Stories Inside - Isabella Blue - E-Book

Stories Inside E-Book

Isabella Blue

0,0

Beschreibung

Ein bisschen Gefühl. Das, was sich hinter der Fassade, hinter dem Lächeln eines Menschen befindet. Gekleidet in Worte, die man nicht immer aussprechen möchte, Gedanken, die man nicht denken möchte und Gefühle, die man vielleicht gar nicht fühlen möchte. Oder Themen, die man laut hinaus schreien will. Ein Wimpernschlag an Emotion. Kurzgeschichten, Short Stories, Gedanken. Seelen-Striptease. Einfach so.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für dich.

INHALT

P

ROLOG

...

ODER

...

W

IE MAN SEINE

T

RÄUME REALISIERT

D

IE

T

ASSE MIT DEM

S

PRUNG

D

EIN

B

ILD ZERFÄLLT

M

ÜDE

U

ND DANN GLAUBST DU ES SELBST

V

ERZEIHUNG

D

ER LEERE

B

ILDERRAHMEN

G

ROSSE

E

RWARTUNGEN

F

LASHBACKS

K

EINE

W

ORTE

W

ENIGE

S

EKUNDEN

S

TARK SEIN

N

ICHT GENUG

E

IN

S

PIEL FÜR DEN

S

CHEIN

V

ERLIEREN

S

EELENVERWANDT

W

AS WÜRDE ICH TUN

N

IEMAND SIEHT DAS

S

PIEL

M

EINE

M

ELODIE

D

IE LAUTE

S

TILLE

D

IE NÄCHTLICHE

F

LUCHT

D

IE

G

RATWANDERUNG

W

EIL ICH NIE AUFHÖREN WERDE

Z

EIT

A

NGST

D

IE

U

MARMUNG

D

ER

K

LANG DER

S

TILLE

W

AS SIE IN DER

S

TILLE HÖRT

G

EDANKENKARUSSEL

U

NACHTSAM

D

AS

G

EFÜHL DER

W

ELLE

E

S WAREN EINMAL

S

EELENPARTNER

D

URCH MEINE

A

UGEN

G

UTEN

M

ORGEN

. G

UTE

N

ACHT

.

W

ENN ES ANDERS WÄRE

E

RDBEBEN

G

LAUBWÜRDIG

H

IMMLISCHE

W

ORTE

T

RÄNEN

D

ER

D

IAMANT

S

EIN EWIGES

G

EHEIMNIS

I

CH WILL DAS NICHT

S

TILLE

P

OST

D

ER

R

AUSSCHMISS

V

ERGESSEN

D

IE

S

ACHE MIT DEN

G

RENZEN

D

ER

R

ATSCHLAG

I

HRE

W

ELT

D

U BIST MEIN

M

INENFELD

D

ER

O

RT IN MEINER

S

EELE

Y

OU

RE GONE

U

NERREICHBAR

F

REMD

D

IE

K

ORREKTUR DES

S

CHICKSALS

B

ITTE

D

IE

A

BRISSBIRNE

S

PÜRE ICH DICH

?

A

UFGEBEN

E

S TUT MIR LEID

A

UFGEBRAUCHTES

G

LÜCK

V

ERSTECKEN

Z

EITZONE

D

IE

P

RÜFUNGEN

D

AS

S

CHWERT

W

ENN DU WÜSSTEST

I

N SEINER

E

RINNERUNG

D

IE ÜBERTRAGENE

A

NGST

D

IE

E

RINNERUNG

I

CH DENKE NICHT AN DICH

D

AS

G

EFÜHL

A

UF DER BRAUNEN

L

EDERCOUCH

L

ASS MICH NICHT AN SEIN

G

ESICHT DENKEN

S

CHWEIGENDE

E

XPLOSION

D

IE EINSAME

B

UCHT

D

IE

G

EIGE OHNE

S

AITEN

D

AS

G

EFÜHL IN DER

M

ELODIE

E

IN

T

EIL VON DIR WAR MEIN

W

ER BIST DU NUR

?

