Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Über fragmentarisch versachlichte Kurzgeschichten spannt der Autor Bögen zwischen sächsischer Kleinstadtidylle und mecklenburgischer Ostseeregion, beschreibt Sachen von vor dem Mauerfall bis ins Heute. Darüber hinaus lotet er die Belastungsgrenzen des Lesers aus, wenn er sich kritisch, boshaft und satirisch an die Sicht eines mittelkleinen Mannes auf noch kleinere Männer, auf Randgruppen sogar, wagt, um diese dann in die Mitte zu rücken, und mit Hang zur Alltagsdetailversessenheit darzustellen. Auch macht sich der Schreiber über dies und jenes lustig, wenn er zum Beispiel kleinlich und eifrig energische Texte präsentiert, die seziert Situationen und Szenen mittels seltsamer Wortverzahnungen und abenteuerlich- progressiver Silbenschöpfungen darstellen. Verschiedene literarische Stilmittel, Bürokratensprache, mit frenetischer Akribie zusammengetragene Fakten, verpackt in Worthülsen, die mit Buchstabenkleister gefüllt zu sein scheinen, Gummilitzensätze ohne Anfang und Ende gehören zu seinem Handwerkszeug.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Rocco Reichelt
Stracciatella und Mitropa
Kurzgeschichten
Der Autor
Rocco Reichelt hat weder Abitur noch studiert, weder ist er Yogalehrer irgendwo im Ausland, noch unterrichtet er sonst irgendwas, weder ist er Journalist, noch beherrscht er südamerikanische oder orientalische Tänze.
Gleich gar nicht tingelt er als Gitarrist einer Band durch die Lande und hantiert auch nicht mit Klangschalen.
Seine Freizeit widmet er seit Kindheit dem Schreiben von erlebten und erfundenen Sachen: erst mit Stift in Schreibheften, später auf Schreibmaschinen und heute auf Schreibtastaturen, die an Computeranlagen angeschlossen sind.
Handbeschriebene gefaltete Zettel wusste er schon früh zu verschenken, als es aber mehr dieser Blätter wurden und er in Richtung geklammerte Hefte mit bis zu 112 Seiten tendierte, bekam er hin und wieder Kopeken und Groschen zugesteckt, damit er sowas ja weiter machen möge.
Und nun also ein furores Buch gefüllt mit famosen Satiren…
Impressum
Texte: © Copyright by Rocco Reichelt
Umschlag: © Copyright by Rocco Reichelt
Internet: www.literatur-chemnitz.de
Blog: https://gorgonski.blogspot.com
Mail: [email protected]
Rocco Reichelt, 09579 Grünhainichen, Floßmühle 9
1.Auflage (05/2021)
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
(Ebook auch als Taschenbuch erhältlich.)
Inhaltsverzeichnis
Ratten und eine Brünette
Dystopie: Chemnitz
Wie ich mal einen Staplerlehrgang machte
Materialangelegenheiten
Filme
Geschmiedetes
Welpen
Wäsche
Leeres
Frisches und Versorgung
Lebendiges
Drahtesel
Nächstenliebe
Dackelfrauen und Tubustunnel
Bjoerndalen in Taucherflossen
Im Supermarkt
Titanen der Masturbationskunst
Pagenschnitt und Käse
Kontaktanzeigen
Brille und Ekstase
Käse und Dinge
Bitte während der Fahrt nicht mit dem Fahrgast sprechen!
Schnäppchen machen
Körperpflege
Körperöffnungen
Schrittzähler
Der Fremde
Die Gelegenheit
Unrast
Sonnenbad mit Zebedäus
Saugnäpfe und Wannenverkleinerungen
Verhinderte Ambitionen
Urlaub im Puppenhaus
Cipo & Baxx
Stracciatella und Mitropa
Willi und die Alte
Vier Mark
Dessousbörsen im Asexuellenclub, unter anderem
Black Friday
Der nasse Fremde
Drauflosgeschriebenes (Aus der Momentaufnahmenapp)
Kawumm!
Mythologische Potenzialentfaltung
Zoozirkus
Seufz: Stützschlüpfer
Überwachung
Beobachtung
Scharlach ist kein charismatischer Weltstar.
