Ich schaute ihn erstaunt an, denn Luan ließ seine Eltern nur in seltenen Momenten wieder aufleben. Und wenn, dann streifte er sie im Gespräch jeweils nur. Selten entstand der Raum, um tiefer in ihre Lebensgeschichte einzutauchen. Ich wusste nur, dass die Familie seines Vaters seit Langem in Korçë lebte, doch dass sie ursprünglich aus Shkodra stammte. Und dass seine Mutter bereits sehr jung verstorben war, kurz darauf dann auch der Vater. Luan und seine Schwester Hava waren bei Familienmitgliedern aufgenommen worden. Doch schon bald empfanden sich die Geschwister als Bürde und beschlossen, ihre Leben allein zu bestreiten. Über diese Zeit sprach Luan nie.

Er hatte die Ruder ins Boot geholt. Wir schwebten auf dem See und Luan hielt mich eng umschlungen. Ich lehnte mich an seine Brust und sein Herz pochte sanft gegen meinen Rücken. Als der Wind stärker wehte, spürte ich Luans Finger, sie strichen mir sanft die Haare hinter die Ohren.

Der Ausblick war schlicht wunderschön: Efeublätter und Seerosen schwammen an der Oberfläche, das Wasser reflektierte die Sonne. Zu gern hätte ich diesen Moment mit der Kamera festgehalten, doch er war zu besonders, um mich auch nur einen Millimeter zu rühren. In Luans Armen fand ich Ruhe, in seinen Armen fand ich meine Geborgenheit. Nichts auf der Welt konnte wertvoller sein als dieses Gefühl.

»Mein Vater lernte meine Mutter kennen, als er noch ein Fischer war und eines Tages auf dem Markt diese atemberaubend schöne junge Frau sah. Er erzählte mir mal, dass sich in diesem Moment das zukünftige Leben vor seinen Augen abspielte – das Leben, das er mit ihr haben könnte.

Sie verkaufte mit ihrer Familie Honig, und mein Vater nahm den größten Fang des Tages, legte ihn in einen Eimer und brachte ihn zum Stand, wo seine Angebetete und ihr Vater Kunden bedienten. Er fragte den Vater, meinen Großvater, wie viele Fische der Honig kosten würde. Nun weiß jeder, dass Honig viel mühseliger zu imkern ist, als Fische zu fangen – also lachte mein Großvater und sagte dem jungen Mann, dass er für einen Krug Honig vierzig solcher Fische brauche.

Beiden Männern war klar, dass der Preis nicht dem Honig galt. Von da an fischte mein Vater jeden Tag mit Herzblut und brachte seinen jeweils besten Fang zum Stand meiner Mutter. An jedem Tag genoss er jenen kurzen Augenblick, den er mit ihr verbringen durfte. Und die ein, zwei Sätze, die sie austauschen konnten. Er habe sich in ihr Lächeln verliebt, sagte er mir, in ihre großen Augen voller Stolz und Anmut. In ihre Sorgfalt, ihre flinken Hände, ihre aufblitzende Streitlust und ihre Lebensfreude. Und mit jedem Tag schenkte er ihr mit dem Fisch heimlich eine Blume – und irgendwann auch seine Gedichte.«

»Das ist ja wunderschön, Luan. Du hättest dir ruhig eine Scheibe von der Romantik deines Vaters abschneiden können«, grinste ich. Luan kniff mich spielerisch in den Arm und küsste dann die Stelle als Wiedergutmachung.

»Warte, warte, Shote! Die Geschichte geht noch weiter: Meine Mutter antwortete auf die Gedichte mit kurzen Notizen, manchmal auch mit nur einem Satz. Einen Zettel hatte er aufgehoben. Darauf hatte sie nach ein paar Wochen nur zwei Worte notiert: ›Frag ihn‹.

Und am vierzigsten Tag tat mein Vater genau das. Er bat meinen Großvater um die Hand meiner Mutter. Doch mein Großvater meinte, diese Entscheidung läge nicht bei ihm, sondern bei seiner Tochter selbst. Und diese sei nicht leicht zu überzeugen. Mein Vater solle am nächsten Tag nochmals zum Stand kommen, wenn er mit seiner Tochter gesprochen habe.

