STÖRFÄLLE - Gudrun Gülden - E-Book

STÖRFÄLLE E-Book

Gudrun Gülden

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Beschreibung

"Macht kaputt, was euch kaputt macht!" Gar nicht so einfach, wenn man siebzehn Jahre alt ist und am Arsch der Welt wohnt. Aber Dine gibt nicht auf und trampt ins Wendland, wo Atomkraftgegner ihre eigene Republik gründen. Weltfrieden und die große Liebe, darunter geht nichts. Deutschland in den 80er Jahren. Da war was los. Ein spritziger und origineller Roman über die Anfänge der Antiatomkraftbewegung, gewürzt mit einer Prise Liebe.

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Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gudrun Gülden

STÖRFÄLLE

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Ich liebe Sie (Großbeken, Januar 1979)

Mathe 6

Andi

Lauwarme Kohlen

15-Minuten-Heimat

Pipi

Sex

Wo ist die Unterhose?

Üble Nachrede

Hippies

Und ich weiß, wir werden die Sonne sehen

Eine Mauer ist eine Mauer

Was tun?

Kackwurst (Kleinbeken, 1967)

Aalhoden (Kleinbeken, Februar 1979)

Stalin kifft nicht

Mopsi mit Brüsten

Volljährig am Arsch

Mama (Kleinbeken, 1968)

Andi war kein Besenstiel (Kleinbeken, April 1979)

Laus auf Lissis Haar

Kernschmelze

Eine hübsche Brünette

Pfadfinder (Kleinbeken, 1967)

Das Team (Großbeken, 1979)

Der Stand

Die Aktion

Abgang

Kathrin

Lesen oder nicht Lesen (Kleinbeken, 1969)

Keili oder Chrissi (Normandie, Juni 1979)

Der erste Calvados

Strand

Barthe

Deutsche Invasion

Die Liebe

Auch keinen Fisch

Allons enfants de la Patrie

Gisela

Resopal & Kunststoff

Mopsi

Verstrahlt

Vault

Only love can break your heart

Asozial (Kleinbeken, 1969)

Kaputt (Kleinbeken, 1979, nach dem Rockpalast)

Der Einschlag

Wenn die Nacht am tiefsten

Drei Mal „Erstes Mal“ (Kleinbeken, 1978)

Klamm (Kleinbeken/Garmisch-Partenkirchen, Herbst 1979)

Vergeben

Wuthering Heights

„Jedz mah gans langsm“

Dr. Bronster

Der Deal

Rotbäckchen

Raucherhustenschleim

Spitzmaus verjagt Lehrer

Das Plakat

Vize im Brandlöscher

Silvester in Hamburg

Wenn das deine Mutter wüsste

Brüder

Kuba ist sauer

Minenfelder

Hotter than a two dollar Pistol

Lissisuppe

Heut' scheiß ich auf den Schinderstaat

Na toll

Jana

Das Wendland Lied

Sag bitte Pawel zu mir

Knallkopf

Glücklich

Affe am Bullen

Alte Lücken neu

Kuba forever

School's out forever

Gen Norden

Impressum neobooks

Ich liebe Sie (Großbeken, Januar 1979)

„Ich liebe Sie.“

„Oh“, sagte er.

Schweigen. Ich schaute ihn an.

„Wieso?“, fragte er.

Und schon war ich aus dem Konzept, da ich diese Frage nicht beantworten konnte. Ich war zu verliebt in ihn, um an der Sinnhaftigkeit seiner Frage zu zweifeln.

„Keine Ahnung“, meinte ich.

„Das kann nicht sein.“

„Ist aber so.“

„Ich bin dein Lehrer.“

„Ich weiß.“

„Ich darf keine Beziehung zu einer Schülerin haben.“

„Schon klar.“

Wir gingen unserer Wege.

Die Schule war ein unangenehmer Ort. Unangenehm, weil sie von intoleranten Frühaufstehern, geistesabwesenden Schülerinnen und unbeholfenen Lehrern bevölkert war. In Französisch und Mathe unterrichteten mich zerstreute Spätrentner, ein tschechoslowakischer Aussiedler mit rustikalen Sprachkenntnissen übernahm den Deutschunterricht,

inoffizielle Sadisten traktierten mich in Englisch und Sport. Ganz ohne Staatsexamen und bar jeglicher didaktischer Basis, aber auch nicht schlechter als die anderen, lehrten Mitarbeiter des ortsansässigen Schwefelsäurewerkes Chemie und Physik. Dieser Schauplatz pädagogischen Brachlands und menschlicher Abgründe hat mich in vieler Hinsicht auf das Leben vorbereitet.

Mein Kunstlehrer war gut. Meinen Geschichtslehrer liebte ich.

Zum Beginn meines vorletzten Schuljahres auf dem Gymnasium begann er als neuer Referendar für Geschichte. Es war ihm vor Dienstantritt sicherlich nicht klar gewesen, was es bedeutete, an einem Mädchengymnasium zu unterrichten. Er war mit seinen siebenundzwanzig Jahren der jüngste Lehrer an unserer Schule. Das wäre er auch mit neunundvierzig Jahren gewesen. Er brachte uns bei, was im Falle eines Atomunfalls in der Nähe zu tun sei, ein Thema, das sicherlich nicht zu seinem Lehrplan gehörte. Ich war beeindruckt. Der Übergang in den unübersichtlichen Zustand des Verliebtseins fand in den fünf Minuten statt, in denen er zur Veranschaulichung der Organisation des Reichstages des Heiligen Römischen Reiches Strichmännchen auf die Tafel malte. Hätte ich ihm das auf seine Frage antworten sollen?

