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Volltreffer.
Sophie ist schwanger, aber ihr dauerjugendlicher Freund Lukas ist alles andere als die Traumbesetzung für die Rolle des werdenden Familienvaters. Während sie Karriereambitionen hat und die Rechnungen zahlt, lebt er als Comiczeichner in einer chaotischen WG und kann sich einfach nicht entschließen, erwachsen zu werden. Keine gute Voraussetzungen, um die Bewährungsprobe Kind zu bestehen. Schon bald hat Lukas alle Mühe mit Sophies monatelanger Übelkeit, Listen der allerwichtigsten Babyartikel – „Nur das Nötigste!“ –, kilometerlangen Warteschlangen bei Kreißsaalbesichtigungen und nicht zuletzt mit seiner eigenen Co-Schwangerschaft und eklatanten Gewichtszunahme. Als dann auch noch ein Nebenbuhler auftaucht, der alles mitbringt, was Lukas nicht hat, ist Sophie irgendwann weg, mitsamt Bauch und Baby. Und Lukas muss beweisen, dass er der Richtige für Sophie ist ...
Ein hochkomischer Roman über ein Paar beim Abenteuer Elternwerdung.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2012
sebastian gehrmann
StressTest
roman
ISBN 978-3-8412-0496-7
Aufbau Digital,
veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, Dezember 2012
© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin
Die Originalausgabe erschien 2012 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
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Für Sarah
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Innentitel
Inhaltsübersicht
Informationen zum Buch
Informationen zum Autor
Impressum
Leseprobe: Frida Mey - Manchmal muss es eben Mord sein
Inhaltsübersicht
prolog
kapitel 1
kapitel 2
kapitel 3
kapitel 4
kapitel 5
kapitel 6
kapitel 7
kapitel 8
kapitel 9
kapitel 10
kapitel 11
kapitel 12
kapitel 13
kapitel 14
kapitel 15
kapitel 16
kapitel 17
kapitel 18
kapitel 19
kapitel 20
kapitel 21
kapitel 22
kapitel 23
kapitel 24
kapitel 25
kapitel 26
kapitel 27
kapitel 28
kapitel 29
kapitel 30
kapitel 31
kapitel 32
kapitel 33
nachbemerkung des autors
dank
Leseprobe: Frida Mey - Manchmal muss es eben Mord sein
»Vielleicht liegt es an meinem Blut.«
»…«
»Ich meine, das kann doch sein, oder was denkst du?«
»…«
»Sag mal, Sophie, hörst du mir überhaupt zu?«
»Was? Blut? Meine Güte, Luke, bist du das? Mann, siehst du fertig aus. Lass mich schlafen. Ich hatte einen echt harten Tag und morgen muss ich wieder früh raus.«
»Und wenn ich alles erklären kann?«
»Lukas, welchen Teil von ›Lass mich schlafen‹ hast du nicht verstanden? Außerdem hast du eine fürchterliche Fahne.«
»Aber dieses Mal passt alles zusammen. Bitte, Sophie, du kennst mich. Ich würde dich nicht wecken, wenn es nicht wichtig wäre.«
»Aber natürlich würdest du das. Also, was ist jetzt mit deinem Blut, außer den eins Komma drei Promille, die du locker haben dürftest? Und mach das Licht aus! Wie spät ist es überhaupt?«
»Ich glaube, fast zwei.«
»Promille? Ihr geht kurz was trinken, und du hast zwei Promille?«
»Nein – Uhr. Ich glaube, es liegt an meinem Blut, dass ich so bin.«
»Wie bist? Betrunken? Und darauf bist du ganz allein gekommen?«
»Nein, dass ich wie gestern Mittag bin, du weißt schon, der kleine Aussetzer im Supermarkt.«