Am nächsten Tag war mein Vater voller Zuversicht, als er am frühen Morgen zum Stand kam. Als er das Mädchen seiner Träume erblickte, traute er seinen Augen kaum. Da stand es, in Gummistiefeln und weiten Kleidern. ›Wenn wir ein Leben teilen wollen, muss ich wissen, wie du unsere Familie ernähren wirst. Deswegen komme ich heute mit dir auf den See – lass uns Fische fangen!‹

Mit der Kutsche und im Boot reisten sie genau hierhin, Shote, zum Shkodra-See. Doch nicht nur das Fischen wollte meine Mutter von meinem Vater lernen. Sie wollte auch sein Liebesversprechen – und habe ihm gesagt: ›Ich werde auf dein Herz achten und dir deine Seele reinhalten, bei jedem Schritt, den wir gemeinsam gehen. Ich werde deine Hoffnungen stets bestärken und dir deine Zweifel nehmen. Deine Hand sein, wenn du Führung brauchst, und mein Schoss wird dir Ruhe und Geborgenheit geben. Ich werde deine Muse des Lebens sein und mit dir teilen, was ich habe. Doch all dies erwarte ich auch von dir.‹ Und genau hier, Shote, auf diesen Gewässern, gestand ihr mein Vater seine Liebe und Zuneigung. Und er erzählte ihr von der Vision, die er hatte, als er sie das erste Mal sah: vom gemeinsamen Leben, von geteilter Liebe und geteilten Sorgen. Vom Erziehen ihrer Kinder, dem Glück und der Freude, die er mit ihr erleben und ihr schenken wollte. Und er gab ihr das ewige Versprechen, ihr zu gehören und ihr sein Leben zu widmen.

Und das tat er auch, Zeit ihres Lebens – bis zum Schluss.«

Ich drehte mich zu Luan, und in seinen Augen sah ich, wie sehr er die Liebe seiner Eltern bewunderte – und wie sehr sie ihm fehlten. »Ich bin überzeugt, dass sie uns von oben sehen und endlos stolz sind auf den Mann, der du geworden bist. Die Liebe, die sie füreinander hegten, spüre ich in dir weiterleben. Sie erfüllt nicht nur dein Leben, mein Herz, sondern auch meines. Und ich spüre, wie sie über dich wachen und dich führen, an jedem einzelnen Tag«, sagte ich, küsste Luan und umschlang nun ihn.

»Daran glaube auch ich, Zemër. Und deswegen war es mir so wichtig, dir diesen Ort zu zeigen und das hier mit dir zu erleben. Dieser Ort ist für mich der Inbegriff von Liebe. Ich weiß, wir sind nicht in einem Fußballstadion, wie du dir diesen Moment eigentlich gewünscht hast. Aber an diesem Ort will ich dir sagen: Du bist das Wertvollste in meinem Leben.«

Luan löste sich von mir. Seine warmen Hände zitterten, als er sie sanft an meine Wangen legte.

»Hier, an diesem Ort, will ich für immer festhalten, dass meine Liebe für dich tiefer geht als alles, was ich je zuvor kannte. Du brachtest Licht in mein Leben, und durch dich sehe ich die Welt von ihrer schönsten Seite. Nie zuvor hatte ich diese Güte und Reinheit in einem Menschen erahnt, und nie hätte ich geglaubt, dass eine solche Liebe auch mir widerfahren könnte. Shote, ich weiß – so sicher, wie es Luft, die Liebe und Gott gibt – dass ich mein Leben nur mit dir teilen möchte. Anders als mein Vater hatte ich nicht eine Vision, als ich dich das erste Mal sah. Ich hatte sie aber, als du mir in Tirana dein Herz öffnetest, als du in Korçë meine Hand hieltst und mir in der Dunkelheit der Nacht den Weg führtest. Ich hatte sie in Gjirokastër, als ich dir meine schlimmste Seite offenbaren konnte und deine Worte mir die Wunden umsorgten. Und ich hatte sie auch über den Dächern in Ulqin, als du uns batest, dich auf deinem Weg zu begleiten. Ich sah sie in den Augen deines Großvaters und wie du ihn umsorgtest – in jener Sanftheit, in der du mich und die Liebe zu meiner Tochter achtest. Ich liebe dich seit dem Atemzug, den du mit mir teiltest, als du mir zum Abschied einen Brief gabst, und auch, als du mich das erste Mal küsstest und ich deine Liebe mit jeder Faser meines Körpers spürte. Ich liebte dich in deinen Armen und in deiner Abwesenheit. Ich liebte dich, als du mich für meine Erfüllung in die Welt ziehen ließest und mich niemals aus deinem Herzen geschlossen hast, nicht einmal an jenem Tag, als dir die Welt hätte gehören können.

