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Auf dem Weg zur Freiheit wird Mut zum leuchtenden Wegweiser – die große historische Saga in einer von Wandel geprägten Zeit.
1914: Torie sehnt sich nach mehr als nur Tochter und Ehefrau zu sein. Sie möchte selbst anpacken und kämpft darum, Automechanikerin zu werden. Als der Automobilhersteller Citroën die erste Durchquerung Afrikas mit Fahrzeugen plant, will sie unbedingt Teil dieser Expedition sein.
Clarissa ist Malerin aus Leidenschaft. Doch in der Ehe mit Tories Bruder Maurice merkt sie, dass sie nicht die Freiheiten hat, um ganz sie selbst zu sein, und macht sich auf nach Paris.
Mia musste sich schon immer alles hart erkämpfen. Als Krankenschwester setzt sie sich deshalb für die Rechte von Frauen ein – bis sie Maurice begegnet, der ihre geordnete Welt auf den Kopf stellt …
Drei Frauen, verbunden in ihrer Sehnsucht nach Freiheit und durch den Mut, alles für ihre Träume zu wagen.
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Seitenzahl: 731
Veröffentlichungsjahr: 2023
Auf dem Weg zur Freiheit ist Mut der leuchtende Wegweiser. – Die große historische Saga in einer von Wandel geprägten Zeit.
1914: Unternehmertochter Torie Belrose aus Paris weigert sich, ein Leben als Ehefrau zu akzeptieren, sondern kämpft für ihren großen Traum: eine Ausbildung zur Automechanikerin. Als sie erfährt, dass der Automobilhersteller André Citroën die erste Durchquerung des afrikanischen Kontinents mit Fahrzeugen plant, steht für sie fest, dass sie Teil dieser unglaublichen Expedition sein will.
Tories Freundin Clarissa ist Malerin aus Leidenschaft und genießt die wunderbare Welt der Münchner Künstlerkreise. Als Ehefrau an der Seite von Tories Bruder Maurice merkt sie jedoch, dass sie frei sein muss, und macht sich auf nach Paris.
In den Straßen von Berlin musste sich Mia schon von klein auf alles hart erkämpfen. Mutig beginnt sie eine Ausbildung zur Krankenschwester und setzt sich mit Hingabe für die Rechte der Frauen ein. Dabei trifft sie Tories Bruder wieder, dem sie seit dem Weltkrieg nicht mehr begegnet ist …
Drei Frauen, verbunden durch ihre Sehnsucht nach Freiheit und ihren unaussprechlichen Mut.
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Patricia Theisen
Roman
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Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.
Redaktion: Margit von Cossart
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagmotiv: Arcangel Images (Crow’s Eye Productions; Sophia Molek; Joanna Czogala); akg-images (brandstaetter images / Archiv Seemann; UIG / Touring Club Italiano / Marka)
U3: akg-images
LO Herstellung: sam
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN: 978-3-641-27381-1V003
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Für
Anna-Fee, Amelie, Ylvie, Athina, Elke, Anja, Mia, Annika, Nele und Magdalena
Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut.
Perikles, 5. Jahrhundert vor Christus
Das junge Mädchen griff ungeduldig nach der Hand seines älteren Bruders und zerrte ihn quer über den Jahrmarkt. Mit seinen vierzehn Jahren wusste es bereits sehr genau, was es wollte. Es hatte weder Augen für das Kettenkarussell noch für das immens hohe Riesenrad, das die diesjährige Hauptattraktion darstellte. Sein Ziel war der Zirkuswagen der berühmten Madame Odessa. Die Wahrsagerin konnte angeblich die Zukunft voraussagen, und genau darüber wollte das Mädchen etwas von ihr erfahren.
Der Bruder war von der Idee seiner jüngeren Schwester weit weniger begeistert. Als angehender Mediziner widerstrebte ihm grundsätzlich alles, was nicht wissenschaftlich belegbar war. Ein Orakel war für ihn nichts als eine menschenverdummende Albernheit. Es ärgerte ihn, dass er sich in einem schwachen Augenblick hatte breitschlagen lassen. Er konnte seiner Schwester schwer etwas abschlagen.
»Lass uns lieber eine Runde Karussell fahren«, versuchte er noch einmal sie von ihrer Idee abzubringen. »Von mir aus fahren wir danach noch Riesenrad, und anschließend bekommst du eine Extraportion Zuckerwatte.«
Die Jüngere wandte sich ihm empört zu. »Du hast es mir versprochen«, erinnerte sie den Bruder streng. »Es ist mein Geburtstagsgeschenk!«
»Schon gut!«
Widerstrebend fügte er sich in sein Schicksal und folgte ihr über die Stufen zur Eingangstür des Wohnwagens. Sie hatte das Podest bereits erklommen. Was für ein Wildfang seine kleine Schwester war! Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, kämpfte sie so lange, bis sie ihren Willen durchgesetzt hatte. Jetzt klopfte sie entschlossen an.
Madame Odessa hörte das Klopfen, ohne sofort darauf zu reagieren. Dabei hatte sie ihre Besucherin längst erwartet. Ihre Vorahnungen trogen sie nie. Nach den Visionen, die sie in letzter Zeit mehrfach heimgesucht hatten, stand vor der Tür entweder die Wildkatze, der Schwan oder das Wiesel. Eines der drei Mädchen, in deren Schicksal sie einen Einblick hatte nehmen dürfen, der wahrlich verwirrend gewesen war. Sie würde ihrer Besucherin Antworten geben auf Fragen, die sie nicht stellen würde. Das war die Ironie ihrer Bestimmung als Wahrsagerin.
Konzentriert schloss sie die Augen, um sich die Visionen noch einmal vor Augen zu führen. Sie sah Wolkenwirbel, die zu Bildern wurden: Die Wildkatze, die zwischen Zahnrädern steckte. Ihr Blick klar und analytisch, voller Neugier und doch in Gefühlsdingen verblendet. Ihr standen große Herausforderungen und Gefahren bevor, die sie vernichten oder aber auch retten konnten. Aus dem zweiten Wolkenwirbel fuhr ein prächtiges Segelschiff heraus. Seine Segel waren stolz gebläht. Je näher es kam, desto mehr veränderte es seine Form, bis daraus ein schöner Schwan wurde, der einen Himmelssee durchquerte, der nicht aus Wasser, sondern aus bunten, sich stets verändernden Pinselstrichen bestand. Noch war der Schwan ziellos. Es fiel ihm schwer, irgendeinen Kurs zu halten. Immer wieder verlor er seine Richtung. Sensibilität, Freigeist und Schaffenskraft würden dem Tier den Weg weisen oder es in die Irre führen. Ganz anders war Madame Odessas dritte Vision. Das Wiesel, wendig, klug und immer auf der Hut, floh vor einem Rudel finsterer Wölfe. Panisch versuchte es vor der drohenden Gefahr Reißaus zu nehmen, doch das Rudel kreiste es immer weiter ein. In dem Augenblick, als es für das Wiesel kein Entrinnen mehr gab, blieb es todesmutig stehen und wandte sich der Bedrohung mit erhobenen Pfoten zu. Wie von Zauberhand geboten, verharrten die Wölfe im Sprung und beugten sich der Kraft seines eisernen Willens.
Drei Mädchen, symbolisiert durch drei Tiere. Drei Schicksale, deren Bestimmung es war, sich auf die Suche nach dem Glück zu machen. Drei Möglichkeiten, das Geheimnis von Glück zu entdecken: eine Wildkatze voller Neugier, ein Schwan mit Schaffenskraft und ein Wiesel voller Mut. Madame Odessa lächelte versonnen. Die Schicksale dieser jungen Frauen waren eindeutig miteinander verwoben.
Als es erneut klopfte, bequemte sich die Wahrsagerin aus ihrem Diwan. Schwerfällig stand sie auf, griff nach ihrem brokatseidenen Morgenmantel und streifte ihn sich über. So gewappnet für ihre Prophezeiungen öffnete sie die Tür.
1914 – 1916
Mut steht am Anfang des Handelns, Glück am Ende.
Demokrit zugeschrieben (460 – 370 v. Chr.)
Torie hielt es kaum noch auf ihrem Platz aus. Das langweilige Geplauder der Gäste quälte sie zunehmend, auch wenn sie ihr zu Ehren gekommen waren. Der Umstand, dass ganz in ihrer Nähe der berühmte Adolphe Kégresse zusammen mit ihrem Vater bei einem Gespräch saß, während sie gezwungen wurde, ihren Geburtstag mit lauter langweiligen Leuten zu verbringen, fand sie nicht nur ungerecht, sondern empörend. Warum durfte sie mit ihren vierzehn Jahren nicht selbst entscheiden, wie sie feiern wollte? Zumindest ihr Vater musste wissen, wie gern sie den Ingenieur kennengelernt hätte. Der Mann war eigens aus Russland nach Paris gereist, um ihn in technischen Dingen zu konsultieren. Ob es etwas mit den berühmten Halbkettenfahrzeugen zu tun hatte, die Kégresse für den Zaren entwickelt hatte? Torie hätte es zu gern erfahren. Ihr Vater war ein anerkannter Spezialist für das Herstellen komplizierter Getriebeteile. Kein anderer Fabrikant in Frankreich war in der Lage, so ausgefeilte Zahnräder und Mechanismen zu konstruieren wie ihr Papa.
