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Eine Villa. Ein Mordanschlag. Und der Täter ist einer von ihnen
Sylt im Herbst. In Rantum wird ein Anschlag auf eine ehemalige Ministerin verübt, die zahlreiche Gäste aus Politik und Wirtschaft zu ihrer Geburtstagsfeier geladen hat. Die Ministerin überlebt. Doch die Angelegenheit ist brisant, und die politischen Beratungen am Rande der Feier dürfen nicht gestört werden. Hilke Hasselbrecht, Chefin der Mordkommission, ist mit dem Opfer befreundet und ohnehin vor Ort. Die Nachforschungen kann sie allerdings unmöglich allein bewerkstelligen. So bittet sie Kriminaloberkommissarin Liv Lammers, sie zu unterstützen. Während ein heftiger Sturm aufzieht, mischen sich die Ermittlerinnen unter Politiker, Security und Personal. Bald ist klar, dass nur jemand aus dem inneren Kreis den Anschlag verübt haben kann. Wird er oder sie erneut versuchen, die Ministerin zu töten?
Liv Lammers‘ zehnter Fall ist brisanter denn je und hält die erfahrene Ermittlerin auf dem sturmumtosten Sylt gefangen.
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Seitenzahl: 450
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Über das Buch
Über die Autorin
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Anmerkung und Dank
Über das Buch
Eine Villa. Ein Mordanschlag. Und der Täter ist einer von ihnen Sylt im Herbst. In Rantum wird ein Anschlag auf eine ehemalige Ministerin verübt, die zahlreiche Gäste aus Politik und Wirtschaft zu ihrer Geburtstagsfeier geladen hat. Die Ministerin überlebt. Doch die Angelegenheit ist brisant, und die politischen Beratungen am Rande der Feier dürfen nicht gestört werden. Hilke Hasselbrecht, Chefin der Mordkommission, ist mit dem Opfer befreundet und ohnehin vor Ort. Die Nachforschungen kann sie allerdings unmöglich allein bewerkstelligen. So bittet sie Kriminaloberkommissarin Liv Lammers, sie zu unterstützen. Während ein heftiger Sturm aufzieht, mischen sich die Ermittlerinnen unter Politiker, Security und Personal. Bald ist klar, dass nur jemand aus dem inneren Kreis den Anschlag verübt haben kann. Wird er oder sie erneut versuchen, die Ministerin zu töten?
Liv Lammers‘ zehnter Fall ist brisanter denn je und hält die erfahrene Ermittlerin auf dem sturmumtosten Sylt gefangen.
Über die Autorin
Sabine Weiß, Jahrgang 1968, arbeitete nach ihrem Germanistik- und Geschichtsstudium als Journalistin. Seit 2007 veröffentlicht sie erfolgreich Historische Romane, seit 2016 zusätzlich Krimis um Kommissarin Liv Lammers und ihr Team. Mit deren Fall DÜSTERES WATT gelang ihr 2022 der lang verdiente Sprung auf die Bestsellerliste. Wenn Sabine Weiß nicht auf Recherchereise für ihre Bücher ist, lebt sie mit ihrem Mann und ihrem Sohn bei Hamburg.
Weitere Titel der Autorin:
Aus der Reihe um Liv Lammers
Schwarze Brandung
Brennende Gischt
Finsteres Kliff
Blutige Düne
Tödliche See
Düsteres Watt
Zornige Flut
Gefährlicher Sog
Höllische Küste
Aus der Reihe um May Barven
Die Chemie des Verbrechens – Die Fährte
Historische Romane
Hansetochter
Das Geheimnis von Stralsund
Die Feinde der Hansetochter
Die Tochter des Fechtmeisters
Die Arznei der Könige
Die Perlenfischerin
Der Chirurg und die Spielfrau
Krone der Welt
Gold und Ehre
Blüte der Zeit
Die Leuchttürme der Stevensons
Der Schrein der Könige
SABINEWEISS
STÜRMISCHEKLIPPE
Sylt-Krimi
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Originalausgabe
Copyright © 2026 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln, Deutschland
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Lektorat: Dr. Stefanie Heinen
Covergestaltung: Manuela Städele-Monverdew
Covermotiv: © 1take1shot / shutterstock
E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7517-9166-3
24531
Luebbe.deLesejury.de
Rantum, 1. November, 6.52 Uhr
Die Insel schlief, als sie den Strandweg einschlug. Schwarzgrau lag die Dünenlandschaft vor ihr. Noch versteckten sich die intensiven Farbtöne: das Blaugrün der Dünengräser, das Violett des Heidekrauts, das Ziegelrot der Hagebutten. Wolken türmten sich über ihr, gewaltig wie die Entscheidung, die an diesem Wochenende gefällt werden könnte. Eine Entscheidung, die auch ihrem Leben eine andere Wendung geben würde.
Der gestrige Abend hatte vielversprechend begonnen. Von einem Detail abgesehen, das beinahe zu einem Eklat geführt hätte. Sie hoffte, dass diese Petitesse die Gespräche nicht überschatten würde. Sie alle waren professionell genug, um über derartige Befindlichkeiten hinwegsehen zu können – oder etwa nicht? Dennoch war es ärgerlich, dass diese Information übersehen worden war. Und dann der Streit. Überflüssig.
Das Knirschen ihrer Zähne war beinahe überlaut zu hören. Genug davon.
Tief sog sie die salzgesättigte Nordseeluft in die Lunge, als könnte sie sich so die Leichtigkeit zurückholen. Der böige Südwestwind würde die Wolken sicherlich gleich zerstreuen. Sie korrigierte die Handhaltung, mit der sie das Shortboard trug. Trotz des Neoprenanzugs kroch ihr Gänsehaut die Beine hoch. Wie mit spitzen Zähnchen biss der kalte Sand in die Fußsohlen. Neun Grad, höchstens. Die Temperatur des Meeres dürfte dank der Restwärme des Sommers vier Grad darüber liegen. Immerhin. Doch auch sonst hätte sie den Tag genutzt – es könnte der letzte sein, bevor die Winterstürme kommen und das Wellenreiten unmöglich machen würden.
Auch die Bewegung beunruhigte sie nicht. Es war ein sanftes Schwanken im Wind, das sie aus dem Augenwinkel wahrnahm. Sie fühlte sich sicher. Das hier war ihre Zeit. Morgens am Meer brauchte sie sich nicht verstellen, musste sie niemandem etwas beweisen. Die Nordsee nahm sie, wie sie war. Deshalb war ihr dieser Termin mit sich selbst heilig. Sogar an diesem besonderen Wochenende.
Einen Augenblick hielt sie inne. Menschenleer erstreckte sich vor ihr der Weststrand. Am Horizont kündigte ein rostroter Streifen den Sonnenaufgang an, einen, der möglicherweise ein Spektakel werden würde. Ein Spektakel, das die Natur ihr allein bieten würde.
Ihr Blick blieb kurz an einigen dunklen Flecken am Dünenrand hängen, wanderte dann aber beruhigt weiter. Ja, sie würde das Meer ungestört genießen können.
Sie beobachtete einen Moment lang die Wellen, band den Klettverschluss der Leash um ihren Knöchel und schritt ins Wasser. Sie spürte Muscheln unter ihren Fußsohlen. Die Kälte versetzte ihren Körper binnen Sekunden in Aufruhr. Unbeirrt ging sie weiter. Eine wie sie ließ sich nicht aufhalten, von nichts und niemandem.
Die Nordsee diffundierte durch das Neopren, kroch ihren Oberschenkel hoch. Sie schnappte nach Luft. Es würde ein wenig dauern, bis sie sich an die Temperatur gewöhnt hatte.
Über ihr kreisten Möwen auf der Suche nach Fischschwärmen. Sanft wurden ihre Federbäuche von der aufgehenden Sonne in Farbe getaucht. Weißwasser schäumte vor ihr. Sie wollte die erste Welle durchtauchen, holte Schwung. Im selben Moment glaubte sie eine schwarze Silhouette rechts von sich zu entdecken. Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Unvermittelt durchzuckte sie die Erinnerung daran, wie sie als Jugendliche Der weiße Hai gesehen und anschließend sogar im Schwimmbad eine irrationale Furcht vor Haiangriffen verspürt hatte.
Unwillig vertrieb sie den Gedanken. Das war sicher nur eine Möwe oder ein Schweinswal, der sich in Küstennähe verirrt hatte. Sie warf sich auf das Board. Die Meereskälte presste ihr die Brust zusammen. Prustend brach sie durch die erste Welle, paddelte voran – und ertappte sich dabei, wie sie nach dem finsteren Umriss Ausschau hielt.
Ihr Blick flackerte zum Ufer. Am weißen Dünenband war keine Bewegung zu erkennen, nur ein Gewirr von Schatten. Sie sah sich selbst wie durch eine schwebende Kamera. Eine einsame Schwimmerin in der Weite der Nordsee. Nicht mehr ganz jung, aber für ihre nun sechzig Jahre außergewöhnlich fit.
Vor ihrem inneren Auge tauchte die Filmszene auf, in der der Hai einen Schwimmer ruckartig unter Wasser riss. Ein Strudel von Luftblasen, dann Blutwolken, das war alles, was von ihm blieb.
