Storch und Amsel - Ingram Hartinger - E-Book

Storch und Amsel E-Book

Ingram Hartinger

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Beschreibung

Für den Schreiber, Denker und Dichter Giacomo Leopardi sind Vögel "die fröhlichsten Geschöpfe auf der Welt" – von den volatilen Wesen bezaubert ist auch unser Autor. So rät er einer möglichen Leserin dieser Schrift, im Freien oder zumindest bei geöffnetem Fenster zu lesen. Möge es ihr gelingen, sich durch bloßes Gezwitscher in den einen oder anderen Vogel zu versetzen, ihn, der beides kann – fliegen und singen. Die Methode ist denkbar einfach: Hie die jeweils taxonomisch vorgeführte Spezies und da der Autor. Ob flugtauglich oder nicht, einerlei, sie treten auf, schlüpfen in eine Rolle und sprechen. In Form von Prosavignetten gelangen wir ins Innere einer Zwiesprache. Der Autor, der als Mensch einer viel zu aufgeblasenen Spezies angehört, tritt in diesem Buch verblüffend zurück. Es gibt viele Gründe, warum Vögel zu uns sprechen – sie tun das im Übrigen manchmal so lange, bis uns das Grinsen vergeht. Wenn wir nicht in uns gehen und bei den Vögeln sind, werden wir nie erfahren, welche Botschaft sie singen. Indes, der Vogel bleibt, so wie der Mensch, ein Mirakel. Gegenstand der Neugierde bleibt der Vogelflug für uns allemal. Nur selten fliegen sie im Kreis. Wir, die wir laufend im Kreis gehen, wissen nicht, was kommt und ob wir uns nicht doch auf die Auflösung der Zeit zubewegen. Am Vogelgezwitscher erkennen wir die vielen unterschiedlichen Bedeutungen unserer gegenwärtigen Fragen.

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Seitenzahl: 125

Veröffentlichungsjahr: 2019

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INGRAM HARTINGER

Storch und Amsel

Mit Originalzeichnungenvon Josef Enz

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12

Tel. + 43(0)463 37036, Fax. + 43(0)463 37036-90

[email protected]

www.wieser-verlag.com

Copyright © dieser Ausgabe 2019 bei Wieser Verlag GmbH,

Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerhard Maierhofer

Umschlag: Originalzeichnung von Josef Enz

ISBN 978-3-99029-361-4

eISBN 978-3-99047-106-7

Etwas ans Licht tritt, sei es ein Menschoder sei’s von der wildenTiere Geschlecht, sei’s Vogel, sei’s Pflanze …Empedokles

O Nachtigall, das ist kein wacher Sang,Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.Annette von Droste-Hülshoff

… Schwalben auf der Sense.André du Bouchet

Verzeichnis

Wider die Beschwichtigung

Von ganzen Horizonten

Der Traum des Flügellosen

Wieder hier

Lerchenschlag und Fichtensprossen

Mit Tao über den Fluss

Und ein Mundvoll Himmel

In der Bresche der Luft

Für die hier Eintreffenden

Dodo (Raphus cucullatus, Linnaeus 1758)

Haubentaucher

Stieglitz

Lyrisch dem Pathos gleich

Alle Menschen haben denselben Geist

Andenkondor (Vultur gryphus, Linnaeus)

Zwischen Trauer und Vertiefung

Spatz – und man muss weitermachen

Weißrückenspecht (Dendrocopos leucotos, Bechstein 1802)

Der Mauersegler am Nordturm

Taube das ganze Leben

Flaum von Ast zu Ast

Sich losreißen von Berg und Luft

Licht im schwarzen Teil des Raums

Nicht nur der Quetzal

Como un pájaro libre

Beim Flöten des Pirols

Pinguins Huldigung

Phylloscopus collybita (Vieillot 1817) oder Zilpzalp

Der Luft eingepflanzt

Wo Materie zu Schwingung wird

Im Wolkenkuckucksheim

Selbst das gefiederte Elternhaus

Phylloscopus trochilus (L.) oder Fitis

Etwas zu Findendes

Kauz aus ganzem Herzen

Weibchen im Anflug

Die nackte Zeit des Vogels

Küsse und Flügelschlag

Nebelkrähe (Corvus cornix, L.)

Schwarze Wimpern

Traktat über die vorzeitige Seele

Kakadu Tiffany

Kein Vorwurf an das Brachhuhn

Die Vogelwolke

Das Mögliche, All und Nichts

Zwischen Geist und Materie

Passer domesticus (L.)

