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Ein Krimi für alle, die Sehnsucht nach den Bergen verspüren. Hüttenwirt Franz wähnt sich gut gerüstet für einen perfekten Auftakt der Sommersaison im Kaisergebirge. Doch katastrophale Wetterbedingungen, zwei abgestürzte Kletterer, private Verwicklungen und personelle Ausfälle rauben ihm den wohlverdienten Schlaf. Mittendrin Ermittler Unterhansl, der – obwohl über beide Ohren in die Kellnerin vom Stripsenjoch verliebt – überall Mord und Totschlag wittert. Soll er recht behalten? Die Antwort scheint in der Vergangenheit zu liegen ...
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Waltraud Brunner, Jahrgang 1965, lebt mit ihrem Mann und den beiden Söhnen in Kufstein. Sie ist Austria Guide, Tiroler Bergwanderführerin, Tiroler Naturführerin und Moorführerin. Wann immer es die Umstände erlauben, ist sie in den Bergen unterwegs, vorzugsweise im Naturschutzgebiet Kaisergebirge.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.
© 2025 Emons Verlag GmbH
Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagmotiv: Shutterstock/Black Brush
Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer
Umsetzung: Tobias Doetsch
Lektorat: Julia Lorenzer
E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
ISBN 978-3-98707-267-3
Originalausgabe
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Gewidmet meinem Mann und allen anderen Mitgliedern der Bergrettung Kufstein.
Donnerstag
Franz atmete tief ein und starrte in die Abenddämmerung, die durch die dunklen Wolken noch verstärkt wurde. Er stand, geschützt vor dem heftigen Regen, unter dem Vordach des Einganges auf der Terrasse vom Stripsenjochhaus und konnte es kaum fassen.
Der Wind pfiff ums Haus, dass es überall knarrte und ächzte, er rüttelte an den Fensterläden und schaffte zwischendrin immer wieder ein seltsames Heulen und Seufzen, dass es einem himmelangst werden konnte. Da hatte es einen Monat lang herrlichstes Frühlingswetter gehabt, und ausgerechnet jetzt, kurz bevor die Hütte öffnete, schlug es um. Die letzten Tage hatte eine Föhnlage selbst hier auf tausendfünfhundert Metern für recht angenehme Temperaturen gesorgt, und die ersten Kletterer hatten bereits in den Wänden des Wilden Kaisers ihr Glück versucht.
Das Wetter war phantastisch gewesen. Bis vor drei Stunden. Gerade noch hatten sich Franz und sein Team eine späte Kaffeepause auf der sonnenwarmen Terrasse gegönnt, als plötzlich die Kaltfront heranbrauste. Gut, das war ja vorhergesagt gewesen, auch dass es windig werden würde. Der Wind war jedoch so plötzlich und derart heftig gekommen, dass der Biertisch, auf dem sich noch das ganze schmutzige Kaffeegeschirr befand, umgekippt war. Eine der neuen Tassen hatte einen eleganten Abgang über den Steilhang unter der Terrasse gemacht. Franz, der gerade aufgestanden war, hatte genau gesehen, an welchem Stein sie in tausend Stücke zerborsten war.
Jetzt präsentierte sich das Stripsenjochhaus frisch gelüftet und herausgeputzt für eine Schlechtwetterfront. Es war zum Aus-der-Haut-Fahren. Franz schüttelte unmerklich den Kopf. Das ging ja schon gut los in diesem Jahr. Na ja, auf diese Art hatte das Team wenigstens Zeit, sich wieder einzugewöhnen. Ein paar Änderungen würden sie bewältigen müssen, da war es vielleicht ganz gut, wenn es gemütlich losging, versuchte Franz, der Situation eine positive Seite abzugewinnen.
Aber er hätte dringend Verstärkung gebraucht. In Ermangelung eines Chefkochs hatte er Veit, seinen langjährigen Beikoch, für diese Saison kurzerhand zum Küchenchef erklärt. Jetzt fehlte natürlich ein Beikoch. War nicht so einfach, für eine Schutzhütte Personal zu finden, sogar wenn sie so gut erreichbar war wie das Stripsenjochhaus. Veits Freundin Mara wollte ursprünglich auch wieder als Küchenhilfe kommen, aber ihre Mutter hatte einen Schlaganfall erlitten, und Mara blieb demnach zu Hause.
Sabi, die viele Sommer Büro und Kiosk betreut sowie im Service ausgeholfen hatte, war hochschwanger und fiel daher aus. Franz seufzte. Er war froh, seinem Team schon jetzt zu Beginn freie Tage eingeteilt zu haben, denn wer konnte ahnen, was noch kommen würde? Bei Rika und Peter, beide Studierende aus Bayern und den Sommer über hier auf der Hütte angestellt, hatte er gleich noch ein paar Tage dazugehängt, schließlich waren die beiden nicht Vollzeit hier, und ihm war natürlich lieber, wenn sie an Schönwetter-Wochenenden arbeiteten.
Geggi trat zu ihm. Sie hatte die letzten Tage kräftig mitgeholfen, als es galt, die Hütte aus ihrem wohlverdienten Winterschlaf zu holen. »Hallo, Brüderlein, das Essen ist fertig«, erklärte sie. »Des wird schon wieder besser, des Wetter, sonst machst halt ein BBB-Wochenende«, grinste sie.
Franz schaute sie fragend an.
»Buch-Bett-Bademantel-Wochenende«, erklärte Geggi.
»WWWW wär mir lieber«, entgegnete er spontan. »Wein – Weib – Wunderschönes Wetter.«
»Bei wunderschönem Wetter hättest aber absolut keine Zeit für Wein und Weib!« Geggi lachte laut und verdrückte sich wieder in die Gaststube. Die hölzerne Eingangstür stand wie fast immer sperrangelweit offen, damit man, voll beladen mit Essen und Getränken, nicht noch ein Hindernis zu bewältigen hatte. Es genügte schon, wenn man durch die Glastür musste, die allerdings auch die meiste Zeit geöffnet war. Franz schaute Geggi grinsend nach, als sie in der Hütte verschwand.
Gerade als er seinen Blick wieder Richtung Berge wandte, hörte er einen Schrei. Und war da nicht auch kurz ein Licht aufgeblitzt? Unwillkürlich machte er einen Schritt nach vorne, zuckte aber sofort zurück, als ihm der Regen ins Gesicht peitschte. So ein Sauwetter, ein elendiges! Franz lenkte seine volle Konzentration in die Richtung, aus der der Schrei gekommen war. Nichts. Konnte man bei dem lauten Prasseln der Regentropfen einen Schrei überhaupt hören, fragte er sich. Abgesehen von Regen und Wind war nichts zu vernehmen. Er sah auch kein Lichtsignal, das auf einen Kletterer in Not hingewiesen hätte. Nur dunkle Nacht und dieser heftige Regen. Vermutlich war es irgendein Tier gewesen und das Licht einfach eine Reflexion in der Glastür, als Geggi gegangen war. »Schluss jetzt mit der Grübelei«, brummte er. Wer sollte schon bei diesem Wetter da oben unterwegs sein? War ja schließlich angesagt gewesen, dieser heftige Wetterumschwung.
Er betrat die Stube, in der sein Team zusammensaß und auf ihn wartete. Veit hatte einen Eintopf mit Rindfleisch zubereitet, ein altes Rezept, hatte er ganz geheimnisvoll verkündet. »Hat gekocht lange und langsam, damit Geschmack sich kann gut entwickeln. Jetzt ich will wissen, ob euch schmeckt«, verkündete der ehemalige Lehrer aus Tschechien.
»Ja hast du denn Zeit, um lange langsam zu kochen, oder was? Kochst vielleicht ein bisserl schneller und hilfst uns?« Tina, die Kellnerin, schaute den Koch grinsend an. Sie hatte heute frei und war gestern am Nachmittag schon in bester Laune Richtung Tal gegondelt. Jetzt war sie gerade rechtzeitig zur Kaffeejause wieder auf der Hütte erschienen, quietschvergnügt, beinahe schon übermütig.
Jeder wusste, dass Tina nur scherzte, trotzdem versuchte Veit, sich zu rechtfertigen. »Kann ich langsam kochen und noch anderes herrichten, weißt du. Muss nicht stehen bleiben bei Topf. Topf kocht auch ohne mich, ist Zaubertopf …«
»Mahlzeit miteinand«, unterbrach Franz das Geplänkel. »Lasst es euch schmecken.« Er setzte sich neben Geggi, die ihn schräg von der Seite anschaute.
»Ist alles in Ordnung?«, wollte sie wissen.
»Was soll denn nicht in Ordnung sein?«, fragte Franz zurück.
»Dann passt es ja«, brummte sie und begann zu essen.
Jeder griff ordentlich zu, und für eine Weile hörte man nur das Klappern des Bestecks. Franz nutzte die Ruhe und ergriff das Wort, während es sich sein Team schmecken ließ.