»Das, mein Freund, war total daneben. Ehrlich, Lukas, manchmal verstehe ich dich einfach nicht. Wenn du erst drei wärst, gut, meinetwegen. Aber du wirst bald dreißig.«
»Ich weiß. Aber nicht mal der Alkohol macht es halbwegs erträglich.«
»Was hältst du dann davon, dich zur Abwechslung einfach mal wie ein Dreißigjähriger zu benehmen?«
»Sophie, erstens bin ich noch nicht dreißig.«
»In einem Monat aber schon. Vielleicht solltest du dich langsam damit abfinden.«
»Und zweitens habe ich doch gerade gesagt, dass es mir leid tut, oder? Es tut mir leid.«
»Mann, das war so unglaublich peinlich. Da können wir doch nie wieder hingehen. Was. Sollte. Das?«
»Ich würde sagen, wir hatten es eilig.«
»So eilig hatten wir es auch wieder nicht. Und wir waren fast dran.«
»Waren wir nicht. Da waren noch vier Leute vor uns an der Kasse. Hast du gesehen, was allein der alte Gold-Petri in seinem Einkaufswagen hatte? Als würde morgen der Russe einmarschieren.«
»Die paar Minuten hätten wir auch noch warten können. Ich meine, als du dem Mädchen Geld geboten hast, damit es uns vorlässt, habe ich dich noch machen lassen – wobei das streng genommen mein Geld war. Und die Kleine war höchstens sechs. Die hätte uns für zehn Cent vorbeigelassen, aber du musstest ihr ja gleich zehn Euro in die Hand drücken. Der feine Herr hat es ja, nicht wahr?«
»Ist ja gut.«
»Nein, ist es nicht. Du kannst doch nicht die Bananen vom alten Petri vom Band nehmen und zu den Schnittblumen stopfen. Wie der geguckt hat. Der arme Kerl war völlig fertig mit den Nerven. Der hat ernsthaft an seinem Verstand gezweifelt.«
»Die Bananen waren nicht gewogen. Sophie, überleg doch mal. Der Kassierer hätte aufstehen und nach hinten in die Obstabteilung gehen müssen. Das hätte ewig gedauert. Das war Notwehr.«
»Aber dass er das Gitter vor den Zigaretten wieder einhängen musste, hat die ganze Warterei ungemein beschleunigt, oder wie?«
»Entschuldige, aber ich wollte der Frau nur helfen. Die war doch schlichtweg überfordert.«
»Indem du wie ein wilder Affe an dem Gitter rüttelst, bis es aus der Schiene bricht? Ich muss schon sagen, das war echt nobel von dir, wie du der geholfen hast. Was wolltest du? Bananen? Die hättest du einfacher haben können. Die lagen bei den Blumen. Ehrlich, Lukas, ich hab mich richtig geschämt für dich.«
»Sophie!«
»Das wird immer schlimmer mit dir. Ich kenne dich manchmal gar nicht mehr.«
»Sophie! Es reicht! Jetzt hör mir doch mal zu!«
»Siehst du, jetzt schreist du wieder. Bleib doch einfach ruhig, nur ein einziges Mal!«
»Ich schreie?«
»Und dein linkes Ohr ist schon ganz rot. Immer wenn du so bist, kratzt du dich am linken Ohr. Ich wette, es leuchtet im Dunkeln.«
»Ja, mach dich nur lustig. Ich bin nicht so voll, dass ich mich nicht daran erinnern werde. Bevor wir uns kannten, habe ich mich jedenfalls nie am Ohr gekratzt.«
»Und jetzt bin ich daran schuld, oder was? Es sind immer die anderen, nicht wahr? Lass mich in Ruhe, Lukas, und egal, was du mir sagen wolltest, erzähl es den Nachbarn. Die müssten mittlerweile ohnehin wach sein.«
»Sophie, bitte. Ich weiß doch, dass das heute scheiße war. Gib mir fünf Minuten, und dann lass ich dich schlafen.«
