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Eine Lebensreise erzählt von E. M. Tollovich. Das Buch bezaubert durch einen einzigartigen erfrischenden Schreibstil. Abwechslungsreich erzählt kommt nie Langeweile auf und es gibt in charmanter Weise Einblick in das Seelenleben einer Frau, die sich einem neuen Lebensabschnitt stellt. Die beschriebenen Schauplätze befinden sich in Burgenland, Wien und Umgebung, sie bringen Realität in die Erzählung, obwohl die Personen und die Handlung frei erfunden sind. Die Geschichte handelt von Alice, die durch Krankheit viel zu früh ihren Mann verliert. Nach anfänglicher Verzweiflung beginnt sie, sich dem neuen Lebensabschnitt zu stellen. Sie macht die verschiedensten Unternehmungen, um der Einsamkeit zu entfliehen. Sie lernt dadurch auch einige alleinstehende Männer kennen, die ihr den Hof machen. Leider ist aber keiner dabei, der ihre Ansprüche erfüllen kann. Und dann, nachdem sie schon meinte, das keine neue Partnerschaft für sie in Frage kommen würde, lernt sie unerwartet jemanden auf für sie ungewöhnliche Weise kennen. Wer war der Geheimnisvolle? Und was sollte daraus werden? Für die LeserIn ergeben sich viele unterhaltsame und abwechslungsreiche Situationen zum Schmunzeln. Das Buch ist für LeserInnen jeden Alters.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Sturmwind der Seele
Eine Lebensreise erzählt von
E. M. Tollovich
IMPRESSUM
1. Auflage, Juli 2017, © 2017 E. M. Tollovich
Titelbild: © 2017 E. M. Tollovich
Umschlaggestaltung, Layout und Satz:
Verlag Margarete Tischler, 7122 Gols, Österreich
Druck: Prime Rate Kft., 1044 Budapest, Ungarn
Printed in Hungary
Alle Rechte vorbehalten Copyright © 2017 Verlag Margarete Tischler
www.tischler-direktmarketing.at/verlag
Hardcover: ISBN 978-3-9504487-0-2
eBook: ISBN 978-3-9504487-3-3
Als er uns kommen sah, meine Freundin Ina und mich, der Eingangstüre des Tanzlokals zustrebend, dachte er – wie er mir später sagte – „alte Frau“, hielt uns aber, ganz Gentleman, die Tür zum Gasthof auf und wir gingen nickend an ihm vorbei. Welch ein Zufall, wir bekamen den letzten freien Tisch zugeteilt, ebenso die zwei Herren, die mit uns gemeinsam das Gasthaus betraten, nahmen an diesem Tisch Platz. Der Saal war komplett vollbesetzt.
Unsere Garderobe, Daunenparka, Handschuhe, Schal, legten wir auf dem einzigen freien Sessel neben dem Tisch ab. Ich trug einen nicht zu engen hellbraunen Rock und ein in Brauntönen gehaltenes, mit Schlangengrün durchzogenes, glitzersteinchenbesetztes, mexikanisch anmutendes Shirt und nicht zu hohe Pumps. Ich war zum Tanzen gekommen, wenn auch ohne Partner.
Da dachte Filip, so hieß unser Kavalier, „junge Frau“. Ich sah auch um vieles jünger aus, die Figur schlank, die Ausstrahlung beeindruckend, freundlich. Ich startete den Versuch, den Anschluss an das Leben wieder zu finden. Warum soll gerade hier mein neues Leben beginnen?
Ich befand mich in einer komplett anderen Welt, die vielen Menschen rundum, der Lärm unzähliger Stimmen, die mein Herz aus der Stille meines Hauses herausrissen. Zaghaft in die Wirklichkeit zu gehen, das Leben für mich allein gestalten, meistern zu müssen, zu wollen. Das ist es, zu wollen!
„Der Gebildete hat Augen im Kopf, der Ungebildete tappt im Dunkeln.“ Koh2,14a
Im Dunkeln zu tappen, entwurzelt, so kam ich mir nun oft vor. Nicht, weil ich ungebildet war, im Gegenteil, intelligent, vielseitig begabt, nein, das war es nicht. Im Dunkel der Trauer, der Einsamkeit, des Verlassen-Seins nach 40 Ehejahren, allein, allein. Bis dass der Tod euch scheidet. Schöne Worte für ein langes Glück zu zweit, im Traumland der Jugend.
Schön ist aber etwas anderes. Es wäre schön gewesen, mit dem geliebten Ehemann in Pension zu gehen, gemeinsam den Ruhestand zu genießen. Es wäre das Aufatmen der Seele gewesen, nach dem bisherigen arbeitsreichen Leben, das wir geführt hatten, eine neue Erfahrung zu machen.
Viele Menschen fürchten sich vor der Pension. Sie haben Angst davor, nur mehr zu Hause zu sitzen, unnütz zu sein, mit einem Menschen von nun an tagtäglich umgeben zu sein, den sie wieder neu entdecken, ja, kennenlernen müssen im täglichen Einerlei des Zusammenlebens. Unbehagen, Ängstlichkeit breitet sich aus vor der unbegrenzten Freiheit des Pensionistendaseins.
60+ birgt auch die Gefahr zu grübeln, werde ich in der Pension gesund weiterleben oder kommt gar eine Krankheit auf mich zu?
Die Weltlage zeigt sich auch nicht gerade rosarot, manch angehender Rentner fällt ob dieser Gedanken gleich in ein tiefes Loch, zusätzlich.
