Stummer Schrei - Conny Lüscher - E-Book

Stummer Schrei E-Book

Conny Lüscher

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Beschreibung

Wenn Besessenheit tötet … Der fesselnde Psychothriller »Stummer Schrei« von Conny Lüscher jetzt als eBook bei dotbooks. Vor Schreck geweitete Augen und der Boden voller Blut … Leonies fünfjährige Schwester Laura war immer der Sonnenschein der Familie – hübsch, aufgeweckt, strahlend. Bis zu dem Tag, an dem sie zum ersten Mal tötet. Aber wieso sollte sie ihr geliebtes Haustier so grausam zurichten? Laura streitet alles ab und zieht sich immer mehr in sich zurück. Auch Leonie schafft es nicht mehr, zu ihr durchzudringen. Als sie ihre eigene Hilflosigkeit nicht mehr aushält, flieht Leonie in eine andere Stadt und lässt ihre Schwester im Stich. Doch die brutalen Vorfälle häufen sich – und immer wieder deutet alles auf Laura hin. Als es plötzlich ein menschliches Opfer gibt, weiß Leonie, dass sie zurückkehren muss … und handeln! Schockierend. Düster. Abgründig. »Stummer Schrei« wird Ihnen einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen. Jetzt als eBook kaufen und genießen: Psychologische Spannung der Extraklasse mit »Stummer Schrei« von Conny Lüscher – ehemals unter dem Titel »Eulenkönig« veröffentlicht. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 306

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Über dieses Buch:

Vor Schreck geweitete Augen und der Boden voller Blut …

Leonies fünfjährige Schwester Laura war immer der Sonnenschein der Familie – hübsch, aufgeweckt, strahlend. Bis zu dem Tag, an dem sie zum ersten Mal tötet. Aber wieso sollte sie ihr geliebtes Haustier so grausam zurichten? Laura streitet alles ab und zieht sich immer mehr in sich zurück. Auch Leonie schafft es nicht mehr, zu ihr durchzudringen. Als sie ihre eigene Hilflosigkeit nicht mehr aushält, flieht Leonie in eine andere Stadt und lässt ihre Schwester im Stich. Doch die brutalen Vorfälle häufen sich – und immer wieder deutet alles auf Laura hin. Als es plötzlich ein menschliches Opfer gibt, weiß Leonie, dass sie zurückkehren muss … und handeln!

Schockierend. Düster. Abgründig. »Stummer Schrei« wird Ihnen einen Schauer nach dem anderen über den Rücken jagen.

Über die Autorin:

Conny Lüscher lebt in der Schweiz. 2013 ist ihr erster Roman erschienen, gefolgt von neun weiteren Büchern. In ihren Thrillern lässt sie ihre Leserinnen und Leser tief in menschliche Abgründe blicken, entführt sie in Geschehnisse, aus denen es kein Entrinnen gibt.

Die Website der Autorin: www.connyluescher.ch

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Bitte verwechseln Sie den Psychothriller »Stummer Schrei« von Conny Lüscher nicht mit dem Roman »Stumme Schreie« von Karin Fossum, erschienen bei Piper Spannungsvoll, ein Imprint der Piper Verlag GmbH, München.

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Aktualisierte Originalausgabe Februar 2019

Dieses Buch erschien bereits 2017 unter dem Titel »Eulenkönig« bei dotbooks

Copyright © der Originalausgabe 2017 dotbooks GmbH, München

Copyright © der aktualisierten Originalausgabe 2019 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Redaktion: Sabine Zürn

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/Andreas Movales Zamora

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (rb)

ISBN 978-3-96148-035-7

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Liebe Leserin, lieber Leser, wir freuen uns, dass Sie sich für dieses eBook entschieden haben. Bitte beachten Sie, dass Sie damit ausschließlich ein Leserecht erworben haben: Sie dürfen dieses eBook – anders als ein gedrucktes Buch – nicht verleihen, verkaufen, in anderer Form weitergeben oder Dritten zugänglich machen. Die unerlaubte Verbreitung von eBooks ist – wie der illegale Download von Musikdateien und Videos – untersagt und kein Freundschaftsdienst oder Bagatelldelikt, sondern Diebstahl geistigen Eigentums, mit dem Sie sich strafbar machen und der Autorin oder dem Autor finanziellen Schaden zufügen. Bei Fragen können Sie sich jederzeit direkt an uns wenden: [email protected]. Mit herzlichem Gruß: das Team des dotbooks-Verlags

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Conny Lüscher

Stummer Schrei

Psychothriller

dotbooks.

Prolog

Albträume. Fast jede Nacht.

Seit sie Laura vor bald zehn Jahren im Stich gelassen hatte. Laura war damals fünf Jahre alt gewesen und Leonie ein dreizehnjähriger, verängstigter Teenager. Sie hatte sich davongeschlichen wie ein Dieb. Aber wohin sie auch gegangen war, die Träume hatten sie verfolgt wie ein Schwarm aufgebrachter Wespen.

Benommen starrte Leonie in den vom Wasserdampf beschlagenen Spiegel. Ihr Gesicht schwebte darin wie ein blasser Mond, die Augen zwei dunkle Höhlen. Sie blinzelte. Die Bilder der letzten Nacht schienen eingebrannt in ihre Netzhaut. Am Abend hatte sie Rotwein getrunken und danach eine halbe Schlaftablette genommen. Sie war schon fast bewusstlos unter die Decke geschlüpft. Nahtlos in eine dunkle Stille getaucht.

Bis ihr Herz plötzlich laut zu schlagen begann. Sie versuchte, sich gegen den Sog zu wehren. Denn sie wusste, wo sie sich wiederfinden würde.

Unten an der Treppe.

Dort oben wartete Laura in ihrem Zimmer.

Leonie wollte dieses Zimmer nicht betreten, aber ihre Beine trugen sie die Stufen hoch. Wie von unsichtbaren Fäden gezogen, hob sich ihre Hand, griff nach der Klinke und öffnete die Tür.

