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Eine junge Französin fährt im Dezember 2011 von Avignon nach Berlin; sie will dorthin, weil Observationsakten der Stasi über ihren Vater gefunden worden sind. Das ist die Ausgangssituation dieses Romans, der auf drei Ebenen spielt: im Heute, im Gestern und im Morgen. Das Heute ist das Ost-Berlin der siebziger Jahre: ein junger Mann, Arno, arbeitet dort in einem Stahlwerk, schreibt, wird beobachtet, hat Angst und ist verliebt in Marie-Sophie, eine in West-Berlin studierende Französin, die ihn in Ost-Berlin besuchen darf - bis ihr die DDR-Behörden das verbieten. Das Gestern ist das Leben, das Arno in seiner Kindheit bei seiner Großmutter erfahren hat, einer lebenslustigen Frau, die bei Zigeunern aufgewachsen, im Dorf als Wahrsagerin bekannt und bei den Männern begehrt ist. Sie raucht Zigarren, kann wunderbar erzählen und vermittelt die warme Wildheit, an die Arno sich später wie an einen Rettungsanker klammert - seine Strohblumenzeit. Ein abwechslungsreicher Roman über die letzten fünfzig Jahre vor allem im Ostteil Deutschlands, erzählt in sensibler Sprache, die nichts verklärt und nichts kommentiert, sondern jeder Erinnerung, jeder Facette, jeder Willkür genau ihren Namen und ihre Farbe gibt.
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Seitenzahl: 114
Veröffentlichungsjahr: 2014
In Dankbarkeitfür »die wunderbaren Jahre«Erika,Martha,Elsbeth &Frau Simongewidmet
Karsten Dümmel
Roman
© 2014 by : TRANSIT Buchverlag
Postfach 121111 | 10605 Berlin
www.transit-verlag.de
Umschlaggestaltung, unter Verwendung
eines Fotos von Thomas Liebenberg,
und Layout: Gudrun Fröba
Foto des Autors © Privat
eISBN 978 3 88747 304 4
Heute
Gestern
Heute
Gestern
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Morgen
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Morgen
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Morgen
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Morgen
Heute
Morgen
Heute
»(…) die menschen meiden diestillesie könnten in sich sonstdie schuld knien hören«Reiner Kunze
Er konnte sich nicht erinnern, wann er den Zettel in seiner Tasche entdeckt hatte. Irgendwann fingerte er das fremde Papier im Kittel. Er wusste nicht, wer es ihm zugesteckt hatte:
Tröpfelnde Milch aus Wasser, Dunst und Licht. Verhangene Laternen am frühen Morgen. Leicht fahl und übermüdet. Dämmerung, ein Vorplatz und einer, der hinübergeht: Arno K., groß und hager, mit blasser Haut und eingefallenen Wangen. Wache Augen, schmale Nase, um den Mund weiche Züge. Das Haar – halblang, etwas schütter, aschblond. Vor sechsundzwanzig Jahren hat ihn die Hebamme ins Leben gezerrt. Hier, in dieser Stadt, in der Charité. An einem Februartag, fünfzehn Uhr fünf, Kreißsaal B, Frauenklinik Haus Sieben, bei klirrendem Frost und einer blauenden Wintersonne. Kindergarten, Schule, Ausbildung, Abitur. Den Vater kennt er kaum wie die Mutter. Nachkriegszeit – Hungerzeit. Siebzehn Stunden Maloche in der Backstube, Montag bis Samstag, sechs Tage die Woche, da blieb kaum Zeit für Kinder. Und auch kein Raum dazwischen. Eine Zugehfrau half, wann immer sie konnte. Mit dreizehn kam er ins Internat. Mit siebzehn ging der Bruder. Das Jahr darauf starb der Vater.
Vier Grad über Null. Es ist Spätsommer, nur die Morgen sind frostig herbstlich. Eigentlich ein Morgen wie andere auch, denkt Arno, während er den Zettel in der Hand zerknüllt. Die Finger vibrieren und spielen mit dem Papierknäuel. Gedankenversunken rollt er ihn zwischen Daumen, Mittel- und Ringfinger zu einem Kügelchen. Zwanzig Minuten nach sechs.
