Stumme Gedanken - Meyra Su - E-Book

Stumme Gedanken E-Book

Meyra Su

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Beschreibung

Elisha kann weder sprechen noch hören. Naja, eigentlich kann sie es, aber sie tut es nun mal nicht. Deswegen denken alle, dass sie taubstumm ist. Weil jeder davon ausgeht, dass Elisha nichts versteht und somit auch nichts weitererzählen kann, ertappen sich viele dabei, wie sie ihr ihre tiefsten Geheimnisse erzählen. So erfährt Elisha die Gedanken der beliebtesten Schüler der Schule, der Lehrer, ihrer Pflegefamilie und noch viele andere. Nur Davis erzählt ihr nichts und das ist genau so ungewohnt, wie es auch anziehend ist. Wird sie das Geheimnis um Davis lösen können? Wenn ja, was ist mit ihrem eigenen Geheimnis? Und zwar, dass sie gar nicht taubstumm ist...

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Seitenzahl: 542

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel – Ende

Epilog

PROLOG

Inzwischen sind sechs Jahre vergangen. Ich sehe das Bild vor mir, als wäre es gestern gewesen. Niemals hätte ich mir vorstellen können, dass ich einmal von meiner Familie getrennt werden würde. Das Blut auf dem Gesicht meiner Mutter. Die Narben auf dem Körper meines Vaters. Ich habe alles noch genau vor Augen. Ich hätte diesen Autounfall nicht überleben sollen, aber das Schicksal hatte andere Pläne mit mir.

So kam es, dass ich nun seit zwei Monaten in einer Pflegefamilie untergebracht bin. Hier ist es ganz anders als im Waisenheim. Aber auch hier bemerkten die Menschen schnell, dass ich auf nichts von dem reagierte, was sie sagten. Sie akzeptierten es, weil sie dachten, ich sei taubstumm, und mir war das mehr als recht.

Seit zwei Monaten schlendere ich jeden Morgen zur gleichen Uhrzeit aus meinem Zimmer, werde von meinen Pflegeeltern und meiner jüngeren Pflegeschwester gegrüßt und gehe dann zu Fuß in die Schule. Ich habe mich inzwischen an diese Routine gewöhnt.

Ich hatte keine Ahnung, dass sich das alles sehr bald ändern würde.

1. KAPITEL

Hanna ist das wohl schrägste Mädchen, das ich jemals kennengelernt habe. Ihre goldenen Locken bilden einen Rahmen um ihre kleinen braunen Augen. Bei jedem ihrer Schritte schwingt Hanna ihre Haare hin und her und wirkt dabei wie eine Diva. Wenn sie etwas erzählen will, lässt sie sich von nichts und niemandem davon abhalten, und für ein 7-jähriges Mädchen hat sie wirklich viel zu erzählen.

„Ich finde das total witzig, dass wir alle blond sind“, sagt sie mit unverkennbarer Euphorie in ihrer Stimme, während ich auf meinem Bett sitze und gerade im Begriff war, ein Buch zu lesen. Hanna ist einfach in mein Zimmer hereinspaziert, hat sich auf der Sitzbank vor meinem Fenster niedergelassen und angefangen zu erzählen.

„Ich habe blonde Haare, Mama hat blonde Haare, und Papa auch. Nur deine Haare sind braun.“ Sie schaukelt mit den Füßen hin und her, während sie auf den Boden starrt. „Aber deine Haare sehen trotzdem schön aus."

Ich kann aus den Augenwinkeln erkennen, dass sie mir das bezauberndste Lächeln schenkt, das sie besitzt. Trotzdem nehme ich den Blick nicht von meinem Buch. Es interessiert mich relativ wenig, was sie mir erzählt, aber ich habe auch kein Problem damit, dass sie es erzählt. So kann sie sich ausplappern, und ich kann weiterhin so tun, als könnte ich sie nicht hören.

„Weißt du, Elisha ...“, startet sie einen neuen Versuch. Irgendetwas in ihrer Stimme erweckt meine Aufmerksamkeit. Ich überfliege die Wörter in meinem Buch nur noch und konzentriere mich auf Hannas Stimme.

„Morgen ist mein Geburtstag“, sagt sie. „Ich werde 8 Jahre alt. Tris hat gesagt, wenn man acht Jahre alt wird, dann passiert etwas ganz Schlimmes.“

Tris ist ein Junge aus ihrer Klasse. Sie hat mir schon oft erzählt, dass er sie ärgert und ihr Dinge erzählt, die ihr Angst machen. Anscheinend sieht der Junge in ihr eine leichte Beute. Bis jetzt hat Hanna mir aber auch noch nie erzählt, dass sie sich gegen ihn gewehrt hat. Sie hat mir nur erzählt, dass sie manchmal weinen muss, wenn die anderen Kinder in der Schule gemein zu ihr sind. Und das alles nur wegen diesem Tris. Ich verspüre oft das Bedürfnis, ihr zu erklären, wie sie sich zu verhalten hat, und dass diese Kinder doch nur Spaß machen oder Idioten sind. Aber ich halte mich zurück, denn ich will kein Teil davon sein. Außerdem weiß ich, dass sie mir das alles nur anvertraut, weil sie es irgendwo loswerden muss, und nicht, weil sie sich meinen Trost erhofft.

„Ich will nicht, dass etwas Schlimmes passiert“, sagt sie aufgeregt und springt von der Sitzbank runter. Ich wende den Blick von meinem Buch ab und sehe zu, wie sie mein Zimmer genauso plötzlich wieder verlässt, wie sie es betreten hat. Ich sagte doch, dass das Mädchen komisch ist.

Ich betrachte mein Spiegelbild in der Mädchentoilette der Schule. Ich habe nie ein Problem mit meinem Aussehen gehabt. Es war mir einfach nie wichtig genug. Umso mehr fasziniert es mich, wie lange manche Mädchen an ihrem Gesicht herumtupfen können. Neben mir stehen die Zwillinge Tara und Lynn. Die beiden sind äußerlich einzig und allein anhand ihrer Haare voneinander zu unterscheiden: Tara hat feuerrotes Haar, während Lynn eine blonde Schönheit ist. Sie sind wie Feuer und Wasser, das habe ich bereits beim ersten Aufeinandertreffen bemerkt. Was sie jedoch gemeinsam haben, ist ihre Liebe zu einem strahlenden, perfekten Aussehen.

„Der Freak starrt uns an“, sagt Tara und wirft mir im Spiegelbild einen feurigen Blick zu.

Ich habe mich schon lange daran gewöhnt, mit solchen Namen betitelt zu werden. Nur langsam wende ich den Blick von den beiden Furien ab und greife nach den Trockentüchern.

„Hör auf! Sie kann doch Lippen lesen“, sagt Lynn und stupst ihre Schwester leicht an.

Lehrer und Schüler denken, dass ich nur deshalb so gute Noten schreibe, weil ich Lippen lesen kann. Die Lehrer geben sich beim Sprechen immer extra viel Mühe dabei, die Klasse anzuschauen, und zusätzlich erhalte ich von jeder Stunde eine Zusammenfassung. Wenn ein Schüler etwas von mir braucht, dann schreibt er es entweder auf oder spricht in Zeitlupe mit mir. Manchmal ist das recht amüsant mitanzusehen.

Diesmal sind es diese beiden Mädchen, die mich anstarren, als ich meine Hände trockne und schließlich die Mädchentoilette verlasse. Es ist mir egal, was andere von mir denken. Die Menschen können sich verhalten, wie sie wollen, es hat keinerlei Einfluss auf mich. Nichts von dem, was ich höre, beschäftigt mich wirklich. Und wenn man nicht spricht, dann hört man viel. Auch diesen Tag überstehe ich, indem ich mich unauffällig im Hintergrund aufhalte. Das typische High-School-Leben, das man aus den Filmen kennt, gibt es bei mir nicht. Das typische High-School-Leben, das man aus den Filmen kennt, existiert nur in Hollywood.

Ich bin bereits auf dem Weg nach Hause, als mir einfällt, dass ich noch kein Geschenk für Hanna besorgt habe. Eigentlich hatte ich nicht vor, ihr ein Geschenk zu kaufen, aber das kleine Mädchen in mir meldet sich zu Wort und sagt, dass ich in Hannas Alter auch nichts anderes wollte als sie. Sie ist schräg und redet viel, aber sie ist süß. Sie ist die Einzige, der ich gerne zuhöre.

Also spaziere ich in den großen Spielwarenladen, der ein bisschen so aussieht wie das Geschäft aus dem Film 'Kevin allein in New York'. Hier gibt es nicht nur einfache Brettspiele und Actionfiguren, sondern kreative, schräge Geschenkideen, also genau der richtige Ort für Hanna.

Schnell habe ich ein passendes Geschenk für Hanna gefunden, bezahle es von dem Taschengeld, das ich von meinen Pflegeeltern bekommen habe, und verlasse den Laden wieder. Sobald ich in die Herbstkälte trete, verlässt mich auch die Wärme, die ich in dem Laden gespürt habe. Dieser Laden ist irgendwie etwas Besonderes, und es war bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich hierhergekommen bin.