M

IT

B

LUMEN IM

H

AAR

D

IE

G

ESCHICHTEN ANDERER

M

ENSCHEN

W

O AUCH IMMER DU HINGEHST

D

ER

S

KLAVE DEINER

V

ERGANGENHEIT

E

INE NEUE

S

EITE VON MIR

S

EELENGEFLÜSTER

D

IE

V

ERSIONEN VON UNS

„I

CH BIN NICHT SAFE

B

ETÄUBT

H

EIMWEH

D

IE

P

ROPHEZEIHUNG

D

AS

B

ILD ÜBERMALEN

I

CH HABE DICH AUSERWÄHLT

,

MICH ZU RETTEN

I

CH KANN HIER NICHT BLEIBEN

A

BSOLUTION

E

ROBERT

S

UCHE MICH IM

Z

WIESPALT

D

AS

E

NDE DER

W

ELT

W

AS DU NICHT SAGST

D

AS

E

SELSOHR IN MEINEM

B

UCH

N

EIN SAGEN

W

AS ICH WILL

I

CH HABE ES DEN

S

TERNEN ERZÄHLT

818 M

EILEN

S

CHWER ZU LIEBEN

D

ER GEHEIME

G

ARTEN

D

IE

G

EFAHR DES

S

CHREIBENS

O

DE AN DIE

K

REATIVITÄT

PROLOG ... ODER ...

WIE MAN SEINE TRÄUME REALISIERT

Schreiben war schon immer meine Leidenschaft. Alle Arten von Texten schrieb ich in meine Notizbücher, auf lose Zettel, und tippte sie in mein Handy. Kurzgeschichten, Kurzromane, Gedanken oder Liedertexte und Gedichte. Und immer schon wollte ich ein Buch daraus machen. Was mir als ziemlich utopischer Traum erschien, wurde immer klarer, je älter ich wurde. Einmal in meinem Leben ein Buch zu schreiben. Mein persönlicher Traum.

Ich schrieb so dahin und hatte eigentlich kein Ziel. Stellte ab und zu eine Kurzgeschichte in einen Blog, den ich kaum jemandem zeigte. Ich wollte nicht, dass die Geschichten, die mein Innerstes ausdrücken von meinen Freunden und Bekannten, oder von meiner Familie gelesen wurden. Doch was macht einen Autor aus? Ein Autor darf sich nicht davor fürchten, was andere von seinen Worten halten. Jeder Künstler verdeutlicht sein Innerstes in seinen Werken. Ob es nun ein Musiker ist, der in seiner Melodie und seinen Songtexten etwas preisgibt, ein Maler, der mit den Farben seines Herzens spielt, oder ein Holzschnitzer, der der Materie sein ganzes Gefühl schenkt.

Als Teenager sah ich in einer Fernsehsendung einen Ausschnitt, der mir bis heute ganz besonders in Erinnerung blieb. Die Sendung war eher mäßig, jedoch ging es primär um eine junge Frau, die in eine einsame Hütte fuhr, um sich von der Zivilisation abzuschotten. Die Ruhe suchte und ohne Ablenkung einfach nur schreiben wollte. Sie quartierte sich in einer wunderschönen kleinen Holzhütte am See ein, machte sich einen heißen Tee, packte sich in eine warme Decke und machte es sich auf der hölzernen Veranda mit ihrem Laptop gemütlich. Der Blick auf den See versprach Ruhe und Geborgenheit. Der perfekte Ort, an dem sie ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnte. Der Rest der Geschichte war ganz und gar nicht ruhig und ich muss gestehen, dass ich mich daran nur mehr vage erinnern kann. Aber diese Szene in dieser Umgebung ließ mich nicht mehr los. Genau das wollte ich auch! Vor meinem geistigen Auge sah ich mich an einem solchen Ort. Auf der Veranda einer einsamen Holzhütte im Wald, mit einem wunderschönen blauen See direkt vor der Tür. Bäumen, die sich im Rhythmus des Windes bewegten und ein paar Enten, die auf dem See ihre Runden drehten. Und mich sah ich in einer kuscheligen Decke in einem Schaukelstuhl auf dieser Veranda sitzen. Mit einem heißen Kakao und meinem Laptop. Vielleicht sogar nur mit Stift und Notizbuch. Hier wollte ich mich sammeln, meine Gedanken ordnen und aufschreiben.

Ich machte mich auf die Suche nach dem idealen Platz, sodass ich mein Buchprojekt in Angriff nehmen konnte. Das Ziel: Alle meine Geschichten und Ideen so zu finalisieren, dass ich innerhalb eines Jahres ein Buch vorweisen kann. Und ich suchte nach diesem Ort, der so klar und deutlich in meinem Kopf war.

