Süßer Boy, 18, sucht ... - Sonja K. Baumann - E-Book

Süßer Boy, 18, sucht ... E-Book

Sonja K. Baumann

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Beschreibung

22.15 Uhr, mitten in einem ab 18 Gay Chat. Eigentlich wollte Ben sich ja nur ein bisschen Appetit holen, doch dann ist da plötzlich dieses Profil. Süßer Boy 18, zierlich, blond, unerfahren. Ohne Bild. Muss doch ein Fake sein, oder? Doch wie sichergehen, ohne es zu probieren?

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Seitenzahl: 393

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Sonja K. Baumann

Süßer Boy, 18, sucht …

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen 2016

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://www.daylinart.webnode.com

Bildrechte:

© Valua Vitaly – fotolia.com

© sad – fotolia.com

1. Auflage

ISBN 978-3-96089-051-5

ISBN 978-3-96089-052-2 (epub)

Inhalt:

22.15 Uhr, mitten in einem ab 18 Gay Chat. Eigentlich wollte Ben sich ja nur ein bisschen Appetit holen, doch dann ist da plötzlich dieses Profil. Süßer Boy 18, zierlich, blond, unerfahren. Ohne Bild. Muss doch ein Fake sein, oder? Doch wie sichergehen, ohne es zu probieren?

Kapitel 1: Der Chat

Es ist Donnerstagabend und ich hatte einen wirklich langen Tag im Büro. Zwei Ausfälle ohne eine Vertretung, dazu ein geplatztes Projekt und auch für die nächsten Wochen Überstunden ohne ein Ende in Sicht. Die Augen brennen, doch es reicht gerade noch so für ein bisschen Fleischbeschau via Internet.  Träge überfliege ich ein paar Profile in einem einschlägigen „Ab 18“ Chat.

„Süßer Boy 18“

Die Anzeige springt mir ins Auge, besonders, da sie unter den brandneuen Mitgliedern aufgeführt ist. Ein wenig angereizt klicke ich träge auf den zugehörigen Profiltext. „Süßer Boy 18, neu in der Stadt, brav und unerfahren, sucht Kontakte zu netten, gerne auch etwas älteren Männern. Profilmaße: 1,65m, schlank, blonde Haare und blaue Augen. Vor einigen Tagen 18 geworden.“

Ärgerlich beiße ich mir fast auf die Zunge und schaffe es doch nicht, das kleine Fenster ins virtuelle Nirwana zu kicken. Ein unerfahrener Twink, der in einem Sexportal nach „netten“ Männerbekanntschaften Ausschau hält.

Aber sonst bist du noch ganz sauber, mein Kleiner? Ein so offensichtlich gefaktes Profil ist mir schon ziemlich lange nicht mehr untergekommen. Kurz überlege ich, ob ich dem Unbekannten nicht die Meinung geigen soll, entscheide mich aber schnell dagegen. So verzweifelt bin ich noch nicht und den Profilbesitzer interessiert meine Meinung sicher auch eher weniger. Der wird höchstens bei seinem nächsten Opfer aktiv.

Mit einem Seufzen lehne ich mich zurück und lamentiere im Stillen ein bisschen über die Vor- und Nachteile des im Grunde sehr wundervollen Internetdatings. Wenn alles gut läuft, dann kann es im Grunde so einfach sein.

Schneller Sex, anonyme Treffen und hinterher keine Verpflichtungen. Was will man als schwuler Mann eigentlich mehr? Selbstredend, dass diese Spielchen schon im Netz ein gewisses Risiko bergen. Eine Menge Leute machen sich einen Spaß daraus, Loser und hässliche Vögel via Fakeprofil abzuzocken oder andere üble Scherze mit irgendwelchen leichtgläubigen Perversen zu treiben.

Nicht, dass die meisten Opfer es ob ihrer Blödheit nicht redlich verdient hätten, von jungen, nicht existenten Superficks ausgenommen zu werden.

Welcher Typ von nebenan sieht auch aus wie ein blutjunges Supermodel und steht dann ausgerechnet auf einen zwanzig Jahre älteren Bierbauchträger? Eben. Allein die geringe Wahrscheinlichkeit im wirklichen Leben sollte jeden Bierbauchträger im Sexchat doch wenigstens ein kleines bisschen misstrauisch machen. Wie lange es wohl dauert, bis jemand diesen Köder hier schluckt? Nicht auszuschließen, dass hinter „Süßer Boy“ eine kriminelle Bande steckt oder vielleicht jemand, der es auf Erpressung oder Überfälle angelegt hat. Ist angeblich alles schon vorgekommen.

Am besten den Spießer rauskehren und das Profil bei einem der pickeligen Forennerds melden. Andererseits kann ich „Süßer Boy“ schwer irgendetwas Bestimmtes vorwerfen. Der Kleine hat ja nicht mal ein geklautes Foto von sich eingestellt.

„Süßer Boy 18“

Ich überfliege erneut die Daten und versuche mir dann die Wahrscheinlichkeit auszumalen, dass ein 18 jähriger Kerl, sowohl unerfahren als auch „brav“, in diesem Forum hier unterwegs ist. Beinahe muss ich lachen, und natürlich hat der Knirps noch immer keine Bilder von sich hinterlegt. Die böse Gefahr ist also fürs Erste gebannt.