»Die Zeit läuft. Was ist jetzt mit deinem Blut?«
»Es ist zu warm.«
»Dein Blut ist zu warm? Wie kommst du denn darauf ?«
»Es ist die einzig logische Erklärung.«
»Dafür, dass du so bist, wie du bist?«
»Genau das sag ich doch die ganze Zeit. Darum kocht es auch so schnell über. Dein Blut ist bestimmt nicht so warm, deshalb bist du auch viel ruhiger. Und du frierst immer. Dass ich da nicht früher drauf gekommen bin.«
»Sag mal, du verarschst mich doch gerade, oder? Findest du deine Phantasie eigentlich blühend genug. Du und deine blöden Theorien.«
»Ich dachte, du magst meine Theorien?«
»Ja, aber nicht um halb drei. Außerdem stimmt diese nicht.«
»Ach was. Und warum nicht, wenn ich fragen darf ?«
»Weil ich zufällig Pharmazie studiert habe und deshalb weiß, dass die Körpertemperatur bei allen gesunden Menschen ungefähr gleich ist. Und selbst wenn dein Blut wärmer wäre als mein Blut. Denk doch mal nach. Du bist viel größer als ich und viel schwerer.«
»Du findest, ich bin fett?«
»Nein! Und ich wüsste nicht, was passieren muss, damit du es wirst. Sag mal, kriegst du langsam Komplexe? Du hast einfach mehr Blut als ich. Selbst wenn es wärmer wäre, würde es nicht früher kochen. Bitte, wenn ich morgen in der Apotheke diese Inventur vermassele, sucht der Stern sich eine andere Sommervertretung.«
»Und? Wäre das so schlimm?«
»Zufällig ist der Stern ein alter Schulfreund von Professor Paffrath.«
»Und?«
»Und? Und? Wenn der Paffrath erfährt, dass ich zu dämlich und unfähig bin, selbst eine läppische Inventur fehlerfrei über die Bühne zu bringen, kann ich meine Promotion gleich vergessen. Und die Stelle bei FutureHealth auch. Dann war es das mit der Karriere in der Forschung. Dann versauere ich den Rest meines Lebens in dieser bescheuerten Apotheke.«
»Ich dachte immer, die Arbeit beim Stern macht dir Spaß.«
»Aber das ist doch nichts für immer. Was glaubst du eigentlich, wozu ich das alles gemacht habe? Das Studium. Die unbezahlten Praktika. Jede freie Minute habe ich in der Bibliothek gesessen und gelernt, und wenn ich nicht gelernt habe, habe ich beim Paffrath irgendwelche Daten ausgewertet, um mir das Auslandssemester in Spanien leisten zu können.«
»Aber du verdienst doch richtig gut beim Stern.«
»Gut erkannt. Immerhin verdiene ich überhaupt was.«
»Ach so, darum geht es also.«
»Luke, das verstehst du nicht. Du Schöngeist stehst auf, wenn du wach wirst, und zeichnest deine was weiß denn ich für genialen Comics. Und dann wunderst du dich, dass dieses alberne Stadtmagazin sie nicht drucken will.«
»Immerhin druckt dieses alberne Magazin seit zwei Jahren Linus.«
»Linus ist ein bekifftes Eichhörnchen.«
»Linus ist ein haselnussgeiler Philosoph. Die Leute mögen Linus.«
»Aber sie mögen das Magazin nicht. Und deshalb kaufen sie es nicht mehr. Wie lange wartest du jetzt schon auf dein Geld? Drei Monate? Vier?«
»Die zahlen schon noch. Und falls ich dich daran erinnern darf, hast du von Anfang an gewusst, was ich mache. Du fandest es sogar gut, dass ich mein Ding durchziehe, auch wenn Comics nicht reich machen. Du hast mich sogar überredet, diesen Nachtjob in der Druckerei zu schmeißen, damit wir mehr Zeit füreinander haben.«