Frühmorgens

Du hast ja einen Vogel

Sein gefärbter Bürzel

Abgehalftert vom Zwitschern

Untrüglich der Unkenruf

Irreguläres Fragment

Die Feder der geistigen Mutter

Der Gartenrotschwanz

Buch ohne Worte

Ende der Ornithologischen Gesellschaft

Das Auffliegen der Ohreule

Blaukehlchen

Ein Vogel ist lebendige Schönheit

Wiedehopf, bist du’s?

Der Ziegenmelker

Carl von Linné

Calidris alpina (L.)

Miss Sparrow …

… Miss Sparrow

Kaiserpinguin

Verborgene Zwerggänse

Kein Eisvogel in der Kalahari

Es war still wie im Garten Eden

Schnarrende Samtkopfgrasmücke

Pica pica (L.)

Halsbandschnäpper

Goldregenpfeifer

Vater des Gedankens

Grünling und Dohle

Gallinago (Brisson)

Schwalben und Stille

Isabellsteinschmätzer

Die Welt bleibt

Wiesenknarrer

Kiebitz aus nächster Nähe

Außermenschlich

Etwas fliegt uns davon

Burum Guru

Augenbrauenweber

Rhinopomastus cyanomelas (Vieillot 1819)

Das neue Leben des Spechts

Ibis schreitet stolz einher

Als Student in Cornwall

Aufzehrender Flug

Bachstelze (Motacilla alba, L.)

Der Unlustverkehr des Mönchsgeiers

Pieter Boddaert

Juni

Zaunkönigs fragliche Pause

Dompfaff und wirbelloses Wort

Dem Freunde zugetan

Schatten des Kondensstreifens

Um uns klarzumachen

Mathurin-Jacques Brisson

Rabe des Nichts

Kraniche in blauer Bucht

Auch ihn werfen Wogen hin und her

Pfeifender Falke

Nichts hinzuzufügen

Weil solche Wesen da sind

Weißbauchtölpel (Sula leucogaster, Boddaert 1783)

Schleiereule

Storch und Amsel

Was verbirgt sich hinter dem Tag

Im Weltganzen ausholen

Ein gewisser Fadenpipra

Sehnsucht Vogelperspektive

Fragebogen Vogelwelt

Auf morschem Ahornveteran

Verlier den Atem nicht

Sitta europaea

Eichelhähers Erbe

Alles rundherum

Kasuar-Laufvogel

Und knallt das Fenster zu

Wintergoldhähnchen

Jeder Anfang ein Abenteuer

Garuda

Das hungrige Huhn

Spatzenhirn

Mönchsgrasmücke im Großzeitengang

Gartengrasmücke (Sylvia borin, Boddaert)

Herbstmorgennebel

Martina Heidelerche

Wie wildes gesundes Vogelblut

Ach Wanderalbatros

Was ist noch Welt?

Wider die Beschwichtigung

Like a bird on the wireLike a drunk in a midnight choirI have tried in my way to be free

Leonard Cohen

Die auf dieser Erde lebenden Vögel mögen es dem Verfasser, der als der Sterbliche selbst immer noch Grünschnabel im Leben und ein unverhohlener Pechvogel im Glück ist, verzeihen, dass sie ihm für dieses Buch vielfach als anthropomorphe Wesen dienen, sagen wir herhalten mussten, wenngleich er keine Sekunde auf sie vergaß – immer flatterten oder flitzten sie auf paralleler Bahn liebevoll in seinem Kopf herum. Pechvogel – gibt es den überhaupt?

Er, der beschämt und entbrannt zugleich sowohl der Schönheit als auch dem schöpferischen Einfluss der Vogelwelt verpflichtet ist, ließ sich auf das Doppelbild jener fragil erscheinenden Lebewesen ein, zum Zwecke einer zweifellos überspitzten oder artifiziellen Übung. Ja, es ist der leibhaftige Vogel, welcher in der heiligen Unendlichkeit fliegt – dort, wo Evolution gewissermaßen weitergeht. Jedes Mal lebendiger, noch tiefer, noch höher. Und es ist der Geist, der fliegt.