Zusammen alt zu werden, ein Traum, glücklich zu sein im Alter ist mit etwas gutem Willen beiderseits für viele sicher möglich.
Ich aber stehe da als Witwe. Wie das nur klingt! Mit Beigeschmack. Ich selbst habe meinen Vater im Krieg verloren, noch kein Jahr alt.
Was nun? Die Gewissheit, dass es ihm „drüben“ gut geht, macht mich in all meiner Trauer glücklich, weil er glücklich ist, ich weiß es.
Mein Mann umfing mich in Liebe in den Tagen seines Todes. Ich spürte ihn deutlich um mich. Wunderschön, ich wollte ihn erhaschen, in Tränen aufgelöst lief ich um den Stuhl herum. Wo bist du, bleib da, ich griff in eine Nebelwolke. Er ist da. Er ist fort. Auf dem Weg, Gott hat ihn gerufen. Loslassen, lass los, damit seine Seele den Frieden findet, du dich nicht selbst blockierst, du frei bist für dich, sagt eine Freundin. Seine Seele kann nicht frei, glücklich sein, wenn du es nicht auch bist. Das braucht Zeit, viel Zeit, die ich wohl habe.
Im Alleingang Neues zu finden, das ist die große Herausforderung, oder Resignieren, hadern mit dem Schicksal, warum, warum? Dafür bin ich nicht der Typ. Ich bin immer kreativ gewesen, kenne keine Langeweile. Mit Sorgen aber bin ich nun auf mich allein gestellt.
Das Auto verkaufen, rät mir ein Schwager. Krankheit, Begräbnis haben alles Geld aufgebraucht. Ich habe es doch nicht verkauft. Da wäre es mir noch schlechter ergangen. Meine Kinder müssen weiter ihrem Beruf nachgehen, ich darf mich auch nicht gehen lassen. Mein Mann wäre damit nicht einverstanden gewesen.
Die Zeit vergeht, ich bin mit dem Auto unterwegs, einmal die Woche, um an diesem Tag Erledigungen in der Stadt zu tätigen. Bald heißt es, du bist ja immer unterwegs…
Ich hatte nie eine enge Freundin, gewohnt, alles mit mir selbst auszumachen, in mich hineinzuhören, was zu tun ist, was ist richtig zu tun in dieser oder jener Frage.
Diese Selbständigkeit erleichtert mir das Leben, das ich von meinem Beruf her als Kaufmann gewohnt bin. Ich sage bewusst „Kaufmann“, mein Vater war Kaufmann, den Beruf eines Kaufmannes habe ich erlernt, bin somit gleichgestellt, ohne mit Minderwertigkeitskomplexen behaftet zu sein, konnte ich das Geschäft weiter führen.
Bekannte, Freundinnen meinen es sicher gut mit ihren Ratschlägen, sie führen aber auch mitunter dazu, in Unsicherheit zu geraten, am eigenen Entschluss zu zweifeln.
Ich liebe die Unterhaltung mit Menschen, die wirklich etwas zu sagen haben, geistiges Niveau, von denen ich lernen, eben geistig profitieren kann. Alles andere wäre Larifari, dafür fehlt mir einfach der Nerv und die Zeit. So war ich es gewohnt, mit meinem Innenleben allein zu sein, meinen Gedanken Raum zu geben, Ideen zu entwickeln, umzusetzen, wenn geht.
„Warum fährst du nicht mit, eine 3-Tage-Reise würde dir gut tun!“ Nein danke, ich bin noch gar nicht in der Lage, mich in Gesellschaft zu begeben, vielleicht auch noch wie eine Kranke behandelt zu werden, mitleidig von der Seite beäugt. Das war nie mein Ding. Das wird es auch nicht geben, lieber beneiden lassen, als bemitleidet zu werden.
Ich hatte das unbestimmte Gefühl, den Damen in meiner Gesellschaft ein Dorn im Auge zu sein, weil sie um ihre Männer fürchteten, grübele ich dahin im Stillen. Nun, sie sollten sich um ihr eigenes Glück bemühen, jeder Tag ist ein Neubeginn, jeder Tag sollte dem Glück, einen lieben Menschen um sich zu haben, näherkommen. Sonst ist es zu spät.
„Jetzt wär ma in Pension, hätten Zeit, und wenn man Reisen macht, kommt man mit Venenentzündung nach Haus“, höre ich.
Gerne hätte auch ich Reisen gemacht, doch das Geschäft erforderte meine ständige Anwesenheit.
Auch Reisen will gelernt sein, ich hatte keine Übung darin, somit auch wenig Lust, die gewohnte Umgebung zu verlassen. Ganz abgesehen vom Kofferpacken, den Vorbereitungen, das alles war mir zu mühsam. Eine Bekannte machte mich aufmerksam auf Einkehrtage am Sonntagberg. Sie war schon einige Male dabei gewesen und es hatte ihr sehr gefallen. Das war etwas für die „Seelenverwandtschaft“ mit Dora und ich sagte ihr gerne zu.
Ich meldete mich in dem Hotel an, bekam gerade noch ein Bett in einem Vier-Bett Zimmer. Dora hatte für sich rechtzeitig ein Ein-Bett-Zimmer reserviert, das Haus war ausgebucht. Ich nahm dieses Mehrbettzimmer und teilte es mit zwei Frauen, wobei eine Frau eine Nonne war, sie kam aus Tirol.