Laura kniete auf dem Teppich und streckte ihr die blutverschmierten Hände entgegen, die Schere lag vor ihren nackten Beinen.

Leonie watete wie unter Wasser auf ihre Schwester zu.

Braune Federn schwebten von der Decke. Lautlos legten sie sich wie ein Mantel um Lauras Körper. Die Augen weit aufgerissen, starrte sie durch das dunkle Gefieder auf ihrem Gesicht.

Leonie schrie.

Durch das offene Fenster wirbelten noch mehr Federn herein und verdunkelten den Raum. Hunderte, Tausende, die sie umkreisten und ihr leise knisternd ins Gesicht peitschten. Winzige, flaumige Federn flogen in ihren Mund und schoben sich zart kitzelnd in ihre Kehle.

Leonie rang keuchend nach Luft. Die Federkiele steckten wie Angelhaken in ihrem Hals und ihre Schwester verschwand hinter tosenden Wirbeln.

Weinend war sie ins Bad getorkelt.

Leonie wischte mit der Hand über den Spiegel. Wenigstens hatte sie nicht von Timo geträumt. Dem kleinen Jungen, dem das Blut aus der Kopfwunde über das Gesicht floss.

Sie kann nichts dafür. Laura ist krank und ich kann ihr nicht helfen.

Diese Sätze waren wie ein tägliches Morgengebet. Gegen die Schuldgefühle, die sie seit Jahren wie schwere Steine auf dem Rücken mit sich herumschleppte.

Sorgfältig cremte sich Leonie die Hände ein. Sie waren von der Arbeit in der Gärtnerei rau und verfärbt. Aber das war ihr völlig egal. Sie liebte diesen Job, die Pflanzen und vor allem, dass niemand Fragen stellte. Es machte ihr nichts aus, in aller Herrgottsfrühe aufzustehen.

Ihr Handy, das sie kaum jemals benutzte, machte sich mit einer kleinen Melodie bemerkbar. Als sie die Nummer auf dem Display erkannte, zögerte sie: Martin, ihr Stiefvater, rief an. Es hatte nie etwas Gutes zu bedeuten, wenn er sich meldete. Schließlich gab sie sich einen Ruck.

Doch es war nicht Martin, sondern Valentina Berger. Im ersten Moment hätte Leonie ihre Stimme fast nicht erkannt. Sie klang, als ob sie geweint hätte.

Valentina war die gute Seele der Klinik, in der sie als Oberschwester an Martins Seite arbeitete. Sie war seine engste Vertraute und sie vergötterte ihren Chef.

Alle wussten das, auch Leonies Mutter. Nur Martin selbst, der Gründer und Leiter der psychiatrischen Klinik Aves, hatte davon nicht die geringste Ahnung. Und Valentina hätte entsetzt die Flucht ergriffen, wenn sie gewusst hätte, wie offensichtlich ihre Schwärmerei war. Leonie konnte hören, wie Valentina darum kämpfte, nicht die Fassung zu verlieren.

»Leonie? Ich darf Sie doch noch Leonie nennen?«

»Ja, sicher.« Leonie überlegte, ob sie auflegen sollte. Sie wollte nicht wissen, was diese Frau ihr zu sagen hatte. Sie wollte gar nicht hier sein. In dem Zimmer, dessen Wände plötzlich näher rückten.

»Mein Gott, ich weiß nicht, wie ich es Ihnen beibringen soll! Es … es ist wieder etwas passiert. Es geht um Martin!«

Valentina putzte sich geräuschvoll die Nase.

Laura.

»Die Polizei wird sich sicher gleich bei Ihnen melden, aber ich wollte es Ihnen selbst sagen. Martin liegt im Krankenhaus. Er … er ist sehr schwer verletzt. Die Ärzte konnten nicht sagen, ob er überhaupt noch einmal zu sich kommt!« Valentina schluchzte hemmungslos.

»Es war … also es war kein Unfall. Jemand ist mit einem Messer auf ihn los.«

Sie schwieg, und Leonie konnte das dröhnende Geräusch der Mauern hören, während der Raum schrumpfte.

»Leonie? Sind Sie noch da?«, flüsterte Valentina.

»Ja.«

»Da ist noch etwas.« Valentinas Stimme zitterte.

Noch etwas.

»Ihre Mutter … mein Gott, Kind, Sie müssen jetzt stark sein! Was ich Ihnen sagen muss … Ihre Mutter ist verschwunden … und Laura auch!«

Die Wände hatten Leonie nun fast erreicht. Sie würden sie jeden Moment zerquetschen.

»Kommen Sie nach Hause?«, fragte Valentina.

Es blieb sehr lange still.

»Ja.«

»Was wirst du sein?«

»Königin.«

»Hast du Angst?«

»Ich … ich weiß nicht.«

»Bist du etwa zu schwach?«

»Nein, bestimmt nicht!«

»Du weißt, was passiert, wenn du nicht stark genug bist?«

»Ja.«

»Und was?«

»Dann … dann muss ich sterben.«

»Ja, das musst du.«

Kapitel 1 Messer, Schere, Gabel, Licht dürfen kleine Kinder nicht

Wie für die meisten Kinder begann für Leonie mit der Pubertät eine scheinbar endlose Reise auf einer Achterbahn. Eine rasende Fahrt durch die Höhen und Tiefen von Gefühlen, ausgelöst von den Hormonen, die ihren Körper formten, als bestünde er aus Knetmasse.

Leonies Kindheit endete, als sie gerade 13 geworden war. Abrupt und endgültig, als Laura das erste Mal tötete.

An diesem Tag klebte die Sommerhitze wie ein feuchter Lappen auf Leonies Haut. Sie wälzte sich mit einem Buch auf dem Liegestuhl hin und her. Der winzige Garten hinter der Doppelhaushälfte, in der sie mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester lebte, lag im Schatten. Trotzdem hatte sie das Gefühl, unter einem Heizstrahler zu liegen. Sie klappte das Buch zu und starrte missmutig das Haus an.