»Schön, dass ihr wieder heraufgekommen seid auf das Stripsenjoch. Letzte Saison waren wir wirklich ein super Team, und wir werden auch diesen Sommer wieder gut über die Bühne bringen. Also wohl eher über die Terrasse«, grinste er. »Wie ihr wisst, sind wir im Moment noch ein wenig unterbesetzt, aber jetzt im Mai geht das schon. Geggi hilft uns ja wieder, und morgen werde ich euch Katharina, meine Freundin, vorstellen. Tashi kommt auch wieder, aber erst später, so wie letztes Jahr. Der Regen soll sich laut Wetterbericht bald in Schnee verwandeln, zumindest weiter oben. Morgen wird es auch noch kühl, dafür bleibt es trocken. Wenige Gäste also, ein paar Einheimische vielleicht und eventuell auch ein paar, die – schlechtes Wetter hin oder her – die geplante Tour trotzdem machen wollen. Wir werden allerhand vorkochen, die Lieferungen von heute noch besser verstauen, und das Haupthaus müssen wir erst einmal so warm bekommen, dass ich euch nicht mehr mit den Zähnen durch unsere dünnen Holzwände klappern hör«, versuchte er einen Scherz. Auch wenn es in letzter Zeit im Freien ziemlich warm war, im Haus war es immer noch recht kühl und vor allem klamm. Es dauerte jedes Jahr geraume Zeit, bis die dicken Außenmauern den Winterfrost abgeschüttelt hatten, auch wenn Franz schon ein paar Tage länger hier war und mit dem Heizen angefangen hatte. Zudem mussten sich alle erst wieder an das etwas rauere Klima hier am Berg gewöhnen. Das ging ihm selbst nicht anders. Und trotzdem war er froh, wieder frische Bergluft atmen zu können. »Alles klar?«, fragte er.
»Jo, Franz, des passt schon«, erklärte Andrej, der Kellner aus Bosnien. »Aber geht das mit Heizen vielleicht ein bisserl schneller? Hätt ich mir eher Sonne gewünscht in den Tiroler Bergen.«
»Hilfst mir halt beim Schneeräumen, da wird dir schnell warm«, grinste Kurt, der zweite Kellner, der auch für Hausmeistertätigkeiten zuständig war. Mit einer kurzen Handbewegung deutete er hinaus. Der Regen hatte tatsächlich aufgehört. Dafür jagten dicke weiße Flocken durch die Luft, fast schon idyllisch, wenn es mitten im Winter gewesen wäre. Draußen Schneesturm, herinnen wohlig warme Almhütten-Atmosphäre. Nur dass es Ende Mai war. Und das Stripsenjochhaus über hundert Betten und drei Gaststuben hatte, die voll sein sollten.
»Chef, eine Frage hätt ich aber schon. Was ist jetzt eigentlich mit dem Psychomenschen und seiner Freundin?«, unterbrach Tina die beinahe weihnachtliche Stimmung. »Ich meine, die haben uns super geholfen, aber wie geht das weiter?«
»Ja, was macht dieser Typ hier sonst?«, setzte Andrej die Frage von Tina fort.
»Habt ihr euch nicht getraut, sie selbst zu fragen, was?«, grinste Franz.
»Schon, haben wir. Aber Antwort war kompliziert«, klärte Andrej auf und schaute ein wenig beleidigt.
Franz bemühte sich, das Ganze schnell zu erklären. »Also der Peter, der studiert Soziologie. Und er schreibt eine Abhandlung über das Verhalten am Arbeitsplatz unter besonderen Bedingungen. Und wir hier heroben, wir haben anscheinend solche Bedingungen. Wir leben auf engem Raum mit wenig Freizeit und noch weniger Privatsphäre. Darum wird er quasi halbtags hier bei uns arbeiten, um zu beobachten, wie sich das über eine Saison entwickelt.«
»Sind wir jetzt Versuchskaninchen, oder was?«, brummte Tina ein wenig unwillig.
Franz zog unmerklich den Kopf ein. »Keine Angst, der wird nicht stören, und in der Abhandlung wird auch alles neutral beschrieben. Da wird nicht einmal genannt werden, dass das hier am Stripsenjoch ist. Er wird euch vielleicht die eine oder andere Frage stellen, das war es dann auch schon. Geht das?«
Tina schaute etwas besänftigt drein. »Helfen ist immer gut, Chef. Und ich weiß ja, dass du ein gutes Herz hast. Und was ist mit Rika?«
»Ja, das ist wohl seine Freundin. Auch sie ist halbtags bei uns angestellt. Die beiden werden uns hauptsächlich an den Wochenenden tatkräftig unterstützen, da haben sie die Arbeitszeit schnell beisammen, und uns ist damit auch geholfen.« Franz schaute in die Runde und erntete von allen ein Nicken.
Er wollte gerade sein Glas heben und auf einen guten Saisonstart anstoßen, als jemand an die Tür hämmerte. Alle schraken zusammen, denn sie erwarteten niemanden mehr.
Brummelnd stand Franz auf und ging nachschauen. Schließlich war er der Chef, und wenn jemand so randalierte, dann war eindeutig er dafür zuständig. »Komm doch einfach rein, du Depp!«, rief er Richtung Tür. Die gläserne Innentür stand sowieso offen, der da draußen musste also nur die Außentür aufziehen.
»Selber Depp!«, konnte er dumpf von draußen vernehmen, der Rest ging im Sturmgeheul unter.
Erst als Franz die schwere hölzerne Eingangstür öffnen wollte, erkannte er das Problem. Irgendjemand, vermutlich er selbst, hatte vorhin den Schlüssel, der noch im Schloss steckte, wohl versehentlich rumgedreht. Die Tür war schlicht und einfach zugesperrt. Na ja, eigentlich hatten sie ja auch noch nicht geöffnet, also brauchte der da draußen sich nicht so aufzuführen.
»Wir haben noch zu!«, rief er deshalb laut und sperrte auf. Das ging nun auch nicht, jemanden in der Kälte einfach stehen zu lassen. »Was ist denn passiert, dass es so pressiert?«
Der späte Besucher hatte die Faust gerade wieder erhoben, um nochmals an die Tür zu hämmern. Franz ging sicherheitshalber einen Schritt zurück.
Die beiden starrten sich an. Die dick eingemummte Gestalt kam ihm irgendwie bekannt vor.
»Sind alle da?«, tönte es statt einer Begrüßung aus diversen Schichten mehr oder weniger nasser Funktionskleidung.
»Wer immer du bist, komm erst mal rein. Und Grüßen wär auch nicht schlecht, wenn man wo auftaucht. Noch dazu unangemeldet und einfach so.« Franz schüttelte den Kopf. Immer das Gleiche. Keine Zeit zum Grüßen. Dass immer alle mit der Tür ins Haus fielen. Na, wenigstens hatte der da keine Wanderstöcke mit, die er bis in die letzte Stube mitschleppte, um unterwegs Personal wie Gästen Stolperfallen zu bescheren. Und auch noch – so ganz nebenbei – den Boden zu zerkratzen. Der schien überhaupt nichts dabeizuhaben.
»Ja, Sie haben recht, Entschuldigung. Grüß Gott erst mal, von mir aus auch Grüß Göttin«, gab der Ankömmling klein bei. Er begann, sich aus den verschiedenen Schichten zu wickeln.
Franz riss die Augen auf. »Ja, Unterhansl, griaß di. Was tust du denn hier, mitten in der Nacht und bei dem Sauwetter?«
Mit dem Ermittler der Salzburger Mordkommission hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Was der wohl wollte? Sie hatten sich letzten Sommer hier am Stripsenjoch kennengelernt, als Franz einen Toten in der kleinen Materialseilbahn gefunden hatte. Unterhansl hatte sich mit seiner ruppigen Art als unsensibler Wichtigtuer präsentiert, aber schlussendlich hatten sie eine Gesprächsbasis gefunden. Außerdem hatte sich Unterhansl in die gut zehn Jahre jüngere Tina verliebt, und das war wohl der Grund für sein Auftauchen, vermutete Franz.
»Ich weiß, dass erst morgen offiziell aufgesperrt wird, aber ich hab Licht gesehen, und da dachte ich, ich schau mal vorbei und frag nach, wie es so geht. Und davon abgesehen ist es erst Abend, auch wenn es schon ein wenig dunkel ist.«
Franz war fassungslos. »Wie, Licht gesehen? Hast du Röntgenaugen oder so was? Fernglas-Röntgenaugen? Bis Salzburg leuchten wir nämlich nicht.« Er schaute Unterhansl fragend an.
»Na ja, wenn ich ehrlich sein soll … Ich hatte gestern Nacht in Kufstein zu tun. Am Thierberg, um genau zu sein.«
»Was machst denn du am Thierberg? Und vor allem um diese Uhrzeit?« Franz war perplex.
»Ja, äh, da darf ich jetzt nicht drüber sprechen, das sind laufende Ermittlungen«, wehrte Unterhansl ab.