Ich habe keine Probleme mit anderen, fremden Menschen, ungezwungen fand ich schnell Anschluss. Unbefangen begann nach diesen Tagen eine sympathische Freundschaft mit Klosterschwester Maria per E-Mail.
Das Ybbstal rundum zeigte sich im schönsten Sonnenlicht, ich atmete auf in diesen vier Tagen in der herrlichen Alpenluft beim Morgenspaziergang im nahen Wald. Ich erkundete das Umfeld rundum der großen Wallfahrtskirche, die durch die nebligen Morgen etwas düster wirkte, mit dem Hospiz.
Ich besuchte die Vorträge des indischen Paters, ich war kein Medium zum Umfallen für ihn bei der Handauflegung, ich blieb felsenfest auf meinen Beinen stehen. Es wurden gemeinsame Mahlzeiten eingenommen, die Teilnehmer kamen aus allen Ecken Österreichs.
Es war gut, den Menschen zuzuhören, wie sie selber mit ihren Widrigkeiten im Leben umzugehen hatten.
Dora war eine gute Autofahrerin, sie fuhr auch oft ins Waldviertel hinauf zu ihrer Tochter. Die Kinder entwuchsen dem Elternhaus, wir waren dabei, uns neu zu erfinden. Ich spürte das Gefühl in mir, auch für mich würde das Leben wiederkehren.
Wieder zurück, allein in der Wohnung, doch gestärkt aus den vergangenen Tagen, in der Realität des Lebens, begrüßt mich der Alltag zu Hause mit Gartenarbeit. Ja, dieser Garten, den ich besonders in den Mittagspausen vom Geschäft herauskommend sehr schätzte, nicht zu groß, er wurde von einem Gärtner in „pflegeleichter“ Weise angelegt.
Mein Mann Albert schenkte ihn mir zum 50. Geburtstag. Er kannte sich in landwirtschaftlichen Dingen gut aus und pflegte den Englischen Rasen mit großer Hingabe.
Der Garten war fertig und Albert erfüllte mir den Wunsch, den runden Geburtstag groß zu feiern mit der ganzen Familie, meiner Schwester und ihrem Mann, Verwandten und Freunden. Es war an alles gedacht, alle Räume geschmückt, bis auf den Wermutstropfen in Alberts Leben, der sich, rückblickend, zum ersten Mal offen zeigte.
An diesem Tag war Albert zu müde, um das Schlafzimmer zu verlassen. Er lag im Bett, nicht fähig aufzustehen, nicht einmal, um die Gäste zu begrüßen.
Ich war den Tränen nahe, wie so oft in den vergangenen Jahren, wo ich Samstag abends allein im Wohnzimmer saß, beim Fernsehen strickte, Albert im Büro über den Geschäftsbüchern saß, oder er sich müde zur Ruhe begab.
Partys, Tanzabende, ländliche Kirtage zogen lautlos an uns vorbei. Dabei tanzte ich leidenschaftlich gerne, mein Mann war ein ausgezeichneter Tänzer, ein elegantes Paar waren wir.
Damals schon litt er öfter an nicht erklärbarer Müdigkeit. Wie war das bloß damals? Er achtete penibel auf seine Gesundheit, las viele medizinische Bücher! Sämtliche Ärzte konnten nichts Gravierendes finden.
„Schmerz und Freude liegt in einer Schale; ihre Mischung ist der Menschen Los.“ J.G. Seume
Die Gäste kamen, vermissten Albert, wollten ihn begrüßen. Sie mochten ihn alle gerne, sie konnten über alles mit ihm reden, er war ein Mensch, der lustig unterhalten konnte.
Sie alle waren betroffen, fragten mich: „Alice, nein, Albert ist krank, was fehlt ihm denn?“ Was sollte ich sagen, um nicht zu weinen. Die nächsten Verwandten kamen zu ihm ins Schlafzimmer an sein Bett, um ihn zu sehen, ihn persönlich zu begrüßen.
Er war freundlich wie immer, er war aber heute außerstande, die Nähe von vielen Menschen zu ertragen, wenn auch zum großen Teil aus der Familie bestehend.
Albert brauchte Ruhe um sich herum, keinen Lärm. Das musste ich begreifen, ihm zugestehen. So musste ich die Feier selbst in die Hand nehmen, the show must go on, meine Enttäuschung konnte ich nur schwer verbergen, bei aller Disziplin.
Meine Kinder versorgten indes die Gäste, reichten auf Tabletts feine Snacks, Sektgläser, die auf mein Wohl rundum erklangen. Bereits im Garten bewunderte die Schar der Gratulanten mit großem Interesse die neuen Blumen, Sträucher, das Biotop.
Der Gag zu meinem Geburtstag war nämlich der, dass ich mir keine Geschenke wünschte, sondern mein Gast in diesem Garten Pate von Blumen werden konnte, für eine Pflanze, die ihm gefiel, welche seinen Namen erhalten würde, dafür wird der Wert des vorgesehenen Präsents in Form von Euro in eine Box versenkt. Es ist mir verhasst, den schönsten, teuren Blumensträußen in der Vase beim Verwelken zuschauen zu müssen, um sie in den Müll zu werfen. Der tägliche Frischwasserwechsel für die Vase erfordert zusätzliche Zeit für Blumenpflege, die ich nicht habe. Für die Langlebigkeit der Blumen die empfohlenen Pulversäckchen zu verwenden ist nur begrenzt hilfreich, und die herrlichen Blumen nur im kühlen Stiegenhaus zu bewundern, anstatt sie im Wohnbereich zu genießen, ist kein großer Beitrag für Gemütlichkeit.