Während ich in Gedanken vertieft bin, fällt mein Blick auf zwei Jugendliche auf der anderen Straßenseite. Ich kenne sie aus der Schule: unser Football-Star Brooklyn und sein bester Freund Davis. Ich bin jedes Mal aufs Neue fasziniert von Brooklyn, denn er sieht aus wie der Doppelgänger von David Beckhams Sohn, der lustigerweise ebenfalls Brooklyn heißt. Hin und wieder frage ich mich sogar, ob er es wirklich ist. Davis hingegen ist mit keiner prominenten Person vergleichbar. Er hat Augen, deren Farbe auf keiner Farbpalette wiederzufinden ist. Sie sind grün, aber auch ein bisschen grau, oder eine Mischung aus beidem? Sie sind jedenfalls wirklich faszinierend.

Die beiden Jungs gehen nebeneinanderher, während Brooklyn telefoniert. Davis hat einen Football in der Hand und wirft ihn gelangweilt von einer Hand in die andere. In diesem Moment entdeckt er mich, und unsere Blicke treffen sich kurz. Schnell wende ich meinen Blick wieder ab. Ich gehe weiter und schenke den beiden keine Beachtung mehr.

„Elisha!“, höre ich plötzlich eine Stimme rufen. Ich reagiere nicht darauf, das tue ich nie, sondern gehe einfach weiter. Ich weiß nicht, welcher der beiden Jungs nach mir gerufen hat, aber eigentlich ist es mir auch egal. Was könnten die beiden schon von mir wollen?

„Elisha, warte!“, ruft jemand erneut, und diesmal kann ich die Stimme zuordnen. Es ist Brooklyn, und er scheint mir schon sehr viel näher gekommen zu sein.

„Alter, sie kann dich doch nicht hören!“, kommt es von einem genervten Davis. Ich höre noch ein „Ach ja“, und kurz darauf stehen beide Jungs vor mir. Ich starre verwirrt in die ebenso verwirrt dreinblickenden Gesichter vor mir. Jetzt passiert bestimmt das Schlimme, von dem dieser Tris aus Hannas Unterricht gesprochen hat. Warum trifft es mich, wenn er es doch zu Hanna gesagt hat? Nicht, dass ich ihr irgendwas Schlimmes wünsche, aber mir wünsche ich es auch nicht.

„H-a-l-l-o“, sagt Brooklyn sehr langsam und zwingt sich ein Lächeln auf die Lippen. Ich sehe zu, wie Davis sich gegen die Stirn haut, als wäre sein Freund völlig bescheuert. Irgendwie klingt er aber auch wirklich bescheuert. „Kannst … du … mich …verstehen?“, fragt Brooklyn höchst konzentriert.

Ich muss nicht auf seine Lippen achten, um ihn zu verstehen, aber aus Gewohnheit mache ich es trotzdem. Schließlich nicke ich ihm zu, und sofort strahlt er zufrieden auf. Es ist schräg, dass er überhaupt mit mir spricht, da wir noch nie ein Wort miteinander gewechselt haben. Überhaupt habe ich noch kein Wort mit irgendjemandem gewechselt. Natürlich nicht. Schließlich denken ja alle, ich sei stumm. Allerdings hat auch noch nie jemand versucht, sich mit mir anzufreunden oder mich kennenzulernen. Ich beschwere mich auch nicht darüber.

„Ich … wollte … dich … was … fragen.“ Brooklyn macht nach jedem Wort eine kurze Pause, wahrscheinlich, weil er denkt, dass ich ihn dann besser verstehen kann. Ich nicke ihm wieder zu, und er spricht ermuntert weiter. „Ich … hab … im … Kunstunterricht … gesehen … dass … du …“

„Brooklyn, sie ist stumm, nicht dumm. Ich bin sicher, dass sie dich auch versteht, wenn du etwas schneller sprichst“, unterbricht Davis seinen Freund. Wieder nicke ich. Davis fühlt sich bestätigt und fügt hinzu: „Siehst du?“

„Ach so. Okay. Na gut“, meint Brooklyn und spricht jetzt endlich in normaler Geschwindigkeit mit mir. „Du hast in Kunst ein paar schöne Bilder gemalt, und wir wollten fragen, ob du vielleicht unser Schullogo auf ein großes Plakat malen kannst … für das Spiel in zwei Wochen.“

Ich bin tatsächlich eine gute Künstlerin. Ich höre keine Musik und schaue auch kein Fernsehen, daher verbringe ich meine Freizeit mit Lesen oder Zeichnen. Ich kann mich allerdings nicht daran erinnern, Brooklyn je im Kunstunterricht gesehen zu haben. Er ist, im Gegensatz zu Davis, nicht einmal in meiner Klasse, daher vermute ich, dass Davis es ihm erzählt hat.

Zur Antwort zucke ich nur mit den Schultern. Ich habe kein Problem damit, das Logo auf ein Plakat zu zeichnen, benötige aber schon etwas mehr Informationen. Wie groß muss das Plakat sein? Welche Farben soll ich verwenden? Stellt man mir alle Materialien zur Verfügung?

„Also wirst du es machen?“, hakt Brooklyn hoffnungsvoll nach. Ich nicke ihm zu, ziehe aber trotzdem die Augenbrauen in die Höhe, um meine Verwirrung zum Ausdruck zu bringen. „Super! Danke! Komm morgen nach der Schule in die Turnhalle. Der Coach wird dir dann weiterhelfen.“

Ich schenke ihm ein höfliches Lächeln, da ich jetzt keine Lust mehr habe zu nicken. Normalerweise kommt es nicht vor, dass ich in einer Interaktion bin und Fragen beantworten muss. Meistens wird mir etwas erzählt, und meine Reaktion darauf ist völlig unwichtig.

Die Jungs bedanken sich ein weiteres Mal bei mir und verabschieden sich dann. Für wenige Sekunden werde ich gefesselt von Davis' Blick, doch dann dreht er sich um und geht. Na, das kann ja was werden morgen … Ich hoffe, dass niemand versuchen wird, mit mir zu kommunizieren. Ich möchte einfach nur das Logo malen und dann wieder abhauen. Schließlich bin ich die letzte Person, mit der man eine Unterhaltung führen kann. Wortwörtlich.

2. KAPITEL

Hanna hat sich mehr über das Geschenk gefreut, als ich erwartet hätte. In ein paar Stunden werden Freunde und Verwandte zu Besuch kommen, um Hannas Geburtstag zu feiern, und bis dahin möchte sie mit mir die Knete formen, die ich ihr geschenkt habe. Ich drücke gemeinsam mit Hanna ziellos auf der Masse herum, und keiner von uns beiden scheint so recht zu wissen, was am Ende dabei herauskommen soll. Es macht mir nichts aus, Zeit mit Hanna zu verbringen. Solange ich nicht sprechen muss, ist für mich alles in bester Ordnung.

Meine Pflegefamilie hat die schrägsten Verwandten. Von außen betrachtet scheint es, als kämen Onkel, Tanten und Cousins anlässlich des Geburtstags eines kleinen Mädchens zu Besuch. In Wahrheit raufen sie lediglich die Kinder zusammen, damit Hanna mit ihnen spielen kann, während sie selbst teure Weine trinken und sich über den neuesten Klatsch austauschen. Die meisten Familienmitglieder kennen mich auch bereits, da Tessa und Gaven - meine Pflegeeltern – ein sehr enges Verhältnis zu ihrer Familie haben und sich fast wöchentlich mit ihren Verwandten treffen.

„Elisha, Schätzchen!“, ruft Tante Marion in den leeren Raum hinein.

Während alle anderen in den Garten gegangen sind, habe ich mich ins Wohnzimmer zurückgezogen, um mein Buch weiterzulesen. Tante Marion lässt sich neben mir auf die Couch fallen und schafft es auf wundersame Weise, keinen Tropfen von ihrem Wein zu verschütten. Sie nimmt einen Schluck und sieht mich von der Seite an.

„Ich gebe dir die Sonne“, sagt sie laut. Es ist der Titel des Buches, das ich in der Hand halte. Plötzlich lässt sie ein spöttisches Lachen verlauten und nippt erneut an ihrem Wein. „Glaub so was bloß nicht, Liebes. Niemand wird dir jemals die Sonne geben, auch wenn er es verspricht. Spätestens nach 12 Jahren Ehe wird er dich satthaben und dir jegliches Licht, das er dir in den ganzen Jahren gegeben hat, wieder nehmen.“

Ihre Worte bringen mich durcheinander, und ich unterbreche widerwillig meinen Lesefluss. Das Buch handelt nicht von der Liebe, sondern von zweieiigen Zwillingen, die sich lieben, aber in vielen Bereichen auch miteinander konkurrieren. Es kommt mir falsch vor, das Buch mit einem anderen Thema in Verbindung zu bringen.