»Ja, habe ich. Aber jede Freiheit hat nun mal ihren Preis.«
»Was soll das denn jetzt heißen, Sophie d’Arc?«
»Dass irgendwer das bezahlen muss. Wer hat dir das Geld geliehen, damit du mit Olli im Joker einen trinken gehen kannst? Ich mache das gern, ehrlich. Aber ich muss mir dann nicht anhören, dass ich zu viel arbeite. Die nächsten Monate sind wichtig für mich. Ich bin kurz vor dem Ziel. Da darf jetzt nichts mehr dazwischenkommen. Und solange ich dich mit durchfüttern muss, brauche ich meinen Schlaf.«
»Gute Nacht.«
»Luke. Jetzt leg dich nicht mit dem Rücken zu mir.«
»Ich bin sauer.«
»Entschuldige, jetzt komm schon. Dreh dich wieder um.«
»…«
»Das mit dem Durchfüttern ist mir so rausgerutscht. War blöd.«
»War es.«
»Komm, nimm mich mal in den Arm. Und, Luke? Angenommen, diese Theorie mit deinem Blut stimmt wirklich – ist dir dann jetzt nicht warm?«
»Natürlich. Es ist Ende Januar, draußen liegt die Welt auf Eis, und ich schwitze mir einen ab. Hast du die Heizung aufgedreht?«
»Was denkst du denn? Dann zieh doch einfach diesen fürchterlichen Schlafanzug aus?«
»Moment. Ich dachte, du willst schlafen, weil du früh rausmusst?«
»Ich werde dir das nicht zweimal sagen, Lukas.«
»…«
Mein dreißigster Geburtstag fiel auf einen Mittwoch. Aschermittwoch.
Da sich meine Begeisterung für jenen alten Brauch, den der Volksmund je nach Breitengrad Karneval, Fasching oder sonst wie nennt, in eher überschaubaren Grenzen hielt, war Aschermittwoch in meinem Leben bislang kein Tag gewesen, um über das normale Maß hinaus Trübsal zu blasen. Zudem fiel es mir neuerdings zunehmend schwerer, mich körperlich und seelisch an die ständigen Wechsel zwischen vier Jahreszeiten zu gewöhnen. Ich brauchte keine fünfte.
Irgendwie mochte ich den Aschermittwoch. Eigentlich.
Mein Wecker klingelte, was wie eine wilde Schießerei klang, und ein kleiner Scheinwerfer warf die Silhouette eines breitbeinigen Cowboys an die Zimmerdecke.
»Luke?«
Ich blinzelte hinauf zu dem Schatten, unsicher, ob mich der Kerl mit dem Grashalm im Mundwinkel gerade beim Namen genannt hatte, als die Tür zu meinem Zimmer behutsam einen Spaltbreit geöffnet wurde und das mit Abstand bezauberndste Wesen, dem ich jemals über den Weg gelaufen war, seinen Kopf hindurchschob. Sophie war eine dieser Frauen, von denen man nicht zu träumen wagte, dass sie am Abend neben einem einschliefen und, wenn man am Morgen aufwachte, immer noch da waren. Und man konnte einfach nicht an sie denken, ohne dabei kitschig zu werden.
Sophie stand in der Tür und lächelte angestrengt. Ihre Füße steckten in dicken Baumwollsocken, die ich ihr nach unserer ersten Nacht geschenkt hatte, und obwohl ich hätte schwören können, dass sie darunter mindestens zwei weitere Paar trug, tippelte sie über den Boden, als liefe sie barfuß über eine Eisscholle. Ihre Zähne klapperten, und ihr Lächeln wirkte wie eingefroren. »Kkkafffee!«
Ich war am Ende.
»Hallo, Luke? Jemand zu Hause? Sag mal, träumst du mit offenen Augen? Du hast bald Geburtstag. Jetzt freu dich doch mal. Und würdest du bitte damit aufhören, mich anzustarren, als wärst du ein geisteskranker Psychopath?«
Nun, so wie die Dinge lagen, war ich kurz davor, einer zu werden.