In bester Stimmung wurde auf der großen Terrasse zum Geburtstagessen gebeten, das eine Kusine mit meiner Tochter Karla vorbereitet hatte, mit verschiedenen Braten, Backhendl, Reis, Pommes, allerlei Gemüse, Salaten und einem herrlichen Kartoffelgratin, für das sich eine Bekannte liebevoll einbrachte. Es war erfreulich für das Auge, dem großen Schmausen zuzusehen. Die Söhne Stefan und Bernd füllten die Gläser auf mit Wein, Bier, Wasser, Limo et cetera zum fröhlichen Feiern.
Ich fand keine Ruhe am Tisch, bei diesem Mahl. Meine Schwester sah mir in die Augen: „Iss doch was“, „Ja, später“. Für mich war wichtig, dass meine Gäste glücklich waren, zufrieden, auch in dem Bewusstsein, dass Alberts Gesundheit nicht sehr stabil war.
Sechs Jahre danach, nach meinem fünfzigsten Geburtstag, fällt es mir wie Schuppen von den Augen, dass sich damals eine ernsthafte, zig Jahre hergeleitete, versteckte Krankheit öffnete, die überhaupt nicht erkennbar war! Wie denn, wenn selbst namhafte Ärzte keine Erklärung fanden für seine Müdigkeit!
Albert war ein großer, stattlicher Mann, leicht ergrautes Haar mit einer beginnenden Glatze. Er war einige Jahre älter als ich, konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Wir beide liebten unsere Arbeit, ohne viel auf die Uhr zu schauen.
Ich stehe mit der Uhr nicht gerade auf Kriegsfuß, meine Pünktlichkeit ist zu neunundneunzig Prozent Glückssache. So bin ich meistens pünktlich, wenn auch mit hängender Zunge (die man zum Glück nicht sieht), und doch Ruhe ausstrahlend. Ich bin nicht der Typ, der gerne in der Warteschlange steht, wenn ich da bin, sollte der Vorhang hochgehen.
Die Selbständigkeit im Beruf erzeugt die Freiheit im Inneren, immer weiterzuarbeiten, um diese Arbeit gleichermaßen als Freizeit, als Hobby zu empfinden. Wir zählten nicht die Monate, Minuten auf die Jahre, die uns noch auf die Pension fehlten. Es gab keinen Spielplan für die Zeit danach. Der Plan für unser Leben wird ganz, ganz oben gezeichnet, das menschliche Alter festgelegt, ohne öffentliche Einsichtnahme, dagegen Einspruch zu erheben, zwecklos.
Ruhestand bedeutet nicht, systematisch krank zu sein, aber auch die beste Vorsorge kann keine schleichende Krankheit verhindern, wenn sie nicht zu erkennen ist.
Albert musste sich immer mehr auf eine Krankheit einstellen, die äußerst selten vorkommt, die bei ihm sehr spät erkannt wurde, von den Ärzten als eine von über vierhundert Rheuma-Arten eingestuft wurde. Medizinisch gesehen konnte man erst nach einigen Jahren „echte“ Hilfe geben, die die namenlose Krankheit unter „aggressive Sklerodermie“ einordnete. Das bedeutete den systematischen Verlauf einer hoch steigenden Gewebeverhärtung von den Zehen beginnend, den ganzen Körper herauf, Zentimeter für Zentimeter, gefühllos zu versteifen.
Ich war fassungslos. Die ganze Tragweite unabsehbar. Ruhe bewahren, was hilft es schon, um sich zu schlagen. Mein Gesicht begann ähnlich einer Statue zu versteinern, ja, nach asiatischem Vorbild vielleicht undurchdringlich zu wirken, emotionslos nach außen zu erscheinen, um Verletzungen durch andere Menschen vorzubeugen. Denn: „Wie's da drin aussieht, geht niemand was an ...“ Und die Tränen flossen.
Albert trug die Hiobsbotschaft gelassen – um seine Frau nicht weinen zu sehen? – er war ein Kämpfer. Geduldig saß er im Wartezimmer der Ärzte, in verschiedenen Ordinationen, im Krankenhaus, privat, wir waren in allen Wartezimmern bei Tag und Nacht zu Hause, vom oberen Niederösterreich über Wien, Semmering bis nach Italien hinunter auf der Suche nach Linderung seiner Schmerzen.
Ein Mediziner an der Adria, Koryphäe auf dem Gebiet der Schröpfung durch Glaskugeln am Rücken, versprach, sich um Albert anzunehmen. Da sagte mein Mann zu mir: „Du, das kann dir auch nicht schaden ...“, „Nein, bitte, ich hätte lieber ein Paar italienische Schuhe!“
Ich sah, wie die Saugnäpfe an der Haut klebten, stellte mir bildlich meinen Rücken vor, und ich sah mich bereits bar meiner dünnen Fettschicht am Körper auf dem Tisch hier liegen. Nein, danke.
Wir genossen die paar Tage am Meer, spazierten Hand in Hand, wie wir es beinahe vierzig Jahre gewohnt waren, durch die Stadt. Wir waren zusammen, glücklich, das zählte.
Eine Zeit lang ging es ihm besser, die täglichen Medikamente aber wurden immer mehr, die regelmäßig, möglichst in gleichen Abständen und zur selben Zeit eingenommen werden sollten.