Sie stocherte lustlos in ihrem Tortenstück herum, das sie kaum angerührt hatte. Auch ihr großer Bruder, der ihr von schräg gegenüber zuzwinkerte, vermochte sie nicht aufzumuntern. Dabei hatten sie beide einen höchst vergnüglichen Vormittag bei schönstem Juniwetter erlebt. Maurice und sie waren auf dem Rummelplatz gewesen und hatten die berühmte Wahrsagerin Madame Odessa besucht. Die ganze Stadt sprach von ihren treffenden Prophezeiungen. Torie war skeptisch gewesen. Sie glaubte grundsätzlich nur an Dinge, die sie selbst sah. Dann hatte sie das Ambiente in dem schummrigen Wohnwagen vor der leuchtenden Kristallkugel der geheimnisvollen Frau doch beeindruckt. Madame Odessa hatte sie mit einer neugierigen Wildkatze verglichen, die auf der Suche nach Abenteuern das Naheliegende übersah.
»Für jemanden, zu dessen Ehren ein Fest gegeben wird, könntest du ruhig ein wenig mehr Freude zeigen«, riss die Gattin des Bürgermeisters sie unsanft aus ihren Gedanken.
»Es kann eben nicht jeder so ein charmantes Lächeln wie Sie haben, Madame Rochette«, konterte Torie mit einem honigsüßen Lächeln.
Sie hoffte, dass ihr Gegenüber nun von einer weiteren Konversation genug haben würde, doch sie hatte sich getäuscht. Die Bürgermeistergattin gefiel sich leider darin, als Instanz in Benehmen aufzutreten. Ihre kleinen Augen huschten über Tories Äußeres und blieben schließlich missfallend auf ihren Händen haften, unter deren Nägeln sich noch Ölreste befanden. Trotz eifrigen Schrubbens war es ihr nicht gelungen, alle Spuren ihrer handwerklichen Tätigkeit zu beseitigen.
»Du kannst von Glück sagen, dass das Pensionat in Lausanne dich überhaupt genommen hat«, tadelte Madame Rochette kopfschüttelnd. »Dort wird man dir hoffentlich beibringen, wie man sich als Tochter aus besserem Hause zu verhalten hat. Dein Vater ist viel zu gutmütig! Dass er dir erlaubt, dich ständig in den Werkshallen herumzutreiben, ist meines Erachtens empörend. Das ist weiß Gott kein Zeitvertreib für eine junge Dame.«
Torie hätte ihr am liebsten heftig widersprochen. Für sie gab es nichts Schöneres, als sich in der Werkstatt die Hände schmutzig zu machen. Es lag ihr auf der Zunge, der Frau zu sagen, dass man dort wenigstens nützliche Dinge herstellte, anstatt seine Zeit mit unnötigen Benimmregeln und oberflächlicher Konversation zu vergeuden. Leider wusste sie nur allzu gut, was für einen Ärger sie sich damit einhandeln würde. Wenn sie doch nur einen Weg fände, um dieser schrecklichen Gesellschaft endlich zu entkommen. Bedauerlicherweise wachte ihre Maman mit Argusaugen darüber, dass sie bis zum Ende blieb. Im Gegensatz zu ihrem Vater hatte die Mutter keinerlei Verständnis für ihr Interesse an technischen Dingen. Ihr hatte sie es auch zu verdanken, dass man sie demnächst in dieses grässliche Schweizer Internat abschob. In Tories Augen war der Aufenthalt dort vergeudete Zeit. Ihr einziger Wunsch war, einmal in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten.
Sie glaubte sicher zu sein, dass ihr Papa dies auch wünschte, zumal Maurice ihm schon früh zu verstehen gegeben hatte, dass er nicht an der Fabrik interessiert war. Mittlerweile stand er kurz vor seinem Examen als Mediziner. Für Torie war es schon immer klar gewesen, dass sie einmal ihrem Vater in der Fabrik nachfolgen würde. Sie hatte von ihm die Passion und Begabung zum Lösen technischer Probleme geerbt. Für sie gab es nichts Schöneres, als mit Fernand Ruiz, dem Werkstattleiter, und ihrem Papa über kniffligen Problemen zu brüten. So war es schon immer gewesen. Und jetzt würde sie nichts lieber tun, als gemeinsam mit Fernands Sohn Julien eine Lehre als Mechanikerin zu absolvieren und später einmal Maschinenbau zu studieren. Bis vor Kurzem hatte sie ihren Papa immer für ihren Verbündeten gehalten, für einen modernen Mann, der sich nicht nur technischen Neuerungen, sondern auch gesellschaftlichen Dingen gegenüber aufgeschlossen zeigte. Doch jetzt hatte ihre Maman ihr einen Strich durch die Rechnung gemacht und sie in diesem Internat angemeldet. Ihre Mutter war so schrecklich altmodisch und unterwarf sich ohne Wenn und Aber den gesellschaftlichen Konventionen. Wie ein Bollwerk stellte sie sich zwischen Tories Wünsche und Träume und war der Meinung, dass ein standesgemäßer Schwiegersohn in naher Zukunft viel wichtiger für sie sei als ihre persönlichen Wünsche und Bedürfnisse.
»Ein junges Mädchen von Stand muss in erster Linie lernen, einen eigenen Haushalt zu führen, um ihrem Ehemann eine wichtige Stütze sein zu können«, nahm Madame Rochette prompt ihren Gedanken auf und schlug damit in dieselbe Kerbe wie ihre Maman. Die feisten Arme der Bürgermeistergattin ruhten selbstgefällig verschränkt auf ihrem ausladenden Busen. »Dem wirst du mir bestimmt beipflichten, mein Kind, nicht wahr?«
»Wenn Sie meinen, Madame.«
Torie gelang es nur noch mit Mühe, freundlich zu bleiben. Ihr Unmut wuchs mit jeder Belehrung. Warum sollte sie nicht selbst ihre Zukunft bestimmen? In den Augen ihrer Mutter und deren Freundinnen war sie nicht normal, weil sie sich als Mädchen für Naturwissenschaften und Mathematik interessierte. Dabei war sie mit Schraubenzieher und -schlüssel genauso geschickt wie Julien oder ein anderer Handwerker. Sie würde es wohl nie verstehen. Ihr einziger Trost in diesem Dilemma war, dass ihr Papa ihr einen Kompromiss vorgeschlagen hatte. Er hatte ihr versprochen, dass es ihr, sollte sie die Schulzeit in dem Pensionat erfolgreich abschließen, freistünde, ein Ingenieurstudium aufzunehmen. Damit hatte er sich sogar ihrer Maman gegenüber durchgesetzt.
»Möchtest du uns nicht eine deiner Sonaten auf dem Klavier vorspielen, Victoria?«
Für Torie war das Maß endgültig voll. Ihre Mutter wusste genau, wie ungern sie vor Publikum musizierte. Sie ließ ihr keine andere Wahl, als zu schwindeln.
»Tut mir leid, ich fürchte, ich habe mir den Magen verdorben«, brach es aus ihr heraus. »Ich habe vermutlich zu viel Torte gegessen.«
Demonstrativ griff sie nach einem Taschentuch und hielt es sich mit einem angedeuteten Würgen vor den Mund. Madame Rochette rückte prompt ein Stück vom Tisch ab. Doch ihre Maman ließ sich leider von dieser Einlage nicht so leicht beeindrucken.
»Trink einen Schluck Wasser. Das geht sicher gleich wieder vorüber«, bemerkte sie mit kritischem Blick.
Hatte sie die Ausrede etwa schon zu häufig benutzt? Widerwillig legte sie die Serviette beiseite und wollte sich schon in ihr Schicksal fügen, als ihr Bruder ihr unverhofft zur Seite sprang.
»Torie sieht wirklich entsetzlich blass aus«, bemerkte Maurice mit besorgter Miene. »Im Augenblick geht eine Magenverstimmung um.« Er erhob sich von seinem Platz und kam zu ihr, um ihren Puls zu fühlen. Dabei machte er ein besorgtes Gesicht. »Das gefällt mir ganz und gar nicht! Tories Puls flattert wie ein Schmetterling. Sie sollte sich unbedingt ausruhen.«
Selbstverständlich stellte niemand seine Diagnose infrage. Nur der Gesichtsausdruck ihrer Maman blieb skeptisch. »Ausgerechnet an deinem Geburtstag.«
»Sie wird schon wieder, Maman!« Maurice lächelte der Mutter beruhigend zu. »Wahrscheinlich ist es die Aufregung. Am besten begleite ich sie gleich in ihr Zimmer und sehe noch einmal genauer nach ihr.«
Élise Belrose entließ ihre Kinder mit einem ungnädigen Nicken. Torie gab sich alle Mühe, ihre Freude zu verbergen. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Mit leidender Miene und schwer auf seinen Arm gestützt ließ sie sich von ihrem Bruder aus dem Salon führen. Kaum hatte Maurice die Tür hinter ihnen geschlossen, ließ sie von ihm ab und schüttete sich aus vor Lachen.
»Du hast mir das Leben gerettet«, keuchte sie und schüttelte ihre dunkelbraune Lockenpracht. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, versetzte sie ihm einen freundschaftlichen Knuff in die Seite. »Ohne dich hätte ich es noch stundenlang bei den alten Wachteln da unten aushalten müssen!« Ihre grünblauen Augen blitzten vor Vergnügen auf.