Hör auf zu spinnen! Die Haie in der Nordsee sind klein und harmlos. Aus Haisicht sind die Menschen die Killer.
Halt suchend wollte sie sich hinstellen, fand aber keinen Grund mehr unter den Füßen. Sie strampelte. Die Angst machte ihr den Hals eng. Sei nicht so eine Memme!
Ihr Körper wurde im Takt des Meeres hin und her geworfen. Das schwebende Wolkengebirge über ihr changierte in Rostrot und Kupferorange. Ein traumhafter Anblick. Ein Moment, den sie genießen sollte.
Sie versuchte, eine Welle zu reiten, wurde aber schnell abgeworfen. Als sie ins Wasser stürzte, glaubte sie eine Berührung an ihrem Fußrücken zu spüren, glatt und kalt. Da war doch was!
Ihr Puls raste. Das Salzwasser brannte in ihren Augen. Hektisch sah sie sich um, suchte die kleinen und großen Wellentäler ab. Ruhig, nur ruhig! Es musste am Stress liegen, dass ihre Sinne so überreizt waren. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, ausgerechnet heute Morgen zu surfen. Zu viel Wichtiges lag in den nächsten Tagen vor ihr. Andererseits nahmen Wind und Wellenhöhe stetig zu, was die Bedingungen ideal machte.
Kurz war sie unentschieden. Sollte sie noch ein wenig surfen oder umkehren? Sie wollte mit den Füßen schlagen, doch etwas bremste ihre Bewegung und schnitt scharf in ihre Wade. Sie schrie auf. Das Meeresrauschen übertönte ihre Stimme. Blut pumpte durch ihre Adern. Hatte sie sich in Seemüll verhakt? Geriet sie in eine der gefährlichen Strömungen vor Sylt, würde von ihr weit aufs Meer hinausgezogen werden? Würde sie mit dem Müll in die Tiefe gerissen werden und ertrinken?
Dumpf klang ihr abgehacktes Keuchen über den Wellen. Sie umklammerte ihr Brett mit der Rechten und tastete mit der Linken nach ihrem Bein. Vermutlich hatte sie sich nur in der Leine verheddert.
Plötzlich riss etwas an ihr. Sie verlor den Rest ihrer mühsam gewahrten Beherrschung und brüllte ihre Panik heraus. Ehe sie verstand, was geschah, war sie unter der Wasseroberfläche. Wasser erstickte ihren Schrei. Drang in Nasenlöcher und Ohren, flutete ihre Lunge. Sie schlug um sich, versuchte, sich loszumachen, doch etwas hing an ihrem Bein und zerrte sie weiter in die Tiefe.
Was war das? Worin hatte sie sich verfangen? Oder hatte doch ein Tier nach ihr geschnappt? Aber müsste sie dann nicht den Biss spüren? Die messerscharfen Zähne?
Ihre Schwimmbewegungen blieben folgenlos. Ein fahles Licht schien in der Dunkelheit auf, und kurz wusste sie nicht, wo oben und wo unten war. Wo kam das Licht her?
Sie verschluckte sich, musste würgen und sog nur noch mehr Flüssigkeit ein. Luftblasen brodelten vor ihrem Gesicht. Todesangst summte in ihren Ohren. Sie zappelte verzweifelt, um wieder an die rettende Oberfläche zu gelangen, doch das Wasser, das ihren Körper entlangstrich, wurde immer frostiger. Sie wusste, was das bedeutete: Sie entfernte sich weiter von der Oberfläche, gefährlich weit. Tödlich weit.
Der Sauerstoffmangel entzündete ein Feuerwerk auf dem Inneren ihrer Augenlider. Ihre Lunge schmerzte, als würde sie gleich platzen. Blutgeschmack kroch in ihren Mund. Oft genug hatte sie über die Gefahr gelesen zu ertrinken. Gleich würde auch ihr Leben vorbei sein.
Westerland, 8.55 Uhr
Liv klappte den Kragen ihrer Lederjacke hoch und schob die Hand in die Jackentasche. Der feuchtfrostige Windzug, der durch die Häuserschlucht der Inselhauptstadt Westerland pfiff, schmeckte nach Winter. Die Farbenpracht des Sonnenaufgangs war einer bleiernen Wolkendecke gewichen, die keinen Fitzel Blau hindurchließ. Ihre Wetterapp hatte sie gleich nach dem Aufstehen vor einer drohenden Sturmflut gewarnt, die vom Skagerrak auf Norddeutschland ziehen könnte.
»Angesichts der Bestimmtheit, mit der du durch die Stadt steuerst, dürfte sogar ein Schwerverbrecher eine Befragung durch dich fürchten. Auf jeden Fall wirkst du nicht so, als ob du meinen Beistand bräuchtest.« Sebastian lächelte sie an und nahm ihre Hand. »Also, nicht, dass ich nicht gern mit dir hier wäre …«
Liv musste lachen und rollte die brettharten Schultern nach hinten. Sie hatte gar nicht gemerkt, wie angespannt sie war. »Annika hat mir schon so oft die Worte im Mund herumgedreht, dass ich froh bin, dass du bei mir bist, wenn wir ihr und ihrem Anwalt begegnen.«
»Macht dich die Aussicht auf ein Zusammentreffen mit deiner Schwester denn noch immer so nervös? Ich dachte, du hättest deinen Frieden mit eurem Bruch gemacht.« Sebastian sah sie aufmerksam von der Seite an.
Sie blieben vor einem kargen Büroblock auf der Rückseite der Fußgängerzone stehen, an dem das einzige Glänzende das Kanzleischild war. Ob Annika schon da war?
Liv dachte über Sebastians Beobachtung nach. Es stimmte: Als Kriminaloberkommissarin der Mordkommission – ihre längst fällige Beförderung hatten sie im Sommer gebührend gefeiert – kannte sie keine Angst. Mutig stürzte sie sich immer wieder in gefährliche Situationen. Ihre Kritiker würden wahrscheinlich sagen, sie sei leichtsinnig. Sie hatte Mörder unschädlich gemacht, Geiseln gerettet, Anschläge verhindert. Aber wenn es um ihre Familie ging, war sie dünnhäutig.
»Die Gefühle für meine Schwester sind tief in mir verwurzelt. So tief, dass ich ihnen mit dem Verstand nicht beikomme«, sagte sie nachdenklich. Annika hatte ihr mehr als einmal tiefe seelische Verletzungen zugefügt. Dass Liv nun doch den Pflichtteil ihres Erbes einforderte, hatte zur Folge, dass ihre Schwester sie offen verachtete.
Eigentlich hatte Liv darauf verzichten wollen, vom Vermögen ihres verhassten Vaters zu profitieren, der als Bauunternehmer durch den Ausverkauf ihrer Heimat, dieser Insel, reich geworden war, doch ihre Tochter Sanna und ihre Großmutter Elise hatten ihr ins Gewissen geredet. Als alleinerziehende Mutter konnte Liv das Geld wirklich brauchen, auch wenn sich durch die geplante Heirat mit Sebastian ihre Lebensumstände ändern würden.
Liv schob den Gedanken an die vor sich hindümpelnden Hochzeitsplanungen weg, denn Annika und ihr Sohn Jan waren um die Ecke gebogen. Annikas Mann saß noch immer im Gefängnis, auch dank ihrer Ermittlungen. Eine weitere Sache, die die beiden Liv anlasteten, auch wenn dies eine haarsträubende Verdrehung der Tatsachen war.
Angespannt sah Liv ihrer Schwester und ihrem Neffen entgegen. Der Kontrast zwischen ihnen konnte größer kaum sein: Liv selbst war hochgewachsen und schlank, hatte die langen rotblonden Haare zu einem einfachen Zopf gebunden und trug Lederjacke, Rollkragenpullover, Jeans und Bikerboots. Annika, mit achtunddreißig Jahren fünf Jahre älter als sie, war blondiert und schmückte sich mit überlangen Fingernägeln, eleganter Designerkleidung und einer Handtasche, die vermutlich so viel kostete, wie Liv für das Auslandsjahr ihrer Tochter mühsam zusammengekratzt hatte. Ihr Neffe Jan stellte seine Ablehnung deutlich zur Schau. In den letzten Jahren war aus einem umgänglichen Sylter Jugendlichen, der Surfen, Reiten und Musik liebte, ein – zumindest äußerlich – aalglatter Elitestudent geworden. Sie begrüßten einander steif.
Annika war bei ihrem Anblick kurz zurückgezuckt, hatte sich aber schnell wieder gefangen. Sie hatten einander bei der Hochzeit ihrer Großmutter zuletzt gesehen, zu der Annika Elise eine Austernplatte mit eingebauter Lichtsäule geschenkt hatte. Ein absolut überflüssiges Geschenk, zumal Elise und Peet Austern nicht einmal besonders mochten. Vermutlich hatte Annika das Teil irgendwo herumstehen gehabt.