Albert war nun fast nicht hoch zu kriegen, ständig müde verbrachte er so manchen Tag im Bett. Ich weckte ihn mit leichtem Fingerspiel an seinen Waden, bemerkte, wie dünn und weiß sie waren. Selten durfte ich ihn berühren, er war sehr schmerzanfällig.
Er ging ins Bad, etwas dünner geworden: „Jede Hose rutscht mir runter, wozu habe ich eine Frau?“ Wir lachten in einer kurzen Umarmung. Den Gürtel enger zu schnallen brachte es nicht, da musste die Nähmaschine raus.
Der Hochzeitstag nahte, Albert vergaß ihn nie.
Dieses Mal war ich schneller: „Alles Gute zum Hochzeitstag, mein Schatz!“ „Ja, meine Liebe, ich werde dir rote Rosen bringen!“ „Das musst du nicht, wir brauchen eine Leuchtstoffröhre im Blauen Salon, die kostet sowieso eine Menge.“
Neckischerweise nannten wir das kleine Balkonzimmer „Salon“. Er fuhr mit dem Auto weg, um heute auch seine Schwester im nächsten Dorf zu besuchen. Ich begab mich in die Küche, um das Mittagessen vorzubereiten mit viel Gemüse, Kohl mochte er sehr gerne mit Rindfleisch.
Der Druck-Kochtopf mit dem Fleisch sollte eigentlich schon pfeifen, aber nein, das Ventil war abgesackt, also gleich wieder volle Tube aufdrehen. Nebenbei schnell nach dem Erdbeergelee geschaut, erschrak mich ein lauter Knall vom Kochtopf, dessen Ventil endlich rausgeschossen wurde, ohne zu explodieren, wie es solche Fälle gab, zu früheren Zeiten. Ich schaltete die Temperatur auf Stufe drei zurück bis zum Ende der Garzeit.
Wo blieb denn bloß mein Mann? Es war längst 13 Uhr vorbei, ich musste meine Schwägerin anrufen, wo Albert denn steckte.
„Ja, gut dass du anrufst, alles in Ordnung, Albert hatte eine Panne vor dem Haus, konnte nicht starten und jetzt sitzen wir bei Marillenknödel. Er wird bald nach Hause kommen, ja, und alles Gute zum Hochzeitstag!“ Na, super Hochzeitstag!
Dazu fällt mir eine Geschichte aus Kindertagen ein von meiner lieben Schwester: An einem Sonntag vor dem Mittagessen schickte Mama meine kleine Schwester Sophie ins Gasthaus, um Sodawasser zu kaufen, das es damals nur in Siphon-Flaschen gab. Das Gasthaus lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Hügel. Mama ermahnte Sophie zur Vorsicht, wenn sie die Straße überquerte. „Jaaa ...“
Die Zeit verging, Sophie kam nicht, kam nicht. Mama wurde unruhig und sagte: „Geh, Alice, lauf und schau, wo deine Schwester bleibt.“ Ich lief los über die Straße zum Wirtshaus in den Schanigarten hinein. Es war ein sonniger Tag, die Leute saßen im Schatten unter den Bäumen. Ich blieb stehen, um besser sehen zu können. Ich dachte, das gibt es nicht!
Da saß meine kleine Schwester Sophie mitten im Gastgarten, wie die Großen auf einer Holzbank am Tisch, vergnügt mit unserem Nachbarbuben Sepperl bei einem Kracherl (Himbeersoda). Ein Bild für Götter!
Werde ich nie vergessen, obwohl ich damals etwa sieben Jahre alt war, musste ich lachen, aber mit gebotener Strenge die Idylle beenden.
Mama konnte sich das Lachen kaum verkneifen, als ich ihr die Geschichte erzählte. Als die um ein Jahr Ältere bekam ich nun den Auftrag von Mama, die in ihrer Börse nach einer Münze suchte, mich um die Flasche Wasser zu kümmern mit neuem Geld, das „erste“ Wassergeld hatte Sophie ja beim Frühschoppen gelassen, um nicht zu sagen versoffen.
Schon als Kind hatte ich ein gewisses Maß an Verantwortung zu tragen, weil unsere Familie allein aus uns beiden mit unserer Mama bestand.
Einige Jährchen später, fünfzig Jahre später, wartete ich mit dem Essen auf meinen Mann. Ich könnte ihn auch gar nicht abholen von irgendwo, selbst wenn ich wollte. Wir hatten nie zwei Fahrzeuge gehabt, ein Auto für uns beide war ausreichend gewesen.
Für einen schönen Abend zu zweit hatte ich eine Lachsplatte vorbereitet mit allem, was er gerne mochte.
Mit einem Blick in seine Augen wurde mir klar, dass es ihm nicht gut ging, trotz der purpurroten Rose, die er in Händen hielt. Ich liebte ihn, doch an einen gemütlichen Abend war nicht zu denken. Verärgert über sich selbst, seine Schmerzen, konnte er aus der Haut fahren, da half nur schweigen, um nicht in Streit zu geraten.
In dieser Phase begann Albert eine Therapie bei einer sehr engagierten Internistin nahe Wien, die sich auch mit chinesischer Medizin befasste, wo er regelmäßig seine Termine wahrnahm.