Ich setzte mich in die erste Reihe, neben Eva Maul, eine spitznäsige Streberin. Der Platz neben Eva war immer frei. Mit seinem schwermütigen Blick schaute Peter mich öfter an als Eva, aber darauf gab ich nichts. Ich wollte seine Aufmerksamkeit durch Leistung auf mich lenken, wusste jeden Schlachtverlauf des 'Siebenjährigen Krieges' wiederzugeben und war auf Detailfragen zum 'Wiener Kongress' vorbereitet. Ich meldete mich andauernd, was zum Ergebnis hatte, dass er mich nie dran nahm. Ich ließ meine Tasche liegen, in der ein passables Foto von mir strategisch gut platziert lag. Er gab sie Eva, die meine Sachen durchwühlte und das Foto klaute. Bei einer Exkursion zum ehemaligen KZ-Außenlager Buchenwald in Witten-Annen dackelte ich die ganze Zeit neben ihm her. Ich sagte ihm, wie toll ich es fände, dass er uns diesen Teil der deutschen Geschichte näher brachte und sonst noch jede Menge blah, blah. Er brummte so was wie 'hmh' und starrte ständig woanders hin.

Ich bin nicht so der extrovertierte Typ. Niemals würde ich mit einem anderen Mädchen über meine Gefühle reden oder überhaupt mit jemanden. Wenn ich sie schon sehe, diese tuschelnden und kichernden Mädchen, was für eine gigantische Verschwendung von Lebenszeit, was für ein Akt der Entblößung und Entzauberung, mit jemand anderem über seine Liebe zu reden. So musste ich also alleine darauf kommen, wie diese sehr einseitige Zuneigung zu einer erfüllten Liebesbeziehung werden konnte. Ich entschied mich für die Flucht nach vorne.

Ich bat Peter um einen Termin. Referat, äh, Thema unklar und so. Da er keinen eigenen Raum hatte, gingen wir nach Schulschluss in das Lehrerzimmer. Er hatte eine enge Jeans und ein rostfarbenes Sakko an, das leider spacko aussah. Glatte braune Haare bis zum Kinn. Nickelbrille.

War klar, dass meine Offenbarung alles komplizierte. Gar nichts zu unternehmen wäre eine denkbar gute Alternative gewesen.

Ich musste ihn abhaken. Vergessen. Zu Geschichte atomisieren.

Meinem Herzen waren seine Worte egal. Meinem Herzen war nicht beizukommen, trotz der sicheren Prognose, als staubige Stinkmorchel zu verkrumpeln. Er oder keiner, sagte es. Ich setzte mich wieder in die letzte Reihe und liebte ihn von dort aus.

Mathe 6

Nach der Mathestunde gingen wir in die Raucherecke. Dort hingen die blassen Jungs aus der Obersekunda ab. Neben unserem Mädchengymnasium war ein Jungsgymnasium. Die Turnhalle teilten wir uns und auch die vor der Turnhalle positionierte Raucherzone. Wir stellten uns etwas abseits hin, damit die Typen nichts zum Glotzen hatten.

Ich kramte den Van Nelle aus meinem peruanischen Umhängebeutel und drehte mir eine, Eveline zündete sich eine Markenfilterzigarette an, voll mit süchtig- und krankmachenden Zusatzstoffen, Parfum und so, Lissi trank einen heißen Kakao aus einem Plastikbecher und Kathrin aß ein Pausenbrot.

Es war eiskalt und wir froren uns den Arsch ab. Der kälteste Winter seit 1949 hatte das Ruhrgebiet schockgefroren. Die Straßen wurden von meterhohem Schnee gesäumt, wir bibberten im Eisregen und bei grausigen Temperaturen.

„So ein Scheiß aber auch“, sagte Lissi. „Keinen Punkt! Scheiße, wie schmeckt denn der Kakao? Wegen dem Armloch bleibe ich noch sitzen.“

Ende der siebziger Jahre führte das Kultusministerium in Nordrhein-Westfalen, oder wer auch immer, eine Feldstudie namens Oberstufenreform durch. Obwohl wir ein altphilologisches Gymnasium besuchten, konnte man Laufächer wie Kunst oder Pädagogik als Leistungskurs wählen. Trotz der laschen Vorgaben hatte meine Freundin Lissi überall sauschlechte Noten. Jedes Mal, wenn mein Vater auf Lissis schulische Leistungen zu sprechen kam, brummelte er was von „Pudding-Abitur“, was auch immer das heißen sollte.

„Denk dran, dass wir nächsten Samstag auf das Scherbenkonzert fahren“, sagte Lissi in meine Richtung.

„Könnten Kathrin und ich vielleicht auch mit auf das Scherbenkonzert“, fragte Eveline so verkrampft, als ginge es hier um Geschlechtskrankheiten oder die Erbsünde.

„Wenn ihr noch Karten bekommt“, sagte Lissi. „Ich hab von Lukas nur zwei, für Dine und mich.“

„Wo gibt es die denn?“, fragte Eveline.

„Tut mir leid“, sagte Lissi und schaute zu mir und verdrehte kaum wahrnehmbar ihre Augen. „Ich habe keine Ahnung. Wenn ihr Karten bekommt, könnt ihr gerne mitkommen, Lukas‘ Auto ist groß genug. Das Konzert ist übrigens in Berlin. Mal sehen, ob das Wetter mitspielt.“

Eveline schaute auf ihre Schuhe. Moonboots mit Fransen.

„Ich kann uns Karten besorgen“, sagte Kathrin. Sie war seit einem Jahr mit meinem Großcousin Paul zusammen, der an alle Konzertkarten der Welt kam. „Schöner Mantel, Lissi.“

„Danke“, sagte Lissi. Sie trug einen dunkelroten Samtmantel, mit breitem Kragen. Der Mantel und sie darin sahen toll aus, aber man hätte Lissi auch einen Kohlensack umhängen können und sie wäre immer noch das hübscheste Mädchen der Schule gewesen. Außerdem schaffte sie es, Hippie-Klamotten zu finden, die sauteuer waren, aber nicht teuer aussahen, sondern total hippiemäßig. Man wollte genau solche Klamotten auch haben, aber das ging dann nicht mehr, denn Lissi erschlug Leute, die ihr was nachkauften. Aber man durfte auch nichts kaufen, was ganz anders aussah. Es musste also das Gleiche sein, aber doch etwas anders. Ich hatte keinen Ehrgeiz für Klamotten. Ich kaufte meinen Kram in Gelsenkirchen-Buer beim Indie-Egon, der ein übersichtliches Sortiment hatte. Schuhe kaufte ich im Sportgeschäft im Großbekener Zentrum. Ich zog nur Turnschuhe an.