„Irgendwann läuft dem ach so treuen Ehemann eine andere Frau über den Weg, und er nutzt die Gelegenheit aus und saugt dir somit auch noch das letzte bisschen Stolz aus der Brust. Nicht, dass dein Onkel so was getan hätte“, wirft sie hinterher und nickt mir wissend zu. „Obwohl es mich nicht wundern würde, wenn er es täte.“

Sie berichtet mir ungefragt weiter über ihre kaputte Ehe und darüber, dass sie keinerlei Liebe mehr verspürt und die alten Jahre vermisst. Irgendwann versinke ich wieder in meinem Buch und nehme sie neben mir nicht einmal mehr wahr. Spätestens wenn ihr Glas leer ist, muss sie aufstehen und mich in Ruhe lassen.

Die Turnhalle ist nicht so leer, wie ich es mir erhofft habe. Viele Schüler aus der Football Mannschaft und auch einige Cheerleader, der Drama Club, das Schulkomitee und der Schülersprecher sind da. Die einzige anwesende Lehrkraft ist Coach Travolta. Die meisten Schüler sind mit dem Dekorieren der Turnhalle beschäftigt, wahrscheinlich sind das schon Vorbereitungen für den Ball nach dem großen Spiel in zwei Wochen. Alle scheinen aufgeregt zu sein, nur ist mir nicht klar, ob es wegen dem Spiel oder wegen dem Ball ist.

Ich laufe gelassen zum Coach und bleibe vor ihm stehen. Als er mich bemerkt, hebt er den Blick von seinem Klemmbrett und starrt mich für wenige Sekunden wortlos an. Sein Blick wandert an mir herunter und wieder hoch, bis sich schließlich ein breites Lächeln auf seinen Lippen bildet.

„Elisha Hutson“, sagt er in einem erfreuten Ton. „Schön, dass du dich dazu entschieden hast, uns zu helfen.“

Ich lächle ihn höflich an und betrachte kurz meine Umgebung. Weder Brooklyn noch Davis sind hier, dafür aber andere Footballspieler, die gerade damit beschäftigt sind, eine weiße Leinwand auszurollen und an den Ecken zu befestigen. Ich dachte, ich sollte ein Plakat kreieren? Es war nicht die Rede von einer Leinwand.

„Komm mit. Die Farben, die du benutzen kannst, haben wir gleich dahinten für dich bereitgestellt.“ Der Coach legt einen Arm um mich und führt mich zu den Spraydosen, die neben der Footballer-Gruppe stehen. Ich fühle mich unwohl, schüttle seinen Arm aber nicht weg.

„Leute, lasst Elisha bitte in Ruhe ihre Arbeit machen“, teilt der Coach den Schülern mit, bevor er sich zu mir umdreht und mir erklärt, dass diese Leinwand neben der großen Punktewand draußen auf dem Footballfeld angebracht werden wird. Die Leinwand wird das ganze Schuljahr lang dort hängen bleiben. Als er von mir verlangt, dass ich mir mit dem Logo Mühe geben soll, zwinkert er mir noch zu und geht dann wieder weg. Ich bin mir jetzt schon sicher, dass ich Coach Travolta nicht mag. Er kann gerne mit seinen Spielern so umgehen, als wären sie seine Freunde, um das Training spaßiger zu gestalten, aber nicht mit mir. Ich will diese Nähe nicht.

Es dauert ein wenig, bis die Jungs mit dem Befestigen der Leinwand fertig sind. Als ich mich endlich an die Arbeit machen kann, sehe ich schon ein genaues Bild des Logos vor meinem inneren Auge. Bevor ich irgendwelche Farben benutze, krame ich einen Bleistift aus meiner Tasche und versuche erst einmal, eine Skizze zu erstellen. Ich lasse mir damit viel Zeit, denn ich möchte, dass es perfekt wird. Schließlich wird das Logo an der Punktewand hängen. Nachdem ich eine zufriedenstellende Skizze erstellt habe, beginne ich diese auf die Leinwand zu übertragen. Ich bin so verfangen in meinen Ideen, dass ich gar nicht bemerke, wie schnell die Zeit vergeht.

„Elisha?“, höre ich plötzlich eine Stimme rufen. Es ist schon lustig, dass ich immer wieder gerufen werde, obwohl jeder davon ausgeht, dass ich taub bin. Erst jetzt bemerke ich, dass außer mir niemand mehr in der Halle ist … bis auf Coach Travolta, der in diesem Moment auf mich zumarschiert.

„Was machst du noch hier?“, fragt er, bleibt neben der Leinwand stehen und sieht mich an. „Alle anderen sind schon gegangen. Du solltest auch zusammenpacken.“

Ich bin gerade mitten im Perfektionieren einer Kurve. Ich kann jetzt nicht einfach aufhören. Mein Blick ist stur auf die Leinwand gerichtet, als ich den Zeigefinger hebe und ihm zu verstehen gebe, dass ich nur noch eine Minute brauche.

„Na gut“, sagt der Coach und verschränkt die Arme. Er bewegt sich nicht von der Stelle. Ich spüre seinen Blick auf mir und beeile mich.

„Talentiert und hübsch. Die Jungs stehen bei dir bestimmt Schlange“, sagt der Coach und unterbricht damit die Stille. Er denkt laut und achtet nicht darauf, ob ich seine Lippen lesen kann. Das heißt, er will nicht, dass ich das höre. Mir wäre es auch lieber, wenn mein Lehrer nicht so über mich denken würde. Schließlich kann es ihm egal sein, ob ich hübsch bin oder nicht. Ich versuche den Satz so reglos aufzunehmen wie möglich, und hoffe, dass er meinem Gesichtsausdruck nicht entnehmen kann, dass ich ihn sehr wohl verstanden habe.

„Wobei ich mich da auch mit einbeziehen muss.“ Seine Stimme ist jetzt etwas leiser und rau. Es ist, als würde er mit seinen eigenen Gedanken kommunizieren. Als hätte er eine Elisha im Kopf, die ihn hören kann und jedes Wort versteht. Zu doof, dass genau diese Elisha hier steht, er das aber nicht weiß.

„Ich würde wahrscheinlich nicht nur Schlange stehen, sondern …“

„Coach?“, ruft die Stimme eines Jungen plötzlich. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn ich will nicht wissen, wie der Coach seinen Satz beendet hätte. Ich beschließe, die Kurve morgen zu perfektionieren und so schnell wie möglich von hier zu verschwinden.

„Davis? Was machst du denn so spät noch hier?“, fragt Coach Travolta. Ich lege die Farben weg und sehe in die Richtung, aus der die Stimme kam. Davis kommt auf uns zu und blickt verwirrt zwischen uns hin und her.

„Ich wollte gerade gehen, als mir aufgefallen ist, dass das Licht in der Turnhalle noch brennt. Da wollte ich nachsehen“, erklärt Davis, immer noch mit einem verwirrten Blick auf seinem Gesicht. Sein Blick fällt auf mich und er betrachtet mich interessiert. Allerdings nicht auf die Art und Weise, wie der Coach mich angesehen hat, sondern einfach nur neugierig.

„Elisha hat während ihrer Arbeit völlig die Zeit vergessen“, meint der Coach mit einem unschuldigen Lächeln im Gesicht. Ich verdrehe die Augen und fange an, die Sachen aufzuräumen. „Hilf Elisha doch bitte beim Aufräumen, und dann könnt ihr beide nach Hause gehen. Bis morgen, Kinder.“ Dann höre ich Schritte, die immer leiser werden.

Ich schmeiße alles, die Spraydosen und die Farben, in einen Rucksack, und bemerke zwei weitere Hände, die dasselbe tun. Ich erhebe den Blick und sehe in die schönsten grün-grauen Augen, die ich jemals gesehen habe.

„Ich soll dir beim Aufräumen helfen“, erklärt Davis mit einem höflichen Lächeln. Ich nicke, und wir räumen weiter den Rest auf.

Bereits nach zehn Minuten sind wir fertig und verlassen die Turnhalle. Coach Travolta muss irgendwo hier sein, da er noch zusperren muss. Ich bin überrascht, als ich in die frische Luft trete und sehe, dass es bereits dunkel ist. Ich werfe einen Blick auf meine Uhr: halb sechs.

Ich bleibe stehen und drehe mich zu Davis herum. Mit einer kleinen Handbewegung, aus der Gebärdensprache entnommen, sage ich Danke. Da fällt mir ein, dass Davis ja keine Gebärdensprache versteht, also erkläre ich ihm das Wort, indem ich mit meinen Fingern die entsprechenden Buchstaben forme. Das sieht bestimmt bescheuert aus.

„Danke?“, kommt es etwas irritiert von ihm. Ich nicke ihm lächelnd zu. „Na ja, ich denke, ich sollte eher dir dafür danken, dass du unser Logo malst“, sagt er und lächelt zurück. „Ich bring dich noch nach Hause.“

Ich schüttele den Kopf und bewege Zeigefinger und Mittelfinger so, als wären es zwei Beine, die einen Spaziergang machen. Das soll ihm zu verstehen geben, dass ich zu Fuß gehen werde.

