Sturzflug - Mark Pätzold - E-Book

Sturzflug E-Book

Mark Pätzold

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Beschreibung

Eine aufwühlende Geschichte über Freundschaft, Liebe und Wahrheit. Ausgezeichnet mit dem Brigitte-Romanpreis 2006.

Die beiden Freunde Henri und David stürzen mit ihrem Flugzeug über der Nordsee ab. Die Küste ist in unerreichbarer Ferne. Das Wasser steigt ihnen langsam bis zum Hals. So beginnt die längste Nacht ihres Lebens. Um dem verletzten Henri Kraft zu geben, bis zum nächsten Morgen durchzuhalten, wählt David einen perfiden Weg. Er lüftet den Schleier ihrer Freundschaft und offenbart Henri ein Geheimnis, über das er all die Jahre geschwiegen hat. Schonungslos schürt er unbändige Wut in seinem Freund, in der Hoffnung, so dessen Überlebenswillen zu stärken …

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Seitenzahl: 368

Veröffentlichungsjahr: 2009

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autor
Danksagung
Inschrift
Überflug
 
Kapitel 1 – Dämmerung
Kapitel 2 – Startabbruch
Kapitel 3 – Rückenwind
Kapitel 4 – Kielwasser
Kapitel 5 – Bordservice
Kapitel 6 – Take-off
Kapitel 7 – Druckausgleich
Kapitel 8 – Flugplan
Kapitel 9 – Warteschleife
Kapitel 10 – Sicherheitsstopp
Kapitel 11 – Funksprüche
Kapitel 12 – Dynamitfischen
Kapitel 13 – Turbulenzen
Kapitel 14 – Luftwiderstand
Kapitel 15 – Drift
Kapitel 16 – Enteisung
Kapitel 17 – Jumpseat
Kapitel 18 – Atemkontrolle
Kapitel 19 – Sinkflug
Kapitel 20 – Rissströmung
Kapitel 21 – Autopilot
Kapitel 22 – Höhlentauchen
Kapitel 23 – Tiefenrausch
Kapitel 24 – Check-in
Kapitel 25 – Apnoe
Kapitel 26 – Zwielicht
Kapitel 27 – Endanflug
 
Copyright
Buch
Henri und David sind seit dem Studium befreundet. Seit der Zeit, als ihre Vorstellungen von einem aufregenden, abenteuerlichen Leben sie zusammenführten. Doch das Leben hatte anderes mit ihnen vor. Nun führt Henri, der Pilot, mit seiner Frau Charlotte ein beschauliches Leben in einer kleinen Reihenhaussiedlung irgendwo in Norddeutschland. Manchmal spürt er noch das alte Verlangen nach Freiheit und Abenteuer, dann lässt er sich auf gefährliche Flugmanöver ein oder auf Affären mit jungen Mädchen aus dem Dorf. David ist als Tauchlehrer durch die Welt gereist, hat sich nach einem tragischen Erlebnis immer mehr zurückgezogen und steht nun auch noch vor dem finanziellen Aus. Er kündigt seine Wohnung, verkauft alles, was er besitzt, und fährt zu seinem alten Freund Henri, von dem er seit zwei Jahren nichts gehört hat.
Doch dann geschieht das Unerwartete. Henri und David stürzen mit einem kleinen Flugzeug über der Nordsee ab. Die Nacht bricht herein und mit ihr die Flut. Auf einer Sandbank gestrandet, das Wasser bis zum Hals, müssen die beiden die Nacht überstehen. Es wird die längste ihres Lebens. Denn um den verletzten Henri bei Kräften zu halten, lüftet David den Schleier ihrer Freundschaft und erzählt dem Freund die Wahrheit über die Vergangenheit, ihr Leben und ihre verratenen Träume...
Autor
Mark Pätzold, Jahrgang 1974, ist Schriftsteller – sowie Taucher, Journalist, Computertechniker, Grafiker und Designer. Neben der Leitung und Betreuung der Deutsch-Polnischen Autorenwerkstatt schreibt er die Prosa-Serie »Notizen vom Rand der Strecke« für das Magazin Sinn-bar. Mit seinem ersten Roman »Sturzflug« hat er den BRIGITTE-Roman-Wettbewerb gewonnen. Mark Pätzold lebt in Berlin.
Thoralf, danke für diese Geschichte.
»Seht, die Sprache versagt, und der Gedanke verwirrt sich; denn wer ist schon der Glücklichste, es sei denn der Unglücklichste, und wer der Unglücklichste, es sei denn der Glücklichste, und was ist das Leben anderes als Wahnsinn, und der Glaube anderes als Torheit, und die Hoffnung anderes als Galgenfrist, und die Liebe anderes als Essig in der Wunde.«
Sören Kierkegaard
 
 
 
»Und du siehst zu, wie sie fallen und liegen bleiben.«
TELE
Überflug
Die Inseln vor der Küste im Norden ziehen sich, zu einem dünnen Band aneinander gereiht, durch das flache Wattenmeer, einem weiten Feld von Schlamm, nicht dem Land und nicht dem Wasser zuzurechnen. Sie erheben sich aus dieser Zwitterlandschaft, wie der letzte Versuch des Landes, noch einmal über das Meer aufzubegehren, bevor die Wellen dem Horizont ihren Willen aufzwingen. Die meisten sind nur winzige Eilande, nicht viel mehr als grasbewachsene Sandbänke. Sie ragen lediglich wenige Meter über den Spiegel der grauen See hinaus, die ausschließlich in den Sommermonaten den beruhigenden dunkelblauen Ton des Meeres annimmt, den unsere Träume erschaffen. Das Blau, nach dem es die Augen der Menschen verlangt, wenn sie an die Küste kommen. Wenige Familien bewohnen diese Gegend. Düne um Düne zieht sich menschenleer dahin, kleinblättrige, knorrige Sträucher wetteifern mit störrischem Schilfgras. Nur ab und an erhebt sich ein traditionelles Reetdach oder das Rot von Schindeln aus der Stille. Einige der Inseln sind jedoch groß genug, um einen kleinen Ort zu beherbergen, Inseln, auf denen so viel Platz vorhanden ist, dass ein kleines, einmotoriges Flugzeug auf einem Streifen festem Gras landen kann, der sich schon fast entschuldigend für seine behelfsmäßige Wirkung mit einem winzigen Kontrollturm schmückt, von wo aus die wenigen Landungen und Starts eines Tages über Funk begleitet werden.
Die kleinen Inseln vor der Küste im Norden sind ein perfekter Ort, wenn man einen abgeschiedenen Platz sucht. Menschen kommen im Frühjahr und Sommer hierher, den Kopf voller Gründe, deren Heimlichkeit schmerzhaft an ihnen nagt. Sie steigen aus ihren kleinen Flugzeugen und verschwinden zwischen den Dünen, deren wellige Hügel sie wieder ausspucken, an einen breiten Strand aus außergewöhnlich feinem Sand. Dort laufen sie herum, und ihre Schritte sehen dabei unbeholfen und ziellos aus. Bewegungen von Papierfetzen, die der Wind über den Sand treibt. An manchen Stellen, wo ein Hotel den ruhigen Anblick der flachen Weite mit seinen viereckigen Formen stört, stehen Strandkörbe und der Turm einer Badeaufsicht. Für zu viel Geld mieten junge Liebespaare ohne Abenteuersinn oder alte Ehepaare mit einem Faible für die Natur einen dieser Strandkörbe, den sie mit viel Mühe dann so drehen, dass der Wind nicht in ihn hineinbläst, auch wenn sie in dieser Position nicht mehr auf das glitzernde Wasser hinausblicken können.