Sophie legte den Kopf schief und sah mich streng an. »Hättest du die Güte, mir zu verraten, wo eure Kaffeekanne ist? Irgendwas braut sich da in meinem Bauch zusammen, und wenn ich nicht sofort etwas dagegen unternehme, war es das wohl mit Reinfeiern.«
Ich zog mir die Decke über den Kopf: »Klingt gut. Bleiben wir einfach im Bett. Am besten für immer.«
Sophie sah mich noch strenger an. »Wo. Ist. Die. Kanne?«
Ich blinzelte, aber träumte wohl nicht. »In der Küche?«
Noch strenger. »Wann warst du das letzte Mal in eurer Küche? Dort holt sich Mutter Natur gerade zurück, was sich die Ameisen noch nicht unter den Nagel gerissen haben. Und wie es riecht. Die Kanne ist da auf jeden Fall nicht.«
Ich zwickte mich. Nur zur Sicherheit. »Vielleicht im Bad.«
»Was glaubst du, wo ich als Erstes nachgesehen habe? Ich kenne doch deinen Mitbewohner. Der wohnt da ja mittlerweile.«
»Vielleicht hat Obelix sie mit in sein Zimmer genommen.«
»Kannst du Olli bitte fragen?« Da Sophie sich nicht anders zu helfen wusste, verlieh sie ihrer Stimme etwas Schmeichelndes, aber selbst eine tiefe Verbeugung wäre wirkungslos verpufft. Punkt Mitternacht würde ich dreißig werden, und dieser Gedanke quälte mich. Trotz meines Pessimismus, meiner Paranoia und Panik wurde ich alt und brauchte gar nicht zu hoffen, dass mir irgendwelche glücklichen Umstände in letzter Sekunde den Arsch retten würden. Von wegen Lucky Luke. Es würde passieren, ob ich wollte oder nicht. Und es war wohl kein Zufall, dass ich ausgerechnet jetzt, da mein Leben endete, daran denken musste, wie es begonnen hatte.
An dem Tag, an dem ich das Licht der Welt erblickte, waren Pippi Langstrumpf und Kermit der Frosch hektisch damit beschäftigt, mich rechtzeitig vor der Prunksitzung der örtlichen Lach- und Schießgesellschaft zu entnabeln, weshalb sie sich mit ihren weißen Kitteln allenfalls halbherzig als fachmännisch geschultes Krankenhauspersonal verkleidet hatten. Eine Wand des geräumigen Kreißsaals war mit bunten Luftschlangen geschmückt, der Boden war übersät mit Konfetti. Hin und wieder steckte Zorro, der gewisse Ähnlichkeiten mit einem der Oberärzte besaß, seinen maskierten Kopf durch die Tür und erkundigte sich ungeduldig nach dem Verlauf der Geburt. Er soll sogar gedroht haben, die Nabelschnur mit seinem Degen zu durchschlagen, damit es die drei rechtzeitig zum ersten Tusch in den Festsaal schafften.
Möglicherweise hätte man sich denken können, dass es nicht spurlos an so einer halben Portion Mensch vorüberging, wenn ein hyperventilierender Frosch und seine hysterische Gespielin schon vor der Geburt Unruhe verbreiteten, als ginge es um Leben und Tod, obwohl man streng genommen noch nicht einmal existierte. Kein Wunder, dass man da irgendwie verkrampfte.
