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Ein gecancelter Flug. Ein Hostel in Edinburgh. Zwei Fremde. Das Knistern zwischen Julie und Dan ist unmittelbar und es ist laut. Trotzdem verlieren sich die beiden aus den Augen. Als das Schicksal sie erneut zusammenführt, wollen sie nichts sehnlicher als die unwahrscheinliche Chance mit jeder Faser nutzen. Bis ein Unglück geschieht, an dem die Beziehung zu zerbrechen droht. Schon bald muss das Paar sich fragen: Ist Liebe auf den ersten Blick stark genug, um die Zerreißprobe zu bestehen?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Inhalt
Impressum
Content Note
Dear Dan …
16. September 2018
Dear Dan …
(2)
Dear Dan …
22. September 2018
Dear Dan …
31. Oktober 2018
(1)
Dear Dan …
(2)
Dear Dan …
Dear Dan …
06. Dezember 2018
Dear Dan …
23. Dezember 2018
(1)
Dear Dan …
23. und 24. Dezember 2018
(2)
Dear Dan …
24. Dezember 2018
(1)
Dear Dan …
Irgendwann Mitte Januar 2019
Dear Dan …
09. Februar 2019.
(1)
Dear Dan …
(2)
Dear Dan …
(3)
Dear Dan …
10. Februar 2019
19. April 2019
(1)
20. April 2019
(1)
(2)
Irgendwann Ende April 2019
(1)
(2)
Im Mai 2019
(1)
20. Mai 2019
Mitte Juni 2019, ich glaube, es war der 12.
(1)
Mitte Juni 2019, nachts
(1)
(2)
Anfang Juli 20 -
Juli 2019. Definitiv Juli.
22. Juli 2019
(1)
(2)
Heute
Dank
Potenzielle Trigger
Romantisches von Rinoa
© 2025 Rinoa Verlag
c/o Emilia Cole
Kolpingstraße 31, 47608 Geldern
ISBN:978-3-910653-37-5
rinoaverlag.de
Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Liebe ist nicht immer einfach. Dass die von Julie und Dan es auch nicht ist, kannst du dir bei dieser Einleitung vermutlich schon denken.
Am Ende des Buchs findest du daher Hinweise auf mögliche triggernde Inhalte. Solltest du vermuten, betroffen zu sein, lies die Themen bitte aufmerksam und entscheide selbst, ob und wie sehr du dich dafür bereit fühlst, Julie und Dan auf ihrem Weg zu begleiten.
Beachte bitte, dass diese Hinweise spoilernd sein können.
Jennifer
Dan,
ich habe keine Ahnung, was ich hier mache. Ob ich das richtig angehe oder komplett versiebe. Aber letztlich, wer weiß, ob du es jemals liest. Und für sich selbst kann man ruhig so viel falsch machen wie es geht. Eigentlich sollte das gar kein Brief werden, sondern ganz einfach eine Liste nur für mich. Vielleicht wurde es das, was es ist, weil es so viel einfacher fällt, all die Punkte aufzuschreiben, wenn ich das Gefühl habe, mit dir zu reden. Denn du redest ja nicht mehr mit mir. Zumindest nicht über die Dinge, die wichtiger wären, als die Frage, ob wir Milch brauchen oder wo dein blauer Strickpullover ist. Also diese Zeilen, voll mit meinen Gedanken und Fragen. Mit all den ›Krankheiten‹, mit denen wir zu kämpfen haben.
Geht es dir eigentlich auch so? Willst du auch unbedingt, dass die Zeit ausnahmsweise mal schnell vergeht? Damit wir irgendwie wieder an dem richtigen Punkt zwischen uns ankommen.
Ich kann nicht schreiben ›damit alles wie früher ist‹. Das wird vermutlich nie passieren. Vielleicht, wenn nur genug Zeit vergeht, könnten wir einen Punkt erreichen, an dem es zwischen uns wieder okay ist. Und ich hätte nie gedacht, dass okay mal der Status ist, den ich für eine Beziehung absolut in Ordnung finde. Du etwa? Mittlerweile klingt er aber perfekt.
Mit zweiundzwanzig führte ich mit meiner neugewonnenen Mitbewohnerin Ada ein Gespräch über Zufall und Bestimmung. Der Anlass war die Tatsache gewesen, dass wir uns spät abends bei Tesco noch eine Flasche Wein holen wollten, um zu feiern, dass wir eine traumhafte und bezahlbare Wohnung gefunden hatten. Bezahlbar im Rahmen dessen, was man sich als junger Mensch in London eben leisten konnte und wollte, wenn man auf den Luxus einer eigenen Toilette innerhalb der eigenen vier Wände nicht verzichten mochte.
Dass wir bei diesem Weinkauf auf Tom Hardy trafen, der eine Packung Windeln kaufte, war nicht nur unfassbar sensationell und brachte vor allem Ada an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Es führte auch geradewegs in die Diskussion, dass ich es für einen Zufall hielt, sie für Bestimmung.
»Julie, es gibt keine Scheißzufälle! Alles führt irgendwo hin. Hätte ich Henry nicht gefragt, ob er jemanden kennt, der einen Mitbewohner braucht und hättest du Henry nicht auf buchstäblich fucking Tinder kennengelernt, hätten wir diese hammergeile Wohnung nicht gesucht und gefunden und hätten diese Weinflasche nicht gekauft.« Ada hielt die Flasche demonstrativ in die Höhe und schwenkte sie. »Wir wären nicht zu Tesco gegangen und hätten nicht den Mann meiner Träume getroffen, der noch traumhafter dadurch wird, dass er spät abends Windeln kauft! Und ich wäre nicht in die kotzeklige Situation verfallen, ziemlich viele Konjunktive zu verwenden.«
Ada war ein zauberhaftes Wesen in Hobbit-Höhe und einer Taille, dass einem vor Neid die Tränen kamen. Ihr Erscheinungsbild hatte ihr, in Abwandlung ihres Nachnamens Pettycue, den Spitznamen Prettycute eingebracht. Kontrastreich dazu besaß sie den Wortschatz eines Hafenarbeiters. Aber vielleicht hatte sie sich den auch genau deswegen angeeignet. Ada enttäuschte mit Freude die Erwartungen anderer Leute.
An diesem Abend waren wir zu keiner Einigung gekommen, letztlich war sie auch egal und nach einer Flasche Wein auf leeren Magen allemal.
Allerdings musste ich wieder an diese Unterhaltung denken, als ich fünf Jahre nach diesem Ereignis um halb zehn abends am Flughafen in Edinburgh stand und mit ansah, wie die Anzeige von verspätet auf gecancelt umsprang. Das war eindeutig kein Zufall mehr nach Adas Verständnis. Mittlerweile konnte ich schon ein Schema dahinter entdecken, wenn ich meine Mutter in Dunbar besuchte. So ziemlich jedes dritte Mal wurde ein Flug aus den unterschiedlichsten Gründen gestrichen. Das letzte Mal aus dem irrwitzigen Anlass, weil Schwalben im Triebwerk ein Nest gebaut hatten.
Ich ließ meine Tasche fallen und setzte mich darauf. Aus Erfahrung konnte ich sagen, dass es wenig bis keine Aussicht auf Erfolg hatte, mit dem Flughafenpersonal irgendeine andere Möglichkeit finden zu wollen, doch noch vom Fleck zu kommen. Irgendwann gewöhnte man sich daran. Oder man suchte die Spirituosenabteilung des Duty Free auf. Seiner Bestimmung konnte man nicht aus dem Weg gehen, man konnte sie lediglich angenehmer machen. Das war auch die einzige Einigung, zu der Ada und ich zumindest an jenem Tom-Hardy-Tesco-Abend noch gekommen waren.
Ich warf einen Blick aus dem Fenster der Flughafenlobby. Nur die heftigen Regengüsse ließen erahnen, dass sich außerhalb des Gebäudes noch irgendetwas anderes befand, außer schwarzem Nichts. Eine Gruppe Reisende hatte sich an dem Panoramafenster versammelt und betrachtete in einem erstaunlichen Maße gut gelaunt das Wetterspektakel. Es mochte die Zuversicht sein, dass eventuell doch noch ein Flieger starten würde. Oder aber, sie waren alle bereits aus dem Duty Free zurück.
Ich zog mein Handy aus der Jackentasche und schrieb Ada, dass sie mich in Heathrow nicht abholen müsste. Ihre Antwort folgte prompt.
Ätzende Scheiße! Ich liebe deine Gran, ehrlich, aber sie sollte es wie die fucking Queen halten und ihren Geburtstag einfach im Sommer feiern. Sie hat mir übrigens schon ein Dankeschön für die Kurzgeschichte geschickt. Und dabei weiß sie noch nicht mal, dass da auch eifrig gevögelt wird. Das wird sie sicher freuen, das lasterhafte Flittchen. Apropos Flittchen: Wo wirst du jetzt übernachten?
Als Texterin und Autorin im freelancing-Verhältnis war sie wesentlich eleganter in ihren Überleitungen. Privat nahm sie sich aber bewusst gerne die Freiheit, da etwas nachlässiger vorzugehen. Verständlich.
Ich buche dasselbe Hostel wie immer. Drück mir die Daumen, dass es diesmal keine Bettwanzen hat.
Dann schickte ich ihr noch eine Reihe Emojis, die andere für Obstsalat halten würden, Ada aber ohne Frage verstand.
