Streichle mich mit deinen Worten - Leo Gold - E-Book

Streichle mich mit deinen Worten E-Book

Leo Gold

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Beschreibung

In der romantischen Stadt Heidelberg lernen sich Max und Aida kennen. Als Rechtsanwälte arbeiten sie für die Kanzlei Birnbaum & Söhne. Begegnen sie sich an ihrem Arbeitsplatz zunächst nur sporadisch, entfaltet sich mit der Zeit ein zärtliches Liebesverhältnis zwischen den beiden.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Leo Gold

Streichle mich mit deinen Worten

Roman

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorbemerkungen

Anfang der Reise

Fortsetzung der Reise

Impressum neobooks

Vorbemerkungen

Die Figuren und die Handlung sind erfunden.

„Wir dürfen uns nicht fürchten vor Güte, vor Zärtlichkeit!“ Papst Franziskus

Anfang der Reise

Max Brauchle lief zum Büro einer Frau, die er noch nicht kannte. Außer ihr hatte er bereits alle neuen Kollegen der Anwaltskanzlei Birnbaum & Söhne begrüßt. Nur sie fehlte noch. Sie sollte das letzte, fremde Gesicht sein, das er sich an seinem ersten Arbeitstag mit Hilfe seines Vorgesetzten Herrn Liebig vertraut machte. Auf dem Weg zu ihrem Büro blieb Max an einem Fenster stehen. Von dort blickte er in die Heidelberger Altstadt. Hier, an diesem romantischen Ort am Neckar, wurde die Kanzlei im Jahr 1911 gegründet. Seit dieser Zeit arbeiteten ihre Angestellten in der Mönchgasse 3a.

Das schmale Stadthaus erhob sich in vier Stockwerken. Die Eingangstür wurde in der Mitte des Erdgeschosses eingebaut. Links und rechts davon erhellte ein großes Fenster die Wohnung mit Tageslicht. Das war gar nicht so einfach. Die hohen Gebäude standen dicht nebeneinander und die Mönchgasse trennte die beiden Häuserzeilen allein durch wenige Meter. Dank zweier Balkons oberhalb der Eingangstür im ersten wie zweiten Stockwerk konnten die Anwälte und Sekretärinnen ins Freie treten, mal Luft schnappen, eine Zigarette rauchen.

Einige Touristen, die durch die Mönchgasse spazierten und dabei zufällig nach oben schauten, erinnerte das Dachgeschoss an ihre eigenen Studentenjahre. Früher lebten sie auf beengtem Raum unterm Dach. Und dennoch waren sie frei. Das Studium beflügelte ihren Geist. Sie machten sich auf zu weiten, erdachten Landschaften, die ihnen auch unheimlich werden konnten, so dass sie, wenn sie wieder in ihrem Zimmer zurückgekommen waren, oft erleichtert die nahen Wände spürten und sich, eine heiße Tasse Tee in der Hand, über ihr körperliches Dasein freuten. Wie so oft deckten sich die Sentimentalitäten nicht mit der Wirklichkeit. Auch in diesem Fall, in dem sich manche Touristen durch den unbeabsichtigten Blick zum Dachgeschoss in ihre Studentenzeit zurückversetzt fühlten und glaubten, unter diesen Giebeln würden junge Studenten wohnen. Denn in diesem Dachgeschoss arbeiteten die beiden Chefs der Kanzlei, Herr Birnbaum und Frau Dr. Sittig.

Den Flur, den Max und Herr Liebig zu der unbekannten Frau entlang gingen, bestimmten weiße Wände und als einziges Dekorationselement eine dezente Stuckdecke. Ansonsten gab es nichts, was die Aufmerksamkeit hätte ablenken können. Auch die anderen Flure des Stadthauses sahen so aus wie der des dritten Stockwerks. Diese Nüchternheit, die sich keinen Raum für Bilder, Poster, Beistelltische oder Blumen gönnte, sollte die Mandanten versichern, dass sie eine zuverlässige Rechtsberatung erwarten konnten.