Dann dachte ich an meinen Vater. Wie er allein hinter einer dicken Scheibe gestanden hatte, die den Kreißsaal von der Geburtsstation trennte. Und wie er von dort aus tatenlos hatte mit ansehen müssen, wie Pippi und der Frosch nervös um meine Mutter herumturnten, während im Hintergrund die Bläck Föös aus einem Kassettenrekorder kölschten: »Drink doch ene met, stell dich nit esu ann, du stehs he die janze Zick erüm …«
Es war in der Tat bemerkenswert, wie ruhig Vater geblieben war, wohingegen ich an seiner Stelle spätestens beim Konfetti durch die Scheibe marschiert wäre. Doch er ertrug den ganzen Irrsinn mit der Gelassenheit einer englischen Palastwache. Wie bedauerlich, dass er mir dieses unerschütterliche, stets besonnene Gemüt nicht mit in die Wiege gelegt hatte. Vielleicht wäre dann vieles anders gekommen.
Sophie kam zurück, frisch geduscht und nur mit einem Handtuch bekleidet. Sie setzte sich auf die Bettkante und fing an, ihre schulterlangen, leicht ausgebleichten Haare zu kämmen, die aussahen, als würde sie den Großteil ihres Lebens am Strand und in den Wellen verbringen. Ich stieß einen tiefen Seufzer aus, aber Sophie machte nicht den Eindruck, als würde sie bemerken, in was für einer ausweglosen Lage ich mich befand. Und offensichtlich war ihr jedes Mittel recht, das mich dazu bewegte, aufzustehen und Obelix nach der verfluchten Kanne zu fragen. Ein Tropfen fiel mir direkt ins Auge, das auf der Stelle nervös zu zucken begann. »Scheiße, Sophie! Kannst du das lassen?«
An einem stinknormalen Tag wäre es dieser Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hätte. Aber ich war zu schwach, wie gelähmt, gefangen in einem klebrigen Netz aus Verzweiflung und Selbstmitleid. Vermutlich hatte das Alter bereits seine Boten geschickt, damit ich schon mal einen kleinen Vorgeschmack bekam. Fehlte nur noch, dass ich mich, ohne es zu bemerken, langsam einpisste.
»Ich habe ja keine Ahnung, auf was für einem Trip du gerade bist, Luke.« Sophie schluckte. »Aber gehst du bitte zu Olli? Mir ist das echt unangenehm.« Sie strich mir behutsam den Haaransatz entlang.
»Sophie, du kennst ihn genau so lange wie mich. Stell dich nicht so an.«
»Was, wenn er wieder nackt ist?«
»Du hast doch diesen ganzen Medizinkram studiert. An dem ist nichts dran, was da nicht hingehört. Er ist auch nicht ungewöhnlich groß oder behaart.«
»Hör auf, Lukas. Mir wird richtig schlecht.« Sophie hielt sich den Bauch, und ihr Bitten klang nun wie ein Flehen. »Was, verdammt noch mal, ist eigentlich dein Problem?«
Nun, mein Problem bestand darin, dass Menschen gemeinhin erwachsen wurden, indem sie in den ersten dreißig Jahren ihres Lebens Entwicklungsstadien unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade durchliefen und diese mehr oder weniger erfolgreich meisterten. Sie wurden vor immer kompliziertere Herausforderungen gestellt, und indem sie die richtigen Schlüsse aus dem Zusammenspiel von Ursache und Wirkung zogen und Probleme unterschiedlicher Komplexität lösten, passten sie sich an. Manchmal mussten sie lediglich hier ein wenig justieren und da etwas regulieren. Manche mussten sich auch grundsätzlich verändern oder regelrecht neu erfinden, aber im Laufe der Zeit entwickelten sie sich beständig weiter, bis sie im Alter von dreißig Jahren zu einem erwachsenen Individuum gereift waren.
Ich hingegen war schon immer so, wie ich war – unreif, ungeduldig und, nicht zu vergessen, unausgeglichen. Und so, wie die Dinge lagen, würde ich genau das auch für immer bleiben.