Noch ist es dunkel.
Arno K. ist die Zielperson des Operativen Vorgangs „Strippenzieher“ (OV). Die Vorgangsperson wurde bereits 1968 operativ bekannt auf Grund seiner negativen Ansichten im Zusammenhang mit den Maßnahmen der Warschauer Vertragsstaaten in der CSSR. Bis zum Sommer 1974 wurde er als Operatives Material (OAM) von unserer Diensteinheit (DE) unter Kontrolle gehalten. Im August erfolgte der Beschluß zur Umregistrierung zum OV durch die Bezirksverwaltung. Oberstes Kriterium der operativen Bearbeitung ist, bereits bei ersten Anzeichen feindlicher Öffentlichkeitswirksamkeit zu reagieren und jegliche Feindtätigkeit auszuschließen. Für die im OV „Strippenzieher“ bearbeitete Person ist die strafrechtliche Verantwortlichkeit im Sinne von Staatsverbrechen, Straftaten der allgemeinen Kriminalität oder anderem Fehlverhalten zu prüfen bzw. nachzuweisen. Hierfür wird zum 27. September 1976 eine konspirative Hausdurchsuchung angeordnet. Die Partner des operativen Zusammenwirkens - Polizei, Abschnittsbevollmächtigter, Kaderleiter des Stahlwerks, Parteisekretär, Bereichsmeister, Post und Wohnungsbauamt - sind unter Legende einzubinden.
Das alte Stahlwerk war Volkseigentum wie Straße und Viertel. Nur die Stadt gehörte niemandem – sie war zerrissen wie das Land und seine Bewohner. Die Stadt ruhte noch in ihrer Angst. Sie schlief nicht mehr und war doch nicht wach. Und dennoch war sie umgeben von einem Dunst aus gequältem Gestöhn und unterdrückter Lust, aus feuchten Küssen und dumpfen Schlägen. Ein zerschlissener Mantel, der sie umhüllte – abgetragen von der Zeit. Wie außerhalb von dieser Welt. Die Stadt hatte schon vieles gesehen. Zerstörung, Zerschlagung und Teilung. Abbruch und Aufbau. Abschied und Ankunft. Schmerz und Trennung. Verzweiflung, manchmal Verrat – niemals aber Mitleid. Sie war geschunden und vergewaltigt worden und hatte sich keuchend gefügt. Beständig und immer und immer wieder. Und auch an diesem Morgen lag die Stadt gekrümmt wie in Ketten. Unruhig und erregt wand sie sich hin und her. Noch fest umarmt vom leisen Atem der Nacht. Die Stadt – Berlin. Ostberlin – ein Montag im September, einunddreißig Jahre nach Kriegsende. Sechs Uhr fünfundzwanzig.
Die Stadt erkannte Arno durch ihr Gedächtnis, wie Haus und Straße ihn erkannten. Hier und da und an anderem Platz. Die bewohnten und die unbewohnten Viertel; das geordnete Dickicht der Häuser und die teils verwilderten Senken halbverminter Äcker und Wege jenseits verkommener Bahnhöfe, in denen kein Zug und keine S-Bahn mehr hielten und Stacheldrahtrollen den Zugang verwehrten. Wo verrostete Waggons tagsüber wachten und Peitschenlampen die Nacht nach Leben absuchten. Betonierte Talsohlen mit angelegten, schmalen Verzweigungen. Hundelaufgraben und Patrouillenweg. Die längst verwaisten Spielplätze seiner Kindheit. Die Gassen und Sackgassen, die stets begrenzt waren und niemals ins Nirgendwo abfielen, die keine Möglichkeit von Passage kannten, kein Transit und kein Visum erlaubten. Verriegelte Jahreszeiten, sommers wie winters. Fliehende Wolken – und Beobachtungstürme dazwischen. Die vergeblichen Versuche nach Weite und Offenheit am Rande eines möglichen Lebens. Der Sommer – himmelwärts abgeschnitten, begradigt und abgeholzt. Lichtsperranlagen und im Winter der feingeharkte Schnee zur Spurensicherung. Niedergetretenes