Im Herbst kommt nur sehr selten jemand hierher. Die Jahreszeit der frühen Dämmerung vernichtet die Träume, sperrt Paare in ihre Wohnungen, lässt ein verzeihliches Gefühl von Erschöpfung aufkommen. Die Bewohner der Inseln sind dann wieder unter sich. Trotzig stellen sie sich den Stürmen entgegen, die ab Ende September von Norden her über die flachen Inseln hinwegfegen, und zählen die Tage bis zum Frühjahr. So lange herrscht Ruhe.
Die Leute, die auf die kleinen Inseln kommen, suchen nach einem besonderen Platz. Mit scharrenden Füßen wenden sie Sandkörner, ihre Perspektiven gleichen der Flucht zweier Schienen, die sich nur scheinbar in der Ferne vereinen. Ältere Männer legen ihre Handtücher probeweise an dem Fuß des Dünenbewuchses auf den Sand, lassen sich darauf nieder und blicken mit auf die Brust gezogenem Kinn den Strand nach links und rechts hinunter, um dann mit einem Seufzen wieder aufzustehen und mit ihrem Handtuch einige Schritte weiterzugehen. In der Hoffnung, hier eine Ahnung der ersehnten Zufriedenheit zu finden.
Haben sie doch schon als Teenager festgestellt, dass jeder Strand, an dem sie jemals entlanglaufen, nur eine Variation dieses allerersten Stückes gelben Sandes ist, auf den sie ihre Füße gesetzt haben. Als Vierjährige, noch ein ganzes Universum vor sich; indessen die Reise nun auf der inneren Bahn eines Lorenz-Attraktors verläuft, auf enger werdenden Schleifen, und die Fliehkräfte sie schmerzhaft ihren unbequemen Sitz spüren lassen.
Diese Menschen kommen mit der Fähre und manchmal mit Flugzeugen. Schon bald reisen sie nur noch durch die Luft, denn das Fliegen erzeugt ein Gefühl, das sie zwischen den Sandkörnern und den Wassermolekülen nicht mehr gefunden haben.
Das Besondere. Einen Hauch von Exklusivität, vielleicht gar... Abenteuer.
Oder zumindest die Hoffnung darauf.
1
Dämmerung
Das Wasser hatte um dreizehn Minuten nach einundzwanzig Uhr aufgehört zu steigen.
Es war eine Handbreit unter Davids Kinn, der ein gutes Stück kleiner war als Henri, zum Stehen gekommen. Seine hellblauen Augen starrten auf die graue Oberfläche, die sich vor ihm ausbreitete, auf den Zentimetern vor ihm, Meter weiter, Kilometer bis zum Horizont. Henri hatte braune Augen, das fiel ihm heute zum ersten Mal auf, nach über sechzehn Jahren. Sie waren nur einen Meter von ihm entfernt, undeutlich zu erkennen im Zwielicht der letzten Minuten eines schwülwarmen Sommertages. Augen, denen er Vertrauen schenkte, jetzt mehr denn je, da diese Augen bereit waren, Fehler zuzugeben.
Sie hatten Cocktails mit Maraschinokirschen getrunken; vor zwei Tagen war das gewesen, und jetzt standen sie hier. Henri hatte nicht einen Tropfen angerührt. Aus Prinzip. Es hatte nichts genutzt. Eine falsche Bewegung, ein Zucken, ein Zittern, und man war aus dem Spiel. Zurückhaltung rettete niemanden über den nächsten Tag. Das süße Aroma der kandierten Früchte lag David noch auf der Zunge, auf der sich der salzige Geschmack des Nordseewassers mit einer eingebildeten Trockenheit mischte.
Henris Augen. Er hatte sie sich nie angesehen.
Die Wellen waren nicht hoch, eher ein Kräuseln, hervorgerufen durch eine laue Abendbrise. Des guten Wetters wegen kamen die Touristen. Auf die Insel, die sich als grauer Schleier in der Ferne abzeichnete, die verdammte Insel, wo alles begann und endete, Henris Flüge, Henris endlose Geilheit, dieser Flug mit seiner begrenzten Reichweite, dem eng gesteckten Horizont. Davids Horizont. Die Wasserfläche wirkte leblos, doch er spürte schon die Würmer an seinen Waden heraufkrabbeln, Antennen und Scheren der Garnelen herumtasten, Fische mit rauen Lippen Kontakt aufnehmen, vielleicht eine Heringsart. Nicht leblos. Nicht einmal in seiner Phantasie, die ihn stets begleitet hatte, unter Wasser, an der Luft. Es gab überall genug Schatten, um zu erschrecken. Seine Erfahrungen waren ein lächerlicher Schild.
David spürte die kleinen Fettfalten an seinem Bauch, die im kühlen Wasser langsam zu einer tauben Masse erstarben, sich damit nur dem Zustand annäherten, der ihn bereits Tage und Nächte begleitet hatte. Er griff sich unter das T-Shirt und drückte die Wülste, dachte plötzlich schuldbewusst an Mengen von Bier, Rotwein und Fleisch, die er genossen hatte und die ihn heute vor der Auskühlung schützen sollten. Es hinauszögern sollten. Was auch immer dann kam und sich bis auf die letzte quälende Sekunde zu einer großen Szene in Zeitlupe ausdehnen würde.
Er lachte. Hob einen Arm aus dem Wasser und schlug mit einem Platschen auf die Oberfläche.
Er hörte sich weit entfernt sagen: »Prima Urlaub.«
Die braunen Augen zitterten in ihren Höhlen und fixierten ihn schließlich.
Es blieben zwei Minuten.
Das war das Letzte, was sie im schwindenden Tageslicht deutlich sehen konnten: die graue, bewegte Oberfläche bis zum Horizont. Kein Schaum, keinen Badewannenrand, keine Badeleiter an der Swimmingpoolkante, keine Cocktailbar unter Sonnenschirmen. Nur ihre beiden Köpfe, die aus dem Wasser ragten, 53° 44’ 26” nördlicher Breite und 7° 8’ 49” östlicher Länge. Dreitausendsiebenhundert Meter vor der Küste der kleinen Insel. Ihre nassen Haare, das wachsende Unbehagen in ihren Gesichtern, das nur eine Ankündigung war.
»Henri?«, sagte David.
Er antwortete nicht. Er hatte seinen Blick gesenkt und sich die Unterlippe blutig gebissen. Jetzt bohrte er wieder und wieder seinen linken Eckzahn in die kleine Wunde und saugte das herausquellende Blut mit einem leisen Schmatzgeräusch auf. Es war die einzige Regung in Henris Gesicht.
»Ich kann nicht mehr stehen«, sagte Henri schließlich. Er bewegte seine Lippen nicht dabei.
David machte einen langsamen Schritt. Er verlor den Grund unter seinen Füßen. Mit einem vorsichtigen Zug schwamm er das winzige Stück, tastete nach dem sandigen Boden, fand Halt und legte Henri seinen rechten Arm um die Hüfte. Er spürte, wie dieser sein Gewicht auf ihn sinken ließ, und fasste fester zu.