Dystopie: Corona
Bekanntschaften
Denk bloß nicht an Stars
Onomatopoetenkids
Von zwei Konservativen, die sich in die Wolle kriegten
Katzenpaar, Seefahrer und Radreise
MÖBELTICKothek
Muffiges Schlafzimmer nicht samtsämig genug
Der Ratgeber: Cocktail und Cottage
Von Rüttelplatte bis Markensocken:
Eine kleine regionale Delikteanthologie
Der ICH- Funktion- Herrscher
Zu empfehlen: Bandsalat
: Immer wieder Hinterhöfe
An und für sich eins mit allem
Finnland
Fischlandstrand
Fischlandstrandurlauber
Darf ich Hagen zu dir sagen?
Ahrenshoop
Kunstwerke: Tictacfisch
Kunstwerke: Freikörperkulturstrandromantiker
Kunstexponate: Des Weiteren
Der Radfahrer
Was dachte der Radfahrer und Fußgänger?
Mit dem Auto zum Essen
Unterm Apfelbaum
Der Kollesche
Hundekot im Fahrstuhl
Denn wer salutiert schon liegend?
In brombeerschwarzen Nächten
Ratten und eine Brünette
Eines Tages musste ich in der Flöhaer Katakombe von Trägers Preisbombe debütieren.
Erwartungsvoll starrten mir sinnvolle und unsinnige Produkte aus den Regalen entgegen, als würden sie darum betteln, aus dem Schummerlicht des Ramschladens befreit zu werden.
Zum Klobürstenborstenzählen allein tauchte ich ja auch nicht an einem Ort auf, der von einer bärtigen Kassiererin mit rauchiger Stimme regiert wird.
Gerade oder ungerade, vielleicht sogar Primzahl, sie liebt mich- sie liebt mich nicht. Entschlossen ignorierte ich die Verlockungen und griff mir aus den Nachbarregalen einmal Aufwaschmittel, einmal Toilettenreiniger und ein Bodenwischerset, dreiteilig mit Teleskopstiel, fest getackert daran eine Werbekarte, die mich darauf hinwies, dass ich es mit einem anthrazitgrau-türkisen Produkt zu tun hatte, die darüber hinaus eine Brünette (halblang um die Haare) mit quer gestreiftem Pullover (ordentlich Oberweite) und legeren Jeans zeigte, welche überaus glücklich einem dunklen Eichenparkettboden zu Leibe rückte.
Allerdings mit einem nicht anthrazitgrau-türkisen Bodenwischerset, wie ich nach mehrmaligem genauem Betrachten feststellen musste.
Inzwischen verbreitet sich in der ganzen Wohnung ein scharfer ätzender Geruch, dessen Ursprung im ersten Ungezieferbekämpfungsversuch mit dem Toilettenreinigergel „Ocean“ (mit einer surftauglichen Welle auf dem Behälterkonterfei) liegt.
In Ungezieferalpträumen weit vorn: natürlich Ratten, die sich heißhungrig auf der Jagd nach einem Bissen Fallrohre empor hangeln, behänd, wie es in ihrem Naturell liegt, während ich, wie es in meinem Naturell liegt, sitzend beide Ausscheidungsvarianten vollziehe. Gewiss könnte ich sie anders als mit einer Prise „Ocean“ um die Ecke bringen, anlocken mit verdorbenem Essen und dann mit dem Teleskopstiel aus dem dreiteiligen Bodenwischerset auf sie einprügeln, bis sie ihre Vitalität zu den Akten gelegt haben, aber ich kann beim besten Willen kein Blut sehen und keine vorwurfsvollen Knopfaugen.
Als blaugrau würde ich übrigens die Augen der Brünetten bezeichnen.
Dystopie: Chemnitz
Am Rande einer der Demonstrationen gegen dies und das, am Rande der Großdemonstration gegen dies mit 10000 Teilnehmern, geschätzt von den Teilnehmern selbst auf 70000 Stück, und der demonstrativ- stationären Kundgebung mit 4000 Volk (Ihr seid Volk, wir sind Völker) heruntergerechnet von der Demonstration gegen dies auf 1000 Völker, beobachtete ich Anneliese S., Deckname Lieschen S., die ungefunden auf der Straße auf ihre Kontaktperson aus dem Kreis der Global Elite Deep Stater wartete, um ihr (der Kontaktperson) einen Störsender zur Unterbindung von Livestreams aus dem Demonstrantenlager, der gegen die Diesigen demonstrierenden (Teilnehmerzahl aufgrund neuester Schätzungen auf etwa 150000 Volk erhöht) zu übergeben. Anneliese „Lieschen“ S., lauernd im Schatten von Plakaten „Wir sind der rationale Widerstand“, „Wir sind der vaginale Widerstand“ und „Ich bin ein linksgrünversifftes Pazifistenschwein“, arbeitet inkognito auch noch zur Rentenaufbesserung für das Pentagon als eine von über 30000 Informations- und Geldweitergebern, genau jenes Pentagon, welches höchstselbst den Bürgerkrieg in Deutschland anzetteln wird, durch Manipulation der Bürger, die sich gegen dies oder das entscheiden müssen und die gegen dies oder das auf einem riesigen Schlachtfeld kämpfen werden, was zur Ausrufung des Kriegsrechtes führen wird, welches eine Abwahl, der, von den gegen die Diesigen Seienden, so gehassten Regierung unmöglich macht.