Sie behandelte ihn einfühlsam, er schwärmte geradezu von Yvonne, sodass ich beinahe eifersüchtig werden konnte. Selbstverständlich wollte auch ich seine Gesundheit, für ihre Mühe um meinen Mann überreichte ich Dr. Yvonne meine selbstgebackenen Vanillekipferl, die sie gerne annahm. Ganz selten fuhr Albert allein zu ihr in die Ordination, es war eine etwas verwinkelte Gegend um zu ihrer Adresse zu gelangen. In der Nähe lag die Therme Oberlaa. Eines Tages fragte ich Albert, ob es möglich wäre, dass ich während seiner Therapie zum Baden in die Therme ginge, aber nur, wenn er allein zurechtkommen würde, mit dem Auto fahren könnte. Er sagte: „Ja, natürlich, ich fahre dich in die Therme und hole dich nach meinem Termin ab, kann neunzehn Uhr werden.“ „Danke, mein Schatz.“ Gesagt, getan.
Eine Weile weg von Wartezimmern, keine Krankengeschichten von anderen Patienten mit anhören zu müssen, kein einziger Fall ist mit einem anderen ident, vergleichbar. Manche Indizien können auch bei anderen Menschen mit einem ganz anderen Krankheitsbild vorliegen.
Zum ersten Mal allein, ungewohnt, einmal etwas für mich zu tun, entspannen, wenn möglich. Ich war nun im Wasser, mein Mann in seiner Therapie, die sehr wichtig war für ihn. Im Schwimmbereich war nicht mehr viel los, die Badegäste machten sich auf den Weg nach Hause. Die Liegestühle standen verlassen da in exakter Front zum Becken. Eineinhalb Stunden im Bad waren schnell herum, Zeit in die Umkleidekabine zu gehen, meine Tasche zu nehmen und im Foyer auf Albert zu warten.
Hier stand ein Bekannter aus meinem Ort, begrüßte mich herzlich und lud mich zu einem Drink ein. Ich hatte keinen Durst, ich hatte eine Flasche mit Wasser im Seitenfach vom Auto deponiert. Wir plauderten an einem der Tische und ich erzählte von Albert, auf den ich wartete. Mittlerweile zeigte die Uhr beinahe zwanzig Uhr an, wo blieb er nur, er kannte die Strecke in- und auswendig und so weit weg war die Ordination auch wieder nicht. Außerdem hatte er ein Navi, das ihn führte.
Am Handy war er nicht erreichbar. Von Unruhe gepackt nahm ich meine Tasche und strebte dem Ausgang zu. Am großen Parkplatz angelangt sah ich von weitem das Auto herankommen, endlich! Ich verkniff mir Vorwürfe, Albert würde die Verspätung erklären. „Ja, ich habe mich verfahren, ich war plötzlich auf der Schnellstraße nach Westen, ich weiß nicht, wie ich dahin gekommen bin.“ „Soll ich nun das Steuer übernehmen?“ Beruhigt, seine Frau wiedergefunden zu haben, sagte er: „Nein, ich fahre, es geht schon.“ Er spürte wieder Sicherheit in meiner Nähe. Nun wollte ich ihn fragen, was die Untersuchung beim Arzt ergeben hat.
„Was hat die Frau Doktor zu dir gesagt, Albert?“ „Ja, die Frau Doktor schickt mich zum Zahnarzt. Wie du weißt, Alice, habe ich große Schmerzen an meiner Ferse im rechten Fuß. Diese Schmerzen hängen mit einem Zahn zusammen, hinter dem sich ein Eiterherd befindet. Sie hat mir ein Schreiben für ihn mitgegeben. Gleich morgen Früh werde ich Dr. Stein anrufen.“
Albert bekam sofort einen Termin beim Zahnarzt aufgrund der Dringlichkeit, klar. Dr. Stein hörte sich die Geschichte an, er konnte nichts Bedenkliches konstatieren, das Röntgenbild zeigte nicht die geringste Spur eitriger Zahnhälse an. Ein zweites Röntgenbild wurde gemacht, dasselbe Ergebnis. Kein Eiterherd im Kiefer zu finden.
Der Arzt musste sich nun selbst ein Bild machen, ohne Röntgen, und beschloss, die Internistin Dr. Yvonne anzurufen. Ja, sie wäre die Ärztin von Herrn Tobich, es stimmte die Sache mit dem Eiterherd. Der Backenzahn Nummer XY müsste raus, der Eiterherd entnommen, die Wunde gereinigt werden, damit der Patient von den Schmerzen in der Ferse befreit werden würde.
Nach diesem Gespräch machte sich der Doktor ans Werk und riss den scheinbar gesunden Zahn, neben all den anderen Zähnen, die Albert zeitlebens sorgsam pflegte, heraus. Die Überraschung wich einem ungläubigen Staunen, was sich ihm da bot.
Dr. Stein konnte es nicht fassen, welch riesigen Eiterherd er unter diesem Zahn herauszog, der sich tatsächlich hier befand. Alberts Schmerzen im Fuß verflogen so schnell wie die Schmerzen in der Backe.
Nach nicht sehr langer Zeit kam die nächste Qual in den Füßen auf Albert zu, die wieder einen Zahn forderte. Dieser machte einen größeren Eingriff notwendig. Eine Kieferoperation stand bevor, die in der Zahnklinik in Wien vorgenommen werden musste. Wieder saß ich da in einer Reihe von vielen Menschen, wartete, betete. Aber ich hatte die Gewissheit, mit meinem Mann nach Hause fahren zu können.
Von nun an nahm ich mir vor, alles aufzuschreiben, was Albert plante, was er sagte, was er wollte. Ich dachte auch nicht immer daran, woran sein Herz hängt. Ich vergaß manches in meinem Kummer, er hatte seine Pläne schon längst vergessen.