»Mein Bein«, sagte Henri.
»Stütz dich mit deinem Arm auf meine Schulter«, sagte David.
Anderthalb Minuten.
Das Wasser war langsam mit der einsetzenden Flut gestiegen. Es hatte ihre Füße durch seine sanft scheinende, aber unaufhaltsam fließende Strömung in den feinen Grund der Sandbank sinken lassen. Sie hatten sich immer wieder aus dem weichen Untergrund befreien müssen. Sie taten es mechanisch, wie unter Chloroform betäubte Insekten, die in einer Petrischale herumstaksen, während die Welt um sie herum einstürzt.
David musste dabei an das schmatzende Geräusch denken, das seine Gummistiefel gemacht hatten, wenn er als Fünfjähriger bei Regenwetter durch den tiefer gelegenen Teil des Gartens am Haus seiner Eltern gelaufen war. Schlammschlachten waren damals unterhaltsam. Der Traum von großen Würmern und schuppigen Kreaturen, die sich aus der zähen Masse erhoben, war Wirklichkeit geworden. Das Spiel war vorbei.
Eine Minute.
Davids Hände begannen zu zittern. Nicht ausgelöst durch das kühle Wasser. Das würde später geschehen. Noch früh genug. Es würde anders sein. So dermaßen neu, wie es nichts zuvor gewesen war, das er je gefühlt hatte. Hypothermia. Das Wort blitze in seiner Vorstellung in Fettdruck wie aus den Seiten der Encyclopedia Britannica auf. Er wusste alles darüber. Jede verfluchte Einzelheit, die Anzeichen, die Stadien, er konnte sich ausrechnen, wie lange es dauern würde. Er spürte, wie das Zucken seiner Hände von seinen Armen Besitz ergriff, wie Myofibrillen asynchron kontrahierten, unsichtbare Spannungen und Torsionskräfte seine Gliedmaßen schüttelten. Und er dachte an eine Zeile aus einem Lied, das er vor Jahrhunderten gehört haben musste. Tell me who your puppet master is. Und er spürte das Ziehen an den Schnüren über seinem Kopf und hörte das hämische Lachen, das hinter dem Holzrahmen der Bühne erscholl. Unhörbar für ihn, unhörbar für ein Publikum, das er sich nur eingebildet hatte.
Es blieben: dreißig Sekunden.
David hörte ein Geräusch neben sich. Ein leises, irres Stöhnen. Ein schrilles Röcheln, das sich allmählich zu einem organischen Sirenenton aufschwang. Er blickte Henri an. Der hatte seinen Mund halb geöffnet. Er blinzelte langsam und monoton. Gepresster Atem. David spürte unter seiner Hand im Wasser, wie Henris bereits verkrampfte Schultermuskulatur zu Stein wurde.
Er tat nichts.
Die Dunkelheit brach um einundzwanzig Uhr und achtzehn Minuten über sie herein.
Eine arabische Nacht ohne das rettende Aroma der Verlockung. Keine Tänzerinnen. Die Sterne zu hoch über ihnen. Und die Insel. Die verdammte Insel, die David schwimmend mühelos erreicht hätte. Alleine. Die Insel. Auf die sie gewollt hatten. Sie war dort draußen. Er musste sie jetzt vergessen. Alleine. Er musste nur losschwimmen. Ganz einfach. Dies war sein Element. Das Wasser sprach zu ihm.
Begleitet von einem Geräusch. Tick. Tick. Tick. Einem Glimmen auf dem Zifferblatt. Zwölf blassgelbe Punkte auf Davids Schulter. Phosphoreszierende Zeitintervalle.
Die Uhr an Henris Handgelenk war wasserdicht. Er hatte sie mit David zusammen ausgesucht. Es war der erste Gegenstand, den er sich gekauft hatte, nachdem er seine Zulassung erhalten hatte, das erste Accessoire eines Piloten. Voller Stolz hatte er sie vor dem großen Garderobenspiegel über seinem Handgelenk geschlossen. Voller Verlegenheit hatte er an seinem ersten Arbeitstag auf das linke Handgelenk seines Kapitäns geblickt, an dem dasselbe Modell hing. Der Funken war verloschen. Kaltes Licht.
Etwas trieb auf den Wellen heran und stieß leicht an Davids Wangenknochen. Das Glasfaser-Epoxitharz-Gemisch fühlte sich unwirklich weich auf seiner Haut an, schenkte beinahe Vertrauen. Er schob das Treibgut mit der freien Hand zur Seite, so wie er als Junge gewachste Papierschiffe den kleinen Bach hinter dem Haus seiner Eltern hinuntergestoßen hatte. Nichts benötigte einen großen Anlauf. Alles bewegte sich von alleine. Stromabwärts. Das Stück Kunststoff taumelte auf den winzigen Wellen, und die Reihe der Buchstaben und Nummern aus schwarzem Lack war für einen Augenblick deutlich zu lesen.
NB-675H.
Heckleitwerk.
Henri vernahm nicht das stoßende Atmen neben sich und den Rhythmus der herausgequetschten »Nein, nein, nein, nein, nein«, der andauerte.
2
Startabbruch
Henri hielt das Steuerhorn der kleinen Maschine fest mit seinen Händen umklammert. Den Oberkörper hatte er leicht nach vorn gebeugt und seine Augen konzentriert auf den verschwommenen Horizont gerichtet, der im Nebel versank. Er hatte den Wetterbericht eingeschaltet, bevor sie das Flugzeug aus dem Hangar gerollt hatten, und alles hatte sich richtig angehört. Dreiundzwanzig Grad Lufttemperatur, trocken und nur leichte Höhenwinde, hatte die Stimme aus dem kleinen Radio verkündet. Mr. Wettermann, der mit seinem in die Breite geflossenen Hinterteil in einem versiegelten, staubfreien Studio saß, musste es wissen.
Sie waren auf der holperigen Graspiste gestartet, vollkommen unbeobachtet von Zaungästen oder anderen Piloten. Die Sonne schien auf die Tragflächen und in die Kanzel hinein. Die kleinen silbernen Köpfe der Nieten blinzelten jedem Lichtstrahl zu. Das Aufbrummen des Flugzeugmotors hatte die Ruhe und die träge Atmosphäre durchschnitten, die wie ein klebriger Schleier über der Wiese mit dem grauen Wellblechhangar hing. Sie waren an das Ende der Startbahn gerollt, Henri hatte noch einmal einen prüfenden Blick auf Davids Sicherheitsgurt geworfen, durch seinen Kopf raste in Sekundenschnelle eine letzte Checkliste; dann hatte er schon den Gashebel ganz nach vorne gedrückt. Nach einhundert Metern war das Rumpeln und Klappern einem Dröhnen gewichen. Davids Magen waren im Moment des Starts ein paar winzige Flügel gewachsen, die angefangen hatten, hektisch zu schlagen. Besonders als Henri das Flugzeug in eine steile Kurve gelegt hatte, um seinem Freund den bestmöglichen Ausblick über den kleinen Flugplatz, das Dorf, den Badesee und die Wiesen zu gewähren. In der Ferne waren der Kirchturm und ein paar rote Ziegeldächer der kleinen Stadt zu erkennen gewesen. Nichts Neues im Osten. Ihr Ziel lag in einer anderen Richtung.