Doch das Schicksal wollte nicht, dass ich mich in die Einsamkeit einschließe. Es schickte mich auf die Suche nach mir selbst, anstatt auf die Suche nach dieser Veranda. Und zwischendurch wurde das Bild der Veranda verrückt. Mein Bild wechselte von einem Berggipfel, zu einem Strand, zu einem Felsen, zu einer einsamen Wiese, bis hin zu meinem Balkon. Ich zog mich zurück auf einen Berg, wo ich in einem Zimmer, das wunderbar nach Zirbenholz duftete meine Gedanken ordnete. In absoluter Stille. Doch ich hatte nicht erwartet, dass in der absoluten Stille meine Gedanken so laut werden würden. Sie wurden so laut, dass ich nicht schlafen konnte, ich konnte nicht mal unter der Dusche stehen und das Wasser rauschen hören, ohne meine Gedanken schreien zu hören, die sich wie kleine Nadelstiche in mein Bewusstsein bohrten. Es war zu leise.

Ich zog mich zurück auf eine Wiese im Sonnenschein. Ein idyllischer Gedanke, der für eine Zeit gut ging. Jedoch dachte ich nicht an die Hitze der Mittagssonne, und an die Insekten, die mich als Abenteuer auserkoren hatten. Ich flüchtete mit meinem Notizbuch, das ich zuvor von neugierigen Ameisen befreien musste. Ich saß auf einem großen Felsen und blickte in eine Meeresbucht. Bis die Touristenströme kamen und mich mit meinem Notizbuch als Fotomotiv gar nicht so unattraktiv fanden. Ich saß mit einem Strandtuch in einer einsamen Bucht und machte es mir in einem Felsspalt gemütlich. Hier schaffte ich es, für mehrere Stunden ungestört zu sein, zu schreiben, und mich von meinen Gefühlen und Gedanken leiten zu lassen. Bis sich der spitze Felsen unter mir buchstäblich in mein Fleisch bohrte ...

Ich setzte mich mit meinem Laptop in ein hippes Strandcafé, das im Vorbeischlendern immer ruhig und entspannt aussah. Als ich dort war, dröhnte die Musik in meinen Ohren, Sand flog auf mein neu erworbenes Notebook und ich war alles andere als entspannt. Ich tippte meine Geschichte ein, als wäre es ein Schnellschreibwettbewerb, trank meinen Caffé Latte aus und suchte erneut das Weite. Und so sehr ich den Sand zwischen meinen Zehen und auf meiner Haut liebe, ich hasse ihn auf meinem Werkzeug. Auf meinem Stift, in meinem Notizbuch und zu allererst auf meinem Laptop. Diese Werkzeuge helfen mir, mich auszudrücken, mich verständlich zu machen und meine Gedanken zu sortieren. Meine treuen Begleiter waren im vergangenen Jahr stets bei mir. Mein Notizbuch wurde nass, schmutzig, bog sich in der Hitze und war dennoch mein bester Freund in dieser Zeit.

Habe ich meine Veranda gefunden? Nein. Aber ich habe mein Ziel trotzdem verfolgt. Und überall geschrieben, wo sich mir eine Möglichkeit geboten hat. Öffentlich und privat. Laut und leise. Unsichtbar und in der Auslage. Bei Stillstand und Bewegung. Ich habe mittlerweile lange Zugreisen in mein Herz geschlossen. Die vorbeiziehende Landschaft hat etwas Beruhigendes und gleichzeitig etwas Melancholisches. Schon das Warten auf einen Zug bewegt etwas in mir, und ich brenne jedes Mal darauf, meinen Laptop aufklappen und weiter schreiben zu können. All die Herausforderungen des Schreibens haben mich nur noch mehr angespornt. Und auch wenn ich meine Veranda nicht gefunden habe, ich habe meine Gedanken gefunden. Ich habe meinen Traum visualisiert und wahr gemacht. Mein Buch ist fertig, innerhalb eines Jahres. Und nun sitze ich auf meinem sechs Quadratmeter kleinen Balkon, den ich vollgestopft habe mit Blumen und Gemüsepflanzen, mit neuen Möbeln, Muscheln und Sand von meinen Reisen, bunt bemalten Steinen, die mich an etwas Schönes denken lassen und farbenfrohen Vorhängen, die mich von der Umwelt zumindest ein klein wenig abschotten. Meine kleine bunte Oase, die ich mein Zuhause nenne. Und die vielleicht sogar besser ist, als jede Veranda auf dieser Welt. Aber ich bin sicher, sie wird kommen, diese Veranda. Vielleicht für das nächste Buch ...

PS: Ein Mensch, der mir sehr am Herzen liegt, hat mir einmal gesagt, er könne sich mich perfekt in einem kleinen Apartment in New York City vorstellen. Mit Blick auf das laute Tummeln des Big Apple und mich in meinem kleinen Reich. Ein Laptop, ein Zettel, ein Stift. Und meine Gedanken. Ich und meine Gedanken, in meiner absoluten Lieblingsstadt. Ich stelle es mir gerade vor ... und es fühlt sich fabelhaft an. Vielleicht hattest du mit dieser Vorstellung recht und meine Suche nach dem perfekten Ort zum Schreiben wird etwas ausgedehnt ...