„Ej, ich kann mit dir lernen“, sagte ich. „Ich kann's dir nur anbieten.“

„Das haben unsere Mütter auch schon beschlossen. Du sollst mir Nachhilfe geben“, sagte Lissi.

„Was geht die das denn an? Wann war das denn?“, fragte ich.

„Beim letzten Kaffeeklatsch.“

„Aha“, sagte ich. „Meine Mutter hat mir nichts davon erzählt.“

„Hat sie wohl vergessen nach der halben Flasche Eckes-Edelkirsch.“

Ich erinnerte mich an einen Nachmittag, wan dem Mama beschwingt und mit rosa Wangen nach Hause kam und meinte, Lissis Mutter sei gar nicht so doof.

„Klar können wir lernen, sag mir einfach Bescheid.“

„Heute Nachmittag?“, fragte Lissi. Jetzt hatte sie es auf einmal eilig mit der Mathenachhilfe. Könnte mit der glatten Sechs zu tun haben, die sie heute für die Mathe-Klausur kassiert hatte.

„Logo“, sagte ich.

Ich war sauer über die Einmischerei unserer Mütter. Ich hatte Lissi schon zehn Mal angeboten, mit ihr zu lernen, es hatte sich halt noch nicht ergeben.

Hauptsache, unsere Mütter hatten auch mal was festgelegt, wahrscheinlich bei zehn Kilo Sahnetorte (und Kirschlikör).

Nach dem Unterricht krochen wir mit dem Schulbus nach Kleinbeken. Lissi und ich saßen immer in der letzten Reihe. Wie in der Schule.

Es waren neun Kilometer von Großbeken nach Kleinbeken. Da der Bus ständig anhielt, dauerte die Fahrt eine Stunde. In Kleinbeken Zentrum stiegen wir aus. Das Zentrum bestand aus einem Platz mit zwei Kirchen, drei Kneipen und einem Büdchen, vor dem Andi sich ein Bier in den Hals schüttete.

Andi

Andi war jetzt nicht so der Typ modischer und geistiger Hoffnungsträger. Er trug immer Röhrenjeans, Schuhe mit Absätzen, trank ohne Ende Apfelkorn, redete pausenlos und beendete seine Witze immer mit 'der war aber jetzt echt lustig'. Aber als der alte Schröderjupp die Gisela an den Haaren nach Hause gezogen hat, da hat der Andi als Einziger was gemacht. Hat den Schröderjupp am Kragen gepackt und gefragt, ob er mal selber wissen wollte, wie das ist, sich von einem Stärkeren eine zu fangen. Wär' jetzt kein Thema, würd’ er ihm gratis zeigen. Die Anderen haben alle durch ihre sauberen Fenster geschaut und zugesehen, wie der Schröderjupp seine Frau den ganzen Loemühlenweg an den Haaren langgezogen hat und die hat echt laut geschrien. Der Andi ließ keinen hängen. Andi war mein Freund. Ab und zu tranken wir einen am Büdchen zusammen. Ich trank sowieso gerne einen, aber das war nicht der Grund, warum ich mit dem Andi einen trank. Auch wenn uns die Jahre auseinandergetrieben hatten, blieb er immer mein Freund. Unzertrennlich waren Andi und ich bis zum Ende der ersten Klasse in der Grundschule, dann ist er schon sitzen geblieben. Dann blieb er noch Mal backen und kam auf die Sonderschule. Wir zogen ans andere Ende von Kleinbeken. Weit weg für eine Achtjährige.

Er hat nach der Sonderschule Steinmetz gelernt und ist ein ziemlicher Brummer geworden, was ihm und manch anderem bei Kloppereien zu Gute kam. Wenn man den ganzen Tag Steine hin- und herträgt, kommt man gut gegen die Sesselpupser an.

Der Andi hat immer geholfen. Ob das jetzt um Frauen ging, die der Ehemann an den Haaren die Straße lang zog, um Tiere, denen jemand in den Bauch trat oder um Menschen, denen man ein Atommülllager vor die Nase setzt.

Lauwarme Kohlen

Beim Mittagessen (Frikadellen mit Erbsen & Möhren und Dampfkartoffeln) waren Mama und ich allein, Papa war nicht da. Normalerweise kam er zum Mittagessen nach Hause.

Ich stocherte in dem Essen 'rum.

„Jetzt iss bitte“, kauzte Mama.

„Du isst doch selber nichts. Außerdem mag ich das nicht.“

„Wieso das denn nicht?“

„Weil ich keine Tierleichen esse, Dosengemüse hasse und die Kartoffeln bleiben einem ohne Soße im Hals stecken.“

Der Grund, warum ich keine Kinder wollte, war ich selbst. Sobald ich mit meiner Mutter mehr als drei Worte sprach, hätte ich vor Wut platzen können. Vielleicht waren das verspätete Flegeljahre, keine Ahnung, ich war ungenießbarer als ihr Essen. Ich hätte das an ihrer Stelle nicht ausgehalten, aber Mama verfügte nicht gerade über eine legendäre Empathie.

„Dann koch dir doch deinen Scheiß selbst“, meinte sie. „Kommt ja keiner zum Essen.“

„Ich bin doch da“, sagte ich. „Ich zähl' wohl nicht.“

„Du magst mein Essen nicht.“ Abgang Mama.

Ich ging in mein Zimmer und stieß mir auf dem Weg dahin zweimal den Kopf.