»Schön, dass du kommen konntest. Es ist besser, so etwas persönlich zu besprechen«, sagte Annika geschäftsmäßig. Sie blickte beiläufig auf die Farbspritzer auf Livs Händen. »Ihr renoviert bei Peet?«
Natürlich weiß sie es. Annika weiß alles, was auf der Insel vorgeht. Zumindest, wenn es um Immobilien geht. »Eine Überraschung für die beiden. Sie sind ja gerade in Japan. Sanna besuchen«, sagte Liv unverbindlich. Sie selbst hatte keinen Urlaub bekommen, was sie noch immer ärgerte. Sie hätte Sanna wiedersehen und mit ihren Lieben eine unvergessliche Zeit genießen können.
»Das ist mir bekannt.« Ein leichtes Heben der Mundwinkel. »Wollen wir?«
In der Kanzlei schaltete Liv ihr Handy auf stumm. Sie registrierte, dass Hilke Hasselbrecht sie angerufen hatte, verschob den Rückruf aber auf später. Ihrer Chefin war doch bekannt, dass sie heute freigenommen hatte und auf Sylt war!
In der Kanzlei stellte Liv Sebastian als ihren Verlobten vor, was er schließlich auch war, obgleich ihr das Wort altmodisch erschien. Nach wenigen einleitenden Sätzen kam der Anwalt zur Sache. »Wie Sie wissen, hat die Einforderung des Pflichtteils für, sagen wir, Herausforderungen bei Lammers Estates gesorgt. Das Vermögen Ihres Vaters ist weitgehend in Immobilien gebunden. In Betongold, wie wir Sylter sagen.«
»Du willst sicher nicht, dass wir die Immobilien unter Marktwert verschleudern, nur um dich auszuzahlen. Großvater würde sich im Grab umdrehen«, mischte Jan sich ein und kassierte für die Bemerkung sofort einen Blick seiner Mutter, der ihn zur Mäßigung mahnte.
Ist mir egal, wie Ocke auf meine Forderung reagiert hätte. Liv verzog das Gesicht. Ocke Lammers hatte jedes Recht auf Rücksichtnahme vertan. Bei dem Gedanken an die Untaten ihres Vaters stieg Groll in ihr auf. Sie sollte das Grab ihrer Mutter auf dem Morsumer Friedhof möglichst bald einmal wieder aufsuchen. Nur, dass sie dann nicht umhinkam, zugleich das Grab ihres Vaters zu besuchen, das direkt daneben lag. Dabei hatte Rosa ebenso unter Ocke gelitten wie Liv. Als Kind hatte Liv die Eheprobleme der Eltern und die zunehmende Verzweiflung ihrer Mutter wie eine Art Damoklesschwert erlebt, das über ihnen schwebte. Während Annika danach gestrebt hatte, es ihrem Vater in allem recht zu machen, hatte Liv rebelliert. Als sie als Jugendliche schwanger geworden war, war es zum Bruch gekommen. Ocke hatte verlangt, dass sie abtrieb. Liv aber hatte das Kind behalten wollen und war mit ihrer Großmutter Elise auf das Festland gezogen. Später hatte Ocke versucht, auch ihre Tochter Sanna zu zerstören.
Sie fühlte, wie Sebastians Knie ihres berührte, und ihr aufwallender Puls beruhigte sich. »Es gibt gesetzliche Regelungen für Pflichtteile im Erbfall, über die sich auch ein Ocke Lammers nicht hinwegsetzen kann«, hielt Liv dem Anwalt entgegen.
Ihr Gegenüber nickte begütigend. »Ihre Schwester hat Ihnen nach Prüfung der derzeitigen Möglichkeiten folgendes Angebot zu machen …«
Eine Dreiviertelstunde später empfing eine scharfe Brise sie auf der Straße. Liv marschierte los. Sie wollte nur noch weg. Weg von dem Anwalt, der Annikas Interessen vertrat. Weg von ihrer Schwester und ihrem Neffen, deren Hass sie wie eine finstere Wolke niederdrückte. Der kalte Wind und der Geruch der Nordsee schärften üblicherweise Livs Sinne und sorgten für Klarheit. Jetzt allerdings schwirrten die Informationen wie ein aufgeschreckter Schwarm Stare durch ihren Geist.
Sebastian schob einen Arm um ihre Schulter und zog sie grinsend an sich. »Ich habe mir eine Millionärin geangelt! Champagner zum Frühstück!«
»Du Spinner!«, gab Liv leise zurück. Sie fühlte sich unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, war wie betäubt. Der Vorschlag und die Zahlen, die der Anwalt ihnen gleichmütig dargelegt hatte, waren unglaublich. Verrückt. Obgleich sie es eigentlich hätte wissen müssen, war es etwas anderes, es aus fremdem Mund zu hören. Auch wenn Annika mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Immobilienwert möglichst niedrig angesetzt hatte, summierte sich das Achtel, das Liv aus dem Erbe ihres Vaters zustand, zu einem erheblichen Betrag – auf dem Papier zumindest, denn das Geld war angeblich nicht sofort verfügbar, sondern steckte in Häusern und Grundstücken. Zusammen mit dem gigantischen Sonnenaufgang, den sie durch das Fenster bestaunt hatte, war das ein Morgen, an den sie sich lange erinnern würde.
Liv lächelte Sebastian an. »Ich kann es nicht fassen«, sagte sie. »All die Jahre, in denen Elise und ich jeden Cent umgedreht haben, in dem jede Stromnachzahlung und jede Klassenreise uns schlaflose Nächte beschert haben. Ich muss Elise anrufen, sobald wir im Café sind!« Sie steuerte ein Café in der Bismarckstraße an, in dem man in plüschiger Atmosphäre frühstücken konnte. »Ich sollte die Zahlen überprüfen lassen. Sei es auch nur, um Annika zu ärgern.«
Zweifel huschten über Sebastians Gesicht. Der Wind zerzauste seine Locken. Die Sommersprossen auf seinem Nasenrücken waren durch den Mangel an Sonnenlicht beinahe verblasst, aber die bernsteinfarbenen Sprenkel in seinen grünen Augen funkelten. »Wirst du das Angebot annehmen? Wollen wir uns das Haus ansehen? Aber was sollen wir mit einem Wohnsitz auf Sylt, wo wir nicht einmal ein passendes neues Zuhause zwischen Kiel und Flensburg finden?«
»Wie ich meine Schwester kenne, ist es vermutlich ohnehin eine Bruchbude, oder es gibt da irgendeine Altlast«, murmelte Liv abgelenkt.
Die Wohnfrage für ihre neue Patchworkfamilie hielt sie schon geraume Zeit beschäftigt. Immer zu pendeln, war ganz schön ermüdend. Sebastian war am Institut für Rechtsmedizin in Kiel angestellt und wohnte mit seinem Sohn Noah auch in der Landeshauptstadt. Liv hingegen lebte immer noch in Flensburg, wohin es sie und Elise nach ihrem Wegzug von Sylt verschlagen hatte. Erst in den letzten Jahren hatte sie wieder mehr Zeit auf der Insel verbracht.
Ihr fiel ein, dass ihre Chefin versucht hatte, sie anzurufen. Vor der Tür des Cafés, wo einige Hartgesottene in Strandkörben frühstückten, blieb sie stehen. Während sie auf Rückruf drückte, beobachtete sie durch das Schaufenster die Gäste im crèmefarben-goldenen Interieur des Cafés und die üppige Kuchentheke. Tatsächlich perlte auf etlichen Tischen ein Champagnerfrühstück.
Hilke Hasselbrecht nahm das Gespräch sofort an. »In Rantum hat es einen Anschlag auf eine Politikerin gegeben. Ich brauche Sie hier, Liv«, sagte die Leiterin des K1 knapp.
Aufregung ergriff Liv. »Ein Attentat? Um welche Politikerin handelt es sich? Ist sie tot? Ist das LKA unterwegs, die Abteilung Staatsschutz?«
»Weitere Informationen erhalten Sie vor Ort. Ich schicke Ihnen gleich die Adresse. Ich erwarte Sie im südlich gelegenen kleinen Reetdachhaus neben der Villa. Bitte verhalten Sie sich unauffällig.«
»Klar. Soll ich Sebastian mitbringen? Er steht neben mir«, sagte Liv.
Sebastian merkte auf.
Hasselbrecht zögerte. »Das ist vermutlich eine gute Idee. Er könnte die Verletzungen in Augenschein nehmen, müsste sich danach allerdings zurückziehen. Die betroffene Person möchte den Vorfall zunächst geheim halten.«
Sie ist also nicht tot.
Ihre Chefin seufzte. »Nur so viel: Es ist eine heikle politische Situation, weshalb ich Sie beide um Verschwiegenheit bitte. Wir werden zunächst nur inoffiziell ermitteln können.«
Rantum, 10.05 Uhr
Sie verließen mit Livs Bulli die Inselhauptstadt und wandten sich durch Wohngebiete, am Aquarium und dem Westerländer Campingplatz vorbei in Richtung Rantum. Auf der Landstraße hielten sie sich südwärts. Das Wäldchen um die Eidum Vogelkoje war in seinem prächtigen Grünbraun ein Farbtupfer in der Landschaft, während die heidebewachsenen Dünen passend zur Jahreszeit ein Sammelsurium von Brauntönen boten. Bald ließen sie den Rantumer Hafen links liegen, bogen in die Ortsmitte ab und fuhren an der Sankt-Peter-Kirche vorbei, der einzigen Reetdachkirche der Insel. In der Straße Stiindeelke parkten sie schließlich und stiegen aus.