Und an diesem Ort, im Geiste bei den Menschen, die mich schufen – denn auch du hast mich neu erschaffen –, hier frage ich dich, ob du deine Seele an meine lehnen möchtest, mit mir diesen Lebensweg bestreiten und mit mir jede Freude, jede Trauer, jeden Kummer und die Liebe für den Rest unserer Leben teilen möchtest. Ich frage dich, Shote: Willst du meine Frau werden?«

***

Es klopfte an der Tür und eine bekannte Stimme rief zögerlich meinen Namen.

»Ist alles in Ordnung?«, fragte Mama und trat ein.

»Ja, Mama. Ich musste nur gerade an Nana denken.«

»Ach, deine Großmutter liebte Hochzeiten! Sie trug immer ein Schmunzeln auf ihren Lippen, wenn sie sich diesen Tag vorstellte«, sagte Mama und erinnerte mich an die schönen Worte meiner Nana, ich solle einen mir ebenbürtigen Mann finden. Einen, der weder zu gut noch zu schlecht für mich sei. Was in mir fehle, solle ich in ihm finden, sodass wir einander ergänzen könnten.

»Ich vermisse sie heute besonders«, sagte ich und rang damit, wie ich meiner Mutter vom Traum erzählen sollte.

»Mama, glaubst du daran, dass uns Träume etwas mitteilen können?«

»Meine Kleine, was treibt dir diese Sorgen ins Gesicht? Was hast du geträumt?«

»Ich habe Nana gesehen, sie ist mir gestern Nacht erschienen. Wir waren in ihrem Garten, es war dieser eine Morgen vor meiner Reise damals. Und sie sagte, ich dürfe nicht zulassen, dass mir diese Liebe meine Träume nimmt. Ich verstehe es nicht, Mama. Vielleicht habe ich einfach nur schlecht geschlafen. Aber seither denke ich immer wieder, was sich mit dieser Ehe alles verändern wird. Ich werde euch verlassen, meine Heimat verlassen. Gebe ich mich und mein Leben auf, indem ich mich mit dem Menschen, den ich liebe, verbinde?«

Meine Mutter lächelte bloß und sagte: »Lass mich dir diese Frage mit einer Anekdote beantworten.«

Bukë, krypë dhe zemër – Brot, Salz und Herz

Es war einmal ein junger Mann, der am Tag vor seiner Hochzeit von Unsicherheiten geplagt wurde. Seinem Großvater war dies nicht entgangen, und er lud seinen Enkel auf einen Spaziergang ein.

»Wie soll ich ein guter Ehemann sein, Babgjysh? Es gibt so viel, was ich noch nicht weiß, so viel, was mir fehlt. Wie soll ich einen anderen Menschen für immer glücklich machen?«

Sein Großvater lächelte und gab ihm eine weise Antwort: »Bukë, krypë dhe zemër.«

»Mein Junge, das Rezept für eine liebevolle Ehe ist das gleiche wie für ein gutes Essen. Buka, das Brot, ist die Art und Weise, wie man sich umeinander kümmert, wie man die Liebe zwischen sich ›nährt‹.

Krypa, das Salz, ist die Vergebung. Ihr werdet Fehler machen und einander manchmal missverstehen. Mit der Vergebung schenken wir einander Vertrauen und zeigen, dass wir weiter an der Ehe arbeiten möchten. Wenn ihr eure Liebe mit Vergebung ›würzt‹, wird sie besser, so wie auch ein Gericht durch Salz.

Und Zemër, das Herz. Vergesst nie, weshalb ihr euch ineinander verliebt habt und wie sehr eure Herzen mit jedem Tag enger zusammenwachsen. Erinnert euch bei jeder Herausforderung daran: Ihr kämpft nicht gegeneinander, sondern ihr beide vereint gegen jedes Hindernis!