Wir wohnten in der Zechensiedlung von Kleinbeken, nördliches Ruhrgebiet. Nachdem die Auguste-Victoria in Großbeken dicht gemacht wurde, boten sie die leerstehenden Zechenhäuschen zum Verkauf an und mein Vater fand, dass das es eine super Idee wäre, in einem Zechenhäuschen zu wohnen. Er kaufte das Haus ohne jemanden von uns zu fragen. Das Haus war verwinkelt und klein, mit niedrigen Decken, was ungünstig war, weil wir eine große Familie waren. Nicht von der Anzahl her, aber von der Körpergröße. Papa war 1,89 m, Mama war 1,74 m, nicht klein für eine Frau ihres Jahrgangs. Ich war 1,78 m, das war für ein fast achtzehnjähriges Mädchen sehr groß und ich konnte den meisten Typen meines Alters direkt in die Augen sehen. Papa stieß sich immer den Kopf, wenn er durch die Türen ging und wir alle stießen uns die Köpfe, wenn wir die Treppen hoch- oder runtergingen, was wir andauernd mussten, denn unser Haus bestand, grob beschrieben, aus drei Zimmern auf drei Etagen. Mein Zimmer war der ausgebaute Dachboden. Am Anfang heizten wir noch mit Kohle, weil Papa das sinnvoll fand und meinte, man könnte sich so von den Energiekonzernen unabhängig machen. Er freute sich jedes Mal den Arsch ab, wenn die Kohle kam, dann lag ein riesiger Berg direkt vor unserem Haus, den schippte er dann durch ein Minifenster in den Keller und Mama und ich schleppten die Kohle dann mit hundert Jahre alten, sauschweren Kohlebehältern aus dem Keller in die Wohnung. Wir fanden das Konzept nervig, vor allem Mama, die kotzte, weil es im Winter morgens saukalt war, wir uns im Bad einen Ast abfroren, oft nicht genug heißes Wasser hatten und schließlich lebten wir nicht im letzten Jahrhundert. Weil Papa dann doch Angst bekam, dass Mama sich scheiden lässt, hat er Heizungen einbauen lassen, was uns ruinierte. Das lag hauptsächlich daran, dass mein Vater handwerklich total unbegabt war. Papa hatte sechs ältere Brüder, die alle praktisch veranlagt waren, aber er war zu eigensinnig, um sie um Hilfe zu bitten. Sie hatten seiner Meinung nach nicht die richtige Einstellung, politisch und überhaupt. Die Handwerker flößten ihm schreckliche Angst ein, weil sie immer „Ojeojeoje, das sieht aber gar nicht gut aus“ ächzten und die Augen verdrehten, wenn sie ein neues Projekt bei uns starteten, so dass Papa immer das Teuerste bestellte.

In meinem Zimmer haute ich mich auf mein Bett und hörte Musik.

Ich war nicht besonders musikalisch in dem Sinne, dass ich eine verkackte Quinte von einer Quarte unterscheiden konnte und fand es mies, dass so was benotet wurde. Aber wahrscheinlich war es genau so ungerecht, dass ich in Kunst gute Noten hatte. (Bis auf das Mopsi-Bild).

Das hatte nichts mit musikalisch oder unmusikalisch zu tun, welche Musik man mochte. Das war ja wohl Geschmackssache. Dadurch, dass ich nicht so ein Musikgenie war, gefielen mir nicht so viele Stücke wie anderen, klassische Musik empfand ich genau so schön wie das Kreischen einer Holzsäge, bei Jazzmusik fühlte ich mich, als sei mein Kleid zwei Nummern zu klein. Bestimmt tolle Musik, aber nicht in meinen Ohren. Als kosmischen Ausgleich gab es ein paar Songs, da schauerte es mich wohlig, als würde mir heißes Wasser beim Duschen über den Nacken rinnen. Manchmal rieselte der Schauer auch noch die Arme runter, bei Liedern wie „After The Goldrush“ von Neil Young. Neil Youngs Stücke mochte ich alle. Bei ihm war ich auch intolerant, was die Geschmacksfrage betraf. Wer Neil Young nicht total gut fand, war bekloppt. Und überhaupt gab es in unserer neuen Clique einen ziemlich festgelegten Kanon von Musikstücken, die man toll finden musste, so war das bei den Hippies. Ich döste vor mich hin und zum hundertsten Mal bedauerte ich, dass ich so spät geboren worden war und das in Kleinbeken. In der kalifornischen Wüste in einer Hippiekommune, oder so, zehn Jahre früher, das hätte ich besser gefunden. Dann wäre ich so alt wie Peter und hätte schon mal die Sache mit dem Altersunterschied nicht. Allerdings würden uns dann, mal angenommen, er wäre immer noch Geschichtsreferendar in Großbeken, neuntausend Kilometer trennen. Genauso aussichtslos war es, in Kleinbeken Hippie zu sein, so sehr ich mich auch bemühte. Die Grundbausteine Kiffen, Hippie-Musik, Indienkleidung und lange Haare fügten sich nicht zu einem gigantischen Liebes- und Friedensgefühl zusammen, wenn der einzige Ort, an dem man sich treffen konnte, ein Büdchen war, wo es Bier, Apfelkorn, Zigaretten und Süßigkeiten gab. Hier konnte man sich für nichts einsetzen. Ich protestierte ohne Publikum. Das Einzige, was mich als Widerstandskämpferin auszeichnete, was mein großer, runder „ATOMKRAFT? NEIN DANKE“ Aufkleber an meinem Fenster, wo ihn keiner sehen konnte, weil das Fenster zum Innenhof führte.

Der einzige Ausweg war, von hier weg zu kommen. Im Moment saß ich fest. Auf lauwarmen Kohlen.

Ich nahm mir vor, Gitarre zu lernen, das sollte angeblich nicht so schwer sein und für Neil Young reichte Gitarre als Begleitung.