DIE TASSE MIT DEM SPRUNG

Zwei Tassen in einem Regal. Die eine hat einen Sprung. Der anderen fehlt der Henkel. Das 13-jährige Mädchen bückt sich und packt den Umzugskarton an den Griffen. Als sie losgehen möchte, bleibt ihr Blick an den beiden Tassen hängen. Sie überlegt, ob sie sie mitnehmen soll. Schließlich kann sie sich noch ganz genau erinnern, wie der Sprung in die eine gekommen ist und wie der Henkel von der anderen abbrach. Doch sie redet sich ein, dass es nur Unsinn ist.

Das ist die letzte Kiste, denkt sie, das andere Zeug ist schon im Auto. Es wird nie wieder in diese Wohnung kommen. „Gleich werde auch ich die letzten Schritte in dieser Wohnung gehen.“ Hier ist vieles passiert. Und doch war es irgendwie ganz normal, was sich bis vor Kurzem hier abgespielt hat. Bis sich alles geändert hat. Immer noch steht sie mit der Kiste in den Armen in der Mitte der Küche, von der die Zierleisten an manchen Stellen schon abgehen. Sie erinnert sich auch, warum an dem unteren Kästchen die eine Leiste komplett abgebrochen ist. Hier hat ihr Vater mal aus Wut dagegen getreten. „Er ist kein wütender Mensch“, sagt sie sich nachdenklich. Er war nur wütend, weil ihre Mutter krank wurde. Und weil sie nichts dagegen gemacht hat.

Weil die Familie unter dem ganzen Krankenhaus-Chaos gelitten hatte. Und weil die Scheidung sich eigentlich schon seit Jahren angekündigt hatte. Aber, dass sie plötzlich ohne ihrer Mutter aus dem Krankenhaus zurückkommen, hätten sie nicht gedacht.

Ihre Beine wollen sich nicht bewegen. Noch immer steht sie in der Mitte der Küche und starrt auf die leeren Kästen. Den Blick auf die beiden Tassen vermeidet sie. Sie weiß, dass sie sonst nicht stark genug sein und den Müll einpacken würde. Den Müll. Für sie war es kein Müll, aber für ihren Vater schon. Was kaputt ist, kommt nicht mit ins neue Leben, meint er. Er weiß aber nicht, dass der Sprung in der einen Tasse von einem lustigen Nachmittag mit ihrer Mutter stammte, als noch alles gut war. Er weiß auch nicht, dass der Henkel von der anderen Tasse deshalb abgesprungen war, weil ihre Mutter die Tasse auf den Tisch fallen ließ.

Weil sie plötzlich Schmerzen bekam und die Tasse einfach ausließ. Das weiß nur sie. Denn nur sie war zu diesem Zeitpunkt noch da. „Du warst ja schon bei deiner Neuen“, murmelt das Mädchen. Jetzt spürt auch sie Wut in sich aufsteigen. Warum darf sie nicht auch mal wütend sein? Warum muss sie immer so tun, als wäre sie stark?

Sie stellt die Kiste plump vor sich auf dem Boden ab und dreht sich mit einem Ruck zu dem Regal mit den beiden Tassen. Sie nimmt die Tasse ohne Henkel und lässt sie auf den Boden schellen. Ein kurzes, lautes Krachen. Und viele Splitter auf dem Boden. „Ist jetzt auch schon egal“, denkt sie. Sie merkt, wie sich ihr Brustkorb schnell hebt und senkt und in ihren Ohren klingelt es. „Jetzt reiß dich wieder zusammen!“, zischt sie sich selbst zu. Plötzlich ein Hupen. Sie rollt mit den Augen, wischt sich eine Träne von der Wange und geht zur Kiste. Noch ein Hupen. „Jaaa, ich komme ja schon!“, ruft sie, obwohl sie weiß, dass ihr Vater sie nicht durch den Flur des Wohnhauses hört. Der Teenager krempelt sich die Ärmel hoch, geht ein paar Schritte, atmet tief durch und saugt den Geruch der Wohnung auf, in der sie aufgewachsen ist. Um sich auch später noch daran zu erinnern. Sie fächert sich Luft ins Gesicht, „damit er ja nicht glaubt, ich habe geheult…“

Das 13-jährige Mädchen bückt sich und packt den Umzugskarton an den Griffen. Als sie losgehen möchte, bleibt ihr Blick an der einen Tasse mit dem Sprung hängen. Diese Tasse ist umgefallen, als sie von ihrer Mutter so stark gekitzelt wurde, dass sie wild herumgefuchtelt hat. „Der Müll kommt mit!“ Sie stellt die Kiste ab, geht zum Regal, nimmt die Tasse und wickelt sie vorsichtig in Zeitungspapier ein.