Und es gilt: Welt begann ohne die Menschen, die Vögel waren zuerst, das Drama des Menschen und ein neuer Ton kamen viel später. Vogel und Geist navigieren seither in der Luft, und es ist der bekannte Vogelfaktor, der uns vor der Verfinsterung durch Wissenschaft rettet. Als würden sie mit Benjamin subtil uns erklären: »Wir haben nichts zu sagen – nur zu zeigen.« Geist und Vogel erzählen, um vage sichtbar zu werden, um die Zunge von ihrer steinigen Last zu befreien. »Wir sind mit der Seele und ihren Phänomenen vertraut wie der Vogel mit der Luft, in der er schwebt. Deutlichkeit ist oberflächlich und bloß formal«, so Thoreau. Der Mensch hat sein Einhausen nie richtig zustande gebracht.

Vögel hingegen machen in ihrem Freiheitsdrang keine halbe Sache, sie sind Wesen sowohl mit als auch ohne Anhaltspunkt. Sie verweigerten sogar dem toleranten Pythagoras, entlang den vor lauter Mathematik irisierenden Seiten seines berühmten Dreiecks zu fliegen. Was machten sie stattdessen? Alert flogen sie über alles Konstruierte hinweg und ließen Pythagoras allein zurück mit seinem flüchtigen Leben auf dem Feld und auf Samos – schrieben eine Geschichte, mit der sie auf nichts hinauswollten, außer auf vogelhafte Sehnsucht nach luftiger Rebellion am zerzausten Rand des Seins.

Andererseits, Sehnsucht macht Mensch und Ding unwirklich. Das Ersehnte als das Andere ist wie eine Vogelfeder, gelandet auf der Erde. Was ist für diese Feder erreicht? Alles zwitschert in einer Tour oder redet dazwischen. Das ist vielleicht wirklich, woher die Sprache gekommen sein mag. Und was will das Vogelherz des Sterblichen ihm sagen? Dass man Träume nicht fangen kann. Was für ein Rätsel ist dieses Da vom Sein. Und wie sich das Menschlein herausdrehen möchte aus dem Ganz des Übrigen – als zünde es sich selber ein Licht an mitten in der Nacht. Eines Tages weckte den fest Verwurzelten das fahrige Gezwitscher der Vögel. Es gibt keine Sicherheit, schon gar nicht die eines unendlichen Flugs oder eine im Flug.

Man hat sich den letzten Schlüssen zu verweigern. Der Paradiesvogel muss, als Folge seines farbenfrohen flatterhaften Putzes, ständig gegen den Wind fliegen, damit seine langen, dicht an den Leib gepressten Federn seine Bewegungen nicht behindern. Das Herbeirufen, Herbeizitieren der Vögel, die im Flug und als Schatten selbst ein wenig Dreiecken gleichen, als Mittel oder Möglichkeit zu einer umschriebenen philosophischen Störaktion – Umkehrungen, Purzelbäume oder Paradoxien erfindend –, zerfleddert das Denken aus Stein und Beton, nicht aber die Heiterkeit der Luft.

Das und nichts Geringeres ist es, was dem Verfasser, dem von seiner Fluguntauglichkeit überzeugten Non-Sapiens, in dieser heutigen Denk- und Geisteskrise vorschwebt. Spürt er einen Hauch von blöd machendem Dualismus, dann ist das nichts für ihn – wie tief steckt er doch selbst noch darin. Alte Steine und Vögel sind seine Leidenschaft. Mit Monolithen fühlt er sich verwandt. Wenn ein einziger Vogel fliegt, ist Boden unter den Füßen.

Von ganzen Horizonten

Ein neuer Tag. Zwei alte aufgedonnerte Vogelscheuchen begegnen einander auf einem Flugplatz. Keine von beiden kann sagen, ob man sich etwas einbilden soll, indem man neidisch von frisch-fröhlichen und frechen Vögeln spricht. Die Vogelscheuchen reden vor sich hin, ohne zu wissen, was sie da von sich geben. Typisch daher der Neid, können sie doch keine Höhen durchqueren.

Eine chinesische Kliffschwalbe segelt unterdessen wie im Märchen unverblümt in den vorhandenen Flugraum. Eine der Scheuchen packt plötzlich aus Reue der politische Wahnsinn, indem sie besagten Raum samt schlitzäugigem Vogel weit von sich schleudert. Das Ergebnis landet im Überall – auch im Buch.

Redet die bewusste Seele jetzt mit sich selbst oder nicht? Würden die Scheuchen fliegen lernen wollen, schaute die Geschichte ganz anders aus. Mehr und mehr werden Vogelscheuchen in der Folge von Albträumen geschluckt, bis an diesem Ende die Vögel ganz frei sind und sich freuen.