15-Minuten-Heimat

Wir hatten uns zum Lernen bei Lissi zuhause verabredet. Ich zog Turnschuhe und meine rote Alpakajacke mit Lamamotiv aus Bolivien an, meine Mutter zankte mich an, ich solle festere Schuhe und was Wärmeres anziehen, da es Winter sei, was mir noch gar nicht aufgefallen war, wo einem doch Eiszapfen auf den Kopf fielen und ich hasste sie gleich für die erneute Einmischerei und zog erst recht meine Turnschuhe an. Ich war Hippie und zog keine Spießerklamotten an. Was hat ein Hippieleben mit wasserdichten Wanderstiefeln zu tun? Draußen schneite es, die Turnschuhe waren eine blöde Idee gewesen.Das war natürlich die Schuld von meiner Mutter, dass ich jetzt nasse und kalte Füße bekam.

Lissi und ich kannten uns seit dem Kindergarten. Freundinnen wurden wir, als ihr Spaniel Jambosala unsere Mopsi schwängerte, da waren wir neun Jahre alt. Die Kleinen sahen sehr süß aus, einen nahm mein Freund Andi und nannte ihn Ente. Mein Vater ging mit Mopsi und den Welpen zu Lissis Eltern und verlangte Alimente. Lissis Eltern beömmelten sich, hahaha, Hände dreimal auf die Beine geschlagen, zahlten natürlich nix, luden uns aber zum Kaffee ein. Lissi und ich wurden „Beste-Freundinnen“ und verbrachten die Jahre in der Sicherheit, die ein „Bester-Freundinnen-Pakt“ so mit sich bringt. Ab und zu trübte der Wohlstand von Lissis Eltern meine Freude an diesem Bündnis.

Ich schlitterte den Gehweg lang. Kleinbeken war, um es mal auf den Punkt zu bringen, ein zum Totlachen winziges Kaff. Um zu Lissi zu gehen, musste ich einmal durch den gesamten Ort, was eine Viertelstunde dauerte. Sieben Minuten bis zum Kirchplatz, eine Minute über den Kirchplatz, wo die drei Kneipen um die Kirche herum standen und etwas abseits das Büdchen war, vor dem Andi und Keili immer noch oder schon wieder abhingen. Sie wippten von einem Bein auf das andere, stießen weiße Atemwolken aus und rieben sich die Hände. Als sie mich sahen, winkten sie, ich winkte zurück und sah zu, dass ich weiter kam.

Und dann waren es noch einmal sieben Minuten vom Kirchplatz zu Lissi, wo die Straßen breiter wurden und Platz für große Bäume zwischen den Häusern war. Lissi wohnte in dem größten Einfamilienhaus Kleinbekens, mit einem Schwimmbecken im Garten. Ich hätte es besser gefunden, wenn sie in unserer Zechensiedlung gewohnt hätte, nicht nur wegen der Entfernung. Lissis Vater hatte das Monopol für Kaugummiautomaten im gesamten Ruhrgebiet und man ahnte ja nicht, wie viel Geld sich damit machen ließ. Immer, wenn ich die Gören mit den schmierigen Pfoten vor den Automaten sah und ihr Geplärre hörte, musste ich an Lissis Vater denken, wie er auf dem weißen Ledersofa saß mit seinen manikürten Fingernägeln und ich staunte, was die Kaugummis einbrachten. Er hatte auch noch einen Getränkeladen. Bei Lissi zuhause sah es aus wie in einer Hochglanzreportage über Landadel, alles geschmackvoll und picobello. Sie hatten eine Putzfrau, die jeden Tag kam. Lissis Eltern machten mir Angst. Mein Vater mochte sie nicht, er sagte, Lissis Vater sei ein Unterdrücker, aber dann murmelte meine Mutter immer, er solle mal lieber vor seiner eigenen Hütte kehren, dann verzog sich mein Vater in seine Arbeitsecke und las regionale Lyrik. Er war der Stadtarchivar von Großbeken. Meine Mutter drehte sich zum Herd um und kochte.

Pipi

Lissi öffnete die Haustür mit den Ellbogen, denn ihre Hände klebten in einem gigantischen Teigkloß.

„Hi Dine“, grinste sie. „Ich mache einen Hefezopf.“

Das konnte man gleich astrein als Motiv in die Fotoreportage mit aufnehmen, die über den Landadel aus Kleinbeken mit Lissi als Heldin. Oft kam es mir so vor, als meinte Lissi die Dinge, die sie tat, nicht richtig ernst. Alles war Pose, eine Seite im Bilderbuch, eine Sequenz in einer Seifenoper. Lissi auf dem Schulweg. Lissi hört interessiert zu. Backt. Als gäbe es keinen Ernst im Leben, alles ist ein großer Spaß, ohne Ende Spaß. Auf diesen Bildern war nur Lissi. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, einen Hefezopf zu backen, schon gar nicht in dem Moment, wenn jemand kommt, der mir bei Mathe helfen soll. Aber das war Lissi und mir wäre es nie in den Sinn gekommen, ihre Handlungen in Frage zu stellen, denn sie war nicht nur meine beste Freundin, sie war eine Wegbereiterin. Sie gab die Richtung vor. Meistens folgte ich, außer wenn es um dieses Hausfrauending ging und um Sex. Jetzt ging ich ihr in die Küche hinterher und schaute zu, wie sie den Teig knetete und einen Zopf daraus flocht. Ich konnte weder Backen noch Kochen und hatte keine Lust, das zu lernen. Lissis Hefezopf aß ich allerdings sehr gerne.

„Wo sind deine Eltern?“, fragte ich.

„Mein Papa ist unterwegs, meine Mutter mit Michael beim Sport.“

Das rechte Bein von Lissis Bruder Michael war durch Kinderlähmung schief und dünn und er musste andauernd zur Bewegungstherapie.

„Wollen wir vorm Lernen noch was Kiffen?“, fragte ich sie.

Wir kifften noch nicht lange, eigentlich noch gar nicht lange, denn wir hatten erst ein paar Mal gekifft und noch nie ohne die Clique.