Sie hatten ein Gehöft überflogen und konnten gerade die große Trichtermündung der Weser in der Ferne erahnen, als sich am Horizont eine dünne graue Linie ausgebreitet hatte. Henri hatte das Flugzeug weiter aufsteigen lassen, so lange, bis sie über den kleinen Wolkenfetzen flogen, die aufgezogen waren. Dann hatte sich mit einem Schlag eine dichte Schicht aus blassgrauem Dunst unter ihnen ausgebreitet, und aus dem vorerst leichten Vorhang war innerhalb von Minuten eine dichte Nebelbank geworden. Henri hatte sich besorgt umgesehen, das Flugzeug mit kleinen Bewegungen der Querruder um seine Längsachse kippen lassen und über den Rand der Kanzel hinweg nach unten gespäht. Wenn sich das Gefühl in ihm regte, handeln zu müssen, das aus der Gegend um den Solarplexus heraufkletterte, hatte er keine Wahl. Es war eine Sache, die er noch genauer nahm als alles andere.
Jeder Tag hielt für Henri eine Liste mit neuen Aufgaben bereit, die er erledigte. Das Essen eines Stückes Pizza, ohne sich zu bekleckern, seinen Schwanz richtig zu bewegen, um nicht zu früh zu kommen, die Lösung einer Flugkalkulationsaufgabe in den verbleibenden dreizehn Minuten einer Prüfung. Ein Flugzeug zu landen. Aufgaben, denen er sich gegenübergestellt sah wie einer Reihe von Verdächtigen bei der Identifizierung des wahren Zeitdiebes. Und die Gesichter glichen sich: die der acht Gestalten vor der weißen Wand, das des Mannes, der ihn am Arm festhielt, damit er seiner Pflicht auch nachkam. Seines. Henri konnte seinen Tag nicht einfach abhaken, ohne dass er seine Aufgaben erfüllt hatte. Das war nicht einfach, auch heute musste er sich das wieder eingestehen, denn es gab ein Kriterium für ihn, das über die simple Erfüllung seiner Aufgaben hinausging. Er wollte es so gut wie nur irgend möglich tun. Nur gab es nie jemanden, der ihm die Frage beantwortete, wann dies der Fall war.
Um gut zu sein, musste Henri an diesem Tag das Flugzeug auf einen Kurs nach Hause bringen. Aber es war ein »Gut« mit Abstrichen, die ihn unangenehm berührten.
Er zeigte durch das Plexiglas auf den Nebel unter ihnen und zuckte mit den Schultern. Seine Lippen kräuselten sich, als er sie kurz und heftig aufeinander presste.
»Wir müssen umkehren«, sagte er. »Zurück zum Flugplatz.«
Sie waren erst eine gute Viertelstunde in der Luft. Es war gerade genug Zeit für David gewesen, kurz den Blick schweifen zu lassen und sich an das Ziehen in der Magengegend zu gewöhnen, das während der kleinen Bewegungen des leichten Flugzeuges schnell auftrat. Der Nebel hatte ihm die Aussicht genommen. Auf die Landschaft wie auf die vor ihm liegenden Stunden dieses Tages.
»Wir können die Inseln bei so schlechter Sicht nicht anfliegen. Ich erkenne am Boden nicht genug für eine Landung«, fuhr Henri fort. »Wir können es morgen noch einmal probieren.«
David lächelte und nickte.
»Das ist keine 747 hier«, sagte Henri.
»Ist schon klar.«
»Geht eben nicht anders.«
»Du bist der Kapitän.«
Henri trat das linke Pedal durch und drückte den Steuerhebel nach rechts. Das Flugzeug zitterte und kippte in eine steile Rechtskurve. Von Flügelspitze zu Flügelspitze schien es fast senkrecht in der Luft zu stehen, und die Fliehkraft drückte die beiden schwer in die Sitze. Henri konnte es nicht sehen, aber David grinste, während er mit seinem Gesicht an der Scheibe des Seitenfensters klebte. Er genoss das Gefühl, sich in einer kreisförmigen Bahn im freien Fall zu befinden; genoss die Kräfte, die Vibrationen und den Eindruck, durch eine Luke senkrecht auf den Boden zu blicken.
»Alles klar?«, fragte Henri.
Erst letzte Woche hatte er drei Stunden damit verbracht, das Cockpit von den Resten eines großen Frühstücks zu befreien. Inklusive Oliven und Orangensaft. Klebrige Spuren von Ciabattabrot auf dem Höhenmesser. Die gute italienische Küche.
Charlottes Bruder war ein Bodenlebewesen, und einige kleine Turbulenzen, in die sie auf halbem Weg nach Hause geraten waren, winzige Veränderungen in den Luftströmungen, welche die Flügelspitzen hatten vibrieren lassen, waren mehr als ausreichend gewesen. Eriks Magen hatte sich zu einer harten Kugel verkrampft. Als der zerkaute Mozarella aus ihm herauszuspritzen begann, hatte Henri ihm nur einen müden Seitenblick zugeworfen.
Fliegen, das bedeutete für Henri, sich dem Luftmeer anzuvertrauen und sich seinen Regeln ganz zu ergeben. Einen Schritt vorwärts zu wagen und Fühlung aufzunehmen, mit dem, was fremd und feindlich anmutete, das Element erfassen, nicht bestaunen, es aufzunehmen und den Bewegungen eines erfahrenen Schwimmers im Wasser gleich sich durch die Luft zu bewegen, ihre Kraft und Gesetze zu spüren, um mit ihnen gemeinsam zu etwas Emergierendem zu werden.
David gab sich genussvoll dem Ziehen der Fliehkraft an seinen Muskeln und Eingeweiden hin und versuchte, ein Gespür für die Veränderungen im Strom seines Blutes unter den Bewegungen des Flugzeuges zu entdecken. Etwas zu fühlen. Irgendetwas. Irgendeine verdammte Kleinigkeit.
Er gab Henri das Daumen-nach-oben-Zeichen.
»Mach dir nichts draus«, sagte er, als sich das Flugzeug wieder in waagerechter Lage befand. »Das Wetter eben. Ist nicht das Ende der Welt.«
»Ausgerechnet das Wetter«, sagte Henri. »Alles andere habe ich im Griff.«
»Die Hauptsache ist doch, dass wir uns mal wieder sehen«, sagte David. »Zwei Jahre sind das jetzt.«
»Richtig«, sagte Henri. »Als ich auf der Schulung für die neue 737 war. Ich kann sonst darauf verzichten, in der Hauptstadt zu sein. Da haben doch alle eine Macke.«
»Man sollte meinen, du seist inzwischen etwas weltmännischer geworden«, sagte David. »Ich dachte, dass du den Bauernhof mit deinen Eltern hinter dir gelassen hast.«
»Danke. Und was hat das mit dieser Stadt zu tun!«, sagte Henri. »War jedenfalls nicht so einfach, deine Nummer rauszubekommen.«
»War ja auch die erste feste Adresse, die ich seit vier Jahren hatte.«
Henri zeigte auf eine Stelle in dem Gebiet, das direkt voraus lag. Der Dunst, der von der Küste heraufgezogen war, hatte die Landschaft hier noch nicht erreicht. Die extrem feuchte Luft ließ Formen und Farben in der Entfernung zu einem Nichts verschwimmen. Zu einer weiteren Grenze.
»Siehst du, da vorne ist schon der Flugplatz«, sagte er.