Mit einem triumphalen Gähnen kommentiere ich den Verlust meiner guten Tat in spe und igle mich ein Stück weiter in meinen Sessel ein. Der Tag war viel zu lang und schon seit einiger Zeit habe ich das Gefühl, auf dem Zahnfleisch zu gehen. Obwohl ich regelmäßig trainiere und für meine fast 29 wirklich noch gut aussehe. Chancen bei gutaussehenden Typen habe ich jedenfalls genug.

Trotzdem schleppe ich mich seit einigen Wochen nach der Arbeit nur ins Fitnessstudio und von da dann wieder nach Hause. Ich habe keine Lust, mir was in den Clubs aufzureißen. Im Gegensatz zu früher, als ich nach einer anstrengenden Woche manchmal nächtelang zum Entspannen in den Darkrooms der Szene zu Hause war. Wie zur Probe fasse ich mir an meinen Schwanz. Ist alles in bester Ordnung da unten. Vielleicht bin ich einfach nur frühjahrsmüde. Dass mir an unkompliziertem Sex mit heißen Typen die Lust vergangen ist, hat weder etwas mit meinem Alter noch mit meinem Exfreund Simon zu tun. Das Ende, nein, der Weltuntergang zwischen uns beiden ist inzwischen auch schon eine Weile her und immerhin haben wir beide mit unserer Partnerwahl gleichermaßen so richtig daneben gelangt. Auf eine neue Beziehung habe ich seitdem keinen Bock und leider auch auf willige Jungs und ihre knackigen Hintern immer weniger. Am Ende bin ich so eine Trantüte geworden, dass mich mein Freund Arne sogar neulich zu einem Dreier mit seinem Lover Penn überredet hat. Das ist aber ein ganz anderes Thema und bevor ich mir Gedanken über Arnes Twink mache, beschäftige ich mich lieber weiter mit „Süßer Boy“.

Ohne es recht zu merken, habe ich sein Profil ein weiteres Mal mit meiner Maus angeklickt.

„Hey, süßes Kerlchen, so ganz allein?“

Keine Ahnung, was gerade in mich gefahren ist, aber wie es aussieht, weiß ich wirklich nichts Besseres mit meiner freien Zeit anzufangen. Und vielleicht bin ich ja doch ein kleines bisschen neugierig geworden. Ob er auf diesen Schwachsinn wohl reagiert?

„Hi, Hard-Gay-No-1.“

Mein Nickname, auf den ich nicht sonderlich stolz bin. Ich muss betrunken gewesen sein, aber andererseits, wer bitteschön nimmt denn einen Nicknamen in einem „Ab 18“ Chat ernst?!

„Im Moment leider schon.“

Tatsächlich eine Antwort von meinem „Süßen Boy“. Ohne etwas Besonderes zu wollen, beschließen meine Finger, mit dem Spiel auf dem Monitor fortzufahren.

„Wie lange bist du schon in der Stadt?“

Mein unsichtbarer Chatpartner antwortet auch hier recht zügig. Wie es aussieht, hat er ebenfalls nichts Sinnvolles in seiner Freizeit vor. „Erst seit zwei Wochen“, leuchtet es auf dem Monitor auf.

„Und schon den einen oder anderen netten Kerl kennengelernt?“ Ich kann es nicht lassen. Die Antwort darauf kommt unmittelbar zurück.

„Bis jetzt ehrlich gesagt nicht. Bin ziemlich schüchtern, musst du wissen. ;-(“

Schüchtern nennt man das also, soso. Ich frage mich, bei wie vielen Männern er diese Masche schon glaubwürdig abgezogen hat.

„Und deshalb hast du kein Foto eingestellt? So weiß man ja gar nicht, ob du tatsächlich so niedlich bist.“

Keine Ahnung, ob mich seine Ausrede darauf wirklich interessiert. Andererseits macht es mehr Spaß als erwartet, mit einem Unbekannten sinnloses Zeug zu schreiben.

„Du hast doch auch keins von dir eingestellt. Jedenfalls keins von deinem Gesicht“, blinkt es mir nicht sonderlich originell entgegen. Zu meiner Verteidigung, das Bild in meinem Profil zeigt meinen Oberkörper und nicht etwa meinen Schwanz.

Ich halte ein „Das war nicht die Frage!“ dagegen.

Und dann warte ich, ob sich mein Chatpartner nach dieser Aussage aus dem Gesprächsprotokoll ausklinkt. Tatsächlich herrscht einige Sekunden im Messenger Schweigen.

„Sorry, wollte dich nicht ärgern“, kommt es dann fast schüchtern auf meinem Monitor zurück. Als hätte „Süßer Boy“ seine Hausaufgaben gemacht und geahnt, dass ich hin und wieder wirklich auf ein bisschen devote Typen stehe. Ich stelle ihn mir vor, wie er unsicher vor seinem Rechner sitzt, blond, zierlich, und mit seiner Antwort zögert. Vielleicht ist er ja auch im Bett ein eher submissiver Typ?