Franz ließ nicht locker. »Hat es etwa einen Mord gegeben, oder was? In Kufstein? Und haben die schon wieder dich als Salzburger zur Unterstützung geholt?«
»Äh, nein, Franz, keinen Mord. Zumindest nach derzeitigem Kenntnisstand …«
»Der Pfrillinger vom Thierberg, der wollte sich umbringen, hab ich gehört«, sinnierte Franz. »Versteht doch keiner, mit neunzig Jahren noch so ein Schmarrn. Bist du wegen dem Pfrillinger in Kufstein gewesen?«
»Ja, Franz, das kann schon sein. Aber könnt ich nicht vielleicht erst einmal richtig reinkommen? Hier ist es schon ein wenig ungemütlich.«
Franz gab sofort den Weg frei und schloss die Tür. Diesmal sperrte er nicht zu – wer konnte schon wissen, ob nicht doch noch ein Verrückter unterwegs war? Den Schlüssel hängte er in den Kiosk, wo er hingehörte.
»Und ein paar Auskünfte hätt ich dann noch gerne, also zum Pfrillinger. Seine Frau, die Elsa, war ja ziemlich wortkarg. Ich bräuchte Hintergrundinformationen. Was aber unter uns bleiben muss, verständlicherweise.« Unterhansl tropfte den ganzen Vorraum voll, der sonst so zackige Ermittler machte einen eher erbärmlichen Eindruck.
»Ja natürlich kann ich die Klappe halten«, brummte Franz und drückte ihm ein Handtuch in die Hand, das letztes Jahr irgendjemand vergessen hatte. Jetzt war es frisch gewaschen, und wenn Not am Mann war, durfte es ausgeliehen werden. Franz fand, dass hier gerade ziemlich Not am Mann war. »Und da rufst mich nicht einfach an? Wär ein ganzes Stück einfacher gewesen, oder nicht? So ein paar Informationen …«
»Na ja, nur deswegen bin ich nicht heraufgekommen. Auf eurer Homepage steht, dass ab morgen geöffnet ist. Aber morgen hab ich beim besten Willen keine Zeit. Und ich wollt halt so schnell wie möglich raufkommen und wissen, wie es euch so geht.«
»So bald als möglich, meinst wohl«, grinste der Hüttenwirt, in dem ein massiver Verdacht aufkeimte.
»Ja, ja, so bald als möglich. Aber so schnell wie möglich auch, wenn ich ehrlich bin. Bei dem Wetter.« Unterhansl wirkte ein wenig unschlüssig.
»Na komm, Herr Kriminalkommissar, zieh dich rasch um, und dann rein mit dir in die gute Stube. Wir sind grad beim Essen«, schlug Franz kurzerhand vor.
Unterhansl nickte erfreut, blieb aber wie angewurzelt stehen. »Also, ist das Fräulein Tina auch da?«, fragte er und rührte sich noch immer nicht.
Franz nickte nur und grinste ein wenig. »Was ist jetzt mit Umziehen, oder soll ich dir ins Zeug helfen?«
»Äh, tja, das ist ein wenig blöd gelaufen, ich hab nichts mit. Ich hab ja nicht einmal einen Rucksack dabei.« Unterhansl wirkte ziemlich verlegen. »Daran hab ich jetzt echt nicht gedacht, dass ich was brauchen könnt. Aber habt ihr nicht voriges Jahr so Pulloverzeug verkauft im Kiosk? Ich würd gern einen erstehen, wenn das möglich wäre.«
Franz grinste von einem Ohr bis zum anderen. »Ja, das wird sich machen lassen. Und ein Leiberl schenk ich dir.«
Unterhansl schälte sich aus dem klatschnassen T-Shirt und rubbelte sich mit dem Handtuch trocken. Franz schaute ihm zu und überlegte, ob er schon jemals einen derart weißen Oberkörper gesehen hatte.
»Du könntest Waschmittelwerbung machen«, stellte er trocken fest und drückte Unterhansl Pullover und Shirt in die Hand.
»Wie meinen?«
»Unterhansl! Du bist weißer als weiß! Da bekommt man ja Augenschmerzen vom Hinschauen.«
»Dann schau’n S’ halt nicht hin, Herr Hüttenwirt«, konterte Unterhansl.
»Da kann man nicht wegschauen, das geht irgendwie nicht. Und weil du so schlotterst, bekommst du auch noch eine Hose von mir.« Franz drückte Unterhansl eine Jogginghose in die Hand, die – wie das Handtuch – auch liegen geblieben war.
»Danke, die nehm ich doch glatt.«
So schnell konnte Franz gar nicht fragen, ob Unterhansl das Büro als Umkleidekabine benutzen wollte, da hatte sich dieser schon seiner nassen Berghose entledigt.
Kurz darauf betraten sie gemeinsam die gemütliche Gaststube.
»Jo, Unterhansl, was …?« Tina griff sich schnell eine Serviette und wischte sich den Mund ab. Sie wirkte ein wenig verwirrt. »Der feine Salzburger als erster Gast bei uns auf der Hütt’n. Hast du dich verirrt, oder was machst du hier?«
»Ähm … Ich bin zwar Salzburger, aber seit Kurzem wohnhaft und arbeitend in Innsbruck«, erklärte Unterhansl. »Ich hab mich nach Innsbruck versetzen lassen. Na ja, die wollten mich in Salzburg ohnehin loswerden. Da hab ich mich freiwillig für Innsbruck gemeldet, bevor die mich sonst wo hingeschickt hätten.«
»Innsbruck? Du wohnst jetzt in Innsbruck?« Tina verschluckte sich und musste husten. Sie wirkte wie ein lebendig gewordenes Fragezeichen, der sonst so toughen Kellnerin hatte es scheinbar die Sprache verschlagen. Sie starrte Unterhansl geradeheraus an und kämpfte immer noch mit dem Husten. »Ja, aber warum genau wühlst du dich die sechshundert Höhenmeter rauf durch den Schnee?« fragte sie, als sie sich wieder halbwegs gefangen hatte. Sie schaute Unterhansl immer noch mit großen Augen an und runzelte die Stirn.
»Na ja, geschneit hat es erst ab der Hälfte …«
»Da wollte wohl einer die Tina besuchen und schauen, ob sie nach der Wintersaison immer noch ledig ist«, stichelte Kurt und grinste breit.
Sigismund Unterhansl stand da wie vom Donner gerührt und starrte Tina an. Er wirkte wie ein Bub, der beim Schuleschwänzen erwischt worden war.
Tina schien wieder die Alte zu sein, grinste schelmisch und zwinkerte ihm zu.
Unterhansl spürte, wie sein Gesicht die Farbe wechselte. Knallrot musste er mittlerweile sein. Und ziemlich heiß war ihm auch. Auf seiner Stirn bildeten sich kleine Tröpfchen. Und die Schmetterlinge in seinem Bauch fühlten sich gerade eher wie eine wild gewordene Kuhherde an. Aber das konnte man von außen wenigstens nicht sehen. »Ähm, ja, Tatsache ist nun einmal, dass ich dem Herrn Franz ein paar Fragen stellen muss. Sofort!«
Franz nickte ihm zu und ging in die Küche. Unterhansl folgte ihm.
»Musst mich jetzt wirklich was fragen, oder war das nur eine Ausrede?«
Unterhansl atmete tief ein. »Na ja, ein wenig von beidem. Wär nicht ganz so eilig gewesen. Aber wie gesagt: Bitte kein Wort zu niemandem. Ich kann ja nicht einmal behaupten, dass das ein Befehl ist, weil ich nicht offiziell ermittle. Das ist nur so ein Gefühl, weil mir die Fakten ungewöhnlich erscheinen.«
»Die da wären?«
»Franz, wie Sie schon festgestellt haben, ist es ein wenig seltsam, dass sich ein so alter Mann umbringen will. Es gibt keinen Abschiedsbrief. Und ich kenn mich ja mit den Einheimischen hier nicht so aus. Also weiß ich auch keine Hintergrundgeschichten. Na ja, vermutlich sind das nur Hirngespinste, und ich seh schon überall Mord und Totschlag …«
»Also auf gut Deutsch: Du willst wissen, ob ich was zum Pfrillinger weiß.«
»Exakt. Genau das ist mein Anliegen.«
Franz dachte kurz nach, bevor er loslegte. »Also der Pfrillinger, der war ganz früher Bergführer hier heroben. Ist aber schon lange her. Als ich ein Bub war, ist der schon nicht mehr mit Gästen an den Felsen herumgeklettert. Aber er ist immer noch raufgewandert. Hatte auch das eine oder andere Mal Freunde dabei. War immer lustig mit dem, wenn ich mich recht erinnere. Na ja, ungefähr bis zum Tod meiner Eltern, wenn ich so drüber nachdenk. Ich war da dreizehn. Der Pfrillinger, der muss damals so um die sechzig gewesen sein. Uralt in meinen Augen. Ich war ja nur während der Ferien da, aber ich hab meinen Onkel, also den Fritz, mal reden gehört. Dass das schon schad ist irgendwie, dass man sich so gar nicht mehr sieht.« Franz schwieg nachdenklich.