Vor ihnen lag ein kleiner, baumloser Fleck, der sich an die schnurgerade Landstraße schmiegte. Eine Graspiste, die zwei großen Wellblechhallen, das kleine Clubhaus. Das war Henris Welt, so wie man sie von außen betrachten konnte.
»Das ist jetzt eine blöde Frage«, begann Henri.
»Gibt es nicht«, sagte David.
»Vermisst du sie noch?«
Henri unterbrach sich selbst mit einer fahrigen Handbewegung, um dann fortzufahren.
»Schwachsinn. Entschuldige. Natürlich tust du das. Ich meinte nur...«
In seinem Augenwinkel zuckte es.
»Du meinst, ob ich andere Frauen habe?«
»Nein. Ja. Na ja, so etwas in der Art.«
»Ja, hatte ich.«
»Gut.«
»Gut waren die nicht unbedingt.«
»Was?«
»Ach, vergiss es. – Fehlen tut sie mir immer noch. Natürlich. Es fühlt sich so an, als ob jemand ein kleines Stück aus einer Decke herausgeschnitten hätte, die mich sonst warm gehalten hat, weißt du.«
»Ich muss mich jetzt kurz konzentrieren«, sagte Henri. »Wir landen in einer Minute. Ich muss in einer sehr engen Linkskurve anfliegen. Erschrick nicht. Es ist wegen dieser dummen Windgeneratoren, die hier vorletztes Jahr gebaut worden sind. Ich hasse die Dinger.«
Henri zog den Pitchhebel, und ein Ruck ging durch das Flugzeug. Das Propellergeräusch ging von dem gleichmäßigen Dröhnen, das die Kabine bis dahin erfüllt hatte, in ein rasselndes Brummen über. Kranke Stadthummeln auf dem Heimflug durch den Smog.
»Ich habe den Anstellwinkel des Propellers für die Landung eingestellt«, sagte Henri. »Für mehr Vortrieb.«
David hielt sich mit beiden Händen an der Kante des Kunststoffsitzes fest. Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, und die Muskulatur in seinen Schultern verhärtete sich vernehmlich. Vertrauen schloss niemals Angst aus.
Fliegen ist sicherer, als in deinen eigenen vier Wänden ein Vollbad zu nehmen. Niemand ist hier oben bisher ausgerutscht und ertrunken – das war Henris Lieblingsspruch. Nur zu David sagte er so etwas nicht.
Sie zogen einen engen Kreis um ein Dutzend Windräder, deren dreiblättrige Rotoren sich träge drehten, scheinbar laut- und wirkungslos. Henri hatte jedoch schon direkt an dem stählernen Fuß gestanden, mit steifem Nacken zu den dreiarmigen Riesen aufgeblickt und das kraftvolle, pulsierende Rauschen vernommen, das die Rotorblätter erzeugten, so schnell bewegten sich ihre Spitzen durch die Luft. Auf dem Boden lagen Federn. Lief man hier herum, knirschten im Gras verstreute kleine Knochen leise unter den Füßen.
Die Luft über der Landepiste war von der Sonne den ganzen Vormittag über erwärmt worden. Das Flugzeug durchschnitt unsichtbare Grenzschichten, an denen sich die Dichte der Luft schlagartig veränderte und Inversionsräume aus kleinen schnellen Wirbeln entstanden. Die Maschine wurde hin und her gerüttelt, als sie die letzten zweihundert Meter zum Aufsetzpunkt zurücklegte. Mit einem derb klingenden Geräusch setzten die beiden Räder des Hauptfahrwerks auf, und das kleine Heckrad folgte ihnen, als das Flugzeug rasch an Geschwindigkeit auf dem unebenen Untergrund verlor.
Der Ikarus kehrte geräuschvoll zurück. Auf einer holperigen Piste.
Henri lenkte das Flugzeug bis kurz vor den Wellblechhangar und stellte dann den Motor aus. Er stieß die Kanzel nach hinten auf. Frische warme Luft und die Geräusche des Windes über einer Wiese voller brummender Insekten erfüllten die enge Kabine. Der abkühlende Motor unter der Verkleidung vor ihnen gab leise, knackende Töne von sich. Henri stellte akribisch alle Schalter auf die Position Aus. Das waren nicht viele in so einer einfachen Maschine. Magneten, Batterie, Landelicht, Hauptfunkgruppe, der Hauptschalter.
»Schau dir das an«, sagt er. »Kaum eine größere Wolke zu sehen hier, klare Luft.« Er schnupperte prüfend.
»Riechst du das?«
»Den Güllegeruch von den Feldern?«
»Stadtkind. Die Trockenheit. Das macht der Wind. Der drückt die feuchte Luft auf die See.«
Henri sog die Luft tief ein.
»Ich hatte so gehofft, dass wir auf die Inseln fliegen können. Heute – nicht erst das nächste Mal«, sagte er.
»Wir haben noch den ganzen Tag zusammen.«
Henri klatschte sich mit den Handflächen auf die Oberschenkel und öffnete dann das Schloss seines Sicherheitsgurtes. Als er zu David hinübergreifen wollte, hatte dieser seinen Gurt ebenfalls abgelegt.
»Du glaubst gar nicht, wie dämlich sich manche damit anstellen«, sagte er.
»Etwas habe ich dann doch gelernt«, gab David zurück. »Viertausend Fuß in der Luft oder fünfzig Meter unter der Wasseroberfläche – ein Gurt bleibt ein Gurt.«
»Bringen wir diese Kiste in den Hangar und gehen einen Happen essen.«
In Davids leerem Magen rumpelte es leise. Er hatte sich nicht Charlottes Bruder anschließen wollen und auf ein Frühstück verzichtet. Man konnte sich da oben nicht so einfach aus dem Fenster beugen. Es wäre ihm zu peinlich gewesen. Vieles war ihm peinlich.
Als sie das Flugzeug durch die riesigen Hangartüren schoben, jeder an einer der Tragflächen anpackend, fühlte David doch ein leises Bedauern in sich aufsteigen. Den großen Vogel wieder in sein dunkles Nest zurückzuschieben setzte einen Schlusspunkt hinter seine Vorfreude auf diesen Flug.
»Ich kann die Türen nur von innen abschließen«, sagte Henri zu ihm, als das Flugzeug in der Halle stand, mit Holzklötzen unter den Rädern des Hauptfahrwerks. »Wir treffen uns auf der anderen Seite.«
Henri verschwand im Schummerlicht des Hangars, in einem Gewirr aus Tragflächen, Propellern und schlanken, weißen Rümpfen. Das Summen eines Elektromotors setzte ein, bevor die großen Schiebetüren anfingen, sich im Schneckentempo zu bewegen. Metallene Rollen kreischten in ihren trockenen Führungen, das Wellblech zitterte in den Stahlrahmen. David trat mit drei schnellen Schritten aus der Halle, ging weiter um die Ecke, brachte das Gebäude zwischen sich und den Lärm, wie eine schützende Mole, die die Boote im Hafen vor den Wellen bewahrt.
Er stellte sich in die Sonne. Sein Akku lud. Er hörte hinter sich ein lautes Quietschen.
»Auf diesem Flugplatz klingt jede Tür so, als wäre es ihr letzter Tag«, sagte Henri.
Er musste die Eingangstür noch einmal ein Stück öffnen, um sie dann mit einem Knall zuzuziehen.