Meine Mutter erzählte manchmal davon, wie ich während meiner Geburt noch in ihr einen derartigen Wutanfall bekam, dass sie gar nicht mehr wusste, ob sie atmen, pressen oder gleich ihre Sachen packen sollte. Es hielt sich sogar das hartnäckige Gerücht, man habe mich bereits schreien gehört, als ich noch nicht zu sehen war, was einer mittelschweren biologischen Sensation gleichgekommen wäre. Ich hatte schon immer Nerven wie Bindfäden, die bei jeder noch so winzigen Berührung rissen, als hätte man nach Leibeskräften an ihnen gezerrt. Vielleicht war ich einfach zu früh auf der Welt. Vielleicht hätte man an diesem Tag in aller Seelenruhe noch ein paar Stunden auf mich warten sollen, damit sich drahtseildicke Nerven bilden konnten. Oder einen Tag. Oder eine Woche.
Erstaunlicherweise hatten meine Eltern aus den Ereignissen jenes Tages nicht die richtigen Schlüsse gezogen. Jedenfalls verließen sie nicht Jahr für Jahr beim Anblick der ersten kastrierten Krawatte fluchtartig das Land, weil ich dem bunten Treiben nervlich offenbar nicht gewachsen war. Nein, zu allem Überfluss luden sie auch noch sämtliche Narren aus der Gegend ein, da eine Geburt um den Rosenmontag die Geburtstagsfeier um dieselbe Zeit zwangsläufig nach sich zog, weshalb es sich anbot, eine Kostümparty auszurichten, wo doch ohnehin schon alle verkleidet waren.
Bedauerlicherweise wurde auch mein Geburtstag seit jeher auf ebenso entzückenden wie verstörenden Schnappschüssen festgehalten. Doch während auf den Bildern der Nachbarskinder Milchzähne kamen, Zahnspangen gingen und Pickel blieben, war ich unter einer Schicht aus dicker Schminke nicht einmal zweifelsfrei zu erkennen. Alles, was man in den ersten Jahren von mir sah, war ein zorniger Kürbis, eine schimpfende Sonnenblume oder ein wütender Fliegenpilz. Als meinen Eltern allmählich dämmerte, dass in ihrem Kind womöglich ein chronischer Choleriker schlummerte, bewiesen sie Humor und verkleideten mich fortan als Rumpelstilzchen, was zumindest halbwegs glaubwürdig wirkte. Und als ich zuhause auszog, fing ich an, mich einzuschließen.
»Olli war nackt!« Sophie sah mich an, als wäre sie gerade einem nudistischen Geist begegnet. »Er hat splitternackt und auf allen vieren nach der Kanne gesucht.« Sie griff sich an die Stirn. »Wie soll ich dieses Bild je wieder aus meinem Kopf kriegen?«
Es war ihr schon immer ein Rätsel, wie sich zwei Jungs in unserem Alter noch eine Wohnung teilen konnten, ohne wissentlich schwul zu sein. In Sophies Augen waren wir unvernünftige und gedankenlose Wesen, denen es in einem höchst bedenklichen Maß an klaren Grenzen zwischen Spaß und Ernst fehlte und die der liebe Gott aus purer Langeweile in die Körper ausgewachsener Männer gesteckt hatte, um sich an ihren kindischen Kapriolen zu erfreuen.
Dummerweise hatte sie sich in einem unbedachten Augenblick in eine dieser infantilen Kreaturen verliebt, nämlich in mich. Und obwohl sie mir keinen Anlass gab, ihre Gefühle grundsätzlich in Frage zu stellen, so mussten sie zuletzt doch immer größere Zweifel beschlichen haben, ob es sich bei dem Mann, dem sie gut zwei Jahre zuvor begegnet war, und jenem Typen, der wie ein hypnotisierter Zombie kreidebleich und mit angezogenen Beinen auf seinem Bett kauerte und die Vorstellung nicht ertrug, bald dreißig zu werden, tatsächlich um ein und dieselbe Person handeln konnte.
