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Ingelstadt, irgendwo im Westen der alten BRD Mitte der 80er Jahre. Christian, der in der Schule von allen "Cinechris" genannt wird, ist 16 Jahre alt und einziger Spross der lokalen Kinobetreiberfamilie. Eigentlich eine coole Sache, da er für sich das Jugendverbot, welches für alle Gleichaltrigen Gültigkeit hat, elegant umgehen kann. Wären da nicht die Mädchen, für welche er sich zunehmends interessiert, und der ihm anhaftende Ruf der "totalen Versautheit", welcher zunehmends zum Problem wird. "Strengstes Jugendverbot" ist eine Comming-In-Age-Geschichte im Zeitcolorit Westdeutschlands in den 80er Jahren. Cineasten, insbesondere solche, die noch das Filmangebot der Filmtheater vor dem Videboom kennen, kommen zusätzlich auf ihre Kosten.
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Seitenzahl: 211
Veröffentlichungsjahr: 2020
Kapitel 1: Der Stand der Dinge
Kapitel 2: Ein irrer Typ
Kapitel 3: Die Klasse von 1984
Kapitel 4: Lockere Geschäfte
Kapitel 5: Das fehlende Glied
Kapitel 6: Zeit der Zärtlichkeit
Kapitel 7: Babyspeck und Fleischklößchen
Kapitel 8: Panische Zeiten
Kapitel 9: Theo gegen den Rest der Welt
Kapitel 10: Die bleierne Zeit
Kapitel 11: Kopfüber in die Nacht
Kapitel 12: Ein Mann für gewisse Stunden
Kapitel 13: Die Bankiersfrau
Kapitel 14: Eine Faust geht nach Westen
Kapitel 15: Tanz der Teufel
Kapitel 16: Wie drück ich mich beim Militär?
Kapitel 17: Silent Movie
Kapitel 18: Die Jäger der Apocalypse
Kapitel 19: Dirty Harry kommt zurück
Kapitel 20: Poltergeist
Kapitel 21: The Day After
Kapitel 22: Brust oder Keule
Kapitel 23: Dieses obskure Objekt der Begierde
Kapitel 24: Szenen einer Ehe
Kapitel 25: Missing in Action
Kapitel 26: Blutgericht in Texas
Kino. Jedes Mal, wenn dieses Wort in meinem Beisein fällt, entlockt es mir allenfalls ein müdes Lächeln. Nicht, dass ich dem Lichtspielwesen als solchem abgeneigt gewesen wäre, aber es hatte in meinem Leben immer schon eine derart prägende, alles beherrschende Dominanz besessen, dass es für mich nie der Sehnsuchtsort gewesen war, den es für andere Menschen wohl darstellte. Was so alltäglich zu einem Leben dazugehört wie in meinem Falle eben das Kino, das nimmt man irgendwann nicht mehr wahr, davon kann man, glaube ich, nicht einmal träumen. Und nimmt man es dennoch wahr, dann geschieht dies eher in negativen Zusammenhängen, welche das persönliche Leben einschränken können.