Schwachsinn. Meinem Schwanz gefällt die Vorstellung trotzdem überaus gut.

„Beschreib dich ein bisschen und dann erzähl mir, was du gerne machst.“ Selbstredend habe ich die Kontrolle über unseren kleinen Chat übernommen.

„Na ja … gibt nicht so viel zu sagen“, kommt es eilig und ein wenig ausweichend zurück.

„Bin 1,65m, blond und zurzeit Single.“

„Hattest du denn schon mal einen Freund?“

„Nein. Leider. ;-(“

„Siehst du gut aus?“

„Nicht besonders. Ist aber glaube ich ganz okay.“

Letzteres schiebt er schnell hinterher. Hat trotz dieser komischen Zurückhaltung wohl gecheckt, dass alles andere für so ein Portal ziemlich kontraproduktiv ist. Überhaupt verhält sich „Süßer Boy“ ziemlich komisch. Ein wenig mehr Anreize dürfte er seinem Gegenüber schon vor die Füße werfen.

„Welchen Stil trägst du so und warst du hier schon mal aus?“

„Meistens eher … lässig. Nichts Besonderes. Jeans … und Shirts oder mal ein Hemd. Und du?“

Ich enthalte mich der Antwort und warte. Soll er erst mal auf meine vorangegangene Frage antworten. Als er es nur zu bald artig tut, ziehen sich meine Mundwinkel ein wenig selbstzufrieden nach oben.

„Bis jetzt leider noch nicht. Kenne niemanden und bin auch nicht so der hippe Kerl. Aber vielleicht finde ich ja hier jemanden. :-)“

Ich kann es mir ehrlich gesagt ziemlich gut vorstellen.

„Vielleicht will ich dich mal ausführen … wenn du mir gefällst“, tippen meine voreiligen Finger. Wieso zum Teufel sie das anstellen, weiß ich nicht. Diese Taktik war doch wirklich vorherzusehen. Nimm mich, oder ein anderer schnappt mich dir weg. Vermutlich doch ein professioneller Betrüger.

Dummerweise ist ein hungriger Teil in mir von der Vorstellung eines schüchternen Twinks ziemlich angetan. Das alles hier ist natürlich nur dümmlicher Schwachsinn. Ich stehe nicht auf gerade erst 18 gewordene Jungfrauen und schon gar nicht auf heimliche Tastenhelden. Diese Antworten passen nur so gar nicht zu einem Fake oder einem typischen Nutzer eines „Adults only“ Chats. Normalerweise beginnt hier die Angeberei mit den Maßen seines besten Stücks.

„Ich … ich möchte aber wirklich erst mal nur mit dir ausgehen.“

Seine Antwort  klingt schon wieder ein wenig verschüchtert und für meine müden Hirnzellen gleich ziemlich echt.

Ich versuche es mit einem: „Wer sagt, dass ich mehr von dir möchte, Junge? Vielleicht bist du gar nicht mein Typ?“

„Das wäre schade … ;-(“

„Wenn ich dich nicht gleich bei unserem ersten Treffen vernaschen würde?“

„Ähhhm … nein.“

Sein Meisterstück an Eloquenz wird ergänzt durch einen rotwangigen Smiley.

„Für ein Dating-Portal bist du hier sowieso nicht ganz richtig, Kleiner.“

Keine Ahnung, wieso ich das Offensichtliche erneut in eines dieser kleinen Zeilenfensterchen tippe.

„Ich würde dich gerne treffen, Hard-Gay, du scheinst ziemlich nett zu sein.“

Nett. Inmitten von nackten Männerkörpern und wildem Cybersex. Diese Unschuldsnummer kann ihm doch kein Mensch ernsthaft abkaufen.

„Und du liest dich dafür wie die Unschuld vom Lande.“

Na gut, so nett war das jetzt auch nicht. Bevor er seine Meinung via Kurztext revidiert, setze ich einen Smiley hinterher, einen, der ihn verschmitzt angrinsen soll.

Er scheint sich nicht an so viel Direktheit zu stören. Ich muss schmunzeln, als er kurz darauf ganz brav das Wörtchen „Vorstadt“ eingibt. Und plötzlich habe ich meine Entscheidung getroffen. Keine Ahnung, was genau mich da reitet, aber im nächsten Moment habe ich tatsächlich nach seinem Stadtteil gefragt.

Nordosten. Ein Viertel, gerade mal knappe fünfzehn Minuten von meiner Wohnung entfernt.

„Sunset Bar, Obere Straße 9. In einer Stunde.“

Ohne irgendetwas zu fragen, lege ich einen Treffpunkt fest. Ein wenig ungläubig starre ich kurz auf die Zeile, frage mich, welche Sicherungen es eben erwischt hat, und hoffe im Stillen auf eine Ablehnung.

„Eine Stunde ist ziemlich knapp und ich habe kein eigenes Auto.“

Die letzten Buchstaben sind vertauscht, offensichtlich war er so schnell mit dem Tippen beschäftigt. Das hungrige Tier in mir wittert bereits die zappelnde Beute.