„Dann begleite ich dich eben auf deinem Spaziergang“, gibt Davis schulterzuckend zurück.

Ich erlaube mir ein vorsichtiges Lächeln und zucke ebenfalls mit den Schultern. Dann drehe ich mich um und gehe meinen gewöhnlichen Weg nach Hause. Davis geht neben mir und vergräbt seine Hände in den Hosentaschen. Es ist still. Ich bin froh, dass ich meine warme Jacke angezogen habe, denn die Herbstkälte dringt durch jede Faser. Den Blick starr auf meine Füße gerichtet, frage ich mich, woran Davis wohl gerade denkt.

„Manchmal wünschte ich, ich wäre an deiner Stelle“, vernehme ich seine Stimme. Hat er meine Gedanken gelesen? Ich spüre Davis' Blick auf mir, als würde er sichergehen wollen, dass ich ihn wirklich nicht hören kann.

„Es muss so ruhig und ausgeglichen sein in deinem Kopf. Du lebst nur für dich. Das muss sich gut anfühlen.“ Seine Vorstellungen sind nur teilweise richtig. Ich muss mir die Probleme anderer Menschen anhören, und auch wenn sie mich nicht belasten, ist es nicht immer ruhig und ausgeglichen in meinem Kopf. Außerdem weiß ich nicht, ob ich wirklich für mich lebe. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich überhaupt nicht lebe, sondern dass es eine Art Spiel ist und meine Aufgabe darin besteht, Menschen dazu zu bringen, ihre Gedanken laut auszusprechen. Ich mache es nicht mit Absicht. Die Menschen entscheiden sich selbst dazu, genauso wie Davis jetzt. Es überrascht mich, dass so viel Schmerz aus seiner Stimme herauszuhören ist. Was belastet ihn so sehr, dass er sein Leben gerne mit dem eines taubstummen Mädchens tauschen würde?

„Ich muss bescheuert sein, dass ich das alles überhaupt sage. Du kannst mich ja nicht mal hören.“ Er schüttelt spöttisch den Kopf und sieht gedankenverloren in den Himmel, während er weitergeht. „Aber ich glaube, genau das ist das Gute daran. Wenn du mich hören könntest, würdest du mir vielleicht Vorwürfe machen. Du würdest sagen, dass ich doch so ein tolles Leben habe und gefälligst dankbar sein soll. Oder du wärst wie Brooklyn und würdest einfach nur sagen, dass ich darauf scheißen soll.“

Ich bin wirklich interessiert an den Dingen, die er mir erzählt, und es macht mich neugierig, wie sein Leben wohl ist. Er hat wahrscheinlich recht damit, dass ich ihm vorgeworfen hätte, dass er dankbar sein soll. Ich meine, er ist erfolgreich im Sport und in der Schule. Er ist beliebt und hat genug Kohle und Charme, um jedes Mädchen rumzukriegen. Außerdem hat er die wohl schönsten Augen der Welt Also, was belastet ihn so sehr?

„Ist doch echt schräg“, fängt er plötzlich wieder an. Sein Blick ist wieder nach vorne gerichtet. „Nicht einmal dir kann ich es anvertrauen, obwohl du es ja nicht einmal hören würdest.“

Das ist wirklich schräg. Warum spricht er nicht aus, was ihn beschäftigt? Bei mir hat er schließlich nichts zu verlieren. Es macht mich zwar neugierig, aber es ist nichts, wofür ich meine Stille brechen würde. Nichts auf dieser Welt wäre es wert, wieder zu sprechen. Ich sehe einfach keinen Sinn darin. Wann ich mich dazu entschieden habe, nicht mehr zu reden, weiß ich nicht mehr. Ich war klein, traurig und allein. Irgendetwas sagt mir, dass es etwas mit dem Unfall meiner Eltern zu tun hat. Ich weiß nicht einmal, ob ich überhaupt noch wüsste, wie man spricht, hatte aber auch nicht vor, das herauszufinden. Vor unserem Haus bleibe ich stehen und drehe mich zu Davis um. Ich schenke ihm ein Lächeln und mache noch mal das Zeichen für ‚Danke‘ in Gebärdensprache.

„Ich danke dir“, sagt er und versucht, die Bewegung nachzumachen. Ich weiß, dass er sich fürs Zuhören bedankt, sehe ihn aber dennoch verwirrt an. Er zuckt wieder mit den Schultern und ruft mir ein „Bis dann“ zu, bevor er sich umdreht und weggeht.

Ich hätte gerne noch etwas länger in seine Augen gesehen, denn vielleicht könnten die mir sagen, was seine Lippen sich nicht getraut haben. Es überrascht mich, wie sehr ich plötzlich an den Problemen anderer Menschen interessiert bin. Vielleicht liegt das daran, dass es das erste Mal ist, dass jemand sein Geheimnis nicht mit mir geteilt hat, obwohl er die Möglichkeit dazu hatte. Zum ersten Mal wurde ich nicht als taubstummer Kummerkasten benutzt. Das ist seltsam … und irgendwie beeindruckend.

3. KAPITEL

Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen, weil die Leute denken, dass ich taubstumm bin. Auch wenn sie Mitleid mit mir zeigen, fühle ich mich nicht schlecht. Ich habe mir vor Jahren einen Weg gesucht, der mir das Leben vereinfacht hat. Wenn man nicht hören und sprechen kann – oder, in meinem Fall, es einfach nicht tut -, dann kriegt man so viel anderes mit.

Ich sitze im Garten und zeichne den Kirschbaum ab, der in der Mitte des großen Gartens steht. Tessa und Gaven sind sehr wohlhabende Menschen, aber nicht auf eine arrogante Art. Sie haben das Herz am rechten Fleck.

„Da ist sie ja“, vernehme ich die Stimme meines Pflegevaters. Ich drehe mich nicht um, weiß aber, dass er an der Terrassentür steht.

„Sie ist wirklich ein besonderes Kind“, sagt Tessa. Sie stehen vermutlich hinter mir und beobachten mich. Tessas Bemerkung lässt mich nachdenklich werden, denn alle Kinder sind auf ihre eigene Art irgendwie besonders.

„Ja, das ist sie“, stimmt Gaven ihr zu. „Und talentiert. Sieh dir das Bild an.“

Ich versuche, mich von ihrem Gerede nicht durcheinanderbringen zu lassen. Irgendwann beschließt Tessa, wieder ins Haus zu gehen, und Gaven kommt zu mir in den Garten und lässt sich im Gartenstuhl neben mir nieder. Erst da hebe ich den Blick und sehe ihn kurz an, um zu demonstrieren, dass ich seine Anwesenheit bemerkt habe. Er lächelt mich liebevoll an und reckt einen Daumen in die Höhe, während er auf meine Zeichnung deutet. Ich lächle höflich zurück und wende mich wieder von ihm ab. Aus den Augenwinkeln kann ich sehen, dass Gaven sich im Stuhl zurücklehnt und in den Himmel starrt. Ich weiß, was das bedeutet.

„Meine Mutter hat mich heute angerufen“, beginnt er zu erzählen. „Meinem Vater geht es wohl nicht gut, und sie wollte, dass ich mit ihm rede. Aber ich konnte es nicht über mich bringen.“

Gaven berichtet mir öfters von seinem Tag und davon, wie er sich in bestimmten Situationen fühlt. Mit seiner Frau über solche Dinge zu sprechen, kommt ihm anscheinend nicht in den Sinn, und ich kenne auch den Grund dafür. Er hat mir mal erzählt, dass es ihn belastet, wenn man ihn als schwach und zu emotional ansieht. Deswegen zeigt er seine negativen Gefühle nicht, und Trauer ist eines dieser negativen Gefühle.

„Ich kann ihm einfach nicht verzeihen, dass er nicht zu meiner Hochzeit erschienen ist. Ja, das ist inzwischen vier Jahre her, aber es hat sich ja nichts geändert. Auf Hannas Geburtstagen hat er sich auch nie blicken lassen. Nicht einmal meine Mutter ist ihm wichtig. Das einzige, das für ihn zählt, ist der Alkohol, und es wundert mich nicht, dass er jetzt krank ist …“

Es belastet ihn sichtlich, dass sich die Beziehung zu seinem Vater nicht gebessert hat. Obwohl Tessa und Gaven die Beziehungen zu ihren Familien gut pflegen, scheint die Beziehung zu meinem Pflegegroßvater sehr kompliziert zu sein. Nur mir erzählt Gaven so detailliert davon, und ich höre ihm zu, zeige das aber nicht.

Ich bin erleichtert, als ich die Turnhalle betrete und der Coach nirgendwo zu sehen ist. Seine Blicke auf mir sind das Letzte, das ich will. Alle machen dort weiter, wo sie gestern aufgehört haben. Diesmal entdecke ich Brooklyn und Davis auf Anhieb, und auch die Zwillinge Tara und Lynn sind da.

