Straße der Schatten - Jennifer Donnelly - E-Book

Straße der Schatten E-Book

Jennifer Donnelly

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8,99 €

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  • Herausgeber: Piper ebooks
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

Ein rätselhafter Tod und eine Suche in den dunkelsten Stunden in den Straßen von New York - ein spannender historischer Kriminalroman aus der Feder von Bestseller-Autorin Jennifer Donnelly 1890, New York City. Für Josephine Montfort, die aus einer wohlhabenden New Yorker Handelsfamilie stammt, scheint das Leben vorgezeichnet: Nach der Schule eine arrangierte Ehe, Kinder und ein ruhiges, häusliches Leben. Aber Josephine hat andere Pläne: Sie möchte als Journalistin auf das Leben der weniger Privilegierten aufmerksam machen. Doch eine Familientragödie reißt sie jäh aus ihren Träumen – ihr Vater stirbt zu Hause durch seine eigene Waffe. Josephine glaubt nicht an einen Unfall und der attraktive Journalist Eddie Gallagher bestärkt sie in ihrem Verdacht. Zu zweit beginnen sie eine Spurensuche, die sie in die zwielichtigsten und gefährlichsten New Yorker Viertel führt – und setzen dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel …

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Übersetzung aus dem Amerikanischen

von Ulrike Budde

 

© dieser Ausgabe, Piper Verlag GmbH, 2020

© Jennifer Donnelly 2015

© Die amerikanische Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »These Shallow Graves«; bei Delacorte Press/Random House, New York

Deutschsprachige Ausgabe:

© Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2015

Zitat in Kapitel 59 aus:

Der Mikado, Operette von William Schwenck Gilbert und Arthur Seymour Sullivan; deutsche Textfassung: Bettina Bartz. Verlag: Hartmann & Stauffacher, Köln.

© Hartmann & Stauffacher GmbH, Verlag für Bühne, Film, Funk und Fernsehen, zuvor bei Whale Songs, Hamburg. Zitat mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Covergestaltung: Mediabureau Patrizia Di Stefano

Covermotiv: Malgorzata Maj/Arcangel Images; Maren Becker/Arcangel Images

 

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Inhalt

Cover & Impressum

DARKBRIAR-SANATORIUM, NEW YORK CITY

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SPARKWELL’S INSTITUT FÜR JUNGE DAMEN, FARMINGTON, CONNECTICUT

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Epilog

CHELSEA

DARKBRIAR-SANATORIUM, NEW YORK CITY

29. November 1890

Josephine Montfort starrte auf den frischen Grabhügel, auf das Holzkreuz und den Namen.

»Da liegt er drunter. Kinch. Den sucht ihr doch«, sagte Flynn, der Totengräber, und deutete auf das Kreuz. »Am Dienstag gestorben.«

Am Dienstag, dachte Jo. Vor vier Tagen. Bestimmt hat die Verwesung schon eingesetzt. Und auch der Gestank.

»Ich hätte jetzt gern mein Geld«, sagte Flynn.

Jo stellte ihre Laterne ab, zog Geldscheine aus der Manteltasche und zählte sie Flynn auf die Hand.

»Wenn euch einer hier draußen erwischt, bist du mir nie begegnet. Klar, Mädchen?«

Jo nickte. Flynn steckte die Scheine ein und stapfte in die Dunkelheit davon. Mondlicht ergoss sich über die Reihen der Gräber und die schemenhaft aufragenden Gebäude der Irrenanstalt. Dünn und gespenstisch stieg nächtliches Geheul auf.

Plötzlich verließ Jo ihr Mut.

»Mach mal Platz, Jo. Das erledigen jetzt wir, Oscar und ich«, sagte Eddie.

Er stand ihr gegenüber, auf der anderen Seite des Grabhügels. Mehr sagte er nicht, als sich ihre Blicke trafen. Er musste nichts sagen. Sein herausfordernder Blick sprach Bände.

Wie ist das alles passiert? Wie bin ich hierhergekommen?, fragte sich Jo. Sie wollte das hier jetzt nicht machen. Sie wollte zu Hause sein. In ihrer komfortablen, behüteten Stadtvilla am Gramercy Square, in Sicherheit. Wäre sie doch nie Eddie Gallagher begegnet. Dem Tailor. Madame Esther. Oder Fairy Fay. Aber vor allem hätte sie am liebsten niemals etwas von dem Mann erfahren, der jetzt fast zwei Meter tief vor ihr in der Erde lag.

»Warte an der Gruft. Geh dahin zurück«, sagte Eddie. Nicht einmal unfreundlich.

Jo lachte. Zurückgehen? Wie denn? Es gab kein Zurück. Nicht in ihr altes Leben der Salons und Tanzsäle. Nicht zu Miss Sparkwell ins Pensionat. Nicht zu ihren Freundinnen oder zu Bram. Diese ganze Geschichte hier hatte längst alle Grenzen gesprengt.

»Jo …«

»Du wartest an der Gruft, Eddie«, sagte Jo knapp.

Eddie schnaubte. Er warf ihr eine Schaufel zu. Jo zuckte zusammen, als sie sie auffing, und begann dann zu graben.

1

SPARKWELL’S INSTITUT FÜR JUNGE DAMEN, FARMINGTON, CONNECTICUT

17. September 1890

»Trudy, sei bitte so lieb und lies mal für mich über diese Geschichten«, sagte Jo Montfort und breitete auf einem Teetisch Artikel für die Schulzeitung aus. »Fehler kann ich nicht leiden.«

Gertrude van Eyck, ein blonder Lockenkopf mit Grübchen, blieb abrupt mitten im Gemeinschaftsraum stehen. »Woher weißt du, dass ich es bin? Du hast doch gar nicht hergeschaut!«

»Duke hat’s mir verraten«, antwortete Jo. Die Cameos von Duke rauchte Trudy am liebsten.

Trudy schnupperte an ihrem Ärmel. »Rieche ich etwa?«

»Riechen ist gar kein Ausdruck. Was hält eigentlich Gilbert Grosvenor davon, dass du Zigaretten rauchst?«

»Gilbert Grosvenor weiß nichts davon. Weder von den Zigaretten noch von der Flasche Gin unter meinem Bett und auch nichts von dem schrecklich süßen Jungen, der die Äpfel liefert«, zwinkerte Trudy.

»Eine von Farmington sollte nicht so ordinär reden, Gertrude, das passt einfach nicht«, ereiferte sich Libba Newland, die mit ihrer Freundin May Delano in der Nähe saß.

»Diese Fransen passen aber genauso wenig zu einer von Farmington, Lib«, sagte Trudy mit einem Seitenblick auf Libbas unordentlich gekringelte Stirnlocken.

»Ich krieg das halt nicht hin!«, antwortete die beleidigt.

»Das wird nie etwas bei dir«, sagte Trudy selbstgefällig.

»Sei nicht so ekelhaft, und lies hier jetzt mal drüber, Tru«, sagte Jo. »Ich muss morgen abgeben.«

Trudy setzte sich an den Tisch und nahm ein Törtchen mit Marmelade von Jos Teller. Es war drei Uhr – Teezeit in dem Pensionat –, und der Gemeinschaftsraum füllte sich mit Studentinnen, die eine Pause machten. Alle unterhielten sich und aßen, außer Jo, die noch einiges am Layout der aktuellen Ausgabe der Jonquil korrigierte.

»Was haben wir denn in dieser Woche?«, fragte Trudy. »Den üblichen Unsinn?«

Jo seufzte. »Ich fürchte, ja. Ein Artikel über die richtige Art, Tee zu kochen. Ein Gedicht über kleine Kätzchen. Miss Sparkwells Eindrücke aus dem Louvre und Tipps, wie man Sommersprossen bleichen kann.«

»Du liebe Güte. Sonst noch was?«

Jo zögerte, machte es spannend. »Doch, es gibt da etwas. Eine Geschichte über die Ausbeutung von jungen Arbeiterinnen in der Textilfabrik von Fenton«, sagte sie und gab ihrer Freundin einen der Artikel.

»Ha! Das soll wohl ein Witz sein, Liebe!«, erwiderte Trudy lächelnd. Doch ihr Lächeln verschwand, als sie die ersten Zeilen las. »O Gott, du hast das ernst gemeint.«

Trudy las gefesselt weiter, und Jo beobachtete sie gespannt. Jo war in der Abschlussklasse und hatte schon in den vergangenen drei Jahren für die Jonquil geschrieben, aber dies hier war ihre erste wichtige Geschichte. Sie hatte hart daran gearbeitet. War einige Risiken dafür eingegangen. Wie eine richtige Reporterin.

»Und, was meinst du?«, fragte sie neugierig, als ihre Freundin alles gelesen hatte.

»Ich glaube, du hast den Verstand verloren«, antwortete Trudy.

»Aber findest du das gut?«, fragte Jo drängend.

»Sehr gut.«

Jo, die auf der Stuhlkante gesessen hatte, sprang hoch und fiel Trudy mit einem breiten Grinsen um den Hals.

»Aber darum geht’s überhaupt nicht«, meinte Trudy ernst, nachdem Jo sich wieder gesetzt hatte. »Wenn du Sparky das Layout gibst und dieser Artikel ist drin, bist du dran. Eine Woche Arrest und ein Brief nach Hause.«

»So schlecht ist der Text doch nicht. Die von Nellie Bly sind viel provokanter«, sagte Jo.