„Eine Stunde. Du trägst ein Erkennungszeichen und ich warte zehn Minuten auf dich, dann war es das.“

„Was denn für ein Zeichen?“

Ich runzle die Stirn. „Klemm dir einfach ein Heft unter den Arm.“

Keine Ahnung, wieso es mir neuerdings Genugtuung verschafft, wenn ein anonymer Chatpartner mit einem hastigen „Ich versuch’s“ antwortet.

Ich setze ein „Weg vom Rechner und los mit dir!“ hinterher, dann tue ich mir selbst einen Gefallen und logge mich aus diesem vermaledeiten Chatprogramm aus.

Unzufrieden linse ich auf meine Armbanduhr.

58 Minuten. Wenn ich jetzt schnell unter die Dusche springe … Ich bin fast 29 Jahre alt, zu faul zum Aufreißen und irgendetwas stimmt ganz offensichtlich nicht mehr mit mir. Ich überlege ernsthaft, in diese Bar zu gehen. Einen wildfremden Typen zu treffen, der im besten Fall wahrscheinlich 150 Kilo wiegt, und das, obwohl ich in einen Club gehen und willige, vollkommen reale Männer aufreißen könnte. Männer, die wissen, wie dieses Spiel zwischen Männern läuft.

Irgendetwas an dieser Webseite muss meinem Verstand nicht gut bekommen sein. Vielleicht liegt es an der Werbung oder den ganzen grell blinkenden Farben. Genau. Ich versuche mich zu beruhigen. Im Fernsehen läuft ganz sicher was Schönes und hinterher könnte ich … Nein!

Ich stehe tatsächlich unter der Dusche. Lasse das Wasser laufen und versuche hinterher meine Haare mit Spray in Form zu bekommen.

Noch 28 Minuten.

Ich werde behaupten, dass ich irgendeiner dämlichen Wette unterliege. Oder mich gar nicht erst zu erkennen geben, wenn es ein pickliger Nerd-Teenie ist.

Während ich grüble, was ich alles nicht tun oder nicht sagen möchte, gleiten meine Hände über mehr oder weniger angesagte Stoffe. Mein Kleiderschrank ist dank meiner Überstunden immer mit recht passablem Zeug aufgefüllt. Hilft mir nur nicht, wenn es wie jetzt gerade schnell gehen muss. Kurz halte ich mehrere Hosen vor meine Beine und glücklicherweise machen sich die regelmäßigen Einheiten im Fitnessstudio halbwegs bezahlt. Ich entscheide mich für eine eng sitzende Jeans und ein ebensolches helles Hemd. Noch könnte ich die ganze Sache abblasen. Der Gedanke tröstet mich, während ich den Motor starte und nach der schnellstmöglichen Route für mein abendliches Treffen suche. Mitten in der Woche und nach 23 Uhr.

Ich kann mir nicht vorstellen, was mich heute Abend erwartet. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich ihn mir mehrmals vorgestellt habe. Den Supertwink aus dem Chat und das, was er wohl tragen wird. Wie er aussehen könnte. Welcher Typ sich hinter so einem Namen versteckt.

* * *

Von meinem Platz an dem Seitentisch auf der Terrasse habe ich einen guten Ausblick auf alle ankommenden Gäste. Zur Sicherheit mustere ich zusätzlich alle Anwesenden und bestelle mir einen Drink. Könnte jetzt langsam mal kommen, der süße Twink. Immerhin habe ich mich ganz schön abgehetzt, um noch halbwegs pünktlich zu kommen. Ich nehme einen Schluck von meinem Tonic Water und nach einem Blick auf die Uhr siegt die Gewissheit, dass er wohl nicht mehr auftauchen wird. Genau wie erwartet, aber vielleicht ist er ja auch schon hier … sitzt an der Bar, lacht sich ins Fäustchen und beobachtet mich. Wenn ich ihn erwische, sollte ich ihm hierfür einen Drink spendieren.

Nur sporadisch schaue ich zum Eingang, mustere die hin und wieder eintretenden Gäste … und kippe mit einem Mal fast vom Stuhl.

Das … das kann er nicht sein, das ist einfach unmöglich. Eindeutig hektisch sieht er sich rechts und links um. Ich möchte am liebsten im Betonboden versinken. Das kann nicht sein … Das kann nicht … Fassungslos werfe ich ihm einen letzten Blick zu und just in diesem Moment verfluche ich das Schicksal, als er sich umdreht und mir direkt in die Augen schaut. Und er hat ein verdammtes Matheheft unter den Arm geklemmt.

Kapitel 2: Das Kennenlernen

„Hi …?“

Er hat mich gesehen und macht einen winzigen und verdammt unbeholfenen Schritt auf mich zu. Er stolpert über die Terrassenschwelle und seine Füße verheddern sich so ungeschickt, dass ich fürchte, er fällt mir gleich auf die Tischplatte.