Unter den mittlerweile geschätzt 450000 Demonstranten von gegen dies wird kostenlos Alkohol ausgeschenkt.
Am Rande der Kundgebung von gegen das, die auf etwa 19 Völker geschrumpft ist, wird eine 850 Meter breite Bühne aufgebaut, auf der Sänger und Instrumentenspieler kostenlos bald gegen die Gegner von dies singen und tanzen werden.
Die Demonstranten von gegen dies, oft als diktaturverliebt gebrandmarkt (präteritumversessen), unterstellen den diktaturablehnenden Demonstranten von gegen das, dass diese sich aktuell einer Diktatur unterordnen, egal wie diktaturablehnend sie auch sein mögen, egal ob sie überhaupt in einer Diktatur leben, oder ob sie ihre Lebensumstände womöglich gar nicht als diktatorisch empfinden, vielleicht nur so rebellieren, zum Spaß womöglich noch.
Die Demonstration von gegen dies durchbricht inzwischen die Schallmauer von einer Million, weitere drei Millionen wurden an Autobahnabfahrten von über 50 Millionen Polizisten der, von gegen dies als Diktatur bezeichneten, Regierung abgefangen, bevor sie die Stadt fluten konnten.
Frau S. übergibt mit Einbruch der Dunkelheit ihren hochfrequenten Störsender an einen Mann von dies.
Am späteren Abend wird sich herausstellen, dass er von einem Störsender, der gegen die Diesigen installiert wurde, in seiner Arbeit gestört wird.
Wenigstens habe ich mein Leben gelebt., wird Frau Schmidt seufzen, wenn in den Folgetagen dem virtuellen Chaos die realen Tumulte folgen.
Wie ich mal einen Staplerlehrgang machte
Auf dem Weg zum Universalgelehrten entschloss ich mich, beziehungsweise mein Arbeitgeber für mich, dass ich doch eine Ausbildung machen sollte, die mich ermächtigt zu meiner an Kreditkarten, Eintrittskarten, Kassenbons, Kalenderkärtchen, Notrufnummern von Autohäusern und Autoversicherungen (im Falle eines Liegenbleibens mit dem Personenkraftwagen oder eines Zusammenstoßes mit Wild, Fußgängern, Radfahrern und anderen Personenkraftwagen, schlimmstenfalls auch Lokomotiven von Zügen oder Straßenbahnen) reich gefüllten Geldbörse auch noch einen Flurförderzeugfahrausweis hinzuzufügen.
Das wohl bekannteste Flurförderzeug ist der Gabelstapler.
Mit dem Gabelstapler kann man Lasten heben, senken, transportieren und dann hier und dort einfügen und abstellen.
Für ihn erfunden wurde das Lagerregal, welches bis heute neben Uhu das beliebteste Vorwärtsrückwärtswort sein dürfte.
Punkt acht Uhr saß ich in einem Unterrichtsraum in Chemnitz und mit mir ein erlauchter Kreis ohne größere Idiotendichte, welche man meist in solchen Umgebungen zu erwarten hat.
Mein Banknachbar: achtzehn Jahre, Auszubildender im Unternehmen eines langjährigen HSV- Kreditgebers, mit einem fußballszenetypischen ELLESSE- Pullover, mit einem ganzen Haufen verschiedener Pickel im Gesicht (wie ich als hobbymäßig unterwegs seiender Furunkelforscher feststellte) hörte ruckzuck die Stimme des Vorträgers bald nur noch aus der Tiefe des Zimmers und immer weiter weg, bis sie verschwand und dann doch durch eine Lautstärkeerhöhung wieder präsent wurde.
