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Tobias sitzt auf dem Sofa, als er plötzlich nicht mehr mitbekommt, was um ihn herum passiert. Als er wieder halbwegs klar denken kann, befindet er sich auf der Intensivstation. Schlaganfall - was für ein schreckliches Wort, denkt er, und fühlt sich viel zu jung dafür. Doch in der Stroke Unit erlebt er auch skurrile Dinge, die ihm dabei helfen, optimistisch nach vorn zu schauen. Beim "Besuch in Breslau" werden Erinnerungen an den 11. März 1933 wach, als die SA das Landgericht der schlesischen Stadt stürmte, um die jüdischen Richter vom Dienst zu entfernen. Die Mehrheit der Richter war damit allerdings nicht einverstanden und beschloss, alle Prozesse abzusagen und die Justiz zu blockieren. In zwei Erzählungen schildert Harald Gesterkamp auf eindringliche und empathische Weise existenzielle Erlebnisse.
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2021
Harald Gesterkamp, geboren 1962 in Müns- ter, hat Volkswirtschaftslehre und Politikwis- senschaften studiert. Wenn er nicht gerade als Nachrichtenredakteur beim Deutschlandfunk arbeitet, ist er literarisch unterwegs. 2016 erschien sein Roman „Humboldtstraße Zwei“ (Tredition) und 2019 der Band „Rückkehr nach Schapdetten“ mit 20 Stories (Kid Verlag). „Stroke Unit/Besuch in Breslau“ ist sein drittes Buch.
Harald Gesterkamp
Stroke Unit
Besuch in Breslau
Zwei Erzählungen
© Harald Gesterkamp, 2021
www.harald-gesterkamp.de
Verlag: tredition GmbH, Halenreihe 40-44, 22359 Hamburg
ISBN: 978-3-347-40291-1 (Paperback)
ISBN: 978-3-347-40292-8 (e-Book)
Covergestaltung und Layout:
Irmgard Hofmann, Bonn, www.kava-design.de
Titelfoto: Harald Gesterkamp
Das Werk “Stroke Unit/Besuch in Breslau“, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie: http://dnb.d-nb.de
Für Irmgard, Amina und Antonia
Inhalt
Stroke Unit
1 Intensiv
2 Loretta
3 Kontrollverlust
4 Hagebuttentee
5 Beim Augenarzt
6 Back Home Again
7 Mit Elvis in der Reha
Besuch in Breslau
Danksagung
Stroke Unit
1 Intensiv
Erst ist es nur ein Schatten, dann ist plötzlich ein anderes Gesicht direkt vor seinem. Ein Mann im weißen Kittel mit einem eckigen Gesicht beugt sich über ihn. „Herr Schulte“, schreit er ihm ins Ohr, „wissen Sie, wo Sie hier sind?“
Tobias öffnet die Augen. Warum schreit der denn so?, denkt er, ich bin ja nicht taub. Und natürlich weiß ich, wo ich bin. Ich wäre schließlich liebend gern woanders.
„Im Krankenhaus“, stöhnt Tobias.
„Und in welcher Stadt?“
„In Bonn“, sagt er, schließt die Augen und hofft, dass das Verhör damit endlich beendet ist.
Doch weit gefehlt. „Ja, Sie sind in der LVR-Klinik. Auf der Stroke Unit, der Intensivstation. Sie hatten einen Schlaganfall.“ Tobias blinzelt, und der Arzt schaut ihn mit großen Augen an. „Können Sie sich daran erinnern, was passiert ist?“
Vor seinen Augen taucht ein Bild auf. Er sitzt mit seiner Frau auf dem Sofa, und sie schauen einen Harry-Potter-Film. Seitdem ihre Tochter Verena ihren Harry-Potter-Podcast erfolgreich gestartet hat, wollte Martina ihre Erinnerung an den Anfang der Geschichte auffrischen. Gerade hat Harry einem Troll einen Zauberstab in die Nase gewuchtet, da verliert Tobias den Kontakt zur Geschichte. Und Martina wird hektisch. „Was ist mit dir los?“, ruft sie. Er weiß gar nicht, was sie von ihm will. „Leg dich auf den Boden“, sagt sie und zieht ihn vorsichtig vom Sofa. Sofort hat sie ein Telefon in der Hand. „Ich brauche einen Notarzt! Schnell!“, sagt sie in den Hörer. „Mein Mann hatte einen Schlaganfall.“ „Nein“, ruft Tobias. Doch der Laut, den er erzeugt, ist keine Sprache, sondern ein völlig undefinierbares Geräusch, einem Grunzen ähnlich. Er glaubt, dass seine Frau ihn reinlegt und in Wahrheit mit der Tochter telefoniert. „Ist das Verena?“, fragt er, beziehungsweise möchte er fragen, doch seine Worte klingen wie von einem brüllenden Löwen, der schwerkrank ist. Er will sich aufrichten, aber seine Arme und Beine gehorchen ihm nicht. Er schafft nur ein paar hektische Bewegungen, sein linker Arm fliegt unkontrolliert durch die Luft und landet auf der rechten Schulter. Er erschrickt und versucht noch einmal aufzustehen, doch erneut ohne Erfolg. Daraufhin gibt er auf und legt sich willenlos auf den Boden. Schon bald klingelt es, Sanitäter reden mit seiner Frau, ein Arzt bestätigt, dass Tobias vermutlich einen Schlaganfall erlitten hat und verpasst ihm eine Spritze. Dann heben sie ihn auf eine Trage. Sein linker Arm baumelt in der Luft herum, seine Versuche, ihn neben seinen Körper auf die Trage zu legen, scheitern kläglich. „Mit Blaulicht?“, hört Tobias eine junge Stimme fragen. „Ja, aber erst auf der B9“, antwortet eine reifere Stimme.