Das Hostel war der nächste Punkt auf der ›Gestrandet wegen Unwetter‹-Liste. Wenn ich die Nacht nicht am Flughafen verbringen wollte, musste ich schneller als der unzählige Rest hier sein, der sich über kurz oder lang mit der Tatsache konfrontiert sah, heute nicht mehr im eigenen Bett schlafen zu können. Ich rief die Seite des Hostelanbieters auf und hatte Glück: ein Einzelzimmer, das ich im Eiltempo buchte.
Meiner Mum schickte ich ein Foto von der Anzeigetafel. Das war das letzte Lebenszeichen, das mein Telefon von sich gab, ehe das Display dunkel wurde und sich mit einem Surren verabschiedete.
»Fuck«, murmelte ich und sah mich nach der nächsten Steckdose um.
Gegenüber einer Sitzreihe im Wartebereich entdeckte ich zwei. Ich warf meine Tasche über die Schulter und stiefelte auf sie zu. Mein Chef Joe erwartete mich morgen zurück in London. Eine kleine Nachricht war nur angebracht. Wie ich feststellen durfte, hatten Zufall und Bestimmung allerdings wenigstens eine Gemeinsamkeit: sie pinkelten einem beide gerne ans Bein. Als ich in der Außentasche meiner Reisetasche herumwühlte, war das Ladekabel nicht zu finden. Natürlich nicht. Ich hatte das Handy zuletzt bei meiner Mutter aufgeladen und dort steckte unter aller Garantie das Kabel und wurde von Mums Kater Purrcy fröhlich zerkaut.
So langsam nervte mich das Ganze.
Zudem kam ich jetzt nicht an den bescheuerten Code für den Hosteleingang.
Das war einer der Momente, der für Tränen, Flüche oder Duty Free gemacht war. Oder alles in Kombination.
Gott sei Dank hatte ich diese Situation ein paarmal zu oft hinter mich gebracht, um so viel Fatalismus an den Tag zu legen. Und schon war ich wieder bei Adas geliebter Bestimmung. Die hatte mich in Form des schottischen, wahlweise englischen Wetters extrem abgehärtet. Da blieb maximal Frust als intensives Gefühl übrig.
Erneut schulterte ich die Tasche. Irgendwer im Hostel würde mir schon aufmachen. Und vielleicht hatte diese Person auch ein Ladekabel. Ich stapfte durch die Flughafen-Halle, die sich bereits erheblich geleert hatte. Als die Glastüren vor mir auseinanderglitten, pfiff mir heftiger Wind entgegen und Regen prasselte auf den schwarzen Asphalt.
»Geil«, maulte ich in einem billigen Ada-Abklatsch, ehe ich die Tasche unter meine Jacke schob, was bei dem Regen vermutlich nichts brachte, und losrannte.
Das war allerdings ein Pensum, das ich nicht lange durchhielt.
Der Wind war zu heftig und die Tasche zu schwer, also schleifte ich sie schon nach wenigen Metern nur noch keuchend hinter mir her. Zwanzig Minuten Fußweg konnten extrem lang werden. Immer wieder blieb ich ächzend stehen und jammerte mein Leid in die Nacht, bis die ersten Einfamilienhäuser auftauchten, in die sich nur noch Flughafenmitarbeitende oder eben Hostelbetreiber einmieteten.
Mittlerweile hatte sich eine ordentliche Verspannung in meinen Schultern festgesetzt, und ich versuchte gar nicht erst unter das Vordach zu flüchten, als ich endlich die Hausnummer meiner Unterkunft erreicht hatte.
Durch das Fenster neben der Tür schimmerte Licht durch die nachlässig zugezogenen Vorhänge. Eine junge Frau, grob geschätzt etwa zwanzig Jahre alt, saß in Unterhose und knappen Shirt auf dem Bett. Meine Güte, für True Crime interessierte die sich offenbar nicht. Es war mir zwar etwas unangenehm, eine fremde Frau in Unterhose auf mich aufmerksam zu machen, aber es musste sein.
Ich klopfte gegen die Fensterscheibe.
Und nichts passierte.
Die Unterhosen-Frau redete mit irgendwem außerhalb des Zimmers und beachtete mich gar nicht. Erneut klopfte ich an die Scheibe, diesmal etwas energischer.
»Hallo!«, rief ich gegen das Donnern des Regens an. »Hallo, verfluchte Scheiße, kann bitte mal jemand aufmachen?«
Ich hämmerte heftig mit der Faust gegen die Tür und hätte fast der älteren Frau ins Gesicht geschlagen, die mir unvermittelt öffnete.
Erschrocken sah sie mich an und schlug dann die Hände vor dem Mund zusammen, ehe sie irgendetwas in einer Sprache sagte, die ich weder verstand noch zuordnen konnte. In einem unglaublichen Sprachtempo schrie sie gegen den Sturm an und zog mich am Arm in den kleinen Flur.
Kaum, dass die Tür hinter mir ins Schloss fiel, verstummte der Lärm des Unwetters. Stattdessen tönten fröhliche Stimmen und Musik aus dem angrenzenden Raum.
»Gott sei Dank, danke sehr«, sagte ich atemlos.
Die Frau antwortete irgendwas und winkte mich herein. Für einen kurzen Moment schoss mir die Befürchtung durch den Kopf, ich könnte mich in der Nummer geirrt und am Haus wildfremder Leute geklopft haben. Für eine günstige Miete störte manche Menschen Fluglärm vielleicht nicht. Da fiel mein Blick auf die Hausregeln.
Umständlich streifte ich die Stiefel ab, zog die durchnässten Socken aus und legte sie über meine Schuhe. Dann folgte ich der Frau in den angrenzenden Wohnraum, wo drei Paare saßen, alle ungefähr im Alter meiner Eltern.
»Hallo«, sagte ich, als sich alle Blicke auf mich richteten. »Sauwetter, oder?«
Die Frau, die mir aufgemacht hatte, sagte etwas und erhielt von mehreren Seiten Antwort.
»Puh«, machte ich. »Das könnte jetzt Zustimmung gewesen sein oder eine unflätige Beleidigung. Aber wie dem auch sei, hat jemand von Ihnen ein Ladekabel?«
Ich zog ein hoffentlich eindeutig verzweifeltes Gesicht und deutete auf mein in die Höhe gehaltenes Telefon. Einer der Männer in der Runde sagte etwas, das erfreulich bestätigend klang und stand auf. Meine anfängliche Erleichterung verebbte allerdings umgehend, als er mir sein Telefon entgegenhielt.
»Oh, das ist sehr freundlich, weil ich keine Ahnung habe, was Sie vielleicht an Roaming zahlen müssten.« Ich hob zurückweisend die Hand. »Aber ich will gar nicht telefonieren, ich brauche ein Kabel. Sehen Sie.« Ich hielt ihm mein Telefon hin, zeigte auf die Ladebuchse und drückte ein paarmal auf den Startbutton, damit er sah, dass es aus war.
Er sagte erneut etwas und schrie dann über meine Schulter hinweg nach einer Adora. So viel verstand ich dann doch. Es folgte eine Antwort aus dem Zimmer neben der Eingangstür. Sieh mal an, Adora war also das Mädchen, das keinen Gedanken an True Crime-Fälle verschwendete. Zu meiner Erleichterung hatte sie sich immerhin eine Hose angezogen. Es gab wenig Dinge, die sich schwerer ignorieren ließen, als jemand, der in Unterhose vor einem stand. Allenfalls, wenn derjenige auch diese nicht trug.
Das Ladekabel in der Hand sagte sie etwas zu dem Mann, der auf mich deutete und ihr antwortete.
»Ah, super, vielen Dank.« Ich nahm das Kabel entgegen, verharrte allerdings direkt in der Bewegung, als ich den Stecker sah. »Haben Sie eventuell auch einen Adapter? Sie wissen schon, für die Steckdose?« Ich deutete auf das Ende des Ladekabels. Adora begriff leider nicht, der Mann auch nicht und der Rest der Gruppe plauderte mittlerweile fröhlich weiter. Mir war entgegen der Wärme hier drin in meinen nassen Klamotten einfach nur noch kalt und ich bewegte mich allmählich auf Verzweiflung zu, wenn ich nicht bald an meinen Zahlencode käme.
Ich hob den Ladestecker an. »Okay, das passt hier nicht in die Steckdose.« Ich deutete auf einen Stromanschluss, an dem eine Stehlampe angeschlossen war und schüttelte mit dem Kopf.
Adora folgte aufmerksam meiner pantomimischen Darbietung, hatte allerdings eine enttäuschende Antwort: hochgezogene Schultern, ein bedauerndes Gesicht und das Wort »Hotel«, dessen h nicht wirklich mitgesprochen wurde, aber in einem kehligen el endete.
»Ach, so ein verdammter Scheißdreck«, fluchte ich in feinstem Ada-Stil. Verstand mich ja eh keiner.
Wobei ich durch regelmäßige Reisen zu meiner Mutter die Erkenntnis gewonnen hatte, dass es genau drei Dinge gab, die vermutlich immer in fremden Sprachen verstanden wurden: Bierbestellungen, unflätige Flüche und Liebesbekundungen. Vermutlich, weil oft nicht viel fehlte, damit das eine das andere bedingte. Adora und der Rest gehörte offenbar aber nicht dazu, denn sie schenkten mir ein bedauerndes Lächeln und die Frau von der Tür reichte mir ein kleines Glas mit einer hellen Flüssigkeit.
»Danke sehr.« Ich kippte ihn in einem Zug herunter, wie mein Vater es mich gelehrt hatte, hustete und brachte alles auf, um das Zeug nicht direkt wieder hochzuwürgen.