Als sie sich auf dem Henning Rinken Wai gegen den Wind stemmten, zog Liv die Mütze tiefer auf die Ohren.
»Ich bin immer noch der Meinung, dass du Hasselbrechts Bitte hättest ablehnen können. Ihr Verhalten ist seltsam. Warum setzt sie sich über den regulären Dienstweg hinweg – und macht dich auch noch zur Mitverschwörerin?«, kam Sebastian auf die Diskussion zurück, die sie im Auto geführt hatten.
»Hasselbrecht wird ihre Gründe haben. Wir werden schon nichts Ungesetzliches tun.« Liv zog die Schultern hoch. Wenn sie ehrlich war, war sie vor allem erleichtert, dass sie sich nicht länger mit Annikas Hass, den Streitereien der Vergangenheit und diesem Angebot beschäftigen musste, das sie nicht einzuschätzen wusste.
»Du willst dich doch nur von deinen familiären Herausforderungen ablenken. Aber du kannst der Auseinandersetzung mit Annika auf Dauer nicht davonlaufen«, legte Sebastian den Finger in die Wunde. »Außerdem hätten wir heute bei Peet fertig werden können.« Liv und er hatten die zwei letzten Wochenenden genutzt, um während der Abwesenheit des Paares Peets kleines Haus in Keitum neu zu streichen.
Liv zog Sebastian an sich und küsste ihn auf die Wange. »Dann machst du einfach allein weiter, bis ich zu dir stoße«, sagte sie und grinste.
»Ich dachte, wir schauen uns später das Haus an, das Annika dir anbietet.«
Die Leichtigkeit verflog. Liv löste sich von ihm. »Hat sie dich also in Versuchung geführt?«
»Sylts Natur ist wunderbar. Wer träumt nicht davon, hier leben zu können? Wenn die Arbeit nicht wäre, also das Pendeln, und die hohen Kosten …«, sinnierte Sebastian.
Liv sah sich um. Irgendwo hier musste das Anwesen liegen, zu dem ihre Chefin sie beordert hatte. Himmel, Meer, dazwischen sich in die Dünen schmiegende Reetdachhäuser. Rantum lag an der schmalsten Stelle Sylts im unteren Drittel der Insel.
»Wenn Weststrand und Wattenmeer so auf Sylt einstürmen wie heute, wird einem die Fragilität der Insel besonders deutlich«, sprach Sebastian aus, was Liv durch den Kopf ging.
»Wenn man bedenkt, dass Sylt früher viel größer war! Flugsand und Sturmfluten haben Rantum schon in der Vergangenheit zu schaffen gemacht. Sechsmal musste der Ort neu erbaut werden.« Der Mensch hatte vielfach in die Natur rund um Rantum eingegriffen, nicht zuletzt durch den Bau des Rantumbeckens an der Ostseite, das sich vom eingedeichten Segelfliegerhorst zum Brutrefugium für Vögel gemausert hatte.
Liv schirmte die Augen gegen aufgewirbelten Sand ab. In den Mauerwinkeln und an den Gartentoren der umliegenden Häuser hatten sich bereits Sandverwehungen gebildet. »Wo ist denn nun diese Villa?«
Die Straße war lang, und beinahe hatten sie die vorderste Dünenreihe erreicht. Sie bogen in eine Sackgasse ab, in der das Meeresrauschen deutlich zu hören war. Sandkörner prasselten ihr ins Gesicht. Da ist es. Sie stieß hart die Luft aus.
Sebastian wechselte seinen Notfallkoffer, den er immer im Auto hatte, in die andere Hand. »Wer da wohl bestochen worden ist, um das Anwesen zu errichten! Da hat wieder Geld über Naturschutz und Vernunft gesiegt.«
»Stimmt, ist aber schon ein paar Jährchen her.« Liv hielt inne, um den Anblick in sich aufzunehmen. Auf der Düne thronten drei Gebäude. Weiß getüncht, mit sanierten Fenstern, aber verwittertem Reetdach. Ein lang gezogenes Haus mit drei Giebeln. Links und rechts davon zwei kleinere, reetgedeckte Querhäuser. Gebogene Metallzahlen an der Fassade verkündeten das Baujahr 1825. »Es muss eines der ältesten Anwesen der Insel sein. Im Stil ähnlich der Rantum-Inge auf der Wattseite des Ortes – und das ist das älteste Gebäude Sylts.«
»Benannt nach der berühmten Besitzerin …«, mutmaßte Sebastian. »Bin gespannt, mit welcher Politikerin wir es zu tun haben.«
»Eine Inge hat da nie gelebt. Di Ingi bedeutet ›die Wiese‹ auf Sölring«, sagte Liv abgelenkt.
Ein Fußweg führte auf ein grau gestrichenes Tor zwischen den Friesenwällen zu, aber sie nahmen den Abzweig zum südlichen Nebenhaus. In der Einfahrt zu einer Tiefgarage sammelte sich Flugsand; die Garage musste nachträglich ins Herz der Düne gegraben worden sein, was für ein Frevel! Jetzt sahen sie auch den schlichten Anbau, der das Quergebäude mit dem Haupthaus verband. »Etliche Politiker haben einen Wohnsitz auf Sylt oder verbringen die Ferien hier.«
»Das ist vermutlich nicht anders als bei den Ärztekongressen. Davon gibt es hier ja auch viele. Je begehrter die Location, desto beliebter der Kongress.«
Sie hatten das Grundstück kaum betreten, als auch schon ein in einen anthrazitfarbenen Anzug gekleideter Mann aus dem Querhaus trat, den Liv wegen der Tarnsprechgarnitur im Ohr sofort als Personenschützer identifizierte. Sein Aussehen entsprach dem verbreiteten Klischee: athletisch, kurz rasierte Haare, breite Schultern, etwas zu aufgepumpt. Sofort wollte er sie stoppen.
»Moin. KOK Lammers und Rechtsmediziner Dr. Gerlich. Frau Hasselbrecht erwartet uns«, nahm Liv ihm den Wind aus den Segeln.
Er musterte sie skeptisch, führte sie aber durch eine niedrige Tür ins Innere des Reethauses. Eine Küche war nicht zu sehen, aber es roch so intensiv nach Essen, als würde in diesem Haus gerade einiges gesotten und gebraten. Stimmen und Geschirrklappern waren zu hören.
Im ersten Zimmer, das von dem kargen Flur abging, saß Hilke Hasselbrecht an einem Tisch, auf dem sich zwei Bildschirme drängten. Der Raum war klein und eng. Aus der Einrichtung – Schreibtisch, aber auch Leitern und Werkzeuge – schloss Liv, dass es sich um eine Art Hausmeisterbüro handelte.
Hilke Hasselbrecht trug ein Tweedkostüm; ihr Kamelhaarmantel und die stilvolle Umhängetasche hingen über der Lehne ihres Stuhls. Die Leiterin der Mordkommission war immer damenhaft, aber heute wirkte sie besonders elegant. Ihre rötlich getönte Frisur sah aus, als habe sie das Wort Wind noch nie gehört. Liv strich ihre zerzausten Haarsträhnen zurecht. »Gut, dass Sie es einrichten konnten. Wenn Sie uns allein lassen würden, Sten?«, sagte Hasselbrecht.
Der Personenschützer warf ihnen einen unergründlichen Blick zu, schloss aber die Tür hinter sich. Sofort schien es in dem Raum muffig zu werden. Der Seeluft hielt kein Gebäude schadlos stand, ein so altes schon gar nicht.
Hilke Hasselbrecht hielt sich nicht mit Geplänkel auf. »Heute Morgen gegen 7.08 Uhr wurde Armgart Zabrowsky beim Wellenreiten vor Rantum von einem Taucher angegriffen. Er hat versucht, sie zu ertränken.«
Sebastian und Liv tauschten Blicke. Sofort ratterten Informationen durch Livs Kopf. Zabrowsky war einmal Landesjustizministerin von Schleswig-Holstein gewesen. Wenn sie sich recht erinnerte, war die Frau von Haus aus Juristin und zunächst als Staatsanwältin und Richterin tätig gewesen wie so viele Minister. In jüngster Zeit war es ruhiger um sie geworden. Liv glaubte sich zwar zu erinnern, Armgart Zabrowsky in den Medien gesehen zu haben. Ob bei einem Parteitag, als Aufsichtsrätin eines Unternehmens oder Vorständin eines Vereins wusste sie allerdings nicht mehr genau.