Lissi gaffte mich an.

„Hast du was?“

Ich zeigte ihr den Brocken.

„Boah!“, meinte sie anerkennend. „Sieht aus wie getrocknete Kamelscheiße.“

Sie überlegte.

„Nur einen kleinen Joint, ok?“, sagte sie. „Meine Mutter ist in gut einer Stunde wieder da. Wir müssen echt was Lernen, die reißt mir den Kopf ab, wenn ich noch eine Sechs schreibe, dann ist Essig.“

Wir gingen in ihr Zimmer, das von einem Innenarchitekten eingerichtet worden war. Blaue Wände, hellblaue Decke, von der Fische und Krebse runter hingen. Das sollte wohl witzig sein, war aber meines Erachtens zu kurz gedacht, denn jeden Tag den gleichen Witz anzuschauen, war beknackt. Vielleicht war ich auch nur neidisch, denn Lissis Vater hatte ein Haus gebaut, dass sich nach den Bedürfnissen seiner Frau und seiner Kinder richtete, nicht wie bei uns.

Ich setzte mich auf ein Kissen und bastelte an einem Joint. Das dauerte Ewigkeiten. Ich versuchte, mir den Ablauf einer Joint Herstellung zu vergegenwärtigen, ich hatte schon ein paar Mal zugesehen, es aber noch nie selbst gemacht. Erstmal baute ich aus drei Blättchen in Form eines gleichschenkligen Trapezes eine Hülle, das war leicht. Die Hülle legte ich flach auf den Tisch und verteilte Tabak drauf. Gut, dass ich meine Zigaretten selbst drehte, eine wichtige Vorstufe zum Joint Bauen. Dann kokelte ich den Brocken an und krümelte das Angekokelte in den Tabak, dabei verbrannte ich mir höllisch die Finger. Ich war mir nicht ganz sicher, wie viel Hasch ich rein tun sollte. Ich entschied mich für die Devise: Viel hilft viel. Das Ganze rollte ich zu einer Tüte und verklebte sie. Das Ergebnis war mittelmäßig. Der Joint hing schlapp wie ein alter Silvesterböller, aber egal. Erster Joint „Marke Eigenbau“, Lissis Vater sagte ja auch immer „Eigeninitiative zählt“.

Lissi sorgte für das Hintergrundprogramm. Sie legte Cat Stevens „Tea for the Tillerman“ auf, den Soundtrack zu „Harald and Maude“. Wir hatten den Film gerade im Kino gesehen. Seitdem spielte Lissi die Platte rauf und runter. Ich fand den Film sensationell, aber mir ging es auf die Nerven, dass der Typ andauernd seinen Selbstmord vortäuschte. Eigentlich gingen mir die Leute im Kino auf die Nerven, die fanden das alle zum Totlachen. Ich nicht. Aus gutem Grund.

Wir öffneten das Fenster, hängten uns ganz weit raus und kifften. Da Lissi keine Zigaretten rauchte, hustete sie ganz schön rum, ich rauchte schon eine Weile Selbstgedrehte, das half beim Kiffen.

„Weißt du eigentlich, dass Evelines Mutter für das Kaffeekränzchen immer den Kuchen beim Konditor kauft und dann sagt, sie hätte ihn selbst gebacken? Sie bestellt den Kuchen immer mit dem ausdrücklichen Wunsch, er solle selbstgebacken aussehen!“

Lissi liebte diese Geschichte und erzählte sie bei jeder Gelegenheit. Noch so ein Mutter-Tochter Ding, bei dem ich nicht mitreden konnte. Meine Mutter war nicht wirklich integriert in die dörflichen Tratschgeschichten. Ich beschloss, die Geschichte unhippie zu finden. Lissi schreckte hoch.

„Shit, mein Hefezopf!“

Wir rannten runter in die Küche und glotzten in den Ofen, wo sich ein gigantischer Zopf entwickelt hatte. Es roch total lecker.

Lissi machte den Ofen aus.

Sie schaute mich mit roten Klüsen an, die man vom Kiffen bekommt.

„Und sie denkt immer, dass es keiner merkt.“ Sie kicherte. Ich fand sie jetzt doch süß. Nicht die Geschichte, sondern Lissi. Sie hatte total süße Zähne, die man beim Kichern sah, weil sie ihre Lippen hochzog.

Sie versank in Gedanken. Und schreckte wieder hoch.

„Komm, wir spielen Kaffeeklatsch und verkleiden uns als unsere Mütter.“

Wir rannten zum Kleiderschrank ihrer Mutter, der so groß war wie das Schlafzimmer meiner Eltern, inklusive der Arbeitsecke meines Vaters. Die Kleider waren den Farben nach sortiert, es waren tolle Farben und die Übergänge waren wirklich genial hingehängt. Ich war total geflasht. Ich war sicher, dass es neben der Farbanordnung ein tiefgründigeres System gab, nach denen die Kleider hingen, das ich nicht schnallte, vielleicht je nach Anlass, für den die Kleider waren oder für welche Jahreszeit. Oder je nachdem, wie teuer sie waren. Welche Gefühle Lissis Mutter bei anderen damit wecken wollte. Alle Kleider waren neu. Hosen trug sie nicht. Meine Mutter trug fast immer Hosen.

Ich griff mir ein figurbetontes Kostüm. Lissis Mutter hatte allerdings viel mehr Figur als ich.

Ich hatte mit knapp achtzehn Jahren nicht mal die Körbchengröße A. Mehr würde da auch nicht kommen. Ich fand’s ok, die Schwerkraft würde meinen Brüsten auch im Alter nicht zusetzen und kleine Titten passten voll in die Zeit, denn die hielten auch ohne BH'S, die von Hippiefrauen grundsätzlich nicht getragen wurden. Die gab’s auch nicht in der Größe „fast A“.