Die Kollegen, die Max bislang vorgestellt wurden, passten äußerlich beinahe zu allen Klischees, die über deutsche Juristen herrschten. Sie versteckten sich hinter den grauen, blauen oder schwarzen Anzügen, Hosenanzügen und Kostümen, den keinem Zufall überlassenen Frisuren, spitzen Haar- und Krawattennadeln, Uhren von Luxusausstattern und Schuhen, die kaum Gebrauchsspuren zeigten und gut poliert glänzten. Welche Facetten ihre Persönlichkeiten auszeichneten, blieb Max verborgen. Dafür waren die meisten Unterhaltungen in Anwesenheit von Herrn Liebig zu oberflächlich verlaufen. Bei einigen Gesprächen blitzten indes Aussagen zwischen den Worten hervor, die ihn hoffen ließen, irgendwann auf ein liebenswertes Individuum treffen zu können.

Als Herr Liebig mit wenigen Sätzen die Max noch unbekannte Frau beschrieb, sie sei Fachanwältin für Familienrecht, arbeite seit vier Jahren für Birnbaum & Söhne und fahre in ihrer Freizeit gern Rad, war er gespannt, ob er auch in oder zwischen ihren Äußerungen Hinweise auf eine sympathische Person entdeckte.

Vor der geschlossenen Bürotür angekommen las er auf einem Schild ihren Vor- und Nachnamen sowie ihre Berufsbezeichnung: Aida Barati. Rechtsanwältin für Familienrecht.

Wer war diese Frau mit dem exotischen Namen?

Im Fernsehen hatte Max vor einigen Wochen eine Sendung über die soziale Arbeit eines französischen Schauspielers im Iran verfolgt. Dabei war auch dessen Ehefrau vorgestellt worden, die Aida hieß, genau wie Frau Barati. Aus Neugierde hatte er im Internet nach der Bedeutung des Namens ‚Aida‘ gesucht und bald gefunden. ‚Aida‘ heißt auf Italienisch ‚Mondlicht‘. Dies war die einzige Information, die er Herrn Liebig voraushatte, der die Dokumentation über den französischen Schauspieler nicht gesehen und sich auch nicht für die Bedeutung des Namens ‚Aida‘ interessiert hatte. Aber im Gegensatz zu ihm war Herr Liebig, der an die Tür klopfte, wegen seines Wissensvorsprungs und gleichmütigen Charakters gelassener als er, der sich aufgeregt fragte, welcher Frau er hinter dieser verschlossenen Tür begegnen würde?

Max’ äußere Erscheinung entsprach ebenfalls den gängigen Vorurteilen, wie ein durchschnittlicher Rechtsanwalt aussah. Allein seine rotblonden Haare passten nicht ganz ins idealtypische Bild eines deutschen Juristen.

Etwas mehr als 31 Jahre bevor Max zu Frau Baratis Büro lief, war er in eine Familie geboren worden, in der seit drei Generationen väterlicherseits alle männlichen Nachkommen Rechtswissenschaften studiert hatten. Sein Vater Karl absolvierte dieses Studium in Heidelberg, wo er auch Max’ Mutter Hille traf, die dort zur Geigenbauerin ausgebildet wurde.

Auf einer Studentenparty im Sommer 1968 kreuzten sich zum ersten Mal deren Wege. Hille kam mit Ledersandalen, einem bodenlangen Rock, gebatikten T-Shirt und einer Blume im Haar, an der linken und rechten Seite zwei Freundinnen im Arm. Karl wurde von seinem Kommilitonen Bernd überredet, an diesem Abend mit ihm auf dieselbe Party wie Hille zu gehen. Die beiden Freunde mussten sich überwinden, Jeans zu tragen. Aber Bernd meinte, das sei das Mindeste, was sie tun müssten, um beim weiblichen Geschlecht anzukommen. Also zogen sie Jeans an, dazu Schnürschuhe und Oberhemden, deren Ärmel sie hochkrempelten, so dass sie einen Hauch von Verwegenheit und Nonkonformismus ausstrahlten.