Wenigstens das war ihnen geblieben, als sich ihr Vater vor fünf Jahren, kurz nach Lauras Geburt, aus dem Staub gemacht hatte. Drei weibliche Wesen waren für seinen Geschmack zu viel. Vor allem, weil eines davon ein schreiendes Baby war. Ein neuer Job in Spanien und ein blondes junges Mädchen hatten ihm Flügel verliehen. Er verschwand aus ihrem Leben, ohne sich zu verabschieden.

Laura, damals erst ein paar Monate alt, hatte ihren Vater nie richtig kennengelernt. Für Leonie, die eben noch begeistert seine Geschenke zu ihrem achten Geburtstag ausgepackt hatte, war es ein Schock. Sie konnte nicht begreifen, weshalb er sie verlassen hatte. Vor ihrem geistigen Auge ließ sie alle Momente Revue passieren, in denen er bei ihnen gewesen war. Es gab nur wenige Erinnerungen, weil ihr Vater wie ein Hotelgast auf der Durchreise bei ihnen gelebt hatte.

Nie wäre Leonie auf den Gedanken gekommen, sein Verschwinden mit der Geburt ihrer Schwester in Verbindung zu bringen, denn sie liebte Laura abgöttisch. Wenigstens hatten sie ein Dach über dem Kopf und ihr Vater zahlte pünktlich seine Alimente. Die Karten, die er an Geburtstagen und an Weihnachten schickte, las Leonie nie. Seine Geschenke stapelten sich ungeöffnet in der Abstellkammer neben der Waschküche. Nach einigen Jahren war die Erinnerung an ihn so verwischt wie ein Aquarellbild, das im Regen vergessen worden war.

Sie brauchten ihn nicht. Sie hielten zusammen.

»Wir drei Mädels!«, sagte ihre Mutter oft.

Für Saskia Hoffmann war es eigentlich keine Überraschung gewesen, verlassen zu werden.

»Ich hätte ihn gar nie heiraten dürfen«, sagte sie zu Leonie, als die Scheidungspapiere kamen.

»Warum? Ihr habt euch doch lieb gehabt?«

Mit einem wehmütigen Lachen drückte Saskia ihre Tochter an sich.

»Aber sicher haben dein Papa und ich uns geliebt! Und wie! Aber weißt du, es gibt Männer, die soll man nicht heiraten. Weil ihre Liebe wie ein Schmetterling ist. Und was machen Schmetterlinge?«

Leonie legte die Stirn in Falten.

»Sie fliegen von Blume zu Blume?«

Saskia lachte schallend und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.

»Ja, genau! Du bist so klug, meine Große!«

Leonie fand diese Erklärung zwar nicht ganz zufriedenstellend, aber immerhin milderte das Bild eines flatternden Schmetterlings ihren Groll ein wenig.

Schmetterlinge kann man fangen, schoss es ihr durch den Kopf. Man kann ein Netz über sie werfen und sie auf einer Nadel aufspießen! Erschrocken über sich selbst, schob sie diesen Gedanken von sich.

Der Schmetterling hatte plötzlich das Gesicht ihres Vaters.

Wenn die drei zusammen unterwegs waren, drehten sich die Leute verblüfft nach ihnen um.

»Ihr seid bestimmt geklont worden!« Die Verkäuferin in der Bäckerei lachte.

»Mama, was ist geklont?«, fragte Leonie und beäugte misstrauisch die geschäftige alte Frau.

»Dass wir einander so gleichen wie diese Törtchen hier.« Schmunzelnd deutete Saskia auf die kleinen Kuchen in der Vitrine. Sie sahen tatsächlich alle fast gleich aus. Und in jedem steckten genau gleich viele Erdbeeren im Vanillepudding.

Die Ähnlichkeit zwischen Saskia und ihren Töchtern war wirklich außergewöhnlich. Sie hatten die gleichen dunkelblauen Augen und schwarz glänzenden Haare. In Lauras Locken steckte eine Haarspange mit bunten Schmetterlingen.

Leonie konnte diese Spange nicht ausstehen.

Das Geld reichte kaum, aber dann hatte Saskia Hoffmann Glück. Sie bekam eine Teilzeitstelle als Sekretärin in der Klinik Aves.

Der Klapsmühle.

Ein Ausdruck, den nicht nur die Kinder der Stadt dafür verwendeten. Aber die Klinik war ein Ort zur Erholung, sie bot Therapien, die helfen sollten, wieder auf die Füße zu kommen. Die Patienten, die dort für eine Weile lebten, waren alle irgendwie gescheitert. An sich selbst oder an den Ansprüchen, die andere an sie stellten. Schwere psychische Krankheiten wurden in der Klinik Aves nicht behandelt.

Saskia fühlte sich dort vom ersten Moment an wohl. Das alte Hauptgebäude war ein beeindruckender Landsitz und seit Generationen im Besitz der Familie ihres Chefs.

Nachdem die glanzvollen Zeiten des Landadels vorbei waren, wurde das Haus im Lauf der Jahrzehnte mehrmals umgebaut. Zwei neue Flügel wurden angebaut, und aus den Stallungen wurden Wohnungen, als das Haus ein Internat war. Das Anwesen thronte auf einem Hügel und sah hinunter auf die kleine Stadt und den schmalen Fluss, der sich träge dahinschlängelte. Der weitläufige Park grenzte an der Nordseite an den Wald, der ebenfalls der Familie Aves gehörte. Wie der kürzlich verstorbene Bürgermeister immer zu sagen pflegte, hatte früher das ganze »verdammte Tal samt Mann und Maus« dieser Familie gehört.

Martins Vater hatte das geändert.

Seine Spielsucht hätte die Familie beinahe in den Abgrund gerissen. Vielleicht war das der Grund gewesen, weshalb Martin Aves Psychologie studierte.