»Du vergleichst dich mit Nellie Bly?«, fragte Trudy ungläubig. »Muss ich dich daran erinnern, dass sie als Frau ein Skandal ist, eine Reporterin, die im Leben anderer Leute herumschnüffelt und niemals einen anständigen Mann heiraten wird? Du allerdings bist eine Montfort, und die Montforts verheiraten sich. Und zwar früh und gut. Darum geht es.«

»Diese Montfort wird ein bisschen mehr tun«, erklärte Jo. »Beispielsweise Artikel für Zeitungen schreiben.«

Trudy hob eine perfekt geformte Augenbraue. »Ach ja? Weiß deine Mutter davon?«

»Eigentlich nicht. Noch nicht«, räumte Jo ein.

Trudy lachte. »Du meinst wohl: niemals. Jedenfalls wenn du nicht in einem Kloster enden willst, weggesperrt, bis du fünfzig bist.«

»Tru, von dieser Geschichte muss man berichten«, entgegnete Jo voller Leidenschaft. »Diese armen Mädchen werden ausgebeutet. Sie schuften hart und verdienen wenig. Eigentlich wie Sklaven.«

»Jo, bitte. Woher willst du das denn wissen?«

»Ich habe mit einigen gesprochen.«

»Hast du nicht.«

»O doch. Am Sonntag. Nach dem Gottesdienst.«

»Aber nach der Kirche bist du gleich auf dein Zimmer gegangen. Du hast gesagt, du hättest Kopfweh.«

»Und dann bin ich aus dem Fenster gestiegen und runter zum Fluss gegangen. Zu einer der Pensionen dort.« Jo senkte ihre Stimme. Sie wollte nicht, dass irgendjemand lauschte. »Ein Bauer hat mich ein Stück weit auf seinem Karren mitgenommen. Ich habe mit drei Mädchen gesprochen. Eine war siebzehn, so alt wie wir. Tru, die anderen waren noch jünger. Zehn Stunden am Tag stehen sie an diesen höllischen Webstühlen. Immer wieder verletzt sich jemand. Der Umgangston ist total grob und manchmal … passiert etwas. Man hat mir gesagt, dass es Mädchen gibt, die sich auf üble Typen einlassen und dann vom rechten Weg abkommen.«

Trudy riss die Augen auf. »Josephine Montfort. Glaubst du im Ernst, dass Mr Abraham Aldrich damit einverstanden wäre, wenn seine Zukünftige überhaupt etwas darüber weiß, dass es solche gefallenen Mädchen gibt, geschweige denn, dass sie darüber schreibt? Die zukünftige Mrs Aldrich muss rein sein, an Körper und Geist rein. Nur Männer sollten etwas über …«, jetzt senkte auch Trudy ihre Stimme, »… über Sex wissen. Wenn sich herumspricht, was du getan hast, musst du nicht nur die Schule hier verlassen, du kannst auch den begehrenswertesten Junggesellen von New York abschreiben. Überleg doch mal, um Gottes willen. Kein Fabrikmädchen, egal ob gefallen oder nicht, ist die Millionen der Aldriches wert!«

May Delano schaute von ihrer Lektüre hoch. »Was ist ein gefallenes Mädchen?«, fragte sie.

Jo stöhnte.

»Egal«, sagte Trudy.

»Sag schon«, drängte May.

»Na, dann«, antwortete Trudy und drehte sich zu May um. »Ein Mädchen mit Kind, aber ohne Ehemann dazu.«

May lachte. »Was du schon wieder redest, Trudy Van Eyck. Der Storch bringt die Babys erst nach der Hochzeit, nicht davor.«

»Komm, May, wir gehen«, sagte Libba Newland und sah Trudy giftig an. »Der Gemeinschaftsraum wird mir ein wenig zu gewöhnlich.«

»Ich wette um einen Dollar, dass Lib das bei Sparky petzt«, prophezeite Trudy, während die beiden gingen. »Ich habe gerade einen Arrest wegen Rauchen hinter mir. Jetzt hast du mir wieder einen eingebrockt!«

Jo nahm ihren Text wieder an sich, enttäuscht von Trudys mangelnder Begeisterung für ihre Geschichte. Wenn doch Trudy sie verstehen würde! Wenn irgendjemand sie verstehen würde! Sie hatte Blys Buch Zehn Tage im Irrenhaus gelesen und von Jacob Riis Wie die andere Hälfte lebt, und beide hatten sie sehr berührt. Erschüttert las sie darin vom Leid der Armen und beschloss, dem Beispiel dieser zwei Journalisten zu folgen, wenn auch nur mit ihren bescheidenen Mitteln.

Sie dachte an die Mädchen in der Textilfabrik, mit denen sie gesprochen hatte. So abgrundtief müde hatten sie ausgesehen. Ihre Gesichter bleich wie Milch, dunkle Ringe unter den Augen. Sie hatten die Schule abbrechen und in die Fabrik zum Arbeiten gehen müssen. Miteinander sprechen und zur Toilette durften sie nur in den Essenspausen. Eine sagte ihr, dass sie abends kaum nach Hause laufen konnte, weil ihre Beine nach dem langen Stehen so schmerzten.

Ihre Geschichten machten Jo traurig – und erfüllten sie mit einem glühenden Zorn. »Trudy, wieso bin ich Redakteurin der Jonquil geworden?«, fragte sie unvermittelt.

»Keine Ahnung«, antwortete Trudy. »Du hättest in den Chor gehen sollen. Sogar dir dürfte es nicht schwerfallen, Come Into the Garden, Maud zu singen.«

»Also, dann sag ich es dir.«

»Wusste ich’s doch«, meinte Trudy trocken.

»Ich hab das gemacht, weil ich meine Leserinnen informieren will. Weil ich diesen Schleier zerreißen möchte, der die Ungerechtigkeiten um uns herum verbirgt«, sagte Jo immer lauter. »Wir haben die Möglichkeiten dazu, und uns hört man zu, und das müssen wir einsetzen für diejenigen, die das alles nicht zur Verfügung haben. Aber wie sollen wir ihnen helfen, wenn wir nichts über sie wissen? Und wie können wir etwas über sie erfahren, wenn niemand darüber schreibt? Ist es denn so falsch, wenn man etwas wissen möchte?«

Als sie geendet hatte, drehten sich einige Mädchen in dem Raum nach ihr um und glotzten sie an. Sie starrte zurück, bis sie wieder wegschauten. »Diese Fabrikmädchen leiden«, sagte sie nun etwas ruhiger, doch immer noch voller Mitgefühl. »Sie sind so unglaublich unglücklich.«

Trudy nahm ihre Hand. »Liebste Jo, niemand ist mieser dran als wir. Wir beide, du und ich, sind noch nicht verlobt. Wir sind dumme Fräuleins. Bedauernswerte Niemande. Allein dürfen wir nirgendwo hingehen. Wir dürfen weder mit dem, was wir sagen, noch wie wir uns kleiden oder mit öffentlich gezeigten Gefühlen zu sehr auffallen, weil wir sonst einen möglichen Verehrer abschrecken könnten. Wir dürfen kein eigenes Geld haben und vor allem …«, und hier drückte sie Jos Hand ganz fest, »keine eigene Meinung.«

»Geht dir das nicht auf die Nerven, Trudy?«, fragte Jo niedergeschlagen.

»Natürlich tut es das! Deshalb will ich so schnell wie möglich heiraten.« Sie sprang auf, schlug einen imaginären Fächer auf und stolzierte herum wie eine Dame der feinen Gesellschaft. »Wenn ich erst Frau Gilbert Grosvenor bin und glücklich mein großzügiges Heim in der Fifth Avenue bezogen habe, werde ich nur noch tun, wozu ich Lust habe. Ich sage, was ich will, lese, was ich will, und jeden Abend gehe ich in Seide und Diamanten gewandet aus und lächle aus meiner Loge in der Met meinen Verehrern zu.«

Jetzt hob Jo eine Augenbraue. »Und Mister Gilbert Grosvenor? Wo ist der dann?«

»Zu Hause. Sitzt gemütlich am Kamin mit einer Ausgabe vom Wall Street Journal«, sagte Trudy und machte Gilberts unendlich langweiligen Gesichtsausdruck nach.

Jo lachte, obwohl ihr gar nicht danach war. »Ich werde nie verstehen, wie man dich bei der Hauptrolle im Schultheater übergehen konnte. Du gehörst auf die Bühne.«

»Man hat mich nicht übergangen, besten Dank dafür. Man hat mir die Hauptrolle angeboten, aber ich habe abgelehnt. Mr Gilbert Grosvenor findet Theater furchtbar.«

Einen Moment lang vergaß Jo ihren eigenen Kummer. Sie kannte Gilbert. Er war eingebildet, mäkelte viel herum, mit zwanzig Jahren schon ein alter Mann. Stinkreich war er auch.

»Wirst du ihn wirklich heiraten?«, fragte sie. Sie konnte sich die schöne, lebhafte Trudy genauso wenig als Gilberts Gattin vorstellen wie die Paarung einer Hummel mit einer Kröte.

»Aber ja. Warum denn nicht?«

»Weil du … du wirst …«, sie konnte das nicht aussprechen.

»Mit ihm ins Bett gehen müssen?«, ergänzte Trudy.

Jo wurde rot. »Das wollte ich nicht sagen!«

»Aber du hast es gemeint.«

Trudy sah aus einem der Fenster. Ihr Blick wanderte über die Rasenflächen zu den Wiesen weiter draußen, dann noch weiter, in eine Zukunft, die nur sie erkennen konnte.