»Heilige Scheiße«, keuchte ich. »Was für ein widerwärtiges Zeug. Nichts gegen euch Leute, aber was zum Teufel ist das? Es schmeckt, als hätte man darin einen Straßenhund gebadet.« Ich schüttelte mich und erntete Lachen sowie eine erhobene Flasche.
»Ich hätte nicht gedacht, dass ich das mal in so einer Situation sagen würde, aber nein danke.«
Meine Entscheidung wurde mit einem freundlichen Schulterzucken hingenommen und das muntere Geplauder ging weiter. Aus einer Ecke ertönte ein leises Lachen. Vermutlich hätte ich es gar nicht auf mich bezogen, wenn sich aus einem der Lesesessel nicht ein blonder Typ mit Bart vorgebeugt und zu mir geschaut hätte. »Der liebliche Klang englischer Flüche, wie hat er mir gefehlt.«
Unvermittelt in der eigenen Sprache angesprochen zu werden, obwohl ich damit nicht gerechnet hatte, war entwaffnend. Entsprechend blöd musste ich in das Gesicht geschaut haben, zumindest verzog sich sein Mund zu einem breiten Grinsen. Die Deutlichkeit, mit der er das L ausgesprochen hatte, enttarnte ihn zweifelsfrei als Waliser.
»Du bist Brite, oh, Gott sei Dank!«
»Das sind die Reaktionen, die ich eigentlich bei Amerikanerinnen auslöse. Hier ist mir das neu.« Er lachte.
»Entschuldige«, erwiderte ich etwas verlegen über meine unüberlegte Forschheit. »Aber ich brauche dringend Strom.«
Der Waliser schmunzelte erneut. »Das habe ich mitbekommen. Tut mir leid, es war extrem unterhaltsam, sonst hätte ich mich eher eingeschaltet. Vor allem, als sie den Schnaps rausgeholt haben, da war ich eindeutig zu langsam.«
»Du hattest auch schon welchen?«
Er nickte und erhob sich. »O ja. Zwei.« Er verzog das Gesicht leicht. »Aber jetzt hole ich dir erst mal schnell das Ladekabel.«
»Ja, danke.«
Ich fing einen weiteren kurzen Blick von ihm auf, als er sich noch einmal zu mir umdrehte, ehe er, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hochsprintete. Es dauerte auch nicht lange, und er kehrte mit dem Ladekabel in der Hand zurück. Ich nahm es entgegen und kniete mich neben den Sessel, auf dem er eben noch gesessen hatte, um mein Telefon anzuschließen. Dabei fiel mein Blick auf das Buch, das er auf den Beistelltisch geworfen hatte.
»War das Schauspiel eben auch unterhaltsamer als ›Mein Herz so glühend, mein Schoß in Flammen‹?« Ich grinste zu ihm hoch.
Mehr als das Cover mit einem halb bekleideten Paar von Flammen umgeben konnte ich aus meiner Perspektive nicht erkennen und riet daher den Titel einfach ins Blaue hinein. Nach kurzer Unkenntnis zeichnete sich Verständnis auf seiner Miene ab. »Das habe ich noch nicht gelesen, tut mir leid.« Er drückte die rechte Hand bedauernd auf die Brust. »Der Titel dieses Buchs lautet ›Das Herz des Babyloniers‹.«
Ich gluckste. »Interessante Lektüre. Selbsterwählt oder hier gefunden?«
»Hier gefunden und die Wahl zwischen dem, einem Wörterbuch Japanisch-Englisch und einem Wanderroutenplan für die Highlands gehabt.«
»Was für eine mickrige Auswahl für ein Durchgangshostel«, erwiderte ich mit einer Spur gespielten Missfallens.
»Da gebe ich dir vollkommen recht. In anderen Einrichtungen hatte ich schon Werke wie ›Die Geliebte Napoleons‹ oder ›Krieg der Gefühle‹ zur Verfügung. Da versuchen die Autoren wenigstens, einem gewissen historischen Anspruch gerecht zu werden.«
»›Die Geliebte Napoleons‹?«, entrüstete ich mich. »Da geht es um Zeitreisen. Ich bin nicht sicher, wie sehr das einem historischen Anspruch gerechter wird, als zwei Babylonier, die in einer brennenden Steppe stehen.«
Der Waliser lachte, was zwei absolut hinreißende Grübchen auf seine Wangen und den zarten Ansatz von Lachfältchen um seine blauen Augen zauberte. »Du hast das ernsthaft gelesen? Ich habe ehrlich noch nie in meinem ganzen Leben jemanden getroffen, der das hat und es auch noch zugibt.«
Ich winkte ab. »Ach, um Himmels willen. Seine gelesenen Bücher zu verheimlichen, grenzt ja nahezu an Lügen. Und dafür bin ich nicht gewieft genug.«
Unser Lachen verebbte, und zum inzwischen dritten Mal, seit wir dort standen, aktivierte ich mein Display, um den Pin einzugeben.
»Ich komme gleich wieder, ziehe mir nur schnell etwas Trockenes an«, erklärte ich, ohne den Blick von meinem Display zu nehmen, riss ihn dann aber doch davon weg. »Oh, entschuldige. Jetzt werde ich aufdringlich. Ich kann das Kabel auch mit hochnehmen und es dir dann morgen früh einfach vor die Tür legen.«
Ich klang erschlagend nervös für eine simple Techniktransaktion. Das Lächeln, das der Waliser mir darauf schenkte, hatte allerdings das Potenzial, diese Nervosität nicht unbedingt zu dämpfen, sondern in einem anderen Moment vielleicht in ein Kichern zu verwandeln.
Nein, nicht vielleicht.
Ganz sicher sogar.
»Schon gut«, sagte er. »Du hattest dich weniger im Griff als ich, was den Schnaps betraf. Wenn du hier sitzt, bieten sie vielleicht keinen mehr an, und ich komme nicht in die unangenehme Situation, ihn ablehnen oder noch schlimmer, ihn aus Höflichkeit trinken zu müssen.«
Ich schmunzelte. »Ich sehe schon, die Väter der Amerikanerinnen haben vermutlich den gleichen Ausruf von sich gegeben, wenn sie den Selbstgebrannten auf den Tisch gestellt haben.«
Der Ansatz eines Grinsens stahl sich auf sein Gesicht. Doch er hatte offenbar Anstand genug, es zurückzuhalten, um nicht die Geschichten dahinter auspacken zu müssen. Stattdessen ließ er sich zurück in seinen Sessel fallen und schlug die Beine übereinander, als wäre er im Begriff, eine BBC Bedtime Story vorzulesen. Aber eine der Sorte, die eigentlich nur die Mütter sehen wollten.
»Ich kann derweil einen Tee kochen, wenn du magst.«
Ich grinste. »Und die Antworten, die englische Väter in Entzücken versetzt, hast du auch parat.«
Er schnalzte mit der Zunge. »Denkst du etwa in Schubladen?«
»Eigentlich nicht, aber in manchen Fällen erleichtern sie das Leben ungemein.«
»So?« Er neigte den Kopf. »Zum Beispiel?«
»Zum Beispiel, dass Waliser Ladekabel dabei haben und die englische Höflichkeit besitzen, Tee zu kochen und sich von einer englischen Lady vor übermäßigem Schnapskonsum beschützen zu lassen.«
Ich wandte mich ab, um nach oben zu gehen, und drehte mich auf halbem Weg doch noch einmal nach ihm um.
»Ich bin übrigens Julie.«
Erneut ein Lächeln, als hätte mein Name gereicht, um ihm die Laune zu verbessern, die ohnehin schon ungetrübt war.
»Ich heiße Dan.«
Wesentlich wortgewandter werde ich vermutlich nicht mehr. Ada war immer die mit den Worten. Aber ich habe neben dieser Liste damit auch angefangen. Mit Schreiben. Es hat etwas erstaunlich Erleichterndes. Alles aufzuschreiben, weißt du. Unsere Geschichte. Du und ich in meinen Worten. Du hast keine Ahnung, wie oft ich an den Punkt gekommen bin, an dem ich dachte: Wir werden das niemals wieder hinkriegen. Um dann wieder zu denken: Aber ich will es so sehr.
Um ein Haar hätte ich mich der Peinlichkeit aussetzen müssen, noch einmal hinunterzugehen und nach meinem Türcode zu schauen. Irgendwo ist immer eine Aufmerksamkeitslücke, wenn man konzentriert tut, aber tatsächlich enorm abgelenkt ist. Ich schätze, der pure Neandertalerinstinkt entscheidet in solchen Fällen, wohin die selektive Aufmerksamkeit wandert. Und so hatte ich aufmerksam die Mail mit dem Code angesehen, aber tatsächlich eher konzentriert versucht … konzentriert zu wirken, während Dans Anwesenheit mich komplett abgelenkt hatte.
Falls das irgendeinen Sinn ergibt.
Ich stand volle vier Minuten vor meiner Tür und überlegte fieberhaft, welcher Zugangscode zum gebuchten Zimmer in der Mail gestanden hatte.
Die ersten zwei Versuche schlugen fehl. Nach dem dritten konnte ich zumindest erleichtert verbuchen, dass danach nichts gesperrt war. Der vierte Anlauf klappte dann, und ich schob meine Reisetasche in den kleinen Raum, in dem nicht viel mehr zu finden war, als das Nötigste: ein Bett, ein Schreibtisch nebst Stuhl und ein Wandschrank.