»Na ja, wär aber nicht ganz ungewöhnlich, dass man mit sechzig nicht mehr auf den Bergen herumwandert«, warf Unterhansl ein.
»Stimmt. Dass man mit sechzig keine schwierigen Klettertouren mehr führt, versteh ich ja. Obwohl: So fit und versiert, wie der Pfrillinger war, da kam so schnell kein anderer hin. Nun, vielleicht wollte er ja ganz einfach keine Verantwortung mehr für einen Gast übernehmen. Aber dass er so gar nicht mehr hier am Berg unterwegs war … Der frühere Chef der Kufsteiner Bergrettung ist mit achtzig noch aufs Totenkirchl gekraxelt, das lässt man nicht so einfach, wenn das eine Leidenschaft ist. Aber der Pfrillinger, der hatte wohl genug von alldem. Oder die Gesundheit hat es nicht mehr zugelassen, was weiß ich? Wenn du das genauer wissen willst, frag ich meinen Onkel, wenn der von seiner Kur zurück ist.«
Franz sinnierte vor sich hin. Plötzlich übermannten ihn die Gefühle von damals. Dieser Schmerz, diese traurige Gewissheit, allein zu sein. Plötzlich wusste er wieder, wie dieser erste Sommer ohne seine Eltern gerochen hatte. Wie oft er gedacht hatte, die Schritte seines Vaters zu hören. Oder das leise Lachen seiner Mutter …
»Weiter, weiter, was fällt Ihnen noch ein, so ganz spontan?«, riss ihn Unterhansl mit barschem Ton aus seinen Erinnerungen.
Franz klappte die Kinnlade nach unten. »Nun mal halblang«, brummte er. »Ist ja kein Verhör, soweit ich weiß. Und ich erzähl ja eh, was mir einfällt, da gehört ein wenig Nachdenken schon dazu.«
Unterhansl schaute zuerst irritiert, dann fiel ihm offensichtlich wieder ein, dass sie nur ein privates Gespräch führten. Rasch knurrte er eine kaum verständliche Entschuldigung. Er hatte wohl mittlerweile gelernt, dass man mit gutem Ton und etwas Höflichkeit meistens weiter kam, registrierte Franz. Auch wenn man an Ton und Wortwahl definitiv noch etwas feilen konnte, er ließ es gelten und erklärte weiter: »Aber ab und zu war ich bei den Pfrillingers.«
Unterhansl zog eine Augenbraue hoch.
»Ja weißt, die hatten immer Viecher. Also Rindviecher, meine ich. Und meine Eltern hatten das Fleisch für die Hütte immer von denen. Auch mein Onkel hat das eine Weile so gehandhabt. Also so lange, bis der Pfrillinger mit dem Fleischverkauf aufgehört hat.« Franz schwieg. Im Moment fiel ihm beim besten Willen nichts mehr ein. »Sonst noch was?«, fragte er, und plötzlich bemerkte er, dass er immer noch hungrig war. »Ich würd noch gerne aufessen, solange es halbwegs warm ist. Den Luxus haben wir ja während der Saison meistens nicht.«
»Entschuldigung. Ja, Sie haben vollkommen recht. Etwas Warmes im Bauch wäre wirklich nicht schlecht«, stimmte Unterhansl zu.
»Na dann, Herr Kommissar …« Franz stand auf und fischte im Vorbeigehen noch einen Teller samt Besteck aus dem Regal.
Das Abendessen ging dem Ende zu. Unterhansl schien nicht ganz bei der Sache zu sein. Ob wegen Tina, die ihm schräg gegenübersaß, oder wegen des Selbstmordes vom Pfrillinger, das konnte Franz nicht einschätzen. Vermutlich eine Mischung aus beidem.
»Jetzt besser Schnäpschen«, verkündete Veit, klopfte sich auf den vollen Bauch und verschwand in die Küche. Andrej schloss sich ihm an. Tina, die erstaunlich wortkarg war, stand auf und ging an die Bar. Unterhansl folgte ihr.
»Oha«, brummte Franz und verschwand mit Geggi im Kiosk, um die zahlreichen E-Mails durchzugehen, die während der letzten Stunden eingetroffen waren. Absage über Absage. Na, wundern brauchte das niemanden. Auch die kommende Woche war sehr wechselhaft angesagt. »Das wird eine Scheiß-Woche, die ziemlich ins Geld gehen wird«, seufzte Geggi, während sie mehr als die Hälfte der Reservierungen wieder löschte.
Franz hörte seiner Schwester nur mit einem Ohr zu. Er griff nach einem Buch über die Kelten, das er von Katharina geschenkt bekommen hatte.
Es konnte nicht schaden, auf andere Gedanken zu kommen. Denn mit einem so großen Defizit in die Saison zu starten war wirklich kein gutes Gefühl. Berguntaugliches Wetter hatte ihm schon viel zu oft schlaflose Nächte beschert. Dabei war das nun einmal etwas, das man nicht beeinflussen konnte.
Tina und Unterhansl lehnten noch immer an der Bar, als Franz den Kiosk absperren wollte. Geggi war schon eine Weile vor ihm gegangen, und vom Rest der Mannschaft war nichts mehr zu sehen. Eigentlich wollte er Tina und Unterhansl nicht stören, aber als er Tina von der Seite so anschaute, bemerkte er einen tiefen Kratzer vom Haaransatz bis zum rechten Ohr, der sonst wohl von ihren Haaren überdeckt wurde. Das sah frisch und schmerzhaft aus.
»Tina, wer hat dich denn so zugerichtet?«, wollte Franz wissen und deutete auf ihr Ohr.
Schnell strich Tina ihre Haare wieder zurecht. »Das war die junge Katze meiner Schwester. Die hab ich ja an meinem freien Tag besucht. Ich bin auf der Ofenbank eingeschlafen. Plötzlich hab ich an meiner Schulter und im Gesicht was gespürt und bin in die Höhe geschossen. Dabei war das nur die kleine Katze, die wollte es sich anscheinend bei mir gemütlich machen. Die hat vermutlich auch einen Riesenschreck bekommen und sich an mich gekrallt. Erst als sie an meinem Ohrwaschl hängen geblieben ist, konnte mich meine Schwester von dem kleinen Viech befreien.«
»Ah, das klingt schmerzhaft!« Franz konnte sich die Szene lebhaft vorstellen.
»Ja, Chef, das war es auch.«
»Braucht ihr noch was? Ich würde mich jetzt verdrücken«, erklärte Franz und wandte sich zum Gehen.
»Mist!«, rief Tina. »Halt, Franz, bitte, der Unterhansl bräuchte noch ein Zimmer …«
»Ja, geht der heut nimmer ins Tal?«, fragte Franz betont langsam.
Tina schüttelte energisch den Kopf. »Chef«, erklärte sie mit Nachdruck, »hast schon aus dem Fenster geschaut? Das wär ja lebensgefährlich bei dem Wetter. Stockfinster, und man sieht nicht, wo man hintritt, wenn alles so weiß in weiß ist. Morgen früh muss er erst um zehn Uhr in Innsbruck sein, das geht sich schon aus. Wenigstens ist es dann hell.«
»Und wenn ich Glück habe, wird mein Gewand wieder halbwegs trocken sein«, fügte Unterhansl an.
Franz grinste inwendig und händigte der Kellnerin einen Schlüssel aus. »Ich bringe die Geggi übrigens morgen nach Kufstein, weil sie einen Termin hat. Wir fahren gleich in der Früh. Wenn der Herr Unterhansl will, dann kann er ja in der Gondel mitfahren. Abfahrt ist um sieben Uhr.«
»Super, das ist ja perfekt«, freute sich Tina und warf Franz eine Kusshand zu. »Gute Nacht, Chef«, hängte sie noch hintendran, hatte sich aber schon wieder umgedreht.
Freitag
Pünktlich um sieben fanden sich Geggi, Franz und Unterhansl bei der kleinen Seilbahnstation ein. Geggi klapperte ein wenig mit den Zähnen. »Der Schnee, der hätt mir jetzt auch gestohlen bleiben können«, brummte sie, lächelte aber trotzdem. »Na, wenigstens schaut das hier alles sehr spektakulär aus«, erklärte sie und machte eine ausladende Handbewegung.
Franz folgte ihrem Blick. Das Panorama war wirklich phantastisch. Es hatte aufgehört zu schneien, und die Sonne schaffte es, einen zögerlichen Strahl durch die Wolkendecke zu schicken. Die Felsformationen des Wilden Kaisers hatten durch den Schnee ein neues Gesicht bekommen, und der Sonnenstrahl setzte das Massiv zusätzlich in Szene. Franz dachte an den vorigen Abend und daran, dass er geglaubt hatte, einen Schrei gehört zu haben. Sollte er Unterhansl davon erzählen? Er entschied sich dagegen. Nur keine schlafenden Hunde wecken, wer wusste, was Unterhansl alles anstellen würde, nur auf einen Verdacht hin. Franz schaute gespannt in die vermutete Richtung und zwickte die Augen zusammen, in der Hoffnung, etwas ausmachen zu können. Schnell gestand er sich ein, dass der Schnee ohnehin alles zugedeckt hätte, und wandte sich Unterhansl zu.