Sie legt sie ganz oben in die Kiste. Die allerletzte Kiste. Was kaputt ist kommt nicht mit, hört sie die Worte ihres Vaters. „Dann sind wir ja jetzt zu zweit.“ Sie schnappt die Kiste, und schließt die Tür hinter sich.

FÄHRENFAHRT

Eine Frau sitzt auf einer Bank auf einer Fähre. Sie sitzt alleine auf dieser Bank, ihre Handtasche steht lose neben ihr. Sie hält sie nicht fest. Der Wind lässt ihre Haare strähnig über ihrem Kopf zerzausen. Ihr Blick geht starr auf das Wasser. Denkt sie nach? Oder pendelt sie einfach nur zwischen Arbeit und Zuhause und ist froh, den Tag hinter sich zu haben? Wäre es doch nur das.

Die Frau schließt von Zeit zu Zeit für ein paar Sekunden ihre Augen. Ihre Gedanken lassen ein kurzes Nickerchen nicht zu. Nur kurz ohne Gedanken, ohne Sorgen sein. Das wünscht sie sich. Die gleichmäßigen Wellen auf dem Wasser beruhigen sie. Ein paar Sonnenstrahlen lassen sie glitzern und sie lächelt. Nur einmal möchte sie sich ausschließlich darüber freuen, was sie gerade sieht oder

erlebt. Nur einmal. Doch ihre Gedanken lassen es nicht zu. Immer wieder lenken ihre Gedanken und ihre Erinnerungen ihr Leben. Nicht mal auf der Fähre mit dem monotonen Geräusch des Motors und dem sanften Wiegen der Wellen lassen sie sie in Ruhe. Mal an nichts denken. Wie im Kreis drehen sich ihre Gedanken, ihre Sorgen, Erinnerungen, Ängste und Hoffnungen. Fast hört sie ein hämisches Lachen, als würden diese Teile von ihr alle gegen sie arbeiten.

Kaum schließt sie die Augen, sieht sie ihn vor sich. Sie reißt die Augen wieder auf und flüchtet vor dem Anblick. Scheint ihr die Sonne ins Gesicht, erinnert sie sich daran, was er zu ihr gesagt hat, als sie im Park spazieren gingen und die Sonne geballt hinter den Wolken hervorkam. „So wunderschön“, hört sie seine Worte in der Ferne. Sie bindet ihre vom Wind zerzausten Haare zu einem Zopf und spürt gleich darauf, wie er ihr den Zopf wieder löst und zärtlich über ihr Haar streicht. Sie wird ihn nicht los. Ihre Gedanken kreisen um ihn. Überall.

Sie konzentriert sich auf das leichte schaukeln der Fähre und die wehende Fahne, die schräg über ihr angemacht ist. Es hilft nicht. Sie starrt auf den Horizont, wo sich die Sonne in vielen kleinen glitzernden Kristallen auf dem Wasser spiegelt. Und wie ein Blitz schwemmt eine Erinnerung diesen Blick aus ihren Augen und ersetzt ihn mit einem anderen. Der Tag am See, wo das Wasser auch gefunkelt hat und der Sonnenuntergang sich darin spiegelte. Wie kitschig, denkt sie. Eigentlich hätte sie es wissen müssen. Sowas gibt’s nur im Märchen. Es war alles fast zu schön, um wahr zu sein. Und dann plötzlich das Erwachen. Er hat ihr alles nur vorgemacht. Jedes Wort, jeder Blick, jede Berührung. Eine Lüge.

Der Wind bringt die Fahne laut zum Flattern und es fröstelt sie. Sie verschränkt die Arme übereinander und drückt sie fest gegen sich. Genau wie damals, doch damals kamen auch seine Arme dazu. Als er sie von hinten umarmte, und sie fest an sich drückte, als er auf den Schlitten aufstieg, um kurz darauf mit ihr über den Hang zu sausen. Sie spürt seine Wärme hinter sich und den Druck seiner Arme auf ihr. Ihre Tasche fällt um, und sie wird kurz aus ihren Ge- danken gerissen. Gott sei Dank. Sie greift nach der Tasche, ihr Blick fällt auf den kleinen Fleck am Henkel. Das habe ich jetzt davon, denkt sie sich. Es ist nichts übrig geblieben, als ein schmutziger Fleck auf meiner Tasche. Jetzt ist Schluss, denkt sie. Sie räumt die wenigen Dinge, die sie mit sich in der kleinen Tasche herumträgt, aus und geht zur Reling. Sieht mich jemand? Sie blickt um sich, doch niemand scheint sie zu registrieren. Mit einem Ruck wirft sie die Handtasche über Bord. Und jetzt lass dich nie wieder blicken.

