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Stuttgart, 1943 – eine Stadt im Krieg, ein Verbot, eine Liebe, die allen Regeln trotzt. Lena, die Tochter eines Stuttgarter Bäckermeisters, und Paul, ein belgischer Fremdarbeiter, begegnen sich durch Zufall auf den Straßen der Stadt. Was als flüchtige Begegnung beginnt, wächst schnell zu einer tiefen, aber gefährlichen Zuneigung. Denn in Zeiten der nationalsozialistischen Doktrin ist eine Beziehung zwischen einer deutschen Frau und einem ausländischen Arbeiter strengstens untersagt – mit unabsehbaren Konsequenzen für beide. Paul, ein passionierter Musiker und Fußballer, versucht, sich in einer Welt voller Angst und Kontrolle einen Rest an Würde zu bewahren. Während die Nächte von Bombenangriffen erhellt werden und die Stadt langsam in Trümmern versinkt, finden Paul und Lena kleine Momente des Glücks. Und doch bleibt die Frage: Ist ihre Liebe stärker als die Schatten des Krieges? Basierend auf wahren Begebenheiten erzählt Stuttgart ‘43 die Geschichte einer unmöglichen Liebe inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs – bewegend, authentisch und mit einer eindringlichen Tiefe, die noch lange nachhallt.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Roman
Stuttgart´43
Die Geschichte einer verbotenen Liebe
von Walter Rottiers
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek. Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Veröffentlicht bei Infinity Gaze Studios AB
1. Auflage
ISBN: 978-3-384-51497-4
Januar 2025
Alle Rechte vorbehalten
Copyright © 2024 Infinity Gaze Studios
Texte: © Copyright by Walter Rottiers
Lektorat: Barbara Madeddu
Cover & Buchsatz: V.Valmont @valmontbooks
Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung von Infinity Gaze Studios AB unzulässig und wird strafrechtlich verfolgt.
Infinity Gaze Studios AB
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829 60 Gnarp
Schweden
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Prélude 005
Ende eines friedlichen Frühlings 008
Bei uns in Stuttgart 035
Doppelte Sehnsucht 069
Das Dilemma 105
Der Untergang 123
32 Jahre danach 157
Epilog 173
Über den Autor 184
Stuttgart '43 ist eine deutsch-belgische Liebesgeschichte, die 1943 vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges in Stuttgart zu einer ergreifenden Liaison aufblühte. Die Erzählung der verbotenen Romanze zwischen der hübschen Stuttgarter Bäckerstochter Lena und Paul, dem Fremdarbeiter aus Belgien, beruht im Wesentlichen auf der Chronik, die Paul 22 Jahre nach Kriegsende Willy erstmals detailliert zu erzählen begann – so, als wollte er sich mit einem Ruck von lang aufgestautem seelischem Ballast befreien.
Zusammen mit seiner Frau Magda und Sohn Pierre war Paul im Juli 1967 während eines Kurzurlaubs Willys Einladung zu einem sonnigen Ausflug an den idyllisch gelegenen Ebnisee, unweit des Luftkurortes Welzheim im Schwäbischen Wald, gefolgt. Die Location gehört in der Region seit Generationen zu einem der beliebtesten Hotspots, um hier inmitten einer naturbelassenen Landschaft ein wenig Ablenkung vom Alltagstrott zu finden.
Seit vielen Jahren pflegten Paul und Willy enge Briefkontakte, in denen Familiengeschichten und noch vieles mehr ausgetauscht wurden. Paul interessierten hierbei hauptsächlich Einzelheiten darüber, wie es seinem zielstrebigen Neffen gelungen war, sein berufliches und familiäres Glück fern der Heimat in Deutschland zu finden – ausgerechnet in Stuttgart, der Stadt seiner stillen Träume.
Beim Anblick des malerischen Sees schlug Paul spontan vor, im Duett zum anderen Ufer zu schwimmen – nur sie beide. Schulter an Schulter und in einträchtigem Rhythmus erreichten sie nach wenigen Minuten jene Stelle, wo Ruderboote auf interessierte Ausflügler warteten und ihnen eine freundliche Kellnerin vom Seerestaurant zum Abtrocknen ein Badetuch auslieh.