Ich konzentriere mich auf meine Leinwand und ignoriere die Jugendlichen um mich herum. Hin und wieder ist lautes Gelächter zu hören, und ich muss mich nicht einmal umdrehen, um zu wissen, dass es das Lachen von der Queen ist. Queen ist unser Cheerleader Sternchen, ihr richtiger Name ist Claire. Sie und Brooklyn sind ein Paar, was vorher bereits jeder geahnt hatte, schließlich müssen sie das Klischee des Footballers und der Cheerleaderin erfüllen.

Ich habe das Logo fast fertig gezeichnet, als ich aus den Augenwinkeln ein paar Schüler auf mich zukommen sehe: Brooklyn, Davis und zwei weitere Footballer. Einer der beiden heißt Miles, den Namen des anderen Jungen

kenne ich nicht. Sie bleiben mit etwas Abstand neben mir stehen und starren auf die Leinwand, um sich das Logo genauer anzusehen.

„Das sieht ja mal so was von krass aus!“, sagt der mir noch unbekannte Junge. „Zum Glück habt ihr sie gefragt. Die hat’s echt drauf!“

Ich gebe mir in Gedanken einen zufriedenen Schulterklopfer. Meine Kreation gefällt ihnen, und das gefällt mir. Nicht, dass ich nach Bestätigung suche, aber es ist trotzdem schön, welche zu bekommen.

„Ich hab’s euch doch gesagt“, meint Brooklyn. Ich entscheide mich dazu, ihnen zu verstehen zu geben, dass ich sie bemerkt habe. Also lege ich den Stift beiseite und drehe mich zu ihnen um. Sofort bildet sich ein breites Lächeln auf ihren Gesichtern, so, als hätte ich sie bei etwas erwischt und sie würden versuchen, es zu vertuschen. Dieses Verhalten ist mir bereits mehrfach bei meinen Mitmenschen aufgefallen, aber ich verstehe es nicht. Ich bringe ein schwaches Lächeln zustande und wende mich wieder meiner Kunst zu, spüre den Blick der Jungs jedoch immer noch auf mir.

„Wer weiß, was sie sonst noch so draufhat“, sagt Miles, und das Grinsen auf seinem Gesicht kann ich auch aus meinem Blickwinkel sehen. Typisch Jungs. „Miles“, kommt es von Davis. Sein Ton klingt warnend, doch sein Ausdruck ist eher teilnahmslos.

„Was denn? Sie ist scharf, was kann ich dafür? Hat irgendjemand eine Ahnung, ob Taubstumme auch küssen können? Ich würde es nur zu gerne herausfinden.“

Sofort fällt mir wieder ein, was der Coach gestern gesagt hat. Miles Gedanken entstammen im Gegensatz dazu zwar nur dem hormongesteuerten Hirn eines Teenagers, aber sie ekeln mich trotzdem an. Ich finde es niveaulos, solche Gedanken mit einem taubstummen Mädchen zu verbinden.

Miles und der andere Junge - der wohl Patrick heißt - lassen weitere pubertierende Kommentare fallen. Brooklyn und Davis halten sich zwar zurück, Brooklyn kann sich ein Lachen aber offensichtlich kaum verkneifen. Irgendwann scheinen sie den Spaß an ihren eigenen Witzen zu verlieren und treten den Rückzug an. Nur Davis bleibt bei mir stehen.

„Sorry für die Idioten“, sagt er. Eine Sekunde langhalte ich still, weil er mich direkt angesprochen hat, male dann aber schnell weiter. „Die sind immer so.“

Er kommt einen Schritt näher und steht nun direkt neben mir. Ich werfe ihm einen flüchtigen Blick zu, doch er blickt stur auf das Logo herab, das nur noch ein paar Feinheiten benötigt.

„Du kannst das wirklich gut“, sagt er und nickt bestätigend. „Wo hast du das gelernt?“

Ich weiß nicht, ob er wirklich eine Antwort erwartet, denn er sieht mich nicht an und ich sehe ihn nicht an, also muss er wissen, dass ich seine Lippen nicht gelesen habe. Wieso spricht er eigentlich so mit mir, als würde ich ihn tatsächlich hören? Üblicherweise sprechen die Menschen auf eine Art mit mir, die sie aussehen lässt, als würden sie mit sich selbst sprechen. Davis hingegen verhält sich irgendwie … anders.

In diesem Moment scheint Davis etwas einzufallen, denn er dreht seinen Kopf hastig in meine Richtung und sieht mich an. Das trifft mich irgendwie unerwartet, und deshalb bringe ich nicht mehr zustande, als ihn überrascht anzustarren.

„Hast du heute schon was vor?“, fragt er und sieht mich höchstkonzentriert an. Warum fragt er mich das? Als Antwort auf seine Frage schüttle ich den Kopf. „Also dann … Hast du Lust, was zu unternehmen?“

Okay, das entwickelt sich jetzt in eine wirklich schräge Richtung. Warum möchte Davis etwas mit mir unternehmen? Er hat doch nichts von mir. Zumindest nicht so wirklich. Will er sich vielleicht doch bei mir ausheulen? Will er mir das mitteilen, was er gestern Abend nicht über die Lippen bringen konnte? Unsicher lächle ich ihn an, was er als Zustimmung zu interpretieren scheint.

„Super“, meint er und schenkt mir ebenfalls ein Lächeln. „Ich warte dann einfach vor dem Eingang auf dich. Wir sind nämlich schon fertig.“

Ich blicke erst auf die Uhr, dann auf mein Bild. Eigentlich bin ich auch schon fertig. Ein paar Kleinigkeiten möchte ich noch hinzufügen, damit es wirklich perfekt aussieht, aber das kann ich auch wann anders machen.

Zehn Minuten später sitzen wir in Davis' Auto. Ich bin nicht nur aufgeregt, sondern vor allem wahnsinnig neugierig. Was könnte der Football Star Davis von mir wollen? Mein Gefühl sagt mir, dass er genau das will, was alle anderen auch immer von mir wollen: eine Person, die ihnen zuhört, ohne sie zu beurteilen.

Ich nehme die kleinen Haftnotizen und den Stift heraus, die ich in meiner Jackentasche immer mit mir trage, und kritzele etwas darauf. Das ist meine einzige Art, selbst Fragen zu stellen.

„Was machst du da?“, fragt Davis und wirft mir einen flüchtigen Blick zu, bevor er wieder auf die Straße sieht.

‚Wohin fahren wir?‘, schreibe ich auf den ersten Zettel und drücke ihn auf eine Stelle über dem Radio, damit es kleben bleibt und Davis es lesen kann. Ein Lächeln bildet sich auf seinen Lippen. Ich beobachte ihn genau, damit ich seine Lippen von der Seite besser lesen kann.

„Eis essen“, ist alles, was er sagt.

Eis essen? Warum gehen wir Eis essen? Das ist doch etwas, das Mädchen tun. Nicht Eis essen an sich, sondern sich dabei bei einer Freundin ausheulen. Oder will er mir überhaupt nichts von sich erzählen? Am besten, ich lasse mich einfach überraschen.

Bereits nach kurzer Zeit haben wir die Eisdiele erreicht. Direkt vor der Eisdiele ergattern wir einen Parkplatz, und nachdem Davis gekonnt eingeparkt hat, betreten wir den Laden. Davis bestellt sich einen Erdbeerbecher und besteht darauf, dass ich auch einen Becher nehme und kein normales Eis in der Waffel. Na ja, wirklich diskutieren kann ich ja sowieso nicht. Wir such uns einen Platz im Inneren der Eisdiele, da das Wetter draußen nicht wirklich sommerlich ist. Ich hoffe nur, dass ich wegen dem Eis nicht krank werde. „Und? Schmeckt es dir?“, fragt Davis, bevor er sich wieder einen großen Löffel in den Mund schiebt. Ich nicke.

Er hat sein Eis schneller gegessen als ich und lehnt sich zufrieden in seinem Stuhl zurück. Ich spüre seinen Blick auf mir. Diesmal erhebe auch ich meinen Blick und sehe direkt in die grünen Augen, die mich interessiert betrachten. „Ich wünsche mir, dass wir Freunde sind“, sagt er plötzlich. Ungläubig ziehe ich die Augenbrauen zusammen, und Davis scheint meine Verwirrung sofort zu bemerken. Er fährt sich durch die Haare und fügt hinzu: „Okay, das kam vielleicht etwas plötzlich. Entschuldige.“

Ich nicke unbeholfen, da ich mir gerade nicht anders zu helfen weiß. Davis seufzt und lehnt sich wieder nach vorne, sodass ich seine Augen aus der Nähe betrachten kann. Ich sollte nicht so stark für seine Augen schwärmen. „Ich werde einfach ehrlich sein, und es tut mir jetzt schon leid, wenn das, was ich sage, egoistisch klingt“, wagt Davis einen neuen Versuch. „Du kannst mir nicht auf die Nerven gehen. Und ich brauche jemanden, der mir nicht auf die Nerven geht.“

Er setzt seiner Aussage ein entschuldigendes Lächeln hinzu. Jetzt bin ich noch verwirrter als vorher Ich bin nicht gut darin, an mich gerichtete Worte zu verstehen, da ich dem Gesagten nie eine Bedeutung zuordne. Jetzt geht es zwar um ihn, aber es geht auch um mich, und das ist neu für mich.