Gleich mehrere Fragen auf einmal schossen Liv durch den Kopf. Wenn man ein Attentat auf sie begehen wollte, warum wählte man dann einen derart aufwendigen und riskanten Weg? Ein Wellenreiter konnte einem Taucher leicht davonsurfen. Andererseits wäre ein unauffälliger Todesfall beim Wellenreiten, noch dazu im Spätherbst, vermutlich recht schnell als Unfall eingestuft worden. Was machte die Politikerin auf Sylt? Und, nicht zuletzt: Wo waren die Personenschützer der Ministerin zum Zeitpunkt des Angriffs gewesen? »Der Taucher wurde nicht gefasst?«, fragte sie.
»Nein. Er konnte entkommen. Die Security-Leute haben den ganzen Strand abgesucht. Keine Spur von dem Attentäter. Ich habe Armgart und ihre Personenschützer befragt und bereits erste Ermittlungen angestellt. Es gibt zwei Webcams, die den Rantumer Strand zeigen: eine auf der Höhe des Campingplatzes, die zweite beim Strandaufgang am Restaurant Strandmuschel. Ich versuche gerade herauszufinden, ob die Aufnahmen gespeichert werden. Die Überwachungskamera der Villa zeigt in dieser Richtung nur das Grundstückstor und den Beginn des Strandwegs. Auf den Aufnahmen sind lediglich Armgart und Sten zu sehen.«
Liv war versucht, ihr Handy herauszuholen und ihr Wissen mit einer schnellen Internetrecherche über die frühere Ministerin aufzufrischen. Bei der nächstbesten Gelegenheit würde sie ihre Freundin Katharina fragen, die schon immer auf Sylt lebte und alles über die politische Landschaft Schleswig-Holsteins wusste.
»Wie schwer wurde Frau Zabrowsky verletzt?«, fragte Sebastian.
»Schürf- und Schnürwunden. Außerdem hustet sie Blut. Sie war offenbar ziemlich lang unter Wasser, ehe sie gerettet werden konnte. Glücklicherweise hat Sten bemerkt, dass etwas nicht stimmt, und ist zu Armgart gekrault; er war einmal Kampfschwimmer. Armgart geht jeden Morgen zum Wellenreiten, wenn sie auf Sylt ist und das Wetter es zulässt.«
Was sie ja schon mal sympathisch macht.
»Das erklärt einiges«, sagte Liv. Ihre Chefin schien gut mit der Politikerin bekannt zu sein, wenn sie von ihr als Armgart sprach. »Sie sind mit Frau Zabrowsky befreundet?«
Hilke Hasselbrecht lächelte dünn. »Wir sind beinahe gleich alt. Während Armgarts Zeit als Staatsanwältin und Richterin hatten wir viel miteinander zu tun und freundeten uns an. Armgart lädt mich bis heute regelmäßig zu ihren Soiréen ein. Sie vertraut mir. Wir werden daher für die Dauer der Beratungen unauffällig ermitteln, während die Security ihre Sicherheitsvorkehrungen erhöht, damit es zu keinem weiteren Vorfall kommen kann.«
Regentropfen schlugen hart gegen das Fenster. »Warum werden die Ermittlungen nicht dem LKA übergeben, wie es bei politisch motivierter Kriminalität üblich ist?«
»Bislang weiß niemand außer Armgarts engsten Mitarbeitern von dem Vorfall. Armgart hat gestern hier ihren sechzigsten Geburtstag gefeiert und einige ihrer Gäste anschließend zu Beratungen geladen, die das ganze Wochenende andauern sollen. Der Termin ist günstig, da mehrere Bundesländer durch den Feiertag ein langes Wochenende haben. Sie will nicht, dass die Gespräche beeinträchtigt werden. Das Ergebnis sei wichtig für ganz Schleswig-Holstein, sagt sie.«
»Wie viele Gäste waren gestern hier? Was ist mit den anderen, die nicht bei den Beratungen sind?«
»Gestern waren wir etwa vierzig, heute sind es deutlich weniger. Die anderen sowie die Partner und Familien der Beratungsteilnehmer hat Armgart in Hotels untergebracht. Sie sollen sich auf der Insel entspannen, während hier beraten wird. Ich selbst wollte ursprünglich heute Morgen abreisen.«
Dass Hasselbrecht in der Villa der Politikerin untergebracht war, war ein weiteres Zeichen dafür, wie eng das Vertrauensverhältnis zwischen ihr und Zabrowsky war. »Worum geht es bei den Beratungen?«, hakte Liv nach.
Hilke Hasselbrecht beobachtete auf dem Bildschirm, wie sich ein Koch und weitere Personen in einer geräumigen Küche bewegten. »Das ist mir nicht bekannt«, gab sie schließlich zu. »Wie gesagt: Ich wollte abreisen. Armgart ist nicht verpflichtet, den Anschlag zu melden. Ich ermittle also informell, als Freundin. Ich weiß, von Ihnen als meiner Mitarbeiterin kann ich nicht verlangen –«
Liv unterbrach sie. »Schon gut.« Sie spürte Sebastians Blick auf sich. Kam ihr das hier wirklich nur allzu gelegen, weil sie für sie schwierigeren Themen aus dem Weg gehen wollte? »Ihnen ist nichts aufgefallen? Weder gestern bei der Feier noch heute Morgen?«
Hilke Hasselbrecht schüttelte den Kopf. »Ich bin die letzten Tage immer wieder durchgegangen. Bei der Feier bin ich Zeugin zweier unschöner Vorfälle geworden. Mit Pascal Donsenger, dem Geschäftsführer eines führenden Bauunternehmens, hatte Armgart einen hitzigen Wortwechsel. Darüber hinaus hatte sich dieser Sylt-Vlogger mit einer gefälschten Einladung Zutritt zur Feier verschafft; glücklicherweise habe ich ihn erkannt. Armgart wollte nur ein autorisiertes Foto von ihrer Geburtstagsfeier herausgeben und ansonsten ihren Gästen und sich selbst ein unbeobachtetes Vergnügen gönnen. Ganz ohne Presse.«
»Worüber haben Frau Zabrowsky und Herr Donsenger gestritten?«
»Das weiß ich nicht. Er ist aufbrausend, und sie kann schroff sein. Wenig später lagen sie sich wieder in den Armen.«
»Der Streit war also nicht so gravierend, dass Donsenger als Täter infrage käme?«
Hasselbrecht wog ihre Antwort ab. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Allein die Statur. Der Aufwand. Die nötige Fitness. Alles spricht dagegen.«
»Der Attentäter könnte es wieder versuchen. Wurde Frau Zabrowsky schon in der Vergangenheit bedroht? Ich meine, mehr als üblich?«, fügte Liv an. Heutzutage schienen alle Politiker unter Beschuss zu stehen. Die politisch motivierte Kriminalität in Deutschland hatte einen neuen Höchststand erreicht.
»Ich glaube schon, weiß aber nichts Genaues. Noch nicht. Armgart hat mal so etwas erwähnt. Die Gewaltbereitschaft Politikern gegenüber nimmt zu, der Respekt nimmt ab. Eine gefährliche Kombination.«
»Aber auf Sylt –«, wollte Sebastian einwenden.
»Sylt ist ein Rückzugsort für viele hochgestellte Persönlichkeiten. Auch Armgart hat sich auf der Insel sicher gefühlt. Wir werden uns später eingehend mit den Personenschützern und dem Personal unterhalten.«
»Mit wie vielen Menschen haben wir es zu tun?« Liv verkniff es sich, die in der Villa Anwesenden als Verdächtige zu bezeichnen, obgleich sie es sein könnten. Der Attentäter hatte um die Gewohnheiten der Politikerin gewusst. Wenn sie allerdings jeden Morgen surfte, könnte auch ein Fremder sie beobachtet haben.
»Dreizehn, außerdem Armgart und ich.«
Die Scheibe des kleinen Fensters begann an den Rändern zu beschlagen. Von hier aus konnte man in den Eingangsbereich des Haupthauses sehen. »Alle sind in der Villa der Ministerin untergebracht? Es ist ein ungewöhnlich großes Anwesen, selbst für Sylter Verhältnisse.«
Hasselbrecht neigte bedächtig das Haupt. »Armgarts Vater besaß ein bedeutendes Fischerei-Unternehmen in Kiel. Es heißt, er machte die Errichtung einer neuen Fabrik in Schleswig-Holstein von der Erweiterung dieses Anwesens abhängig. Die Villa ist alt, wurde aber ausgebaut. Die Anbauten stammen aus der Zeit nach diesem Deal, also aus den Siebzigerjahren, obgleich sie älter aussehen. Das Haupthaus hat mindestens acht Schlafzimmer. Das Personal ist hier und im gegenüberliegenden Querhaus untergebracht.«
Acht Zimmer entsprach der Größe eines exklusiven Boutique-Hotels. Auch aus der Rantum-Inge sollte irgendwann ein Hotel gemacht werden, fiel Liv ein. Als ob die Insel nicht genügend Gästeunterkünfte hatte!
Schnaubend schob Liv den Finger in ihren Rollkragen; es war ganz schön stickig hier. »Das ist nicht das erste Mal, und es wird auch nicht das letzte Mal sein, dass auf Sylt Baugenehmigungen dubios vergeben werden. Auch Schlumpfhausen ist von einem Kieler Bauunternehmer viel zu nah ans Meer ins Naturschutzgebiet gebaut worden.«
»Schlumpfhausen?«, fragte Hilke Hasselbrecht abgelenkt, die eine Nachricht in ihr Handy tippte.