»Nachts ein bisschen unangenehmes Herumgetue, im Gegenzug dafür entspannte Tage. Kein ganz schlechtes Geschäft«, meinte sie und lächelte dabei kläglich. »Einige hier sind nicht so gut gestellt wie andere. Mein Papa bringt kaum das Geld für die Schulgebühren auf, und bei den Rechnungen für die Schneiderin wird es ganz eng. Davon einmal abgesehen, mache ich mir nicht um mich Sorgen. Sondern um dich.« Trudy wandte sich wieder Jo zu. »Du kennst die Regeln. Sieh zu, dass du dir einen angelst, danach kannst du tun, was du willst. Aber bis du einen Mann hast, lächle wie blöd und sprich über Tulpen, aber bloß nicht über Fabrikmädchen!«

Jo wusste, dass Trudy recht hatte. Sparky wäre entsetzt, wenn sie erführe, was Jo getan hatte. Ebenso entsetzt wären ihre Eltern, die Aldriches und der ganze Rest von New York. Ihr New York jedenfalls – das alte New York. Wohlerzogene Mädchen aus guten Familien wurden in die Gesellschaft eingeführt, wurden verheiratet und kehrten wieder zurück, zurück in die Salons, zu den Dinnerpartys und Tanzabenden. Sie zogen nicht hinaus in die gefährliche, schmutzige, weite Welt, um als Reporterinnen – oder überhaupt als irgendetwas – zu arbeiten.

Die Jungs dagegen mussten raus in die Welt. Reporter konnten auch sie nicht werden – eine viel zu anrüchige Tätigkeit für einen Gentleman –, aber sie konnten eine Zeitung besitzen, Geschäftsmann werden, als Rechtsanwalt arbeiten, Pferde züchten, sich für die Landwirtschaft interessieren oder eine Aufgabe in der Regierung übernehmen, wie die Jays und die Roosevelts. Jo wusste das genau, konnte es aber nicht akzeptieren. Das war alles so eng, wie die Korsettstangen, die ihren Körper einzwängten.

Wieso, fragte sie sich jetzt, können Jungs alles Mögliche tun und werden, und Mädchen können immer nur zuschauen?

»Jo?«

Jo sah auf. Vor ihr stand Arabella Paulding, eine Mitschülerin.

»Du sollst zu Sparky in ihr Büro kommen«, sagte sie. »Sofort.«

»Weswegen?«, fragte Jo.

»Hat sie nicht gesagt. Sie hat mir aufgetragen, dich zu suchen und dir das auszurichten. Gefunden habe ich dich, also geh.«

»Libba hat gepetzt«, sagte Trudy ahnungsvoll.

Jo nahm ihre Papiere und war etwas beunruhigt wegen des Gesprächs mit der Direktorin. Jetzt ging es ihr an den Kragen.

»Mach dir keine Sorgen, Liebe«, sagte Trudy. »Du bekommst nur ein paar Tage Arrest, da bin ich sicher. Es sei denn, Sparky wirft dich von der Schule.«

»Du bist ja so eine Hilfe, ehrlich.«

Trudy lächelte betrübt. »Was soll ich denn sonst sagen? Ich rauche einfach gern. Das kann Sparky verzeihen. Du dagegen möchtest unbedingt ganz viel wissen. Und das verzeiht einem Mädchen niemand.«

2

Jo verließ eilig die Hollister-Halle, überquerte den Rasen und betrat Haus Slocum, in dem sich das Büro der Direktorin befand. Ein großer, golden gerahmter Spiegel im Foyer fing ihr Bild ein, als sie vorbeilief: ein schlankes Mädchen in einem langen braunen Rock, einer Nadelstreifenbluse und Schnürstiefeln. Ihr wogendes schwarzes Haar hatte sie über ihrer hohen Stirn und dem auffallend hübschen Gesicht mit den lebhaften grauen Augen zu einem Dutt hochgesteckt.

»Du wärst eine Schönheit«, hatte ihre Mutter schon oft zu ihr gesagt, »wenn du nur nicht immer so finster dreinblicken würdest.«

»Ich blicke nicht finster drein, Mama, ich denke nach«, antwortete Jo jedes Mal.

»Lass es einfach sein. Es sieht nicht gut aus«, sagte ihre Mutter darauf.

Vor der Tür von Miss Sparkwells Büro blieb Jo stehen und stärkte sich innerlich für eine ordentliche Standpauke. Sie klopfte.

»Herein!«, rief eine Stimme.

Jo trat ein und rechnete eigentlich damit, dass die Direktorin sie sehr ernst ansehen würde. Sie war jedoch nicht darauf vorbereitet, dass Miss Sparkwell am Fenster stand und ihre Augen mit einem Taschentuch betupfte. Hatte der Artikel über die Fabrikmädchen sie so aufgebracht?

»Miss Sparkwell, ich weiß nicht, was Libba Ihnen gesagt hat, aber der Artikel gehört wirklich in diese Ausgabe«, ging Jo gleich zum Angriff über. »Es ist höchste Zeit, dass die Jonquil ihren Leserinnen etwas anspruchsvolleren Stoff bietet als Gedichte über Kätzchen.«

»Meine Liebe, ich habe dich nicht kommen lassen, um über die Jonquil zu sprechen.«

»Nicht?«, erwiderte Jo überrascht.

Miss Sparkwell legte eine Hand über ihre Brauen. »Mr Aldrich, darf ich Sie bitten? Ich – ich sehe mich außerstande«, sagte sie mit heiserer Stimme.

Jo drehte sich um und sah erstaunt, dass auf dem Sofa zwei ihrer ältesten Freunde saßen: Abraham Aldrich und seine Schwester Adelaide. Sie hatte sich so auf die Verteidigung ihres Artikels konzentriert, dass sie die beiden überhaupt nicht bemerkt hatte.

»Bram! Addie!«, rief sie und lief auf sie zu. »Was für eine schöne Überraschung! Aber ihr hättet mir sagen sollen, dass ihr kommt, dann hätte ich etwas anderes angezogen als meine Schuluniform. Ich hätte …« Sie unterbrach sich, als ihr auffiel, dass die beiden ganz in Schwarz gekleidet waren. Kalte Furcht ergriff sie.

»Ich fürchte, wir bringen schlechte Neuigkeiten, Jo«, sagte Bram und stand auf.

»Oh, Jo, bitte sei jetzt tapfer, meine Liebe«, wisperte Addie und erhob sich ebenfalls.

Mit wachsender Furcht schaute Jo die beiden an. »Ihr macht mir Angst. Sagt mir bitte um Himmels willen, was los ist.« Und dann wusste sie es: Mr Aldrich war schon seit einiger Zeit nicht mehr recht gesund gewesen. »O nein. Ach, Bram. Addie. Ist etwas mit eurem Vater passiert?«

»Nein, Jo, nicht mit unserem«, erwiderte Addie ruhig. Sie ergriff Jos Hand.

»Nicht mit eurem? Ich … das verstehe ich nicht.«

»Jo, dein Vater ist nicht mehr«, sagte Bram. »Es war ein Unfall. Gestern Nacht hat er in seinem Arbeitszimmer einen Revolver gereinigt, und da hat sich ein Schuss gelöst. Addie und ich bringen dich jetzt nach Hause. Wir holen deine Sachen und dann …«

Doch Jo hörte nicht mehr, was er noch sagte. Das Zimmer drehte sich in einem Wirbel und zerplatzte. Einige Sekunden lang konnte sie weder atmen noch sprechen. Ihr Vater sollte tot sein? Wie konnte das sein? In ihrem Leben war so vieles sicher und klar, doch er war die unverrückbare Größe. Und jetzt sagte Bram, dass er nicht mehr da sei … für immer fort …

Unter ihren Füßen versank die Welt.

»Jo? Kannst du mich hören? Josephine, schau mich an.« Bram legte beruhigend eine Hand auf ihren Arm.

Der Klang seiner Stimme holte sie zurück und erinnerte sie daran, dass man in ihren Kreisen keine öffentlichen Gefühlsausbrüche zeigte. Öffentlich war für eine Aldrich oder Montfort jede Örtlichkeit außerhalb des eigenen Schlafzimmers.

»Geht es?«, fragte er.

Jo gelang es, zu antworten. »Ja, danke.« Sie zwang sich, weiterzusprechen. »Ich bin gleich bereit. Ich muss nur ein paar Dinge einpacken. Bitte entschuldigt mich.«

»Ich komme mit«, sagte Addie. Sie nahm Jos Arm und führte sie aus dem Zimmer. Gemeinsam gingen sie zum Wohnhaus der Schülerinnen. »Wir versuchen, den Zug um fünf nach fünf zu erreichen. Mit dem sind wir noch vor Einbruch der Dunkelheit am Grand Central. Auf keinen Fall sollten wir später ankommen. Viel zu gefährlich. Diese Stadt ist einfach nichts mehr für unsereinen. Viel zu viele Ausländer, Kriminelle und Büromädchen.«

Addies Geplapper drang kaum zu Jo durch. Sie war benommen und setzte mühsam einen Fuß vor den anderen, nahm kaum die Rasenflächen, die Gebäude wahr. Gerade eben erst war sie hier entlanggegangen und erkannte das alles jetzt fast nicht mehr. Innerhalb von einem Herzschlag hatte sich alles verändert.