Der hatte den Kopf in den Nacken gelegt und starrte auf die Fleischbank. Na ja, zumindest dorthin, wo bei schönem Wetter der Gipfel zu sehen war. »Da möchte ich heuer auch einmal rauf. Im Sommer natürlich, also so ganz ohne Schnee, stelle ich mir vor«, erklärte er.
Franz sperrte das Lifthäuschen auf, öffnete die Tür der kleinen Gondel und räusperte sich. »Los jetzt«, brummelte er. »Die Sonne ist eh schon wieder weg, es wird kühl.«
Unterhansl löste seinen Blick trotzdem nur langsam, um in die kleine Fahrgastkabine zu steigen. Auch während der Fahrt starrte er immer wieder auf den Berg. Müde schaute er aus, registrierte Franz, als sie sich in der kleinen Kabine gegenübersaßen. Unrasiert und mit dunklen Rändern um die Augen. Er ersparte ihm aber jeglichen Kommentar. Das Privatleben der Angestellten und ihrer Freunde ging ihn, soweit es nicht den Hüttenalltag störte, wirklich nichts an. »Kein Frühstück?«, fragte er stattdessen knapp.
Der Kommissar verneinte. »Nö, mach ich später im Büro«, grinste er. »Erst einmal muss ich schauen, dass ich wieder entsprechend zivilisiert daherkomm. So will mich vermutlich keiner haben, oder?«
Geggi schmunzelte und nickte bedächtig. »Hat noch lange gedauert, was?«, fragte sie.
Unterhansl lachte. Wenn man ihn so sah, konnte man sich kaum vorstellen, dass er ein unsympathischer, beinharter Ermittler sein konnte. Franz mochte ihn jedenfalls so – unrasiert, mit ein wenig Schlafdefizit, aber erstaunlich gut gelaunt – eindeutig lieber.
»Ja, hat lange gedauert«, bestätigte er. »Die Tina hat mir ganz schön den Kopf verdreht«, gab er plötzlich ganz freimütig zu. »Aber wir haben nur geredet, ehrlich, nur geredet.«
Geggi zwinkerte Unterhansl grinsend zu.
Mit einem sanften Ruck fuhr die Gondel in die bescheidene Talstation. Unterhansl half mit, das direkt beim Lift abgestellte Auto von Franz vom Schnee zu befreien, und verabschiedete sich. Er musste zusehen, zum Besucherparkplatz gleich unterhalb der Griesner Alm zu kommen, schließlich würde er sein Auto auch noch ausschaufeln müssen.
Wer hätte das gedacht, Schnee Mitte Mai. Bis auf tausend Meter herunter. An so was konnte sich Unterhansl beim besten Willen nicht erinnern. Allerdings wusste er nicht so genau, ob er im Mai schon einmal auf tausend Metern gewesen war.
Griesgrämig stapfte er vor sich hin, den Blick gesenkt, denn der Wind, der immer wieder zarte Eiskristalle daherwirbelte, schmerzte im Gesicht. Hoffentlich würde er pünktlich in Innsbruck sein, überlegte er, als er hörte, wie Franz’ Auto talauswärts brummte.
Seine Fußspuren waren die einzigen auf der großen weißen Parkplatzfläche. Die Autos der Angestellten, die im oberen Bereich geparkt waren, standen demnach auch schon seit mindestens gestern hier. Er stapfte weiter auf dieser großen weißen Schneefläche. Bevor er anfangen konnte, sich einsam zu fühlen, fiel ihm auf, dass der Parkplatz nicht nur groß und weiß war, sondern vor allem auch leer. Komplett leer. Unterhansl hielt vor Schreck die Luft an, und das Herz rutschte ihm in die Hose. Auch wenn er während seiner Laufbahn als Mordermittler schon einiges erlebt hatte, so was war ihm noch nie passiert. »Unterhansl, atmen, sonst fällst tot um, und das nützt keinem was«, verkündete seine innere Stimme, die seltsamerweise Tinas Tonfall hatte.
Er rieb sich die Augen. Da, wo er das Auto hingestellt hatte, war nichts. Gar nichts. Nicht einmal Reifenspuren im Schnee konnte man erkennen. Hatte er das Auto auf dem unteren Platz abgestellt? Er wagte einen vorsichtigen Blick, aber erwartungsgemäß war auch dieser tief winterlich verschneit und – leer. Unterhansl stand da wie vom Donner gerührt. Ihm fiel eine Reihe an Flüchen ein, er verkniff sich aber, diese laut auszusprechen. Ein tiefer Seufzer bahnte sich seinen Weg an die frische Luft. Wie sollte er das nur erklären? Er hatte sich das Auto schließlich nur ausgeborgt. Und jetzt war die Karre weg. Das Allerschlimmste war jedoch, dass er nicht einmal klar denken konnte. Sein Hirn war komplett leer.
Automatisch zog er das Handy aus der Tasche und fluchte nun doch laut. Gleich darauf fluchte er noch lauter und noch intensiver. Er hatte vergessen, dass man hier im Kaiserbachtal nur an wenigen Plätzen Empfang hatte. Grantig stapfte er zur Griesner Alm zurück. Dort würde er zuerst telefonieren und sich dann ein Frühstück gönnen. Sein Ausflug würde mehr Zeit in Anspruch nehmen als gedacht.
Die Streife aus St. Johann brauchte lange, bis sie endlich eintraf. Und die Beamten waren nicht besonders gut gelaunt, das sah man schon von Weitem. Unterhansl beeilte sich, sie auf ein zweites Frühstück einzuladen. Das hatte er gelernt, ein Schnäpschen war in manchen Gegenden hier wie ein geheimer Willkommensgruß. Zumindest stimmte es das Gegenüber von vornherein milder. Nicht aufgrund des Alkoholgehaltes, sondern der Geste wegen. Auch das hatte er gelernt. Angesichts der Uhrzeit und der Tatsache, dass die Beamten ja im Dienst und motorisiert waren, schien ihm ein Frühstück allerdings die bessere Lösung, wenn auch die teurere.
Einer der beiden kam Unterhansl bekannt vor, der andere war ein ausgesprochener Jungspund, der, dem geschätzten Alter nach zu schließen, gerade erst mit der Polizeischule fertig geworden war.
»Guten Morgen! Viel los heute, was?«, fragte Unterhansl in Erinnerung an die gestrige Begrüßung am Stripsenjoch, während das Frühstück serviert wurde.
Der Ältere nickte. »Jo, des war ein verrückter Morgen! Jeder natürlich mit Sommerreifen unterwegs, und dann der grausige Schneebatz bis ins Tal. Wir haben bis jetzt zahlreiche Unfälle aufgenommen und Bergungen organisiert. Aber dich hab ich schon mal gesehen, oder nicht? Bist du nicht in Innsbruck bei den Kriminalern?«
Unterhansl riss die Augen auf, starrte sein Gegenüber an und musste lachen. »Ja, bist du nicht der Scherbaumer Hans, dem ich in meiner ersten Woche in Innsbruck meinen Tee drübergeschüttet hab?«
Jetzt musste auch der andere grinsen. »Ja, und am liebsten hätt ich dich verwurstet. Ich war ja am Weg zum Flughafen, da hat meine Familie schon gewartet, hab nur noch schnell was abgegeben. Dann kommt da dieser Salzburger blöd ums Eck gesaust, in der einen Hand eine offene Thermoskanne, in der anderen den dazugehörenden Becher – randvoll«, erklärte er seinem Kollegen. »Mann, sind wir aufeinandergeprallt. Und das war kein Tee. Das war Kakao. Und die Flecken hab ich immer noch nicht rausbekommen. Welcher Mann in unserem Alter trinkt bitte schön Kakao? Das kannst dir wirklich abgewöhnen, du Mozartkugel, du …« Die beiden Männer schauten sich an und mussten in Erinnerung daran lachen. »Also, Jo, darf ich vorstellen? Das ist der Unterhansl, von dem ich dir ja schon erzählt hab.«
»Wegen was sind wir jetzt eigentlich da?«, überging Jo die Konversation und versuchte, wichtig dreinzuschauen.