Eilig kramte ich eine trockene Hose und einen bequemen Pulli heraus, um anschließend wesentlich umständlicher die nassen Klamotten loszuwerden. Etwas nachlässig trocknete ich mit einem Handtuch meine roten Haare ab, alles andere hätte nur noch mehr Zeit in Anspruch genommen. Von der ich vor nicht einmal einer Stunde angenommen hatte, jede Menge davon zu besitzen. Aber so schnell relativierte sich Zeit, wenn ein Stockwerk tiefer jemand saß, der mit Leichtigkeit fertigbrachte, dass ich mir nicht einmal vier Ziffern merken konnte.
Als ich nach unten kam, waren sämtliche Mitbewohner in ihre Zimmer verschwunden. Nur noch Dan saß in seinem Sessel, das Buch vom Herzen des Babyloniers zur Hand, und auf dem Beistelltisch dampften zwei Tassen Tee. Er sah auf, als ich in den Raum kam.
»Willkommen zurück.« Er deutete auf den Sessel neben sich, als sei es seine eigene kleine Bibliothek. Ein Lesesaal bestehend aus einem Reiseführer, einem Wörterbuch und einem Liebesroman.
Ich ließ mich in den zweiten Sessel fallen und hangelte nach meinem Telefon. »Halt mich bitte nicht für unhöflich, aber ich muss nur kurz meinem Chef Bescheid sagen, dass ich morgen verspätet komme. Falls ich morgen überhaupt nach Hause komme.«
»Nein, mach nur«, erwiderte er unbekümmert und trank einen Schluck Tee.
Ich tippte eine kurze Nachricht an Joe und wollte das Telefon beiseitelegen, als es in meiner Hand vibrierte und auf dem Display Joes mürrisches Gesicht erschien. Entschuldigend sah ich zu Dan, der lässig abwinkte, und nahm ab.
»Wo in Dreiteufelsnamen steckst du jetzt wieder fest, Dunbar oder Birmingham?«
»Edinburgh.«
Joe grunzte am anderen Ende. »Schon wieder? Wann fährst du mal im Sommer hin? Das mindert die Gefahr, dass ich dich doch noch irgendwann rausschmeiße.«
Er sagte es, aber meinte es nicht so, dessen war ich mehr als sicher. Dafür hatten wir dieses Gespräch schon zu oft konsequenzenlos geführt.
»Ich fahre im Sommer, wenn du mir dann auch mal freigibst.« Oder meine Gran sich eben doch wie die fucking Queen im Sommer feiern ließ.
»Touché«, brummte er zurück.
Ich grinste. »Ah, französisch. Wir nähern uns also dem Dirty Talk.« Das war schneller raus als nachgedacht. Mit Joe konnte ich solche Späßchen reißen, aber vor Dan?
Joe überging ungerührt meinen Kommentar. »Wo kommst du jetzt unter?«
»Habe mir ein Hostelzimmer gebucht«, erklärte ich und sah unauffällig zu Dan, ob er irgendeine Regung auf meinen Dirty Talk-Kommentar lieferte. »Ich hoffe, der nächste Flug geht morgen.«
»Hm. Hast du dein Notebook dabei?« Besorgt, aber dennoch geschäftsmäßig, so war Joe.
»Ja, keine Sorge. Ich kann trotzdem noch die Webseiten-Banner fertigstellen.«
»Gut. Schick sie mir, bevor sie an Petersberg gehen.«
»So wie immer, Boss.«
»Lass das. Wenn du mich so nennst, fühle ich mich unter Druck gesetzt, attraktiv und wohlhabend zu sein.«
Ich schmunzelte. »Joe, du besitzt die Attraktivität eines Tony Hancock, mehr brauchst du nicht, um die Welt von dir einzunehmen.«
Ein Murren ertönte durch die Leitung. »Du bist grauenhaft. Wir hören uns morgen.«
»Gute Nacht«, rief ich ihm noch hinterher und legte auf.
Ein Schmunzeln umspielte Dans Mundwinkel, als er das Buch beiseitelegte und mir seine ganze Aufmerksamkeit schenkte. »Ich muss sagen, aus deinem Gespräch war schwer zu schließen, ob dein Chef ein Arsch oder zauberhaft ist.«
»Ein zauberhafter Arsch.«
»Und wo arbeitest du bei diesem zauberhaften Arsch?« Er sagte es ganz liebenswürdig, was mir dann doch ein schlechtes Gewissen einhauchte. Joe war grundgestresst, in der Tiefe seines Herzens aber ein lieber Kerl. So, wie Dan fragte, klang es, als hätte ich mich über ihn lustig machen wollen.
»In einer Grafikagentur in London. Bei einem Chef, der aber so nett ist, dass er mich dennoch im Herbst zu meiner Familie fahren lässt, obwohl er die Gefahr kennt, dass ich hängenbleibe.«
»Ah«, machte Dan verstehend, » … als mein Flug gecancelt wurde, stand deiner noch als verspätet. Deine Familie lebt in Schottland?«
Ich nickte und trank einen Schluck des Tees. »Meine Mutter und meine Großmutter. Meine Mum ist vor drei Jahren zurück nach Dunbar gezogen, wo sie aufwuchs. Und wo wolltest du hin?« Ich bediente mich der unumstößlichen Tatsache, dass Umstände und Gelegenheit es möglich machten, solche Fragen zu stellen, ohne übermäßig neugierig zu wirken.
»Nach Manchester.«
»Arbeitest du da?«
»Nein, ich besuche einen Freund. Was ich zumindest halbwegs unter Arbeit verbuchen kann.«
»So?«, hakte ich nach. »Klingt nach einem Traumjob.«
»Für mich schon«, erwiderte er. »Ich handle mit Antiquitäten.«
Nun entfuhr mir ein Lachen. »Das ist nicht dein Ernst.«
Er wirkte nicht im Mindesten überrascht von meiner Reaktion, daher nahm ich an, dass er sie gewohnt war.
»Doch, das ist mein voller Ernst.«
Ich kam nicht umhin ihn unverhohlen zu mustern. Wenn man einmal komplett ignorierte, wie Russell Crowe und Neil Robertson aussahen, entsprach Dan eher dem Typ australischer Surfer als dem eines walisischen Antiquitätenhändlers. Ich mochte so weit gehen, ihm mit dem schwarzen Longsleeve, das er trug, Absicht zu unterstellen. Jedes andere Kleidungsstück wäre vermutlich verschenkte Gelegenheit gewesen zu bemerken, dass er offenbar noch mehr Hobbys hatte als alte Gegenstände. Seine Haut war für die Jahreszeit und englische Maßstäbe schon fast provozierend braungebrannt. Die blonden Haare waren besonders an den Schläfen so hell, dass es in einem von Adas Schmonzetten sicherlich als ›sonnengeküsst‹ bezeichnet wurde. Nur sein Bart brach mit der Surferboy-Optik. Er hatte gerade das Maß erreicht, noch gewollt vernachlässigt, aber nicht ungepflegt auszusehen. Helle Haare durchzogen ihn, eine Aussicht darauf, dass ihm das Alter definitiv nicht schlecht stehen würde.
Ja, Dan sah gut aus. Was in Kombination mit seiner charmanten Art absolutes Glück oder das komplette Gegenteil über eine Frau bringen konnte.
»Nimm es mir nicht übel«, sagte ich, »aber du wirkst nicht wie jemand, der mit antiken Sachen handelt.«
»Dir fehlen der Tweed und die Flicken auf den Ärmeln?«
»Absolut.« Das, und der Rest verschnupften Snobismus’, den ich ohne großes Nachdenken einem britischen Mann unterstellte, der mit antiken Gegenständen handelte. In meiner Vorstellung konnte der es an Dünkelhaftigkeit nur mit englischen Hoteliers aufnehmen. Wenn auch nur ganz knapp.
Dan lachte. »Gott segne unsere Schubladen, vor allem, wenn sie gut aufgeräumt sind.«
»O Mann.« Ich lachte und legte den Kopf verlegen in den Nacken. »Es tut mir leid. Du bist nur sehr … Also du wirkst nicht, als würdest du viel Zeit in dunklen Kellern verbringen.«
Amüsiert hob er die Augenbrauen. »Man verwechsle meine Spezies nicht mit Archivaren. Aber um das mal aufzuklären: Ich war ein Jahr lang unterwegs und habe neue Antiquitäten gesammelt.«
»Neue Antiquitäten, wie widersprüchlich. Und wo warst du unterwegs?« Interessiert stützte ich meine Hand ins Kinn und lehnte mich leicht in seine Richtung.
Dan machte eine unbestimmte Kopfbewegung. »Australien, China, Russland, einem Teil des Balkans und zuletzt Südeuropa.«
»Wow«, sagte ich beeindruckt. »Peking, Moskau, Manchester. Das ist wirklich eine beachtliche Strecke. Und daher also auch der Teint.« Ich deutete auf sein Gesicht, das Zustimmung ausdrückte.
»Portugiesische Sonne. Unsere Freunde hier«, er nickte vage in den Raum, als seien unsere Mitbewohner noch da, »stammen übrigens aus einem Dorf bei Lissabon. So viel konnte ich mich mit Ihnen austauschen. Vermutlich gab es dafür den Schnaps.«
»Und was hat dein Freund in Manchester mit deiner Arbeit zu tun?«, fragte ich ihn und im gleichen Moment mich, ob das nicht doch ein wenig über das Maß hinausging, das man an Fragen stellen durfte, auch wenn man aus demselben Grund am selben Ort festsaß.