Das Wohnheim war verlassen. Die Schülerinnen waren in ihren Arbeitsgruppen oder in der Bibliothek. Addie öffnete die Tür zu Jos Zimmer. »Komm, hier haben wir Ruhe, niemand wird uns stören. Wenn du willst, kannst du jetzt weinen, niemand wird das mitbekommen.«

Jo setzte sich auf ihr Bett, ganz steif in ihrem Schock. Sie erwartete, in Tränen auszubrechen, doch nichts geschah.

Addie suchte nach Jos Koffer, doch Jo hielt sie davon ab. »Wir müssen nichts einpacken. Ich habe genug Kleidung zu Hause. Wenn du mir nur meinen Mantel, die Handschuhe und den Hut geben könntest?«

»Du bist ein tapferes Mädchen. Hältst deine Tränen zurück«, sagte Addie. »Aber so ist es ganz sicher besser. Keine roten Augen am Bahnhof. Kein Anlass für das ungewaschene Pack, dich anzuglotzen.«

Jo nickte schwerfällig. Addie täuschte sich, doch Jo ließ sie in ihrem Glauben. Sie hielt keine Tränen zurück; es kamen einfach keine. Sie wünschte sich zutiefst, weinen zu können, doch es ging nicht.

Etwas presste ihr Herz zusammen – wie das Korsett, das ihre Taille schnürte –, und es brach doch auseinander.

3

»Menschen sterben. Das passiert jeden Tag«, ließ Mrs Cornelius G. Aldrich III. verlauten. »Deshalb muss man unbedingt viele in die Welt setzen.«

Der Leichenschmaus zu Charles Montforts Beerdigung war eine sittsame, wenn auch langweilige Veranstaltung – jedenfalls so lange, bis Mrs Aldrich III. eintraf.

»Noch eine Tasse Tee, Grandma?«, fragte Addie Aldrich und hob die Teekanne von einem niedrigen Tisch vor ihr.

»Auf keinen Fall! Du hast mich schon dreimal gefragt! Der junge Beekman da drüben, frag den, ob er noch etwas will. Du bist ja wohl noch nicht vergeben, Mädchen, oder?«, bellte Grandma.

Addie wurde rot und stellte die Teekanne ab. Grandma thronte im Salon der Montforts in einem Ohrensessel und wandte sich jetzt wieder Jos Tante Madeleine Montfort zu, die ihr gegenübersaß. Auf einem Sofa zwischen den beiden älteren Frauen saßen Addie und Jo dicht nebeneinander in einem Berg von Kissen.

»Mir ist durchaus bewusst, dass die Familie einen Verlust erlitten hat, das ist keine Frage. Aber ich sehe nicht ein, warum man deshalb eine Verlobung aufschieben soll«, sagte Grandma gereizt. Sie nahm einen Keks von einem Teller und verfütterte ihn an den Spaniel auf ihrem Schoß. »Diese Mädchen von heute. Ich verstehe sie nicht. Heiraten erst, wenn sie zwanzig sind und haben dann so kleine Familien!«

Jo starrte vor sich hin und begriff nur schemenhaft, dass Grandma über sie sprach, über Bram und die Hochzeit. Anscheinend hätte er wohl demnächst um ihre Hand angehalten, doch das wurde nach dem Tod ihres Vaters erst einmal vertagt.

Sollte ich aufgeregt sein?, fragte sie sich. Angesichts der Situation fiel ihr das schwer, doch das wäre unter anderen Umständen kaum anders gewesen. Ein Heiratsantrag von Bram Aldrich hätte sie nicht überrascht. Solange Jo denken konnte, gingen alle davon aus, dass sie beide einmal heiraten würden. Erst im vergangenen Sommer hatte sie zufällig mitbekommen, wie ihre Mutter und ihre Tante sich im Wintergarten darüber unterhielten.

»Ein Aldrich wäre eine sehr vorteilhafte Partie, Anna«, sagte Tante Madeleine. »Bram ist ein netter junger Mann, und die Familie steht wirklich gut da. Umso mehr …«

»Besser als wir?«, unterbrach Jos Mutter sie scharf.

»Ja«, antwortete Madeleine. »Verzeih, aber über diese Dinge muss man sprechen. Das heißt jedoch nicht, dass sie Neureiche sind. Ich meine bloß, dass es Jo, falls sie Bram heiratet, niemals an etwas mangeln würde.«

»Das sehe ich auch so, Maddie, und ich bin durchaus für diese Verbindung, aber behalte das bitte noch für dich. Es wäre nicht so gut, wenn Grandma denkt, dass alles immer nach ihrem Willen geht«, antwortete Jos Mutter. »Ich möchte erst wissen, was Brams Vater dem jungen Paar zugedacht hat. Grandma hat ja unter ihrem Stand geheiratet. Sie hatte keine andere Wahl. Ihr Vater hatte seine Erbschaft verprasst. Seitdem versucht sie, ihre Familiengeschichte wieder mit vornehmer Verwandtschaft anzureichern. Ihren Sohn hat sie mit einer Van Rensselaer verheiratet, und für ihren Enkel wünscht sie sich jetzt eine Montfort. Die Aldriches sind eine ordentliche Familie, aber bei Weitem nicht so alt oder vornehm wie wir. Jo könnte problemlos auch einen Roosevelt oder einen Livingston heiraten, und das sollte Grandma nicht vergessen.«

Genau in diesem Moment kam Theakston, der Butler, mit einem Tablett in die Halle, und Jo musste zu ihrem Bedauern schnell verschwinden, damit er sie nicht beim Lauschen ertappte. Noch einen Moment länger und sie hätte erfahren, was sie unbedingt wissen wollte: Liebte Bram sie?

Jos Mutter und ihre Tante hatten tatsächlich ihr Stillschweigen über ihre Ansichten zu der möglichen Heirat gewahrt – zumindest sprachen sie nicht mit ihr –, der Rest der Familie redete jedoch trotzdem darüber. Vor allem Grandma.

Andererseits wälzte Grandma andauernd Heiratspläne. Sie war die Matriarchin und Herrscherin des Aldrich-Clans, eine geborene Livingston. In ihren Adern floss das Blut einiger der besten Familien von New York. Mit allen, die irgendwie Einfluss hatten, war sie verwandt, und alle diese Leute nannten sie Grandma. Ihr ganzes Herz hing an Herondale, einem Anwesen am Hudson River, das ihr Vater ihr zur Hochzeit geschenkt hatte, und nach Manhattan fuhr sie nur, wenn es unbedingt sein musste. Herondales Wälder und Wiesen waren ihr viel lieber als Hochhäuser und Straßenverkehr.

»Und ich verstehe auch nicht, Maddie, dass der jungen Generation die Blutsverwandtschaften so völlig gleichgültig sind«, fuhr Grandma fort. »Die Jüngste von Margaret DeWitt heiratet einen Whitney. Von denen habe ich noch nie etwas gehört! Der Vater von dem Jungen ist in der Politik, das schon. Für so ein neureiches Mädchen wäre der gerade richtig. Aber für eine DeWitt?« Angewidert schüttelte sie den Kopf. »Und das junge Ding hat sehr gute Hüften, das Kinderkriegen wird ihr so leichtfallen wie einem schottischen Hochlandrind.«

Madeleine erbleichte. Die Teetasse rutschte ihr aus den Fingern und landete scheppernd auf der Untertasse. »Grandma, wie geht es eigentlich dem anderen von Ihren Spaniels? Suki heißt sie doch, nicht wahr? Wo ist sie denn? Sie ist doch hoffentlich nicht krank?«

»In keiner Weise. Habe ich dir das nicht erzählt? Die ist endlich trächtig«, erzählte Grandma freudestrahlend. »Viermal habe ich sie mit Good King Harry zusammengebracht, dem Hund von Anna Rhinelander. Ich hatte sie schon fast aufgegeben, aber jetzt wird sie im nächsten Monat werfen. Wenn es mit den Töchtern auch so einfach wäre, nicht wahr, Maddie? So eine läufige Hündin sperrt man mit einem spitzen Rüden zusammen und zwei Monate später gibt’s sechs dralle Welpen!«

Madeleine knetete ihre Perlenkette. »Addie, ich glaube, Mrs Hollander will gerade gehen. Sie möchte sich bestimmt noch von Jo verabschieden. Wärst du so lieb, bitte?«

»Natürlich«, sagte Addie. Sie nahm Jo an der Hand und zog sie vom Sofa hoch. »Es tut mir so leid, Jo. Dazu fällt mir gar nichts mehr ein. Sie ist einfach unmöglich«, flüsterte sie, als sie außer Hörweite waren. »Papa konnte sie immer ganz gut bändigen, aber jetzt, da es ihm so schlecht geht, schafft er das nicht mehr.«

»Ist in Ordnung, Addie«, antwortete Jo dumpf. Ihr war gleichgültig, was Grandma redete. Heute Vormittag war ihr Vater beerdigt worden und mit ihm ein Stück ihres Herzens.

Der Trauergottesdienst hatte in der Grace Church stattgefunden, die an der Ecke Broadway und 11th Street lag. Die Kirche war bis auf den letzten Platz besetzt gewesen, denn die alten Familien kamen nach wie vor zum Gottesdienst hierher, obwohl nur noch wenige nah genug wohnten. Geschäftshäuser, Industriebetriebe und die steigende Flut von Immigranten hatten sie aus diesem Teil New Yorks an die Ränder der Stadt vertrieben. Der erste Friedhof von Grace Church war so voll wie das Kirchengestühl, deshalb lag Charles Montforts Grab im nördlichen Friedhof der Kirche. Tot oder lebendig fand das reiche New York jetzt seinen Platz in diesem Teil der Stadt.