Unbewusst spanne ich meinen Körper an, denn eigentlich müsste ich ihn auffangen können. Die Frage ist nur, ob ich ihn auffangen will. Mein Blick hängt wie paralysiert an dieser unpassenden Erscheinung, die sich erst im letzten Moment gerade noch abfangen kann.

Wir sehen uns an und ich schnaube abschätzig. Seine Augen scannen mich fragend und unsicher, hoffen auf eine freundliche Antwort. Einen kleinen Wink, um die verkorkste Lage für uns beide irgendwie angenehm aufzulösen.

Ich tue ihm den Gefallen nicht. Wir schweigen. Ich habe nicht vor, diesen Zustand zu ändern, und er hat viel zu viel Angst für einen dummen Spruch. Ganze Ewigkeiten steht er da wie bestellt und nicht abgeholt. Er zögert. Kaut an seiner Lippe und holt schließlich sichtlich bemüht einmal ganz tief Luft.

„Entschuldigen Sie …?“

Er wagt sich einen kleinen Schritt näher und ich wünsche mir, er würde  verschwinden. Doch dafür ist es wohl eine ganze Ecke zu spät. Ich habe ihn herbestellt. Hier in diese Bar, mitten auf diese dämliche Außenterrasse.

„Setz dich, ich denke, wir hatten heute Abend schon mal das Vergnügen.“

Mit meiner Anweisung schier überfordert, bleibt er zunächst stehen. Ich nutze die Möglichkeit und nehme ihn im fahlen Licht der Außenbeleuchtung genauer in Augenschein.

Vor mir steht ein so zerbrechlicher, schmaler Junge, dass ich es für einen Moment selbst nicht glauben kann. Er trägt grauenvoll zusammengewürfelte Klamotten, eine hässliche Spießerstrickjacke und ebenso hässliche Billigjeans. Viel zu weit und unvorteilhaft schlabbert das Zeug um seinen zierlichen Körper. Seine Frisur ist außerdem derart verschnitten, dass sie nur ein vollkommen Blinder ohne Arme verbrochen haben kann. Trotzdem hat er ein wunderschönes Gesicht. Große, ausdrucksstarke Augen, eine kleine Stupsnase und einen fast unverschämt sinnlich geschnittenen Mund. Wenn er mal erwachsen ist, wird er ein echter Hingucker werden, nur dass er bis zum Mannwerden noch eindeutig mehrere Jahre braucht.

Er spielt nervös an einer rötlich-blonden Haarsträhne. Ich reiße mich von diesem Anblick los und versuche die Lage irgendwie katastrophenfrei aufzulösen.

„Entweder du setzt dich an meinen Tisch oder du suchst dir einen anderen Platz. Einfach nur rumzustehen bringt dir nichts und macht mich außerdem so langsam nervös.“

Der Versuch, nicht zu zynisch zu klingen, misslingt mir, doch wenigstens erfüllt er seinen Zweck. Der Junge, dessen Namen ich nicht kenne, setzt einen weiteren, ziemlich uneleganten Schritt. Seine Stimme klingt trotz der Anspannung angenehm weich.

„Äh … ja. Natürlich.“

Hastig und geräuschvoll zieht er seinen Stuhl zur Seite und nimmt ein wenig ungelenk auf der harten Sitzfläche Platz. Ich habe ihn somit erst mal aus der Schusslinie. Weg von den fragenden Blicken der Leute und ganz allein für meine schwelende Wut.

„Bist du nicht ein wenig zu jung, um dich so spät abends mit wildfremden Männern zu treffen?“

Meine Stimme quillt geradezu über vor scharfem und vollkommen berechtigtem Sarkasmus. Der Junge zuckt zusammen und verkrampft seine Hände. Kurz sieht er mich an und seine Wangen überzieht ein flammendes Rot. Er wirkt überhaupt ziemlich blass, so richtig bemerke ich diesen Kontrast erst anhand dieser Apfelbäckchen.

„Ich … ich finde, ich bin alt genug.“

„Nie im Leben bist du 18!“

„Bin ich wohl.“

Er schweigt und es entsteht eine angespannte Stille. Er senkt den Blick, fixiert einen Punkt auf der Tischplatte und für einen Moment habe ich Angst, dass er jetzt vielleicht anfängt zu heulen. Schöne Scheiße, was bin ich bloß für ein dummer Idiot.

Während ich mich mit der Frage beschäftige, ob ich ihn besser anschnauzen oder doch lieber trösten soll, schafft er es plötzlich, seine Worte wiederzufinden. Mit einem Mal richtet er seinen Oberkörper in einer merkwürdigen Art Stolz wieder auf. Seine Stimme klingt beim Ansetzen dennoch ziemlich dünn, als er anfängt, mir sein berechtigtes Leid zu klagen.

„Sie … Sie haben mich herbestellt!“

Er schafft es nicht, mir beim Sprechen ins Gesicht zu sehen, und etwas an seinem traurigen Zorn weckt in mir eine leise Vorahnung. Der Junge indes plappert hastig weiter.