„War wohl gestern spät geworden?“
„Ja. Darf ich einen Kaffee holen?“
„Okay, aber nur fünf Minuten. Automat ist um die Ecke.“
Sein Mitazubikollege schloss sich ihm an und sorgte diese zwei Tage für den meisten Gesprächsstoff im Raum und auch draußen.
Heimatland: Guinea.
Geflüchtetenstatus ohne Hierbleibanerkennung.
Deutschkenntnisse überschaubar.
Daraus schlussfolgernd für unseren zwischen Galgenhumoristen, Empörtbürger und stark affektierten Effekthascher pendelnden Lehrer:
„Das schafft der sowieso nicht, ich sag’s euch. Was geht’s mich an. Wie soll der die Prüfungsfragen beantworten. In Italien kam der an Land, dort hätte er sich registrieren lassen müssen. Der kann nur französisch. Das schafft der sowieso nicht, ich sag’s euch, was geht’s mich an.“
Tageinwärts pflanzte man uns in die Köpfe was man so in die Köpfe gepflanzt bekommt: Tragfähigkeitsdiagramme, Kraftarme, Radstand, Achsaufhängung, Antriebsarten, Gefahrstoffe, Brems- und Beschleunigungskräfte, Hydrostatik und Pendelachsen- garniert mit Anekdoten zu besonders schönen Arbeitsunfällen, ausgeschmückte Personen- und Finanzschäden, also das ganze Programm, was Bruder Leichtfuß so drohen könnte, wenn man nicht...und wenn man statt…
Kurzum: er wurde also nicht müde zu mahnen vor jeder Art von Sachen, die man dann später sowieso machen muss, weil es dem Arbeitgeber nicht schnell genug geht, was er natürlich auch weiß und weswegen zwischen seinen Mahnungen und der Realität eine Kluft klaffte, die er als unsäglich bezeichnete.
Zwischendurch suchte er häufiger Kontakt zum dunkelhäutigen Mitstreiter.
„Hast du verstanden?“
Guineer: „Ein bisschen.“
„Hast du verstanden?“
„Guineer: Ein bisschen.“
Copy und Paste in Tonform.
Schlimmer war für mich ein ständig Einwürfe streuender Mitbürger, der alles wusste und alles kannte und der den Weg vom Transporttor zum Transportör eigentlich schon gemeistert zu haben glaubte, aufgrund gewisser Vorkenntnisse und Allwissen-heiten in sämtlichen Bereichen des Lebens.
Am nächsten Tag war es ganz früh, es regnete, es war noch dunkel und der Wind blies auf dem Hof gar arg zu praktischen Anfängen und Abschlussprüfungen.
Der eben erwähnte prahlhansende Hansdampf wurde schmalhansig und stellte sich weniger überragend an, vielleicht stellte er sich aber auch alles nur so einfach vor, wie er es schon hundert Mal erlebt hatte.
Vortägige Vermutungen, dass der Guineer mit Theorieprüfungsdurchfall nun nicht mehr kommt, entpuppten sich als falsch- wer nicht sofort, sondern mit einstündiger Verspätung aufschlug, war sein Mitazubikollege, der den fulminanten ELLESSE- Hoodie gegen ein brachiales OSTDEUTSCHLAND- Basecap eingetauscht hatte.
Die durchaus kritische Nachfrage, ob er verschlafen oder sich zeitlich vertan hätte, beantwortete jener mit:
„Ich musste heute früh erst mal kotzen.“
„War wohl gestern spät geworden?“„Ja.“
Wir gaben uns beim Durchqueren von Kegeln mit aufgehuckten Gitterboxen, leeren Bierkästen auf Europaletten („Die sind immer 800 mal 1200, glaubt mir!“) und dem Ein- und Ausladen in einen LKW- Anhänger und dem Auf- und Abstapeln dieser Dinge auf schwierigem Gefälle den letzten Schliff vor der anstehenden Prüfung.
Als komplett ambitionsfrei entpuppte sich niemand und so konnte unser Ausbilder seines Amtes walten und mit einer schwungvollen Unterschrift, die einem das Herz aufgehen ließ, auf den Urkunden bestätigen, dass wir auf dem Weg zur Selbstoptimierung eine weitere Hürde genommen, ja, man kann getrost sagen: einen Titel errungen haben.