Addie brachte Jo ins Foyer, wo Theakston gerade Mrs Hollander ihre Stola reichte, und eilte dann davon, um Andrew Beekman eine Tasse Punsch anzubieten. Jo wechselte noch einige nette Worte mit Mrs Hollander und gab ihr zum Abschied ein Küsschen. Auf dem Rückweg in den Salon erschien ihr das alles auf einmal ganz und gar unwirklich, und ihr wurde schwindlig. Sie legte eine Hand auf das Treppengeländer, um wieder zur Ruhe zu kommen.

»Dies ist mein Haus«, wisperte sie. »Das ist die Bank aus Ebenholz, die Papa aus Sansibar mitgebracht hat. Darüber hängt ein Porträt von Großvater Schermerhorn. Dort hinten ist der Salon, mit einem Flügel, einem Kamin, einer Standuhr, und auch meine Mutter ist dort.«

Aber wie konnte all das da sein und ihr Vater nicht mehr? Wie konnte es sein, dass die Standuhr immer weiter tickte? Wie kam es, dass im Kamin ein Feuer brannte? Wie konnte ihr Vater tot sein?

Ein Schuss aus einem Revolver. Aus seinem eigenen Revolver. Versehentlich. Das sagten ja alle. Aber das war einfach nicht möglich. Ihr Vater war ein erfahrener Schütze. Er kannte sich mit Schusswaffen aus und hatte zum Schutz seiner Familie einige im Haus. Ihre Mutter fand das übertrieben. Nachts ging er oft im Haus umher und prüfte, ob Türen und Fenster gut verschlossen waren.

»Liebste Jo, wie schaffst du das nur?«, fragte eine Stimme. Doch in ihrem Kummer hörte Jo sie nicht. Die Stimme sprach wieder: »Josephine, geht es dir gut?«

Dieses Mal hörte Jo sie und drehte sich um. Vor ihr stand Reverend Willis, der Geistliche der Familie, und sah sie betroffen an. Jo zwang sich, zu lächeln.

»Es geht schon, Reverend. Vielen Dank. Möchten Sie eine Tasse Tee?«, fragte sie.

»Nein, meine Liebe, ich hatte genug Tee. Vielleicht solltest du dich setzen. Du bist blass.«

»Ja, das mache ich«, entgegnete Jo. Aber nicht hier. Sie musste fort von den traurigen Gesichtern und belegten Stimmen. Sie entschuldigte sich und wandte sich um, sie wollte zum Arbeitszimmer ihres Vaters. Während sie die Treppe in den zweiten Stock hinaufging, raschelten die Röcke ihres schwarzseidenen Kleids um ihre Beine. Sie erinnerte sich an die Ansprache des Geistlichen.

Charles Montfort – ein Mann voller Liebenswürdigkeit. Eine Stütze der Gesellschaft. Ein Mann, offen und ehrlich als Geschäftspartner, ein beispiellos großzügiger Gönner derjenigen, die vom Glück nicht derart gesegnet waren. Ein hingebungsvoller Ehemann und Vater, freundlich und liebevoll zu allen in seiner Familie und zu seinen Freunden.

Ja, Papa war all das, dachte Jo. Und doch hatte ihn der Reverend nicht wirklich richtig beschrieben. Nicht ganz, denn manchmal konnte er auch ganz anders sein. So still und zurückgezogen.

Jo schlüpfte in das Arbeitszimmer. Hier konnte sie beinahe glauben, er wäre noch am Leben. Sie konnte seinen Duft riechen – sein Eau de Cologne, seine Zigarren, den indischen Tee, den er gern trank. Sie konnte ihn spüren.

»Papa?«, flüsterte sie.

Die Gefühle überwältigten sie. Seit Addie und Bram ihr vor zwei Tagen die Todesnachricht überbracht hatten, hatte sie nicht weinen können. Jetzt konnte sie den Tränen ihren Lauf lassen. Endlich. Hier, wo sie ganz allein war. Sie wartete, aber wieder kam keine einzige Träne. Was war bloß los mit ihr? Sie hatte ihren Vater doch geliebt. Warum konnte sie nicht um ihn weinen?

Enttäuscht ging sie zu dem großen Erkerfenster und schaute auf den Gramercy Square hinunter. An diesem herrlichen Septembernachmittag waren viele Kinder mit ihren Kindermädchen im Park unterwegs. Sie lehnte ihren Kopf an den Fensterrahmen und drückte die schweren Vorhänge zusammen. Da fühlte sie unter ihrem Fuß etwas Hartes. Die Vorhänge waren so lang, dass sich der Stoff auf dem Boden stauchte. Sie schob eine Bahn beiseite, bückte sich und sah etwas Schmales, Kupferrotes, das sich in den Fransen des Teppichs verfangen hatte. Ein Projektil.

Jo erschauerte, als sie es aufhob, und wunderte sich, wie es dahin gekommen war. Ihr Vater verwahrte hier in einem Schrank einen geladenen Revolver; genau der hatte ihn getötet. Wie schon tausendmal in den vergangenen zwei Tagen fragte sie sich jetzt erneut, wie dieser Unfall passiert war.

Vielleicht hatte ihr Vater begonnen, die Trommel des Revolvers zu leeren, die Kugeln auf seinen Schreibtisch gelegt und war dann von irgendetwas abgelenkt worden. Er schloss die Trommel, kümmerte sich um das, was seine Aufmerksamkeit erforderte, nahm dann den Revolver wieder zur Hand, hatte dabei aber vergessen, dass er nicht ganz geleert war. Und irgendwie löste sich der Schuss. Das war die einzig mögliche logische Erklärung, die ihr einfiel.

»Aber das erklärt nicht, wie du hierherkommst«, sagte sie, sah das Projektil an und runzelte die Stirn. Sie drehte es um und betrachtete die Unterseite. Dort waren die Buchstaben W. R. A.Co. eingeritzt, unter ihnen der Stempel .38LONG.

Vielleicht brach Papa nach dem Schuss über seinem Schreibtisch zusammen und wischte die losen Kugeln von der Platte, als er zu Boden fiel, dachte sie. Und Theakston oder ein Polizist sind dann mit dem Schuh so an eine gestoßen, dass sie durchs Zimmer gekullert ist.

Mit den Augen suchte sie eine mögliche Strecke vom Schreibtisch bis zum Fenster.

Da muss jemand ziemlich kräftig drangestoßen sein, grübelte sie, damit die über den dicken Teppich und durch das ganze Zimmer gerollt ist.

»Ach, was macht das schon, wie es gewesen ist?«, fragte sie sich und seufzte. »Er ist tot. Und kein Rätselraten bringt ihn zurück.«

Sie öffnete den Schrank, in dem der Revolver verwahrt wurde – ihre Mutter hatte ihn der Polizei mitgegeben –, und legte das Projektil neben eine Schachtel mit Munition. Manchmal kam ihre Mutter hierher ins Arbeitszimmer, und Jo wollte nicht, dass sie es sah. Sie würde noch verzweifelter werden, als sie ohnehin schon war.

Jo ging langsam durch das Zimmer, berührte die Kaminumrandung, dann den Humidor ihres Vaters. Die Kanten seines Schreibtischs. Seinen Stuhl. Bilder der Erinnerung tauchten auf. Wie ihr Vater ihr ein Kätzchen mit einer rosa Schleife schenkte. Sie beim Schlittschuhlaufen herumwirbelte. Wie er mit ihrer Mutter tanzte und die beiden ein so schönes Paar abgaben: ihre Mutter, die kühle blonde Schönheit, ihr Vater mit den kräftigen Gesichtszügen der Montforts, dickem, schwarzem Haar und grauen Augen – genau wie Jo.

Oft lagen Übermut und Fröhlichkeit in diesen Augen. Doch unter dem Lachen hatte Jo manchmal einen Schatten entdeckt. Stundenlang stand ihr Vater hier am Fenster seines Arbeitszimmers und schaute auf die Straße, die Hände auf dem Rücken verschränkt – als würde er jemanden erwarten.

Jo wusste noch, wie sie ihn zum ersten Mal so angetroffen hatte. Sie war noch klein und sollte schon schlafen, doch sie war noch einmal aufgestanden, hatte sich zu ihm geschlichen und gesagt: »Auf wen wartest du, Papa?«

Er wirbelte herum, sein Gesicht kalkweiß und seine Augen voller Angst – sie wusste, was Angst war, da sie sich vor vielem fürchtete, vor Spinnen und Donner und Zirkusclowns – und voller Kummer. Den kannte sie nicht. Noch nicht.

»Oh, jetzt hast du mich aber erschreckt, Jo!«, sagte er und lächelte. Und dann erklärte er ihr, er warte auf niemanden, sondern habe nur über etwas aus seiner Arbeit nachgedacht.

Schon damals hatte sie ihm nicht geglaubt, und als sie älter wurde, hoffte sie, er würde ihr anvertrauen, was ihn quälte. Doch das tat er nie, und jetzt war es für immer vorbei.

Einen Moment lang sah Jo ihren Vater noch einmal am Fenster stehen. Wie er hinausstarrte. Wie er wartete. Und plötzlich tauchte das Wort auf, das ihr nicht eingefallen war. Genau das Wort, das ihn am besten beschrieb.

Ein Getriebener.

4

»Park Row, bitte, Dolan. Zum Standard«, sagte Jo und stieg in ihre Kutsche.