Ich beobachtete ihn aus dem Augenwinkel heraus bei seinem Bemühen, ein Kabel in ein Gerät einzuziehen. Mit Tränen in den Augen sah ich zu, wie sich diese Lappalie von früheren Zeiten zur Schwerstarbeit für ihn entpuppte. Seine Finger dick, ungelenk geworden durch die Einnahme unzähliger Pillen, Tabletten.
Gemeinsame Spaziergänge wurden seltener, sie durften nicht zu lang werden, man musste ja wieder nach Hause zurückgehen. Es war wichtig, dass es für unterwegs eine Möglichkeit gab, eine kurze Rast zu halten, oder dass er sich an einem Gartenzaun anlehnen konnte.
Indes versuchte Albert immer wieder, mir im Garten zu helfen, er konnte nicht untätig zuschauen, wenn ich Sträucher schnitt, Unkraut jätete. Er nahm sich einen niedrigen Hocker, eine Rasenschere und säuberte die Steine auf den Wegen vom überwuchernden Gras. Er arbeitete gerne, konnte es auch nur, wenn es ihm besser ging.
Trotzdem achtete ich darauf, dass er sich nicht übernahm: „Es ist genug, bitte überanstrenge dich nicht, ich mach das schon.“ Wir besuchten schon lange keine Feste mehr, selbstredend. Nur keinen Stress, keine zusätzlichen Termine!
Seltene Entspannung brachte mir das Radfahren, kleine Runden, meist alleine. Bei einer Radtour an einem Nachmittag mit den Schwestern Edda und Hella bewunderte ich Eddas schlanke Figur. Sagte darauf ihre etwas molligere Schwester Hella: „Sie isst ja nix. Meine Großmutter hat dagegen immer zu mir gesagt: ‚Hella, iss die Reste auf, sonst kriegen sie die Sau (Schweine).‘“
Mit dem Auto zu fahren mit meinem Mann daneben war eine Sache der Anspannung, von einer Entspannung konnte keine Rede sein für mich.
Eines Morgens hatte Albert wieder einen Termin beim Augenarzt, für 7 Uhr 15. Er rief von weitem: „Wo ist mein Autoschlüssel?“ Eh spät dran sagte ich gereizt: „Musst du wissen, ich weiß es nicht.“ Er: „Dann hast ihn versteckt.“ Absurd, was war das denn, wie kommt er auf die Idee! Seine Vergesslichkeit nahm zu, sein Orientierungssinn nahm ab. Er wurde sich dessen bewusst, sicher schon damals, als er die Straße nach Wien zurück verfehlte, sein Ehrgeiz ließ es später aber nicht zu, das Steuer aus der Hand zu geben. Im Laufe der Zeit ließ er mich jedoch vermehrt ans Steuer, oder wir teilten uns große Entfernungen.
Mein Mann war ein schlechter Beifahrer. Ich versank ins Grübeln. Welcher Mann nicht? Gibt wenige von dieser Sorte. Mein Sohn Stefan, der war von dieser Spezies. Aufgrund seiner Länge schon lag er mehr im Wagen, als dass er saß. Ihn konnte so leicht nichts aus der Ruhe bringen. Sein Vater, wie gesagt, das glatte Gegenteil von ihm. Albert war nicht Bei-, nicht Mitfahrer, er war Selbstfahrer. Er nörgelte ununterbrochen, nicht da, nicht dort ran, fahr doch geradeaus, schau doch auf den Weg, bis mir der Kragen platzte, und das wollte was heißen! Ich schrie ihn an, dass er begreifen sollte, in welcher Position er sich befand!
Wenn ich mich selbst beurteilen müsste, würde ich mich schon zu den guten Autofahrern zählen. Ich habe meinen eigenen Fahrstil wie die anderen auch, das bemerken schon kleine Kinder, wenn sie lieber mit dem Papa als mit der Mama im Auto mitfahren wollen.
Ich erinnere mich gut daran, als wir eines Tages in unserer jungen Ehe mit unseren damals kleinen Kindern wegfahren wollten:
Wir standen bereit zum Einsteigen, als Albert zu den Kindern sagte: „Heute wird eure Mama mit dem Auto fahren.“ Na, bum. Ich sehe meine Tochter Karla neben dem Auto stehen, als ob es gestern gewesen wäre: „Dann steige ich nicht ein.“ Ich kapitulierte vor so großer Weisheit meiner Tochter. Vielleicht war es ein Fehler, dass ich zeitlebens mein Licht hinter das ihres vergötterten Vaters stellte. Meine Tochter dachte vielleicht jahrzehntelang, dass ihre Mutter nicht autofahren kann.
Meine Selbstzweifel an meiner Fahrkunst nahmen zu, je länger ich meinen kritisierenden Mann herumkutschierte. Schlussendlich nahm ich Kontakt auf zu einer renommierten Fahrschule, um ein paar Fahrstunden für meine Selbstsicherheit zu kriegen. Albert ließ ich im Unklaren über meinen heutigen Termin in Neusiedl, er würde mich im Voraus nur nervös machen. Der Termin war klar für mich. Es war ein schöner Frühlingstag und ich holte meinen Fahrlehrer bei der Fahrschule ab.