Der Traum des Flügellosen

Freundlicher Wind, der von Osten kommt. Wolken türmen sich auf, wollen ein Wort formen – gar ein geflügeltes? Worte wie Wasser, das dann als überschwemmende Menge bedenklich aus dem Feld emporsteigt und denjenigen ohne Flügel ängstigt. Geheimnisvoller Buchstabe, klingend im Laut. Das ist wenig und viel zugleich.

Tags davor ein nestelndes Rascheln im Laubwerk und ein tropischer Triumph, der das flatternde Traumwesen umgibt, neu kombinierend all das magisch Wahrgenommene. Das misstönige Krächzen der Dohlen, die verstohlen an ihm vorbeiflogen. Der Sterbliche heute dunkel, trüb, unergründlich.

Sonderbar, er fühlt sich noch immer jung und hat immer mehr Beine wie ein Vogel. Er träumt vom Wort Vogel und bleibt dennoch in sich. Traum – was für ein Luxus im Denken. Flügge werden, das vielleicht. Dies ist mit wenigen Worten die Geschichte seines Lebens.

Wieder hier

Spärlich ein Epilog, ein verflochtenes Echo. Stößt da jemand eine Klage aus? Es war ein sommerheller Sonntag, und er lag im Liegestuhl, schattengeschützt auf der Terrasse. Sie war nicht mehr da. Abermals würde eine Trauerwelle auf ihn zukommen und ihn begraben. Wie den Kopf befreien von all den Abgründen und Unsinnigkeiten?

Plötzlich segelte eine Schwalbe vor seinen Augen hin und her, knapp über dem Feld, und blieb eine ganze Weile dort. War sie also doch zurückgekehrt? Alles, was ihr Leben war, sah wie diese Schwalbe aus. Auf der Föhre hockte indessen ein unwirscher Rabe und in der Nähe das Nest samt verlassenen Jungen.

Später würde er gesagt haben, dies sei nichts anderes als uralte Erinnerung an sie, die nun für immer fort. Die Kugel seines Gedenkens schlägt eine unregelmäßige Bahn ein, weicht seitlich ab. Dann öffnet sich die Tür des Seins. Und eine Meise meldet sich kaum hörbar von der Pappel.

Lerchenschlag und Fichtensprossen

Nichts geschieht? Oder ist alles schon vorbei? Seelenruhig verbannt zu leben – zwischen Orangenspalten und sonnigen Felsen, quasi im Neuen. Wie nach Belieben wohlauf sein? Wer ist er, dass er etwas tun kann? Das Selbsterlebt-Haben darf wohl bei allem Hören und Schauen nicht fehlen. Und sein Gedächtnis ist nicht seine Fantasie. Würde er schließlich auf Vogelfedern zu den fernen Planeten fliegen, mit Olivenblättern und Palmenblüten?

Gegenwärtig schwankt er glaubenslos in größter Verdunklung. Mitten in der Ansammlung schierer Empfindsamkeit kommt ein Vogel geflogen. Setzt sich nieder auf seinen Fuß. Hat einen Zettel im Schnabel. Und von der Welt einen angestrengten Gruß: »Niemand muss hierbleiben.« Auch die Vögel schreiben die blutige Geschichte. Unsere Tage zittern wie die Blätter toter Bäume. Wann würden die Klassen aufhören? Aber die Zukunft immer noch offen durch ein Paar Augen.

Mit Tao über den Fluss

Schonungslos die Frage – weiß der Vogel im Käfig, dass er nicht fliegen kann? Jeder Vogel muss sich selbst aus dem Gefängnis befreien, das Alltagsgeschäft und Politik bilden. Aber es gibt nur wenige Menschen, die ihren eigenen Tod sterben.

Ein Vogel mit dem seltsamen Namen Tao überquert in einem leeren Boot den Fluss des Lebens. Niemand redet ihm drein, niemand bekämpft ihn, es läuft wie gewollt. Als Schlawiner ist er ein Sprachtalent, das einmal gern mit etwas Großem zusammenstoßen möchte.

Im Aus des Wassers schwimmen das Werkzeug, das Selbst und ein archaisches Miserere. Tao – oder eine andere Sprache. Tao – oder Vogelpfiff. Härte der Ungewissheit. So geht es durch ein schmerzvolles Land. Bis bald. Stille. Wellen.