»Weiß der Himmel, weshalb ich mich dazu habe hinreißen lassen.« Maurice rümpfte die Nase, als hätte er es nur widerwillig getan. »Eigentlich fand ich Madame Rochettes Ratschläge äußerst nützlich.« Sein Grinsen strafte seine Worte Lügen. »Ich glaube, sie würde viel darum geben, wenn sie an deiner Stelle nach Lausanne gehen dürfte.«
»Da würde sie auch viel besser hinpassen als ich, die alte Schrapnelle! Noch ein paar Worte länger in ihrer Nähe, und ich wäre ihr an die Gurgel gesprungen.«
»Das wäre natürlich auch ein verlockender Anblick gewesen!«
Torie streckte die Zunge raus. »Gib zu, dass du selbst nicht abwarten konntest wegzukommen. Ich kenne dich gut genug!«
Maurice ignorierte ihre Bemerkung. »Hast du kein schlechtes Gewissen?«, fragte er und sah sie prüfend an. »Maman hat sich für deine Geburtstagsfeier ganz schön ins Zeug gelegt.«
»Nicht die Bohne! Sie hat das Fest doch nur für sich selbst veranstaltet. Ist dir aufgefallen, dass fast ausschließlich ihre Freundinnen gekommen sind?«
»Du tust Maman wirklich unrecht. Sie wollte dir ganz bestimmt eine Freude bereiten. Das kannst du ihr kaum vorwerfen.«
»Wenn sie mir eine Freude bereiten wollte, würde sie mich das machen lassen, was ich wirklich will …« Tories Miene verdüsterte sich wieder. »Ich will nicht in dieses dumme Pensionat! Wenn ich ein Junge wäre, würde niemand es wagen, mich dorthin zu schicken.«
»Ach, Schwesterchen! Mach dir doch dein Leben nicht so schwer!« Maurice sah sie mit einer Mischung aus Anteilnahme und Ungeduld an. »Ich fürchte, dir bleibt erst einmal keine andere Wahl. Unsere Eltern meinen es gut mit dir. Sie haben nur das Beste für dich im Sinn. Du könntest ruhig ein wenig dankbarer sein. So schlimm wird die Zeit im Pensionat schon nicht werden. Du wirst sehen, die drei Jahre vergehen wie im Flug.«
Torie wusste, dass ihr Bruder im Grunde genommen recht hatte. Und tief in ihrem Innersten hatte sie sich auch schon mit ihrem Schicksal abgefunden. Widerwillig stimmte sie ihm zu.
»Jetzt hab ich auf jeden Fall Zeit, um hinüber in die Fabrik zu gehen. Ich muss unbedingt wissen, was die Messieurs Kégresse und Citroën von Papa wollen!«
»Pass bloß auf, dass du dich nicht erwischen lässt! Wenn Maman das herausfindet, wird sie dich lynchen …«, warnte Maurice.
»Wird schon nichts passieren!«
Torie war nicht bereit, sich von ihrer Idee abbringen zu lassen. Maurice verzog ergeben das Gesicht. »Ich werde schweigen wie ein Grab«, versprach er ihr. »Sieh nur zu, dass du dein Festkleid nicht wieder mit Schmieröl verkleckerst und rechtzeitig zurück bist.«
Torie blieb ihm die Antwort schuldig und sauste davon.
Um unentdeckt zu bleiben, nahm Torie vorsichtshalber den Hinterausgang des großzügigen Herrenhauses, das auf einem Hügel mit Blick auf die Fabrikhallen lag. Sie machte einen kleinen Umweg durch den Garten, bevor sie sich von der anderen Seite der Zahnradfabrik ihres Vaters näherte. Über einen Nebeneingang würde sie zur Werkstatt gelangen, in der sie ihren Papa mit seinem Besuch vermutete.
Auf einmal überfielen sie Zweifel. Sie war plötzlich unsicher, wie ihr Vater auf ihr nicht angekündigtes Erscheinen reagieren würde. Er wähnte sie schließlich bei den Gästen ihrer Geburtstagsfeier. Vielleicht war es ja besser, wenn er sie erst gar nicht sah. Sie würde versuchen, die Männer heimlich zu belauschen. Wie sie das anstellen wollte, war ihr noch nicht ganz klar, doch dass sie wenigstens einen Blick auf den berühmten Ingenieur Kégresse riskieren musste, das stand für sie fest. Ihr Papa hatte bereits so viel von ihm erzählt, dass sie überaus neugierig geworden war. Er hielt den Mann für einen der begabtesten technischen Pioniere und Erfinder seiner Zeit.
Adolphe Kégresse war direkt nach seinem Studium an der Hochschule für industrielle Technik in Belfort-Montbéliard nach Russland gereist und hatte es dort innerhalb kürzester Zeit geschafft, zum technischen Leiter der zaristischen Automobilbetriebe ernannt zu werden. Ihr Vater hatte ihr auch verraten, dass Kégresse seit Jahren an der Entwicklung von Laufketten arbeitete und damit bereits die Automobile des Zaren ausgestattet hatte, die nun sogar durch Tiefschnee fahren konnten. Weshalb dieser André Citroën ihn jedoch begleitete, war ihr ein Rätsel. Sie wusste über den Mann nur, dass er ein Konkurrent ihres Vaters war – zwei Jahre zuvor hatte er eine Zahnradfabrik in Paris am Quai de Grenelle gegründet.
Vor dem Eingang in die Fabrik traf sie ausgerechnet auf Julien. Ihr Verhältnis zum Sohn des Werkstattmeisters war in letzter Zeit ziemlich abgekühlt. Dass sie nun an ihm vorbeimusste, war ihr entsprechend unangenehm. Am liebsten hätte sie den jungen Mann ignoriert und wäre grußlos an ihm vorübergegangen. Doch da er rauchend neben der Tür an der Backsteinmauer lehnte, war dies unmöglich.
»Was machst du denn hier?«, hielt er sie prompt auf.
Betont lässig zog er an seiner Zigarette, während er sie spöttisch aus seinen hellbraunen Augen musterte. Torie ärgerte sich über Juliens unverschämte Art. Es regte sie auf, dass er sie so überheblich behandelte. Vor noch nicht allzu langer Zeit waren sie noch Spielkameraden und Verbündete gewesen.
»Das geht dich gar nichts an«, konterte sie giftig. »Wirst du jetzt fürs Rauchen bezahlt? Oder warum stehst du hier rum und hältst Maulaffen feil?«
Sie hoffte, ihn dadurch in Verlegenheit zu bringen, denn das Rauchen während der Arbeitszeit war strikt verboten. Als sie auf eine Reaktion wartete, nahm sie den Sohn des Werkstattleiters näher ins Visier. Julien machte schon seit knapp einem Jahr eine Lehre zum Maschinenschlosser und war seither zu einem stattlichen jungen Mann herangewachsen. Mittlerweile mochte er gut einen Kopf größer sein als sie. Sein schmales Gesicht war kantiger geworden, und er hatte sich passend zu seinem tiefschwarzen Haar einen Schnurrbart stehen lassen, auch wenn der noch etwas dürftig aussah. Leider schien ihm sein neuer Status irgendwie zu Kopf gestiegen zu sein. Bei ihrer letzten Begegnung hatte er ihr in aller Deutlichkeit zu verstehen gegeben, dass er nun erwachsen sei und fortan für Spiele und gemeinsame Unternehmungen nicht mehr zur Verfügung stünde. Torie hatte das tief gekränkt.
»Der patron hat mich weggeschickt«, erklärte Julien finster. »Er will nicht, dass ich mitbekomme, was die hohen Herren da drinnen verhandeln. Dein Herr Papa hat wohl Angst, dass ich Betriebsgeheimnisse ausplaudern könnte. Als ob ich so was tun würde!« Torie konnte seine Reaktion gut verstehen. Sie kannte Julien lange genug, um zu wissen, wie sehr ihn das kränkte. Sie wusste auch, wie loyal er war. Fast war sie geneigt, ihm etwas Freundliches zu sagen. »Und du kannst jetzt auch nicht zu deinem Vater. Er wird dich genauso wegschicken wie mich«, fügte er jedoch abschätzig hinzu und erstickte damit jegliches Entgegenkommen im Keim.
»Als ob du das wüsstest«, behauptete sie mit selbstbewusst erhobenem Kinn. »Ich bin immerhin die Tochter vom patron! Ist Papa in der Werkstatt oder in seinem Büro?«
»Sie sind in der Werkstatt bei meinem Vater. Aber ich warne dich: Die wollen auf keinen Fall gestört werden.«
Juliens Tonfall war so bestimmend, dass er ihren Widerspruchsgeist nur noch steigerte.
»Nur weil man dich nicht dabeihaben will, heißt das noch lange nicht, dass das auch für mich gilt.«
»Dann viel Spaß«, spottete Julien. »Wirst schon sehen, was dich erwartet.«
»Ich werde mich jedenfalls nicht von dir abhalten lassen«, schnappte Torie. »Außerdem hat mein Vater keine Geheimnisse vor mir.«
»Ich wette, dass du dir damit eine Menge Ärger einhandeln wirst«, knurrte Julien.
Zu ihrer Freude bemerkte sie, dass ihn ihre selbstbewusste Art wurmte. Mit hoch erhobenem Haupt ging sie an ihm vorbei und betrat das Gebäude. Kaum war sie seinen Blicken entschwunden, verließ sie jedoch schon wieder der Mut. Sie überlegte einen Augenblick, ob sie nicht lieber umkehren sollte. Dann überwog allerdings ihre Neugier. Seit ihr Vater ihr zum ersten Mal einen Schraubenschlüssel in die Hand gedrückt hatte, träumte sie davon, selbst einmal Automobile zu konstruieren. Im Laufe der letzten Jahre hatte sie unter der Anleitung von Juliens Vater Fernand schon so einige technische Fertigkeiten erlangt. Und das, obwohl sie noch so jung und noch dazu ein Mädchen war. Es erfüllte sie mit Stolz, dass ein weltberühmter Ingenieur nun ausgerechnet bei ihrem Vater nach Unterstützung suchte. Da musste sie einfach dabei sein. Auf dem Gebiet der Feinmechanik war ihrem Vater nicht einmal ein so bedeutender Mann wie Kégresse überlegen. Vermutlich verlangte er ja eine ausgefallene Anfertigung, die niemand anderer für ihn machen konnte als ihr Papa Alain Belrose. In seiner Branche genoss er schließlich einen herausragenden Ruf als Ideenentwickler. Die Erfindungen ihres Vaters waren vielleicht nicht so bahnbrechend wie die von Monsieur Kégresse, doch immerhin hatte sich die Firma Belrose in Bagnolet bei Paris einen bedeutenden Ruf in Bezug auf komplizierte Getriebe erworben. Ihr Fachgebiet war die Herstellung von besonders feinen Zahnrädern und Verbindungen, mit denen komplizierte Mechanismen überhaupt erst funktionieren konnten.