Land – Niemandsland. Unterirdische Kanäle, die sich ausbreiteten wie ein bösartiges Geschwür unter der Stadt, und die halbverschütteten Bunker, die nach und nach die stinkende Kloake vergangener Jahrtausende freigaben, betonierte Bunker, deren stählerne Öffnungsluken fest verschweißt und deren Fluchtwege allmählich dem Vergessen preisgegeben waren wie die geheimen Korridore irgendeines fremden Labyrinths. Immer wieder schwemmte ihn die Stadt an diese Orte zurück, in losen Folgen, solange dies überhaupt möglich war. Orte, die Arno gut kannte und die für ihn frei von der Gefahr waren, überrascht zu werden von schleichender Veränderung oder Täuschung. Hier blieb sich die Landschaft treu: gesperrtes Blickfeld – vergitterte Wege. Zwischen Unkrautfeldern und Schuttbergen aus Asche, Lehm und Schamott hatte er auf den verwahrlosten Hinterhöfen und in den halb verschütteten Kellern den feuchten Modergeruch der Trümmer in sich eingesogen wie ein Säugling die Milch seiner Mutter. Stadtkind blieb Stadtkind und Dorfkind war Dorfkind.
In Mecklenburg, während der Sommerferien, war Arno im Dorf gewesen. Die Kleinstadt, die immer sein Dorf blieb. Im Sommer und gelegentlich auch im Herbst oder Winter war er gekommen. Jahr für Jahr.
Ostelbien – neunhundertdreiundneunzig Jahre nach dem letzten Slawenaufstand. Pommerische Grenzregion, im Südwesten das wendische Circipanien. Heidnisches Land mit Swantewit, dem vierköpfigen Götzen. In die Knie gezwungen von König Waldemar von Dänemark. Mit dem Schwert blutig bekehrt nach zwei Jahrhunderten vergeblichen Widerstands gegen die Botschaft der Christen. Das Dorf: Dargun, nördlich von Malchin und westlich von Demmin, am Rande des Peenetals, umgeben von Wiesen, Hügeln und Wäldern. Dazwischen Flüsse, Sölle und Seen. Die Straße zum Dorf – verwittertes Katzenkopfpflaster. Etwas blind und abgetreten. Jahrhundertealt. Staubgewölk; kein Glanz stand mehr im Licht. Die Straße – wie ein gebeugter Rücken, sich krümmend und windend, ohne Halt, ohne Randstein, ohne Trottoir oder Seitenweg. Das Katzenkopfpflaster flankiert von den Wassergräben der Röcknitz, Rinnsteinweg – winzige Adern – daneben Eichenwälder, soweit das Auge reicht. Bemooste Baumwurzeln, wasserumspült. Das Gras atmet Licht. Vergraute Grenzsteine ab und an, mit ausgewaschenen Jahreszahlen und bröckelndem Wappen darauf. Die via regia. Allüberall der Zuspruch der Bäume. Das Eichenlaub verschwendet sich, flutet die Augen in dieser Landschaft. Sich erinnernder Staubtanz flirrend im Zwielicht des Sonnenschattenspiels. Dazwischen grünt das Vergessen.
Über die Straße schlugen Frühjahr und Sommer ihr Dach; Herbst und Winter deckten sie zu. Regennass. Froststarr. Ein verwaistes Bett aus bemoostem Kopfstein, Sand und Kies – die Arbeit der Zisterzienser, lange bevor Berno von Schwerin zur Altarweihe ins nahe Kloster schritt.
Abends wohnten auf der einen Seite des Sees nur der Mond und die Wälder, auf der anderen – Schloss- und Klosterruine. Dazwischen Seerosen im Spiel von Wind und Wasser. Mücken und Libellen wisperten der Nacht ihr Lied. Großmutters Stube lebte beim Mond. Halb vertümpelt zwischen Binsen, Teichzigarren und Schilf am Rande des schwarzen Schlicks, der das Ende des Dorfes markierte. Dahinter lagen einzig der Judenberg und weit abseits – die Franzosenschneise.