Die Party wurde auf einer Wiese am Stadtrand gefeiert. Die Studenten saßen in Gruppen, manche spielten auf einer Ukulele, andere schlugen rhythmisch auf Handtrommeln, einige sangen dazu, Alkohol wurde getrunken, die politisch Engagierten konnten auch hier das Diskutieren nicht lassen. Verliebte lagen sich in den Armen. Sie küssten sich.

Karl und Bernd standen steif am Rand der Wiese, schauten unsicher zu den anderen und wussten nicht, was sie tun sollten. Das ging mehrere Minuten so. Immer mehr der auf dem Boden sitzenden Studenten bemerkten die zwei unbeholfenen Außenseiter. Das Hänseln begann, erst verhohlen, dann feixten die ersten in die Richtung der beiden. Sie waren drauf und dran, mit ihren hochgekrempelten Hemdsärmeln das unsichere Terrain zu verlassen, auf dem neben den vielen vor Selbstbewusstsein strotzenden männlichen eben auch eine Vielzahl faszinierender weiblicher Studenten saßen. Wegen letzteren blieben sie erst mal auf der Stelle stehen. Sie versuchten, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie die Abneigung nervös machte. Zu sehr reizten sie die jungen Frauen in ihren farbenfrohen, wallenden Röcken, den langen Haaren und der sexuellen Aufgeschlossenheit, die sie ihnen unterstellten.

Hille, die in einer der Gruppen auf dem Boden hockte, schaute zu Karl und Bernd, nachdem sie von einer ihrer Freundinnen auf die verdrucksten Spießer hingewiesen wurde. Zunächst lachte sie diese zusammen mit den anderen aus. Bald darauf fand sie die beiden irgendwie sympathisch. Sie hörte auf zu lachen, betrachtete sie, besonders Karl. Je länger sie das tat, desto besser nahm sie ihn wahr, seinen langen, schmalen Körper, sein feines rotblondes Haar wie seine Arglosigkeit. Die Sympathie wich Zärtlichkeit. Sie fasste sich ein Herz, verließ die Gruppe, lief zu Karl und Bernd und fragte, ob sie sich nicht zu ihnen setzen wollten. Nichts anderes hatten sich die beiden gewünscht. Zusammen mit Hille gingen sie zu deren Gruppe und setzten sich dazu. Karl neben Hille, Bernd neben eine Freundin von ihr.

Nach einer kurzen Verwirrung änderten nun auch die anderen, die zu dieser Gruppe gehörten, schlagartig ihre Haltung zu den zwei Fremdlingen. Erst boten sie ihnen einen Joint an. Dann stellte sich heraus, dass Bernd Gitarre spielen konnte. Sie staunten nicht schlecht, welche Töne er aus ihr hervorbrachte. Und die anderen jungen Leute auf der Wiese vergaßen, dass eben noch zwei schräge Typen dumm rumgestanden hatten.

Zunehmend traute sich Karl, zu Hille rüber zu schauen. Sie gefiel ihm. Sie unterhielt sich mit einer Freundin. Karl wartete auf den Augenblick, in dem das Gespräch pausierte. Sein Bedürfnis, mit ihr zu reden, wuchs. Die Freundin stand auf. Hille blieb sitzen. Und Karl packte seinen ganzen Mut und fragte sie, wie sie heiße. Hille lächelte ihn an. Sie ahnte, warum er nach ihrem Namen gefragt hatte.

Dreieinhalb Jahre später, Hille und Karl hatten inzwischen geheiratet, erblickte Max das Licht der Welt. Nachdem er seinen dritten Geburtstag gefeiert hatte, wurde sein Bruder Lukas geboren. Zu viert wohnten sie in Friedrichshafen am Bodensee. Dort hatte Karl die Anwaltskanzlei seines Vaters übernommen, während Hille die Kinder hütete und in ihrer freien Zeit weiterhin Geigen baute.

Die Kindheit der Brüder verlief so idyllisch, als wäre sie von Astrid Lindgren erfunden worden: Eine Villa, die nicht protzig wirkte, schaffte eine beständige Basis, von der sie unbekümmert zu ihren Ausflügen aufbrachen. Als sie noch klein waren, erkundeten sie mit den Nachbarskindern die Umgebung, schwammen im See, errichteten Baumhäuser, stibitzten aus dem Garten einer jungen Witwe Äpfel und Kirschen, lagen in der Hängematte und phantasierten von ihrer Zukunft.