Den überschüssigen Stoff des Kostüms steckte ich mit einer Wäscheklammer im Rücken zusammen und schaute nach Schuhen. Ich griff mir froschgrüne Sandalen mit total hübschen Blümchen an den Riemen, so ein bisschen wie Gänseblümchen. Die Sandalen waren mir leider zu klein und ich riss einen Riemen ab.

Lissi hatte ein lindgrünes Alcantarakleid angezogen und dazu einen ausladenden bunten Hut mit Blumen. Sie saß am Schminktisch ihrer Mutter.

Ich klemmte mich neben sie. Zuerst puderte ich mir das Gesicht hell, dann zog ich mir dicke schwarze Balken um die Augen. Die Lippen malte ich mir dunkelrot. Ich fand eine Bob-Frisur-Perücke, leider nicht schwarz, sondern komisch grau-blond, schwarz wäre besser gewesen, aber egal, Perücke an sich war schon abgefahren genug. Ich steckte mein Haar mit Klämmerchen eng an den Kopf. Ich hatte hüftlanges, dichtes Haar und brauchte fünfundfünfzig Klämmerchen, um es komplett an meinem Kopf festzumachen. Lissis Mutter hatte irre viel Haarklämmerchen, bestimmt zweihundert und ich fragte mich, wofür und ob sie von allen Sachen so viel hatte. Und alles hatte seinen Platz, es war überall extrem ordentlich. Dann packte ich die Perücke auf meinen Kopf. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich sah mich zum ersten Mal geschminkt und dachte, dass Schminke viel ändert, aber ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich das gut oder schlecht fand.

Ich schminkte mich nie, weil es mir viel zu viel Gedöns war und fragte mich, was die Frauen mit Schminke bezweckten. Es gab ja auch Männer, die sich Farbe auflegten, die Kelten malten sich die Gesichter vor der Schlacht blau, Soldaten benutzten Tarnschminke. Sie schminkten sich, um ein Anderer zu werden, um brutaler vorgehen zu können. Angriff und Tarnung. Krieg und Liebe. Bei den Frauen war es wohl das Gleiche.

Ich schaute zu Lissi. Das Ziel ihrer Bemalung konnte keinesfalls als Tarnung missverstanden werden. Blauer Lidschatten, unechte Wimpern mit irre viel schwarzer Wimperntusche, ohne Ende Rouge und pinkfarbene Lippen. Sie schaute selbstvergessen in den Spiegel. Ich sah ihr Gesicht im Spiegel und erkannte sie nicht. Für einen Moment dachte ich, dass ich die Kontrolle über mich verlöre, man hatte so was ja schon gehört, dass man auch mit Haschisch ziemlich abdrehen kann, dann stieg mir aus dem Bauch ein krampfiges Lachen hoch, ich konnte das nicht abstellen, wollte ich auch eigentlich nicht, dann musste ich plötzlich ganz oft niesen, das hörte gar nicht auf, meine Augen tränten, ich sprang auf und pinkelte mir in die Hose. So richtig, nicht ein bisschen und so.

„Es ist etwas Schreckliches passiert“, stieß ich heraus, mehr zu mir als zu Lissi und rannte ins Bad. Ich zog mir meine Unterhose aus, schmiss sie in die nächste Ecke, wusch mich, versuchte, mich abzutrocknen, was mir echt nicht leicht fiel, weil alles sehr unübersichtlich war. Ich ging im Flur hin und her, zwischen Eichenregalen mit unzähligen Büchern, die dort ein Nischendasein führten und vorwurfsvoll aussahen. Ich atmete tief in den Bauch, das kannte ich vom Yoga, bis ich das Gefühl hatte, die Kontrolle über meine Körperfunktionen zurückgewonnen zu haben.

Dann ging ich in Lissis Zimmer und legte Janis Joplin auf. Ich drehte die Lautstärke auf. Sensationell. Die Musik drang wie eine Infusion Glück in mich hinein und legte gleichzeitig ihre luftigen Finger auf meine Wunden.

Erstens: Ich hatte noch nie einen Freund. So einen, wie ich ihn wollte, gab es hier nur einmal. Das Problem war, dass er mein Geschichtsreferendar war, der unter anderen Hinderungsgründen auch noch eine Freundin hatte. Auch wenn Hippies in der Regel nicht einsahen, dass eine Beziehung unbedingt monogam sein musste, gab es gesetzliche und moralische Grenzen, die Peter ernst nahm. Ich bewunderte ihn für seine Willensstärke, fand mich aber nicht damit ab. Was sollte so ein Begriff wie freie Liebe, wenn er Kleingedrucktes hatte.

In der Praxis waren der „freien Liebe“ in Kleinbeken und selbst in Großbeken arge Grenzen gesetzt. Da waren doch alle gleich. Der einzige Mensch, den ich kannte, der sich in Sachen Sex nicht ganz konventionell verhielt, war Joseph, der aber in keiner Weise ein Vorbild für mich war. Er war der Knecht von Onkel Manni, dem ältesten Bruder von Papa, der Milchbauer war. Ab und zu konnte Joseph sich in Bezug auf seine Zuneigung zu Lise, einer respektablen Milchkuh, nicht zurückhalten. Natürlich regten sich alle immer total auf und steckten Joseph für eine Woche in den Knast, wenn er es mal wieder zu bunt getrieben hatte. Irgendwie fand ich das merkwürdig. Nicht, dass ich Josephs höchstwahrscheinlich einseitige Zuneigung zu Lise befürwortete. Nein. Ich meine, wenn sie doch wussten, dass er an die Kühe geht, dann hätten sie ihn nicht als Knecht arbeiten lassen dürfen. Aber nein, alle drei Monate wurde klar Tisch gemacht und Joseph musste zur Strafe mal wieder in den Knast. Ich fand das irgendwie nicht zu Ende gedacht. Die Männer in unserem Dorfe schienen von Liebe oder Sex wenig zu wissen. Aber das brachte mich jetzt auch nicht weiter.