Unterhansl erkannte sich selbst wieder, in jüngeren Jahren. Na ja, wenn er ehrlich war, war er manchmal immer noch so. Heute jedoch fand er das Gehabe befremdlich, war aber sofort wieder bei der Sache. »Tja, das ist jetzt ein bisserl delikat. Für mich, wohlgemerkt, aber vielleicht könnt ihr mir da ja irgendwie weiterhelfen.« Er räusperte sich und spürte, wie sein Gesicht die Farbe wechselte. Wenn der Jo auch nur annähernd so tickte wie er damals, dann würde das kein schönes Ende nehmen. »Also, na ja, ich bin gestern mit dem Auto von Innsbruck hergefahren, weil … weil … na, weil ich auf das Stripsenjoch wollte. Blöderweise war das nicht mein Auto, und blöderweise hat alles länger gedauert, und die Wetterbedingungen waren ja auch nicht so optimal, und so hab ich oben übernachtet. Und jetzt ist das Auto weg. Da sind nicht einmal Spuren im Schnee, das heißt …«
»… dass es bald nach deiner Ankunft geklaut worden ist. Sonst würd man ja was sehen. Denn später hat es ja schon geschneit«, vollendete Scherbaumer den Satz. »Ja, das ist jetzt wirklich saublöd. Da ist ja die Sache mit dem Kakao ein Schmarrn dagegen.«
Keiner sagte ein Wort. Jo riss zwar den Mund auf, als ob er etwas sagen wollte, aber ein Blick von Scherbaumer genügte, und er überlegte es sich anders.
In die Stille hinein kam ein Funkspruch für die beiden. Bei der Abzweigung ins Kaiserbachtal war ein Pkw ins Rutschen geraten. Als Bremshilfsmittel hatte er Hinweisschilder, Verkehrstafeln und die Scheune in der Kurve benutzt. Keine Verletzten, nur Sachschaden, aber trotzdem sollte wer vorbeikommen und das aufnehmen.
»Jo, das machst du alleine. Fährst hinaus – was zu tun ist, hast heute schon bestens gelernt – und holst uns dann. Ich schau mir einstweilen hier an, ob es nicht doch Hinweise gibt, und nehme den Vorfall auf. Sperr bitte unten die Zufahrt für den Parkplatz, heute wird ohnehin nicht viel los sein, die paar Hansel sollen auf dem Busparkplatz parken.«
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verschwand der junge Beamte.
Scherbaumer schaute Unterhansl an. »So, und jetzt sagst, warumst wirklich da bist. Warumst auf an Berg muasst, bei so einem Sauwetter noch dazu. Und warumst dir a Auto ausleihst …«
»Es war wirklich so, wie ich es erzählt hab, prinzipiell. Heute ist doch der erste Tag, wo die da oben wieder offen haben, und ich wollte halt wissen, ob alles passt.«
Scherbaumers Blick lastete immer noch schwer auf Unterhansl.
»Und weil ich den Hüttenwirt zu einem Fall befragen wollte.«
Scherbaumer runzelte die Stirn. »Telefon?«, fragte er grinsend und machte die entsprechende Handbewegung dazu.
»Ja, wär vermutlich gescheiter gewesen bei dem Wetter. Aber weißt ja, wie das ist, persönlich ist es halt oft viel ergiebiger.«
»Hab gar nicht mitbekommen, dass da ein Mord war«, überlegte Scherbaumer.
»Ist kein Mord. Ist eine andere Geschichte, aber irgendwie glaub ich, dass da mehr dahintersteckt. Ja, und auch wegen der Tina, also der Kellnerin vom Stripsenjoch. Ich hab sie letztes Jahr kennengelernt. Und wir haben uns auch im Winter getroffen, also man könnt sagen, dass sie meine Freundin ist – so ganz geheim aber. Und – nun ja – ich wollte ihr eigentlich gestern als Überraschung mitteilen, dass ich jetzt in Innsbruck wohne. Und einen Antrag machen wollte ich ihr auch, Geheimniskrämerei mag ich eigentlich nicht, vielleicht schon des Berufes wegen«, gab Unterhansl schließlich zu.
Scherbaumer riss die Augen weit auf. »Du wolltest? Ja, was ist, hast du nun?«
»Nein, hab ich nicht. Als ich dann da gestern so triefnass angekommen bin und mir vom Franz Wechselsachen ausleihen musste und mich alle so angeschaut haben und die Tina so fassungslos war, nachdem ich das mit Innsbruck verkündet hatte … Also, ein wenig stilvoller hätt ich mir das schon vorgestellt. Aber das geht wirklich niemanden was an«, hängte er noch hintendran.
»Ha, dacht ich mir’s doch, dass da noch mehr ist«, grinste Scherbaumer. »Bleibt unter uns, versprochen. Bin jedenfalls schon neugierig, was du dir einfallen lässt für die Tina. Und jetzt beschreibst mir des Auto, muss ja wissen, wonach ich suche. Kennzeichen?« Scherbaumer schaute Unterhansl erwartungsvoll an.
Unterhansl zog den Kopf ein und seufzte wieder einmal. »Weiß ich nicht.«
»Was heißt das?«, fragte Scherbaumer langsam.
»Das heißt, na ja, das heißt eben, dass ich es mir – nun, wie soll ich das sagen? – ausgeborgt habe. Musste ja schnell gehen …« Unterhansl war mächtig ins Stottern geraten.
»Unterhansl, Herrschaftszeiten, red jetzt endlich Klartext mit mir. Ich hab nicht ewig Zeit, und Jo kommt sicher auch bald wieder.«
»Tja, Scherbaumer, ich weiß nicht so genau, wie ich das sagen soll, also, ich habe mir das Auto geborgt.«
»Unterhansl, man könnte ja schon fast meinen, du hättest den Wagen geklaut.« Scherbaumer starrte Unterhansl an, dann fing er an zu lachen. »Mein Gott, Unterhansl, du hast den Wagen geklaut!« Er hieb sich auf die Oberschenkel, dass es laut klatschte. »Ich glaub das nicht, klaut ein Auto und lässt es sich klauen.«
»Aber nein, so ganz stimmt das nicht«, versuchte Unterhansl unbeholfen, Scherbaumers Lachanfall zu bremsen.
»Gut, ich höre.« Scherbaumer gluckste ein letztes Mal, dann wurde er ernst.
»Also«, begann Unterhansl, »ich hab meinen Kollegen, der die Nachtschicht hatte, gefragt, ob er mir sein Auto bis heute um zehn leiht. Ich würde da sein, bevor er nach Hause geht. Das war zumindest der Plan. Aber der wollte nicht. Hat gesagt, er hängt an dem Auto und will es nicht einfach so herleihen. Dann hat er schnell zu einem Einsatz müssen, und da lag dann noch der Schlüssel …«
»Und du, du hormongesteuerter Gockel, hast den Schlüssel genommen.«
Unterhansl nickte schweigend.
»Des kann teuer werden«, warf Scherbaumer ein. »Also, was ist das jetzt für ein Auto?«
»Ein alter Jetta.«
Scherbaumer schnappte nach Luft und griff sich entsetzt an den Kopf. »Ein Jetta? Vielleicht noch in Kupferbraun?«
»Ja … So könnte man die Farbe beschreiben.« Unterhansl war sichtlich verunsichert.
»Und dein Kollege heißt nicht ganz zufällig Bernie?«
Unterhansl nickte bedächtig.
»Ah, ist der jetzt bei euch gelandet, sehr gut. Jung, motiviert und ein klarer Verstand, aus dem kann echt was werden. Aber du kennst Bernie noch nicht so lange, oder?« Scherbaumer sprach gleich weiter. »Das wird jedenfalls kompliziert. Unterhansl, der Jetta, das ist Bernies Ein und Alles. Ein Liebhaberstück. Jeder weiß das. Mensch, Unterhansl, du Trottel, du depperter.« Scherbaumer drehte die Augen über und machte eine kurze Pause, um nachzudenken. »Ich kümmer mich darum, sofort. Und vielleicht kann ich ein Dienstauto für dich auftreiben. Aber mit dem Bernie musst du schon selber reden.«
»Scherbaumer, hast was gut bei mir.« Unterhansl war ziemlich zerknirscht.
»Das hör ich gerne«, erklärte Scherbaumer und stand auf, um zu telefonieren.
Franz hatte Geggi nach Hause gebracht und gleich noch ein paar Besorgungen gemacht. Da das länger dauerte, als er ursprünglich gedacht hatte, schaute er noch bei Katharina vorbei. Sie packte gerade ihre Siebensachen für das Wochenende am Stripsenjoch.
»Na schau, ist das nett, der Hüttenwirt persönlich holt mich ab!«, rief Katharina und fiel ihm so stürmisch um den Hals, dass er beinahe das Gleichgewicht verloren hätte.
»Wart ein bisserl, meine Liebe, ich bekomm ja gar keine Luft!« Er schob sie ein wenig von sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Ich wollte eigentlich nur sagen, dass es dieses Wochenende gar nicht notwendig sein wird, dass du uns aushilfst. Vermutlich ist gar nix los bei dem Wetter.«
»Ja, was heißt das jetzt? Willst mich wieder ausladen und die Tage lieber ohne mich verbringen?« Katharina klang ohne Frage eingeschnappt.