Und anhand der geschulten Lärmbelastungswarnungen erfuhr ich darüber hinaus, dass der gewöhnliche Schneefall mit einem Lärmpegel von 10 Dezibel um die Ecke kommt.
Materialangelegenheiten
Als im Jahre 1924 Osram und Philips beschlossen, dass ihre Glühbirnen aller tausend Stunden kaputt gehen müssen, ahnten sie nicht, dass es knapp hundert Jahre später findige Gegner ihres (und inzwischen auf alle Wirtschaftsbereiche ausgeweiteten) organisierten Problems des ständigen Nachkaufenmüssens geben wird.
Die also ständigen Handyupdates, die das Handy langsamer machen und zu wiederum gekauften neuen und schnelleren Handys führen, die ausgeleierten Schraub- und Steckverbindungen, die zu Neuanschaffungen von Schraub- und Steckverbindungen beinhaltenden Sachen führen, die kurz nach Garantieablauf kaputt gehenden Bildschirme, die zu mit neuen Garantien ausgestatteten Bildschirmen führen, selbiges geltend für Abspielgeräte von Ton- und Bildträgern, Zeitmess- und Wiedergabegeräte, Haushaltsgegenstände mit und ohne Stromversorgung und darüber hinaus sämtlichen Verschleißdingen, die uns umgeben, den Kampf ansagen würden.
Vorerst springen jedoch gerade zwischen Black Friday und Totensonntag und um Weihnachten herum Konsumpioniere und Marktwirtschaftsstützer auf die von den Herstellern bereitgestellten Züge und müllen weiter ihre Wohnungen mit Dingen zu, die dem technischen Fortschritt und der aktuelle Mode Rechnung tragen.
Wenn aber die Gegner dieser Verbrauchsdiktatur zu Partnern in einzelnen Geschäftszweigen werden, kann sich das Blatt schnell wenden.
Schon jetzt malträtieren Konsumenten Anbieter mit Forderungen nach Serviceleistungen, die das eigentliche Produkt von seiner uneingeschränkten Macht (mit allem Für und Wider) befreien.So möchte doch gern nur Licht gekauft werden und nicht Glühbirne und Strom, so möchte man keinen Teppich, sondern Gehstunden auf diesem erwerben, keine Schreibtischmöbel dafür Sitz- und Tischstunden und gleich gar nicht Waschmaschinen, sondern Waschvorgänge.
Und da der Kunde König und der König von Verkäufern und Herstellern als dieser behandelt werden will, müssen sich diese auch zukünftig darauf einstellen.
Bis es aber so weit ist, werde ich weiter Untertan bleiben, der für kleines Geld einen Schwingsessel erwirbt, welcher sich nach dem Zusammenbau als mit viel zu kurz geratenen Armablageflächen entpuppt- einer Absage an die Gemütlichkeit demzufolge, die mir als Bucher „gemütlicher Schwingstunden“ vielleicht nicht passiert wäre.
Vorerst und bei näherer Betrachtung der Lage schwanke ich zwischen lobenswerter Materialressourceneinsparung zugunsten der Natur und einer verabscheuenswerten Materialreduktion zur Gewinnmaximierung.
Expressgüter
Filme
In unruhigen Träumen steige ich aus dem Expressgutwaggon eines Zuges auf dem Bahnhof Lengefeld- Rauenstein und zerre Miklos und Mortimer hinter mir her.
Wider Willen werde ich zur Attraktion der An- und Abreisenden, während den beiden das völlig egal zu sein scheint, sind sie doch nur Statisten in einem Film, der in meinem Kopf abläuft.Mein Bekannter Mirko (weder verwandt noch verschwägert mit Miklos und Mortimer) war neulich mit seiner Frau im Annaberger Kino einer von neun, beziehungsweise zwei von acht, Besuchern in einem brandaktuellen Horrorfilm.
Saalauslastung unter zehn Prozent.
Ziemlich ausgelastet dagegen waren die Expressgutwaggons zu DDR- Zeiten, und gerade der Transport von Filmen lief auf Hochtouren.
Nach Tiefenrecherchen meinerseits in Stapeln gelaufener Expressgutkarten vom Bahnhof Lengefeld- Rauenstein lagen die Kreisfilmstellen Werdau, Annaberg- Buchholz, Freiberg, Aue und der Gloria Filmpalast in letztgenannter Stadt ganz weit vorn im Empfang von Filmrollen.