Der Fahrer runzelte die Stirn. »Mrs Montfort sagte, ich soll Sie erst zum Tee zu Reverend Willis und von da direkt nach Hause bringen.«

»Sollte, Dolan. Aber das hat sich geändert. Hat Mama Sie nicht informiert?«, fragte Jo leichthin. »Sie muss es vergessen haben.«

Dolan hatte eine Hand auf dem Schlag der Kutsche und warf ihr einen langen Blick zu. »Nichts hat sich geändert, hab ich recht?«

Jo war ertappt. »Stimmt, Dolan. Aber bitte fahren Sie mich in die Park Row.«

»Was sagt denn Ihre Mutter dazu, wenn sie feststellt, dass Sie dort waren?«

»Gar nichts, wenn Sie ihr nichts verraten. Ich kann jetzt nicht nach Hause. Noch nicht gleich. Es ist so trist dort, die Vorhänge sind zu, Mama bleibt den ganzen Tag in ihrem Zimmer, und das Porträt von Papa ist mit Trauerflor verhängt«, erwiderte Jo und klang verzweifelt.

Dolan schüttelte den Kopf. »Sie haben mich immer wieder rumgekriegt, seit Sie fünf Jahre alt waren. Wir fahren dahin, aber flott. Kein Herumtrödeln.«

Jo dankte ihm erleichtert. In den zwei Wochen seit dem Begräbnis ihres Vaters hatte sie das Haus nicht verlassen dürfen – eine der Regeln der Trauerzeit. Doch im Unterschied zu ihrer Mutter, die sich ihrem Kummer am liebsten in abgedunkelten Räumen hingab, sehnte Jo sich nach Ablenkung. Ihr lebhafter Geist verkümmerte, wenn er ohne Beschäftigung blieb.

Gestern hatte ihr Onkel Phillip eine Pause verschafft. Als älterer Bruder ihres Vaters war er auch sein Testamentsvollstrecker und half der Familie im Umgang mit den Hinterlassenschaften des Vaters. Die Montforts waren im New York des 17. Jahrhunderts als Schiffbauer reich geworden, und alle Firmen des Vaters hatten mit Seefahrt zu tun: die Tageszeitung The Standard – früher ein Blatt mit täglichen Schiffsmeldungen –, drei Sägewerke und eine Seilerei. Jos Mutter kannte sich mit den Unternehmen ihres verstorbenen Gatten nicht aus und wollte sich auch nicht damit vertraut machen, daher hatte sie Phillip gebeten, alles an andere Firmen zu verkaufen, bis auf Charles’ größten Vermögenswert: seinen Anteil an Van Houten Shipping. Er war einer der Eigner der Reederei gewesen, neben Phillip und vier weiteren Männern. Ursprünglich gehörte die Reederei sieben Eignern, doch einer war vor vielen Jahren gestorben. Jetzt wollten die anderen Charles’ Anteil kaufen und aufteilen.

Gestern Abend kam Phillip zu Anna und Jo, um ihnen mitzuteilen, dass er für eines der Sägewerke bereits einen Käufer gefunden hatte. Er erwähnte auch, dass Charles in seinem Testament Verfügungen über einige persönliche Dinge getroffen hatte, darunter eine seltene Bibel aus der Zeit von King James, die Reverend Willis bekommen sollte, und ein silberner Whiskey-Flakon, der Arnold Stoatman zugedacht war, dem Chefredakteur des Standard. Jeder dieser Gegenstände sollte mit einem persönlichen Schreiben ausgehändigt werden.

»Jo, würdest du das für mich übernehmen?«, fragte er. »Die Sachen für das Hauspersonal kannst du selbst übergeben. Dolan kann das andere zustellen – bis auf die Bibel. Die sollte schon ein Familienmitglied überreichen. Anna, wäre es dir recht, wenn Jo das an meiner Stelle erledigt?«

Jos Mutter hatte gezögert. »Sie sollte noch nicht wieder aus dem Haus gehen, es ist noch viel zu früh dafür«, entgegnete sie schließlich.

»Das sehe ich im Grunde genauso wie du«, sagte ihr Onkel, »aber Jo ist doch noch so jung, und junge Leute brauchen Ablenkung, besonders in derart schwierigen Zeiten. An einer Fahrt zum Reverend kann eigentlich niemand Anstoß nehmen, oder?«

Für die Trauerzeit galten nicht mehr die strengen Regeln wie vor einer Generation. Doch nach wie vor musste man eine Weile sehr zurückgezogen leben und durfte nur dunkle Kleidung tragen. Jo musste ein halbes Jahr, ihre Mutter zwei Jahre lang Schwarz tragen. Danach durfte etwas Weiß dabei sein und dann auch Grau oder ein gedecktes Violett.

Ein halbes Jahr lang waren Ballbesuche oder Gesellschaften verboten, doch konnten die Trauernden zu Gottesdiensten in die Kirche gehen und nach einem Vierteljahr auch in Konzerte. Mehrere Monate lang durfte man nur Familienangehörige oder enge Freunde als Gäste empfangen, und außer diesen durften die Hinterbliebenen auch niemanden außerhalb ihrer eigenen engen Kreise besuchen.

Beim Leichenschmaus nach Charles Montforts Beerdigung hatte Grandma lauthals kundgetan, dass sie diese ganzen öden Vorschriften als anmaßendes Mittelklasse-Getue betrachte und sich weigere, irgendetwas davon für sich gelten zu lassen.

»Monatelang schwarze Kleider, pah! Wenn ich nur noch Schwarz tragen wollte, würde ich Nonne werden.«

Jos Mutter lenkte schließlich ein, und Jo war ihrem Onkel unendlich dankbar, dass er ihr diese kurze Flucht ermöglicht hatte. Sie wollte ihren Ausflug unbedingt verlängern und griff, als sie das Haus verließ, schnell nach der kleinen Schachtel mit dem Whiskey-Flakon für Mr Stoatman. Vielleicht konnte sie Dolan überreden, sie zur Park Row zu bringen.

Jetzt fuhren sie die Bowery entlang. Jos Kutsche hatte als Schutz vor schädlichem Gestank und schlechtem Wetter ein geschlossenes Verdeck, doch in den Seitentüren waren große Fenster, und Jo spähte gespannt hinaus. Eine Hochbahn verlief parallel zur Straße. Ladenmädchen gingen Arm in Arm darunter her, lachten und unterhielten sich, Männer sahen ihnen aus Hauseingängen unverhohlen nach. Auf Holzkisten standen Ausrufer und priesen lauthals irgendeinen Flohzirkus oder die Künste eines Schlangenmenschen an. Und Zeitungsverkäufer schrien die neuesten Schlagzeilen heraus.

Jo wusste, dass sie nicht so neugierig auf der Kante der Bank sitzen sollte, das Gesicht an das Glas gepresst – neugierige junge Damen sind keine Damen, hätte ihre Mutter gesagt –, doch sie konnte nicht anders. Gerade dieses New York war um so vieles interessanter als das, was sie kannte, und jetzt, da sie allein in ihrer Kutsche saß und ihre Mutter sie nicht ermahnen konnte, fand ihre unersättliche Neugier endlich Nahrung.

Der Wagen überquerte die Grand Street, die Mietshäuser von Little Italy lagen auf der rechten, die der jüdischen East Side auf der linken Seite. Auf den Gehsteigen drängten sich die Einwanderer, und Jo hätte so gern mehr über sie erfahren. Sie wusste einiges, was man sich erzählte. Angeblich lebten sie zu zehnt in einem Zimmer, spuckten auf ihr Obst, um es zu säubern, aßen Saures zum Frühstück, waren arm und zerlumpt. Doch je mehr sie sah, desto mehr gewann sie den Eindruck, dass den Menschen ihr Elend vielleicht gar nicht bewusst war. Sie verhielten sich nicht so. Sie riefen sich Grüße zu, sangen ihre Waren aus, küssten einander auf die Wangen. Sie knufften und herzten ihre Kinder und gaben ihnen auch mal einen Klaps.

Besonders eine Frau fiel Jo auf. Ihre Kleidung war schmuddelig und verrutscht. Ihr Haar hatte sie zu einem unordentlichen Knoten gedreht. Sie kaufte an einem Gemüsekarren Kartoffeln, und der Verkäufer hatte offenbar etwas Witziges gesagt, denn unversehens lachte sie los – den Kopf zurückgeworfen und eine fleischige Hand auf ihren enormen Busen gepresst.

Wie fühlt es sich an, so zu lachen?, fragte sich Jo. Sie kannte das nicht. Nie hatte sie so gelacht. Nördlich vom Washington Square machte man das nicht.

Kurz darauf bog die Kutsche in die Park Row ein, Sitz etlicher New Yorker Zeitungen, und hielt vor dem alten, gedrungenen Backsteinbau des Standard, der sich neben dem hohen, schmalen Neubau der Tribune duckte.

Dolan sprang von seinem Sitz und öffnete den Schlag. »Schnell rein und wieder raus, Miss Jo«, mahnte er.

»Ich beeile mich«, versprach sie.

Ihr Herz schlug schneller, als sie das Gebäude betrat. Der kleine Raum am Eingang war der Empfang. Eine Wand trennte ihn von der Druckerei, doch das Stampfen der Druckerpressen wurde dadurch nicht leiser, und der scharfe, ölige Geruch der Druckfarben drang bis hierher. Botenjungen rasten rechts von ihr eine Treppe herunter und brachten fertige Texte zu den Setzern. Reporter liefen dieselbe Treppe hinauf zur Redaktion.