»So haben wir als Jugendliche die Kersig-Siedlung in den Hörnumer Dünen genannt.«
Hasselbrecht war fertig und erhob sich. »Die Zugänge zur Villa sind gesichert, das habe ich heute Morgen mit Sten überprüft. Die Beratungen beginnen um elf Uhr. Sie sollten vorher noch schnell die Verletzungen begutachten, Sebastian.«
Durch den Anbau gingen sie ins Haupthaus. Dicke Teppiche, freiliegende Deckenbalken, Gemälde und exklusive Möbel verdeutlichten, dass man bei der Einrichtung an nichts gespart hatte. Maritimer Stil mischte sich in die gediegene Gemütlichkeit eines Friesenhauses. Es gab sogar Wandpaneele aus Seefahrerzeiten. In der Diele, die sich zur Halle öffnete, prasselte ein Kamin, vor dem samtbezogene Ohrensessel mit Fußhockern standen. Lackierte Holztreppen führten ins Obergeschoss und in den Keller.
Im Vorbeigehen öffnete eine hübsche junge Frau mit kastanienbrauner Hochsteckfrisur, weißer Bluse und schwarzer Schürze die Tür zu einem Salon, der so groß zu sein schien wie das Kapitänshaus, in dem Liv mit Elise und Sanna lebte. Ein Kellner schickte sich an, ein Frühstückstablett in den ersten Stock zu tragen. Gesprächsfetzen drangen an Livs Ohr.
Hilke Hasselbrecht führte sie durch den Flur des Erdgeschosses und blieb erst am anderen Ende des Hauses an einer Tür stehen. Eine etwa dreißigjährige Frau im Anzug nahm sie in Empfang. Durch den blondierten Pagenkopf konnte man sehen, dass auch sie über eine Tarnsprechgarnitur im Ohr verfügte. Die bodentiefen Fenster des Raums öffneten sich an der Hausecke zur Nordsee hin. Offenbar hatte man sich auch hier über den Denkmalschutz hinweggesetzt, doch der Effekt war spektakulär. Es sah aus, als würde man direkt in den Dünen sitzen. Über das Meer zogen dichte Regenschleier.
Armgart Zabrowsky saß auf einer stilvollen Wohnlandschaft und hatte die Füße hochgelegt. Ein Mann von etwa dreißig Jahren mit karamellfarbenem Haar und Jackett über Pullunder und Oberhemd reichte ihr soeben eine Tasse. Vor ihr auf dem Beistelltisch lag ein Tabletcomputer.
Liv hatte Armgart Zabrowsky bislang nur auf Fotos oder im Fernsehen gesehen und war erstaunt, dass die Politikerin kleiner und zierlicher war, als sie in den Medien wirkte. Dennoch umgab sie eine Aura von Kühle und Entschlossenheit. Die Frau trug ein Businesskostüm mit enger Taille und weiten Hosenbeinen, High Heels, dazu eine Wasserfallkette, breite Armbänder und diverse Ringe. Sie war sorgfältig geschminkt, die schulterlangen dunkelbraunen Haare ohne eine graue Strähne. Dass sie morgens hatte surfen wollen, wunderte Liv. Immerhin war ihre Figur sehnig-sportlich. Die Handrücken und Finger waren von Striemen gezeichnet.
Hilke Hasselbrecht stellte sie der Hausherrin vor und wandte sich dann an Liv und Sebastian. »Kim Alms ist Chauffeurin und Personenschützerin, und das hier ist Benedikt Vook, Armgarts persönlicher Assistent. Sten Kalkhoff haben Sie ja bereits kennengelernt.« Dann wandte sie sich Zabrowsky zu. »Dr. Gerlich möchte sich deine Verletzungen anschauen und dokumentieren.«
Die Politikerin winkte ab, wobei ihre Armreifen klimperten. »Nicht nötig. Das ist nichts, nur ein Kratzer.«
»Dennoch ist es wichtig, sie für die weiteren Ermittlungen und eine mögliche Anklage zu dokumentieren – das weißt du so gut wie ich. Außerdem würde ich es nicht nichts nennen, wenn du nach wie vor Blut hustest.« Hilke Hasselbrecht wies auf das befleckte Taschentuch, das die Finger der Politikerin umschlossen hielten.
»Papierkorb, Benedikt. Bitte.« Sofort kam der Assistent dem Wunsch nach. Armgart Zabrowsky warf das Tuch weg. »Die wunde Kehle durch das Salzwasser verheilt schon wieder.«
Benedikt Vook zog sich an den Rand des Zimmers zurück. Liv fiel auf, dass der Assistent ein Bein leicht nachzog. Er bemerkte ihren Blick. »Sie brauchen gar nicht so misstrauisch zu starren. Ich bin nicht verletzt, sondern ein Mensch mit Behinderung«, erklärte er steif.
Liv war sicher, nicht gestarrt zu haben. »Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Danke für die Information, dann weiß ich Bescheid«, sagte sie dennoch.
Kim Alms half der Politikerin behutsam, die Hose hochzuziehen. Von den Waden bis zu den Knöcheln reichten blaurote Striemen, die Sebastian sorgfältig in Augenschein nahm. »Wenn ich auf Sylt bin, gehe ich jeden Morgen zum Wellenreiten«, berichtete die Politikerin. »Sten wartete wie stets am Ufer. Doch sobald ich draußen war, spürte ich, dass etwas anders war.« Ausführlich beschrieb Armgart Zabrowsky ihre Beobachtungen und den Angriff. »Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Wenn Sten nicht gewesen wäre, wäre ich jetzt tot.«
»Sie haben nichts erkennen können?«, fragte Liv.
»Gar nichts.«
»Das sind eindeutig Fesselspuren«, sagte Sebastian. Er vermaß und fotografierte die Verletzungen.
»Eine brillante Analyse. Sehr hilfreich.« Zabrowskys sarkastischer Ton ließ Sebastian die Stirn runzeln.
»Die Schlinge ist verschwunden?«
Hilke Hasselbrecht zog zwei Klarsichtbeutel aus ihrer Handtasche. »Die Schlinge und den Klettverschluss samt durchschnittener Leine habe ich sichergestellt, beides hing noch an Armgarts Bein fest.«
Warum hatte sie ihr diese Spuren nicht früher gezeigt? Liv nahm ihr die Beutel ab und betrachtete den Inhalt eingehend. Die Leash war mit einem scharfen Messer in der Nähe des Ankle Strap sauber durchtrennt worden. Das Material der Schlinge war breiter und fester, schwarz, mit einem schmalen hellen Streifen und erinnerte Liv an etwas.
»Sind wir dann fertig? Meine Gäste erwarten mich gleich. Hast du mein Redemanuskript überarbeitet, Benedikt?«
»Auf deinem Tablet findest du die aktuelle Version.«
»Die Wunden müssen noch einmal desinfiziert werden«, sagte Sebastian.
»Nicht jetzt.«
»Wollten Sie einen Arzt oder nicht?«, fragte Sebastian streng. »Außerdem möchte ich die Lunge abhören.«
Widerstrebend fügte sich Armgart Zabrowsky seinem Wunsch. Sebastian sah ihr darüber hinaus in Mund und Hals. »Da Sie Salzwasser eingeatmet haben, sind die Bronchien und das Lungengewebe gereizt. Sicherheitshalber sollten Sie einen Facharzt aufsuchen«, riet er.
»Danke für den Hinweis, Herr Doktor.« Zabrowsky ließ sich das Tablet reichen. »Das wird in den nächsten Tagen nicht ganz oben auf meiner Prioritätenliste stehen. Vielleicht am Montag.«
Sebastian packte kopfschüttelnd seine Utensilien zusammen. »Eine Cortisontherapie ist angeraten. Wenn Sie Fieber bekommen, ist das ein Zeichen, dass Sie sich eine bakterielle Infektion zugezogen haben, dann ist eine Antibiose notwendig.«
Armgart Zabrowsky sah ihn nicht an. »Benedikt wird sich eine dahingehende Notiz machen.«
»Eines noch kurz, Armgart«, hielt Hilke Hasselbrecht sie auf.
Sebastian klappte seinen Notfallkoffer zu und wandte sich zur Tür. Knapp verabschiedeten Liv und er sich, dann kehrte sie zu ihrer Chefin zurück.
»Hast du eine Theorie, wer für den Angriff verantwortlich sein könnte?«, fragte Hasselbrecht.
»Nein. Als Ministerin, als Richterin, als Staatsanwältin und auch bei meinen anderen Tätigkeiten in den letzten Jahren habe ich mir aber vermutlich hier und da auch Feinde gemacht. Drohbriefe oder -Mails gibt es immer wieder, da können Sten und Kim dir weiterhelfen. Von meiner Gewohnheit, morgens zum Wellenreiten zu gehen, wissen mein engster Kreis, aber auch Nachbarn – oder jeder, der mich beobachtet.«
»Ist dir gestern etwas aufgefallen? War etwas verdächtig?«, fragte Hilke Hasselbrecht.