Franz lachte und beeilte sich, die Sache richtigzustellen. »Keineswegs! Ich dachte eher daran, dass ich morgen nach Mittag zu dir komm …«
»Nix da, jetzt hab ich schon alles beisammen. Und ich möchte ja die Leute kennenlernen. Und mich in Ruhe umschauen. Auch wenn ich sonst als Kellnerin arbeite, so hat doch jeder Betrieb seine Eigenheiten. Da ist mir lieber, wenn es nicht gleich auf Hochtouren geht am Anfang. Als Aushilfe hast ja sowieso immer den schwereren Stand. Weißt weder Preise noch Hausbrauch, dafür kommst du nur zum Einsatz, wenn der Hut brennt und alles doppelt so schnell gehen soll.« Katharina schaute Franz auffordernd an. »Was ist jetzt, fahren wir?«
Franz musste grinsen. Mit so einer patenten Freundin würde das ein guter Sommer werden, egal wie die Saison lief. »Und du willst wirklich …?«
Wortlos drückte sie ihm ihre Reisetasche in die Hand.
Franz packte Katharinas Tasche ins Auto und wollte gerade starten, als sich sein Handy mit einer SMS meldete. Er las sie kurz, und sein Grinsen wurde noch breiter.
Katharina runzelte fragend die Stirn.
»Die Sabi hat einen gesunden Sohn bekommen«, erklärte Franz freudig und fügte hinzu: »Also unsere Sabi vom Kiosk, mein ich.«
»Und die schreibt dir sofort, nachdem sie entbunden hat?« Katharina schaute ihn schräg von unten an.
Franz hatte das Gefühl, dass sie ihm nicht wirklich glaubte. Er zuckte mit den Schultern. »Ja, warum nicht? Wir sind ja ein bisserl so was wie eine Familie, musst du wissen. Und davon abgesehen steht da gar nicht, wann genau der Knopf auf die Welt gekommen ist. Ist doch auch wurscht. Jedenfalls haben wir jetzt erst mal was zum Feiern, und das ist immer gut, oder?«
Eine gute Stunde später stand Franz mit Katharina in der kleinen Bergstation der Materialseilbahn und zeigte ihr ausführlich, wie das Ganze funktionierte. Die Konstruktion hatte schließlich einen Haufen Geld gekostet und war darauf ausgelegt, auch das Personal mitzunehmen, und demnach sollte Katharina wissen, wie das so lief.
Abends waren kaum Gäste auf der Hütte. Kein Wunder, es war kalt und rutschig da draußen mit dem Schnee. Alle standen an der Bar und stießen mit einem Gläschen auf Sabis Sohn an. Es wurde dann sogar richtig romantisch am Stripsenjochhaus, denn plötzlich war der Strom weg. Franz schaute Richtung Kufstein. Von der Stadt bis zum Pfandlhof brannte Licht, dahinter war alles dunkel. Er vermutete, dass ein Baum, der der Schneelast nicht mehr hatte standhalten können, in die Freileitung gefallen war. Jetzt im Mai hatten die Laubbäume schon Blätter und boten dadurch eine große Auflagefläche für den Schnee. Noch dazu hatte es angefangen zu regnen, der Schnee soff sich voll, und bei dem Wind, der gerade ging, gefror das Ganze und war schlichtweg zu schwer für die Äste und auch für so manchen Baum. Na, wenigstens würde es morgen mit den Temperaturen wieder nach oben gehen, schlagartig, hatte die freundliche Stimme aus dem Küchenradio verkündet, kurz bevor der Strom ausgefallen war. Wie viel Regen zu erwarten war, traute sich niemand vorauszusagen, weil der anscheinend noch nicht so genau wusste, wohin er ziehen wollte. Allerdings könnten da auch größere Mengen dabei sein, hatte es geheißen.
Unterhansl konnte nicht einschlafen. Unruhig wanderte er durch seine kleine, aber gemütliche Wohnung. Immer wieder sah er Bernie vor sich, als er ihm den Verlust seines Autos gebeichtet hatte.
»Unterhansl, das … Das glaube ich nicht.« Bernie war kreidebleich geworden und hatte sich auf den nächsten Sessel plumpsen lassen. Leise, mit immer wieder versagender Stimme, hatte er weitergesprochen. »Der Jetta, das war das gleiche Modell, wie es mein Opa hatte. Ich bin bei ihm aufgewachsen, und er hatte genau so einen, bis er durch seine Krankheit nicht mehr Auto fahren konnte. Da hat er ihn weggeben müssen. Die Ausflüge mit meinem Opa waren die glücklichsten Zeiten in meinem Leben. Mann, hab ich mich gefreut, als ich so ein Modell bekam. In meinem Jetta, da bin ich einfach nur ich und kann alles andere vergessen.«
Wider Erwarten war Bernie ganz ruhig geblieben. Aber der tieftraurige Ausdruck in seinen Augen hatte Unterhansl mehr getroffen als alle Vorhaltungen, mit denen er gerechnet hatte. Er hatte sich nicht einmal zu fragen getraut, warum Bernie bei seinem Großvater aufgewachsen war. Das hatte er später recherchiert. Und was er herausgefunden hatte, hatte ihn schaudern lassen. Bernie war Halbwaise, seit sein Vater im Urlaub bei einem Brand ums Leben gekommen war. Die Mutter hatte das Feuer schwer verletzt überlebt, war aber psychisch so stark angeschlagen, dass sie seitdem in einer geschlossenen Anstalt lebte. Auch Bernie hatte überlebt. Seine Mutter hatte ihn in letzter Sekunde aus dem Fenster des Hotelzimmers im dritten Stock geworfen. Ein Sonnenschirm und eine Hecke hatten den Aufprall gemildert, sodass er nur leicht verletzt gewesen war, was trotzdem an ein Wunder grenzte.
Unterhansl atmete tief ein. Was hatte er da nur angerichtet? Er überlegte fieberhaft, bei wem er noch einen Gefallen guthatte, aber momentan fiel ihm niemand ein. Trotzdem: Er musste den Wagen zurückbekommen, so viel stand fest.
Samstag
Franz lehnte am offenen Fenster und atmete tief ein. Die Luft war wärmer geworden, und es roch intensiv nach Frühling. Er atmete noch einmal tief durch. Dieser Geruch signalisierte für ihn Aufbruch und Abenteuer, und Franz liebte ihn. Oder anders ausgedrückt: Er wurde jedes Mal wieder davon überwältigt. Er löste bei ihm eine ungeheure Sehnsucht aus. Eine Sehnsucht nach allem und nichts. Eine intensive Sehnsucht nach überall. Und nach nirgendwo, was die Sache nicht einfacher machte. Franz versuchte, sich nicht zu bewegen, er wollte den Zauber des Moments so lange wie möglich auskosten. Früher hatte er um diese Zeit immer sein Zeug gepackt und war in die Welt gezogen. Er war dem Ruf der Freiheit gefolgt. Die Freiheit rief ihn jedes Jahr aufs Neue, aber mittlerweile wusste Franz, wo er hingehörte. Sein Platz war hier.
Sein Plan war gewesen, diese Arbeit mit Hilfe von Fritz, seinem Onkel, zu bewältigen. Das hatte die letzten Jahre auch bestens funktioniert. Franz blies die Luft durch seine aufgeplusterten Backen wieder aus, als er an ihn dachte. Fritz hatte eine Kur bewilligt bekommen, denn im Winter hatte er sich ganz fürchterlich das Kreuz verrissen, und es war nicht besser geworden. Franz hoffte von ganzem Herzen, dass er bald wieder fit sein würde. Fritz hatte ihn nicht nur aufgenommen, als seine Eltern durch eine Lawine ums Leben gekommen waren, Fritz hatte auch noch die Hütte bewirtschaftet, bis Franz bereit gewesen war, sein Erbe anzutreten. Auch wenn Franz wusste, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem sich Fritz zur Ruhe setzte, so hoffte er doch, dass das noch ein Weilchen dauern würde. Er vermisste ihn schlicht und einfach.
Erstaunlicherweise war der Strom schon wieder da, damit hatte Franz gar nicht gerechnet. Denn bei dem Wetter war er sicherlich nicht der Einzige, der im Dunkeln gesessen hatte. Andererseits gab es nur noch wenige Freileitungen zu den einzelnen Abnehmern, sodass kaum noch Stromausfälle vorkamen. Die Stadtwerke hatten wohl eine Nachtschicht eingelegt, Gott sei Dank! Das hätte gerade noch gefehlt, ein paar Tage ohne Elektrizität, nicht auszudenken.
Dafür hatte sich der Regen am Vormittag eine kurze Pause gegönnt, die die Gäste, die sich vom Wetterbericht nicht hatten abschrecken lassen, genutzt hatten, um im Tal loszugehen. Auch eine Runde Bergretter aus Kufstein mit ihren Frauen, darunter Geggi und Georg, hatte sich auf den Weg gemacht. Wolf, einer der Bergretter, hatte Geburtstag, und den wollte er mit Freundin, Hund und seinen Freunden auf dem Stripsenjoch feiern. Allerdings hatte es bald schon wieder angefangen zu regnen, und auch wenn sie da bereits gut die Hälfte der Wegstrecke hinter sich gebracht hatten, so waren sie doch ziemlich durchweicht angekommen. Jetzt hingen nicht nur in der Bergrettungshütte jede Menge Klamotten zum Trocknen, auch im Stripsenjochhaus war überall nasse Wäsche im Trockenraum. Heizkörper sowie Entfeuchter liefen auf Hochtouren. Dass es ein feuchtfröhliches Wochenende werden würde, damit hatte Franz gerechnet. Aber dass es auch noch so unglaublich gießen würde?