Die Frau setzt sich zurück auf die Bank. Ihr Blick geht starr auf das Wasser. Die Sonne glitzert und sie lächelt. Wenigstens eine kleine Last konnte sie heute loslassen. Wenigstens eine kleine.

DEIN BILD ZERFÄLLT

Als ich angefangen habe, mein Bild von dir zu malen, wusste ich schnell, dass mir dieses Bild gefallen wird. Ich hatte von Anfang an das Gefühl, mit diesem Bild vertraut zu sein, als hätte ich es schon lange gekannt. Dieses Bild war farbenfroh und löste in mir Gefühle aus, wie ich sie schon lange nicht mehr hatte und auch nicht zugelassen hatte.

Mit jedem Tag wurde dein Bild größer und bunter, es wurde mit vielen Farben in ein wunderschönes Gemälde verwan- delt. Mit sanften Pinselstrichen malte ich weiter und weiter, mal ganz fein mit vielen kleinen Strichen. Dann wieder mit großen, festen und die Leinwand wurde voller. Wie bei „Malen nach Zahlen“ verband ich die Punkte, aus einigen bunten Flecken wurde ein ganzes Bild. Man konnte Konturen und Einzelheiten, grobes Äußeres und kleinste Details erkennen. Ein Ganzes, das die Summe seiner Teile darstellt. Es wurde ein vielschichtiges Bild mit vielen Schattierungen und aufregenden, leuchtenden Farben. Egal von welcher Seite man es betrachtete, es wurde nicht langweilig, ich wurde nicht müde, es anzusehen und malte weiter. Das Bild zog mich in seinen Bann und ließ mich nicht mehr los, ich musste es weitermalen, ich musste wissen, wie es als fertiges Kunstwerk aussehen würde.

Doch plötzlich konnte ich die Farben nicht mehr finden. Das Leuchten meiner bisherigen bemalten Flecken wurde schwächer. Deine Freude und deine Leidenschaft für das Leben versiegten. Das Bild wurde dunkler und grauer. Dein Bild zerfällt. Ich kann nicht mehr weitermalen, weil du es nicht zulässt. Und ich kann es mir nicht mehr ansehen, weil ich es unter 1.000 anderen nicht mehr herauskenne. Ich habe von einem Menschen ein Bild gemalt, das so strahlte, dass es den hässlichsten Raum der Welt in den schönsten verwandeln hätte können. Nun ist es ein Bild wie jedes andere. Du hast dieses Bild mit grauer Farbe übersprüht.

Du hattest es in der Hand und hast ihm das Leuchten genommen. Das Bild von dir zerfällt. Der Pinsel zerbricht. Die Farben werden grau.

MÜDE

Ich bin müde. Ich bin müde, ein Spiel zu spielen, müde ein Leben vorzuführen, das ich nicht leben will. Ich bin müde, ihr etwas vorzumachen, eine Person zu sein, die ich nie sein wollte. Ich war eine Schauspielerin und habe ein Leben vorgespielt, das so nie hätte sein sollen. Doch für sie sollte es so sein. Ich bin müde, weil ich Schmerzen habe. Meine Seele schmerzt und mein Körper auch. Alles tut weh. Ich weiß nicht mehr, wo der Schmerz angefangen hat und wo er aufhören wird. Wenn er aufhört. Würde er doch nur aufhören. Ich kann nicht mehr und ich will nicht mehr. Auch wenn es für sie schwierig wird. Ich weiß, dass sie es ohne mich schaffen wird. Ich weiß, dass sie stark ist, dafür habe ich gesorgt. Ich weiß, dass sie schlau ist, dafür habe ich auch gesorgt. Und ich weiß, dass sie alles erreichen wird, was sie sich vornimmt. Ich kann sie alleine lassen. Sie wird nicht alleine sein. Und ich weiß, dass sie spürt, dass ich müde bin. Sie merkt es und will es einfach nicht wahrhaben. Sie weiß, dass ich sehr müde bin.

Sie erzählt mir Geschichten und ich liege einfach nur hier. Ich liebe ihre Geschichten und ich höre konzentriert zu. Doch ich werde müde, mitten in der Geschichte schlafe ich ein. Es tut mir so leid, denn ich möchte ihr zuhören, sie ansehen und ihre Geschichte in mir aufnehmen. Doch es ist so anstrengend.