Das war letzte Nacht. Jetzt ist es wieder hell, und Tobias antwortet nicht auf die Frage des Arztes, welche Erinnerung er hat. Er schließt lieber wieder die Augen, weil er noch etwas schlafen möchte.
Schlaganfall. Was für ein fürchterliches Wort. Ist er dafür nicht zu jung? Aber vielleicht gehört er jetzt endgültig zu den Älteren. Bisher hat Tobias sich noch recht jung gefühlt. Er ist dünn und sportlich, hat einen niedrigen Blutdruck und raucht nicht. Warnzeichen und Risikofaktoren für einen Schlaganfall gab es keine. Trotzdem hat es mich erwischt, und dann noch 20 Jahre früher als andere, denkt er. Tobias ist 58 Jahre alt.
Er betrachtet seine Umgebung. Sein Körper ist nahezu vollständig verkabelt. In beiden Armen stecken Kanülen, sein Puls wird ständig und auch sein Blutdruck stündlich automatisch gemessen. Dann brummt es, und an seinem Arm zieht sich die Manschette zusammen, bis langsam die Luft wieder entweicht. Er spürt seinen Herzschlag. Die gemessenen Daten sind am Monitor über dem Bett abzulesen, dort ist auch seine Herzfrequenz abgebildet. Die Elektroden des EKG kleben an Brust und Rücken. Ob etwas passiert, wenn ich mal 30 Sekunden die Luft anhalte?, fragt er sich. Ob es piepsen würde und daraufhin panisch Pfleger und Ärzte angerannt kämen?
Das Nachdenken hat ihn ermüdet, er schläft ein. Als er aufwacht, sitzt seine Frau Martina neben dem Bett. Er will sie mit beiden Händen berühren, doch die linke Hand gehorcht nicht und lässt sich nicht bewegen. Er bittet Martina, genau zu erzählen, was vorgefallen ist, weil er sich nur an Bruchteile erinnert. Sie meint, es habe ausgesehen, als hätte er einen epileptischen Anfall gehabt, so unkoordiniert seien seine Bewegungen gewesen. Auch habe sein Gesicht schrecklich verzerrt ausgesehen. Als sie dann noch sagt, dass sie seine Worte nach dem Schlaganfall nicht verstehen konnte, fragt er besorgt, wie es denn jetzt sei. „Du klingst schon fast wie sonst“, sagt sie. Mein Sprachzentrum scheint also nicht geschädigt zu sein, denkt Tobias, das beruhigt ihn ein wenig. Vielleicht gehorchen sein linker Arm und sein linkes Bein irgendwann auch wieder den Befehlen des Gehirns. Doch dann der Rückschlag: Als Martina seinen linken Arm streichelt, fühlt der sich wie taub an. Als sie seine Hand nimmt, drückt er zu. Das geht zumindest ein bisschen, immerhin. „Ich darf nicht so lange bleiben“, sagt Martina. „Ich komme dich aber morgen auf jeden Fall wieder besuchen. Und Janina und Verena wollen auch bald kommen. Mal sehen, ob wir trotz Corona zusammen hier reindürfen.“ Tobias freut sich auf die Vorstellung, seine Töchter zu sehen. „Dein Augenlid hängt etwas herunter. Das solltest du mit dem Arzt besprechen“, sagt Martina noch, bevor sie den Raum verlässt.
Tobias trägt ein Krankenhausnachthemd, das hinten nur am Hals einen einzigen Knopf hat. Ein Pfleger kommt herein, sagt etwas von Blutzucker messen und sticht ihm mit einer kleinen Nadel in den Finger, bevor er ein Gerät an den austretenden Blutstropfen hält. Es piepst. “Alles in Ordnung“, sagt er nur und ist auch schon wieder verschwunden. Kurz darauf kommt eine junge Frau und stellt sich als Logopädin vor. Er soll fünfmal ganz schnell hintereinander erst „Panzerknacker“ und dann „Spartakus“ sagen. Etwas genervt tut er ihr den Gefallen. Sie scheint mit dem Ergebnis zufrieden zu sein. Und sie erklärt: „Das P wird vorn mit den Lippen geformt, das Z und das T werden am Zahndamm und das K hinten im Gaumen gesprochen. Bei Ihnen hört sich alles gut an.“ Danach fordert sie ihn auf, abwechselnd einen Kussmund zu formen und breit zu lachen und die Zähne zu zeigen. Tobias gehorcht und ist erleichtert, dass Martina jetzt in diesem Augenblick nicht zu Besuch kommt, während er die hellblonde Logopädin immer wieder durch die Luft küsst und anlacht.
Am Abend wird ein zweites Bett ins Zimmer gefahren. Tobias ist nicht länger allein. Er kann aber nichts sehen, ein Vorhang verdeckt den Blick auf das Bett neben ihm. Dafür hört er umso mehr. Sein Zimmernachbar schnarcht die ganze Nacht hindurch, Tobias macht kein Auge zu, wälzt sich von einer Seite zur anderen und passt dabei auf, dass die Kabel vom EKG und dem Blutdruckmessgerät sich nicht lösen, sonst ginge der Alarm los. Aber warum gibt es hier eigentlich keine Ohrenstöpsel?