Franz ging auf die Terrasse zum Luftschnappen. Er stand neben dem Eingang unter dem Vordach, im Hintergrund hörte er das Gemurmel aus Gaststube und Schank. Ein helles Lachen drang bis zu ihm, das war Tina. Franz musste unwillkürlich schmunzeln. Tinas Lachen konnte man sich nur schwer entziehen.
Der Regen prasselte im Moment so intensiv auf das kleine Dach, dass die Regenrinne die Menge nicht mehr bewältigen konnte. Franz fühlte sich wie hinter einem Wasserfall, links und rechts platschte das Wasser vom Dach auf die Terrasse, vor ihm war eine Regenwand, die nicht einmal klare Sicht bis zum Terrassengeländer zuließ. Immer wieder konnte man dumpfes Poltern hören. Da mussten auch größere Steine mit dabei sein, die das Wasser über den massiven Kalkstock des Kaisergebirges mitnahm.
Franz schnappte sich einen Schirm und wagte sich bis zum Geländer vor. Tief unten machte er sehr verschwommen ein breites braunes Band aus, das sich durchs Tal schlängelte. Der kleine, sonst so unscheinbare, idyllische Bach beanspruchte im Moment vermutlich sein ganzes Bachbett. Franz hatte das Gefühl, als käme das Wasser von überall. »Na, wenigstens haben wir dafür ausgesprochen gute Luft, ziemlich feucht zwar, aber gut«, brummelte er. Der Schrei kam ihm wieder in den Sinn, und er starrte auf den Berg. Die ganze Wand schien ein einziger Wasserfall zu sein. Franz seufzte, stellte sich erneut unter das Vordach und sinnierte noch ein wenig vor sich hin.
Er schrak zusammen, als eine einsame Gestalt ums Eck kam. »Um Himmels willen, Klaus, hast du mich jetzt aber erschreckt. Wieso bist denn nicht schon mit den anderen raufgegangen? Oder hast du einen Unfall gehabt?« Der junge Bergretter war zwar gut ausgerüstet, man konnte jedoch erkennen, dass er trotz der wetterfesten Kleidung ziemlich durchweicht war. Zudem zog sich eine dünne Blutspur über sein Gesicht, die unterhalb des linken Auges ihren Anfang nahm.
»Mein kleiner Bruder hat mich gebeten, ihn vom Bahnhof abzuholen. Der wollte die halbe Stunde nach Hause nicht zu Fuß gehen. Bei dem Wetter kein Wunder. Davon abgesehen hab ich ihm versprochen, dass er eine Runde mit meinem neuen Auto fahren darf. Ich bin jetzt stolzer Besitzer eines knallroten Fiat Punto.« Klaus grinste breit. »Ich werd mich jetzt erst einmal trockenlegen, dann hört das auch wieder auf zu bluten. Die Kruste hat es beim Raufgehen so aufgeweicht, dass es wieder angefangen hat. Ist aber nur ein kleiner Kratzer. Bin bei meiner letzten Klettertour mit der Wange den Felsen entlanggeschrammt«, erklärte er und verschwand Richtung Bergrettungshütte. Franz schaute ihm schmunzelnd nach.
»Hier hängst du rum.« Georg, der Mann seiner Schwester, klopfte Franz freundschaftlich auf die Schulter. »Kannst aufhören, Trübsinn zu blasen. Schau, lässt doch grad ein wenig nach. Und wenn ich so raufschau, dann wird es auch heller, oder täusch ich mich?«
Tatsächlich, es hellte ein wenig auf. »Gott sei Dank, wurde auch Zeit«, entfuhr es Franz. »Der Bach ist wohl schon ziemlich hoch«, erklärte er und deutete nach unten.
»Scheiße! Cheeeeef, Cheeeheeef!« Tinas Stimme klang so verzweifelt, dass Franz am Absatz umdrehte, Georg im Regenguss allein ließ und zurück ins Haus ging.
Tina stand in der Schank und starrte ins Waschbecken. Mit einer unwirschen Handbewegung deutete sie auf den Wasserstrahl. Einen dünnen, schmutzig braunen Wasserstrahl.
»Scheiße«, entfuhr es Katharina, die gerade aus der Küche kam.
»Scheiße«, entfuhr es auch Franz.
»Ja, Chef, so weit war ich auch schon«, stellte Tina trocken fest. »Aber das ist jetzt dein Problem, zumindest solange ich genug saubere Gläser und Getränke hab«, grinste sie und verschwand mit einem vollen Tablett in die Stube zur Geburtstagsgesellschaft.
»Scheiße noch mal«, brummte Franz und seufzte.
»Hüttenwirt, was ist los? Schön sprechen bitte, sonst schimpfen die Damen wieder.« Georg war ihm gefolgt.
»Das werden sie sowieso gleich machen. Das Wasser kommt ganz braun daher. Vermutlich ist die Quelle irgendwie verlegt worden. Und darum: Scheiße noch mal.«
Georg nickte verständnisvoll. »Was machen wir?«
Franz zuckte mit den Schultern. »Tja, wird wohl nichts nützen, ich muss zur Quelle hinunter und nachsehen, ob eine Mure der Grund ist. Dann wird es wohl etwas länger dauern.«
Die beiden Männer schauten sich an.
»Ich komm mit, brauch eh mal frische Luft«, erklärte Georg und angelte seine Regenjacke von der Garderobe.
»Na gut, machen wir uns mal wasserdicht, und dann raus in die flüssigen Sonnenstrahlen. Wenigstens regnet es grad fast nicht mehr.« Franz seufzte, als er den Rucksack mit dem eventuell notwendigen Werkzeug schulterte.
Franz und Georg erreichten gerade die dritte Spitzkehre unter der Hütte, als ein unbeschreibliches Getöse und Gepoltere losbrach. Die beiden fuhren zusammen und schauten Richtung Schneeloch. Ein Wasserfall schoss über die Wand. Wie angewurzelt blieben sie stehen. »Was zum Geier …?« Franz hielt die Luft an.
Georg riss die Augen auf. »Das hab ich ja noch nie gesehen«, murmelte er und griff nach seinem Handy. Endlich hatte er es unter der Regenhose hervorgekramt, und schnell versuchte er, noch ein passables Bild zu schießen.
»Beeil dich, das ist sicher gleich vorbei, das glaubt uns doch kein Mensch.« Franz starrte fasziniert auf das Schauspiel. »Da muss sich im Schneeloch ein See aufgestaut haben, und jetzt ist das durchgebrochen, und alles kommt auf einmal.«
»Klick, klick, klick«, machte es neben ihm.
»Schau mal, was ist das?« Franz gab Georg einen Schubs, sodass dieser beinahe das Handy hätte fallen lassen.
»Spinnst jetzt? Was soll das?«, brummte Georg entsprechend ungehalten.
»Ja, hast du das denn nicht gesehen? Da ist was Oranges heruntergefallen.«
Georg verneinte. Er hatte sich offenbar vollends darauf konzentriert, dass sein Handy von dem Wasserschwall, der da die Wand herunterstürzte, halbwegs brauchbare Fotos machte.
Franz spürte ein unangenehmes Kribbeln im Bauch. »Schau doch genau, dort drüben am Wandfuß liegt das jetzt.«
Georg runzelte die Stirn und kniff die Augen zusammen. Jetzt, da der Wasserstrahl langsam nachließ, konnte er es auch erkennen.
Franz kramte ein kleines Fernglas aus dem Rucksack und visierte das Objekt an. »Mist«, entfuhr es ihm, »das ist ein Mensch!«
Gleichzeitig rannten die beiden Männer los.
Abrupt blieb Georg kurz darauf wieder stehen und starrte prüfend auf die Felswände oberhalb des Verunglückten. »Warte! Ich möchte gern schauen, ob da noch viel nachkommt. Ich hab keine Lust, beim Versuch, eine Leiche zu bergen, erschlagen zu werden. Na ja, zumindest kann ich mir schwer vorstellen, dass irgendjemand diesen Sturz überlebt. Andererseits, wer weiß? Kann sein, dass er noch lebt und Hilfe braucht. Und darum versuche ich jetzt, die Leitstelle zu alarmieren. Vielleicht hab ich ja hier irgendwo Empfang. Und noch vielleichter bekommen wir einen Hubschrauber.« Georgs Blick zeigte jedoch, dass er sich bei diesen Wetterbedingungen nicht besonders viele Hoffnungen machte. Er ging ein paar Schritte im Kreis, grinste schmal und hielt inne. Gleich darauf hatte er Kontakt zur Leitstelle in Innsbruck.