Mit neuem Mut setzte sie ihren Weg nun fort. Vom Eingang aus gelangte sie direkt in die Fabrikhalle. Sie bestand aus zwei voneinander abgetrennten Bereichen – dem Lager und der Produktion. Das Kernstück der Firma war jedoch die Werkstatt, in der die Prototypen entwickelt wurden. Sie lag wie ein Würfel inmitten der Halle. Der Raum war ab Brusthöhe von jeder Seite verglast und oben offen, sodass man sowohl einen ungehinderten Blick ins Lager als auch auf die Fabrikation und deren Abläufe hatte. Entlang der gesamten Halle gab es direkt unter der Decke ein schmales Galeriegerüst, das dazu diente, dass man auch von oben alle Werksabläufe im Blick haben konnte. Dort hinauf beschloss Torie zu steigen. Wenn sie es geschickt anstellte, würde sie alles beobachten können, was unter ihr vor sich ging.
Es gelang ihr, unbeobachtet die Treppe hinaufzusteigen und einen Platz zu finden, von dem aus sie in gebückter Haltung gut sehen konnte. Sogar das Gespräch der Männer unter ihr konnte sie einigermaßen verstehen. Gerade zeigte Fernand Ruiz den Gästen ein Werkstück, das – wie Torie mutmaßte – zu einem Getriebe gehörte. Auf der Werkbank entdeckte sie eine kompliziert aussehende Zeichnung, deren genauer Sinn ihr jedoch verborgen blieb.
»Wenn wir Ihr Patent und meines miteinander koppeln, könnten wir als gleichberechtigte Partner ganz neue Märkte erschließen«, hörte sie gerade einen der Männer sagen. Torie vermutete, dass es Monsieur Citroën war. »Ich bin sogar bereit, Ihre ganze Fabrik zu kaufen, wenn Ihnen das lieber ist …«
Torie lauschte gebannt, was ihr Vater dazu zu sagen hatte, doch in diesem Moment wurde das Gespräch von dem Getöse einer Metallsäge übertönt, sodass sie nichts mehr verstehen konnte.
»Merde!«, entfuhr ihr enttäuscht ein Fluch.
Was sie da gehört hatte, beunruhigte sie sehr. Sie hoffte inständig, dass ihr Vater diese Idee nicht einmal im Ansatz erwog. Sie sah, wie sich die Männer rund um die Werkbank versammelten und über der Zeichnung brüteten. Ein plötzliches Geräusch in ihrem Rücken ließ sie zusammenfahren. Das Klappern von Schritten auf dem Eisengerüst verriet ihr, dass sie nicht mehr allein auf der Galerie war. Erschrocken fuhr sie herum und fand sich unvermutet Julien gegenüber. Er war ihr heimlich gefolgt.
»Bist du verrückt?«, zischte sie ihm verärgert zu.
»Nicht mehr als du«, gab er spöttisch zurück. »Du traust dich wohl doch nicht zu den Herrschaften hinein, was?« Torie warf ihm einen giftigen Blick zu. Dann konzentrierten sie sich aber beide auf das Geschehen in der Werkstatt.
»Ich weiß übrigens, um was es geht«, flüsterte Julien nach einer Weile. »Kégresse wünscht eine besondere Übersetzung seiner Laufräder für ein neuartiges Getriebe, das nur wir herstellen können.« Er richtete sich etwas auf, um besser über das Brüstungsgitter hinwegsehen zu können. Torie tat es ihm gleich.
»Wie kommst du darauf?« Sie warf Julien einen misstrauischen Blick zu.
»Die Pläne lagen offen herum«, gestand er mit kleinlautem Räuspern. »Ich habe sie mir heimlich angesehen …«
Torie starrte ihren Freund aus Kindheitstagen ungläubig an. »Bist du verrückt?«
Julien zuckte mit den Schultern. »Nicht nur du bist neugierig.« Er mied ihren Blick. Erst als sie nichts erwiderte, sah er zu ihr herüber. »Das bleibt doch unter uns, nicht wahr?«, fragte er auf einmal verunsichert. »Ich würde niemals Betriebsgeheimnisse ausplaudern, das weißt du hoffentlich, oder?«
»Ich wundere mich eher darüber, dass du weißt, wer Monsieur Kégresse ist«, gab Torie ungerührt zurück.
In Wahrheit wunderte es sie überhaupt nicht. Julien war genauso besessen von Technik wie sie. Sie genoss lediglich für einen kleinen Augenblick, dass er nun in der Defensive war.
»Du denkst wohl, dass nur du alles weißt.« Julien wirkte beleidigt.
»Natürlich nicht!«
Torie musste plötzlich grinsen, und Julien ging es nicht anders. Mit einem Mal war das Eis zwischen ihnen gebrochen, und alles schien wie früher. Sie kannten sich schließlich schon so lange. Als Kleinkinder hatten sie viel Zeit miteinander verbracht, obwohl sie aus unterschiedlichen Gesellschaftsklassen stammten. Juliens Familie wohnte in der Arbeitersiedlung am Ortsrand von Bagnolet in einfachen, beengten Verhältnissen, sie dagegen genoss im Herrenhaus der Fabrik ihres Vaters alle Vorzüge eines wohlhabenden Lebens. Dass sie beide sich kennengelernt hatten, war mehr oder weniger dem Zufall zu verdanken. Als kleines Mädchen hatte Torie ihren Papa oft samstags in die Fabrik begleitet. Während ihr Vater mit dem Werkstattleiter über neuen Projekten gebrütet hatte, hatte sie allein in der Werkstatt gespielt, wo sie irgendwann auf Julien getroffen war. Sie hatten sich angefreundet und bald festgestellt, dass sie gern mit Werkzeug hantierten. Irgendwann hatte Juliens Vater angefangen, ihnen den Umgang mit Schraubschlüssel, Feile und Metall zu zeigen. Und weil sie sich geschickt angestellt hatten, durften sie auch einfachere Werkstücke anfertigen.
Was als Spiel begonnen hatte, war bald zur festen Gewohnheit geworden. Unter Fernands Anleitung hatten Julien und sie viel freie Zeit in der Werkstatt verbracht und anschließend noch oft miteinander gespielt. Julien hatte ihr das Murmelspielen mit allen Kniffen beigebracht und geheime Verstecke in der Umgebung gezeigt, während sie ihn mit dem Federballspiel und der Welt der Bücher vertraut gemacht hatte. Für Torie war Julien immer ihr bester Freund gewesen, erst seit er seine Lehre zum Maschinenschlosser begonnen hatte, hatte er sich von ihr zurückgezogen. Torie hatte das nie richtig verstanden.
»Kann Papa Monsieur Kégresse helfen?«, fragte sie in dem wohltuenden Gefühl alter Vertrautheit.
»Dein Vater ist der Beste!« Julien schien keinerlei Zweifel zu haben. »Er hat ziemlich sicher schon eine Idee«, behauptete er. »Und jetzt besprechen sie wahrscheinlich gerade mit meinem Vater, inwieweit sich das alles in die Tat umsetzen lässt.«
»Ich würde so gern noch mehr wissen!«
»Glaubst du, ich nicht?« Julien schielte kurz zu ihr herüber. »Die Dinge, die dort besprochen werden, sind streng geheim. Kégresse und Citroën fürchten sich vor Industriespionen …« Er warf ihr nochmals einen Blick zu. »Wenn herauskommt, dass wir hier lauschen, kann das mächtigen Ärger geben. Sehr vernünftig von dir, dass du die Herren nicht gestört hast.«
»Ich fürchte, da hast du ausnahmsweise recht …« Torie wurde es erst jetzt bewusst, dass sie mit ihrer Neugier auch ihren Vater in eine unangenehme Situation brachte. Sie kam sich ziemlich töricht vor. »Nun hab ich Monsieur Kégresse ja gesehen«, meinte sie einsichtig. »Vielleicht ist es wirklich besser, wenn wir uns jetzt zurückziehen.«
Sie schlich zur Treppe und erhob sich aus ihrer kauernden Position, um wieder hinunterzusteigen. Julien folgte ihr. In diesem Augenblick sah Monsieur Kégresse in ihre Richtung. Weder ihr noch Julien gelang es, sich rechtzeitig wegzuducken. Wie erstarrt verharrten sie beide in ihrer Position und sahen sich erschrocken an. Torie registrierte, wie sich die dichten Augenbrauen des französischen Ingenieurs zusammenzogen, während er finster in ihre Richtung zeigte. Nun waren auch die Blicke der zwei anderen Anwesenden auf sie gerichtet. Monsieur Citroën schien eher belustigt, als er sie entdeckte, doch ihr Vater machte aus seinem Ärger keinen Hehl.
»Herkommen!«, schallte es donnernd zu ihnen herüber. »Sofort!« Mit einem energischen Winken zitierte ihr Papa sie zu sich. Torie hätte viel darum gegeben, sich jetzt in Luft auflösen zu können. Auch Julien war sichtlich aufgeregt. Nervös wischte er seine schmutzigen Hände an den Hosen ab, als sie die geöffnete Tür zur Werkstatt erreichten. Unsicher sah sie zu Julien hinüber, doch der beachtete sie nicht, sondern konzentrierte sich ganz auf Tories Vater, der sie bereits erwartete.
»Waren meine Anweisungen nicht klar und deutlich?« Ihr Vater wandte sich zunächst nur an Julien.