Ich bin Chris, eigentlich natürlich Christian, aber alle nennen mich seit vielen Jahren nur noch Cinechris. Das meinen die dann nicht böse, und viele denken wahrscheinlich sogar, dass sie mir mit diesem besonders coolen Spitznamen eine Freude machen, wenngleich sie hiermit in Wirklichkeit meine Stigmatisierung perfektionieren. Ich bin jetzt 16 Jahre alt, und einziger Spross der lokalen Lichtspieldynastie. Mein Vater und mein Onkel Willy betreiben die beiden Kinozentren hier in der Stadt, mein Opa hatte schon die Filmtheater betrieben, aber die Alliierten hatten ihn nicht mehr gelassen, und dann musste eben mein Vater ran, und später rutschte auch Onkel Willy ins Familiengeschäft. Vater und Onkel Willy hatten den Teil von Opas‘ Theaterpark, der bis in die 80er Jahre überlebt hatte so aufgeteilt, dass meine Familie das „Astoria“ und Onkel Willy das „City“ behalten hatte. Das „Astoria“ war ein großer, repräsentativer Saal, der in den 50er Jahren und in deren Stil auch wiederaufgebaut worden war. Eigentlich hieß das Haus nach einem Umbau in den späten 70er Jahren „ABC-Kinocenter“, weil vom großen Saal der Balkon abgetrennt und durch eine weitere Wand an der Längsachse in kleinere Abspieleinheiten aufgeteilt worden war. Richtig hießen unsere Kinos jetzt also „Astoria“, „Bambi“ und „Central“. Zusätzlich war, kurz nach dem großen Umbau, durch einen Anbau an das Foyer in einem angrenzenden ehemaligen Hinterhof Kapazität für einen Raum erschlossen worden für das, was mein Vater als ein „modernes Theater für die Unterhaltung anspruchsvoller Erwachsener“ nannte. Das war typisch für ihn: in der Bude mit dem rutschfesten Noppenboden flimmerten täglich 10 Stunden Sexfilme der härteren Gangart, Pornographie eben, und spielten zu dieser Zeit Geld in die Kasse wie fließend Wasser; aber als Theaterbesitzer der alten Schule hatte er damit natürlich nichts zu tun, und wenn doch, nannte er es eben einfach nicht so. Die Damen, welche zum Zwecke der Werbung für die anspruchsvolle Erwachsenenunterhaltung, deren jeweiliger Titel an der Kasse zu erfragen war, auf den Plakaten in den Schaukästen ihre blanken Brüste feilboten, verstand man schließlich auch ohne Worte. Neben diesem anspruchsvollen Erwachsenentheater, das unter dem Namen „Lux Intim Nonstop“ firmierte, war Vater immer bemüht, die altehrwürdige Fassade des „Astoria“ zu wahren, und allzu anrüchige Schmuddelfilme, außer wenn sich abzeichnete, dass sich mit ihnen richtig viel Geld verdienen lassen würde, an Onkel Willys‘ „City-Kinocenter“ abzuschieben, wo diese dann meist auch mit Begeisterung zum Einsatz kamen.
Meine Mutter hielt sich aus dem Kinogeschäft mittlerweile weitestgehend raus, seit sie sich durch Insistieren im Weihnachtsgeschäft vor drei Jahren gegen meinen Vater durchgesetzt, und so einen legendären wirtschaftlichen Fehlgriff provoziert hatte. Sie war der festen Überzeugung gewesen, die Menschen würden sich auch in den frühen 80er Jahren noch nach einem Musical für die ganze Familie sehnen, dessen Melodien die Gäste vor sich hinsummend auf dem Heimweg mitnehmen, und sie über die komplette Weihnachtszeit begleiten sollten, und deshalb eindringlich für das kitschige Familienmusical „Annie“ plädiert. „Ich habe das ganz fest im Gespür, die Leute mögen so etwas, ihr werdet schon sehen!“ „Annie“ entpuppte sich an der Kasse als bodenloser Flop, was meiner Meinung nach weniger daran lag, dass es sich um ein Musical, auf das die Welt nicht gewartet hatte handelte, und auch nicht daran, dass die Leute auf einen nervigen Sangespumucklverschnitt nun wirklich keinen Bock hatten. Vielmehr ließ sich das monetäre Totalversagen von „Annie“ mit zwei Buchstaben zusammenfassen: E.T.! Onkel Willy konnte sein Glück, diesen Megahit, welcher eigentlich fest ins „Astoria“ gehört hätte, in seinem „City“ über Monate hinweg alleine ausquetschen zu können, gar nicht fassen.