Bei einem erfrischenden Bier schilderte Paul zuerst nur stückweise und dann zunehmend fließender, wie er Mitte Mai 1943 in der Stuttgarter Reinsburgstraße erstmals der zwanzigjährigen Lena begegnete und wie sich beide Hals über Kopf ineinander verliebten – ohne sich zunächst viele Gedanken darüber zu machen, dass nach der strengen Doktrin der Nationalsozialisten Liebesbeziehungen zwischen Fremdarbeitern und deutschen Frauen strengstens verboten waren. Im schlimmsten Fall drohten harte Strafen, die teilweise in einem Konzentrationslager oder am Galgen endeten.
Bereits in den Monaten vor dem vergnüglichen Familientreffen am Ebnisee offenbarte Paul seiner jüngeren Schwester Alice im Vertrauen, wie Lena seine Seele gleich zu Beginn des Arbeitsdienstes in einer der Boschfabriken der Landeshauptstadt explosionsartig erregt hatte. Doch damit nicht genug: Mitte Mai 1943 und kurz vor der erzwungenen Abreise nach Süddeutschland hatte Paul mit seiner bekümmerten Verlobten noch gemeinsame Pläne für die Zeit nach seiner Rückkehr geschmiedet und ihr fest die Ehe versprochen.
Die Vorgeschichte von Stuttgart '43 beginnt im Winter 1940, als im neutralen Belgien die Generalmobilmachung ausgerufen wurde und der beinahe 21-jährige Paul als einer von mehr als 500.000 belgischen Soldaten auf eine mögliche militärische Konfrontation mit der deutschen Wehrmacht in Alarmbereitschaft versetzt wurde. Nach den misslungenen Friedensbemühungen britischer und französischer Regierungsvertreter mit der Nazi-Obrigkeit in Berlin sowie dem Überfall von Hitlers Truppen auf Polen war man sich auch in Brüsseler Regierungskreisen sicher, dass nach 1914 ein erneuter Krieg mit dem deutschen Nachbarn unausweichlich war.
Ende eines friedlichen Frühlings
Freitag, 10. Mai 1940. Im Morgengrauen überqueren deutsche Infanterieeinheiten mit brachialer Gewalt und ohne Kriegserklärung die schwach befestigten Landesgrenzen Belgiens sowie der Niederlande und Luxemburg. Es ist ein milder Tag, als die Heeresleitung in Berlin auf Hitlers Befehl den lang erwarteten Westfeldzug gegen die Beneluxstaaten entfacht – auch „Fall Gelb“ genannt.
In den Monaten zuvor hatte Paul in den Ardennen bei mehreren Infanteriemanövern erste robuste militärische Erfahrungen gesammelt, um dann kurz vor Beginn der deutschen Invasion in Brüssel zum Chauffeur beim 14. Artillerieregiment umdirigiert zu werden. Hier erlebt er vom Hauptquartier aus hautnah die chaotischen Verteidigungsvorbereitungen der belgischen Armee.
Aus Furcht vor Massakern durch deutsche Soldaten, ähnlich wie zu Beginn des Ersten Weltkrieges, verlassen große Teile der Bevölkerung zur gleichen Zeit ihre Häuser und fliehen in unendlichen Trecks panikartig mit Sack und Pack nach Frankreich. Nicht so Pauls taffe Eltern, Ernest – im Ort besser bekannt als Nesten – und Angéle.
Sie denken nicht daran, ihre beliebte Dorfkneipe in Merchtem ungeschützt stehen zu lassen.
Zusammen mit den inzwischen erwachsenen Kindern Alfons und Alice sowie der ältesten Tochter Martha, die mit Ehemann Long in der Nähe ein älteres Reihenhaus bewohnt, versuchen sie, das volkstümliche Bierlokal „De Ster“ (Stern) mit kleinem Festsaal so lange wie möglich weiter in Schwung zu halten. Hier fanden zuvor noch heimatliche Theatervorführungen statt, und es wurde ausgelassen Kirmes gefeiert. Auf dem antiquarischen Harmonium wurden eigens vom Kneipenchef komponierte Stimmungslieder gespielt – allen voran von Paul und Alfons, letzterer in der Familie auch liebevoll Fokke genannt. Die beiden ließen regelmäßig die abgewetzten Musiktasten zum Glühen bringen.
Und nun?
In nur wenigen Tagen hat sich in Belgien die einst ausgelassene Stimmung in vollständigen Defätismus verwandelt. Der nationale Radiosender NIR meldete ununterbrochen: „Beste landgenoten, het is oorlog! Chers compatriotes, c’est la guerre!“ (Liebe Landsleute, es ist Krieg.)