„Ich … ich habe gesagt, dass ich nicht viel Zeit habe, also konnte ich mich auch nicht sexy anziehen …“ Kurz und ein bisschen beschämt lugt er an sich herunter. „Und ich habe gesagt, dass ich nicht so heiß aussehe.“

Jetzt schafft er es, mich trotzig anzustarren. Für einen Moment wendet er den Blick ab, dann nimmt er anscheinend all seinen Mut zusammen und schaut mir direkt in das sicher noch immer recht ungnädig gestimmte Gesicht.

„Und überhaupt, vielleicht finde ich Sie auch nicht so toll … nur weil Sie die schickeren Sachen anhaben!“

Einige Sekunden lang bin ich sprachlos, dann muss ich wider Erwarten plötzlich lachen.

„Soso, ich gefalle dir also nicht …“

Allein die Wiederholung versetzt den Kleinen an meinem Tisch in erneute Panik. Er denkt, ich finde ihn unattraktiv, habe ich mit einem Mal das bestimmte Gefühl. So, wie er rumläuft, würde ich mich allerdings auch mächtig schämen.

Nicht, dass wir uns falsch verstehen, der Junge an sich ist wunderschön. Nur leider so gar nicht meine Kragenweite. Ich stehe auf junges, aber schon ein bisschen erfahrenes Fleisch. Junge Männer, die wissen, wo ihre Neigungen liegen, und niemanden, der hinterher heulend meine Wohnung verlässt. Außer vor erschöpfter Ekstase vielleicht.

Geoutet ist der Kleine mit Sicherheit auch noch nicht. Kein Kerl, der sich ein bisschen in der Szene auskennt, würde versuchen, in einem Sexchat ein Wochendate klarzumachen. So richtig mit Reden und in einer Bar. Und dann in diesem unmöglichen Outfit aufkreuzen. Nicht mal eine Hete würde in diesen hässlichen Discountklamotten vor die Tür gehen, jedenfalls hoffe ich das für das Stilgefühl aller männlichen Heten auf dieser Welt.

Keine Ahnung, wie oft mein „Süßer Boy“ schon einen Mann gedatet hat, vielleicht ist das für ihn das erste Mal. Warum er sich zum Erfahrungen sammeln nicht irgendeinen Gleichaltrigen ausgesucht hat?

„Hör mal, Kleiner, du scheinst ziemlich … unerfahren zu sein.“ Irgendwie muss ich versuchen, den Karren aus dem nächtlichen Graben zu ziehen.

„Ich … ich bin Timo“, antwortet er mir ein wenig unsicher. Diese Scheu lässt ihn noch einmal eine ganze Ecke unschuldiger wirken. Unwohl bearbeitet er mit seinen Zähnen seine Unterlippe. Die zierlichen Hände nehmen erneut ihr krampfiges Spiel miteinander auf.

‚Welpenschutz!‘, pocht mein sonst eher kümmerlich ausgeprägtes Gewissen.

„Freut mich, Timo, ich bin Ben.“ Ein kurzes Lächeln reicht aus, um eine nervöse Röte zurück in sein blasses Gesichtchen zu zaubern. Ein im Grunde wirklich ganz zauberhaftes Gesicht.

„Ich schlage vor, wir einigen uns erst mal auf das ,Du‘. Wenn du einen älteren Typen datest und ihn dabei siezt, signalisierst du ihm, du hast kein Interesse. Jedenfalls kein Interesse an einem normalen Kennenlernen“, erteile ich ihm seine erste schwule Datinglektion.

Er nickt und schaut mich gleichzeitig wie ein Auto an. „Du“, kommt brav über seine weich aussehenden Lippen.

Seine Ehrfurcht schmeichelt mir und gleichzeitig sehe ich mich zu weiteren Ausführungen über das menschliche Miteinander veranlasst.

„Nur alte Leute oder Respektspersonen werden gesiezt und wenn du das bei einem Kerl machst, könnte der schnell auf falsche Gedanken kommen.“

Jetzt sieht er mich völlig überfordert an.

„Du weißt doch ein bisschen über Dating Bescheid?“ Ich treibe ihn etwas weiter an seine Grenzen.

Wieder kommt ein unsicher wirkendes Nicken, das mit Sicherheit viel lieber ein Kopfschütteln geworden wäre.

„Dein Gegenüber könnte auf die Idee kommen, du stehst auf SM, bist devot und magst es, besonders hart und schmerzhaft genommen zu werden. Ganz wie ein braver Junge eben.“ Die letzten Worte flüstere ich mit einem dreckigen Lächeln und eigentlich weiß ich, es ist gemein. Eine kleine Lektion für diesen sträflichen Leichtsinn hat er sich aber trotzdem verdient. Abwartend musterte ich ihn scheinbar kühl und einen Augenblick später klingeln meine Ohren von seinem Schrei.

„Nein!“

Er fährt so ruckartig hoch, dass er die halbe Tischdekoration mit sich reißt. Erneut starren einige Gäste ungeniert. Ich glaube, ich bekomme eine Migräne.

„Ich … ich … Das will ich so aber nicht … ehrlich …“ Der Bengel stammelt panisch und ich greife nur zur Sicherheit nach der brennenden Kerze und der gefährlich wackelnden Blumenvase. Die Getränkekarte überlasse ich ihrem tragischen Sturz.