Eigentlich war Onkel Willys‘ alter „City-Filmpalast“ das baufälligere und heruntergekommenere der beiden Ingelstädter Lichtspielhäuser gewesen. Anders als das „Astoria“ hatte es den Krieg halbwegs unbeschadet überstanden gehabt. Durch Onkel Willys‘ Bespielung, die neben Italo-Western und Zombies im Gegensatz zu meinen Eltern auch keine Berührungsängste mit den Rocker-Filmen hatte, hatte man dies dem Haus und Inventar jedoch irgendwann angesehen. Da hatte es sich gut getroffen, als ein Investor vor einigen Jahren auf den Plan trat, um auf dem angrenzenden Parkplatz ein großes Einkaufszentrum zu errichten. Er hatte bei Onkel Willy angefragt, ob er sich nicht vorstellen könne das alte Kino gleich mitabzureißen, um dann in dem neu errichteten Komplex als Mieter ein modernes Kinocenter zu eröffnen. Angesichts der massiven Probleme in denen Onkel Willy mit seiner baufälligen Bruchbude gesteckt haben musste, war es ihm leicht gefallen, die marode Immobilie der Spitzhacke zu opfern. Vom Verkaufserlös steckte er den Großteil in seine Investitionen im Neubau und gönnte sich zudem eine Reise in die USA und nach Hollywood, wo er die beiden Israelischen Filmproduzenten Golan und Globus kennenlernte, welche aktuell als der große heiße Scheiß auf dem Filmmarkt galten und mit Ihren Cannon-Pictures den alteingesessenen Studios ernsthaft Paroli boten. Golan und Globus hatten den Grundstock ihres Erfolges mit den „Eis am Stiel“-Filmen gelegt. Hinzu kamen dann harte Actioner mit Charles Bronson oder Chuck Norris sowie Ninja-Filme, bei denen es ohnehin unerheblich war, welcher unbekannte Mime in dem Kostüm steckte. Diese Art von Filmen, welche billig produziert waren (und auch so aussahen), ungewöhnlich brutal daherkamen und meistens den für europäisches Empfinden unerträglichen Nationalpatriotismus der Reagan-Jahre glorifizierten, erfreuten sich zu dieser Zeit immenser Popularität. Allerdings erforderten sie zum erfolgreichen Abspiel eine andere als die bisherige Kinostruktur, da das Publikum, welches an dieser Form von Film interessiert war, zwar zu klein war, um die alten großen Säle ernsthaft zu füllen, jedoch in immer schnellerer Frequenz Nachschlag verlangten, welchen Golan und Globus auch bereitwillig lieferten. Genau diesem Bedürfnis entsprechend war das Konzept von Onkel Willys‘ neuem „City“-Center wie maßgeschneidert. Es verfügte über fünf Säle, von denen der größte mit 250 Sitzplätzen nur halb so viele Zuschauer fasste wie das „Astoria“, die übrigen vier waren mit jeweils um die 100 Plätzen deutlich kleiner dimensioniert und erstreckten sich über die erste Etage des neuen Einkaufszentrums. Im Erdgeschoss waren Läden und darunter eine Tiefgarage untergebracht, was sich als Standortvorteil herausstellen sollte. Mit seinen fünf Abspieleinheiten, welche schnell gefüllt und entsprechend häufig auch ausverkauft waren, brachte Onkel Willy die idealen Voraussetzungen für den schnellen Durchlauf eben jener Ware mit, welche durch seine Hollywood-Bekanntschaft auf seinem Spielplan noch mehr in den Vordergrund gerückt war. Wenn Opa miterlebt hätte, wie dick sein Sohn mit den beiden Juden geschäftlich verbunden war, wäre der Ingelstädter Friedhof mittlerweile zerpflügt gewesen, weil er sich so häufig im Grab hätte umdrehen müssen. Andererseits war das „City“ mit seinem vergleichsweise kleinen großen Saal bei den wirklichen Kassenschlagern für die Filmverleiher unattraktiv, weshalb sie dann dem „Astoria“ bei der Vermietung den Vorzug gaben; „E.T.“ sollte hier die Ausnahme bleiben.