Auf einen Schlag wurde das ganze Land buchstäblich von kompletter Fassungslosigkeit überrumpelt – vor allem dann, als bekannt wurde, dass immer mehr deutsche Divisionen im Angriffsmodus vorrückten.
Bald zeigte sich, dass die belgische Armee der Blitzoffensive der hochgerüsteten Wehrmacht mit ihren ultramodernen Panzern und Flugzeugen nur wenig entgegenzusetzen hatte.
Während aus der Ferne unüberhörbar das Eintreffen martialischer Kettenfahrzeuge angekündigt wird, herrscht in dem sonst beschaulichen Plattelandsnest totale Konfusion. Die Bewohner sind restlos desorientiert. Als Erstes erreicht eine schwerbewaffnete deutsche Vorhut aus Richtung Vilvoorde kommend Merchtem. Das wilde Gebaren angespannter Soldaten auf Motorrädern, die mit vorgehaltenem Maschinengewehr in rasender Geschwindigkeit durch den sonst friedlichen Ort rollen, lässt nichts Gutes ahnen.
Kurzerhand beschlagnahmt eine nachfolgende Sondereinheit Pauls elterliches Wirtshaus, um im erwähnten Saal – und ohne gefragt zu werden – Platz für ein Versorgungsdepot freizumachen. Schlimmer noch: Die neuen Herren befehlen dem bestürzten Pächterpaar, das ganze Gebäude umgehend zu verlassen.
Glücklicherweise findet die verzweifelte Kneipenfamilie noch am selben Tag und dank der freundlichen Unterstützung des örtlichen Brauereidirektors im nahegelegenen Peizegem ein freistehendes Haus. Dort startet Vater Nesten, ohne Vorbereitungszeit, aber mit viel Leidenschaft, wie zuvor als gewiefter Gastwirt eine Herrenschneiderei.
Drei Tage nach der kraftstrotzenden Einnahme von Merchtem durch weitere deutsche Truppen versuchen belgische Einheiten mit Soldat Paul als Ordonnanz von Major Meunier am westlichen Schelde-Ufer nahe Gent in aller Eile, ein letztes Verteidigungsbollwerk zu errichten.
Zu spät.
Nach einem kurzen Scharmützel in Deinze werden Paul und die Männer seiner Kompanie von einem deutschen Eliteverband umzingelt. Wegen der aussichtslosen Lage befiehlt Major Meunier seinen erschöpften Soldaten in einem flämisch-wallonischen Sprachenmix, sofort die Waffen niederzulegen: „Stop de strijd, c’est fini.“
Als Paul von einem gedrillten deutschen Wehrmachtsoffizier mit stählernem Blick gefragt wird, ob er einen Lkw lenken und gegebenenfalls auch instand setzen kann, antwortet er – um für den Rest des Krieges nicht in Feindesland Zwangsarbeit leisten zu müssen – genauso forsch mit „Neen!“
Nicht ahnend, dass er knapp drei Jahre später doch noch für die „Fritzen“, wie er später albern bemerkte, Arbeit leisten sollte.
Wenige Wochen nach der Kapitulation Belgiens am 28. Mai 1940, bei der es unter den belgischen Streitkräften mehr als 20.000 gefallene und verwundete Soldaten sowie mehrere Tausend zivile Opfer zu beklagen gibt, wird Paul zusammen mit anderen flämischen Frontkämpfern viel früher als erwartet wieder freigelassen. Glücklicherweise übersteht er die heftigen Kampfhandlungen ohne Blessuren. Doch die Erlebnisse während des Blitzkrieges haben in seinem tiefsten Inneren deutliche Spuren hinterlassen, die ihn Monate und Jahre danach immerwährend beschäftigten.
Später reklamierte er wiederholt: „Verdammt noch mal, wieso konnte uns Herr Hitler nicht in Ruhe lassen. Ganz zu schweigen von den Zerstörungen in Städten und Infrastruktur, welche ein solch kultiviertes und intelligentes Volk mitverursacht hat. War es das alles wert? Die haben doch auch Familie. Und in die Kirche, wo sie ihren und unseren Gott gleichermaßen anbeten, gehen sie auch.“
Nach dem langersehnten Wiedersehen mit seinen besorgten Eltern erholte sich Paul physisch viel schneller als befürchtet von den abenteuerlichen Erlebnissen, auch wenn er des Öfteren nachts von realistisch anmutenden Albträumen aus dem Schlaf gerissen wurde. Von Träumen, in denen Freunde seiner überforderten Einheit durch deutsche Sturzkampfbomber mit den gefürchteten heulenden Sirenen regelrecht niedergemetzelt wurden.