Knapp gefolgt vom VE Lichtspielbetriebe Karl- Marx- Stadt.
Die Bezeichnung Lichtspiele in Sachen Kino gab es auch in Geyer, Jöhstadt, Bockau, Markersdorf, Oberwiesenthal, Pockau- Lengefeld, Hainichen, Seiffen, Geringswalde und Lugau.
Ein Lichtspielhaus stand in Schlettau und Volkslichtspiele waren in Wilkau- Haßlau, Waldenburg, Neumark und Scheibenberg angesiedelt.
Kreative Namenserweiterungen schrieben sich Limbach und Bärenstein zu (Apollo- Lichtspiele), ebenfalls Zöblitz und Pobershau mit Capitol- Lichtspiele.
Unvermeidlich die Kur Lichtspiele für Bad Elster, politisch angehaucht die Lichtspiele Roter Stern Gersdorf und Fortschritt Lichtspiele Oelsnitz/Vogtland, weltmännisch die Kosmos Lichtspiele Neuhausen, mondän die Astoria Lichtspiele in Gornsdorf und die Central Lichtspiele in Crottendorf.
Ein simples Klubhaus in Raschau erhielt genauso Filme wie die Theater der Freundschaft in Olbernhau, Schneeberg und Stollberg, zur Genesung wurden im Sanatorium Warmbad Vorführungen gegeben, während in der VEB Feinspinnerei Venusberg der eine und andere Streifen den gepeinigten Arbeitern Entspannung verschaffen sollte.
Dass Film und Theater nicht getrennt zu sehen sind, bewiesen die Filmtheater Marienberg, Siebenlehn und Elterlein.
Mit exotischer Bezeichnung begrüßte das Tivoli in Lunzenau, das Union Theater in Oederan und das Central Theater in Werdau seine Gäste.
Tauschpartner war in allen Fällen das Central Theater in Lengefeld, das über den eingleisigen Umschlagbahnhof Lengefeld- Rauenstein Filme empfing oder weiter reichte.
Dort, wo ich mit den zwei Ziegen auf dem mittlerweile leeren Bahnsteig stehe, die inzwischen ihren Unmut, ob dieser wiederkäuenden Segmentiererei von alten Verflechtungen, durch heftiges Schütteln ihres Hauptes bekunden.
Mann, bin ich froh, dass auf den Karten nicht noch die ganzen Filmnamen und ihre Hauptdarsteller vermerkt sind, Filmlänge, Regisseur, Erscheinungsjahr…
Geschmiedetes
Miklos und Mortimer zählt man zu den Pecora, zu Deutsch: Stirnwaffenträger, obwohl sie zwei überaus zahme und keineswegs krawallgebürstete oder gar kriegerisch veranlagte Ziegen sind.
Die Hörner sind halt da und sie können sich nicht dagegen wehren, sind faktisch von Geburt an gehörnt, im Gegensatz zu menschlichen Extrembodystylern, die sich Hörnerimplantate auf den Schädel schrauben lassen, um damit ihre Umwelt zu erschrecken.
Mit subdermalen Implantaten und Waffen hatte ein besonders reger Schmiedemeister aus Lippersdorf absolut nichts zu tun, behaupte ich jetzt mal kühn.
Denn laut Expressgutkarten verausgabte er sich auch an Feiertagen, um am ersten Mai 1969 drei Bunde Rohraufh. nach Dessau schicken zu können, kurz darauf am siebten Mai vier Bunde Rohraufh. nach Staßfurt in den VEB Maschinen- und Apparatebau folgen zu lassen und um letztendlich (und als wäre das noch nicht genug) mit drei Bunde derselben Sorte in Richtung VEB Mitteldeutscher Feuerungsbau nachzulegen.
Von den Rohraufh. (Aufhängern, vermutlich) nun zu Hängeankern aus der Schmiede des Schmiedemeisters aus Lippersdorf und nicht etwas aus der Klavierschmiede von Steinway & Sons, die Pianisten als die Beste weltweit erachten oder aus der Schmiede von Techno Superstar Sven Väth, der einen Raresh zum Wunderkind der Electro-Minimal-Techhouse-Szene formte, schmiedete, was auch immer.
Freuen über angesprochene Hängeanker durfte sich der VEB Maschinenbau Halle und die Buna- Werke in Leuna, wobei die drei Bunde Hängeanker mit 78 Kilogramm um sieben Kilo schwerer ins Gewicht fielen als die drei Bunde Rohraufh. zum VEB Feuerungsbau.