»Es war eine ganz normale Geburtstagsfeier mit Freunden und solchen, die es werden wollen.« Zabrowsky lächelte schmal. »Du warst doch dabei.«
»Mir fällt der Streit mit Donsenger ein. Der ungebetene Besuch des Sylt-Vloggers.«
»Beides irrelevant. Du kennst doch Pascal. Der braust leicht auf und regt sich genauso schnell wieder ab.«
Und der Vlogger will eine Story für seine Berichterstattung. Keinen tödlichen Unfall, der abseits der Öffentlichkeit vonstattengeht und über den er nicht berichten könnte, dachte Liv. Fraglich also, ob er ein Motiv für einen Anschlag haben könnte.
Hilke Hasselbrecht überlegte. »Könnte der Angriff mit den Beratungen an diesem Wochenende zu tun haben?«, fragte sie so zögerlich, wie Liv es nicht von ihr kannte.
Armgart Zabrowsky antwortete spontan. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Niemand außer meinen Gesprächspartnern weiß, worum es gehen wird. Und das soll auch so bleiben«, sagte sie kühl und wischte mit dem Finger über das Tablet.
Liv warf ihrer Chefin einen kurzen Blick zu. Wer waren die Gäste? Warum diese Geheimhaltung? Wusste Hasselbrecht wirklich nichts? Aber warum war sie dann überhaupt noch hier?
Benedikt Vook hielt der Politikerin den Arm hin, damit sie sich einhaken konnte, doch sie wollte nicht. Sten Kalkhoff wollte ebenfalls helfen, aber die Politikerin ließ sich lieber von Kim Alms stützen. Die Verletzungen schienen beim Gehen mehr zu schmerzen, als sie eingestehen mochte.
Die Ermittlerinnen folgten ihnen zum Salon, in dem Zabrowsky bereits erwartet wurde. Sie bat sie mit hinein und wies ihnen einen Platz neben der Tür zu. Die vier Männer und Frauen mittleren Alters registrierten Zabrowskys Auftritt überrascht und auch ein wenig besorgt. Liv erkannte auf den ersten Blick niemanden.
»Sorgen Sie sich nicht! Es gab heute Morgen zwar einen Anschlag auf mein Leben, der umfangreiche Untersuchungen nach sich ziehen wird, aber mir ist dabei nicht viel passiert«, verkündete Armgart Zabrowsky sogleich. »Diese Untat sollte unsere Pläne an diesem Wochenende also nicht überschatten. Wir haben die Sicherheitsvorkehrungen verstärkt.« Sie machte eine lässige Handbewegung zu Hilke Hasselbrecht und Liv, wandte sich dann aber wieder ihren Gästen zu. »Wir haben Wichtiges zu beraten! Und als echte Nordlichter lassen wir uns doch von etwas Gegenwind nicht einschüchtern, oder?«
Mit einem Nicken komplimentierte die Politikerin die Ermittlerinnen hinaus. Benedikt Vook schloss die Tür hinter ihnen. Liv hasste Geheimnistuerei und hätte zu gern gewusst, wer die Gäste waren und worüber sie beraten würden. Doch da auch ihre Chefin keine Anstalten machte, sie wenigstens über die Namen zu informieren, würde sie sich wohl vorerst gedulden müssen.
»Ich würde gern zunächst mit Sten Kalkhoff sprechen und mir anschließend den Strandabschnitt ansehen«, sagte Liv.
»Dann schaue ich den Rest der Überwachungsaufnahmen durch, und wir sprechen später gemeinsam mit Frau Alms über die Drohbriefe«, stimmte Hilke Hasselbrecht zu.
Liv fand den Personenschützer in der Diele der Villa, wo dieser mit Kim Alms diskutierte. Widerwillig erklärte er sich bereit, mit ihr den Strand aufzusuchen. »Kim ist noch relativ neu, die kann ich nicht lang allein lassen. Frau Zabrowsky verlässt sich auf mich.« Kim öffnete empört den Mund, doch er kanzelte sie brüsk ab: »Mach dich an die Arbeit.« Als sie gegangen war, streckte er die Hand aus. »Ich muss Ihnen das Smartphone abnehmen. Hier darf keiner außer uns Mobiltelefone haben. Selbst die Gäste werden dazu angehalten, die Smartphones für die Dauer des Aufenthalts wegzulegen, wie es bei Unplugged-Hochzeiten der Fall ist.«
Spinnt der? »Auf keinen Fall gebe ich mein Handy ab.«
Sein Blick wurde so kühl, dass Zarterbesaitete gefröstelt hätten. »Doch, Sie müssen. Die Gespräche sind vertraulich. Alle Mitarbeiter mussten eine Geheimhaltungsklausel unterschreiben und ihre Smartphones abgeben. Auch Sie werden das tun.«
Liv verschränkte die Arme. »Wollen Sie mich dazu zwingen? Eine Polizistin? Das würde ich mir an Ihrer Stelle noch einmal überlegen.«
Kalkhoff gab eine Art Knurren von sich, ließ es aber dabei bewenden. Aus einer versteckten Garderobe holte er seinen Windmantel. Als er ihn überzog, sah Liv das Schulterholster unter seinem Jackett aufblitzen. »Ich nehme an, Sie haben einen Waffenschein, oder soll ich das überprüfen lassen?«
»Überprüfen Sie mich, so lange Sie wollen. Das macht ihr Beamten doch ohnehin gern.«
Das werde ich tun, sicher ist sicher.Wir werden wohl keine Freunde mehr.
Er kniff die Augen zusammen, presste dann hervor: »Bedarfsschein vom Arbeitgeber, bestandene Waffensachkundeprüfung, behördlicher Waffenschein, psychologisches Gutachten, regelmäßiges Schießtraining und ein zertifizierter Waffenschrank Widerstandsgrat 0 – alles vorhanden.«
»Den Bedarfsschein gibt es nur, wenn die Schutzperson von der Polizei als sehr gefährdet eingestuft wird. Dennoch muss Frau Zabrowsky private Personenschützer engagieren?«
»So sieht’s aus.« Sten Kalkhoff eilte ihr über einen gekiesten Fußweg voraus.
Das war ungewöhnlich. »Ich möchte nachher den Waffenschrank in Augenschein nehmen.« Das Nicken war kaum zu erahnen. Liv sah nur Sten Kalkhoffs bemützten Hinterkopf. In den Dünen schlugen heftige Böen Sand und Dünengräser gegen Livs Beine. Nach wenigen Schritten breitete sich das Meer vor ihnen aus. Der Wind hatte weiter zugelegt. Weiße Schaumgirlanden tanzten auf den Wellen. Windstärke sieben, mindestens. Ein einsamer Spaziergänger führte seinen Hund aus. »Wie lange arbeiten Sie schon für Frau Zabrowsky?«
Konzentriert suchte Kalkhoff den Strand ab. »Seit ihrer Zeit im Schleswig-Holsteinischen Landtag.«
»Sie waren früher Kampfschwimmer?«
»Ist lange her, weiß auch kaum jemand. Für eine Person, die sich nicht dafür interessiert, ob der Badestrand bewacht oder das Rettungsschwimmerhäuschen besetzt ist, aber nicht unwichtig.«
»Wollen Sie damit sagen, dass Frau Zabrowsky unnötige Risiken eingeht?«
Sten Kalkhoff zog die Augenbrauen weiter zusammen. »Das habe ich nicht gesagt. Zur Risikominimierung hat sie mich. Und Kim.« Sein Ton war sachlich.
Sie hatten den Spülsaum erreicht. Pudersand, Muscheln und vereinzelte Vögel. Liv hielt Abstand, denn das Meer brandete unberechenbar gegen die Küste. Sie musste die Stimme heben, um gegen das Getöse anzukommen. »Wie ist der Morgen abgelaufen?«
»Frau Zabrowsky wollte gleich nach dem Aufstehen an den Strand. Sie frühstückt nicht, trinkt nur einen Kaffee. Ich bin ihr in einigem Abstand nachgegangen. Sie will morgens in Ruhe gelassen werden. In den Dünen und am Strand war niemand zu sehen. Sie ist mit ihrem Board ins Wasser gegangen. Völlig verrückt, wenn Sie mich fragen.« Es war seine erste persönliche Bemerkung und dazu ziemlich flapsig.
»Wann haben Sie bemerkt, dass etwas nicht stimmt?«
Eine Welle knallte an den Strand, und sie mussten zurückspringen, um trockene Schuhe zu behalten. Ohnehin drang die salzige Feuchtigkeit des Meeres durch ihre Kleidung und legte sich klebrig auf ihre Haut.
»Frau Zabrowsky war etwa zwanzig Meter weit draußen, da sah ich etwas Dunkles aufblitzen. Ich hielt es zunächst für einen auf den Wellen treibenden Vogel oder einen auftauchenden Fisch und brauchte einen Moment, um die Bedrohung zu erkennen.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Ich warf Ballast ab. Als sie um Hilfe schrie und in die Tiefe gerissen wurde, war ich bereits im Meer.«
»Unglaublich, dass Sie sie dort gefunden haben. Die aufgewühlte See, schlechte Sicht, unter Wasser …«
»Kampfschwimmer beginnen dort, wo andere nicht mehr weiterkönnen. Außerdem sah ich ein Licht aufblitzen, die Luftblasen, und das Board trieb in der Nähe, obgleich der Angreifer die Leine durchtrennt hatte«, berichtete Kalkhoff mit durchgedrückter Brust.