Dan schien sich nicht daran zu stören. »In Manchester lagert nur ein Teil der Waren, die ich gekauft habe. Falls Lewis sie nicht inzwischen angezündet hat. Ich hatte mich nur wenig im Griff.«
»Und wo hast du deinen Laden? Also, falls das nicht eine zu antiquierte Antiquitätenhändlervorstellung ist, dass du ein Geschäft hast, in das ältere Paare, Insta-Sternchen und Hipster mit Manbun reinspaziert kommen, um sich alte Stühle anzusehen.«
Nun wirkte Dan doch etwas verhalten, und mich beschlich die ziemlich konkrete Befürchtung zu weit gegangen zu sein.
»Noch existiert das Geschäft nicht«, gab er zu.
»Oh.« Es war nie leicht, vor einem Fremden eine ehrliche Reaktion auf Informationen wie eine vage Zukunft zu leisten.
»Wenn es nach meiner Schwester ginge, würde ich zuhause in Pembroke den Laden eröffnen. Aber momentan treibt es mich nicht nach Wales zurück.«
Fast hätte ich Wieso? gefragt. Aber das war definitiv ein Schritt zu weit. »Also in Manchester?«
Dan zog in einer abwägenden Geste die Schultern hoch. »Denkbar wäre es.«
Ich lachte kurz auf. »Also ich glaube, die Befürchtung mit den angezündeten Möbeln ist bei so viel Unsicherheit berechtigt.«
Wie vorlaut das klang, war mir schon in dem Moment klar, als der Kommentar über meine Lippen kam und ich verschluckte mich fast daran.
»O Gott.« Entschuldigend hob ich eine Hand. »Es tut mir leid, das war … Ich kenne dich nicht und Lewis auch nicht, das …«
Dan antwortete nicht gleich, sondern schickte ein amüsiertes Schmunzeln voran. »Schon gut. Vor einer Frau, die mit ihrem Chef potenziellen Dirty Talk betreibt, sollte man immer auf der Hut sein.«
Dann zwinkerte er auf eine betörend inkompetente Weise, bei der man versuchte, souverän nur ein Auge zuzukneifen, aber das zweite direkt hinterherblinzeln ließ.
Ich konnte nicht anders und lachte.
»Okay, so witzig fand ich den Spruch jetzt nicht«, sagte Dan, offenbar irritiert über meine Reaktion. Ich war selbst überrascht, wie sehr mich so eine kleine Unbeholfenheit verzaubern konnte.
Ich konnte mir ein leises Lachen einfach nicht verkneifen. »Nein, entschuldige. Es war nicht unbedingt, was du gesagt hast. Es war eher …« Ich deutete mit dem rechten Zeigefinger vage auf Höhe seiner Augen herum.
Ergeben hob er die Hand und lächelte, vielleicht sogar ein wenig verlegen. »Auch so eine Sache, die ich nicht kann. Auf einem Bein stehen und affige Reflexe umsetzen.«
»Nein, gar nicht affig.« Bei jedem anderen hätte es vielleicht affig gewirkt. Bei dir war es irgendwie … süß.
»Das ist beruhigend und baut mein Ego dann ein Stück weit wieder auf.« Schmunzelnd lehnte er sich ein klein wenig zu mir hinüber.
Eine Bewegung, die zu auffällig war, als dass man sie für bloßes Zurechtrücken in eine bequemere Position deuten konnte.
Mit einem Schlag sah ich mich mit dem Gedanken konfrontiert, was der Abend für eine Wendung nehmen mochte.
Dan lächelte aufmerksam. Aber auf diese verpeilte Art, bei der Männer davon ausgingen, dass nicht auffiel, dass sie eine Bestandsaufnahme machten. Aber, o mein Gott, es fiel auf. Immer. Auch in diesem Moment, für den mich dieser Blick komplett einfing.
Ich stützte mein Kinn in die Hand und erwiderte Dans Lächeln, vielleicht sogar einen Tick zu versonnen. »Darf ich fragen, wie du dazu gekommen bist, Antiquitätenhändler zu werden? Das ist nicht unbedingt ein Beruf, der einem so häufig über den Weg läuft.«
Er machte ein nachdenkliches Gesicht. »Ich glaube, das liegt ein wenig an dem alten Gerümpel, das mein Vater angeschleppt hat. Er hat immer gesagt, dass er das Zeug aufmotzen und verkaufen möchte. Er hat es aber nie getan.«
»Also hast du es verkauft.«
»So ist es. Und damit meine Eltern vor der Scheidung bewahrt.«
Ich lächelte über diesen kleinen Einblick familiärer Dynamiken, in der alte Möbel so viel Macht über einen kleinen Personenkreis hatten, über die komplette Zukunft unterschiedlicher Beteiligter zu entscheiden. Auch wenn ich die in Aussicht gestellte Scheidung seiner Eltern natürlich für sagenhaft überspitzt hielt. Letzten Endes reichte sie aber aus, um ihm meinerseits von der Scheidung meiner Eltern zu erzählen. Die überhaupt nicht den Schrecken gehabt hatte, wie allgemein angenommen wird. Einfach, weil es alle Beteiligten glücklicher zurückgelassen hatte. Allen voran meinen Vater, der so lange mit sich herumgetragen hatte, dass er in seinen Kollegen Brian verliebt war. Dan lauschte dieser Geschichte aufmerksam und verzichtete auf die üblichen Fragen wie ›Was, dein Vater war doch aber mit einer Frau verheiratet, ist ihm das nicht eher aufgefallen?‹. Stattdessen begeisterte ihn die Tatsache, dass Dad und Brian einen Corgi besaßen. Diese Hunderasse erinnerte ihn immer an seine Geschichtslehrerin, die die - retrospektiv betrachtet - herzerwärmende Marotte gehabt hatte, ihn ständig Don zu nennen.
Wenn man sich solche Familiengeschichten anvertraute, war der Weg nicht mehr weit, über schreckliche Weihnachtsfeste zu sprechen, was in Dans Fall einen gar nicht so schrecklicher Aufenthalt in Melbourne bedeutete; die eigenen jugendlichen Heldentaten hervorzuheben, wie die Geschichte von Purrcy, den ich vor zwölf Jahren auf dem Dachboden einer Kirchenruine fand und mir bei der Rettung ein Bein brach. Was Dan ehrlich schockierte aber offensichtlich auch beeindruckte. Dass ich mich da eigentlich zum Knutschen mit Heath McCallum getroffen hatte, verschwieg ich. Dass wir schließlich doch wieder den Bogen zurück zur Arbeit schlugen, war ein merkwürdiger Schlenker, der aber den tiefschürfenderen Inhalt hatte, sich nun eher den knallharten Wahrheiten zu widmen. Nämlich, dass mein Job zwar wunderbar, aber eigentlich nur für Idealisten geeignet war. Weil Joe eigentlich zu sozial inkompatibel war, um mehr als eine Angestellte zu beschäftigen, was ein entsprechendes Arbeitspensum bedeutete. Aber da die Auftragslage spannend genug und die Atmosphäre ruhiger als in einer großen Agentur war, saß ich mittlerweile seit sechs Jahren auf diesem Stuhl.
Was den Idealismus betraf, unterschied sich Dans Arbeit nur unwesentlich von meinem. Aber vermutlich war der Schritt vom Idealismus zur Liebe nur ein kleiner, der von der Brücke ›Leidenschaft‹ verbunden war. Das war es zumindest, was aus Dans Worten sprach, wenn er von seinen Reisen erzählte. Von den Geschichten, die hinter den Gegenständen steckten, die er seit einem Jahr überall gesammelt hatte. Der Nachteil an idealistischen Ideen war jedoch, dass sie selten das große Einkommen versprachen. Und so war es auch in seinem Fall. Ein Punkt, der mich in seiner Offenheit unvermittelt erwischte.
»Ich sage es dir jetzt, weil du nicht meine Mutter bist«, meinte Dan irgendwann, als sich längst eine schläfrige Stille im Haus ausgebreitet hatte. »Ich habe momentan noch mehr Geld für die Antiquitäten ausgegeben als eingenommen.«
Als müsste er sich bei mir entschuldigen, hob er müde die Augenbrauen. Ich unterdrückte ein Gähnen. Nicht, weil mich das Gespräch mit ihm langweilte. Bei Gott, nein.
Ich war hundemüde und völlig fertig. Nur wollte ich nicht, dass dieser Abend ein Ende fand. Weil ein Zufallstreffen in einem Airporthostel selten bis gar keine Fortsetzung hatte.
So war das mit Zufällen, nicht wahr?
Ein leichter Schauer der Müdigkeit kroch über meinen Rücken. »Ich bin sicher, deine Mutter weiß auch darum. Was ihre Kinder betrifft, verfügen sie über ein ähnlich scharfsinniges Gespür, wie beim Verbrecherraten in der neuesten Inspector Barnaby-Folge.« Nun gähnte ich doch verhalten und warf unwillkürlich einen Blick auf die Wanduhr über der Tür. Halb drei, um Himmels willen …
»Ohne Frage«, erwiderte Dan. Seine Stimme klang, als würde er nachts über Bartheken lauter Clubs Bestellwünsche erfragen. Wenn er seine Antiquitäten per Telefon verkaufte, sollte sich das Geldproblem schnell erledigt haben. »Sie hat mir ganz unauffällig, ohne ersichtlichen Grund, ein neues Handy geschenkt, weil das alte fast auseinandergefallen ist.«
»Und wie hat sie dir das untergejubelt, ohne Grund?«
Er grinste müde. »Sie sagte, sie hätte es für sich gekauft, sie käme aber nicht damit klar und hätte den Kassenbon nicht mehr.«
Ich kniff anerkennend die Augen zusammen. »Clever von ihr.«
Mehr sagte ich dazu nicht, weil ich aus eigener Erfahrung wusste, wie schwer es war, auf die eigenen Eltern angewiesen zu sein, wenn man längst erwachsen war. Und dass es für Eltern immer ein Balanceakt bedeutete, sich um seine Kinder zu kümmern, ihnen aber nicht das Gefühl zu geben, dass sie es gerade taten.