Nun, wie gesagt, mit meinen mittlerweile 16 Jahren bin ich nicht immer glücklich mit meiner familiären Kinosituation. Ich weiß, dass dies für meine Freunde aus der Schule nicht nachvollziehbar ist, von denen wirklich viele der Meinung sind, der Cinechris lebe im Paradies. Natürlich verstehe ich auch, warum dies für sie einfach so wirken muss, zu einer Zeit mit 3 Fernsehprogrammen, in denen nachmittags noch nichts wirklich Aufregendes gezeigt wird, und wo der Videorekorder erst am Anfang seines Siegeszuges steht, habe ich quasi hinter jeder Türe ungehinderten Zugang zu den neuesten Filmen, und selbst bei Titeln, bei welchen sich bei meinen Mitschülern noch das Jugendschutzgesetzt in den Weg stellt, habe ich seit Jahren qua Geburt Eintrittsrecht. Nicht, dass nach Auffassung meiner Eltern das Jugendschutzgesetz nicht auch für mich Gültigkeit besessen hätte, aber wie in so vielen anderen Dingen wählten sie auch hier den einfacheren Weg des Schweigens. Jedoch hatte mein ungehinderter Zugang zur Ware Film nicht nur zu einer gewissen Sättigung und Ermüdung meinerseits geführt, sondern bedingte zunehmend auch eine Vereinsamung. Vor ein paar Jahren war das noch anders gewesen, als ganze Gruppen von Schülern aus meiner Klasse die Kinos gestürmt hatten um die neuesten Filme von Bud Spencer und Terence Hill zu sehen, oder als die Neue Deutsche Welle-Filme total angesagt waren. Mittlerweile hatte sich der Kinobesuch jedoch zu einer Angelegenheit unter Pärchen entwickelt, und da fühlte ich mich mehrfach benachteiligt. Fragte ein Mitschüler ein Mädchen, ob er sie in einen Film einladen dürfe, fühlte sich diese geschmeichelt, auch weil sie wusste, dass das Geld für die Kinokarten - zum Beispiel durch das Austragen von Supermarktprospekten hart erarbeitet worden war. Fragte ich ein Mädchen nach einem gemeinsamen Kinobesuch, wirkte es einfallslos und peinlich; schließlich konnte ich der Angebeteten nicht das Gefühl vermitteln, dass sie etwas ganz Besonderes wäre für die ich Mühen auf mich nahm. Auch hatten die wenigen Kinobesuche, die ich gemeinsam mit Mädchen unternommen hatte, nicht den Effekt gehabt, ungestört vom Elternhaus in eine fremde, dunkle Welt einzutauchen, im Gegenteil. Eigentlich hätte ich die Mädels besser nach Hause aufs Sofa nehmen sollen. Da wären wir ungestörter gewesen.
Hinzu kam, dass der berüchtigte Cinechris, der ich nun mal war, bei den Eltern der begehrten Mädchen einen denkbar schlechten Ruf besaß. Wer vertraute seine Tochter schon gerne einem jungen Kavalier an, dessen Familie stadtbekannter Weise ihr Geld mit Filmen welche „Flotte Teens – Runter mit den Jeans“ oder „Flotte Biester auf der Schulbank“ hießen, verdiente? Letzteres waren zwar Titel, welche eher in Onkel Willys‘ Höhlen auf dem Spielplan standen, aber hier wurde nicht differenziert sondern schön in Sippenhaft genommen, und durch besorgte Appelle an die Vernunft der Töchter dafür gesorgt, dass die Jeans züchtig oben blieben – meist wurde ihnen ein Kinobesuch an meiner Seite schlicht untersagt.
Dafür hätte mir ein Kuss eigentlich mehr als genügt, aber was dieses heikle Thema anging, war ich einerseits gänzlich unerfahren und fühlte mich andererseits behindert, da ich schon mehr dazu gesehen hatte als eigentlich erlaubt - und vielleicht auch gut für mich gewesen wäre. Schuld daran trug natürlich die moderne Unterhaltung für anspruchsvolle Erwachsene, welche ich nicht umhin gekommen war mir anzusehen, und deren Bilder ich nun nicht mehr aus meinem Kopf bekam. Ich machte mir schon Sorgen, ob das etwas wie eine unheilbare Krankheit wäre, von der ich jetzt befallen bin. Küsse waren in diesen Filmen natürlich kein Thema, aber wie sollte etwas zusammenkommen, wenn man sich in der Realität nichts sehnlicher wünschte als die Angebetete zärtlich zu küssen, vorsichtig an ihren Haaren zu riechen und ganz vorsichtig mit einer Hand unter ihren Pullover zu fahren, wenn mir andererseits, wenn ich in der Badewanne lag, die Bilder wie zu lautstarkem Gestöhne wahrscheinlich kiloschwere Brüste einer Blondine mit Farrah-Fawcett-Frisur in dem Takt heftig schaukelten wie sie anal gestoßen wurde, bis ihr letztendlich Kaskaden von Sperma mitten ins Gesicht gespritzt wurden, so lange nicht aus dem Kopf gehen wollten, bis ich dem ganzen Spuk ein Ende bereitete, und mir zu den wippenden Brüsten in meinem Geiste einen runterholte, wofür ich mich jedes Mal wieder abgrundtief schämte.