Und ein Mundvoll Himmel

Die Gewitter ziehen ab, im Fluss das Wasser schon gefallen. Zuvor: Furchtbar der erste Regenschwall zur höchsten Stufe getürmt, Himmelskraft schlug den Raum fast in Trümmer. Die Gegend – finster, schwer und bitter – ins Dunkel getaucht, der Sage. Der scheue Vogel in die Bergwälder geflüchtet, Plätze unter kalkhellen Gipfeln; dort keine Spur von Menschen; deren ungültige Gebete. Und wie ist es jetzt? Zaghaft flattern sie wieder herbei, bevölkern die Birke und den Elsenbaum. Wie eine Befreiung vom Ortszwang und Behauptungswillen. Ein alter Schopf, der einzelne zurückkehrende Vogel – stets dem Offenen zu, Geisteswendungen verknüpfend, ein Spiel mit dem Spiel. Über tausend Berge der Vögel Flug. Die ehemalige Inbrunst wirkt bis heute. Luft hereinlassen, müde machende eisenharte Sager und Philosopheme vertreiben. Nichts davon muss ersetzt werden.

In der Bresche der Luft

Nun durchschreitet er zitternde Felder. Denn er kann nicht mehr aufhören mit der Natur. Welches Tier wünscht er sich am meisten? Wählt er Vogel oder das Rindvieh? Solches, das spreizt oder springt, rennt oder tanzt? Der stolze Blick des Tigers interessiert ihn nicht. Er weiß, die Ameise, wenngleich im Staat, ist das einsamste Geschöpf. Schafe blöken vom bitteren Leid des immer wiederkehrenden Verlusts ihres Kleids und der prospektiven Schlachtung. Was ist die Lösung? In Gestalt eines Vogels auf dem Wipfel der Libanonzeder sitzen? Das Abendlicht für jene, die noch leben.

Auf dem Tisch das Glas Whiskey, der sein Leben bis zu einem letzten Wort berauscht. Als solle das Leben mit dem Tod einen Tauschhandel eingehen. Im Fenster steht die Dämmerung – ein gleichmütiger Kosmos. Der Abendgesang der Vögel wurde von Röte überronnen. Er erwählt den Vogel, den Schattenvogel. Ein trüber Abgesang, der mit seiner ungehobelten Deutlichkeit von einem nicht ausgereiften Glück spricht. Er wählt den Vogel, der durch und durch mit Wonne spricht. Und der Tod mischt sich unversehens ins Freuen.

Für die hier Eintreffenden

»Es geht nichts über die Luft zwischen Himmel und Erde« – so das Aufsatzthema in der dritten Klasse Unterstufe der Schule für frühgeborene Wellensittiche.

Schwalben schleifen das Firmament so lange zurecht, bis es in die Gedankenlücke eines Irdischen passt. Ihr unentwegtes Schrillen lässt dabei die Luft leicht erzittern.

Lerchen schrauben sich entlang einer Vertikalen in eine moralische Höhe – fast. Der überdrüssige Irdische weigert sich, im Jahrbuch der Vogelschauer nachzulesen.

Lachtauben, die keinem auf die Nerven gehen, sollten auch den Nobelpreis für Literatur bekommen können. Als habe das Leben Sinn, trägt nämlich jede einzelne von ihnen dazu bei, diesen herauszufinden.

Eine Schnepfe des Lebens spielt sich auf und behauptet, dies und jenes habe sie abgelenkt und gerettet. Auf der anderen Seite des Schweigens wartet das Alpenschneehuhn.

Das Bad des Vogels in der Pfütze lässt an keinen Schiffbrüchigen denken. In einer bloß matten Geschichte der Singvögel liegt der ganze Hund begraben.

Der Krach der versprengten, linkisch hüpfenden und sich selbst haxelnden Elster in der kupfernen Dachrinne führt zu keinem Lob der Dezentrierung durch exzessive Fadheit.

Im Feldstecher – dort oben horstet ein Falkenpaar. Das Schnarren und Kreischen der Eichelhäher macht ihn betroffen. Der Irdische, Feldstecher weglegend, sieht gleichzeitig, wie eine Amsel eine Feuerwanze tödlich auf der Terrasse attackiert. Fatal.

Dodo (Raphus cucullatus, Linnaeus 1758)

Er flog nicht, weil flügellos, und sang nicht. Mit seiner Kapuze war er’s zufrieden, die zog er sich – nichtscheues, gutgläubiges Ding, das er als nachtaktives Wesen war – über bei Tag. Und er musste sterben, als die Ratten kamen, die Affen und Schweine. Dodo, die Dronte – ohne Gegenwehr ein Opfer des brutalen Imperialismus.