Vielleicht aber auch, um seiner Mutter zu helfen. Als Besitz und Ansehen schwanden, wurde sie unberechenbar. Nach dem Tod seines Vaters blieben die Schüler fort und Martin, frisch promoviert, engagierte mit dem letzten Geld und einem geradezu selbstmörderischen Kredit einen Architekten.

Victoria Aves hätte ihren Sohn fast geschlagen, als er ihr von seinen Plänen erzählte, das Haus als Klinik zu nutzen.

»Idioten? Verrückte? In unserem Zuhause? Für solche Leute willst du unser letztes Geld verschwenden?!« Victoria schrie vor Verbitterung, ihr Speichel flog ihm ins Gesicht. »Du bist genauso dumm wie dein Vater! Ich bin froh, dass dieser alte Esel tot ist! Wäre er doch nur früher krepiert, dann wäre es nie so weit mit uns gekommen!«

Martin wischte sich ihre Spucke von der Wange und starrte sie an. Er wusste, wie es um sie stand, aber das machte es nicht leichter für ihn. Sie war seine Mutter!

Victoria Aves war immer noch eine faszinierende Schönheit. Aber die Wut über den Fall der Familie hatte unzählige Falten in ihr Gesicht gegraben. An ihren guten Tagen war sie perfekt frisiert, ihre Kleidung makellos. Aber jetzt war es später Nachmittag und Victoria trug immer noch ihren Morgenmantel. Die Haare klebten verschwitzt an ihrem Kopf. Sie bemerkte seinen Blick und senkte für einen Moment die Augen. Dann lächelte sie ihn strahlend an.

»Schon gut, mein Junge, mach, was du willst. Es wird sicher alles richtig sein.« Sie ließ sich in ihr zerwühltes Bett fallen und drehte ihm den Rücken zu.

Martin verfolgte entschlossen seine Pläne und nach ein paar Jahren genoss die Klinik Aves den besten Ruf.

An ihrem ersten Arbeitstag in der Klinik zitterten Saskia Hoffmann vor Nervosität die Knie. Es war schon etwas länger her, seit sie in ihrem Beruf gearbeitet hatte. Genauer gesagt, seit Lauras Geburt, und in der Zwischenzeit gab es Computerprogramme, die Saskia so fremd waren wie eine chinesische Speisekarte. Doch Martin Aves, ihr neuer Chef, lächelte nur amüsiert über ihr verzweifeltes Gesicht. Er beugte sich über ihre Schulter und erklärte geduldig jeden Schritt, bis der Cursor fast wie von selbst an die richtige Stelle hüpfte.

Am Abend war Saskia völlig erschöpft. Aber nicht so sehr, um nicht zu bemerken, wie sehr sie Martin mochte. Er war schon seit ein paar Jahren verwitwet. Das hatte ihr eine der Schwestern gleich bei der ersten Kaffeepause erzählt. Je länger sie ihn kannte, desto mehr schätzte Saskia Martins freundliche, zurückhaltende Art. Sie fand allerdings, dass er ein wenig schüchtern wirkte. Genauso wie sein Sohn. Hendrik war gleich alt wie Leonie, und Saskia konnte gut mit ihm umgehen. Er tauchte nicht oft im Büro auf, aber der Junge schien sie zu mögen.

Manchmal holten die beiden Mädchen Saskia nach der Arbeit in der Klinik ab. Das kam selten vor, denn im Gegensatz zu Laura mochte Leonie diese Umgebung nicht.

In der Schule erzählten sich die Kinder die schauerlichsten Geschichten über das Haus. Und obwohl Leonie wusste, dass das alles nur Unsinn war, fühlte sie sich unbehaglich. Dass alle Räume hell und freundlich gestaltet waren und tatsächlich niemand brüllend und mit Schaum vor dem Mund durch den Park rannte, änderte nichts daran.

Laura hingegen war völlig hingerissen.

»Du arbeitest in einem Schloss, Mama!« Am liebsten hätte sie Saskia täglich begleitet.

Laura sprudelte über vor Fantasie. Für sie war die Welt voller Wunder und Geheimnisse, die es zu entdecken galt. Bis vor Kurzem noch hatte Leonie liebevoll mit ihr und ihren Puppen und Stofftieren wilde Geschichten inszeniert. Aber in letzter Zeit war sie von ihrer stürmischen kleinen Schwester nur noch genervt. Dass sie dauernd auf Laura aufpassen musste, ärgerte Leonie immer mehr. Schließlich war sie nun schon 13, und sie hatte es langsam satt, sich ständig mit einer Fünfjährigen im Schlepptau mit ihren Freundinnen zu treffen.

Der Liegestuhl knarrte, als Leonie sich auf den Rücken wälzte. Ungeduldig sah sie auf die Uhr an ihrem Handgelenk. Sie hoffte, dass ihre Mutter heute pünktlich nach Hause kam. Leonie wollte sich bald mit der ganzen Clique unten am Fluss zum Schwimmen treffen. Und diesmal OHNE Laura!

Sie lauschte. Im Haus war immer noch alles still, verdächtig still. Aber es war einfach zu heiß und viel zu mühsam, um aufzustehen und nach ihrer Schwester zu sehen.

Die Zweige der Lorbeerhecke, die wie eine mannshohe Wand ihren Garten von dem der Nachbarn trennte, wurden raschelnd beiseitegeschoben. Kristine Bachs lächelndes Gesicht erschien in der schmalen Lücke.

»Hallo Leonie! Möchtet ihr ein paar Himbeeren?«

»Oh ja! Sehr gerne!«

Leonie rappelte sich auf und nahm begeistert eine Schüssel voll praller Beeren entgegen, die einen überwältigenden Duft verströmten.

Sie hatten mit Krissi und Ralf Bach die besten Nachbarn, die man sich wünschen konnte. Sie waren beide um die 70 und gesegnet mit einem grünen Daumen. Ihren winzigen Garten hatten sie in eine Plantage verwandelt, deren reiche Ernte sie stets gerne teilten. Außerdem waren sie in Notfällen immer zur Stelle, sei es, um auf Laura aufzupassen, oder für kleinere Reparaturen im Haus.