Zuerst war es neben der Neugierde natürlich auch ein wenig wie eine Mutprobe gewesen, die mich in einen solchen modernen Film getrieben hatte, und die Freude an der anschließenden Prahlerei vor meinen Klassenkameraden, denen der Zugang zu dieser Form der Erwachsenenbildung verwehrt war, und die deshalb alle Details ganz genau erzählt bekommen wollten.
„Voll krass ey, der Cinechris schaut sich voll die harten Pornos an!“ Durch derartige Kommentare motiviert, trug ich in meinen Schilderungen natürlich besonders dick auf, wie Einer der Alten seinen Schwanz einfach so in den Arsch rammt, und die sich danach die heruntertropfende Wichse genüsslich von ihren dicken Titten ableckt. Auch die Sprache verrohte sehr schnell wenn man im Thema war, musste ich feststellen. Dumm nur, dass meinen drastischen Schilderungen auch einige Mädchen beigewohnt hatten, welche mich kritisch beäugten und das Gehörte dann natürlich reichlich garniert weitertratschten. Kerstin, welche meiner Erzählung gar nicht beigewohnt hatte, und die ich heimlich eigentlich ganz gut fand, sprach mich ein paar Tage später auf dem Schulhof an, ob ich wirklich glauben würde, dass den Frauen so etwas gefiele, und das gut finden würde. Und so war ich nicht ganz unschuldig daran, wenn das Bild, welches die Eltern vor ihren Töchtern von mir zeichneten, sich fixierte: Erst will er dich küssen, dann ist die Jeans unten und schon steckt sein Schwanz in deinem Arsch.
Legal war die Vorführung jener sogenannten harten Pornographie, wie sie im „Lux Intim Nonstop“ gezeigt wurde nur, wenn der größere Teil des Eintrittsgeldes nicht für die eigentliche Filmvorführung bestimmt war. Der Gast erwarb streng genommen mit dem Kauf der Kinokarte das Recht auf den Konsum von Alkohol in Form einer kleinen Flasche Korn, welche an der Kasse ausgehändigt wurde, verbunden mit der freundlichen Erlaubnis, diese zu leeren, während man schnauzbärtigen Männern mit schmerzverzerrtem Gesicht dabei zusah, wie sie sich in großbusigen Frauen abmühten. Deshalb lag in unserem Kino, in dem das Licht niemals anging, über den Sitzreihen, in welchem sich alte Männer mit Hut im Schoß, Bundeswehrsoldaten sowie junge picklige Jugendliche über 18 auf Abstand verteilten, stets eine Wolke aus kaltem Schweiß und Alkohol in der Luft. Damit der Spielbetrieb tatsächlich ohne Unterbrechung gewährleistet war, verfügte das „Lux Intim“, als einziges Kino im „Astoria“, über eine Endlostellereinrichtung. Anders als in den drei Häusern, in denen „richtige“ Filme gezeigt, und mit Überblendbetrieb gearbeitet wurde, war hierfür nur ein Projektor nötig. Der komplette Film lag zusammengeklebt auf einer horizontalen Metallscheibe von ca. zwei Metern Durchmesser, aus deren Mitte der Anfang des Filmes über mehrere Umlenkrollen an der Wand entlang durch den Projektor geführt wurde, bis er über ebensolche Umlenkrollen zurück, von außen wieder auf den Teller lief. Besonders filmschonend war diese Technik zwar nicht, aber die Kundschaft im „Lux Intim“ gehörte nicht zu der Art von Gästen, die wegen ein paar hässlichen Seitenschrammen und Laufstreifen einen Aufstand machten.