In anderen Kulturen geht die Liebe durch den Magen. Auf Albanisch sagen wir ›Bukë, krypë dhe zemër‹, Brot, Salz und Herz«, erläuterte der Großvater.

»Shote, du und Luan, ihr habt eine Geschichte, die selten zwei Menschen auf dieser Welt erleben dürfen. Ihr fandet euch durch das Schicksal, doch ihr habt euch trotz aller Berge zwischen euch immer wieder füreinander entschieden. Euch konnte keine Distanz trennen, ihr habt eure Liebe trotz aller Kilometer zwischen euch genährt, gepflegt und gedeihen lassen. Schwierigkeiten und Missverständnissen, die mit dieser Distanz entstanden, habt ihr getrotzt und einander Vergebung und Verständnis geboten. Und am Ende war eure Liebe stärker als alle vernünftigen Gründe, die euch davon hätten abhalten können, zusammen zu sein. Ich weiß um die Unterschiede eurer Welten, eurer Kulturen, trotz derselben Wurzel. Und ich weiß, dass euch die Umstände immer wieder auf die Probe gestellt haben. Doch eure Liebe war nicht aufzuhalten, im Gegenteil: Sie wurde mit jedem Tag unbezwingbarer. Und ich hoffe, dass euch von nun an Gottes Segen begleiten wird. Gemeinsam werdet ihr überall auf der Welt ein Zuhause aufbauen können. Dein Herz hat in seinem eine Heimat gefunden. Das ist die einzige Heimat, die du brauchst.«

Mama stand auf und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

»So, ich schaue mal, ob dein Vater schon gefrühstückt hat. Wir sehen uns später, meine Kleine. Genieße den heutigen Tag, denn wenn du Glück hast, wird das die einzige Hochzeit sein, die du je erleben wirst«, sagte sie augenzwinkernd und ließ mich nach einer Umarmung im Zimmer zurück.

Die Zeremonienführerin hatte mir empfohlen, einen Brief an mich selbst zu schreiben, bevor ich dieses Hotelzimmer verließ und nie wieder als Dieselbe zurückkehren würde. Also nahm ich Stift und Papier aus dem Nachttisch und schrieb all die Gedanken nieder, die mich im letzten Jahr begleitet hatten. Denn es war ein langes Jahr gewesen.

3

Ein Jahr zuvor

Die alte Fassade des Gebäudes war von Regen, Sturm und der Abnutzung gezeichnet. Nur der Teich im Innenhof, zu dem eine schnörkelig verzierte Brücke führte, lud dazu ein, diesen schönen Nachmittag im Mai hier zu verbringen. Die drei Damen warteten bereits am Tisch auf mich, vor ihnen Tee und Ovomaltine. Ein schöner Ausblick auf die nächsten paar Stunden, in denen ich mich zur Abwechslung von den Geschichten anderer berieseln lassen würde.

Ich begrüßte Rosa, Elisabeth und Ursula mit einer Umarmung und setzte mich zu ihnen. Rosa mischte sorgfältig die Karten.

Aus einer Lesung, die Ursula vor Monaten im Alterswohnheim organisiert hatte, war eine kleine Besuchstradition geworden: Ich kam alle zwei Wochen am Mittwochnachmittag vorbei und brachte den Frauen Bücher und Schokolade – und manchmal Zigaretten für Elisabeth. Dafür lehrten sie mich das Jassen – das Schweizer Nationalkartenspiel. Dies klappte mehr schlecht als recht: Ich war schlicht und einfach überfordert mit all den Regeln!

»Wie geht es euch an diesem sonnigen Tag?«, fragte ich in die Runde und wusste schon, wie die Reaktionen ausfallen würden: Rosa schenkte mir ein bemühtes Lächeln und Ursula war auf ihre Karten fokussiert. Elisabeth murrte, es sei ihr zu warm und sowieso kämen jetzt alle Insekten wieder aus ihren Löchern gekrochen, und die Klimaanlage im Haus sei so schlecht, dass es sich anfühle, wie in einem Backofen zu schlafen. Ich musste lachen und nahm mein Notizbuch hervor, in welchem ich die Kartenreihenfolge und einige Regeln notiert hatte.