»Wo ist meine Assistentin?« Ralfs Bariton schallte durch das ganze Haus, wenn er mit seinem Werkzeug bei ihnen auftauchte. Sofort flitzte Laura die Stufen hinunter und folgte ihm aufgeregt wie ein Hündchen. Sie liebte es, mit beiden Händen in dem großen Metallkoffer zu wühlen. Eine Schatzkiste!

»Vielen Dank, Krissi!« Leonie steckte sich eine der großen, roten Himbeeren in den Mund. Sie schmeckten genauso köstlich, wie sie dufteten. Göttlich!

»Gern geschehen, aber lasst eurer Mutter auch noch ein paar übrig!« Krissi trat einen Schritt zurück, und die Hecke schloss sich wie ein Theatervorhang.

Leonie ging mit der Schüssel in der Hand zurück zum Haus. Bei jedem Schritt zupfte sie an ihrem Bikinioberteil. Es war etwas zu groß für die Andeutung eines Busens, der sich eben erst entwickelte und an den sie sich noch immer nicht gewöhnt hatte.

Im Haus war es nicht viel kühler, und das war ihre eigene Schuld. Sie lebten nicht gerne hinter geschlossenen Fensterläden, also hatten sich die Räume gehörig aufgeheizt. Erst gestern hatte Saskia sie endlich zugemacht, und das auch nur, weil laut Wetterbericht die Hitzewelle noch ein paar Tage dauern sollte.

»Laura?«

Leonie lauschte. Es war wirklich ungewöhnlich still. Normalerweise konnte man ihre Schwester durch das ganze Haus hören, wenn sie mit ihren Sachen spielte und sich dabei selbst die abenteuerlichsten Geschichten erzählte.

»Soll ich diese unglaublich süüüüüüßen Himbeeren etwa allein essen?!«, rief sie in das dämmrige Zwielicht.

Noch immer keine Antwort.

Und kein Laut.

Leonie stand unten an der Treppe und blickte nach oben. Eine seltsame Unruhe kribbelte in ihrem Magen und kroch wie eine Horde geschäftiger Ameisen höher. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Irgendetwas stimmte nicht.

Leonie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden.

Irgendjemand starrte sie an.

Und das war nicht Laura!

Nervös sah sie sich um. Die Haustür war mit dem breiten Sicherheitsriegel verschlossen, den Ralf vor ein paar Monaten eingebaut hatte.

»Drei so schöne Frauen gehören hinter Schloss und Riegel!«, hatte er erklärt, bevor er sich an die Arbeit gemacht hatte.

Dummes Zeug!, schalt sich Leonie kopfschüttelnd. Es ist niemand hier!

Der Riegel war eingerastet und sie hatte die ganze Zeit im Garten gelegen. Und der war so winzig, dass nicht einmal eine Maus an ihr vorbeigekommen wäre, ohne dass sie es bemerkt hätte. Mit gespitzten Ohren schlich sie die Treppe hinauf.

Die Tür zu Lauras Zimmer war geschlossen. Leonie lauschte. War sie etwa eingeschlafen?

Unmöglich, Laura schlief nie tagsüber! Es war schon jeden Abend ein Theater, sie ins Bett zu bekommen.

Sie öffnete leise die Tür und spähte in das Halbdunkel.

Laura kniete auf dem hellen Teppich und blickte ihr mit schreckgeweiteten Augen entgegen. Vor ihr lag am Rand eines feuchten, dunklen Flecks die große Schere, mit der Saskia manchmal Stoff zuschnitt.

Leonie blinzelte. Das Bild, das sie sah, ergab in ihrem Kopf einfach keinen Sinn. Mitten in der dunklen Pfütze entdeckte sie haarige Fetzen.

»Was, was …?«, stammelte sie verwirrt.

Lauras Gesicht verzog sich, als wolle sie weinen. Dann hob sie die Arme und streckte ihrer Schwester die verschmierten Hände entgegen.

Sie waren voller Blut.

Die Schüssel mit den Himbeeren glitt aus Leonies Händen und die Früchte rollten wie Murmeln über den Teppich. Eine Beere wurde von einem schwarz-weißen Knäuel ausgebremst.

Es war der Kopf ihres Meerschweinchens Urmel.

Als Leonie in seine trüben Augen sah, fügte sich das Bild zusammen.

Urmel war tot, sein Körper in Einzelteile zerhackt wie ein Brathähnchen.

»Urmel!! Was hast du getan?!« Leonie kreischte und schlug sich die Hände vor den Mund. Ihr Mageninhalt schoss nach oben.

»Schscht, Schscht!« Entsetzt wedelte Laura mit ihren besudelten Händen und legte schließlich einen Finger auf ihre Lippen.

»Du musst still sein! Er könnte dich hören!«, flüsterte sie bestürzt und sah sich beunruhigt um.

Ihr Finger hinterließ ein rotes Mal auf ihrem Mund, es sah aus, als hätte sie eben ein Marmeladenbrot gegessen.

Leonie sackte kraftlos gegen den Türrahmen. Tränen rollten über ihre Wangen. Urmel! Sie alle hatten dieses muntere Wesen so geliebt!

Der einzige Mann im Haus, hatte ihre Mutter immer gesagt.

Leonie konnte einfach nicht begreifen, was ihre Schwester getan hatte.

»Warum hast du das gemacht?!« Ihre Stimme überschlug sich.

Laura begann zu weinen. »Das war ich nicht!«

»Natürlich warst du das! Es ist niemand …«

Leonie wurde grob zur Seite geschubst. Sie hatte ihre Mutter nicht kommen hören.

»Was um Gottes willen …« Saskia stand einen Moment fassungslos neben ihr, dann packte sie die schluchzende Laura und verschwand mit ihr in ihrem Schlafzimmer.