Nun gähnte ich doch herzhaft. »O Gott. Entschuldige.«
»Schon gut «, wehrte er ab. »Es ist spät.«
Es war ein Satz, der ein Rausschmeißer war. So, wie Dan ihn sagte, war es eine Feststellung, die überall hinführen konnte.
Anstatt irgendetwas Treffsicheres von mir zu geben, musterte ich ihn und versuchte aus seinem Gesicht – ja, was? - zu lesen, das ich als nächstes sagen konnte.
Nur war ich nicht der Typ für Unanständigkeiten. Meine erste Tinder-Erfahrung war auch meine letzte geblieben. Und nicht einmal die konnte ich gehenlassen, Henry war weiterhin mein Freund. Aber selbst für die simple Frage nach Dans Telefonnummer war die Art und Weise, wo wir uns hinbewegten, nicht gemacht. Er wusste nicht, wohin mit sich und seinen Antiquitäten. Was sollte er mit einer Grafikerin in London, immer auf dem Sprung zwischen Birmingham und Dunbar?
Ada wären sicher eine Menge Dinge eingefallen. Aber auch das war nicht ich. So stand die Antwort zwar nicht in Dans Gesicht, aber klar in meinem Kopf.
»Dann …«, begann ich und bedauerte schon in der Minute, wie mein Satz weitergehen würde. »Danke für das Kabel und den schönen Abend.«
Abwartend sah ich ihn an. Wenn er jetzt eine Entscheidung treffen würde …
Ein müdes Lächeln zog über sein Gesicht. »Mit dem größten Vergnügen.«
Der Ansatz eines Lachens entfuhr mir, wurde aber nicht mehr, als ein trockener Laut. »Das klingt schon eher wie ein Antiquitätenhändler.«
Dans rechter Mundwinkel hob sich zu einem schiefen Lächeln. »Etwa antiquiert? Warte, bis ich richtig in Fahrt komme.«
Ja, das würde ich sogar. Ich würde die ganze Nacht hier warten, um das zu erleben.
War es Zufall oder Bestimmung, dass wir nicht mehr Zeit hatten? Irgendwie waren das die Momente, in denen man krampfhaft versuchte, gegen diese Tatsache anzukämpfen und sich seine Zeit mit der Brechstange zu holen. Und wenn es nur durch kleine Ablenkungsmanöver wie ein gar nicht so wahnsinnig antiquierter Wortschatz war. Nur, um noch einen Moment länger dazusitzen. In zwei blaue Augen zu schauen. Zu warten, dass irgendetwas oder irgendjemand einem die Entscheidung abnahm, etwas völlig Zielloses zu tun. Oder schlichtweg nicht unbedingt den Dingen Raum zu geben, die sinnvoll waren.
Nur braucht es für jede abwegige Entscheidung Mut. Den hatte ich nicht, er offenbar auch nicht.
Und so stemmte ich mich träge aus dem Sessel, eine gedehnte Bewegung, die ihm die Zeit geben sollte, etwas anderes zu tun, als mich gehen zu lassen.
Ich beugte mich zu meinem Telefon hinab, zog das Ladekabel aus der Steckdose und reichte es ihm. »Dann … gute Nacht.«
»Gute Nacht, Julie.« Seine Stimme war ein Abschied, der mich in der Schwebe darüber ließ, ob ich mich morgen noch wohlig an ihn erinnern oder schales Bedauern empfinden würde.
»Viel Erfolg mit deinem Laden«, sagte ich noch einmal.
»Danke. Und dir mit dem Petersberg-Banner.«
»Danke.«
»Ja, dir auch danke.«
Ich zögerte einen Moment, ob er noch mehr sagen wollte, als ein weiteres Danke. Doch dabei blieb es. Ich drehte mich um und ging nach oben auf mein Zimmer.
Aber eins nach dem anderen. Die Liste. Ich habe mir sehr, sehr oft überlegt, wie ich dir all das sage. Einfach so. Es ist dir aber bestimmt auch schon aufgefallen, dass es eigentlich totaler Blödsinn ist, sich auf etwas mental vorzubereiten. Dafür gibt es im Universum zu viele unbekannte Größen, die dir einen fetten Strich durch die Rechnung machen. Der Mensch selber ist wahrscheinlich die größte Unbekannte in vermeintlich geplanten Gesprächen. Weil man nie genau vorausberechnen kann, wie der andere reagiert. Und was das mit einem selbst macht.
Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich mich geärgert habe. Natürlich habe ich das. Es gehört wohl zu den ungeschriebenen Gesetzen, dass man die Dinge bereut, die man gerne getan, es aus verschiedenen Gründen aber nicht gemacht hat. Als Ada und ich Tom Hardy trafen, war uns sofort klar: diese Chance werden wir nie wieder haben. Also sprachen wir ihn an und machten ein gemeinsames Foto, auf dem er umwerfend und wir wie hysterische Teenies aussahen. Was uns aber überhaupt nicht davon abhielt, dieses Foto voller Stolz in unser Wohnzimmer zu hängen.
Damals hatte ich den Mumm, wenige Jahre später verließ sie mich in Gegenwart eines attraktiven Antiquitätenhändlers. Ein Fauxpas, der sich auch am nächsten Morgen nicht bereinigen ließ.
Vor dem Schlafengehen hatte ich meine Mails letztmals gecheckt und von der Fluggesellschaft eine Nachricht entdeckt, dass mein Flug für den kommenden Morgen um acht Uhr angesetzt war, wenn das Wetter mitspielte. Und das tat es in Form eines klaren Himmels und absoluter Windstille.
Dan begegnete ich jedoch nicht noch einmal, auch nicht auf dem Flughafen, wo ich mehrfach nach ihm Ausschau hielt.
Der Gedanke an ihn begleitete mich noch ein paar Tage. Besonders intensiv, als mir Ada am Wochenende nach dem Zusammentreffen im Airporthostel ihre neueste Errungenschaft präsentierte.
»Lysettes zartrosa Wangen verfärbten sich im gesamten Spektrum der untergehenden Sonne, als sie Brighams beeindruckende Beule begutachtete.« Ada ließ das Buch beinahe fallen und brach in schallendes Gelächter aus. »Ehrlich, ich habe keine Ahnung, was mich gerade mehr begeistert: Lysettes Wangen oder Brighams beeindruckende Beule.« Erneut lachte sie hysterisch und Tränen glitzerten in ihren Augenwinkeln.
»Brigham muss bei dem Namen auch etwas zu bieten haben, wenn er nicht nur Lynettes Wangen erglühen lassen will«, entgegnete ich in ähnlicher Frequenz.
»Lysette!«, korrigierte mich Ada fast schon empört. »Lynette ist ihre Mutter.«
»Oho!« Ich lachte. »Dann muss Brigham aber aufpassen, was er sagt.«
Ada ächzte in den letzten Wehen ihres Lachanfalls und legte das Buch beiseite. Ich wischte mit den Zeigefingern unter meinen Augen lang, ein Wochentagsreflex, weil ich an Wochenenden eigentlich nie Make-up trug.
Einen Moment hing diese kichertrunkene Stille über uns. Das Bedürfnis, über Dan und seine Lesegewohnheiten zu sprechen, überfiel mich unvermittelt. Weil das irgendwie immer der Impuls ist, den man gegenüber Dingen und Ereignissen spürt, die man unfreiwillig hat gehen lassen. Nur, um nicht wirklich abschließen zu müssen. Da wurde selbst Brighams beeindruckende Beule zum Anreiz.
»Der Typ von dem ich dir erzählt habe, hatte ›Das Herz des Babyloniers‹ am Wickel«, sagte ich schließlich.
»Uh, das klingt ja nach einer Perle.«
»Das Buch oder der Typ?«
»Beides natürlich. Hast du ihn schon gegoogelt?«
»Dan?«, fragte ich etwas stumpfsinnig, weil mir der Gedanke tatsächlich noch nicht gekommen war. Glaubte man meiner Mutter, waren wir ›jungen Dinger‹ geradezu gesegnet, alles über Männer, die uns interessierten, im Internet herausfinden zu können. Ihre Generation hatte dafür noch hart arbeiten und detektivisches Gespür besitzen müssen.
»Warum sollte ich das tun?«, fragte ich Ada möglichst unbeteiligt und war nicht wenig beeindruckt von der Tatsache, dass sie so banale Dinge auf dem Schirm hatte. Wie die passive Heldin eines viktorianischen Gesellschaftsromans hatte ich nur an Dan gedacht. Oft. Immer begleitet von der Frage, wann mir wohl seine Züge nicht mehr zu hundert Prozent einfallen würden. Wenn er irgendwann der Held in der Geschichte ›Weißt du noch, der Typ am Flughafen …‹ geworden war.
»Also nicht. Dann wird es Zeit.« Ada zog ihr Handy aus der Hosentasche und wischte ein paarmal auf dem Display herum.
»Ich weiß doch gar nicht, wie er mit Nachnamen heißt«, gab ich zu bedenken. Ada schwieg und wischte weiter herum. »Welchen Ort hat er erwähnt, wo seine Schwester wohnt?«, fragte sie, ohne vom Telefon aufzuschauen.
»Pembroke in Wales.«
»Hm.« Ada starrte konzentriert auf das Display.
»Ist das nicht ein bisschen albern?«, fragte ich sie.