Seine Stimme klang weniger wütend als enttäuscht. Julien wagte nicht, ihn anzusehen. Niedergeschlagen zupfte er an seinen Hosenbeinen herum. Torie fand es nicht gerecht, dass er allein verantwortlich gemacht wurde.
»Es war meine Idee, Papa! Ich wollte unbedingt Monsieur Kégresse sehen und habe ihn praktisch gezwungen mitzukommen«, behauptete sie entschlossen.
Ihr Vater warf ihr nur einen ungnädigen Blick zu. »Zu dir komme ich noch!«
»Was hast du mir zu sagen?«, wandte er sich wieder Julien zu.
»Es tut mir wirklich leid, patron«, murmelte ihr Freund so kleinlaut, dass man ihn kaum verstand. »Es wird nicht wieder vorkommen.«
»Du verdammter einfältiger Kerl!«, fuhr nun Juliens Vater seinen Sohn an. Im Gegensatz zu Tories Vater war er außer sich vor Zorn. Noch bevor ihr Papa auf Juliens Entschuldigung reagieren konnte, verabreichte Fernand Ruiz seinem Sohn eine schallende Ohrfeige. »Ist dir klar, was das für Konsequenzen haben wird?«
»Ich … ich war einfach nur neugierig!« Julien hielt sich die brennende Wange. Mit gesenktem Blick wandte er sich an seinen patron. »Sie müssen mir glauben, Monsieur Belrose, dass ich niemals etwas tun würde, das Ihrer Firma schaden könnte. Dafür bewundere ich Sie viel zu sehr!«
»Das rettet dich nun auch nicht mehr, du dummer Junge«, polterte Fernand verzweifelt. Er war ganz blass geworden. »Ist dir bewusst, dass der patron dich dafür entlassen wird?«, brach es aus ihm heraus.
Torie erschrak zutiefst. Wenn das geschah, war es ihre Schuld. In was für eine Situation hatte sie ihren Freund da nur gebracht?
»Ich habe Julien gezwungen, mich zu begleiten«, warf sie verzweifelt ein. »Julien hat versucht, mich davon abzuhalten, aber ich bin einfach losgelaufen – ihm blieb gar keine andere Wahl, als mir zu folgen. Ich trage die Verantwortung und sonst niemand!«
»Das nenne ich eine überzeugende Ehrenrettung«, mischte sich André Citroën in die Unterhaltung ein. »Seien Sie nicht zu streng mit den beiden. Weder ich noch Monsieur Kégresse gehen davon aus, dass sie unsere Geheimnisse verraten werden. Für mich ist es eher ein Hinweis dafür, dass Ihre Mitarbeiter engagiert sind und Ihre Tochter sich für Ihre Firma zu interessieren scheint, was übrigens recht bemerkenswert ist.«
»Ich möchte mich dennoch für den Zwischenfall entschuldigen«, sagte Tories Vater sichtlich erleichtert. Leider war er mit seiner Strafpredigt noch nicht fertig. »Weshalb bist du bitte schön nicht bei deinen Gästen, Victoria?«, wandte er sich nun mit tadelnder Stimme an sie. »Weiß Maman davon?«
Torie senkte schuldbewusst den Kopf, dennoch erkannte sie am Tonfall seiner Stimme, dass sein Ärger sich in Grenzen hielt.
»Äh … nicht direkt.« Sie versuchte, sich mit einem schuldbewussten Lächeln herauszulavieren. »Mir war nach den vielen Tortenstücken nicht gut, also bin ich ein wenig an die frische Luft gegangen und kam rein zufällig hier vorbei … Papa! Du darfst Julien nicht für meinen Fehler bestrafen!«
Alain Belrose sah seine Tochter streng an. Doch als er sah, dass seine beiden Geschäftspartner eher amüsiert als verstimmt waren, lenkte er ein.
»Dieses eine Mal werde ich es bei einer Ermahnung belassen! Allerdings darfst du dir von nun an keinerlei Verfehlung mehr erlauben, ist das klar?« Er durchbohrte Julien mit seinen Blicken.
»Ja, patron.«
»Dann mach, dass du fortkommst!«
Julien ließ sich das nicht zweimal sagen. Noch bevor er die Tür erreicht hatte, verpasste ihm sein Vater jedoch noch eine Kopfnuss zum Abschied. Torie fand es an der Zeit, ebenfalls zu verschwinden.
»Du bleibst!«, wurde sie allerdings zurückgehalten.
Kégresse und Citroën, die die kleine Szene höchst aufmerksam verfolgten, richteten ihre Aufmerksamkeit auf sie. Torie fragte sich, ob ihr Vater sie nun doch bestrafen wollte.
»Nun, da meine überaus neugierige Tochter schon einmal hier ist, möchte ich sie Ihnen auch in aller Form vorstellen«, sagte er zu ihrer Überraschung. »Wie Sie sicher bemerkt haben, schießt diese junge Dame leider allzu gern über das Ziel hinaus. Es fehlt ihr zwar nicht an technischem Verstand, dagegen eindeutig an Erziehung. Ich bitte Sie, ihr das nachzusehen.«
»Auf jeden Fall hat Victoria Courage«, stellte Monsieur Citroën fest. »Die Art, wie sie sich vor den Lehrjungen gestellt hat, hat mich durchaus beeindruckt.« Er lächelte Torie galant zu.
»Dem schließe ich mich an«, fügte Kégresse mit sonorer Stimme hinzu. Er deutete eine etwas steife Verbeugung in ihre Richtung an und reichte ihr die Hand. »Sehr erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mademoiselle Belrose.«
Torie errötete. Das Lob traf sie unerwartet. Doch dann ergriff sie die Gelegenheit, mehr zu erfahren. »Das Vergnügen ist ganz auf meiner Seite«, sprudelte es begeistert aus ihr heraus. »Sie glauben ja gar nicht, wie viel es mir bedeutet, Sie heute kennenzulernen, Monsieur Kégresse«, erklärte sie eifrig. »Ihr Ruf eilt Ihnen weit voraus. Ich habe eine ganze Menge Fragen, die ich Ihnen nur allzu gern stellen würde, zum Beispiel über die Laufketten, die Sie entwickelt haben …«
»Torie!«, unterbrach ihr Vater sie empört. »Dein Benehmen ist wirklich unmöglich. Das lasse ich nicht durchgehen.«
»Da bin ich völlig anderer Meinung, werter Alain!« Kégresse teilte seine Meinung offenbar in keiner Weise. »Geben Sie Ihrer Tochter doch die Gelegenheit, mir ein paar Fragen zu stellen. Es wird mir ein Vergnügen sein, darauf einzugehen. Schließlich trifft man nicht alle Tage auf eine junge Dame, die sich für Technik interessiert.«
Tories Vater war sprachlos, während Monsieur Citroën sichtlich amüsiert vor sich hin schmunzelte. Torie strahlte über das ganze Gesicht und ergriff die Gelegenheit sofort beim Schopf, bevor ihr Papa weitere Einwände vorbringen konnte.
»Trifft es zu, dass man mit den Fahrzeugen, an die Sie die Laufketten montiert haben, auch Wüsten und Berge überqueren kann?«
»Du scheinst gut informiert zu sein.« Kégresse’ buschige Augenbrauen hoben sich anerkennend. »Im Augenblick werden meine Fahrzeuge eher in Schnee und Eis erprobt«, erklärte er geduldig. »Die russischen Winter sind sehr streng, die Straßen oft in miserablem Zustand, sodass mit Pferdeschlitten kein Durchkommen ist. Meine Aufgabe besteht darin, dieses Problem für Zar Nikolaus zu lösen. Der von mir entwickelte Raupenantrieb mit den an den Hinter- und Vorderrädern montierten Kufen ermöglicht nun Fahrten durch Tiefschnee und Matsch. Leider ist die Konstruktion noch etwas störanfällig. Deswegen suche ich den Rat deines Vaters.«
»Das auf der Zeichnung dort drüben, ist das so ein Raupenfahrzeug?«, hakte Torie sofort nach.
»In der Tat.«
Für sie gab es nun kein Halten mehr. Ohne darüber nachzudenken, ob es ihr zustand, begab sie sich an den Tisch, auf dem der Plan lag. »Es scheint so, dass man mit diesem Vehikel nur sehr langsam vorankommt«, sagte sie, nachdem sie die Zeichnung eine Weile grübelnd studiert hatte. »Selbst mir ist klar, dass es Probleme mit dem Getriebe und der Übersetzung gibt …«
»Torie, was erdreistest du dich?«, mischte sich ihr Vater ungehalten ein.
Kégresse winkte sichtlich überrascht ab. »Nein, nein, lassen Sie Ihre Tochter ruhig zu Wort kommen«, hielt er ihn auf. »Ich möchte gern erfahren, was sie noch zu sagen hat.« Er lächelte ihr aufmunternd zu. »Was siehst du?«
Torie musste nicht lange überlegen. »Ich glaube, dass die Proportionen des Fahrzeugs ungünstig sind«, erklärte sie zögernd. »Warum reichen die Laufketten so weit hinter das darüber montierte Chassis? Dadurch geht meines Erachtens unnötig Kraft verloren.«
»Das muss so sein. Auf diese Weise erhalten wir eine größere Auflagefläche im Schnee. So gleitet das Fahrzeug besser über den Untergrund.«
»Das schon, aber …« Torie rieb sich nachdenklich das Kinn. »Ich kann mir dennoch nicht vorstellen, dass es dafür keine andere Lösung gibt …«
»Glaub mir, es gibt keine«, beharrte Kégresse sehr bestimmt. »Das widerspricht leider allen technischen Möglichkeiten.« Er schenkte ihr ein wohlwollendes Lächeln und wandte sich damit wieder ihrem Vater zu. »Ihre Tochter ist erstaunlich technikbegabt. Höchst ungewöhnlich für ein Mädchen, nicht wahr?«
»Das ist es, in der Tat. Es ist mir leider nie gelungen, sie von der Fabrik fernzuhalten«, bemerkte ihr Vater nicht ohne einen gewissen Stolz.