Als Jugendliche vergrößerte sich schließlich der Radius, in dem sich Max und Lukas um die Villa bewegten. Sie gingen aufs Gymnasium, die Unterrichtsstoffe erfassten sie schnell. In den Ferien verbrachten sie Urlaube mit ihren Eltern in Südfrankreich, Nordspanien, Portugal oder sie fuhren auf Zeltlager, die von der katholischen Kirchengemeinde veranstaltet wurden. Dort, zusammen mit anderen katholischen Jugendlichen, beiden Geschlechts, machten sie auch erste Erfahrungen, die nach der Lehre der römischen Kirche nur verheirateten Paaren vorbehalten sein sollten. C’est la vie. Sie genossen sie in vollen Zügen, in der Intensität, die Jugendlichen eigen ist: Als gäbe es kein Morgen, als gäbe es keine nächste Stunde, als gäbe es keine kommende Minute, als gäbe es keine neue Sekunde, ja, als zähle nur diese Gegenwart mit ihrer ganzen Freude.

Nach dem Zivildienst begannen sich die Lebensläufe der Brüder im Verlauf des Jurastudiums, zu dem sie nach Tübingen umgezogen waren, deutlicher voneinander abzuheben. Studierte Lukas zielorientiert und erlangte das Erste Staatsexamen mit 25 Jahren, brauchte Max zwei Jahre länger dafür. Das bedeutete, weil er ja drei Jahre älter als sein Bruder war, dass sich das Datum der beiden Universitäts-Urkunden um zwölf Monate unterschied.

Max hatte in Tübingen die Bildhauerin Cosima kennengelernt. Sie trug zwar nicht wie seine Mutter Hille, als sie Karl zum ersten Mal getroffen hatte, Ledersandalen, einen bodenlangen Rock, ein gebatiktes T-Shirt und eine Blume im Haar. Doch ihr ausschweifender Kleidungsstil ließ darauf schließen, dass sie vermutlich einem kreativen Beruf nachgehen würde. Cosima war die zehn Jahre ältere Schwester einer Kommilitonin. Nach einem ersten Besuch in ihrer Wohnung, zu dem ihre jüngere Schwester Max mitgenommen hatte, folgten zwei ‚zufällige‘ Begegnungen in ihrer Galerie, bis das vierte Aufeinandertreffen im Tübinger Freibad tatsächlich zufällig war. Dieses Ereignis verleitete ihn zu der kühnen Schlussfolgerung, das Schicksal habe gesprochen. Und Cosima zog die nüchterne, genusssüchtige Bilanz:

„Dann probier’ ich’s halt mal mit dem Kleinen.“

Die folgenden Nächte und Tage verliefen heiß. Derweil hing an der Eingangstür zu Cosimas Galerie, über der ihre Wohnung lag, das Schild: ‚We are open‘, obgleich der Laden verschlossen war. Nach der ersten Begeisterung, sie hatte zuvor nicht geglaubt, wie viel Spaß ihr Max bereiten würde, wollte sie die Bekanntschaft wieder beenden. Cosima spürte, dass er sich in sie verliebt hatte. Das war ihr zu anstrengend. Vier Wochen nach ihrem ersten Stelldichein suchte sie Abstand zu ihm, was naturgemäß zu männlichem Unmut führte. Und weil der Betreffende das erste Mal wirklich, heißblütig verloren war, blieben auch große Gefühlsäußerungen nicht aus. Dies wiederum bestätigte Cosima, dass sie an einer Beziehung mit einem unreifen Mann kein Interesse hatte. Sie sagte ihm entschieden, dass er sie in Ruhe lassen solle.

Zwei Monate später stellte sich heraus, dass eine Person den Schriftzug ‚We are open‘ des Schildes an der Eingangstür zur Galerie, das in den heißen Tagen und Nächten fälschlicherweise verkehrt herum hing, wörtlich genommen und einen Weg durch die versperrte Tür gefunden hatte: Cosima war schwanger.