„Du musst dich natürlich nicht mit mir abgeben. Es ist nur ein Vorschlag. Und dann wärst du auch nicht so allein“, fügt er unsicher hinzu.

Wie kommt er darauf, dass es mich stört, alleine zu sein? Die Anwesenheit gewisser Menschen - wie zum Beispiel von Hanna - schätze ich sehr, aber ich habe keine Angst vor dem Alleinsein. Ganz im Gegenteil: Ich bin gerne alleine.

„Oder ich sag's lieber so: Dann können wir zusammen alleine sein.“ Ein amüsiertes Grinsen formt sich um seine Mundwinkel.

Möchte er damit sagen, dass er sich nach dem Alleinsein sehnt? Er hat immer viele Menschen um sich herum, und ich kann mir vorstellen, dass das nach einer gewissen Zeit anstrengend wird. Vielleicht sehnt er sich nach einer Auszeit und glaubt, diese bei mir zu finden?

„Also, was sagst du?“ Er sieht mich hoffnungsvoll an.

Wie könnte ich diesen Augen etwas abschlagen? Das ist nicht fair. Das alles ist neu für mich, denn ich hatte noch nie Freunde. Aber einen Versuch ist es wert, schätze ich.

Ich nicke lächelnd. Davis' Augen leuchten auf, als wäre er ein kleines Kind, das eine Reise ins Disneyland geschenkt bekommen hat. Er greift in seine Jackentasche und holt sein Handy heraus.

„Gibst du mir deine Nummer?“, fragt er, nachdem er etwas darauf eingetippt hat, und hält mir das Handy hin. Ich nehme es an mich und tippe meine Nummer ein. Telefonieren werden wir sowieso nie. Wir können nur miteinander schreiben. Manchmal frage ich mich, was wäre, wenn ich auch noch blind wäre. Dann könnte ich nicht einmal schreiben. Ich bin zwar nicht taubstumm, da ich aber schon so lange nicht mehr gesprochen habe, fühle ich mich wirklich, als sei ich stumm. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt noch sprechen könnte, wenn ich es versuchen würde.

„So, jetzt hast du meine Nummer auch“, sagt Davis, grinst zufrieden sein Handy an und steckt es wieder ein. Daraufhin vibriert mein Handy, das auf dem Tisch liegt. Wahrscheinlich hat er mir seine Nummer geschickt. Davis schenkt mir ein freundliches Lächeln und fragt, ob ich noch etwas trinken möchte. Warum eigentlich nicht?

4. KAPITEL

Ich habe kein Problem damit, früh aufzustehen. Womit ich allerdings ein Problem habe, ist, wenn von mir verlangt wird, dass ich mir bereits am frühen Morgen die Gedanken meiner Mitmenschen anhöre. Genau das ist meine Befürchtung, als Hanna in mein Zimmer gestürmt kommt, einfach auf mein Bett springt und mir dabei zusieht, wie ich mich für die Schule herrichte.

„Du siehst sehr hübsch aus“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht. Ich zeige keine Reaktion. Hanna hat noch nicht verinnerlicht, dass sie darauf achten muss, dass ich ihre Lippen lesen kann, während sie spricht, da ich sie ansonsten nicht verstehen kann. Es wirkt allerdings auch nicht so, als wäre es ihr wichtig, dass ich sie verstehen kann. Sie spricht nicht mit mir, weil sie eine Antwort erwartet, sondern weil sie einfach nur Zeit mit mir verbringen möchte. Zumindest hat sie mir das mal gesagt.

„Ich hoffe, meine Haare bleiben auch so lang wie deine. Mum will sie abschneiden, weil es manchmal beim Kämmen wehtut.“ Sie lässt die Füße vom Bettrand herunterhängen und schaukelt sie hin und her.

Für eine 8-Jährige hat Hanna wirklich viele und dichte Haare, aber sie sind wunderschön. Es wäre traurig, wenn Hanna ihre Haare wegen Tessa abschneiden lassen müsste. Tessa legt viel Wert auf ein gepflegtes Äußeres, weswegen ihre kleine Tochter immer aussieht wie eine kleine Prinzessin. Nur verhält sie sich nicht immer so. Ihre Vorlieben haben nichts mit denen einer Prinzessin zu tun. Barbies interessieren sie nicht, und die Farbe Pink kann sie auch nicht ausstehen.

„Papa hat gesagt, dass wir am Wochenende zu Oma Nola fahren. Ich freu mich jetzt schon auf ihre Cookies. Die sind so lecker!“ Hanna strahlt beim Gedanken an die Cookies über das ganze Gesicht.

Ich fahre ein letztes Mal durch meine Haare, und in diesem Moment vibriert mein Handy in meiner Hosentasche. Hanna verlässt mein Zimmer und ich sehe ihr kurz nach, schaue dann aber gespannt auf die Nachricht, die ich erhalten habe. Sie ist von Davis.

Davis: Ich warte vor der Tür auf dich.

Wie darf ich das verstehen? Verwirrt schreibe ich zurück.

Elisha: Vor welcher Tür?!

Davis: Vor deiner. Wir fahren zusammen in die Schule ;)

Ach, tun wir das? Macht man das so unter Freunden? Wieso hat er mir nicht früher Bescheid gegeben? Ich schmeiße die wichtigsten Schulsachen in meinen Rucksack und werfe ihn mir über die Schulter. Es wird wohl einige Zeit dauern, bis ich mich an diese Änderung in meinem Leben gewöhnt habe, denn eigentlich gehe ich gerne zu Fuß zur Schule. Wird Davis mich jetzt jeden Morgen abholen?

Nachdem ich mich durch ein Winken von Tessa und Garden verabschiedet habe, schlüpfe ich in meine Schuhe und gehe hinaus. Davis' Auto steht direkt am Straßenrand. Der Motor ist an und das Fahrerfenster nach unten gekurbelt. Davis sitzt lässig auf dem Fahrersitz, und als er mich an der Tür entdeckt, wirft er mir ein breites Grinsen zu. Ich gehe unsicher auf das Auto zu und steige ein.

„Guten Morgen“, grüßt er mich. Ich lächele kurz und schnalle mich gleich an. Es dauert tatsächlich nicht länger als sieben Minuten, bis wir in der Schule angekommen sind. Es ist unnötig, dafür Benzin zu verschwenden.

Nachdem Davis auf dem Parkplatz der Schule geparkt hat, steigen wir beide aus. Er wartet, bis ich auf seiner Seite angekommen bin, wir machen uns gemeinsam auf den Weg in die Schule. Ich spüre die Blicke einiger Schüler auf uns. Ich frage mich, ob Davis sich unwohl fühlt, denn schließlich ist er derjenige, der mit einem taubstummen Mädchen zur Schule kommt. Die anderen werden - genauso wie ich - nicht verstehen, warum er sich mit mir abgibt, wenn er doch nichts von mir hat. Ist ihm das egal?

Er begleitet mich bis zu meinem Spind und wartet dort sogar mit mir. Ich nehme gerade meine Bücher heraus, als plötzlich seine Freunde zu uns kommen. Ich stehe mit dem Rücken zu ihnen, bemerke sie aber trotzdem.

„Hey, Mann!“, höre ich Brooklyns Stimme hinter mir. Die beiden geben sich den typischen Handschlag, mit dem Jungs sich typischerweise begrüßen. „Haben wir irgendwas verpasst?“

„Nope“, kommt es kurz und knapp von Davis. Ich habe alles, was ich für meinen ersten Unterricht brauche, zusammengesucht, und schließe mein Spind. Als ich mich umdrehe, sehe ich Brooklyn, Miles und Patrick vor mir. Sie lächeln mich kurz an, wobei Brooklyn etwas verwirrt dreinblickt und Miles mich wieder anschmachtet. Patrick sieht hingegen eher teilnahmslos aus.

„Hey, Elisha“, sagt Miles schließlich. Ich werfe ihm ein kurzes Lächeln zu und ignoriere seinen Blick. Gerade, als ich mir die Frage stelle, wie lange wir noch hier stehen werden, kommt Claire mit ihrer besten Freundin Rebecca dazu.

„Schatz, hast du mal …“, beginnt sie und klammert sich an Brooklyns Arm, doch als sie mich entdeckt, hält sie mitten im Satz inne.

„Was ist denn hier los?“, fragt Rebecca und sieht die Jungs irritiert an. Der missbilligende Blick, den sie mir zuwirft, entgeht mir natürlich nicht.

„Keine Ahnung. Frag Davis“, kommt es von Patrick, als Davis wortlos mit den Schultern zuckt. Auch ich werfe Davis jetzt einen fragenden Blick zu und frage mich, wie er seinen Freunden die Situation erklären will. Mir ist es egal, was seine Freunde davon halten, aber ich bin sicher, dass ihm das nicht egal ist.