»Es gibt hier nichts, das nicht klemmt, rostet oder verrottet.« Henri hatte sichtlich Mühe, den Schlüssel im Schloss herumzudrehen.
»Aber die Flugzeuge...«, fuhr er fort, während er sich mit einem Funkeln in den Augen zu David umdrehte, »an den Flugzeugen ist alles makellos.«
Der Flugplatz gehörte einem kleinen Verein. Einer Gruppe von Verliebten, denen der Himmel alles bedeutete und deren Liaison von Dauer war. Angefangen hatte es vor mehr als zwanzig Jahren mit einem klapperigen Segelflugzeug in einer undichten Scheune. Das Gras auf der Wiese hatte fast einen Meter hoch gestanden. Keine Startbahn auf diesem Planeten sah so aus.
Das Gelände hatte einem Bauern gehört, einem Kauz, der abgelegen wohnte und nur selten im Ort zu sehen war. Das Wenige, das man über ihn zu sagen wusste, schwebte in einer grauen äthanolschwangeren Wolke über seinem Kopf. Der Mann hatte gehört, dass ein paar Jungen aus der Gegend einen Platz für ihr Flugzeug suchten. Sie hatten es auf einer Auktion ersteigert. Nun stand es demontiert in einer Kellergarage und setzte Staub an. Er war in die Stadt gefahren und durch die Kneipen gezogen, bis er sie schließlich gefunden hatte.
Das Land, das er ihnen schenkte, die große Wiese mit der alten Scheune, machte über die Hälfte seines Besitzes aus.
Von da an hatte er jeden Tag hinter dem Zaun gestanden. Ein kleiner Mann mit sehr kurzen Beinen und einem mächtigen Bauch, der niemals etwas anderes trug als eine graue, wattierte Stoffjacke, braune Kordhosen und einen grauen Lederhut mit zerknitterter Krempe. Er hatte ihnen dabei zugesehen, wie sie über viele Wochen hinweg das Flugzeug in Stand gesetzt und ein neues Dach für die Scheune gezimmert hatten.
Sie waren eine Gruppe von elf Jungen und einem Mädchen gewesen. Sie hatten nicht genügend Geld auftreiben können für eine Winde, mit der das Flugzeug in den Himmel katapultiert werden konnte. Ihr Traum musste vorerst am Boden bleiben. Die Jungen verkauften ihre Autos und Stereoanlagen, sie arbeiteten an Supermarktkassen und fuhren an den Wochenenden nicht mehr auf die Feste und in die Diskotheken in der Gegend. Das Mädchen arbeitete an den Abenden als Kellnerin. Als das Flugzeug repariert war und frisch lackiert in der Sonne glänzte, hatte ihnen noch immer eine vierstellige Summe gefehlt. Sie hatten in dieser Nacht in der Scheune neben dem Segelflugzeug geschlafen, in Decken und Schlafsäcke eingehüllt, und in den Geruch von frischer Farbe und Holz. Am nächsten Morgen hatten sie auf einer Holzpalette einen Motor und ein Getriebe aus einem Trecker vor der Scheune gefunden. Der Mann mit dem zerknitterten Hut hatte am Rand der Wiese gestanden und ihnen zugewunken.
Drei Tage später waren Leute aus der Stadt gekommen. Einige von ihnen glaubten noch immer, dass es lediglich einen interessanten Fehlschlag zu betrachten gäbe. Der Mann mit dem Bauch und dem Lederhut war nur eine kleine Gestalt hinter dem Zaun, weit entfernt von all den anderen Neugierigen. Die zwölf hatten per Los den Glücklichen für den Pilotensitz bestimmt. Der zweite Platz war einstimmig für den Jungen reserviert worden, der an diesem Tag Geburtstag hatte.
Der Motor der Winde sprang an, das Seil straffte sich, das Flugzeug schnellte vorwärts und begann über die Wiese zu rumpeln, die Nase in den Wind gerichtet. Die Tragflächen zitterten nervös auf und ab. Doch sie gewann an Geschwindigkeit, die Flügel begannen sich in den Luftstrom nach oben zu biegen. Die kleine Maschine wirkte verletzlich und schwach. Der Moment des Abhebens verging unmerklich wie ein Wimpernschlag. Schon war das Flugzeug in der Luft, stieg höher und höher und sah ganz und gar nicht mehr verloren aus.
Der Junge am Steuerhebel klinkte den Haken aus der Bugöse aus. Das Flugzeug war frei, und es gewann in der Thermik rasch an Höhe. Es kreiste unter der Basis einer hoch am Himmel stehenden Cumuluswolke, die aufwärts gerichteten Konklusionen nutzend. Wie ein Fahrstuhl schoss es weiter in die Höhe.
Henri war an diesem Tag fünfzehn Jahre alt geworden. Von dem Rücksitz unter der Plexiglaskanzel hatte er auf die Landschaft hinuntergeschaut und Felder voller Zäune gesehen, Gärten umfasst von Mauern, begradigte Flüsse. Das Schachbrett des kultivierten Irrsinns.
So weit weg von all dem dort unten. So lange her.
David und Henri gingen zu dem kleinen, roten Wagen, der im Schatten einiger hoher Pappeln stand, Davids Reisetasche auf dem brütend warmen Rücksitz. Sie waren vom Bahnhof sofort auf den Flugplatz gefahren.
»Ich mache es wieder gut«, sagte Henri, »wir fliegen das nächste Mal.«
Der Motor sprang sofort an.
David klopfte auf das Armaturenbrett.
»Lange her, dass ich gefahren bin«, sagte er.
»Fährst du nicht mehr zum Unterrichten raus?«, fragte Henri.
Das Ende des Sandweges mündete in eine schmale Landstraße.
»Warum auch?«, antwortete David.
Henri gab Gas.
Das Blätterwerk der Alleebäume zauberte ein Spiel aus huschenden Sonnenflecken auf die Windschutzscheibe. Ab und an blitzte ein Sonnenstrahl den beiden in die Augen, viel zu kurz, um sich mit einem Blinzeln davor schützen zu können. Eine versteckte Botschaft, die niemand verstand. Die zaghafte Stimme dessen, was die Menschen von der Natur übrig gelassen haben: Alleebäume im Sonnenlicht.
David kannte Männer, die ihr Auto mit einer liebevollen Hingabe fuhren, die ihre Frauen zu Recht zu eifersüchtigen Gedanken trieb. Henri benutzte seinen Wagen. Er tat es mit einer Effektivität, die Sparsamkeit gleichkam, in einem ruhigen Fluss von Gasgeben, Kuppeln, Schalten, Bremsen, Blinken, mit der Aufmerksamkeit einer besorgten Mutter, jedoch ebenso mit dem nötigen Vertrauen in die Gesetze der Physik. Henri verlor niemals ein Wort über das, was andere Autofahrer oder Fußgänger um ihn herum taten. Er hupte nicht an grünen Ampeln, er überholte Fahrradfahrer mit einem zentimetergenauen Sicherheitsabstand von zwei Metern. Wenn er an einer Kreuzung anfuhr, schaltete er schnell aus dem ersten Gang nach oben, so wie es in der Fahrschule gelehrt wird, um wenig Benzin zu verbrauchen. Er beschleunigte stets sanft, wartete lieber einige Sekunden, als forsch eine kleine Lücke im Verkehr auszunutzen. Er ließ sich mit dem Strom treiben. Es wirkte manchmal desinteressiert.