Vater hatte in dieses technische Verfahren wohl investiert, damit der Pornoladen nebenbei wie von selber lief, und der Filmvorführer seine ganze Aufmerksamkeit der Projektion in den drei Haupthäusern widmen konnte. Tatsächlich war Vater sogar zuzutrauen, dass er in diesem einen Falle gemeint hatte, im Sinne seiner Angestellten zu handeln, und diese von der Existenz von so etwas Anrüchigem wie Pornographie weitestgehend zu bewahren (nur für die Putzfrauen war dieser fürsorgliche Schutz natürlich nicht möglich). Tatsächlich brachte Vater den Spagat fertig, ein Pornokino zu betreiben, dessen direkte Konsequenzen jedoch außer einem 5-stelligen D-Mark Betrag jede Woche auf dem Kontoauszug, zu ignorieren.
Womit Vaters‘ vorauseilende Fürsorglichkeit nicht gerechnet hatte war Luigi, sein einziger festangestellter Filmvorführer, der bereit war, für das, was Vater bezahlte, zu arbeiten. Nur Onkel Willy bezahlte schlechter, der hatte einen alten Jugo.
Luigi hatte seine Lehre als Fahrzeugschlosser, wegen der er aus Italien in die Bundesrepublik gekommen war, vorzeitig beenden müssen, nachdem er dabei erwischt worden war, wie er Lehrinhalte an parkenden Autos ausprobierte. Die einzigen beiden Wörter welche Luigi in Deutsch beherrschte waren „Scheiße“ und „Ficken“, und entgegen der Vorstellungen von Vater hielt er sich so selten als möglich in den Bildwerferräumen der Haupthäuser auf, hingegen liebte er das stickige Loch hinter dem „Lux Intim“. Dieses hatte mehrere Gründe: Zum einen konnte er hier ungestört rauchen, was in allen Vorführräumen strengstens untersagt war. Zweitens konnte er sich hier gepflegt während der Arbeit einen runterhohlen, und hatte die Wände des engen Kabuffs mit Filmplakaten, welche besonders großbusige Südländerinnen zeigten, aus dem Repertoire der anspruchsvollen Erwachsenenunterhaltung tapeziert. Elle Rio war „ficken“, Cicciolina zwar Italienerin, mangels vorzeigbarer Oberweite aber trotzdem „scheiße“. Drittens konnte er hier die Mini-Kornflaschen für die „Lux Intim“-Gäste, die er an der Kasse mitgehen ließ, austrinken und in einem Mauerspalt unter der Aufsattellung der Zuschauerraumbestuhlung entsorgen.
Ich konnte Luigi ganz gut leiden und besuchte ihn gerne in seiner chronisch überhitzten Wichsbude, um Zigaretten zu schnorren, die wir dann gemeinsam rauchten, uns über Scheiße und Ficken zu unterhalten, und den Dialogen aus dem Kontrolllautsprecher zu lauschen, die auch nicht viel besser waren: „Ouh, jaa! Besorg’s mir von hinten, ja, stoß zu! Spritz mir deinen heißen Saft auf meine geilen Titten…“
Dass der liebe Gott mich offensichtlich nicht liebte war mir nicht neu, und so hätte es nicht des Stuhlkreises im katholischen Religionsunterricht bei Frau Müller bedurft, um mir ein weiteres mal vor Augen zu führen, dass der Zug mit dem Tag der Erlösung bei mir endgültig abgefahren war. Bei Frau Müller war ich schon untendurch gewesen bevor wir sie im letzten Jahr in Religion bekommen hatten, weil sie mit unserem Biologielehrer verheiratet war, was in meinen Augen die Frage aufwarf, wie Religion und Biologie zusammenpassen sollten. Herr Müller war ein sehr großer Tier-, und noch größerer Vogelfreund, und als solcher hatte er sich aus einem fatalen Missverständnis heraus vor ein paar Jahren bei uns im „Astoria“ den Film „Die Wildgänse kommen“ angeschaut, nicht ohne sich hinterher in seinem Unterricht, wo das Thema ja nun wirklich nichts zu suchen hatte, über das in seinen Augen widerliche Machwerk auszulassen. Ich hatte, wie schon öfters in solchen Fällen, den Fehler begangen, mich persönlich angegriffen zu fühlen, und deshalb den Film, den ich ungerecht behandelt fand, verteidigt. Herr Müller hatte daraufhin sein Entsetzen zum Ausdruck gebracht, dass ich mit meinen jungen Jahren schon derart harte Kriegsfilme anschauen würde, was ich erwiderte, mit er, Herr Müller, habe ja keine Ahnung was ein harter Kriegsfilm sei, „Wildgänse“ sei ja sogar im „Astoria“ gelaufen und richtig so mit Schauspielern, er sollte sich doch erst einmal anschauen, was Onkel Willy so zum Thema harter Kriegsfilm auf dem Spielplan habe, und ohne „Jäger der Apocalypse“ oder „Stoßtrupp durch die Grüne Hölle“ gesehen zu haben, sei er schlicht nicht kompetent, das Thema mit mir zu diskutieren.