»Nein, nein, nein!« – Elisabeth ließ ihrem Entsetzen über meine Spielkunst alle paar Minuten freien Lauf. Als Ursula in schallendes Gelächter ausbrach, weil ich wie durch ein Wunder einmal doch irgendetwas richtig gemacht hatte, schmiss Elisabeth die Karten hin und wollte in ihr Zimmer gebracht werden. Sie verabschiedete sich halbherzig. Hatte ich Elisabeth verärgert? Ursula beschwichtigte mich: »Sie hatte eine schwere Woche. Es war ihr Geburtstag – und ihr Sohn hat nicht angerufen. Vermutlich hat er es im Arbeitsstress vergessen, er war in Hong Kong auf Geschäftsreise«, erklärte Ursula. Bald verabschiedete sich auch Rosa von uns, was mir und Ursula recht war, denn wir hatten noch einen Spaziergang zu zweit durchs Quartier geplant.

»Ich bin gerne hier«, versuchte ich die Unterhaltung mit Ursula in eine neue Richtung zu lenken.

»Hier? Im Alterswohnheim? Ja, weil du jederzeit wieder gehen kannst!«, lachte sie.

»Ich weiß, dass du die ersten Jahre deines Lebens in der Schweiz hier in der Gegend verbracht hast. Es muss schön sein, diese Erinnerungen wiederzufinden.«

In der Tat waren es besondere Momente, die ich mit diesem Ort im Baselland verband. Wir waren damals gerade in die Gemeinde gezogen, ohne eine Menschenseele zu kennen. Und doch kannten uns bald alle Menschen im Dorf – wir waren eine von drei Familien mit fremd klingenden Namen: eine aus Südkorea, eine aus Italien und dann wir – »irgendwo aus Jugoslawien«, hörte ich die Menschen damals sagen. Kosovo war in den frühen 90er-Jahren nicht einmal annähernd ein Begriff für die Menschen in der Schweiz.

Ursula und ich kamen an meiner Vorschule vorbei, und ich erinnerte mich, wie ich fast einen Jungen namens Kai gestoßen hatte, weil er mein Yes-Törtchen aus meinem Rucksack geklaut und es genüsslich in der Pause vor meinen Augen verzehrt hatte. Die Lehrerin hatte mir daraufhin einen Apfel in die Hand gedrückt und gemeint, meine Eltern sollten besser schauen, was ich esse, Süßes sei hier verboten. Nun ja, für Kai anscheinend nicht, dachte ich damals – und schämte mich, dass ich mich nicht mit Worten hatte wehren können. Meine Aussprache verstanden sie nicht.

»Wie geht es dir, Shote?«, riss mich Ursula aus meinen Gedanken. Ich lächelte und sagte, ich hätte eine Überraschung für sie. Als ich ihr meine Hand zeigte, fiel er ihr auf: der Ring. Sie strahlte mich an und blieb stehen.

»Du hast Ja gesagt!«, rief sie aus und nahm mich fest in den Arm. Ursula war die allererste Schweizerin gewesen, die mich in den Arm genommen hatte. Damals war ich fünf oder sechs Jahre alt und meine Mama arbeitete bei ihr als Putzfrau. Ich begleitete Mama, damit ich ihr etwas mit der Sprache helfen konnte. Doch Ursula und ihr Mann hatten einen großen Hund, und ich fürchtete mich vor allen Tieren. Es kam, wie es kommen musste: Eines Tages rannte ich vor Bello weg und sprang in meiner Not auf den gedeckten Esstisch, Bello mir hinterher. Dann wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich Bello aus dem Keller bellen. Ursula und meine Mutter hielten mich beide – und beruhigten einander, dass nichts passiert war. Es war das erste Mal, dass die beiden außerhalb der Arbeit miteinander kommunizierten. Ich mag den Gedanken, dass ihre Freundschaft an diesem Tag begann – dass etwas so Furchtbares wie meine Angst etwas so Gutes hervorbringen konnte. Ursula und ihre Familie wurden unsere Freunde – und sie waren für uns Kinder wie dritte Großeltern. An Weihnachten kamen sie jeweils vorbei und schenkten uns Gesellschaftsspiele. Sie luden uns zu Fußballspielen ein und ich halte heute noch an der Überzeugung fest, dass ich die erste Albanerin war, die das Basler Fußballstadion als Zuschauerin betreten hatte, was natürlich eine Illusion ist. Ursula und ihre Familie waren für mich und meine Familie da, als ich notfallmäßig ins Krankenhaus gefahren werden musste – und auch, als der Krieg im Kosovo ausbrach. Sie standen uns nach dem Krieg bei, als es an allem fehlte – sie schenkten uns alles, was sie entbehren konnten, damit wir es den Menschen in die Heimat bringen konnten. Zehn Jahre später besuchten sie selbst den Kosovo, weil sie unsere Wurzeln kennenlernen wollten.