Während der Schulferien hatte Arno die Tage häufig in der Klosterruine oder auf dem Friedhof verbracht. Hier, im Dorf, bei der Großmutter, den Zigeunern oder den Schaustellern. Neun oder zehn Jahre war er damals gewesen. Acht Wochen Ferien im Sommer, im Winter zwei oder drei. Räuber und Gendarm – zusammen mit den Jungen vom Ort oder den Kindern der Zigeuner. Streng getrennt, niemals gemeinsam. So war die Regel. Geschirrtücher zu Flaggen und Standarten verwandelt. Bemalt mit Schwertern, Krone und Totenkopf. Gewehre gerichtet aus Holz, Blech und Kordel. Ein, zwei, drei, vier Eckstein, alles muss versteckt sein … wer hinter mir steht, wer vor mir steht … der muss es dreimal sein. Windhauch und Lichtgespinst im sicheren Unterschlupf. Kläffende Hunde, umgeben von Ziegen und Ponys.
Zwischen Schule und Krankenhaus lag der Friedhof. Eingemauert in des Dorfes Mitte: Bäcker Sparre, Bismarck-Platz, Rathaus und der Kaufmann vom See. Schulstraße, Kriegerdenkmal, Röcknitzstraße. Kurze Wege von hier nach dort. Brandwehrhaus und Steinhauerei: Max Petitjean – Gepflegte Grabmalkunst. Die Friedhofsmauer – grauer Feldstein mit Hecke; das Torhaus – Fachwerk mit rotem Backstein. Indianer-Ziegel hatten die Jungen gesagt. Indianer-Ziegel – zur Kriegsbemalung. Und die Gittertüren – bestückt mit Pfeilen und Lanzen. Einige Stäbe lose, andere fest. Schmiedeeisern verwoben mit Ranken und Eichenlaub. Süd- und Nordtor dienten als Zu- und als Fluchtgang. Verstecke aus Bäumen und Büschen, Alabaster und Marmor dazwischen. Akazienumsäumt. Im Efeu und Knöterich versanken die Gräber langsam im Erdreich. Hier ruhet in Gott der Erbmüller G. C. J. Junge, geboren den 19. Juni 1811, gestorben den 17. November 1864. Mannshoch und dunkelschwarz: grobporiges Gusseisen. Schmächtige Kletterrosen zwischen ihm und dem Grab seiner Frau. Erdverbunden, luftvermählt. Daneben: Geschundener Leib Christi. Holzkreuze ragten vereinzelt in den Himmel. Wüst verzurrt, windschief und halbverwittert – wie enthauptete Telegraphenmasten. Links – die Namenlosen. Die Soldatengräber vom 30. April fünfundvierzig. Acht Tage vor Kriegsende.
Leicht erhöht, im blühenden Ginster grüßten zwei Engelsknaben herüber. Hüter auf steinernen Sockeln – seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren. Wachsam mit verborgener Miene standen sie vor der Schwedengruft. Zugemauertes Rundfenster, splitterndes Holz und über der Tür – die SCHWANENJÄGER: Sandsteinrelief mit antiken Kriegern im Fluss, Schild und Bogen geschultert. Gekreuzte Schwanenhälse, leblose Flügel, von Pfeilen durchbohrte Körper – übereinander geworfen im Boot. Sechs an der Zahl. Bereit zur Abfahrt; bereit zum Transport.
Jedes Kinderjahr war er ins Dorf gekommen, bis sich die Spiele mit der Zeit verloren und der See und die Wälder, die Friedhof und Großmutter umgaben, ihre Geheimnisse preisgaben.