Torie freute sich zwar über seine Anerkennung, doch ihre Gedanken waren immer noch auf das angesprochene Problem gerichtet. Sie sah sich den Konstruktionsplan noch einmal genauer an und hatte plötzlich eine Idee.
»Würde die Kraft der Laufketten nicht besser übertragen, wenn das Fahrgestell direkt über ihnen säße?«, fragte sie und hatte damit prompt wieder die Aufmerksamkeit aller Anwesenden.
»Die Form des Pferdeschlittens hat sich seit Jahrhunderten bewährt«, erwiderte Kégresse jetzt fast ein wenig unwirsch. »Es ist also absolut nicht notwendig, daran etwas zu ändern …«
»Aber warum denn nicht?«, widersprach Torie euphorisch. »Vielleicht müsste man nur den Mut haben, etwas anderes zu probieren.«
»Victoria!« Dieses Mal war sie eindeutig zu weit gegangen. »Ich glaube, du wirst dringend von deiner Mutter erwartet. Bitte richte ihr aus, dass ich mit den Herren anschließend an unser Gespräch noch auswärts speisen werde.«
Sein Blick ließ keinen Zweifel zu, dass er nun endgültig genug hatte. Torie blieb nichts anderes übrig, als sich zu fügen.
»Bitte verzeihen Sie, Monsieur Kégresse«, murmelte sie errötend. »Ich wollte wirklich nicht respektlos sein.« Mit einem raschen Knicks verabschiedete sie sich und machte, dass sie davonkam. Aber nicht ohne die letzten Worte der Männer mitzubekommen.
»Ich hätte dem Kind einfach nicht so viel durchlassen dürfen«, hörte sie ihren Vater um Verzeihung bittend sagen.
»Ich finde, Ihre Tochter hat etwas herrlich Erfrischendes«, widersprach ihm André Citroën höchst angetan. »Ich glaube, von der jungen Dame dürfen Sie noch einiges erwarten. Ich an Ihrer Stelle würde mich glücklich schätzen, solch eine Tochter zu haben.«
»Dem kann ich mich nur anschließen«, gab Kégresse ihm recht. »Wirklich bemerkenswert. Schade nur, dass ihr Verstand nicht im Körper eines Mannes ist. Sie würde sicherlich so manches Wunder vollbringen können.«
Julien stand in der Nähe des Fabrikeingangs und wartete auf Torie. Er war sich durchaus bewusst, dass er es nur ihr zu verdanken hatte, dass man ihn nicht rausgeworfen hatte. Ihr mutiges Vorpreschen hatte ihn ohne jeden Zweifel vor Schlimmerem bewahrt. Im Nachhinein ärgerte er sich über seine Sorglosigkeit. Die Ohrfeige seines Vaters hatte er als Strafe verdient. Er konnte von Glück sagen, dass er keine weiteren Konsequenzen zu befürchten hatte. Mit einem Anflug von Wehmut erinnerte er sich an frühere Zeiten. Die kleine Tochter des patrons war ein Wildfang und für ihn schon immer etwas Außergewöhnliches gewesen, auch wenn sie manchmal ganz schön anhänglich sein konnte. Ihre Augen faszinierten ihn besonders. Mal schimmerten sie wie ein tiefblauer See, und im nächsten Augenblick, wenn sie etwas erregte, verwandelten sie sich in ein katzenartiges Grün. In jedem Fall war sie aber das einzige Mädchen, das er kannte, das sich für Technik interessierte. Auch wenn er anfangs so getan hatte, als wäre sie ihm lästig, war sie ihm mit der Zeit richtig ans Herz gewachsen. In Wahrheit hatte er ihre Gesellschaft immer genossen, genau wie ihre Bewunderung für ihn.
Erst durch Torie hatte er gelernt, viele Dinge mit anderen Augen zu betrachten. Sie hatte ihn mit der Welt der Bücher bekannt gemacht und seine Liebe für Literatur und Politik geweckt. Durch den Umgang mit ihr hatte er gelernt, dass es mehr im Leben gab als Mühe und Plackerei und das ärmliche Leben in einer Arbeitersiedlung. Außerdem mochte er ihre muntere Art, ihre Wissbegierde und die Fähigkeit, Sachverhalte schnell zu begreifen. Leider war diese wunderbare Zeit viel zu rasch zu Ende gegangen. Sie beide lebten eben doch in unterschiedlichen Welten. Das hatte er begreifen müssen, als das harte Berufsleben eines Erwachsenen in der Fabrik für ihn begonnen hatte. Mit der Ausbildung zum Maschinenschlosser hatte er es zwar gut getroffen, aber sie war weit von seinen Träumen entfernt, denn im Grunde seines Herzens wünschte er sich, einmal Ingenieur zu werden wie Monsieur Belrose.
Der Umstand, an sechs Tagen die Woche zwischen zehn und zwölf Stunden schwere körperliche Arbeit verrichten zu müssen, hatte ihn allerdings früh reifen lassen. Dazu gehörte auch die Einsicht, sich nicht länger mit der Tochter seines Chefs treffen zu können. Der Umgang mit ihr brachte ihm nur Ärger mit neidischen Kollegen ein. Außerdem war es lediglich eine Frage der Zeit, bis Torie sich ausschließlich in ihren Kreisen umsehen würde. Aus dieser Erkenntnis heraus hatte er sich eines Tages dazu durchgerungen, ihre Freundschaft zu beenden. Besser jetzt als später, wenn es mir noch schwerer fällt, hatte er gedacht. Dummerweise war er dabei nicht sehr geschickt vorgegangen. »Lass mich einfach künftig in Ruhe«, hatte er geblafft, weil er davon ausgegangen war, dass es so am einfachsten für sie sei. »Ich hab weder Zeit noch Lust, länger dein Kindermädchen zu sein. Such dir Freunde aus deiner eigenen Welt.« Tories verletzter Blick hatte sich tief bei ihm eingebrannt. Er hatte kurz davor gestanden, alles zurückzunehmen und sich bei ihr zu entschuldigen. Doch dafür war es bereits zu spät gewesen. Ihr Gesichtsausdruck war steinern und unnachgiebig geworden, bevor sie sich mit unverhohlener Abneigung von ihm abgewandt hatte. Von diesem Tag an hatte sie ihn nie wieder eines Blickes gewürdigt.
Umso erstaunlicher war für ihn ihre heutige Reaktion gewesen. Anstatt es ihm heimzuzahlen, hatte sie ihn in Schutz genommen. Dafür musste er ihr wenigstens danken. Julien wusste von seinem Vater, dass Torie bald in die Schweiz gehen würde, um dort in einem dieser elitären Mädchenpensionate auf ihre Aufgaben als künftige Ehefrau vorbereitet zu werden. Dann würde auch für sie eine neue Zeit anbrechen. Fast tat sie ihm leid. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie an solch einem Ort glücklich werden konnte. Nach allem, was er wusste, wurden den Mädchen dort lauter unnütze Dinge beigebracht, die kein anderes Ziel hatten, als aus ihnen folgsame Ehefrauen zu machen, die dazu da waren, Kinder zu gebären, einen Haushalt zu leiten und ihren Männern als schmuckes Beiwerk in gesellschaftlichen Dingen zu dienen. Willenlose, juwelenbehängte Weibsbilder, die vor Standesdünkel und Arroganz nur so strotzten. Wahrscheinlich würde selbst Torie eines Tages so werden.
Er hatte in den letzten Monaten viel darüber nachgedacht, welch prägende Rolle Vorherbestimmung und gesellschaftliche Klassenzugehörigkeit auf das Leben eines einzelnen Menschen nahmen. Aber je mehr er darüber nachdachte und in der Literatur darüber las, desto mehr kam er zu der Überzeugung, dass man nicht alles, was einem scheinbar vorherbestimmt war, auch für sein Leben akzeptieren musste. Im Gegensatz zur Generation seiner Eltern wollte er sich nicht einfach mit seinem vorbestimmten Schicksal abfinden. Er fand, es war an der Zeit, dass sich die Gesellschaft veränderte. Das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung musste gestärkt werden. Und ein erster Schritt dazu war, die immer noch existierenden Standesunterschiede zu beseitigen.
Mit dieser Meinung stand er glücklicherweise nicht allein. In den vergangenen Monaten war er einige Male nach Paris gereist, um an politischen Versammlungen der Arbeiterbewegung teilzunehmen. Sein Vater durfte davon nichts wissen. Er hätte ihm seine Flausen wohl mit Prügel aus dem Leib geschlagen. Doch für ihn waren diese Treffen eine Offenbarung, auch wenn er sich in manchen Dingen noch nicht sicher war. Es gab so viele unterschiedliche Lager mit kontroversen Meinungen, die es einem nicht leichtmachten, das Richtige für sich selbst herauszufinden.
Erst neulich war es während eines Treffens bei den Genossen, wie sich die Teilnehmer untereinander nannten, hoch hergegangen. Die Redner waren sich einig gewesen, dass die Arbeiter bessere Löhne und Arbeitsbedingungen bekommen mussten. Die Mittel und Wege, wie das zu erreichen war, unterschieden sich innerhalb der Gruppierungen jedoch fundamental.