„Ich … ich … also ich wollte nicht andeuten … Bedeutet das echt … Oh mein Gott …“

Kreidebleich würde er augenscheinlich am liebsten ausbrechen. Ich dagegen versuche die Kerze derweil so zu halten, dass mir dabei möglichst wenig heißes Wachs über meine Finger tropft.

„Es wird nicht besser, wenn du die ganze Bar zusammenschreist, nebenbei denken die Leute, ich würde entweder mit dir Schluss oder dir einen Heiratsantrag machen.“

Er wird von einer Sekunde auf die andere stumm wie ein Fisch und starrt auf einen Punkt unseres kleinen Tischarrangements, das ich so langsam wieder aus meinen Händen entlasse. Selbst schuld, was muss ich so einen naiven Bengel auch unbedingt reizen?

„Das war nicht ganz ernst gemeint, aber ein Junge wie du sollte sich nicht in solchen Chats herumtreiben.“

Er nickt und wirkt dabei wie paralysiert.

„Lass uns doch erst mal bestellen.“ Ich schiebe die Karte nach dem Aufheben vom Boden in seine Richtung und winke im Anschluss einem der Kellner. Der starrt ohnehin schon eine ganze Weile zu uns herüber, also kann er auch endlich aktiv werden, um seine Neugierde zu befriedigen.

„Eine große Flasche Wasser, und was nimmst du?“

In dieser Bar gibt es um diese Uhrzeit ohnehin nichts Anständiges mehr, das nicht in gläsernen Flaschen gelagert wird. Wenn ich fahre, trinke ich aber nie mehr als bis zu den erlaubten Promille, und eben habe ich beschlossen, sehr zeitig und mit meinem eigenen Auto nach Hause zu fahren.

„Was nimmst du?“, frage ich noch einmal, als sich der Junge mit der Geschwindigkeit einer mit Ritalin gedopten Schildkröte über die lange Liste mit den Spirituosen liest. Hoffentlich fängt er jetzt nicht an, seine Taschengeldmünzen zusammenzuzählen.

„Ich … ich nehme eine Cola, bitte.“ Nach gefühlten Ewigkeiten entscheidet er sich endlich mit einem nervösen Zucken in Richtung des Kellners. Der mustert mich mit einem Ausdruck zwischen Skepsis und offensichtlicher Häme. Was kann ich denn bitte dafür, dass hinter meinem Blind Date tatsächlich ein kleiner Teenager in den scheußlichsten Klamotten und mit den verschnittensten Haaren ever steckt? Ohne die könnte er mit Sicherheit verdammt sexy aussehen. Sexy und smart, jedenfalls so lange, bis er unglücklicherweise wieder den Mund aufmacht.

„Morgen ist zwar keine Schule, aber … ähm … Ich meine, ich muss morgen früh raus, ich hab viel zu tun“, erklärt er und beißt sich dann schon wieder auf seine Lippe. Habe ich irgendetwas anderes erwartet?

„Hör mal, Timmy …“

„Ich heiße Timo.“

„Timo. Kleiner. Du scheinst mir noch ziemlich weit entfernt von irgendwelchen Erfahrungen zu sein.“

Er verschluckt sich und wird schon wieder gefährlich rot.

„Na ja,  viel hab ich nicht, aber … ein bisschen schon.“ Er schlägt sich sogar eine Ecke tougher, als von mir erwartet. Ich nicke und übergehe diese offensichtliche Lüge. Gespräche dieser Art habe ich bis jetzt ehrlich gesagt eher selten geführt.

„Hör mal, Timo, ich wollte heute Abend eigentlich gar nicht herkommen.“

Er lässt seinen Kopf ein bisschen niedergeschlagen sinken und ich fahre fort.

„Ich habe dich für einen Scherz gehalten und war neugierig, wer sich hinter deinem Profil versteckt. Portale dieser Art sind übrigens der letzte Ort, an dem du dich rumtreiben solltest, wenn du erste nette Kontakte knüpfen willst.“

„Also ich finde dich ziemlich nett.“

Er versucht es mit einem Lächeln, das mir unerwarteterweise ein bisschen nahe geht.

„Und ich kenne hier niemanden, jedenfalls keine schwulen Männer. Ich bin noch nicht lange hier und hatte heute Abend einfach Lust, auszugehen.“

Innerlich zähle ich bis zehn und beschließe dann, dass es niemandem hilft, wenn ich seinen und wahlweise auch meinen eigenen Kopf theatralisch gegen die Tischplatte stoße. Verdient hätte er es bei so viel schmerzhafter Naivität aber in jedem Fall.

„In diesen Pornoportalen hängen eine Menge Irrer rum, die nur darauf warten, dir brutal deinen süßen Arsch aufzureißen. Du lockst mit deinem Profil solche Leute an und solange du nichts über die Szene weißt, ist es absolut unverantwortlich, wenn du mitten in der Nacht allein in Bars aufkreuzt, um dich mit irgendwelchen Fremden zu treffen.“

Hallo, wer oder was spricht da aus mir? Der Kellner bringt unsere Getränke und ich bestehe darauf, gleich und bitte für uns beide zusammen zu zahlen. Die Einwände Timmys oder Tommys oder wie immer der Bengel jetzt genau heißt, übergehe ich. Der Junge widmet sich interessiert seiner Cola.