In Arnos Stadt waren die Friedhöfe anders. Süd- und Nordtor gab es nicht. Nicht auf dem Invalidenfriedhof und auch nicht auf St. Hedwig. Zugang und Abgang waren von Schranken und Posten verstellt. Einbahnstraße – Sackgasse. Gräber und Tote geteilt wie die Stadt. Selbst die Engel verweigerten den Kniefall im Diesseits. Schamvoll verbargen sie ihr Antlitz vor Streckmetallzaun, Mauer und Signaldraht. Flügelabgewandt verharrten sie im Schatten der hundertjährigen Linden. Untergepflügte Erinnerung. Verschüttetes Gedenken. Keine Stimme im Himmel, kein Zwitschern am Boden, nur das Flüstern im Gras. Überwucherte Unterstände im Unterholz. Sperrgebiet. Achtung – Passierscheinkontrollpunkt. Berlin Mitte: Chausseestraße, Oranienburger und Invalidenstraße. Landsberger Allee, dann Ostkreuz, Plänterwald, Karlshorst, Erkner – die Stadt außerhalb der Stadt. Und das Land ringsum. Offene Weite ohne Raum.
Arno hatte die Schicht überstanden. Die Nacht war vorbei. Vergeblich hatte er auf etwas Ruhe und Schlaf gehofft. Vor der Elektrowerkstatt schloss er das Fahrrad auf. Fünf Räder standen abseits am alten Kesselhaus. Einige verrostet. Er schob das Rad vom Vorplatz in Richtung Werkstor. Im Kopf zählte er die Schritte. Bei neunundsechzig blieb er stehen. Der Zettel – die Worte hämmerten noch immer im Schädel.
Noch dreiunddreißig Minuten bis Schichtende. Arno fühlte sich gestreift von Unsicherheit und Angst. Es war noch nicht Tag, und es war nicht mehr Nacht. Weiße, sich langsam ausbreitende Kondensstreifen zwischen Gestirn, Gefieder und Gewölk. Anfangs schmal und ganz klein, dann breit und weit – bis sie sich auflösten mit der Zeit. TEGEL, dachte Arno, als er den Flugzeugen im Sinkflug nachschaute. Kleine, silberne Punkte in einem sich auflösenden Nest aus vibrierendem Blau und kreisendem Weiß.
Der Herbst war in die Bäume gekommen. Über Nacht, verschlagen, mit leisen Schwingen. Die Tage kürzer. Die Erde erschrocken. Und der Sommer floh kopflos die Stadt.
Der Morgen fiel langsam auf die Werkshallen. In der vergangenen Nacht hatte es einen Kabelbrand gegeben. Drüben, am Umspannwerk, unmittelbar neben dem alten Kesselhaus. Notdürftig hatte Arno die einzelnen Phasen überbrückt, Leitung um Leitung miteinander verbunden. An manchen Stellen lagen die Kabel unter einem zentimeterdicken Mantel von Asche und Ruß, starr, unbeweglich. Andere Stellen waren frei. Frost funkelte auf der Isolierung. Die Finger waren Arno steif gefroren bei der Arbeit. Null Grad oder weniger mussten es in der Nacht gewesen sein. Dazu ein scharfer Wind. Der Atem gefror an den Nasenflügeln. Im Radio hatten sie vor Bodenfrost gewarnt. Dem ersten in diesem Jahr. Schließlich hatte er es geschafft. Sechs Rohrschellen mussten aufgesägt und die Kabel nachgezogen werden. Einzeln. Meter für Meter. Der Rest blieb für die Frühschicht. Zwei Muffen – oder im schlimmsten Fall eine Brücke zwischen Verteiler und Zelle. Für drei Leute ein Vormittag, dachte er. Leichte Arbeit – das musste zu schaffen sein.
In seiner Schicht blieb Arno allein. Unter den Kollegen wurde nur wenig geredet. Fast waren sie ohne Sprache. Sorgen und Nöte verschlossen den Mund wie der Qualm vom Brenner und der Dampf des Ascherosts im alten Kesselhaus. Meistens äußerten sie sich mit kurzen Ausrufen, die unmittelbar die Arbeit betrafen. Was fehlte, was nützte. Was gut ging, was schlecht. Wenn sie zu sprechen ansetzten, roch Arno den billigen WISMUTFUSEL aus ihrem Atem. Der Schnaps, der ihnen nach den ersten Worten im Hals aufstieß, breitete sich im Raum aus wie der Geruch faulender Äpfel und abgestandenen Biers.
Stille atmete in Werkstatt und Kesselhaus.