Ich kannte diese Stadt seit meiner Kindheit, jedes Gässchen. Davon kann heute keinesfalls mehr die Rede sein. Die Stadt ist immens gewachsen, nach jeder Richtung hin, sogar bis ins Wasser, in den See hinein. Der Fahrlehrer saß neben mir am Beifahrersitz, natürlich, wo denn sonst, ist vielleicht nicht mehr gewohnt selbst zu fahren, schießt es mir in Sekundenschnelle durch den Kopf. Er gab mir die Route vor und ich fuhr los. Ich überfuhr keine rote Ampel, gab auf Fußgänger Acht. Er sah sofort, wie lässig ich mit dem Lenkrad umging, auch mit nur einer Hand am Steuer die Richtung beibehielt, oh je, Macht der Gewohnheit, schnelle Korrektur, zurück zur Vorschrift, „beide Hände halten das Lenkrad“.
Das, was ich heute im Besonderen üben wollte, war das Einparken, wovor wir Frauen uns am meisten „fürchten“. Ich kann es, meistens, wenn ich allein unterwegs bin. Mit Albert an meiner Seite war das Fiasko vorprogrammiert. Reine Nervensache. Ruhige Nerven zu bewahren beim Einparken sollte mir der Herr Fahrlehrer beibringen, soviel erwartete ich mir von der heutigen Stunde. Ich bog in die vorgegebene Seitenstraße ein, der Lehrer sagte: „Halten Sie an und parken Sie links ein zwischen den Autos am Straßenrand.“
Entspannt, in aller Ruhe parkte ich den Wagen in einem Atemzug in die Lücke mit einem Tipp vom Fahrlehrer. Er lehnte sich zufrieden zurück und sagte: „Das war‘s, Sie brauchen keine weitere Fahrstunde, alles o.k.“
Ich befragte ihn über ähnliche „Schüler“ wie ich es heute war, während ich ihn zurück ins Fahrschulbüro fuhr. Oh ja, gäbe es wiederholt. Damen, die 10 Stunden und mehr benötigten, jetzt hätte er zum Beispiel eine, die links und rechts nicht auseinanderhalten könnte. Leute, die jahrzehntelang nicht Auto gefahren waren. Damen, die auf sich allein gestellt waren, wollten es wieder versuchen, und so weiter.
Ich bedankte mich bei dem netten Fahrlehrer, bezahlte meine Rechnung im Büro, fühlte mich bestätigt und erleichtert. Mit neuem, wiederhergestellten Selbstwertgefühl berichtete ich, wohlbehalten zu Hause eingetroffen, meinem Mann von der erfolgreich absolvierten Fahrstunde und sagte zu ihm: „Du siehst mein Schatz, du kannst dich mir voll anvertrauen, egal wohin die Reise geht, ich fahre dich überall hin (hoffentlich nicht nach Wien). Also bitte, keine Kommentare mehr über meine Fahrweise im Auto.“ Etwas perplex lauschte Albert meinen Worten, er war ein bisschen stolz auf mich, am Weg zu einem besseren Beifahrer? Doch, vielleicht.
Ich verweile in längst vergangenen Zeiten, sie entfernen sich gekonnt, wenn man sie lässt. Um unser selbst willen müssen wir uns davon lösen, um sich nicht in ihnen zu vergraben.
Die letzten Tage bescherten mir eine innere Unruhe, unerklärlich. Irgendetwas ist im Busch. Bernd, der jüngere Sohn, kam mit der Nachricht einer beruflichen Veränderung, die ihn in die Schweiz führen sollte. Als Finanzmanager eines Konzerns eine tolle Sache! Noch ist es nicht so weit, „eine Flugstunde entfernt“, versuchte Albert mich zu trösten.
Was würde mit uns werden, was würden wir hier allein ohne ihn machen? Es wächst mir jetzt schon alles über den Kopf. Wie ich es drehe und wende, ich komme auf keinen grünen Zweig. Die Arbeit, der Garten, es bleibt alles wie bisher. Wir würden das schon schaffen, meinte mein Mann.
Die Aufregungen in der letzten Zeit machten auch vor mir nicht Halt, Seitenstechen, Herzbeschwerden. Der Arzt konnte nichts Bedrohliches feststellen, verschrieb eine Salbe zum Massieren, Schwimmen wäre empfehlenswert – wann bitte, dazu müsste ich ins Hallenbad fahren! Das fällt wohl unter „ferner liefen“, bzw. fahren. Später einmal.
Heute wollte ich noch in eine Gärtnerei fahren, um Rhododendron zu kaufen. Folgende Tage wären ein begünstigter Pflanztermin, laut Mondkalender. Wenn wir sie heute holen würden, könnte ich sie in den nächsten Tagen einsetzen. Es war diesiges Wetter, schaute nach Regen aus, optimal.
Albert war unterwegs in die Apotheke gewesen, da, er kam eben bei der Tür herein: „Schatz, gut, dass du schon da bist, du hast gesagt, dass du mir einen Rhododendron-Busch kaufst, wollen wir gleich weiterfahren?“ „Ja, kauf ich dir.“
Ich lief zum Kleiderschrank, um eine neue Hose anzuziehen und ein T-Shirt, das ich einmal an einem Marktstand gekauft hatte.
Wir fuhren los, es war schon sehr spät am Nachmittag, die Geschäfte schließen um 18 Uhr. Albert stieg aufs Gaspedal, bremste plötzlich wie ein Irrer nach zehn Kilometern, dass ich fast aus dem Gurt fiel, und fragte: „Warum fahr ich eigentlich in die Stadt? Bin ich ein Trottel, du machst mich ganz deppert!“ „Na, du kaufst mir einen Rhododendron-Strauch!“ „Ja schon, aber dafür muss ich doch nicht mitfahren, ich gebe dir das Geld dafür, basta.“