Der Parkplatz am Anfang der Fußgängerzone war leer. Es war eine kleine Stadt mit engen Straßen, aber in der Vergangenheit hatten hochfliegende Pläne für eine große Fabrik zur Herstellung von Computerchips die Stadtverwaltung dazu ermutigt, drei große Parkhäuser zu bauen und einige verbliebene Grünflächen in der Innenstadt zu betonieren. Mehr Grau. Die Zierde des Bahnhofsplatzes – ein Multiplexkino mit pinkfarbenem Schriftzug über dem Eingang, dessen Besucher wie heimatlose Dschinns zwischen den leeren Sitzreihen herumliefen.
Ein Kaufhaus im bedrückenden Stil der siebziger Jahre, dessen Besitzer einmal im Jahr wechselte. Die Karussellrunden der Gier wurden auch hier kürzer, die Girlanden mit jedem Jahr bunter. Alte Männer und Frauen im Stadtrat träumten von goldenen Zeiten.
Schmutz kam auch hier an die Oberfläche, kroch aus den Fugen. Die Fußgängerzone war mit kleinen Granitsteinen gepflastert, die in muschelförmigen Mustern angeordnet waren. Falls man noch genug Fantasie hatte, auf so etwas zu achten. Es mangelte an Grünflächen, nicht aber an Papierkörben, Parkuhren und Klettergerüsten im Bauhausstil, die sich aus Gruben voll gesiebtem Sand erhoben. Alles war sorgsam aufgestellt. Wie die Figuren auf einem Schachbrett kurz vor dem Matt, vor dem finalen Zug, während die letzten Sekunden des Spiels hörbar verstrichen.
Es waren kaum Leute unterwegs. Ein provinzieller Wochentag. Wer zu dieser Zeit in einer Kleinstadt von seinen Nachbarn dabei gesehen wurde, wie er müßig durch die Fußgängerzone schlenderte, die Hände in den Taschen und mit dem Blick von Schaufenster zu Schaufenster schweifend, ohne jemals das zu finden, wonach es ihn verlangte, der wurde zum Gegenstand des Getuschels und der Gerüchte. Es würde heißen, dass es jetzt auch den erwischt hätte; traurig, wirklich traurig, aber auf keinen Fall ein Grund, sich so gehen zu lassen. Und was die arme Frau jetzt wohl erdulden müsse.
Henri und David hatten die Hände in den Taschen, als sie auf das Café zusteuerten. Drei runde Holztische standen zwischen großen Blumenkübeln aus Beton. Die beiden waren bis auf zwei alte Frauen, die allerdings den Schatten im Inneren vorgezogen hatten, die einzigen Gäste.
»Was kann ich euch bringen? Braucht ihr die Karte?«
Die Bedienung war schnell an ihren Tisch gekommen. Sie lispelte, ihre Stimme klang gehetzt. – Wafkannicheupfbringen?
»David?«
»Toast, Spiegeleier, Schinken und Milchkaffee«, bestellte David. Nach kurzem Zögern fügte er hinzu: »Habt ihr einen Dornfelder?«
Die Bedienung war in ihren Fünfzigern. Sie bejahte seine Frage.
»Gut, eine Halbliterkaraffe bitte.«
»Ich trinke nicht mehr«, sagte Henri.
»Ja. Gut«, David schaute an der Bedienung vorbei auf die Straße.
»Also nur ein Glas?«, fragte diese. Sie sprach es aus wie Glaf. »Nein«, antwortete David. »Eine Karaffe.«
Henri bestellte einen grünen Salat und Mineralwasser.
Mineralwaffer.
Die Bedienung nickte eifrig und ging hinein an den Tresen.
»Und du?«, fragte David.
»Und was?«
»Was du gemacht hast«, sagte David.
Henri rutschte auf seinem Stuhl hin und her. Es wollte ihm nicht gelingen, eine bequeme Position zu finden. Er nahm sich Zeit für eine Antwort.
»Seit der Schulung fliege ich Mittelstrecke. So einfach ist das. Ich mache halt meine Arbeit.«
»Machst du noch deinen Sport?«
»Das Wing Tsung.« Henri nickte. »Ja. Ich habe meine Ernennung zum Si-Hing.«
»Und nun?«
»Es bedeutet Verantwortung.«
Henri war früher ein dünnes Kind gewesen, das zu einem schwächlichen Teenager herangewachsen war. Diesen für ihn gelebten Albtraum hatte er kuriert. Mühselig, aber erfolgreich. Jetzt träumte er von anderen Schrecken.
»Was noch?«, fragte David.
»Ist das ein Verhör?«
»Nein.«
David sah sich nach der Kellnerin um.
»Ich hab mich wieder an der Flugschule eingeschrieben«, sagte Henri.
»Was sollen die dir denn noch beibringen?«
»Anderen etwas beizubringen. Ich will nicht in diesem Cockpit sitzen und Hamburg-Barcelona fliegen, bis ich fünfzig bin. Ich mache meine Fluglehrerlizenz.«
»Das ist gut.«
»Ist es.«
Es gab einen kurzen Moment des Schweigens, eine dumpfe, von Gedanken ausgefüllte Pause. Ein kleines Stück Zellstoff auf dem Bürgersteig wurde gemächlich von dem lauen Mittagswind davongetragen. Der Fetzen eines Taschentuches. Es hatte Blutspritzer in der Mitte.
»Aber was ist mit dir?«, fragte Henri.
»Mit mir?«
Davids Blick war der eines Mannes, der zu wenig Schlaf bekommt.
Die Bedienung kam mit einem großen Tablett in den Händen an ihren Tisch. Sie schob Henri seinen Salat zu. Lud die Kaffeetassen ab. Sie stellte einen großen Teller mit Eiern und Schinken vor David. Den Wein. Sie goss das Glas halb voll.
»Zufrieden so?«
Fufrieden fo?
Sie nickten beide. Als sie sich vom Tisch abwandte, griff David nach der Karaffe und füllte das Glas bis knapp unter den Rand. Er hob es an seine Lippen und trank es in drei großen Schlucken bis zur Hälfte aus.
»Weißt du«, fuhr Henri fort, »am Bahnhof, da habe ich dich gleich erkannt. Schon als ich noch auf dem Parkplatz war, hundert Meter entfernt. Ich dachte mir, der Typ da mit der Glatze, das muss er einfach sein.«
David schaute stumm auf seinen Teller, griff dann nach dem Besteck. Er zerteilte den gebratenen Schinken mit dem Messer in kleine Stücke und legte es dann beiseite. Er führte eine Gabel voll Ei mit einem Stück Schinken zum Mund, riss ein Stück Weißbrot ab, stopfte es sich in den Mund. Kaute.
»Du hast dich ganz schön verändert«, sprach Henri weiter. »Die Haare. Die komische Lederjacke. Und du bist dick geworden.«
David trank sein Glas aus und goss sich aus der Karaffe nach.
»Du bist ruhiger geworden.«
Henri schien auf etwas zu warten.
»Weißt du noch, wie sie dich genannt haben in unserem Studiengang? – ›Der Professor‹. Du hast immer für alles und jeden die passende Antwort gehabt. Du hast deine Klappe aufgemacht.«
Er trank etwas von seinem Wasser.