»Klar«, lautete ihre ehrlich Antwort. »Aber weiß doch keiner außer uns. Wie hieß sein Kumpel in Manchester?«
»Lewis.«
»Letzter Aufenthaltsort?«
»Portugal. Das ist doch Quatsch, Ada«, sagte ich ungehalten, »es gibt bestimmt 9309409032 Dans allein in London. Wie willst du …«
»Ist es der hier?« Sie hielt mir das Telefon hin.
»O mein Gott.« Ich riss ihr das Handy aus der Hand und sah auf das Foto von Dan, das sie bei Facebook gefunden hatte.
Ich betrachtete sein breit grinsendes Gesicht, wie er auf dem Berg irgendeines Landes stand, das der Vegetation nach eindeutig nicht Großbritannien war. Oder überhaupt irgendein mitteleuropäisches Land. Neben ihm stand ein Typ, der den gleichen glücklich-erschöpften Ausdruck ins Gesicht getackert hatte, und die Kamera am ausgestreckten Arm von sich und Dan weghielt, um das Foto zu schießen. Alles in den Gesichtern der beiden Männer strahlte pure Verblüffung darüber aus, dass sie etwas Unfassbares geschafft hatten.
»Wie hast du das denn jetzt hinbekommen?«, fragte ich verblüfft.
»Pf«, machte Ada abschätzig. »Das gehört zu meinem Job, Dinge herauszufinden. Ich finde und schreibe Dinge.« Selbstzufrieden sank sie zurück in die Polster unseres türkisfarbenen Sofas und nahm mir das Telefon ab, um ihren Fund zu begutachten. »Ich versteh dich. Da hätte ich mich vielleicht auch nicht getraut.«
»Das ist Bullshit, Ada.«
Sie lachte. »Ja, erwischt. Ich hätte ihn direkt angesprungen. Lass doch gleich mal seinen Beziehungsstatus checken.«
Ich beugte mich über ihre Schulter, um auf das Display zu schauen. »Nichts«, murmelte ich. »Ist das für Facebook überhaupt noch wichtig? Da ist doch vermutlich eh keiner ehrlich. Merkt man allein schon an Es ist kompliziert. Was soll das bitte für eine Aussage sein?«
Ich sah in Adas zufriedenes Gesicht. »Ausgezeichnetes Indiz, dass er Single ist. Keine Frau der Welt lässt ihren heißen Freund durch die Welt reisen, ohne dass bei jeder sich bietenden Möglichkeit klar wird, dass er vergeben ist.«
»Das klingt dann aber nach keiner sehr gesunden Beziehung.«
»Dann ist der Vorteil klar auf deiner Seite. Also, nun, da du hast, was du willst, geh mein Kind. Setze dein Like, adde dein Herz an seines und werde glücklich.«
Sie hielt mir erneut das Handy hin. Ich nahm es ihr ab und scrollte mich durch die Bildergalerie. Es war ein Reisetagebuch. Obwohl es ganz öffentlich bei Facebook stand, fühlte es sich an, als würde ich heimlich in Dans Sachen herumschnüffeln. Der letzte Eintrag war vor drei Wochen in Portugal entstanden und zeigte ihn, diesmal ohne den Typen von dem Bergfoto, vor dem Torre de Belém. Der einzige Kommentar darunter stammte von einer Lilylamb.
Guten Heimflug, wir vermissen dich!! ♥♥♥
Bei guten Recherchen muss man manchmal auch querforschen, hatte Ada mir beigebracht. Also ging ich auf das Profil von Lilylamb, das kaum Inhalt hatte. Dafür aber einen, der mich mehr umhaute, als irgendein Beziehungsstatus.
»Ob das seines ist?«, fragte ich und hielt Ada das Telefon hin.
Ungerührt betrachtete sie das Foto. »Möglich. Frag mich nicht, aber das schmälert seine Attraktivität nicht im Geringsten.«
Ich sah noch einmal auf das Foto von Dan, das in einem Krankenhaus aufgenommen worden war. Er strahlte über das ganze Gesicht, noch extremer, noch müder und noch glücklicher, als auf dem Bergfoto. Den Blick hatte er nur nicht in die Kamera gerichtet, sondern auf das kleine, in Decken gehüllte rosa Gesicht in seinen Armen.
»Das schon«, stimmte ich Ada zu. »Aber das macht es ein wenig leichter, nicht mehr sauer über meine eigene Trantütigkeit zu sein.«
»Wieso?« Ada schielte auf das Display. »Schau mal, das Bild ist fünf Jahre alt. Vielleicht sind sie gar nicht mehr zusammen.«
»Ach bitte. Das sind doch jetzt auch wahnsinnig unnütze Spekulationen. Außerdem schreibt die Mutter des Kindes das hier unter den letzten Post seines Reisetagebuchs.«
Ich ging zurück zu dem Eintrag und hielt ihn Ada unter die Nase, als wäre es ein Beweisstück vor dem High Court.
»Und? Man kann sich doch trotzdem auch noch aufeinander freuen. Vor allem das Kind. Steht unter dem Foto denn nichts? Kein ›Happy Dad‹ oder ›Die großen Lieben meines Lebens‹?«
»Nein, gar nichts.« Ich überflog die Kommentare darunter und kam mir schon reichlich albern dabei vor. Meine Güte, und wenn er ein Kind hatte … »Da stehen auch nur Glückwünsche an Lilylamb, die, welch eine Überraschung, offenbar Lily heißt.«
Nur ein Kommentar verkündete, dass das Baby Dan richtig gut stünde. Was zwar eher wie ein Lob für einen Pullover oder wahlweise Tweed-Jackett klang, im Kern aber durchaus richtig war.
»Ob er sie für die Reise sitzengelassen hat?«, spekulierte ich jetzt drauflos. »Das wäre echt mies.«
»Na ja«, sagte Ada mit einem leidenschaftslosen Schulterzucken. »Ist deine Entscheidung. Schreib ihm oder lass es bleiben. Aber so findet man auch nicht raus, was man vielleicht wissen oder auch nicht wissen will. Und damit höre ich auch auf, mit meinen großmütterlichen Weisheiten.«
Ich betrachtete erneut das Foto von Dan und dem Baby. Er hatte im ganzen Gespräch nie ein Kind erwähnt. Dafür aber eine Schwester. Lilylamb konnte genauso gut seine Schwester und das Kleine ihr Kind sein. Und letzten Endes hatte Ada recht. Ich verlor ja nichts, wenn ich eine kleine Nachricht schickte. Oder vielleicht auch nur ein Like setzte. Er konnte es ignorieren oder aber, er reagierte darauf. Und dann stand wieder alles offen. Nur dass ich mir diesmal ziemlich sicher war, nicht mehr auf irgendeine Fügung zu warten, die mir eine Entscheidung abnahm.
Ich loggte mich bei Facebook ein, ging zurück zu Dans Reisetagebuch und setzte mein Like unter das letzte Foto, noch ehe ich darüber weiter nachdenken konnte.
»Missetat begangen?«, fragte Ada grinsend. Ich hielt ihr kommentarlos das Telefon entgegen, sodass sie meinen aufkeimenden Aktionismus eigenäugig sehen konnte. »Ausgezeichnet«, sagte sie. »Der Rest liegt jetzt in der Hand der Bestimmung!«
Tatsächlich zeigte sich diese Bestimmung allerdings äußerst träge.
Denn auf mein Like folgte nichts. Keine kurze Nachricht, keine Freundschaftsanfrage, nichts. Ich war zwar ehrlich enttäuscht, aber erleichtert, nicht zehn Jahre jünger zu sein. Damals hätten mich die unzähligen Möglichkeiten, warum er sich nicht meldete, vermutlich in eine ernsthafte Sinnkrise gestürzt.
Irgendwann wurden die kurzen Kontrollen auf meinem Handy weniger und bald schaute ich gar nicht mehr nach, ob noch eine Meldung von Dan eingetrudelt war. Die Tage wurden noch kälter und ungemütlicher als an jenem Abend, als ich ihn getroffen hatte. Das Petersberg-Banner war lange abgeschlossen. Mein Ladekabel hatte auch wieder den Weg zu mir zurückgefunden. Ada und ich lasen zwar gemeinsam ›Die Geliebte Napoleons‹, sprachen aber auch irgendwann nicht mehr über Dan.
Bis die Bestimmung es sich mit einem Mal anders überlegte.
Ich komme schon wieder nicht auf den Punkt. Die Liste. Du kannst es dir vielleicht schon denken, ich habe den unbedingten Willen, sie hier bis ins Detail runterzuschreiben. Wieso? Manche Dinge werden erst klar, wenn man für sie eine Tabelle anlegt. Das klingt rationaler als ich bin. Wer will schon die Liebe seines Lebens so herunterbrechen, dass sie in eine Liste passt?
Es gibt diese Allerweltsfeste, die einem nur in Erinnerung bleiben, weil an ihnen etwas Besonderes passiert ist. Der Grund dafür liegt auf der Hand: alles, was eine gewisse Routine hat, wird vom Gehirn nicht abgespeichert. Da gehören Feiertage dazu, mögen sie auch nur einmal im Jahr stattfinden. Wer erinnert sich schon noch an das Weihnachten vor fünf Jahren? Ich jedenfalls nicht.
Das Halloween des Jahres, in dem Dan und ich uns kennenlernten, blieb mir aus vielen verschiedenen Gründen in Erinnerung. In erster Linie natürlich, weil wir uns kennenlernten. Weil es eine große Demütigung für mich bereithielt, die zugegebenermaßen von mir selbst verschuldet war. Weil Ada und ich zum ersten Mal getrennt voneinander eine Party verließen. Und vermutlich, weil es das letzte Halloween blieb, das wir gemeinsam feierten.