Entgeistert hielt sie mir die Kanne unter die Nase. »Sieh dir an, was hier drin ist. Erde, Zweige, ein paar Blätter und – Käfer. Da sind mindestens sechs Käfer.«
»Die leben noch? Ich glaub, die hat er im Hausflur gefunden, und jetzt will er sie über den Winter bringen. Sophie, Obelix ist Feuerwehrmann. Der muss ständig irgendwen retten. War er so groß, wie du ihn dir vorgestellt hast?«
»Sei still!« Sophie presste die Hände gegen ihre Schläfen, als wollte sie den nackten Obelix aus ihrem Kopf quetschen. »Ich mach mir jetzt Kaffee, bevor mir alles hochkommt. Nach Milch brauche ich wahrscheinlich gar nicht zu fragen.«
»Wir haben Milch.« Obelix verdünnte damit die zwei Kilo Quark, die er jeden Tag in sich hineinwürgte, damit die Proteine seine Muskeln zum Bersten brachten, was im Laufe der Zeit zu erstaunlichen Ergebnissen geführt hatte.
»Wie schön. Und mach den Rollladen auf. Und das Fenster, oder zerfällst du dann zu Staub?« Sophie massierte ihre Stirn. »Findest du nicht, dass du ein klein wenig übertreibst? Seit Tagen haust du hier wie ein depressiver Vampir und wartest, dass Karneval endlich vorbei ist. Dabei wäre es echt schön gewesen, wenn du gestern mit mir auf diese Kostümparty gekommen wärst. Du hättest dich nicht mal verkleiden müssen, Dracula.« Durch einen Spalt im Rollladen fiel das neonrote Licht der Leuchtreklamen auf mein Gesicht, woraufhin Sophie erschrocken zusammenzuckte.
Ich erinnerte mich nicht, Sie um so viel Ehrlichkeit gebeten zu haben.
»Komm schon, Luke. Nimm’s nicht so schwer. Ich wette, du zermarterst dir schon den ganzen Morgen das Hirn darüber, wie es ausgerechnet dir passieren kann, dreißig zu werden, stimmt’s?«
Ich starrte schwermütig ins Nichts. »Hab ich dir eigentlich erzählt, dass das alles mit meiner Geburt zusammenhängen könnte?«
»Ja, hast du. Letztes Jahr. War eine ziemlich wirre Geschichte, aber ich meine, es wäre sogar ein Frosch darin vorgekommen. Immerhin hast du damals nicht wie in einem drittklassigen Horrorfilm ausgesehen.«
»Noch so ein tolles Kompliment.« Ich ließ den Kopf auf die Knie sinken.
Sophie legte den Arm um mich. »Ist Karneval denn wirklich so schlimm?«
Ich sah sie verwundert an, als hätte ich sie gerade erst bemerkt. Nun, die Frage ließ sich relativ leicht beantworten. Ich mochte Karneval nicht, und Karneval mochte mich nicht, weshalb wir uns einfach aus dem Weg gingen. Aber dann kam Aschermittwoch, und alles war wieder gut. Bis zu diesem Tag. An diesem Aschermittwoch wurde ich dreißig. Alles war vorbei.
Der Kaffee hatte Sophie offenbar gutgetan. Mit dem Elan einer hyperaktiven Ameise wuselte sie durch mein kleines Zimmer, riss die Vorhänge auf und öffnete das Fenster. Für meinen Geschmack bewegte sie sich eindeutig zu schnell. Das hereinflutende Licht blendete meine Augen, und mit der kalten Februarluft strömten die vertrauten Geräusche des Bahnhofsviertels in das Zimmer. Das Quietschen der einfahrenden Züge. Das Hupen der Lieferwagen, die sich seit dem Morgen an der Baustelle vor dem Haus stauten. Ein handfester Streit zwischen zwei Türstehern, die sich Tag und Nacht vor den Bordellen in wackeligem Deutsch darin überboten, die Touristen mit den abenteuerlichsten Versprechungen anzulocken.
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