Jo beobachtete sie mit einer geradezu schmerzhaften Sehnsucht. Sie liebte diesen Ort seit ihrem allerersten Besuch. Seit zwanzig Jahren gehörte die Zeitung ihrem Vater, das Alltagsgeschäft überließ er allerdings seinem Chefredakteur. Damit der Standard eine Zeitung blieb, die seine Sicht der Dinge wiedergab, sah er gelegentlich nach dem Rechten, und manchmal nahm er Jo dann mit – gegen die Widerstände ihrer Mutter. Als Kind erlebte Jo den Lärm und die ganze Hektik wie ein wildes, wunderbares Spiel, doch später verstand sie, warum dort alle so in Eile waren: Sie waren auf der Jagd nach einer Geschichte.

Wie sie sie beneidete. Ein Ziel im Leben zu haben – wie fühlt sich das an? Das hätte sie gern gewusst.

»Kann ich Ihnen helfen, Miss?«, fragte die gestresste junge Frau am Empfang kurz angebunden.

»Ja«, antwortete Jo. »Ich bin Josephine Montfort. Ich möchte zu Mr Stoatman. Ich habe ein Geschenk für ihn von meinem verstorbenen Vater.«

Die junge Frau wurde sofort verbindlicher. Das geschah häufig, wenn Jo ihren Nachnamen nannte.

»Selbstverständlich, Miss Montfort, und nehmen Sie bitte mein Beileid entgegen. Mr Stoatman ist gerade in einer Besprechung, doch Sie können gern hier oder vor seinem Büro auf ihn warten.«

»Ich werde oben warten. Vielen Dank«, sagte Jo.

Sie ging die Treppe hinauf, wich knapp dem Zusammenstoß mit einem Botenjungen aus und betrat die Redaktion, einen lang gestreckten Raum, der die ganze Tiefe des Gebäudes einnahm. Zwei Büros lagen hintereinander auf der linken Seite des Flurs direkt an der Wand: das vom Redakteur der Lokalnachrichten und das Büro von Chefredakteur Stoatman.

Die Schreibmaschinen machten einen ohrenbetäubenden Lärm. Reporter brüllten den Botenjungen etwas zu, der Lokalredakteur zerknüllte zornig eine fertig getippte Geschichte und bellte, dass seine Oma diesen Job besser erledigt hätte. Gebannt ging Jo durch bis zu Stoatmans Büro und kam zu der geschlossenen Tür.

Ihr Vater sagte immer wieder gern, dass der Standard, als er ihn übernahm, nicht viel mehr war als ein kleines Blättchen, das täglich Informationen aus Hafen und Seefahrt veröffentlichte, und dass er daraus ein kleines Blättchen gemacht habe, das täglich Informationen über Hochzeiten brachte. Vor allem die Oberschicht las den Standard gern: Er war sachlich und gab sich zurückhaltend, ganz im Gegensatz zu den Zeitungen von Mr Pulitzer und Mr Hearst mit ihren reißerischen Schlagzeilen. Der Standard berichtete über Aktuelles aus der Stadtpolitik, über kulturelle und gesellschaftliche Ereignisse und druckte niemals geschmacklose Geschichten über Mord und Totschlag. Besonders wichtig war seinen Lesern jedoch, dass sie darin Mitteilungen über Geburten, Todesfälle und Hochzeiten aus den besten New Yorker Familien fanden.

Eine Frau, liebe Josephine, sollte nur dreimal in ihrem Leben in einer Zeitung erwähnt werden, sagte Jos Mutter oft, bei ihrer Geburt, wenn sie heiratet und wenn sie gestorben ist.

Die weniger Reichen, oder, noch schlimmer, die Neureichen suchten in den Spalten des Standard vergeblich nach ihren Namen. Nur aus den alten holländischen und englischen Familien, deren Vorfahren den rauen, chaotischen und gottverlassenen Handelsposten New York zu einer mächtigen Hafenstadt im Zentrum der Welt gemacht hatten – nur aus diesen Familien wurde dort berichtet.

»Das kann dauern, Miss«, sagte jemand. »Möchten Sie sich nicht setzen?«

Jo drehte sich überrascht um. Direkt hinter ihr stand, mit einem Stuhl in der Hand, ein Reporter. Er war achtzehn oder neunzehn Jahre alt, hatte dunkles Haar, ein angenehmes Gesicht, blaue Augen – und so ein Blau hatte sie noch nie gesehen.

»Wie meinen Sie?«, fragte sie nervös. Sie war es nicht gewohnt, mit unbekannten Männern zu sprechen.

»Ich sagte, das kann dauern. Stoatman hat so einen Lackaffen aus dem Büro des Polizeichefs da drin.« Er stellte den Stuhl neben sie.

»Danke«, sagte sie. »Sehr freundlich.«

Sie versuchte, den Blick abzuwenden, doch das gelang ihr nicht. Es lag nicht nur an diesem unfassbaren Blau seiner Augen, sondern auch daran, wie offen und amüsiert er Jo ansah. Sie hatte das Gefühl, er könne in sie hineinschauen und ihr Herz sehen und wie es ganz plötzlich, ganz dumm zu flattern anfing. Sie wurde rot und setzte sich.

Unter ihrer Hutkrempe sah sie ihm nach, als er zurück an seinen Schreibtisch ging. Hatte sie ihn als angenehm gefunden? Nein, wohl eher umwerfend. Die Ärmel seines weißen Hemds hatte er hochgekrempelt, darüber trug er eine Tweedweste. Er hatte breite Schultern und muskulöse Oberarme. Kräftiges braunes Haar fiel in weichen Locken über seine Ohren bis in den Nacken. Sein Nasenbein hatte einen Knick wie bei einem Boxer. Ein starkes Kinn, hohe Wangenknochen – ein Charakterkopf. Sein Lächeln war zurückhaltend und offen.

Schließlich zwang Jo sich, wieder wegzuschauen, löste stattdessen die Schnur um die Schachtel mit dem Geschenk für Mr Stoatman. Als sie die Schleife neu band, sah sie wieder zu dem netten Reporter. Er sprach mit zwei anderen jungen Männern über aufregende Dinge – einen Raubüberfall, eine Messerstecherei, ein Großfeuer. Ihr Gespräch unterschied sich völlig von den lähmenden Unterhaltungen bei ihr zu Hause.

Nach Newport oder nach Saratoga in diesem Sommer? Ellie Montgomery hat angeblich ihren Salon neu tapezieren lassen. Haben Sie die Staudenrabatten von Minnie Stevens gesehen?

Während Jo die drei belauschte, brachte einer von ihnen ein geradezu skandalöses Thema auf. Jo beugte sich vor, um besser zu hören.

»Sag mal, Eddie, hast du von der kleinen Tänzerin gehört, die heute früh vor einen Zug gestürzt ist?«

»Sie ist nicht gestürzt, sie ist gesprungen.«

Das war der junge Kerl, der Jo den Stuhl angeboten hatte. Jetzt wusste sie, wie er hieß: Eddie. Er wippte mit seinem Stuhl und warf einen Radiergummi in die Luft, während er sprach.

»Bist du sicher?«, hakte der andere nach.

»Ich hab’s direkt aus der besten Quelle: Oscar Rubin vom Leichenschauhaus«, sagte Eddie.

»Was ist da passiert?«

»Sie hatte sich mit dem jungen Beekman eingelassen. Der alte Beekman hat das herausgefunden und den Sohnemann sofort zu einer Tante nach Boston geschickt. Blöd war nur, dass der Idiot das Mädchen geschwängert und ihr schon das Übliche versprochen hatte, er würde sie heiraten und so. Dann ist er abgehauen.«

Jo schnappte nach Luft. Andy Beekman war tatsächlich erst vor ein paar Tagen überraschend nach Boston gefahren. Jetzt kannte sie den Grund dafür. Und Addie hatte ihm noch beim Leichenschmaus nach dem Begräbnis ihres Vaters Tee serviert!

»Weiß Stoatman davon?«

»Klar, aber er bringt’s nicht«, antwortete Eddie und schnipste wieder mit seinem Radiergummi. »Hat er gekippt. Genauso wie er meine Geschichte über Charles Montfort gekippt hat.«

»Welche Geschichte? Da gibt’s keine Geschichte. Montforts Revolver ist losgegangen. Ein Unfall.«

»Es war eben kein Unfall«, sagte Eddie.

Und plötzlich war es überhaupt nicht mehr aufregend, hier in der Redaktion zu sitzen. Plötzlich verschlug es Jo den Atem.

»Die Polizei sagt aber, doch.«

Eddie schnaubte. »Die wurden doch geschmiert, damit sie das sagen. Ein Frischling von denen war dabei, ich kenne ihn. Er hat die Leiche gesehen und sagt, dass es anders war.«

»Echt? Und was genau sagt der?«, fragte der andere Reporter und fing Eddies Radiergummi aus der Luft auf.

»Er sagt, dass sich Charles Montfort den Revolver in den Mund gesteckt und das Hirn aus dem Schädel geblasen hat.«

5

Das stimmte nicht. Es konnte nicht stimmen. Mit zitternden Beinen stand Jo auf und ging zu dem Reporter.

»Wie können Sie es wagen! Diese schreckliche Behauptung gerade eben über Charles Montfort – das ist eine Lüge. Warum haben Sie das gesagt?«, fragte sie. Sie sprach viel zu laut.