Und nun saß ich mit seiner Frau, die auch nicht besser war, in einem Stuhlkreis um das Thema „Sexualität vor der Ehe?“ zu diskutieren. Dass ich, bzw. meine verkommene Familie, nicht besonders religiös waren, war hierbei das kleinere Problem; schließlich gingen die meisten anderen Leute auch nur an Weihnachten in die Kirche - was bei uns natürlich auch nicht ging, da dann ja naturgemäß das Hauptgeschäft anstand. Nur in dem Jahr mit dem „Annie“-Desaster hatte Mutter, obgleich sie ja die Schuldige an der Misere war, einen weihnachtlichen Kirchgang durchgesetzt, damit Vater sich erst zwei Stunden später die Kante geben konnte. Schweigsam war er hinter ihr her getrottet, hatte sich in eine Bank gezwängt und wohl einige Stoßgebete für ein paar gescheite Söldnerfilme im neuen Jahr gen Himmel gesandt.
Das weitaus größere Problem am katholischen Religionsunterricht war, dass das religiöse Ingelstadt nicht sonderlich katholisch war. Aus meiner und der Parallelklasse zusammen waren dies gerade einmal sieben Schüler, und von diesen sieben war aus irgendeinem verflixten Zufall ich schon seit Jahren der einzige männliche. Das machte die Sache mit dem Stuhlkreis als solchem, und zu einem solchen Thema im Besonderen, natürlich heikel. Mit höflicher Zurückhaltung kam ich hier nicht weit. Immer wurde insbesondere mein männlicher Beitrag eingefordert, „Jetzt sagen Sie doch auch mal was dazu, Christian“, nur um mich, kaum dass ich etwas sagte, in der Luft zu zerfetzen und meine typischen Machodenkmuster zu entlarven. Hier hatte ich weder die Chance auf eine Mehrheit, noch auf eine Lobby. Hier hatten sie eine glasklare Meinung von mir, und das war schon lange so gewesen, bevor ich durch meine Schilderungen anspruchsvoller Erwachsenenunterhaltung meinen Ruf endgültig ruiniert hatte.
„Du bist komplett versaut“ aus dem Mund von Annette war noch eine der netteren Bemerkungen über mich; wobei ich bei Annette nie ganz sicher war, wenn sie das sagte, ob es sie innerlich nicht doch reizte die Hemmschwelle zu übersteigen, und so einer totalen Versautheit ihrerseits nicht ganz abgeneigt war. Da war Martina schon aus anderem Holz geschnitzt. Sie war wirklich gläubig, ging regelmäßig in die Kirche, und vertrat in Dingen der Sexualmoral noch radikalere Standpunkte als die beknackte Frau Müller. Als Martina gerade wieder zu einem längeren Beitrag, was der Pfarrer nun wieder alles gesagt habe, anzusetzen drohte, reichte es mir, und ich ging mit einer eigenen These, von der ich noch nicht recht wusste wie sie enden sollte, dazwischen.