Da waren zum einen die radikalen Anhänger von Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Lenin, die eine Gleichberechtigung aller Klassen auf revolutionärem Weg durchsetzen wollten. Für sie war der Staat nur ein Instrument der herrschenden Klasse, der Bourgeoisie. Ihr örtlicher Stellvertreter, ein wortgewaltiger Hüne mit rauschendem Vollbart und blitzenden Augen, forderte einen Sturz der Bourgeoisie mit allen Mitteln, um durch die Herrschaft des Proletariats – also der einfachen Menschen, zu denen er, Julien, gehörte – die Aufhebung der Klassengesellschaft zu bewirken und somit einen Staat zu errichten, der ohne die Privilegien des Bürgertums auskam. Da die Arbeiterbewegung allein nicht in der Lage war, dies zu erreichen, denn den Arbeitern fehle es an Klassenbewusstsein und Handlungsfähigkeit, warb der Mann für den Eintritt in die kommunistische Partei. Die Partei sollte alles regeln.
Der Vertreter der anderen politischen Ausrichtung war ein sehr viel gemäßigter auftretender Mann, der äußerlich unscheinbarer wirkte als sein Vorredner. Im Gegensatz zu dem Kommunisten entsprach seine Fähigkeit, Dinge klar zu benennen und sie differenzierter zu betrachten, viel mehr dem, was auch Julien unter einer gerechten Gesellschaft verstand. Dieser Monsieur Lemaître trat für das allgemeine Wahlrecht ein, in dem auch Frauen berücksichtigt wurden. Außerdem glaubte er, dass der Staat, sobald die Arbeiterschaft Teil der Regierung war, der zentrale Akteur zur Durchsetzung sozialistischer Ideen war. Deshalb war das Ziel dieser politischen Idee, den Staat so weit wie möglich mit sozialistischen Ideen zu durchdringen. In einem fortschrittlichen Staat, so Lemaître, dürfe es eben nicht nur um die persönliche Freiheit des Einzelnen und den Schutz seines Eigentums gehen, seine Aufgaben seien viel komplexer. Der Staat müsse die Entwicklung des Menschengeschlechts zur Freiheit vorantreiben, allerdings statt durch Gewalt mit den Mitteln einer gewählten Demokratie.
Julien sprachen diese Worte aus dem Herzen. Tief aufgewühlt hatte er die Veranstaltung verlassen und sich fest vorgenommen, an der Umsetzung dieser Ideen tatkräftig mitzuwirken. Er verstand, dass eine Veränderung der Gesellschaftsverhältnisse auch ihm neue Möglichkeiten für sein Leben bieten würde. Eines Tages, davon war er fest überzeugt, würde es keinen Unterschied mehr zwischen Menschen wie ihm und den Belroses geben.
Julien sah, wie sich vom Herrenhaus der Belroses ein Mann näherte. Er erkannte in ihm Tories Bruder, der es ziemlich eilig zu haben schien. Als er auf seiner Höhe war, hielt er an.
»Hast du meine Schwester gesehen?«
Julien deutete mit dem Daumen auf das Gebäude. »Sie ist noch bei eurem Vater. Möglich, dass sie bald rauskommt.«
Im nächsten Augenblick erschien Torie tatsächlich im Eingang. Als sie ihn und ihren Bruder entdeckte, steuerte sie sofort auf sie zu.
»Ich hab Monsieur Kégresse gesprochen«, sprudelte es nur so aus ihr heraus. »Es war einfach fantastisch. Wisst ihr, dass er …«
Julien hätte zu gern mehr von der Unterhaltung erfahren, doch Maurice hatte anderes im Sinn.
»Dafür haben wir jetzt leider keine Zeit«, unterbrach er ihren Redeschwall bestimmt. »Maman hat entdeckt, dass du nicht in deinem Zimmer bist. Sie ist ganz schön aufgebracht und lässt dich bereits suchen.«
»Und wenn schon!«, entgegnete Torie mit trotzig vorgeschobener Unterlippe. »Ist mir egal. Heute ist schließlich mein Geburtstag!«
»Herzlichen Glückwunsch«, murmelte Julien, er merkte, dass ihn die Situation plötzlich überforderte. »Und danke für deine Hilfe vorhin«, fügte er rasch hinzu. »Ich muss dann mal wieder an die Arbeit.«
Er wartete nicht, bis Torie antwortete, sondern machte, dass er davonkam.
»Welche Hilfe?« Maurice warf Torie einen fragenden Blick zu. »Hab ich etwas verpasst?«
»Nicht der Rede wert.« Torie machte eine wegwerfende Handbewegung und sah ihren Bruder prüfend an. »Weshalb bist du wirklich hier? Du hättest auch im Haus auf mich warten können.«
»Es gibt Neuigkeiten«, berichtete Maurice aufgeregt. »Der Thronfolger von Österreich, Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie, sind heute in Sarajevo ermordet worden. Die Depesche kam gerade an und hat alle in helle Aufregung versetzt.«
»War Papa mit ihnen bekannt?«
Torie verstand nicht im Ansatz die Tragweite dieser Information, und sie sah, dass Maurice sich ein Lächeln nicht verkneifen konnte. Sie wollte gerade auffahren, doch er wurde gleich wieder ernst.
»Nein, das war er nicht. Aber die Tat ist nicht nur fürchterlich, sie wird vermutlich weitreichende Folgen haben. Der Attentäter gehört zu einer revolutionären Untergrundorganisation, die für die Befreiung Bosnien-Herzegowinas von der österreichisch-ungarischen Herrschaft kämpfen. Österreich-Ungarn wird das nicht so einfach hinnehmen. Einige sprechen sogar von einem drohenden Krieg …«
»Einem Krieg?« Torie fühlte, wie sie ein Schauder überlief. »Aber das ist ja entsetzlich!«
»Du musst keine Angst haben«, versuchte Maurice sie sofort zu beruhigen. »So weit wird es schon nicht kommen. Aber deswegen bin ich gar nicht hier. Ich wollte mich von dir verabschieden. Gerade kam ein Telegramm von meiner Klinik. Ich muss zurück nach Paris. Professor Castaneda hat mich rufen lassen. Er möchte, dass ich ihm morgen bei einer wichtigen Operation assistiere.« Mit einem Mal strahlte er.
Torie war nicht bereit, seine Freude zu teilen. Sie dachte an das Gespräch mit ihrer Mutter, das ihr noch blühte. »Und das ausgerechnet an meinem Geburtstag?«, fragte sie enttäuscht. »Kannst du nicht absagen? Ich brauche dich hier.«
Ihr Bruder sah sie vorwurfsvoll an. »Das geht nun wirklich nicht. Es ist eine große Ehre für mich, und eine Chance, die ich auf keinen Fall verpassen darf«, erklärte er. »Wenn ich mich nicht allzu ungeschickt anstelle, bekomme ich die Assistenzarztstelle bei Castaneda, sobald in wenigen Wochen meine Abschlussprüfungen vorüber sind …«
Torie spürte plötzlich einen Kloß im Hals. »Aber dann sehen wir uns ja vor meiner Abreise gar nicht mehr«, wurde ihr bewusst.
»Sei nicht traurig, kleine Schwester. Spätestens an Weihnachten treffen wir uns wieder.« Er lächelte ihr aufmunternd zu, während er mit der Rückseite seiner Hand zärtlich über ihre Wange strich. »Denk an das, was dir Madame Odessa geweissagt hat. Du hast eine außergewöhnliche Zukunft vor dir, kleine Wildkatze.«
»Der ganze Hokuspokus war nur vergeudetes Geld«, gab Torie patzig zurück.
»Ach, auf einmal?« Ihr Bruder sah sie spöttisch an. »Wer wollte denn unbedingt zu dieser Wahrsagerin heute Morgen? Da warst du doch noch ganz beeindruckt von der Dame.« Er imitierte Madame Odessa: »Gewalt wird die Welt erschüttern, und ihre Auswirkungen werden auch für euch zu spüren sein.« Seine Stimme wurde wieder normal, fast nachdenklich, als er anfügte: »Im Nachhinein könnte man direkt behaupten, dass sie das Attentat auf den Thronfolger vorausgesehen hat.«
»Sie hat lauter unverständliche Dinge von sich gegeben«, protestierte Torie. »Mit ihrem Gerede von Wildkatze, Schwan und Wiesel, deren Schicksale miteinander verwoben sein sollen, kann doch kein vernünftiger Mensch etwas anfangen!«
»Sie hat dir immerhin aufregende Zeiten und ein großes Abenteuer vorhergesagt. Bestimmt hat sie damit Lausanne gemeint!«
»Soll das ein Spaß sein?« Torie warf ihm einen wütenden Blick zu. »Dort werde ich bestenfalls auf die Irrwege stoßen, die sie mir außerdem vorausgesagt hat!«
Maurice ließ sich nicht beeindrucken. »Dann solltest du wenigstens ihren Ratschlag annehmen, deine überbordende Energie auf etwas Positives zu lenken!«
Tories Stimmung wurde durch die Worte ihres Bruders nicht besser. Sie hatte es längst bereut, ihr Erspartes für die nebulöse Prophezeiung verschwendet zu haben. Statt einer hoffnungsvollen Perspektive, die sie erwartet hatte, hatte ihre Unsicherheit nur noch zugenommen.
»Nun mach doch nicht so ein finsteres Gesicht«, versuchte Maurice sie ein letztes Mal aufzumuntern. »Du bist nicht das erste Mädchen, das in solch ein Pensionat geschickt wurde. Den meisten gefällt es dort sehr gut!«
»Ich wünschte, ich wäre als Junge geboren! Du kannst wenigstens aus deinem Leben machen, was du willst. Ich dagegen muss mich immer unterordnen. Das ist einfach ungerecht.«
»Ja, das ist es vermutlich«, gab Maurice ihr überraschenderweise recht. »Und deshalb verspreche ich dir, dass ich dich bei deinen Zukunftsplänen unterstützen werde, sobald du die Zeit im Internat überstanden hast. Ich bin sicher, dass auch Papa sich an sein Versprechen halten wird. Vertrau auf ihn.« Sein Blick war so aufrichtig, dass Torie sich tatsächlich getröstet fühlte. Plötzlich hatte sie ein schlechtes Gewissen, immer ließ sie ihre üble Laune an ihrem Bruder aus.