Es dauerte drei Wochen, bis sie sich durchringen konnte, ihren Teil dazu beizutragen, damit das Kind sichtbar erscheinen durfte. Auch informierte sie Max darüber. Der fragte sie, nachdem er seine Eltern über die neue Lage unterrichtet hatte, ob sie seine Frau werden wolle. Sie lehnte ab. Das war ihr zu viel des Guten. Eben genoss sie noch ihr Leben als freie Künstlerin. Plötzlich wurde sie in die Rolle der Hausfrau und Mutter gedrängt. Sie sträubte sich und hielt das Ganze für eine Schnapsidee. Ob es die Hormone waren, moralische Überlegungen oder etwas anderes, im fünften Schwangerschaftsmonat trafen sich Max und Cosima in einem schicken Stuttgarter Restaurant und feierten ihre Verlobung. Einen Monat später heirateten sie im Tübinger Standesamt. Eine Woche danach – auf Wunsch der Eltern – versprachen sie sich in der St. Johannes Kirche die Treue bis zum Tod.

Nun schienen alle Weichen so gestellt zu sein, dass das Kind in bürgerliche Verhältnisse hineingeboren werden konnte. Aber so clever wie es sich ins Leben hinein geschlichen hatte, entzog es sich diesem nach nur sieben Monaten wieder. Cosima erlitt eine Fehlgeburt. Die Trauer war groß. Besonders bei der Mutter, die neben dem Kind, das sie zu lieben begonnen hatte, ja inzwischen auch ihr zuvor wenig beschränktes Privatleben eingebüßt hatte. Am liebsten hätte sie sich wieder scheiden lassen. Aber dazu fehlte ihr die Kraft. Und Max, der Cosima mittlerweile besser kannte, hätte sich am liebsten auch getrennt, traute sich aber ebenfalls nicht zu diesem Schritt. Deswegen blieben sie ein Ehepaar.

Er versuchte, das Beste aus der Situation zu machen, und zog in die Wohnung von Cosima ein. Sie brachte ihm die ersten Techniken der Bildhauerei bei. Er besaß tatsächlich Talent dafür, so dass sich seine Fortschritte unter ihrer Anleitung sehen lassen konnten. Je stärker sich sein Ehrgeiz auf die Bildhauerei konzentrierte, kleinere Arbeiten von ihm verkauften sich recht gut, desto länger dauerte es, dass er sein erstes Staatsexamen ablegte. Seine Eltern mussten schließlich sanften Druck anwenden, dass er nicht dauerhaft als verkrachter Student endete.

Obgleich Max sein Erstes Staatsexamen und drei Jahre später auch sein Zweites- erfolgreich abschloss, zweifelte sein Vater Karl, ob er einmal ein fähiger Chef der Kanzlei in Friedrichshafen werden könnte. Karl machte sich seit längerer Zeit Gedanken, welchem seiner Söhne er eher zutraute, die Kanzlei zu leiten und später unbeschadet an deren nachfolgende Generation zu übergeben. Er wählte Lukas aus. Ungern verstieß er gegen die Familientradition, nach der bisher der Erstgeborene die Geschicke der Anwaltspraxis übertragen bekommen hatte. Doch dieser Brauch musste verändert werden, sollte er an den Realitäten nicht scheitern. Es ging ja nicht um die Tradition an sich, sondern um das Wohl und Fortbestehen der Kanzlei. Max, der sich innerlich bereits darauf vorbereitet hatte, die Nachfolge seines Vaters anzutreten, fühlte sich durch dessen Entscheidung zurückgestoßen.

Auf der Karibikinsel St. Lucia wollte er Distanz zu allem gewinnen. Dort lebte seit über dreißig Jahren ein Onkel von Cosima. Und weil auf St. Lucia niemand die Anwaltspraxis Brauchle aus Friedrichshafen kannte, diese also keine Bedeutung besaß, stumpfte die Spitze des Schmerzes, die Max zuvor gepeinigt hatte, während der dreiwöchigen Reise ab.