Der junge Mann sah sie an. »Was hat das mit Ihnen zu tun, Miss?«

Jo wollte es ihm gerade sagen, als sich die Tür des Büros öffnete und Chefredakteur Stoatman heraustrat, in einer Hand einen Zigarrenstummel, mit der anderen schob er einen Mann aus der Tür. Stoatman war nicht groß, hatte eine Glatze, auf seinem Hemd prangten Tintenflecken, darüber trug er eine Weste, auf seiner Hose war Zigarrenasche gelandet. Die beiden Männer verabschiedeten sich, und jetzt erkannte Stoatman Jo.

»Miss Montfort? Was für eine unverhoffte Freude! Was führt Sie hierher in die Nachrichtenredaktion?«

Jo schaute immer noch Eddie an und sah, wie sich seine Augen weiteten, als er ihren Namen hörte. Jetzt weiß er, wer ich bin und hat Angst, dass ich ihn in Schwierigkeiten bringe, dachte sie. Gut. Genau das hat er verdient.

»Dieses … dieses …« Kerlchen wollte sie zu Stoatman sagen. Dieser Junge sollte nicht so mies über meinen Vater reden. Doch sie besann sich. »… Erinnerungsstück«, sagte sie und gab ihm die Schachtel, »ist für Sie, von meinem Vater.«

Stoatmans gewohnt knorriger Gesichtsausdruck wurde weicher. »Wie liebenswürdig. Mein Beileid, Miss Montfort. Bitte kommen Sie doch herein.«

Er führte sie in sein Büro, schloss die Tür und bot Jo einen Stuhl an. Er bot ihr auch Tee an, doch sie lehnte ab. Sie war immer noch aufgebracht und wollte jetzt nicht im Zigarrenmief dieses Büros sitzen, sondern zurück in den Redaktionsraum und eine ordentliche Antwort von dem Jungen.

Stoatman öffnete die Schachtel. Er lächelte wehmütig, als er den silbernen Flakon sah. »Das war meiner. Ihr Vater hat ihn gewonnen, als wir 1880 um den Ausgang der Präsidentschaftswahl gewettet haben. Ich habe auf Hancock gesetzt, er auf Garfield. Charlie war immer auf der Seite der Gewinner.« Er sah sie an. »Vielen Dank, dass Sie mir das gebracht haben.«

»Sehr gern«, sagte Jo und wurde bei Stoatmans Worten wieder traurig. Bei der letzten Wahl hatte sie ihren Vater in die Redaktion begleitet. Es schmerzte, dass sie das nie mehr erleben sollte.

Sie erhob sich, und auch Stoatman stand auf. Sie wechselten noch einige Worte über das angenehme Wetter, dann verabschiedete sich Jo. So traurig sie war, so beschäftigte sie doch auch etwas anderes. Sie musste unbedingt jetzt mit diesem Reporter sprechen. So bald würde sie keine Möglichkeit mehr haben, in die Redaktion zu kommen. Als sie aus Stoatmans Büro trat, erkannte sie, wie sie es anstellen konnte. Der Reporter stand vorn an der Treppe und unterhielt sich mit einem der Botenjungen. Er hatte sein Jackett angezogen und wollte anscheinend gerade gehen.

»Ich begleite Sie zum Ausgang, Miss Montfort«, sagte Stoatman.

»Das ist nicht nötig, Mr Stoatman«, erwiderte Jo schnell. »Ich kenne den Weg. Auf Wiedersehen.«

Sie ging zur Treppe. Als sie noch ein paar Schritte entfernt war, blieb sie abrupt stehen, schloss die Augen und presste einen Handrücken auf die Stirn. Diesen Trick kannte sie von Trudy, die im Pensionat damit erreichte, dass sie einen Tag im Bett bleiben konnte und nicht in den Unterricht gehen musste. Jo hoffte, dass Eddie sie sah, doch Stoatman war schneller.

»Miss Montfort, geht es Ihnen gut?«, fragte er.

Jo öffnete die Augen. »Ja, es geht, danke«, antwortete sie verstimmt.

»Mr Stoatman!«, rief eine andere Stimme – die Frau vom Empfang. Sie stand heftig atmend oben an der Treppe. »Der Bürgermeister ist da. Er ist stocksauer wegen Ihres Editorials über die unterirdische Eisenbahn.«

Stoatman verbiss sich einen Fluch. »Gallagher!«, bellte er zu Eddie. »Begleiten Sie Miss Montfort nach Hause!«

Jo konnte ein triumphierendes Lächeln nicht ganz unterdrücken. Während der Fahrt hätte Eddie Gallagher ausreichend Zeit für eine Erklärung.

Doch Eddie protestierte überrascht. »Es ist fünf Uhr, Chef.«

»Kein Problem, Gallagher. Die Zapfhähne in den Bars der Park Row werden schon nicht so schnell austrocknen. Setzen Sie sich in Bewegung!«, befahl Stoatman und verschwand im Treppenhaus.

»Es tut mir schrecklich leid, Mr Gallagher, dass ich Ihnen eine solche Last sein muss«, säuselte Jo und meinte ganz offensichtlich genau das Gegenteil, »aber mir ist plötzlich so schwindlig.« Sichtlich verärgert bot ihr Eddie seinen Arm. Jo ließ sich die Stufen hinunterführen. Sie durchquerten die Eingangshalle, und er hielt ihr die Tür auf. Draußen nahm er wieder ihren Arm und geleitete sie zu ihrem Wagen.

»Miss Jo, was ist los?«, fragte Dolan besorgt, als er sie sah.

»Mir war etwas unwohl«, log Jo. »Mr Gallagher war so freundlich und hat angeboten, mich nach Hause zu begleiten.«

»Hab doch gewusst, dass das keine gute Idee war«, sagte Dolan unglücklich und half Jo in ihre Kutsche. Sie setzte sich gegen die Fahrtrichtung. Dolan wartete, bis auch Eddie eingestiegen war und ihr gegenüber Platz genommen hatte, dann schloss er den Schlag.

Kaum waren sie einige Meter gefahren, ließ Jo die Maske des hilflosen Mädchens fallen. »Warum haben Sie so etwas Widerliches über meinen Vater gesagt?« Immer noch voller Zorn forderte sie eine Antwort.

»Sie haben sich ja wundersam erholt, Miss Montfort«, stellte Eddie fest. »Ich bin überaus erleichtert.«

Jo ignorierte seine Bemerkung. »Falls Sie etwas über den Tod meines Vaters wissen, müssen Sie mir das sagen, Mr Gallagher. Ich habe ein Recht darauf, das zu erfahren.«

Eddie lächelte sanft. »Wirklich, Miss Montfort, da war gar nichts. Nur …«

Jo schnitt ihm das Wort ab. »Behandeln Sie mich nicht wie ein kleines Kind. Wir sprechen hier über meinen Vater. Wenn Sie sich weigern, mir zu erklären, was Sie vorhin gemeint haben, werde ich meinen Onkel, Phillip Montfort, darüber informieren, und dann können Sie sich mit ihm auseinandersetzen.«

Eddie beugte sich vor. Sein Lächeln war verflogen. »Ich kann wegen dem hier meine Arbeit verlieren«, sagte er. »Acht Dollar die Woche sind für Sie nichts, Miss Montfort. So viel geben Sie vermutlich für Weingummi aus. Aber ich habe nichts anderes als diese acht Dollar.«

»Weingummi interessiert mich nicht, Mr Gallagher, so etwas ist billig. Wollen Sie mit mir sprechen oder mit meinem Onkel?«

Eddies Blick verhärtete sich. »Sie wollen die Wahrheit? Die sieht so aus: Ihr Vater wurde nachts tot auf dem Boden seines Arbeitszimmers gefunden. An der rechten Schläfe gab es eine Eintrittsverletzung durch die Kugel, an der Rückseite des Kopfes eine Austrittswunde. Die Kugel steckte in der Wand.« Er hielt inne, wartete ab, welche Wirkung seine Worte zeigten. »Weiter?«

»Ja«, sagte Jo und nahm ihren ganzen Mut zusammen. Sich auszumalen, dass ihr Vater tot auf dem Boden lag, mit Schussverletzungen im Kopf, war über die Maßen belastend, doch sie musste erfahren, was Eddie zu sagen hatte.

»Ihr Vater hielt den Revolver in der rechten Hand. Er war eben nicht dabei, ihn zu säubern – und angeblich ist das Ding dabei losgegangen. Nur ein Idiot reinigt eine geladene Waffe, und Charles Montfort war kein Idiot. Es war Selbstmord. Die Polizei weiß das. Stoatman weiß das. Jeder Redakteur in der ganzen Stadt weiß das. In der Nacht gab es ziemlich viel Hin und Her zwischen Polizei und Presseleuten. Ihr Onkel hat den Polizeihauptmann und den Gerichtsmediziner bestochen, damit sie den Todesfall als Unfall aufnehmen, und danach gedroht, jede Zeitung, die etwas anderes behauptet, mit Strafanzeigen fertigzumachen. Stoatman musste er nicht drohen. Ihre Familie hat ihn ja schon gekauft.«

»Jetzt wollen Sie meinen Onkel ebenso miesmachen wie meinen Vater? Vielleicht hat jemand Geld gezahlt, aber nicht mein Onkel. So etwas würde er niemals tun«, widersprach Jo hitzig.

Mit jedem Wort wurde die Stimme höher, doch ihre tapfere Abwehr schmolz dahin. Stimmte vielleicht, was Eddie Gallagher behauptete? Eines war in jedem Fall richtig: Nur Idioten reinigten geladene Waffen, und ihr Vater war kein Idiot. Die Erklärung für seinen Tod konnte sie schon vom ersten Moment an einfach nicht glauben.