»Das Licht stammte von einer Stirnlampe?«
»Vermutlich. Er muss ja die Hände frei gehabt haben für den Tauchscooter oder etwas Ähnliches.« Auf Livs fragenden Blick setzte er hinzu: »Unterwasser-Antriebssysteme sind inzwischen handlich und bei jedem gut sortierten Sporthändler erhältlich.«
»Wie kommen Sie darauf, dass der Angreifer ein derartiges Gerät hatte?«
Konsterniert sah der Personenschützer sie an. »Wäre er nur mit Muskelkraft unterwegs gewesen, hätte ich ihn erwischen können. Aber er war schnell. Ich gehe auch davon aus, dass der Attentäter eine Mini-Tauchflasche hatte. Die normalen Sauerstoffflaschen sind für eine Flucht ungeeignet – er hätte sie zurücklassen müssen.«
»Die Verfolgung wäre ohnehin schwierig gewesen. Sie mussten sich ja auch um Frau Zabrowsky kümmern.«
Sten Kalkhoff nickte grimmig. »Frau Zabrowsky hatte selbstverständlich Priorität. Ich schleppte sie an Land und zur Villa, wo Kim uns zu Hilfe kam. Spät genug. Sofort eilte ich zurück an den Strand und suchte ihn ab, aber der Angreifer war verschwunden, und frische Fußspuren waren nicht zu entdecken.«
Liv spähte den endlosen Strand entlang. Der Attentäter hätte überall an Land gegangen sein können. Bedauerlich, dass sie keine Suchhunde einsetzen konnten, um eine Spur des Angreifers zu finden. Aber erstens wollte die Ex-Ministerin Aufsehen vermeiden, zweitens fehlte eine Geruchsprobe des Täters.
Sten Kalkhoff blickte zum Haus, das über die Dünenkante lugte. Er wirkte nervös. »Ich muss zurück«, sagte er.
Liv hauchte in ihre Hände. »Haben Sie eine Theorie, wie der Fluchtweg des Täters ausgesehen haben könnte? In seinem Taucheranzug und mit dem Scooter wäre er aufgefallen, deshalb fällt der Strandaufgang in der Ortsmitte vermutlich weg, wo er zwischen den Häusern und an dem Restaurant Strandmuschel hätte vorbeigehen müssen.«
»Vermutlich hat er irgendwo ein Auto mit Wechselkleidung geparkt – unauffällig und zugleich so, dass eine ungehinderte Flucht möglich war«, sagte Kalkhoff, der sich das offenbar schon gefragt hatte. »Oder er hat die Ausrüstung irgendwo vergraben und ist in Badehose geflohen. Seit das Eisbaden ein Trend ist, sieht man ja zu jeder Jahreszeit Leute ins Wasser hüpfen.«
»Das ist auf Sylt kein Trend, sondern war schon immer so«, sagte Liv. »Könnte der Angriff mit den Gesprächen zu tun haben, zu denen Frau Zabrowsky geladen hat?«
»Das Thema unterliegt der Geheimhaltung.«
Diese Antwort hätte ich mir denken können.
Der Personenschützer stapfte davon. Sie würde sich auf ihre eigene Wahrnehmung verlassen müssen.
Liv rekapitulierte in Gedanken, wo sich die nächsten Parkplätze befanden, und wandte sich dann südwärts. Der Wind riss an ihrer Kleidung und biss in ihre Haut. Sandverwehungen verwischten die Fußabdrücke. Vermutlich war der Täter schnurstracks zu den Dünen geeilt, deshalb suchte sie zunächst dort nach entsprechenden Spuren. Mit der schweren Ausrüstung dürfte er einen Sandweg gesucht haben und nicht querfeldein gelaufen sein.
Sie erreichte den Strandaufgang Taatjem Deel, marschierte am Bistro vorbei und zum Parkplatz, bemerkte aber nichts Auffälliges. Das Bistro selbst war geschlossen. Am besten wäre es, wenn einer der Personenschützer oder ein Polizist den Strand morgen zu genau der Zeit aufsuchen würde, zu der sich der Angriff ereignet hatte – vielleicht waren Spaziergänger regelmäßig zu diesem Zeitpunkt unterwegs. Der Umstand, dass dieser Abschnitt als Hundestrand ausgewiesen war, war vielversprechend. Menschen mochten bei Schietwetter ihren Spaziergang verschieben, aber Hunde mussten raus. Sie dachte an ihren Hund Zorro, den sie bei Peet im Haus gelassen hatten und um den sich jetzt Sebastian kümmern würde. Regen setzte ein. Ihre Lederjacke und ihre Jeans waren in Rekordzeit durchnässt, und Liv sehnte sich auf einmal heftig danach, mit Sebastian und Zorro auf dem gemütlichen Sofa sitzen und Tee schlürfen zu können. Sie stellte sich unter das Dach des Bistros und zückte ihr Handy, um ihrem Freund eine Nachricht zu schicken.
Auf dem Rückweg lief sie nah der Dünenkante den Strand entlang. Obgleich der Regen den Sand verfestigte, sanken ihre Füße doch tief ein, und jeder Schritt wurde schwerer. Sie betrachtete die wild bewachsene Düne unter der Politikervilla und stapfte weiter, am Strandaufgang am Luxushotel Söl’ring Hof vorbei – als Fluchtweg zu auffällig –, bis zur Strandsauna und der Holzbude der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft, die sich trotzig dem Sturm entgegenstellte.
Der Himmel öffnete weiter die Schleusen, und Liv flüchtete unter die auf Stelzen stehende Bude. Nachdenklich blies sie Regentropfen weg, die sich an ihrer Nasenspitze sammelten. Gänsehaut überzog ihren Körper. Ihre Füße wurden in den durchweichten Schuhen kalt. Vielleicht hätte sie doch nicht auf Hasselbrechts Bitte eingehen sollen. Was stellte ihre Chefin sich eigentlich vor? Und wie lange sollte das hier gehen, bevor sie endlich die Kollegen vom LKA einschaltete? Nun, notfalls würde sie Sebastian darum bitten müssen, ihr Wechselklamotten vorbeizubringen.
Sobald der Regen etwas nachließ, stieg sie über die Holzleiter auf die Dünenkuppe. Der Fußweg durchschnitt das Naturschutzgebiet Breergtaad und führte zur Landstraße. An der Mündung schlossen sich Bushaltestellen und der Rantumer Campingplatz mit einem kleinen Parkplatz an. So dicht hingen Wolken und Regenschleier, dass sie das Rantumbecken und das Wattenmeer auf der anderen Seite der Insel kaum erkennen konnte.
Nein, auch dies war vermutlich nicht der Fluchtweg gewesen. Liv stopfte einige verwehte Haarsträhnen zurück unter die Mütze, wischte die Nässe in einer hilflosen Geste von der regenschweren Lederjacke und machte sich auf den Rückweg. »Kommt jetzt auch nicht mehr darauf an«, knurrte sie, als der Wettergott noch einen Gang hochschaltete.
Auf dem Rückweg zur Villa klingelte sie an den nahe gelegenen Häusern, um nachzufragen, ob jemand den Taucher gesehen hatte, doch in vielen brannte zwar Licht, aber niemand öffnete; vermutlich Zweitwohnungsbesitzer mit Smart-Home-Systemen, die Einbrecher abschrecken sollten. Einzig in einem kleinen Reetdachhaus, das inseleinwärts neben Zabrowskys Villa lag, kläffte ein Hund. Nach mehrfachem Klingeln öffnete ein sehniger Herr mittleren Alters, der eine Pfeife in der Hand hielt.
»Moin, ich habe schon gefürchtet, ihr Hund sei auch eine Attrappe«, sagte Liv.
»Der ist ganz echt, echter geht’s gar nicht.« Der bullige Neufundländer schob seinen Besitzer weg und beschnüffelte Liv. »Cecil, lass das!«, schimpfte der Mann.
»Das macht nichts. Ich mag Hunde.« Liv strich dem Tier durch das weiche Fell.
Der Mann sog an der Pfeife, aber keine Rauchwolke kam heraus. »Sie sollten lieber schnell nach Hause gehen – in dem Zustand holen Sie sich eine Erkältung, und der richtige Orkan soll erst noch kommen. Alles rot auf der Unwetterkarte.«
»Oha. Das ging ja schnell.«
Prüfend blickte er in seine Pfeife. »Auch Meteorologen können sich verschätzen. Wettervorhersage scheint noch immer keine exakte Wissenschaft zu sein.«
Hoffentlich hatte Sebastian das mitbekommen und trieb sich nicht mit Zorro draußen herum, wenn es losging. Sie entschied sich für Ehrlichkeit. »Ich bin von der Polizei und wollte fragen, ob Ihnen heute Morgen etwas aufgefallen ist.«