Zurück in Deutschland arbeitete er zunächst als Bildhauer. Die Erlöse, die er mit seinen Skulpturen erreichte, betrugen vielleicht fünf bis zehn Prozent von denen, die Cosima erzielte. Obwohl er Talent besaß, verfügte er über zu wenige Erfahrungen im Umgang mit handwerklichen Techniken. Er hatte noch keine hervorragenden Arbeiten fertig gestellt, aus denen er eine Auswahl der besten Stücke für eine eigene Ausstellung hätte treffen können. So nahm auch die Presse bislang keine Notiz von ihm. Und die mit dieser Situation verbundene Enttäuschung bereitete schleichend eine Trennung von Max und Cosima vor.

Dass sich ihre Charaktere nicht ergänzten, war ihnen früh bewusst geworden. Dennoch hatten sie wegen der voraussichtlichen Geburt ihres Kindes geheiratet. Mit der Zeit häuften sich ihre Kräche. Eigentlich drehte es sich dabei gar nicht um Max’ oben beschriebene Enttäuschung über seine mangelnden finanziellen Einkünfte. Vielmehr glaubte er, bei vielen Reaktionen von Cosima herauszuhören, dass sie ihn nicht länger aushalten wollte. Das traf sachlich nicht zu. Letztlich waren es also seine falschen Deutungen von ihrem Verhalten, weshalb er sie wirsch anfuhr und sie daraufhin ähnlich dünnhäutig antwortete. Und so entwickelte sich aus einem Trugbild ein realer Streit, der sich ausweitete und am Ende den Richter Herrn Odrich im Amtsgericht Tübingen das Scheidungsurteil verkünden ließ.

Max’ persönliche Bilanz seiner letzten Jahre fiel zwiespältig aus. Auf der Soll-Seite verzeichnete er das tote Kind, das es nicht einmal bis zur Geburt geschafft hatte, sowie das Scheitern der Ehe. Auf der Haben-Seite buchte er seine juristischen Staatsexamina sowie die Einsicht, dass er ein talentierter Bildhauer war. Da zu dieser Zeit sein Wunsch nach Sicherheit größer war als der nach Freiheit, bewarb er sich bei der Kanzlei Birnbaum & Söhne in Heidelberg auf eine offene Stelle. Sie suchten einen Rechtsanwalt, der aufs Baurecht spezialisiert war. Seiner bildhauerischen Ader wollte Max dagegen in seiner Freizeit nachgehen.

Das Thema ‚Frau‘ hatte er nach der Scheidung abgehakt. Er genoss es, nicht mehr streiten zu müssen, niemandem mehr sagen zu müssen, was er gerade mache, warum er es mache oder wohin er gehe. Auch musste er die Überspanntheit seiner Frau nicht mehr ertragen. Nein, dachte er, diese neue Luft riecht zu köstlich, um zu hastig in den Beziehungsmief zurückzukehren. Er war überzeugt, dass ihm dieser ab einem gewissen Grad sowieso wieder die Luft zum Atmen nähme.

Er setzte sich unter den 30 Bewerbern bei Birnbaum & Söhne durch und bekam den Posten. Sofort teilte er die Nachricht seinem Vater Karl mit, obgleich ihr Verhältnis wegen der Nachfolgeregelung immer noch getrübt war. Max freute sich unbändig. Er konnte nicht wissen, dass er es seinem Vater zu verdanken hatte, unter den letzten fünf Kandidaten für den Arbeitsplatz ausgesucht worden zu sein.

Karl und Frau Dr. Sittig hatten zusammen in Heidelberg studiert. Max’ Nachname kam ihr allzu bekannt vor. Und deshalb griff sie vor der Entscheidung über den neuen Stelleninhaber zum Telefon und tippte eine Nummer mit der Vorwahl von Friedrichshafen, die sie seit 30 Jahren immer nur bis zu den ersten vier Zahlen gewählt hatte. Als sie Karls Stimme gehört hatte, hatte ihr Herz spürbar gepocht. Ja, Max war Karls Sohn. Damit war klar, wer der neue Kollege der Kanzlei Birnbaum & Söhne werden würde.