„Davis?“, kommt es von Rebecca, woraufhin Davis genervt die Augen verdreht.

„Ich begleite Elisha noch in die Klasse. Wir sehen uns später“, lautet seine ausweichende Antwort. Daraufhin greift er nach meiner Hand greift und zieht mich mit sich durch den Schulflur. Meine Verwirrung ist nicht geringer als die seiner Freunde. Es kommt mir so vor, als hätte er genug von seinen Freunden. Warum sonst sollte er sich ihnen gegenüber so ausweichend verhalten?

Vor meinem Klassenzimmer bleiben wir stehen, und er lässt meine Hand wieder los. Davis stellt sich mir gegenüber und fährt sich unsicher durch die Haare. Erst jetzt kann ich ihm wirklich in die Augen sehen. Sie sehen erschöpft aus.

„Tut mir leid, dass ich dich so mitgezerrt habe“, sagt er schließlich und sieht mich entschuldigend an. „Die werden sich erst noch an den Anblick von uns beiden gewöhnen müssen.“

Er wirft mir ein Lächeln zu, das mich wahrscheinlich aufheitern soll, dabei bin gar nicht traurig. Die Verwirrung seiner Freunde darüber, dass wir jetzt wohl irgendetwas miteinander zu tun haben, trifft mich nicht. Das Starren und die missbilligenden Blicke sind zwar nicht unbedingt freundlich, interessieren mich aber auch nicht.

Nachdem ich wieder einmal nicht mehr zustande bringe als ein schmales Lächeln, sieht Davis mich mehrere Sekunden an und schüttelt schließlich den Kopf.

„Na ja, wir sehen uns später“, meint er und macht sich auf den Weg in sein Klassenzimmer.

Irgendwie tut es mir leid, dass er sich gedanklich so stark mit irgendetwas zu beschäftigen scheint. Ich habe das Gefühl, dass ihm alles zu viel ist. So etwas erkennt man schnell, wenn man nicht so sehr auf sich selbst konzentriert ist. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb seine Freunde nicht bemerken, dass mit Davis etwas nicht stimmt.

Davis holt mich von nun an jeden Tag von zu Hause ab und fährt mich nach Schulschluss wieder nach Hause. Wir verbringen viel Zeit miteinander. Wir sind still, aber wir sind zusammen still. Wir sind alleine, aber wir sind zusammen alleine. Ich frage mich, was ihm das eigentlich bringt, und ob die Zeit, die wir gemeinsam verbringen, ihm so viel Ruhe schenkt, dass er darüber die Unruhe des restlichen Tages vergessen kann?

Heute ist der erste Tag, an dem Davis auch in der Pause zu mir kommt. Wir haben einen Basketballkorb auf dem Schulhof, und auf den Steinen dahinter sitzen in den Pausen immer die Footballer und Cheerleader. Auf der anderen Seite des Schulhofes ist es etwas leerer, nur eine Tischtennisplatte steht dort. Ich schwinge mich auf die Tischtennisplatte und esse das Sandwich, das Tessa mir eingepackt hat. Es wundert mich, dass sie das immer noch macht. Schließlich bin ich 17 Jahre alt und kann mein Lunch auch selbst einpacken.

Ohne ein Wort springt Davis auf die Tischtennisplatte und setzt sich neben mich. Ich hebe den Blick von meinem Sandwich und sehe ihn an.

„Du kannst nicht mal richtig essen“, sagt er mit einem spöttischen Grinsen im Gesicht. Ich sehe ihn verwirrt an. Natürlich kann ich richtig essen. Im Gegensatz zu ihm kann ich mein Essen sogar genießen. So schnell, wie er sein Eis letzte Woche heruntergeschlungen hat, kann man das von ihm nicht unbedingt behaupten.

„Da“, sagt er und deutet mit dem Finger auf mein Gesicht. „Du hast Nutella an der Nase kleben.“

Er scheint das amüsant zu finden, und ich wische schnell mit dem Finger über meine Nase. Wieso habe ich das nicht bemerkt? Das ist peinlich. Ich bemühe mich, den Rest meines Sandwiches ‚richtig‘ zu essen, um ihm zu zeigen, dass ich sehr wohl essen kann, ohne zu kleckern.

Die Stille zwischen ihm und mir ist nie unangenehm. Wir wissen beide, dass diese Freundschaft aus dieser Stille heraus entstanden ist und dass diese Stille der einzige Grund für den Bestand dieser Freundschaft ist. Es spielt keine Rolle, wie oft wir uns anschweigen.

„Würdest du mir einen Gefallen tun?“, fragt Davis schließlich und unterbricht die Stille. Ich sehe ihn fragend an. Ich dachte, ich würde ihm schon einen Gefallen tun, indem ich einfach da bin. „Bleibst du bis zum Training? Wir könnten danach zu mir fahren.“

Davis hat heute Football Training, und das heißt, dass er mich nicht nach Hause fahren wird. Die Frage überfordert mich. Ich war noch nie so sehr in das Leben einer anderen Person involviert. Neben ihm zu stehen und zu schweigen, ihm zuzuhören, das ist das eine, aber zu ihm nach Hause zu fahren und seine private Welt kennenzulernen, das ist etwas ganz anderes. Ich weiß nicht, ob ich das wirklich will.

„Keine Sorge, das ist kein ‚Lern-meine-Eltern-kennen-Treffen‘. Die sind sowieso nicht da. Aber die Zwillinge, die Nanny und unsere Küchenhilfe sind da. Die sollten aber kein Problem darstellen“, fügt er hoffnungsvoll hinzu.

Davis hat mal erwähnt, dass er zwei Brüder hat. Sie sind Zwillinge und genauso alt wie Hanna, und ich frage mich, ob sie möglicherweise sogar dieselbe Schule besuchen.

„Komm schon. Ich wäre dir wirklich ewig dankbar“, fügt er hinzu und gibt sich Mühe, ein Grinsen zu verkneifen. Ich grinse zurück und nicke ihm zu. Was kann schon Schlimmes passieren?

Ich sitze auf den Tribünen des Football Feldes und sehe der Mannschaft beim Training zu. Zum ersten Mal konzentriere ich mich auf diesen Sport, und mein erster Gedanke ist, dass das Ganze ziemlich anstrengend aussieht. Dieses ständige Aneinanderknallen kann doch nicht wirklich gesund für den Körper sein?

Ich sehe weiter interessiert zu, als sich plötzlich jemand neben mich setzt. Zu meiner Überraschung ist es Claire. Sie wirft mir einen flüchtigen Blick zu und lächelt. Ich lächle höflich zurück.

„Ich warte auf Brooklyn. Und du auf Davis, nehme ich an?“, fragt sie. Sie klingt freundlich, und das überrascht mich irgendwie noch mehr. Ich nicke ihr zu und will mich wieder abwenden, doch da stellt sie auch schon ihre nächste Frage. „Läuft da was zwischen dir und Davis?“

Ich hätte angefangen, laut loszulachen, wenn ich wüsste, wie das geht. Stattdessen schüttle ich heftig den Kopf und kann ein amüsiertes Grinsen nicht unterdrücken. Allein der Gedanke, dass zwischen Davis und mir etwas laufen könnte, ist völlig absurd. Mein Grinsen scheint Antwort genug zu sein, denn Claire hat ihren Blick jetzt fest auf das Spielfeld gerichtet.

„Na ja, ich würde es dir nicht übelnehmen“, sagt sie dann, schaut mich dabei jedoch nicht an. Das ist eines der Zeichen dafür, dass sie davon ausgeht, dass ich nicht mitbekomme, was sie sagen wird. Ich glaube, dass ich jetzt ihr Geheimnis erfahren werde. Inzwischen habe ich ein Gefühl dafür entwickelt und liege damit jedes Mal richtig, so auch jetzt.

„Er sieht gut aus. Vor allem liebe ich seine Augen“, schwärmt Claire. Aus den Augenwinkeln kann ich erkennen, dass ihre Lippen sich zu einem Lächeln formen. „Außerdem ist er witzig und schlau. Er ist nicht so wie die anderen. Er hat irgendwas … Tiefgründiges. Irgendwas, das mich magisch anzieht.“

Vielleicht irre ich mich, aber ich komme nicht drum herum zu denken, dass Claire wie eine Verliebte von Davis schwärmt. Ist sie nicht mit Brooklyn zusammen? Mit Davis' bestem Freund? Ich habe meinen Blick weiter auf das Feld gerichtet und suche mit den Augen nach den beiden Jungs. Das ganze Team scheint gerade mit dem Coach etwas zu besprechen, als Brooklyn Davis provozierend durch die Haare fährt. Davis schubst ihn weg, kann sich aber ein Lachen nicht verkneifen.

„Sieh dir dieses Lachen an. Einfach nur göttlich“, meint Claire. Sie klingt irgendwie anders, wenn sie von Davis spricht.