So soll sie mich nicht sehen. Ich bin zu müde für sie. Ich will nicht, dass sie mich sieht, ganz in blau und grau und mit den vielen Schläuchen. Ich bin so müde und denke so viel an sie. Könnte ich sie doch noch einmal sehen, aber nur wenn sie mich so nicht sieht. Ich muss mir etwas einfallen lassen, dass sie mich so nicht mehr sieht. Was würde ich dafür geben, sie noch einmal kraftvoll in die Arme zu nehmen. Aber ich bin so müde. Ich kann kaum noch den Fragen der Ärzte folgen. Ich habe so lange ein Schauspiel gelebt, mich so lange bemüht, ihr alles zu bieten, was in meiner Macht stand. Ich habe niemandem von meinen Schmerzen erzählt, niemandem von meinem Kummer. Er hat mich für eine andere verlassen und es hat mir die Kehle zugeschnürt. Und jetzt ist bald alles vorbei. Es ist nicht schlimm, es gibt nur noch eines, wofür ich am Leben bin. Meine Tochter. Ich habe sie gut vorbereitet für ein Leben, das sie in Selbständigkeit führen wird. Ich habe ihr meine Werte mitgegeben, gezeigt, dass man spontan sein kann und seinen Träumen folgen soll. Dass man sich hohe Ziele stecken und seine Ambitionen leben soll. Das war ich. Alles andere war ein Spiel. Ein ziemlich schlechtes Theaterstück. Jetzt bin ich müde. Ich will in kein Kostüm mehr schlüpfen, meine Paraderolle ist vorbei. Ich bleibe hier und denke an sie. Sie hat mir viel Freude bereitet und sie wird noch vielen Menschen Freude bereiten und Inspiration bieten. Es bricht mir das Herz, dass ich sie alleine lassen muss. Doch ich kann nicht mehr. Die Müdigkeit übermannt mich. Gut, dass sie mich so nicht sieht. Ich bin zu müde, um meiner Mutter ein letztes Mal „Danke“ zu sagen, als sie mich anblickt.

Alles, woran ich denken kann, ist meine Tochter. Wer wird ihr sagen, dass ich nicht mehr da bin? Wie wird sie darauf reagieren? Und wie wird sie ihr Leben meistern? Ich mache mir keine Sorgen, sie ist stark, sie kann das. Sie schafft alles, was sie sich vornimmt. Ich bin so müde. Ich habe keine Schmerzen mehr. Alles wird leicht. Ich sehe meiner Mutter ein letztes Mal in die Augen und fühle Erleichterung. Ich fühle mich leicht, keine Schmerzen mehr, die Müdigkeit ist weg. Und sie wird die Welt bezaubern.

UND DANN GLAUBST DU ES SELBST

Du gehst mit einem Lächeln durch die Welt. Bist freundlich und höflich und versuchst, immer dein Bestes zu geben. Du würdest auf die Frage “Wie gehts?” niemals mit deinen echten Gefühlen antworten, anderen damit gar zur Last fallen. Du lächelst und sagst “Danke, alles bestens!”

Du kannst dich selbst nicht mehr durchschauen, bist überfragt mit deinen eigenen Fragen. Du suchst nach Antworten und findest sie in Dingen, die dir wichtig sind. “So ein Sonnenschein!” sagen die anderen über dich. “Du strahlst immer so, auf jedem Foto lädt dein Lachen zum Mitlachen ein!” Alles klar, geht in Ordnung, sie sind eingeladen, mit dir zu lachen. Und wer weint mit dir? Wer blickt hinter die Fassade? Man ist nicht permanent glücklich. Man ist auch nicht permanent traurig. Was wissen sie schon über das Innenleben eines Menschen?

Doch es stimmt, du lächelst und freust dich über die schönen Dinge, die dir passieren. Schließlich gestaltest du dir die meisten dieser Dinge selbst. Du hast dein Glück selbst in der Hand. Natürlich wirkst du auf andere glücklich. Es weiß ja auch keiner, wie viel Arbeit hinter deinem Glück steckt. Doch irgendwann weißt du, was dich glücklich macht und wie du dich selbst zum Strahlen bringst. Und irgendwann glaubst du es selbst.