Leonie konnte sich nicht von der Stelle rühren. Sie starrte wie hypnotisiert auf die verstreuten Körperteile, an denen blutgetränktes Fell hing.

Und auf die Schere, auf die ein einziger Sonnenstrahl fiel. Sie funkelte wie ein unheilvolles Relikt aus einem bösen Märchen.

Meine Schwester hat das getan, sie hat diese Schere in die Hände genommen und …

Leonie drehte sich um und rannte ins Bad. Gerade noch rechtzeitig.

Später lag sie mit leerem Magen wie betäubt auf ihrem Bett. Leonie trug immer noch ihren Bikini und trotz der drückenden Hitze zitterte sie. Sie zerrte die Bettdecke bis unter das Kinn. Wie durch Watte hörte sie Lauras Weinen und Schreien und die Stimme ihrer Mutter, die beruhigend murmelte.

Saskia musste telefoniert haben, denn kurze Zeit später ging die Türklingel und Leonie erkannte Ralfs Stimme. Mit polternden Schritten kam er die Treppe hoch. Er blieb lange stehen, dann schloss sich die Tür zu Lauras Zimmer.

Leonie begann zu weinen. Sie wusste genau, was Ralf dort machte. Er würde das, was einmal Urmel gewesen war, einsammeln und in einen Eimer werfen. Und dann würde er versuchen, das Blut aus dem Teppich zu waschen.

So viel Blut! Wie kann ein so winziges Tier wie Urmel nur so viel …

Säuerlicher Speichel sammelte sich in ihrem Mund, und sie schluckte heftig.

Laura schrie immer noch. So hatte Leonie sie noch nie erlebt, so außer sich und gequält.

Was ist nur mit ihr passiert? Was ist in ihr vorgegangen? Verzweifelt zerrte sie die Decke über den Kopf. Noch nie hatte sie sich so geschockt und hilflos gefühlt. Wieder und wieder drehten sich ihre Gedanken im Kreis und suchten nach einer Erklärung. Irgendwann musste sie eingeschlafen sein, oder war sie bewusstlos geworden?

Es war vollkommen still. Leonie schlug die Augen auf. Ihre Mutter saß neben ihr auf dem Bett und strich ihr sanft die verschwitzten Haare aus dem Gesicht.

»Hallo, meine Große«, sagte Saskia leise und musterte sie forschend. »Geht’s?«

Leonie richtete sich benommen auf.

»Ja, ja«, murmelte sie, »was ist mit Laura?«

»Doktor Baumann war hier, er hat ihr eine Spritze gegeben, und jetzt ist sie endlich eingeschlafen. Bei mir drüben«, fügte sie hinzu.

Natürlich. Wahrscheinlich würde längere Zeit niemand mehr in Lauras Zimmer wollen.

»Warum? Warum hat sie so etwas gemacht?«, flüsterte Leonie. »Was hat sie …? Ich meine, wie konnte sie so etwas nur tun?« Tränen rollten über ihre Wangen.

Saskia schüttelte bekümmert den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht. Sie ist ja erst fünf, und in diesem Alter begreifen Kinder oft gar nicht, was sie anrichten, aber das, so …«

Leonie wehrte sich verzweifelt gegen das Bild, das sich in ihren Kopf drängte.

»Sie sagt, dass sie es gar nicht gewesen ist!« Leonie wollte das so gerne glauben.

»Ja, ich weiß. Aber es war doch sonst niemand hier im Haus, oder?«

»Nein.« Leonie fühlte sich sterbenselend.

»Ich habe mit Doktor Aves telefoniert. Er hat eine Kollegin angerufen, eine Kinderpsychologin. Sie kommt gleich morgen früh und wird sich Laura ansehen. In der Klinik, vielleicht irgendwo im Park, dort ist sie ja immer so gerne.« Saskia seufzte tief. »Dann wissen wir hoffentlich mehr und vor allem, wie wir uns jetzt verhalten sollen.«

Seit sie die Tür zu Lauras Zimmer geöffnet hatte, wurde Leonie von einem schrecklichen Gedanken verfolgt.

»Ist Laura krank geworden? Also … also, ich meine, im Kopf?« Nun hatte sie es ausgesprochen.

Plötzlich erschien ihr die überbordende Fantasie ihrer kleinen Schwester in einem beängstigenden Licht.

»Natürlich nicht! Wie kannst du so etwas denken!« Saskia wandte sich zornig ab.

Leonie erschrak über ihre heftige Reaktion.

Aber noch mehr über die Angst, die in den Augen ihrer Mutter flackerte.

In dieser Nacht schlief Leonie sehr schlecht. Trotz der Schlaftablette, die ihr Saskia gegeben hatte.

Sie konnte Traum und Wirklichkeit nicht auseinanderhalten. Sie lag mit offenen Augen im Bett, neben ihr in der Dunkelheit stand Laura. Sie trug ihren Lieblingspyjama, auf dem sich bunte Elefanten und Tiger tummelten.

»Ich war es nicht«, sagte Laura trotzig und zerknautschte ihren Teddy.

Leonie lag da und konnte sich nicht rühren. »Wer war es dann?«

»Schscht! Schscht!« Laura legte ihr einen Finger auf die Lippen.

Er war eiskalt und feucht, und Leonie war sich sicher, dass nun ein rotes Mal auf ihrem Mund leuchtete.

»Wer war es? Wer hat das Urmel angetan?«, flüsterte sie. Die Feuchtigkeit auf ihren Lippen schmeckte bitter.

»Das darf ich nicht sagen«, wimmerte ihre Schwester.

»Warum?«

»Das darf ich doch auch nicht sagen! Sonst macht er das mit mir … wie mit Urmel.«

Leonie richtete sich auf.

Aber Laura war nicht mehr da. Im Zimmer waren nur noch die altvertrauten Schatten, die sie seit Jahren kannte und die ihr schon lange keine Angst mehr einflößten.

Bis heute.

»Ist Laura krank?«, fragte Hendrik.