Dreißig Jahre lang waren sie Teil unserer Familie. Als Ursulas Ehemann starb, konnte ich mit der Trauer nicht umgehen. Ich kapselte mich ab und viele Jahre zogen ins Land. Bis ich hörte, dass Ursula in ein Alterswohnheim gezogen sei.

In diesem Jahr schickte ich ihr eine Weihnachtskarte. Sie antwortete mir mit einem Brief und lud mich ein, sie zu besuchen. Später organisierte sie mit mir die Lesung für die Bewohner und an diesem Nachmittag wollte mein Herz brechen. Denn ich sah zum ersten Mal in der Schweiz so viele Menschen, die sich nach Freiheit und Geborgenheit sehnten. Ich sah bei ihnen das, was ich bei meinem Großvater in seinen letzten Jahren gesehen hatte: Sie waren müde von den Schmerzen ihrer Körper, den Schmerzen ihrer Seele.

Doch nicht Ursula. Zwar konnte sie nicht mehr kochen, was ihre große Leidenschaft war. Doch sie konnte noch immer herzlich lachen, Ratschläge geben und zuhören. Auch nach all diesen Jahren fanden wir Zeit füreinander und genossen die gemeinsamen Spaziergänge.

»Wie schön, liebe Shote. Ich habe den jungen Mann ja noch immer nicht kennengelernt, doch ich habe von deiner Mutter gehört, dass sie sich sehr für euer Glück freut. Insbesondere, da es auch für sie nicht einfach wird, dich gehen zu lassen«, meinte Ursula.

»Sie mimt die Starke, doch ich sehe, wie schwer es ihr fällt«, antwortete ich und spürte, wie sehr es auch mich schmerzte, zu wissen, was meine Entscheidungen für meine Familie bedeuteten.

»Das ist das Leben, Shote. Ich weiß noch, damals, als Josef und ich heirateten. Seine Eltern waren Bauern und hatten einen großen Hof. Ich war ein Stadtmädchen und es war klar, dass ich nicht zu ihnen aufs Land ziehen würde. Für seine Familie war das anmaßend, es war die Pflicht des Sohnes, ein ›Stöckli‹ zu bauen, eine Art ›Auszughaus‹ für die Eltern, wenn der Erbe den Hof übernahm. Doch Josef hielt zu mir und zu seinem Wort. Wir zogen hierhin und fingen an, unser gemeinsames Leben aufzubauen – mit nichts. In unserem Fall war es ein Kompromiss für beide, doch Josef musste die Schande auf sich nehmen, die Eltern verlassen zu haben, was die weitaus größere Bürde war. Und ich spürte manchmal, wie auch ihm das Herz blutete. Doch er hat die Entscheidung nie bereut. Das sagte er mir vor ein paar Jahren. Er habe hier eine neue Heimat gefunden, mit mir. Und hier haben wir unsere Wurzeln geschlagen, unsere Kinder großgezogen und unsere Enkelkinder aufwachsen sehen. Und in diesem Haus haben wir auch euch gefunden, und ihr habt uns seither begleitet. Manche Entscheidungen sind nicht einfach zu fällen. Doch im Leben muss man mutig sein, dieses Risiko und diese Angst sind der Preis für Erfüllung. Und diese Erfüllung habt ihr zwei verdient«, schloss Ursula und blieb vor dem Wohnheim stehen.

»Es gibt ein sehr passendes Sprichwort dazu«, sagte ich:

»Es gibt zwei Arten von Verstecken: Wenn du dich in meinem Herzen versteckst, wird es einfach für mich sein, dich zu finden. Doch versteckst du dich hinter deiner Schutzmauer, so ist es für alle vergebens, dich zu suchen.«

»Und wir sagen dazu: Das Glück gehört den Mutigen«, lachte Ursula und ich stimmte ihr zu.