Aber der Reihe nach.
Eigentlich beginnt man Geschichten am Anfang. Und den nahm diese an der Wohnungstür von Henry Walden, meiner ersten und letzten Tindererfahrung. Oder wie Ada sich für ihre Verhältnisse romantisch ausdrückte: der einzige Mann in meinem Leben, der der Erste und zugleich der Letzte blieb.
»Ihr seid die Weiber aus Skooby Doo. Das ist nicht gruselig«, begrüßte Henry Ada und mich, als wir vor ihm in der Tür seiner Wohnung standen.
»Erzähl keinen Schwachsinn. Das ist eine Gruselserie, also sind unsere Kostüme gruselig«, bügelte Ada ihn ab.
»Eine Gruselserie für Kinder«, beharrte er. »Ihr habt die nur gewählt, weil sie zu euren Haarfarben passen, ihr faulen Hühner. Ich hätte mehr Respekt vor diesem Feiertag von euch erwartet.«
Irgendwo innerhalb seiner Wohnung grölte jemand eine Karaokeversion von Baby, one more time.
»Keine Sorge, Henry.« Ich klopfte ihm auf die Schulter. »Nach ein paar Shots sehen wir schon gruselig genug aus. Ada trägt keinen Waterproof Mascara und ich keinen kussechten Lippenstift.«
Er vollführte ein für eine Wasserleiche bemerkenswert gelungenes Augenrollen. »Diskutieren bringt mit euch eh nichts. Schon gar nicht, wenn ihr zu zweit seid. Die Party von Archie Bills läuft übrigens nebenan.«
»Wer ist Archie Bills?«, fragte Ada.
»Der achtjährige Sohn meiner Nachbarin.«
»Ausgezeichnet. Mütter haben immer guten Alkohol im Haus«, warf ich grinsend ein.
»Deine Mum ist kein Aushängeschild für alle Mütter, Jules«, bemerkte Ada. »Außerdem haben wir selbst guten Alkohol.«
Wir überreichten Henry die Flasche Half Hitch, den wir als Gastgeschenk mitgebracht hatten. Unsere Mäntel landeten am überfüllten Kleiderhaken. Henry grunzte etwas vor sich hin und betrat dann vor uns seine Wohnung, die vollgestopft war mit Menschen. Für seine Partys hatte er eine Faustregel: Kenne ich dich, darfst du rein. Hatte er plötzlich ein Loch in der Wand, was in dem Jahr passierte, als wir uns kennenlernten, oder plötzlich keine Badewanne mehr im Bad stehen, was ein Jahr später vorfiel, wollte er minutiös den Kreis der Verdächtigen eingrenzen können. Auf der anderen Seite zeigte er sich aber als liberaler Gastgeber, der seine Gäste bei schlechtem Wetter nicht vor die Tür zwang, wenn sie rauchen wollten. Was mit steigendem Alkoholpegel auch nicht mehr störte. Beim Einlass erwies er nicht nur in unserem Fall versierte Türsteher-Kompetenzen. Ob es sich dabei um, in seinen Augen, unangemessene Kostüme, oder fremde Leute handelte, Henry blieb strikt in engen, aber großen Bekanntenkreisen haften.
Umso mehr verschlug es mir die Sprache, als ich hinter ihm ins Wohnzimmer trat und mein erster Blick auf eine hochgewachsene Gestalt fiel. Er stand mitten im Raum, größer als die meisten um ihn herum, und dennoch traute ich meinen Augen nicht.
»Dan.« Diese eine Silbe war nicht mehr als tongewordener Unglaube, eine bloße Verneinung meiner eigenen Wahrnehmung. Ada folgte meinem Blick.
»Verfickte Scheiße, das glaube ich jetzt nicht«, hauchte sie ehrfürchtig, als hätte sich eine Fantasiegestalt aus meinem Kopf plötzlich wahrhaftig vor ihr materialisiert.
»Henry.« Ich hielt ihn am Arm fest. »Woher kennst du den blonden Typen mit der Stock im Arsch-Attitüde?« Die extrem deplatziert an ihm wirkte … Was hatte er da nur an?
Henry schaute sich kurz um, wen ich meinte. »Der? Den hat Victor mitgebracht. Verstößt eigentlich gegen jede Partyregel, weil ich ihn nicht kenne und er auch nicht verkleidet ist. Obwohl er behauptet, er wäre es. Aber es ist Victor, dem würde ich selbst mein Erstgeborenes anvertrauen. Das sollte nur echt nicht die Runde machen, sonst kommt hier jeder mit irgendwelchen Leuten an.«
Ich musterte Dan, wie er, halb von mir abgewandt, dastand und sich mit einem Kerl unterhielt, den ich hin und wieder schon bei Henry getroffen hatte. Dan hatte sich die Haare ordentlich nach hinten gekämmt, den Bart zwar nicht gekürzt, aber in Form gebracht. Auf seiner Nase saß eine extrem spießige Brille, die eigentlich nur folgerichtig zum Rest des Outfits passte: ein weißes Hemd und ein Tweed-Jackett. Mit Flicken auf den Ärmeln.
»Lass mich raten«, sagte ich. »Er ist als Antiquitätenhändler verkleidet?«
»Ja. Wie hast du das denn jetzt erraten?« Henry klang ähnlich ehrfurchtsvoll erschüttert wie kurz zuvor Ada.
»Das ist der Typ vom Flughafen«, klärte sie ihn auf.
Er fuhr hektisch zu uns herum, gepackt von einer kaum zu bändigenden Sensationslust. »Ist nicht dein Ernst!«
Es war vermutlich Bonnie Tyler zu verdanken, dass Dan diesen Ausbruch nicht hörte, so laut schrie Henry.
Da standen wir also im Halbkreis, drei erwachsene Menschen, und bestaunten die Anwesenheit eines walisischen Antiquitätenhändlers mit der exotischen Strahlkraft eines Pandababys im Londoner Zoo. Victor sagte etwas zu Dan und wandte sich dann ab, um sich durch die Menge hinaus in Richtung Küche zu schieben.
»Hat Victor ihn dir vorgestellt, woher er ihn kennt, ob er Single und wie seine Nummer ist?«, fragte Ada und hakte damit die für sie wohl brennendsten Fragen ab. Zugegeben, mindestens eine Antwort darauf interessierte auch mich.
»Er sagte, das sei Dan, sein Kommilitone von der University of Manchester«, antwortete Henry.
»Siehst du«, stieß Ada hervor. »Es gibt keine Zufälle. Es gibt nur die Bestimmung.«
»Du meinst wohl, es gibt Tinder«, entgegnete ich. »Da läuft doch alles zusammen. Henry ist der kleinste gemeinsame Nenner.«
»Aber ist doch vollkommen egal ob Bestimmung oder Tinder. Wobei Es gibt keine Zufälle, es gibt nur Tinder ein super Slogan ist, aber das nur nebenbei. Jedenfalls steht er hier wie auf dem Servierteller. Eine bessere Einladung gibt es nicht.«
Nein, tatsächlich nicht.
Da stand er und mit ihm die vielen Möglichkeiten, die ich vor ein paar Wochen einfach hatte ziehen lassen. Ich wollte mich gerade durch die Gäste zu ihm schieben, da wandte er den Kopf und sah mich direkt an.
Ich schien für ihn eine ebenso seltsame Erscheinung zu sein, wie er für mich.
Für einen Moment sah er nicht anders als komplett überfragt aus, ob er seinen Augen trauen durfte. Dann erhellte ein strahlendes Lächeln seine Züge und dieses kleine Bröckchen Unsicherheit, das mich kurz hatte stocken lassen, fiel von mir ab. Ich spürte förmlich, wie ein breites Grinsen in meinen Mundwinkeln kribbelte und sich dann langsam über mein ganzes Gesicht ausbreitete. Es verwandelte sich in ein Lachen, als aus der Karaokemaschine Time of my Life schallte. Dan lachte ebenfalls und streckte in einer überzogenen Geste seine Arme aus. Ich schob mich vorbei an den Partygästen, die, mehr oder weniger harmonisch, laut mitsangen.
»Aus der Hebefigur wird wohl nichts«, sagte ich gegen den Lärm an, als ich vor ihm stand.
»Sehr schade.« Allein der Klang seiner Stimme war, als würde ich einen Lieblingssong nach langer Zeit hören. »Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns wiedersehen.«
»Ich auch nicht«, gestand ich. »Und sieh nur, wie angemessen wir uns trotzdem in Schale geworfen haben.« Ich lachte verhalten, und mein Blick glitt unwillkürlich zu der Weste, die er unter dem Jackett trug. Er senkte den Kopf und schob, mit zwei Fingern den rechten Brillenrand umfassend, das Gestell in einer natürlichen Geste zurück.
»Ich habe dir auf Facebook geschrieben«, sagte ich. Ein Satz, der mit Time of my Life einen absolut würdigen Soundtrack erhalten hatte.
Ich habe dir auf Facebook geschrieben …
Das klang laut ausgesprochen absolut albern. Aber offenbar wenigstens nicht wie ein Vorwurf, denn Dans Augenbrauen zogen sich hinter dem Brillengestell zusammen.
»Auf welchem Kanal denn?«, fragte er, was ich fast kaum verstand angesichts des Lärms.
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und lehnte mich leicht gegen ihn. »Na das Reisetagebuch. Ich hab auch nicht wirklich richtig geschrieben. Nur ein Like gesetzt.«