Martin Aves musterte seinen Sohn, der plötzlich vor seinem Schreibtisch aufgetaucht war. Hendrik war jetzt über 13 und im letzten halben Jahr in die Höhe geschossen wie ein Spargel.

Er sollte mehr essen, dachte Martin, für seine Größe ist er viel zu dünn.

Hendrik hatte, genau wie er selbst, rötliche Haare und eine helle, von Sommersprossen übersäte Haut, die schon nach ein paar Minuten in der Sonne verbrannte. Ein Schicksal, das sie mit den meisten Rothaarigen teilten.

»Hmm, also wir wissen noch nichts Genaues. Anne ist eine großartige Kinderpsychologin, die Beste, würde ich behaupten, und sie macht jetzt ein paar Tests mit Laura. Aber ich bin mir eigentlich sicher, dass es keine Very-early-onset-Psychose ist. Das kommt bei Kindern in diesem Alter äußerst selten vor, und ich denke nicht …«

»Das ist, wenn man Stimmen hört und Dinge sieht, die gar nicht da sind?«

Hendrik war es gewohnt, dass sein Vater davon ausging, jeder in diesem Haus verstünde, wovon er redete.

»Äh ja, etwas in der Art.« Martin schüttelte den Kopf. Das war einfach keine Unterhaltung, die er mit einem Kind führen sollte. Nicht einmal mit diesem ziemlich klugen Jungen.

»Magst du die beiden Mädchen?«, fragte er, um vom Thema abzulenken.

Hendrik starrte auf ein Bild an der Wand. »Na ja, Laura.« Er schob die Hände in die Taschen seiner Jeans und zuckte mit den Schultern.

Natürlich, Martin unterdrückte ein Schmunzeln, für einen dreizehnjährigen Jungen lebte eine Fünfjährige in einem anderen Universum.

»Leonie kenne ich ja auch kaum. Wie du weißt, sind wir nicht in der gleichen Klasse. Aber Saskia, die ist wirklich nett! Findest du nicht auch?«

Er sah seinem Vater forschend in die Augen, und Martins Wangen erblühten in einem hellen Rot.

Erwischt!

Sein Sohn, von dem er dachte, dass er sowohl physisch als auch psychisch meist abwesend sei, hatte längst entdeckt, was Martin sich selbst noch nicht eingestanden hatte.

Er hatte sich verliebt. Verliebt wie ein Schuljunge! Caroline war seit vier Jahren tot, und er hätte nie gedacht, dass ihm das noch einmal passieren könnte. Aber Saskias fröhliches Wesen hatte ihn wie aus einem langen Schlaf geweckt. Es war nicht nur die Art und Weise, wie sie ihn zum Lachen brachte. Ihn, der in den letzten Jahren kaum mehr gelächelt hatte! Nein, Saskia war auf eine aparte Weise äußerst attraktiv. Und er war schließlich noch kein Tattergreis und schon gar nicht blind!

Martin räusperte sich verlegen. »Ja, ich finde sie sehr nett. Ausgesprochen nett sogar!«

Hendrik sah weiter mit ausdruckslosem Blick auf das Bild, und Martin beschloss, den Stier bei den Hörnern zu packen.

»Also, um ehrlich zu sein, empfinde ich für Saskia ziemlich viel.«

So, nun war es heraus. Er hatte nicht nur seinem Sohn, sondern auch sich selbst die Wahrheit eingestanden.

Hendrik blickte weiterhin an ihm vorbei.

Sitzt da eine Spinne an der Wand oder was?! Zum Teufel noch mal, dachte Martin verärgert, wozu habe ich eigentlich studiert?

Er konnte nicht einmal im Entferntesten einschätzen, was im Kopf seines Sohnes vor sich ging. Das konnte er schon lange nicht mehr. Als Hendrik sechs Jahre alt war, war seine Verbindung zu ihm abgebrochen, wie eine gekappte Telefonleitung. Und Martin hatte es nie mehr geschafft, das zu ändern. Sein eigener Sohn war ihm vollkommen fremd geworden. Aber vielleicht würde sich das ja ändern, wenn Hendrik wieder so etwas wie eine Familie hätte.

»Würde dich das, ich meine, hättest du etwas dagegen, wenn …?«

»Nein!« Nun sah ihm Hendrik lächelnd in die Augen. »Ich würde es sehr schön finden, wenn du nicht mehr allein wärst. Und ich könnte mir Schlimmeres vorstellen, als Saskia zur Stiefmutter zu bekommen.«

Martin war völlig verblüfft. Und gleichzeitig sehr erleichtert über Hendriks Reaktion.

»Nun mal langsam!« Er hob abwehrend die Hände. »So weit sind wir noch lange nicht!«

»Ich wollte es dir nur gesagt haben. Was meinst du, kann ich zu Victoria?«

Martins gute Stimmung sank wie ein Stein im Wasser. Er würde sich nie daran gewöhnen, dass sie beide, Sohn und Enkel, sie Victoria nennen mussten. Und es gefiel ihm nicht, dass Hendrik so viel Zeit mit ihr verbrachte. Aber Martin wollte sich nicht zwischen sie stellen.

»Ja, geh nur«, seufzte er, »sie ist oben in ihrem Zimmer.«

Hendrik verschwand, wie er gekommen war. Wortlos.

In den folgenden Wochen beobachtete Leonie ihre kleine Schwester voller Sorge. Eine verstörende Angst nagte an ihr, das Bild des zerstückelten Meerschweinchens verfolgte sie Tag und Nacht. Die Diagnose der Kinderpsychologin war nicht eindeutig ausgefallen. Doktor Aves, für sie alle inzwischen Martin, hatte lange mit Leonie geredet. Aber seine Erklärungen hatten ihre Ängste noch mehr geschürt. Sie konnte einfach nicht begreifen, dass sich ihre Schwester, die ihr so nah und vertraut gewesen war wie ihr eigener Herzschlag, so verändert hatte.