»Ach, Ursula, nun haben wir nur über mich gesprochen. Dabei wollte ich dich tausend Dinge fragen!«, meinte ich und ließ mich in den Arm nehmen.

»Aber erst in vier Wochen wieder. Rosa und ich reisen nach Südfrankreich für ein paar Tage! Es wurde Zeit für neue Abenteuer – denn am Ende bleibt uns nur das, was hier oben ist«, und sie zeigte mit dem Finger auf ihren Kopf.

»Dein Großvater hatte recht, als er sagte, dass wir irgendwann in unseren Erinnerungen leben werden. Und ich sage dir, es lohnt sich, so viele Erinnerungen wie nur möglich zu sammeln. Vergiss das nicht, liebe Shote«, meinte Ursula und drückte mich zum Abschied.

Ich lief den Weg zum Auto durch den Park und sah auf die Hauptstraße, den Weg, der zu meiner Hauptschule führte, den Weg zum Spielplatz, wo der große Kirschbaum stand. Tausende Erinnerungen überschütteten mich und erinnerten mich daran, wie weit weg alles war. Und wie weit ich all das hier zurücklassen würde.

Ich spürte ein plötzliches Stechen in meinem Unterleib, und mit jedem Atemzug wurde es schlimmer. Ich setzte mich, mir wurde schwindlig vor Schmerz. Ich rief meine Mutter an und bat sie, mich abzuholen und mich ins Krankenhaus zu bringen.

Irgendetwas stimmte mit meinem Baby nicht.

4

Ich lief durch die Straßen und schaute zu den Menschen, die mir entgegenkamen. Hatten sie je ein solches Gefühl empfunden? Mir fuhr der Wind ins Gesicht, und es war, als ob er mich in meinem endlosen Glück küsste. Sahen sie mir an, wie sehr ich weinen wollte? Wie sehr ich jeden Einzelnen von ihnen umarmen wollte? Wie ich nicht wusste, wohin mit der Freude, mit der Erfüllung, die ich empfand, als die Ärztin mir bestätigte, dass ich schwanger war?

Ich dankte Gott mit jedem Schritt, den ich aus der Praxis lief und über den Pflastersteinboden vor der Zürcher Klinik zu fliegen schien. Alles drehte sich, die Welt hatte sich für mich verändert. Und ich wollte nur noch nach Hause, vor Glück weinen und Luan anrufen.

Wir hatten unsere Mitte gefunden. Luan hatte bei einem deutschen Fernsehsender in Köln eine Stelle gefunden und war nun Produktionsmitarbeiter eines Formats. Er ging auf in seiner Rolle und schien so glücklich zu sein. Schnell fand er sich in der neuen Heimat zurecht, baute sich sein eigenes Zuhause auf. Eines, in dem ich auch meinen Platz haben sollte und welches uns eine Zukunft bieten würde, die zwischen der Schweiz und Albanien stattfinden konnte. Im letzten Jahr hatten wir langsam wieder zueinander gefunden und Luan hatte sein Wort gehalten – er hatte mich nicht aufgegeben, hatte selbst die aussichtslosesten Momente hingenommen und alles dafür getan, dass wir uns nicht verlieren. Ich war ergriffen von der Liebe, die er für seine Leidenschaft und auch für mich pflegte, und lernte von ihm, wieder an diese Liebe zu glauben.

Sein Alltag war gefüllt mit Dreharbeiten und Reisen, viel gemeinsame Zeit blieb uns nicht. Doch die wenigen Tage, die wir alle drei, vier Wochen zusammen verbrachten, waren die schönsten, die wir seit dem Beginn unserer Verbindung hatten. Jede Berührung und jeder Moment war so kostbar, dass wir sie in vollem Bewusstsein wahrnehmen und genießen mussten. Denn so wunderschön die Zeit auch war, so grausam schnell verging sie jedes Mal. Und mit jedem Abschied wurde mein Herz schwerer. »Worauf wartest du?«, hatte mich Luan gefragt. »Zieh zu mir. Was hält dich noch in der Schweiz?«

Meine Familie, dachte ich, meine Freundinnen, und alles, was ich mir aufgebaut hatte. Ich wusste nichts über das Leben in Deutschland, und obwohl ich die Sprache kannte, würde mich eine neue Kultur, eine andere Gesellschaft erwarten. Es wäre gelogen, zu behaupten, dass dieser Schritt mir keine Angst machte. Denn ich fürchtete mich davor, demselben Schicksal entgegenzusehen wie Luan damals in der Schweiz: keinen Anschluss zu finden, die Distanz zwischen meiner Familie, meinen Freundinnen und mir. Dass wir einander verlieren würden.