„Also, ich finde das totalen Quatsch wenn man keinen Sex vor der Ehe haben soll, wenn man noch nicht mal weiß, ob man später einmal heiraten wird. Dies hieße ja, sich einer Sache zu verweigern, in der bloßen Annahme des Eintretens eines Ereignisses, das nicht sicher ist. Oder mit anderen Worten: Menschen, die nie heiraten, können auch wenn sie Sex haben keinen Sex vor der Ehe haben, weil es ja keine Ehe gibt.“
„Heißt das, Christian, Sie meinen, wenn Sie nicht heiraten möchten könnten Sie immer Sex haben?“
„Ich habe nicht gesagt, Frau Müller, dass ich nicht heiraten möchte. Ich weiß nicht, ob ich einmal heiraten möchte, da ich noch nicht weiß, wen ich, wenn ich einmal heiraten möchte heiraten möchte, und ob diese Frau mich dann auch heiraten möchte. Heirat ist ja kein sicheres Ereignis im Leben. Das ist nur der Tod. Und vor dem Tod kann man finde ich schon auch einmal Sex gehabt haben.“
Zu meiner großen Zufriedenheit konnte ich sehen, wie die blöde Martina puterrot im Gesicht anlief. Mir verbal etwas entgegenzusetzen, was nicht vom Pfarrer nachgeplappert war, würde ihr nicht gelingen so lange ich mein Tempo beibehielt. Das Hervorbringen von Formulierungen selbständiger geistiger Tätigkeit ging bei ihr nicht so schnell, wahrscheinlich weil es letztere nicht gab.
„Wissen Sie, Christian“, sprang Frau Müller wieder an, „das heilige Sakrament der Ehe ist ein ganz wunderbares Geschenk an Mann und Frau, welches man nicht einfach mal so zum Spaß aufs Spiel setzen sollte.“
Mir reichte es nun endgültig, und obwohl ich mir mit meinem bisher gesagten sicher war, auf der richtigen Seite zu stehen, oder jedenfalls nicht komplett daneben zu liegen, und ich, zumindest bislang, noch nicht einmal ausfällig geworden war, ließ ich mich dazu hinreißen, zur Untermauerung meiner These, ausgerechnet meine eigene, verrufene Familie ins Feld zu führen.
„Nehmen wir zum Beispiel meinen Onkel Willy…“
„Ist das nicht der, der auch dieses Pornokino hat?“ warf Silke, die dumme Ziege, ein.
„Nein, das ist mein Vater. Onkel Willy ist der mit dem „City“, wo immer die Söldnerfilme laufen und die Zombies am Glockenseil hängen.“
„Ach, stimmt ja. Da habe ich mal „Breakdance Sensation 84“ gesehen.“
„Jedenfalls, mein Onkel Willy war schon über 30 Jahre alt, als seine spätere Frau überhaupt erst geboren wurde. Und das auch noch in Thailand. Woher hätte er wissen sollen, dass er eine Frau, die am anderen Ende der Welt geboren wird, überhaupt einmal kennenlernt? Und selbst wenn er in Erwartung dieser äußerst unwahrscheinlichen Ehe über 50 Jahre lang enthaltsam gewesen wäre hätte es sich für ihn nicht gelohnt, weil es am Ende ja sie war, wo die Scheidung eingereicht hat.“
„Ist ja klar, dass die nicht so lange mit so einem alten Sack zusammen sein will, wenn der auch so versaut ist“, warf nun Annette wieder ein.
„Was heißt denn in dem Fall auch?“, musste ich kontern, der ich nicht gewillt war, diese Unverschämtheit auf Onkel Willy oder mir sitzen zu lassen. „Und was hat das eine bitteschön mit dem anderen zu tun? Meinst du, Onkel Willy ist so versaut, weil er ein alter Sack ist? Und wieso sollte ich dann bitteschön auch komplett versaut sein, obwohl ich noch kein alter Sack bin, und es daher schon rein lebenszeitlich unlogisch ist, weil das ja bedeuten würde, dass man ab einem gewissen Grad der Versautheit nicht mehr weiter versaut, und warum soll dann ausgerechnet ich so schnell komplett versaut worden sein, und Onkel Willy erst so spät, obwohl ich noch nicht einmal im Puff war?“
„Dein Onkel Willy war im Puff?“ fragte wieder Annette aus einer Mischung aus Perplexität und Begeisterung, ob der überraschenden Dramatik, die unser Stuhlkreis gewonnen hatte.
„Ja, aber das war bevor er verheiratet war. Und danach natürlich wieder, aber da ist das dann glaube ich auch egal, weil wiederverheirateten Sex nach der Ehe findet der Papst ja glaube ich auch nicht so toll, da ist es ja klar, dass man dann auf der sauberen Spur bleibt und in den Puff geht.“
„Unser Pfarrer hat gesagt, Männer die zu Huren gehen kommen nicht in den Himmel“ versuchte sich die beknackte Martina wieder ins Gespräch einzubringen.