»Du musst nicht denken, dass ich dir dein Leben nicht gönne«, lenkte sie ein. »Ich wünsche dir nur das Allerbeste. Du wirst bestimmt ein hervorragender Chirurg werden. Und ich werde die Zeit in Lausanne schon überstehen.«
Maurice war offenbar erleichtert. »Die Zeichen stehen gut, dass du eines Tages dein Glück finden wirst. Waren das nicht die Worte von Madame Odessa?« Er zwinkerte ihr nochmals zu. »Du musst nur auf dein Herz hören, kleine Wildkatze!« Dann sah er auf seine Taschenuhr. »Ich muss mich beeilen. Die Eisenbahn wartet nicht.«
Er umarmte Torie rasch und drückte ihr zum Abschied einen Kuss auf die Stirn.
Erschöpft ließ sich Maurice von einer Krankenschwester den Schweiß von der Stirn abtupfen und danach aus dem Operationskittel und den Gummihandschuhen heraushelfen. Der Eingriff hatte über acht Stunden gedauert und ihm einiges abverlangt. Dennoch fühlte er sich großartig. Die erste komplizierte Operation am Gehirn hatte er erfolgreich überstanden. Als Professor Castaneda ihm kurz zuvor eröffnet hatte, dass er nicht nur assistieren, sondern einen maßgeblichen Teil der Operation selbstständig durchführen sollte, hatte er sein Glück kaum fassen können. Es war nicht nur ein Zeichen großen Vertrauens, das ihm sein Mentor entgegenbrachte, sondern ein weiterer Hinweis dafür, dass er ihm gute Chancen einräumte.
Anfangs war er so nervös gewesen, dass er gefürchtet hatte, seine Hände würden zittern, wenn er das Skalpell auch nur berührte. Doch sobald der Schädel geöffnet und das Operationsfeld mittels Dampfsterilisation bakterienfrei gemacht worden war, hatte er gefühlt, wie er immer ruhiger wurde und seine Konzentration zurückkehrte. Seine Aufgabe hatte darin bestanden, bei dem Hydrozephalus-Patienten den Anton-von-Bramann’schen Balkenstich selbstständig durchzuführen, um eine Verbindung zwischen dem dritten Ventrikel und den äußeren Liquorräumen herzustellen. Damit konnte die überflüssige Gehirnflüssigkeit abfließen. Der junge Patient mit dem Wasserkopf war zwar unheilbar krank, doch dank moderner Operationsmethoden war es neuerdings möglich, den Gehirndruck schonend zu senken, sodass ihm unter Umständen noch mehrere lebenswerte Jahre bevorstanden.
Maurice war sich seiner Feuertaufe wohl bewusst. Sollte auch nur die geringste Kleinigkeit schiefgegangen sein, würde seine Chance auf die begehrte Assistenzarztstelle in seinem Institut für immer verloren sein. Doch die Operation war erfolgreich verlaufen, und der Patient war allem Anschein nach stabil. Die folgenden Tage würden zeigen, wie gut er sich erholte.
»Tapfer geschlagen«, meinte Castaneda im Vorübergehen. Er hatte sich bereits seinen weißen Stationskittel übergezogen und strebte in Richtung OP-Ausgang. Trotz seines fortgeschrittenen Alters sah man ihm die Anstrengungen der letzten Stunden nicht an. In der bereits geöffneten Schiebetür drehte er sich nochmals um. »Kommen Sie doch bitte morgen Abend nach Dienstende zu mir ins Büro.«
Maurice spürte, wie das Blut vor Aufregung durch seine Adern schoss. »Sehr gern, Herr Professor«, rief er, obwohl sein Vorgesetzter längst verschwunden war.
Er spürte ganz genau, dass er seinem Ziel noch nie so nahe gewesen war wie an diesem Tag. Wie in Trance begab er sich auf die Station, auf der er an diesem Abend seinen Dienst versehen sollte. Dort wartete noch jede Menge Arbeit.
»Na wie lief die OP?«, wollte Ramballe, sein größter Konkurrent um die Assistentenstelle, wissen. »Hab schon gehört, dass der Alte dich einen großen Teil des Eingriffs hat durchführen lassen. Respekt!« Er klopfte Maurice kameradschaftlich auf die Schulter und grinste selbstgefällig. »Noch hast du das Rennen allerdings nicht gemacht. Ich habe gerade erfahren, dass ich morgen mit dem Professor einen Tumor am Rückenmark eines Patienten entfernen werde. Ich werde es dir nicht leichtmachen, alter Freund!«
»Möge der Bessere gewinnen!«, erwiderte Maurice selbstbewusst. »Aber mach dir nichts draus, wenn du es nicht schaffen solltest. Ich werde auf jeden Fall heute Abend schon mal im Bofinger feiern. Schade, dass du nicht mitkommen kannst.«
»Dann viel Spaß«, meinte Ramballe gönnerhaft. »Mal sehen, wer morgen den größeren Grund zum Feiern hat.«
Maurice und sein Freund gingen ohne Groll auseinander. Sie kannten sich bereits seit Beginn ihres Studiums und hatten schon so manch schwierige Prüfung gemeinsam überstanden, bevor sie deren Erfolge anschließend in einer Bar ausgiebig gefeiert hatten. Und wenn schon ein anderer als er selbst die Stelle haben sollte, hatte Ramballe sie verdient.
Als Maurice später am Abend das Bofinger betrat, waren seine Freunde bereits in bester Stimmung. Die Brasserie war ein beliebter Treffpunkt für junge Leute, nicht nur, weil dort die erste Zapfanlage für Bier in Paris eingeführt worden war, sondern auch wegen der lockeren, zwanglosen Atmosphäre und des guten Elsässer Essens.
»Setz dich zu uns«, rief Jacques, der ewige Philosophiestudent, und prostete ihm mit einem Glas Champagner zu. »Christophe ist heute in Spendierlaune. Er hat von seinem alten Herrn zum Geburtstag eine Geldanweisung bekommen!«
Maurice gratulierte seinem Freund und nahm am Tisch Platz, wenig später hatte er ebenfalls ein Glas Champagner in der Hand.
Außer seinen beiden Freunden saßen noch drei junge Frauen am Tisch, die diese in einer Bar kennengelernt hatten. Eine von ihnen, eine Rothaarige mit aufgesteckten Locken, lächelte ihm aufmunternd zu. Sie hieß Lola und war zweifelsohne die Hübscheste der drei. Maurice fühlte sich angespornt, mit ihr zu flirten, vor allem, als er sah, dass auch Jacques sich um sie bemühte. Zwischen ihnen gab es eine Wette, wer wohl der erfolgreichere Verehrer war.
Christophe, der an der Sorbonne Geschichte und Französisch studierte und irgendwann einmal eine Karriere als Schriftsteller anstrebte, hatte seine Wahl schon getroffen und tauschte mit der dunkelhaarigen Ruby bereits Vertraulichkeiten aus. Die eher unscheinbare Monique hielt sich anfangs noch im Hintergrund, doch als Lola ganz offensichtlich Maurice den Vorzug gab, wandte sich Jacques ihr zu. Nachdem Maurice von seiner Operation erzählt und dabei seine Rolle dramatisch geschildert hatte, verlangten die anderen, dass er ebenfalls eine Flasche Champagner spendierte, um auf seine neue Stelle bei Castaneda anzustoßen. Maurice ließ sich nicht lumpen und bestellte gleich Cognac dazu. Als die Sprache schließlich auf die Ermordung des österreichischen Thronfolgers kam, waren sich die Freunde einig, dass die Tat weitreichende Konsequenzen haben würde. Jacques, dessen Vater französischer Gesandter in Wien war, wusste einiges zu berichten.
»Wenn herauskommt, dass die serbische Regierung hinter dem Anschlag steckt, dann wird Kaiser Franz Joseph den Serben den Krieg erklären. Es gilt als sicher, dass der Deutsche Kaiser ihm seine volle Unterstützung gewährt.«
»Das wird sich der Zar aber nicht gefallen lassen. Er steht fest an Serbiens Seite. Und wir Franzosen sind mit den Russen verbündet, ebenso wie Großbritannien. Das können und werden wir nicht hinnehmen«, erklärte Christophe mit düsterer Miene.
»Da bin ich ganz deiner Meinung«, bestätigte Maurice von einem ungewohnten patriotischen Eifer ergriffen, der unter anderem seinem Alkoholkonsum geschuldet war. »Wir lassen uns von den Deutschen nicht schon wieder überrennen! Das, was 1870 geschehen ist, wird uns nicht noch einmal passieren.«
»Immerhin hat der verlorene Krieg zu unserer Republik geführt«, gab Jacques zu bedenken. »Ich bin auf jeden Fall für eine diplomatische Lösung.«
»Hast du schon vergessen, wie sehr uns die Deutschen haben bluten lassen?«, echauffierte sich Christophe, der sich immer mehr als begeisterter Nationalist herausstellte. »Sie haben uns nicht nur entehrt, sondern auch ausgenommen wie eine Weihnachtsgans! Fünf Milliarden Franc als Kriegsentschädigung haben wir bezahlt und außerdem das Elsass und Teile von Lothringen verloren. Schon vergessen? Deutschland fühlt sich als der Nabel der Welt und will sich unser schönes Heimatland nun auch noch einverleiben. Aber damit ist Schluss! Wir hätten uns schon längst die verlorenen Gebiete wieder zurückholen müssen.«
»Ohne mich!«, verkündete Jacques überraschend nüchtern. »Krieg ist der Vater allen Unheils. Außerdem bin ich überzeugter Pazifist. Mein Großvater ist bei Sedan gefallen. Damit hat meine Familie genug Opfer für Frankreich gebracht.«