»Ich ziehe zu dir, wenn wir unsere eigene Familie gründen«, versprach ich und lächelte. Wir lagen nebeneinander und Luan schaute mich an mit seinen Augen voller Hoffnung.

»Daran können wir arbeiten«, antwortete er und zog mich an sich.

Ich hatte mir eintausend Szenarien ausgedacht, wie ich Luan von unserer Schwangerschaft erzählen würde. Dass ich Babysocken verpacke und ihm nach dem Abendessen als Geschenk gebe, dass ich den Test in eine Schachtel lege oder ihm einen Umschlag überreiche, in dem das Ultraschallbild drin ist. Doch als es so weit war, konnte ich nicht warten. Kaum zu Hause angekommen, schrieb ich ihm, ob er mich kurz anrufen könnte. Ich machte die Kamera an und weinte. Luan war außer sich vor Sorge, fragte, was los sei – und ich brachte kein Wort heraus. Ich zeigte mit der Kamera auf meinen Bauch und legte die Hand darauf. Dann fragte ich ihn: »Bist du bereit, uns in Köln aufzunehmen?«, und Luan brach in Tränen aus.

Das war vor zehn Wochen. Vielleicht waren wir selbst schuld, vielleicht hatten unsere Freude und das Mitteilen der schönsten Nachricht meines Lebens alles zerstört. Vielleicht war es mein Alter. Vielleicht der Stress. Vielleicht mein Zögern, mit dem ich mich dem Thema genähert hatte. Vielleicht hätte ich nicht so lange warten sollen. Vielleicht hätte ich vorsichtiger sein müssen. Vielleicht hätte ich mehr an das böse Auge glauben sollen, nicht dieses so unendlich wertvolle Geschenk verfrüht teilen dürfen. Vielleicht hatte ich meinen Körper nicht genug geschont, vielleicht lag es an mir, vielleicht war ich nicht fähig, mein eigenes Kind zu nähren und zu beschützen. Vielleicht hatte ich etwas Falsches gegessen, vielleicht hätte ich Nein sagen sollen zu all den Arbeiten, vielleicht hätte ich mehr runterfahren müssen, vielleicht hätte ich dankbarer sein sollen, bodenständiger, vielleicht hätte ich mehr beten sollen, vielleicht wäre unser Baby dann noch am Leben. Die Ärztin hatte keine Antwort.

»Jede fünfte Frau erleidet eine Fehlgeburt, Frau Hoti. Beim nächsten Mal klappt es bestimmt«, sagte sie. Den Rest der Statistik hörte ich nicht mehr. Ich bin mir sicher, die Ärztin und die Pflegerinnen, die sich so herzerwärmend um mich kümmerten, meinten es alle gut. Doch ich spürte ihre Worte nicht. Die Schmerzen wurden mit jeder Minute der Nachsorge schlimmer. Ich zog mich an und fiel in die Arme meiner Mutter, die stark wie ein Fels dastand.

»Shnosh, Shote«, sagte sie. Hauptsache, wir seien gesund, wir würden es wieder versuchen. Es sei dieses Mal nicht Kismet gewesen.

Ich schloss die Augen und wollte sie nie wieder öffnen.

In jenen Zeiten, in denen wir in der Vergangenheit unseren größten Verlusten entgegensehen mussten, in jenem Moment, in denen uns das Schicksal ereilte, einen geliebten Menschen zu verlieren, gab es keine Fragen. Niemand bot uns Hilfe an. Niemand fragte, ob wir Unterstützung brauchten. Die Familie kam, und sie blieb. Es brauchte kein Bitten um ihren Beistand. Sie war einfach da.

Es war jedes Mal wie in einer anderen Welt. Während ich in der Schweiz gelernt hatte, die Grenzen von Menschen zu achten, ihnen Freiraum zu lassen und eine klare Bitte zu vernehmen, um für jemanden da zu sein, war es hier in diesem Kreis ein natürlicher Vorgang.