Hin und wieder wachte er orientierungslos auf, weil er glaubte, dass schwerbewaffnete deutsche Fallschirmjäger, vermummt als Ordensfrauen, tief in der Nacht in sein Schlafzimmer eindrangen. Die Wehrmacht hatte solche Krieger in der Tat als Kundschafter per Fallschirm hinter die feindlichen Linien abgesetzt.
Schon nach wenigen Wochen gelingt es der neu installierten deutschen Militärverwaltung in Belgien, trotz massiver Arbeitslosigkeit für eine bedächtige Stimmung unter der Bevölkerung zu sorgen. Die Börse in Brüssel sowie der Bus- und Zugverkehr funktionierten bald wieder so, als ob beinahe nichts geschehen wäre. Ein Großteil der populären Tageszeitungen erschien erneut regelmäßig – freilich von deutschgesinnten Spezialisten zensiert. Auch Sportveranstaltungen wie Fußball sowie die beliebten Radrennen wurden nach einer kurzen Unterbrechung reaktiviert, Letztere wohlgemerkt nur auf sekundären Wegen und nicht über breite Fernstraßen, die hauptsächlich den Kolonnen der Wehrmacht vorbehalten waren.
Der gemäßigte Status quo dauerte allerdings nur so lange, bis landesweit die ersten antijüdischen Maßnahmen per Dekret bekannt wurden – beispielsweise das öffentliche Tragen eines gelben Davidsterns. In Familien, bei Nachbarn, unter Kollegen und Freunden zirkulierten bald die wildesten Gerüchte über Verhaftungen und Deportationen durch die deutschen Dienststellen und ihre Helfershelfer.
Zahlreiche jüdische Nachbarn verließen über Nacht fluchtartig ihre Häuser und Wohnungen. Und wie in Deutschland wurden auch in Belgien an den Schaufenstern mehrerer jüdischer Geschäfte übersteigerte Warnschilder angebracht. Es war, als hätte sich ein Grauschleier über das ganze Land gelegt.
Kaum hatte Paul seine Soldatenuniform abgelegt, konnte er unweit von Brüssel erneut bei seinem ehemaligen Arbeitgeber, einem großen Reisebusunternehmen, als Jungmechaniker anpacken. Dort arbeitete bereits seit einer ganzen Weile seine Schwester Alice, von vielen liebevoll „Liske“ genannt, die im Haushalt der Eigentümerfamilie zuverlässigen Dienst als fleißige Köchin tat.
Der Firmenboss war von Pauls plötzlicher Rückkehr so angetan, dass er ihm spontan ein Angebot machte, bereits am nächsten Tag erneut mit der Arbeit in seiner Werkstatt zu beginnen. Weil die belgische Armeeführung im Vorfeld des Krieges für den Transport von Soldaten und immensen Logistikmengen einen Großteil des Fuhrparks beschlagnahmt hatte, blieben für Paul und seine Arbeitskollegen zunächst nur Reparatur- und Aufräumarbeiten.
Gelegentlich übernahm er, ähnlich wie vor Kriegsbeginn, sogar Chauffeurdienste für den noch spärlichen Linienverkehr in der Region.
Um näher an seinem Arbeitsplatz zu sein, nimmt Paul dankend die Einladung seiner inzwischen schwangeren Schwester Alice an, bei ihr in der schmucken Stadtwohnung einzuziehen, die sie nach der Heirat mit dem selbstbewussten Antoine unweit des Bahnhofs von Vilvoorde angemietet hatte. Sie bot ihm an, so lange bei ihr wohnen zu dürfen, bis er sich sowohl beruflich als auch privat fest etabliert hatte.
Liskes Bruderherz wurde von ihr tagtäglich wie eine Obermutter verwöhnt. Sie kümmerte sich um seine Verköstigung ebenso wie um die Reinigung seiner Arbeits- und Sonntagskleidung. Und was noch praktischer war: Von Vilvoorde zu seiner reizenden Freundin Magda in Eppegem waren es nur ein paar Pedalumdrehungen mit dem Velo.