»Erinnerst du dich noch an diese kleine Dicke? Wie hieß sie doch gleich? – Melissa? Na, jedenfalls die, die dir eine Woche hinterhergerannt ist, bis du dich in der Mensa mitten beim Essen auf den Tisch gestellt und gesagt hast: ›Meine sehr verehrte Melissa – du bist klein von Körperbau, aber noch kleiner von Geist. Verpiss dich bitte aus meinem Leben.‹«
David aß weiter stumm sein Spiegelei. Etwas Eigelb klebte in seinem linken Mundwinkel. Postmodern. Post mortem. Fett in der Ecke. Nichts für die nächste Ausstellung.
»Das hatte – na ja. Soll ich sagen: Stil?«
David hielt mit der Gabel auf halbem Weg zum Mund inne. Das Ei fiel mit einem feuchten Schmatzgeräusch auf den Teller zurück. Er trank sein Weinglas in einem Zug aus und stellte es fahrig ab. Dann nahm er seine Brieftasche aus der Hosentasche und zog einen Zwanziger heraus, den er unter den Rand des Aschenbechers klemmte.
»Ich kann das nicht mehr hören«, brummte er im Aufstehen.
Er lief los.
Henri musste sich beeilen. Erst auf dem Parkplatz holte er ihn ein.
3
Rückenwind
Henri lebte in einem großen neuen Haus, dessen blaue Dachschindeln sich in bizarrem Kontrast vom Grün der nahe gelegenen Weiden und Pferdekoppeln abhoben. Auf Satellitenbildern der Gegend war es leicht zu entdecken, sogar auf den farbigen Wetteraufnahmen geringer Auflösung, die Henri vor jedem Abflug im Internet aufrief. Es prangte dort leuchtend wie ein fehlerhafter Pixel auf einem Flachbildschirm.
Charlotte hatte hinter dem Haus einen Garten angelegt, in dem Erdbeeren, Zucchini und Sonnenblumen wuchsen. Die Reihen waren schnurgerade. Henri hatte ihr Anweisungen gegeben, wie sie die Furchen für die Saat entlang einem Stück Bindfaden, das zwischen zwei Holzpflöcke gespannt war, ziehen musste. Daneben nahm sich der junge Pflaumenbaum rebellisch aus. Er war schief gewachsen. Ein kurzer dicker Ast ragte auf Schulterhöhe aus dem Stamm. Er sah aus wie ein krummer Penis. Henri hatte sich schon mehrere Male vorgenommen, ihm mit einer Säge zu Leibe zu rücken, aber der Baum war noch nicht stark genug, um diese verstümmelnde Operation zu überleben. So lange war Henri dazu verdammt, mit seiner Baumsäge und dem Bandmaß durch den Garten zu schleichen. Sechzig Zentimeter Umfang. Mindestens. Er hatte manche Nacht davon geträumt, endlich die Säge anzusetzen. Nächstes Jahr vielleicht? – Dann würde er diesem Schandfleck in seinem Garten den Garaus machen.
Das Grundstück endete nach nur zehn Metern an einem niedrigen Maschendrahtzaun. Dahinter lag ein identisches Stück Land. Mit einem Haus darauf, einem neuen Haus, hinter dem jemand einen Garten angelegt hatte, in dem Erdbeeren, Auberginen und Blumen wuchsen. Die Blumen hatten Blüten in der Form aufgeplatzter Sternfrüchte und verloren ihre Blätter. Sie vertrugen die starke Sonne nicht, es war eine importierte Sorte. Die orangeroten Köpfe hingen schlaff herab. Leprakranke, die ihren herabfallenden Körperteilen hinterher chauten. Der Nachbar versuchte es mit Dünger. Henri hatte ihm gesagt, er solle einen Sonnenschirm aufstellen. Clematis Nelly Moser, hatte er gesagt. Schatten liebend. Höchstens zwei Sonnenstunden am Tag. Ein Schirm würde es tun. Der Nachbar hatte ihm einen Vogel gezeigt.
Von der kleinen Straße gingen zwanzig Zufahrten zu zwanzig neuen Häusern ab. Autos standen in den Einfahrten, Kinderspielzeug lag herum wie die vergessene Ausstattung einer Filmszene nach Drehschluss. Hitchcocks Plastikland. Auf die schwarzen Müllbehälter aus Kunststoff hatte jemand mit einem Gespür für das Nötigste mit einem breiten, weißen Eddingstift Smilies gezeichnet. Auf jede Tonne. Die gute Seele.
Hinter diesen zwanzig Dächern lauerte die Stadt und schärfte ihre Krallen.
»Schön hast du es hier«, sagte David.
Sie standen auf dem Rasen hinter dem Haus.
»So ein Haus ist in der Gegend hier nichts Besonderes«, antwortete Henri. »Jeder spart darauf, mit achtzehn eine Anzahlung auf ein Grundstück machen zu können.«
»Ich rieche Schulden und Zweitjobs.«
»Nicht bei uns.«
»Vielleicht hätte ich doch Pilot werden sollen.«
»Ja, hättest du werden können.«
Henri klopfte mit dem Fuß auf einem wehrlosen Stück Rasen herum.
»Nicht schon wieder«, stöhnte David.
Henri ignorierte es.
»Ist ja auch nicht mein Haus. Ich wohne nur hier. Also offiziell.«
Er kratze sich am Hinterkopf.
»Schon wegen der Steuer.«
»Charlottes Erbschaft?«, fragte David.
»Du hast also davon gehört.«
»Ja.« David verzog den Mund. »Von dir.«
»Ach. – Nun, es ist jedenfalls voll bezahlt. So schläft es sich ruhiger.«
David versuchte herauszufinden, wohin Henri starrte, aber außer einem kleinen Baum konnte er nichts in dieser Richtung entdecken. Pflaume, vermutete er.
»Es ist wohl eindeutig eine Verbesserung«, sagte David.
»Verbesserung? – Oh, du meinst das Wohnheim.«
Henri lachte auf.
»Ja, das war eine lausige Bude. Der dunkelgrün gestrichene Flur mit dem grauen Linoleum, dreißig Türen auf jeder Seite. Ein Klo, eine Küche. Zweieinhalb mal viereinhalb Meter war das Zimmer groß. Nur zum Kacken ging man raus, alles andere machte man da drinnen. Hauptstadt-Feeling inklusive.«
Er klopfte David auf die Schulter.
»Komm, wir bringen deine Sachen erst mal rein. Willst du dich kurz frisch machen?«
Die Haustür war nicht verschlossen. Sobald die beiden im Flur standen, ging Henri zum Fuß der gewundenen Treppe, die in das Obergeschoß führte, und rief laut nach oben.
»Charlotte! Komm mal runter! Überraschung!«
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür war zu hören. Füße gingen über Teppichboden und erschienen auf der obersten Treppenstufe. Knie, schmale Hüften. Sehr schmale. Henri nahm David an den Schultern und schob ihn vor sich an die Treppe. Sie benötigte einen Moment, um zu begreifen.
»David! Oh mein Gott! David!«
Charlotte stieß einen hellen Schrei aus. Dann sprang sie die restlichen fünf Stufen auf einmal hinunter, hinein in Davids Arme, der gerade noch Zeit genug hatte, sie auszubreiten, um Charlotte aufzufangen. Er wankte einen Schritt rückwärts, als sie auf ihm landete, wie ein Flughörnchen auf seinem Lieblingsast.