Laura war still geworden, und Leonie war sich sicher, dass das nicht nur an den Medikamenten lag, die das Kind nehmen musste. Sie wünschte sich so sehr, dass ihre Schwester wieder wie früher plappernd durch das Haus tobte und allen auf die Nerven ging.

Aber Laura schlich wie ein Schatten umher, mit einem verängstigten und schuldbewussten Ausdruck in den Augen. Sie grub keine Schätze mehr aus und ihre Spielsachen rührte sie nicht mehr an.

Wenn sie nicht mit ihrer Mutter in der Klinik war, saß sie im Wohnzimmer auf dem Boden und malte.

Ein Blatt nach dem anderen. Wie gehetzt immer dieselben Bilder.

»Was soll das sein?«, hatte Leonie sie gefragt und eine der Zeichnungen hochgehoben.

»Schscht!« Laura hatte sie zornig angefunkelt und sich wieder einen Finger auf ihre Lippen gelegt.

Eine Geste, die Leonie inzwischen fürchtete. Sie senkte den Kopf und musterte die Zeichnung. Braune und schwarze Striche, dicht an dicht wie Gefieder, aus dem bösartig zwei gelbe Augen starrten. Die Angst um ihre Schwester schnürte ihr die Luft ab.

»Willst du denn nicht mal etwas anderes malen? Oder mit anderen Farben?«

»Nein.« Lauras Hand flog über das Papier. Strich an Strich, unaufhörlich. Wie ein Spielzeugroboter, der außer Kontrolle geraten war.

»Ich habe noch einen wunderschönen Kasten mit Aquarellfarben, bloß ein- oder zweimal gebraucht. Möchtest du den nicht haben?«

»Nein!«

Leonie wandte sich ab und floh aus dem Zimmer. Sie konnte den Anblick ihrer kleinen Schwester, die von irgendetwas besessen war, nicht mehr ertragen.

Ralf wartete vor dem großen, kunstvoll verzierten Eisentor auf Laura. Seit ein paar Wochen machte er das fast täglich. Er nahm das Mädchen nach den Therapiesitzungen mit nach Hause, während Saskia noch in der Klinik arbeitete. Auch heute wartete Krissi schon mit einem liebevoll zubereiteten Mittagessen auf sie.

Laura trottete mit gesenktem Kopf durch den Park und Ralf verspürte einen schmerzhaften Stich. Es brach ihm fast das Herz, dieses bezaubernde Kind in einem solchen Zustand zu sehen. Was war denn nur geschehen? Wieso hatte sie sich von einem Tag auf den anderen so verändert? Er fand keine Erklärung und sie konnten nichts tun, außer ihr zu zeigen, dass sie sie liebten. Und das tun wir, bei Gott, das tun wir! Ralf seufzte tief. Krissi und er hatten keine eigenen Kinder und nun waren Saskia und ihre beiden Töchter ihre Familie geworden.

»Hallo, mein Sonnenschein! Wie war’s heute im Park?«

Laura schob ihre Hand in die seine, ohne aufzublicken. Er umschloss sie behutsam mit seinen Fingern und sie machten sich auf den Heimweg.

»Ganz gut«, murmelte Laura. Ihre Spange war verrutscht und die schwarzen Haare verdeckten ihr Gesicht.

»Bist du müde?«

»Ja, müde, dauernd müde.« Nun hob sie doch den Kopf und sah ihn vorwurfsvoll an.

»Ich denke, das kommt von diesen Tabletten, aber warte nur, bis du siehst, was Krissi heute gekocht hat! Da wirst du schnell munter!«

Laura ließ den Kopf wieder hängen und schwieg.

»Diese Frau Doktor, die macht einen wirklich netten Eindruck. Wie heißt sie gleich wieder?«

»Anne.«

»Anne! Das find ich prima, dass du sie beim Vornamen nennen darfst. Also ist sie wirklich nett.«

»Ich hab sie gehauen.«

Ralf blieb abrupt stehen und starrte Laura an.

»Gehauen?! Wieso hast du sie denn gehauen?«

Er spürte, wie sich ihre Finger in seiner Faust verkrampften.

»Weil sie fragt!« Laura zog mit einem Fuß Kreise über den Teer.

»Na ja, sie muss doch fragen. Sie will dich doch kennenlernen und dir helfen! Willst du denn nicht, dass es dir wieder besser geht?«

Jetzt fragt Ralf auch noch, dachte Laura verzweifelt. Er soll nicht fragen! Niemand soll fragen! Ralf und Anne können nicht sehen! Und nicht hören! Sie haben nicht gehört, wie Urmel gequiekt hat. Ganz laut! So laut! Und sie haben nicht gesehen, wie die Schere den Kopf abgeschnitten hat! Das war schlimm, so schlimm! Schlimm! Schlimm!

Laura begann zu schluchzen. Ihre schmalen Schultern hoben und senkten sich, ihr ganzer Körper wurde durchgeschüttelt wie ein Baumschössling im Sturm.

Erschrocken sank Ralf auf die Knie und schloss sie in seine Arme.

»Schscht, ruhig, mein Kleines. Schscht, schscht, ganz ruhig, mein Liebes!«

Laura wand sich wie ein Wurm aus seiner Umklammerung und stieß ihn von sich fort. Ihre blauen Augen wirkten fast schwarz vor Wut.

»Niemand soll fragen!«, schrie sie und dann schlug sie Ralf ins Gesicht.

Natürlich hatte sich in der Kleinstadt, in der eigentlich jeder jeden kannte, in Windeseile herumgesprochen, dass mit Laura etwas nicht in Ordnung war. Leonie beantwortete keine der neugierigen Fragen, und das heizte die Spekulationen in der Schule noch mehr an.

»Stimmt es, dass deine Schwester durchgedreht ist?«

»Man sagt, dass sie mit einem Messer auf eure Mutter los ist. Im Schlaf! Das muss man sich mal vorstellen!«

»Bist du eigentlich sicher, dass du nicht auch plemplem bist?«

Es war die Hölle.