Bilanz: Der berufliche Neuanfang und die Nähe zu seiner verständnisvollen Schwester passten für Paul wie eine Eins. Trotz der teils argwöhnischen Stimmung im Land erlebten Paul, Antoine und Liske, die wenig später zum zweiten Mal schwanger wurde, behagliche Zeiten. Gleichwohl sorgten die prodeutschen Ansichten seines Schwagers hin und wieder für Diskussionen. Sie deckten sich keineswegs mit denen von Paul, der für extrem rechte Gruppierungen wie REX (Wallonien) und VNV (Flandern) nur wenig Sympathie empfand.
Paul gereizt: „Kaum hatten wir uns auf Leben und Tod gegen den deutschen Aggressor gewehrt, flirteten wenig später bereits zahlreiche Belgier, darunter welche aus der eigenen Verwandtschaft, mit dem Feind. Der Konflikt hat Hunderte Opfer unter den heimischen Soldaten und der Zivilbevölkerung gekostet. Wie lässt sich das zusammenreimen?“
Fakt war, dass sich Liskes Ehemann ähnlich schnell wie Tausende andere Belgier auch mit der Anwesenheit der deutschen Besatzer arrangierte. Hauptargument war zweifelsfrei ein gesichertes Einkommen, um in wirtschaftlich angespannten Zeiten wie diesen für die Familie zu sorgen.
Nach einer Ausbildung im Schnellverfahren wurde Pauls Schwager Antoine bei der lokalen Polizeidienststelle eingesetzt – hauptsächlich zur Kontrolle des ausufernden Schwarzmarktes.
„Nur gegen harmlose Schmuggler?“ so Paul später nachdenklich.
Ob Antoine auch an der Jagd und Deportation von Landsleuten jüdischen Glaubens beteiligt war, stand 1940 zwar noch nicht zur Debatte. Aber danach? Darüber hat Liskes dreister Ehemann nie eine lockere Lippe riskiert.
Wie auch immer, als geprüfter Gendarm erhielt Antoine neben einer respekteinflößenden Uniform auch eine Pistole zur eigenen Sicherheit. Ferner – und vermutlich als Wertschätzung – ein ledernes Exemplar von Hitlers Bibel Mein Kampf sowie ein Gratis-Abo auf das NS-Propagandamagazin Signal. Gelegentlich chauffierte er bis vor die Haustür sogar eine schicke Dienstlimousine der Marke Opel.
Ein weiterer nicht zu unterschätzender Beweggrund war sicherlich die Tatsache, dass Mitarbeiter der deutschfreundlichen Polizeieinheiten und ihre Familien trotz der zunehmenden Warenrationierungen bevorzugt wurden. Doch von dem Zeitpunkt an, als sich die militärische Lage in Europa zusehends zugunsten der Alliierten wandelte, wurde Antoines spontaner Entschluss von zahlreichen Landsleuten als miese Kollaboration mit dem Feind gewertet – und nach der langersehnten Befreiung nicht zimperlich bestraft.
„Das hätte er besser vorher abwägen sollen“, so Gentlemen Paul später zu seinen Eltern und Geschwistern.
Ein Jahr nach dem Einmarsch der deutschen Truppen in Belgien nahm Paul die Einladung einer namhaften Maschinenfabrik nahe Brüssel an, um im Kundendienst einzusteigen. Ihm ging es primär darum, seine bisher bescheidene finanzielle Situation zu verbessern. Und zweitens reizten ihn die günstigeren Arbeitszeiten, um bei einem Abendstudium unweit der Firma das Diplom als Mechaniker zu vollenden.
Durch den Einsatz immer größerer Truppenkontingente an den Brennpunkten Europas mangelte es in den deutschen Rüstungsbetrieben und deren Zulieferern ebenso wie in der Landwirtschaft und Verwaltung zunehmend an gut ausgebildeten Arbeitskräften.
So meldete sich Pauls Cousin Raymond 1940 als einer der ersten von über 100.000 Belgiern freiwillig, um gegen eine äquivalente Entlohnung in Deutschland zu arbeiten. Als Erntehelfer auf einem großen Gutshof unweit von Heilbronn sollte er bis kurz vor Kriegsende zuverlässigen Dienst tun.
Auch Pauls älterer Bruder Fokke, dessen Ehe nach nur wenigen Monaten bereits wieder geschieden wurde, fand – vermutlich auch wegen übersteigerten Liebeskummers – Gefallen daran, für ein gutes Salär beim deutschen Besatzer zu arbeiten. Anstandslos wurde er nach Berlin beordert und fand dort eine Anstellung als Postbeamter.