Günstig kam dagegen der VEB Chemieanlangenbau Erfurt- Rudisleben weg, der nur ein Bund Rohraufh. für viermarkachtzig Frachtgebühr nach 231 Kilometer Schienenweg in Empfang nehmen konnte. Der Vollständigkeit halber: Gewicht sechs Kilogramm.
Im selben Jahr ließ sich der VEB Feuerungsbau nicht lumpen und bestellte noch unverpackte Ösensch. in Lippersdorf, sieben Jahre später kam auch der VEB Kraftwerke Völkerfreundschaft Hagenwerder auf den Geschmack und orderte ein Bund Rohraufh. und nur paar Wochen später schien sich ein regelrechter Run in der Republik auf die Rohraufh. des Lippersdorfer Schmiedemeisters anzubahnen, denn selbst der VEB Vereinigte Sodawerke Bernburg kam nicht umhin, sich ein Bund zu gönnen.
Irgendwann bekam er Orden und eine Vorruhestandurkunde überreicht. Vermutlich ohne dass die Gratulanten wagten, sich seinem Händedruck von über zehn Bar auszusetzen.
Welpen
Ein anderer Bekannter von mir schwört auf Liebesschaukeln, behauptet zumindest eine zu besitzen und mit seiner Frau zu nutzen, immerhin zwei Einzelwürfe folgten, ob die diese dann zum Zwecke des Austobens auch mitbenutzen dürfen, weiß ich nicht, keine Antwort erhielt ich auf die Frage, ob die Schaukel neu oder gebraucht erworben wurde.
Bei seinen aberwitzigen Geizeskapaden durchaus berechtigt, weiterführend sogar interessant: wenn Vorbesitzer, dann hat man sie doch hoffentlich mal von Angesicht zu Angesicht gesehen, oder auf Bildern wenigstens.
Horst aus Reifland schickte Ende der sechziger Jahre Joachim aus Groß Kreuz ein Klappstühlchen. Väter unter sich und ihre Erfolgsnachrichten und Aussichten auf Kommendes.
Ein Klappbett aus dem FDGB- Heim Rauenstein fuhr nach Halle und diente fortan als Schlafstatt für einen Hallenser oder eine Hallenserin. Ohne dass ich es durch den Kakao ziehen möchte: mehr hat ein Klappbett auch nicht drauf.
Wer weiß, ob man überhaupt auf diesem Klappbett schlafen konnte, hart wie sonst was, schmal wie sonst was und Höllenlärm, wenn man seinen Körper nur zwei Millimeter hin und herschiebt. Da stand wahrscheinlich ganz Halle- Neustadt nachts in den Betten und in hunderten Schlafzimmerfenstern flammte Licht auf.
Aus den Schlaflaboren in die mit Flüssigkeiten und Säften. Die Tierarztpraxis sendete aus Untersuchungsgründen nicht näher bezeichnete Milch und nicht näher bezeichnetes Blut an das Tiergesundheitsamt in Karl-Marx-Stadt.
Einen ganzen Wurf mit fünf Welpen wurde auf einen Schlag eine Lengefelderin los und sendete sie im Verschlag an das Impfstoffinstitut in Roßlau, wo man schon mal die Spritzen aufzog.
Ein Lengefelder Bürger anderen Namens zog nach und schob vier süße Hündchen hinterher.
Empfänger ebenfalls das Institut in Roßlau.
Roßlau, schon jetzt ein Ort für mich, wo man mit gebrauchten Eheringen handelt, wo man verrußte Herzschrittmacher aus der Krematoriumsasche kratzt, um sie neu aufzubereiten und bedürftigen Einheimischen einzupflanzen.
Wäsche
Die volle Vielfalt an Verpackungsmitteln, die in Lengefeld- Rauenstein aufgegeben oder in Empfang genommen wurden, entfaltete sich in der Rubrik Wäsche.
Da stopfte man Koffer, Reisekörbe und Kartons mit Kleidung, Bekleidung, Bekleidungsstücken, Garderobe und Wäsche voll, und wenn das noch nicht reichte und noch Platz war, fügte man ein Paket (!) Kartoffeln hinzu.
Richard B. aus Lengefeld war dieses Ungeheuer, der sich selbst in Bad Doberan multiversorgte.
Garderobe und Kartoffeln- ich fasse es nicht.