Zweitens: Das Kiffen machte mich träge. Es brachte mich nicht an die Front des Geschehens, allerdings konnte ich bekifft herrlich von Sachen träumen, die ich am liebsten tun würde.

Ich hatte Angst, dass der Einfluss dieses Kaffs und das Fehlen sämtlicher Sachen, die ich cool fand, mir einen Riesenschaden zugefügt hatten. Man kann nicht theoretisch was erleben und das, was ich erlebte, hatte wenig mit Liebe oder Hippie zu tun und war schwachsinnig.

Wenn ich es genau betrachtete, gab es nur einen Menschen, den ich von seinem theoretischen Ansatz her vernünftig fand. Meinen Vater. Im Ernst. Ich war nicht so was, was man eine Vatertochter nennt. Ich hielt mich in vielen Dingen an ihn, weil meine Mutter noch merkwürdiger war. Aber er war tatsächlich ein Vorbild in seinem politischen Denken für mich. Mit der Umsetzung haperte es bei ihm wie bei mir, aber theoretisch war er auf der Höhe. Mein Plan war, einen Schritt weiter zu gehen als er. Das Denken meines Vaters in die Tat umzusetzen. Ich wollte mich an Bäume anketten, Hühner befreien, in Nicaragua Entwicklungshilfe leisten oder gegen Atomkraftwerke demonstrieren. Ich hatte einen weiten Weg vor mir, eigentlich war ich noch vor dem Start. Und heute würde auch nichts aus 'Dine-Rettet-Die-Welt' werden, denn ich befand mich komplett stoned auf einem privaten Kinder-Verkleidungs-Kaffeeklatsch.

Sex

Ich drehte uns noch einen Joint, zündete ihn an und ging damit zu Lissi, die den Kaffeetisch deckte.

Lissi schaute mich eine Ewigkeit an.

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte sie.

„Lachanfall“, sagte ich und sie nickte.

„Das Kostüm steht dir“, sagte sie.

Ich war erleichtert, dass sie von meinem Pinkelunfall nichts mitbekommen hatte. Ich musste aber dermaßen intensiv daran denken, dass ich dachte, sie würde mich gleich danach fragen, warum ich keine Unterhose anhatte.

Wir rauchten den Joint, dann holte Lissi eine Flasche Sekt. Asti Spumante. Das ist jetzt kein Gesöff wie Champagner, von der Herstellung, vom Preis und dem Renomee her, aber schön süß und fruchtig. Bekifft kann man sich den Zucker nur so ins Maul schaufeln. Jede Zelle des Körpers lechzt nach Süßem und dann ist das Büdchen in Kleinbeken nämlich doch gar nicht so ein schlechter Ort für unsere Grundbedürfnisse. Die Pulle Asti ging nicht gut auf, Lissi schüttelte sie und irgendwann flog der Korken nach oben, knallte vor die Decke, wo er eine hübsche Delle hinterließ. Viel von dem Sekt floss auf den flauschigen Veloursteppich im Wohnzimmer. Wir schauten uns den Sekt begeistert an, denn er sprudelte noch ein bisschen auf dem Teppich und zog überhaupt nicht ein.

Lissi holte geschliffene Gläser aus einer Vitrine, schenkte den Sekt ein und gab mir ein Glas.

Sie spitzte den Mund.

„Jutta, wie wär’s mit einem Schlückchen. Das regt doch den Kreislauf an.“

„Barbara“, sagte ich, „unbedingt. Das ist die reinste Medizin.“

Lissi schaute mich mit verschleierten Augen an und kippte sich Sekt rein, wofür sie den Kopf in den Nacken legte. Dabei verlor sie das Gleichgewicht und flog in einen orientalischen Paravent, der ohne Sinn in der Gegend stand. Auf dem Weg zum Boden zog sie noch eine filigrane Stehlampe mit. Sie landeten zu dritt im Regal, in dem wunderschöne Glasobjekte standen, in denen irgendwas durch Nanopartikel beeinflusst war. Dadurch sollte die Reflexion filigraner und strahlender erscheinen, was sich nach Lissis Einschlag jedoch erledigt hatte.

„Huch“, meinte Lissi. Ich zog sie hoch, wir bestaunten das Desaster und setzten uns an den Tisch.

„Ich genehmige mir immer ein Schlückchen, wenn Helmut romantisch wird. Das lockert die Atomsphäre.“ Lissi merkte, dass sie mit den Konsonanten durcheinander gekommen war, winkte mit den Armen ab und lachte sich tot. Sie verschluckte sich amtlich und hustete so stark, dass ihr Sekt aus der Nase lief.

„Ich trinke, wenn Walter mit Frau Schmidt romantisch wird.“ Ich wollte es lustiger klingen lassen, aber auf einmal verpuffte das Lachen.

Lissi war nichts aufgefallen, sie gackerte, legte eine Hand vor ihren Mund, die andere in den Schritt.

„Oje“, sagte sie. „Ich mach mir gleich in die Hose.“

„Im Ernst“, sagte sie dann. „Meine Eltern lieben sich auch ohne Sex. So ist es doch viel schöner, die lieben sich, weil sie sich lieben.“ Sie zog den Hefezopf auseinander, schmierte eine dicke Schicht weiche Butter drauf und stopfte sich ein Riesenstück in den Mund.

Wie immer, wenn Lissi mit diesem Kein-Sex-Vor-Und-In-Der-Ehe-Thema kam, fiel mir erst Mal nichts dazu ein.

Lissi bemerkte meine Zurückhaltung nicht. Sexuelle Enthaltsamkeit war eines ihrer Lieblingsthemen. Wenn sie erst Mal ihre schlanken Beine auf dieses Steckenpferd geschwungen hatte, blieb kein Auge trocken. Eigentlich ging es ihr nicht um Enthaltsamkeit, denn das setzte ja auch einen Vollzug auf der anderen Seite voraus. Lissi nullte das Thema.