In Briefen an seine aus allen Wolken gefallenen Eltern schilderte Briefträger Fokke wenig später sichtlich euphorisch, wie problemlos der Dienst verläuft und dass er im Alltag mit der deutschen Sprache und den Arbeitsbedingungen besonders gut zurechtkommt.
Fokke: „Leute, ich kann mich in der Hauptstadt überall frei bewegen. Zum Beispiel letzten Sonntag, als ich zusammen mit Kollegen im Kino Quax, der Bruchpilot mit Heinz Rühmann in der Hauptrolle angeschaut habe. Toll! Und mit Juno habe ich mittlerweile als Ersatz für die bevorzugte belgische Bastos eine ähnlich schmackhafte Zigarettenmarke entdeckt. Ohne die gelegentlichen Fliegeralarme wäre Berlin beinahe paradiesisch.“
Fokkes letzte Bemerkung war die vorsichtige Andeutung, dass möglicherweise bald Schlimmeres bevorstand.
Paul dagegen wartete die weiteren Entwicklungen in seiner belgischen Heimat noch geduldig ab. Doch als die Anwerbeaktionen der deutschen Dienststellen in Brüssel bald nur bescheidene Wirkung zeigten, reagierten diese zunehmend nervöser und radikaler.
Folge: Ab 1942 wurden immer mehr junge Männer per Verordnung gezwungen, sich für den Arbeitsdienst in Deutschland zu melden.
So war es dann nicht verwunderlich, dass auch der technikerfahrene Paul bald im Fokus der gehassten Fremdarbeiterjäger gelistet wurde. Wer sich jedoch weigerte, wurde förmlich wie ein Knecht von der Straße abgeführt, danach in Eisenbahnwaggons gepresst, um dann in deutschen Städten Bombenschäden aufzuräumen oder verbrannte Körper einzusammeln, die alliierte Fliegerstaffeln zuvor verursacht hatten. Hauptsache, das Plansoll der Suchaktionen nach Arbeitssklaven wurde erfüllt.
Um den Nazijägern nicht aufzufallen, wechselte Paul permanent die Fixpunkte seines Aufenthalts. Mal wohnte er bei Freundin Magda und ihrer Familie in Eppegem, dann in der darauffolgenden Woche bei seiner Schwester Martha in Merchtem, um anschließend im Haus seiner Eltern in Peizegem oder bei Liske mehrere Tage zu verbringen.
Anfang Mai 1943, mitten in Pauls beruflichem Alltag, näherte sich vor seiner Arbeitsstelle unauffällig ein graues Auto ohne Insignien. Als zwei Männer in langen schwarzen Ledermänteln und tiefsitzenden Hüten ausstiegen und sich an der Eingangstür meldeten, war sich die Dame im Sekretariat sofort sicher, dass es die beiden „Supermänner“ nur auf Paul abgesehen hatten. Blitzschnell warnte sie wie verabredet ihren sportlichen Kollegen mit einem hellen Pfeifton. Paul sprintete eilends in den hinteren Bereich der Fabrik, um durch ein schmales Fenster der Herrentoilette rechtzeitig die Flucht zu ergreifen.
Auf die Frage, ob sie Techniker Paul sprechen könnten, antwortete Personaldirektor Mijnheer De Brauwer dienstfertig: „Paul hat sich seit gestern leider krankgemeldet und wird voraussichtlich erst in ein paar Tagen wieder einsatzfähig sein. Der arme Kerl ist schon eine ganze Weile ziemlich matt. Ich hoffe, es geht ihm bald wieder besser, denn wir brauchen seine Arbeitskraft. Kann ich ihm etwas ausrichten?“
Worauf der Anführer kurz, aber freundlich abwinkte: „Nein, nein, das brauchen Sie nicht. Wir wollten ihm nur wegen seiner Freizeitaktivitäten als Musiker ein paar Fragen stellen. Entschuldigung für die Störung und Heil Hitler.“
Mijnheer De Brauwer konterte ebenso freundlich: „Einen schönen Tag, meine Herren.“
Dem Personalchef war Pauls Leidenschaft als Klavierspieler zwar bekannt, aber war das wirklich der wahre Grund für den Besuch?
Folgerichtig war ihm sicher, dass sich die beiden arglistigen Figuren bereits vorher eine elegante Ausrede zurechtgelegt hatten.