Du lächelst auf jedem Foto, du strahlst mit anderen um die Wette, du erhellst jeden Raum, den du betrittst. Du nimmst dir diese Fassade selbst ab. Weil du nicht möchtest, dass jemand fragt, ob etwas nicht stimmt. Weil es auch niemanden etwas anginge, wäre es so. Weil es dir eigentlich gut geht. Meistens. Und deshalb lebst du auch so, weil es dir meistens gut geht. Und weil es im Grunde genommen auch so ist. Bis auf ein paar Kleinigkeiten. Doch manchmal sind diesen Kleinigkeiten ganz schön groß.

Aber das geht nur die wenigsten etwas an. Es interes- siert auch die wenigsten. Und eigentlich bist du es leid, immer wieder an diese Kleinigkeiten erinnert zu werden.

Ein Leben ohne sie, wäre um Einiges leichter. Und irgendwann glaubst du es selbst. Diese großen Kleinigkeiten sind plötzlich nebensächlich und du bist so beschäftigt, dass du sie tatsächlich vergisst. Alles ist bestens und du erkennst selbst den Sonnenschein, den du anderen Menschen bringst.

Genau bis zu dem Moment, in dem du kurz verschnaufen kannst. In diesem Augenblick kriegen diese großen Kleinigkeiten wieder Gewicht. Sie schleichen sich plötzlich in dein Glück. In deinen Sonnenschein. Die dunklen Wolken machen sich unangekündigt breit und bleiben hartnäckig. Ein Songtext, der dich an ein Gefühl erinnert, oder der ein bestimmtes Erlebnis aus der Vergangenheit auf ein- mal präsent macht. Eine Melodie, ein Film oder ein Wort, das dich stocken lässt und dir einen kurzen Stich ins Herz versetzt. Bis das Gewitter wieder vorbei ist, verbergen die Wolken den Sonnenschein. Doch wie heißt es so schön?

Nach jedem Gewitter kommt auch wieder die Sonne hervor. Und am nächsten Tag ist es auch so. Keiner hat gemerkt, dass dein Herz einen Schlag übersprungen hat. Alles beim Alten und keiner weiß, dass zwischendurch Wolken aufgezogen sind. Der Sonnenschein strahlt wieder um die Wette und erhellt jeden Raum. Und du glaubst auch irgendwann wiedermal daran. Genauso wie alle anderen.

VERZEIHUNG

“Es tut mir leid”, flüsterte er am Telefon. “Es tut mir leid, ich hätte damals anders entscheiden müssen!” Seine Stimme klingt brüchig. Lautlose Tränen auf der anderen Seite der Leitung. “Es ist zu spät”, antwortet sie mit bestimmtem Ton. Zumindest bemüht sie sich, selbstsicher zu klingen.

“Ich habe aus meinem Fehler gelernt und könnte ich die Zeit zurück drehen, würde ich mich anders entscheiden und das einzig Richtige tun.”

Sie presst die Lippen aufeinander und versucht ruhig und gleichmäßig zu atmen. Sie spürt, wie ihr das Blut in den Kopf steigt, wie ihre Wangen heiß werden und wie ihr Herzschlag schnell in ihren Ohren pocht. Einmal tief einatmen. “Du kannst die Zeit nicht zurück drehen, was passiert ist, ist passiert. Was habe ich davon, wenn du nach so vielen Jahren erkennst, dass du einen Fehler gemacht hast? Ändert das etwas an der Situation? Am Hier und Jetzt?”

Sie redet sich in Rage und kann die Tränen nicht zurückhalten. Auch in ihrer Stimme hört man den Schmerz. Und die Wut.

Stille. Keine Antwort. Ein trauriges Seufzen. Dann ein zögerlicher Anfang: “Ich weiß. Ich kann nichts mehr ändern. Ich will nur, dass du weißt, dass ich es erkannt habe. Ich war blind. Ich habe nicht logisch gedacht. Ich hätte mich für dich entscheiden sollen.”

Ihre Tränen werden dünner. Sie fasst sich einen Moment. “Was erwartest du von mir? Alles vergeben und vergessen? Wie stellst du dir das vor?”

Sofort antwortet er: “Nein, ich weiß, dass das nicht geht. Ich möchte nur, dass du weißt, dass es mir leid tut.”

In ihr tobt ein Kampf aus Schmerz, Erinnerung, Liebe, Hass und der Unfähigkeit, ihm verzeihen zu können. Sie konzentriert sich, um stark und bewusst zu klingen. “Ich hab’s verstanden.”

DER LEERE BILDERRAHMEN

Es gibt oft Situationen im Leben, die einen erkennen lassen, dass alles vergänglich ist. Manchmal sehnt man ja auch die Vergänglichkeit herbei. Sie räumte gerade die Umzugskartons voll und wickelte ihre wertvollen Dinge