In diesem Moment werden mir zwei Dinge klar. Erstens: Claire ist Hals über Kopf in Davis verliebt. Zweitens: Sie will nicht, dass irgendjemand davon weiß. Und genau deshalb erzählt sie es mir.

5 . KAPITEL

Davis hatte recht. Er ist egoistisch. Er will mich nur an seiner Seite haben, weil ich ihn nicht nerven kann. Ich frage mich, warum er nicht einfach allein in seinem Zimmer bleibt, wenn er seine Ruhe haben will. Warum braucht er mich dazu? Diese Frage stelle ich ihm jedoch nicht, denn im Endeffekt habe ich kein Problem mit seinem Egoismus. Jeder Mensch ist irgendwie egoistisch, auch ich.

Davis hat mir niemanden im Haus vorgestellt, sondern führt mich gleich in sein Zimmer. Ich kann das Geschrei von zwei Jungs hören und sehe, dass Davis darüber genervt die Augen verdreht. Das sind dann wohl seine Brüder, die der Nanny auf die Nerven gehen.

Während Davis sich auf sein Bett wirft, sehe ich mir sein Zimmer genauer an. Es ist ein schönes, großes Zimmer. Davis schaltet den Fernseher an, der gegenüber von seinem Bett an der Wand hängt. Werden wir jetzt Fernsehen? Das kann ich zu Hause auch. Ich mache es zwar nicht, aber die Möglichkeit dazu hätte ich.

„Um diese Uhrzeit läuft nie etwas Gutes im Fernsehen“, murmelt er vor sich hin, während er durch die Kanäle schaltet. Ich gehe weiter durch sein Zimmer und sehe mir alles genauer an. Nicht, weil es mich interessiert, sondern weil mir langweilig ist. Ich weiß nicht, was ich von dem heutigen Tag erwarten kann. Wieso bin ich überhaupt hier?

„Ach so …“, sagt Davis plötzlich, springt von seinem Bett auf und tippt mir auf die Schulter. Ich drehe mich zu ihm herum, und er fragt mich, ob ich Hunger habe. Als Antwort schüttle ich den Kopf.

„Also, ich könnte eine Pizza vertragen. Ich bestell uns beiden eine“, meint Davis und ignoriert meine Antwort dabei völlig. Er schnappt sich sein Handy, aber ich bin ihm dicht auf den Fersen und tippe ihm auf die Schulter, so, wie er es eben bei mir auch gemacht hat. Als er sich zu mir umdreht, schüttle ich wieder den Kopf, um ihm klarzumachen, dass ich nichts essen möchte. Ich möchte nicht, dass er für mich Geld ausgibt. So enge Freunde sind wir nun auch wieder nicht.

„Du willst nicht nur eine? Ich kann dir auch zwei bestellen.“ Davis grinst mich amüsiert an. Ich schüttle erneut den Kopf und schlage mir gegen die Stirn. So war das doch nicht gemeint, du Idiot. „Was, du willst drei Pizzas? Bist du ein Mädchen oder mein Onkel Joey?!“

Jetzt macht er sich lustig. Ich verdrehe die Augen und werfe dramatisch die Arme in die Luft, bevor ich mich umdrehe und sein Bücherregal betrachte. Sein Grinsen entgeht mir nicht, und ehrlich gesagt muss ich auch ein bisschen lächeln. Es kommt nicht oft vor, dass meine Reaktionen absichtlich falsch verstanden werden, denn die meisten wissen nicht, wie sie sich mir gegenüber verhalten sollen. Davis nimmt es mit Humor, und irgendwie gefällt mir das.

Ich höre Davis am Telefon zwei Pizzas bestellen. Danach gibt er der Küchenhilfe, Rita, Bescheid, dass er Pizza bestellt hat und deshalb nicht mitessen wird. Als er wieder in sein Zimmer kommt, sitze ich auf seinem Bett und weiß nichts mit mir anzufangen. Ich sehe ihn an. Wirklich, warum hat er mich zu sich nach Hause eingeladen? Als er mich auf dem Bett sitzen sieht, fängt er plötzlich lauthals an zu lachen.

„Sorry“, sagt er und kommt auf mich zu. „Aber du siehst gerade so übertrieben brav aus.“

Ich sehe an mir herunter und kann nicht ausmachen, was er damit meint. Ich sehe doch ganz normal aus. Verwirrt blicke ich ihm wieder ins Gesicht. Der Junge ist komisch. Was jedoch viel schlimmer ist: Mir ist langweilig. Wäre ich zu Hause, könnte ich mein Buch weiterlesen oder weiter zeichnen. Einen Freund zu haben, ist anspruchsvoller, als ich dachte. Ich stehe auf und gehe wieder zu dem Regal, in dem ich vorhin seine XBOX Spiele gesehen habe. Ich sehe mir die Spiele einzeln an, hole dann eines davon heraus und halte es Davis hin.

„Was soll ich damit?“, fragt er, während er mir das Spiel aus der Hand nimmt. Ich blicke zuerst auf das Spiel, dann auf den Fernseher und dann zu ihm.

„Du willst Call Of Duty spielen?“, fragt Davis mit einem Hauch Verwirrung in der Stimme.

Ich nicke ihm lächelnd zu, schnappe mir einen der Controller und setze mich damit wieder auf die Bettkante. Davis beobachtet jede meiner Bewegungen, und als ich mich hingesetzt habe, starrt er mich überrascht an. Ich gebe ihm mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er sich beeilen soll. Erst jetzt löst er sich aus seiner Starre und schaltet die Spielkonsole ein. Nachdem er die CD in die Konsole geschoben hat, schnappt er sich ebenfalls einen Controller und setzt sich neben mich auf das Bett.

„Dir ist hoffentlich klar, dass du gegen den Champion spielst“, sagt er selbstsicher und mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Um ehrlich zu sein, weiß ich gar nicht, wie man dieses Spiel spielt. Ich weiß nicht einmal, worum es dabei geht, aber das Titelbild sieht interessant aus. Fernseher und Konsolen gehören nicht zu den Dingen, mit denen ich mich in meiner Freizeit beschäftige. Ich verspüre eine gewisse Art von Aufregung, weil ich im Begriff bin, etwas Neues auszuprobieren.

Nachdem wir gerade einmal zwanzig Minuten gespielt haben, versage ich bereits erbärmlich. Davis lacht mich quasi durchgehend aus, und ich schlage ihm immer wieder spielerisch in die Seite. Dann entschuldigt er sich zwar sofort, lacht aber trotzdem weiter. Überraschenderweise macht mir das hier Spaß. Ich sitze im Zimmer eines Jungen, spiele Call Of Duty mit ihm und bringe ihn damit zum Lachen. Das ist mal was anderes, als immer alleine in meinem Zimmer oder auf der Terrasse zu sitzen. Ganz nebenbei bemerkt hatte Claire übrigens recht: Davis' Lachen ist wirklich göttlich. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich ihm beim Lachen zusehe.

„Ach komm schon, Elli! Du lässt mich voll im Stich!“, beschwert er sich, als ich mal wieder gestorben bin und wir das Level von vorne beginnen müssen. Als ich den Spitznamen höre, den er mir soeben verpasst hat, weiten sich meine Augen schockiert. Wieso nennt er mich so? Mum und Dad haben mich immer Elli genannt. Bis zu ihrem Tod.

„Elli, drück doch bitte auf irgendeine Taste“, sagt Davis plötzlich.

Ich reagiere nicht, sondern lasse einfach nur meinen Kopf hängen. Mir gehen Erinnerungen durch den Kopf, Erinnerungen an Momente, in denen dieser Spitzname gefallen ist. Ich sollte nicht daran denken, sondern so tun, als hätte dieser Spitzname keinerlei Bedeutung für mich. Ich sollte weiterspielen und nicht in Gedanken verfallen, aber ich schaffe es nicht. Davis scheint dies zu bemerken, denn im nächsten Moment spüre ich zwei Finger an meinem Kinn.

„Hey“, höre ich Davis‘ sanfte Stimme sagen. Er hebt vorsichtig mein Kinn, sodass sich unsere Blicke treffen. Es überrascht mich, als er mich höchst konzentriert, ja fast schon besorgt anschaut. „Was ist los?“, fragt er neugierig.

Ich werde diese Frage nicht beantworten. Ich will nicht. Das geht ihn nichts an. Das ist einer der Gründe, warum ich normalerweise von Freundschaften Abstand halte. Ich will nichts erklären müssen. Ich kann einfach nicht. Selbst wenn ich sprechen könnte, würde ich es nicht über mich bringen können. Zu meinem Glück kann Davis nicht weiter nachfragen, denn im nächsten Moment fliegt die Zimmertür auf.

„Wer hat hier Pizza bestellt?“, ruft Brooklyn gut gelaunt in den Raum. Er und Claire stehen an der Tür und strahlen, doch dieses Strahlen erlöscht sehr schnell, als sie uns zusammen sehen. Davis zieht nur langsam seine Hand wieder zurück und dreht sich zu seinen Freunden herum.