„Dankeschön.“

„Nichts zu danken.“ Ob von meinen vielen Warnungen irgendetwas in seinem hübschen, kleinen Köpfchen angekommen ist? Zwischen uns herrscht erst einmal ein unangenehmes Schweigen.

„Und, was hast du diese Woche so vor?“ Ich will ihm die Unsicherheit nehmen und bereue meine Worte im selben Moment. Wehe, der Bengel denkt jetzt, ich möchte ihn wiedersehen.

„Weiß nicht, vielleicht die Stadt erkunden. Ich sollte mal wieder zum Friseur und neue Klamotten brauche ich auch.“

Dem könnte nicht mal ein Blinder widersprechen.

„Wie kommst du nach Hause?“, frage ich ihn nur allzu bald, als wir unsere Getränke zu mehr als der Hälfte geleert haben.

„Mit dem Bus“, antwortet er und wird dann mutiger. „Mach dir keine Sorgen, ich komme schon sicher nach Hause.“

Nach diesem Abend bin ich eindeutig vom Gegenteil überzeugt.

„Wann kommt denn dein nächster Bus?“

„In einer dreiviertel Stunde.“

„Keine gute Gegend, um so spät alleine am Busbahnhof rumzustehen. Ich nehm dich mit und wenn du das nicht möchtest, gebe ich dir ein bisschen Geld für ein Taxi.“

„Ich habe Geld.“ Ein wenig umständlich fingert er nach seinem Portemonnaie, wie um es mir zu beweisen, und ich erkenne den Namen des eingestanzten Herren-Logos. Entgegen meiner Vermutung kein billiges Supermarktetikett.

„Stehst du etwa auf diese Marke?“

Normalerweise findet man die vermehrt bei Snobs auf dem Golfplatz, meistens um die sechzig plus.

„Eigentlich nicht, aber ich hatte rein zufällig ein paar Teile davon in einer hinteren Ecke im Schrank …“

Er folgt mir schließlich wie ein begeistertes Hündchen bis zum Auto und ohne ein Zögern steigt er in meinen Wagen ein.

„Normalerweise steige ich nicht einfach so zu Fremden ins Auto.“ Er kichert nervös, als hätte ich ihm etwas Hochprozentiges angeboten, und kuschelt sich dabei zufrieden in seinen Sitz. Ich kann mir ein „Und du bist dir wirklich sicher, dass du schon 18 bist?“ nicht mehr verkneifen.

„Klar.“ Das Kichern erlischt und er klingt fast schon trotzig.

„Ich frage mich nur, ob du schon einen Führerschein hast.“

„Noch nicht. Aber ich spare darauf und möchte mir das Geld dafür selbst verdienen.“ In seiner Stimme schwingt eine große Portion Stolz mit und ich bekomme den Wunsch, ihn ein bisschen dafür zu loben.

„Klingt gut. Habe ich damals, so vor ungefähr einer Million Jahren, auch so gemacht.“

„Aber du … Das ist bestimmt nicht lange her, du siehst doch total jung aus.“

„Na wenn du das sagst.“

Sein umständlicher Versuch eines Kompliments verschafft mir seltsamerweise gute Laune.

Wir sind mittlerweile auf der Straße und ohne darauf zu achten, streift meine Hand mit einem Mal den fremden Haarschopf. Der fühlt sich erstaunlich seidig und weich unter meiner Handfläche an. Sobald ich es merke, ziehe ich meine Hand schleunigst aus der Gefahrenzone.

„Danke für den schönen Abend.“

Ob es die Dunkelheit oder die Berührung meiner Handfläche war, kann ich im Nachhinein nicht mehr sagen. Jedenfalls beginnt er mit einem Mal ganz persönlich zu werden.

„Danke, dass du geblieben bist, und es tut mir leid, wenn ich mich so dämlich anstelle. Wir … ich … ich habe so etwas wirklich noch nie gemacht.“

Zu der Erkenntnis komme ich leider auch.

„Was sagen denn deine Eltern, wenn du wochentags so spät nach Hause kommst?“ Irgendetwas an ihm macht mich verdammt sicher, dass er noch bei seinen Eltern zu Hause wohnt.

„Die sind gar nicht da“, antwortet er ehrlich, kaum dass wir in seiner Straße halten. Die Häuserfassaden sehen hier allesamt ziemlich spießig aus.

„Soso, deine Eltern sind heute Abend also mal nicht zu Hause. Und da dachtest du, hey, meine Alten sind nicht da, da gehe ich schnell ein bisschen Erfahrung mit fremden Männern sammeln.“ Der scharfe Klang meiner Stimme überrascht mich selbst.

Timo nickt langsam und ich bin erleichtert, dass ich sein Gesicht in der Dunkelheit nicht sehen kann. Da es nichts mehr zu sagen gibt, hangelt er schließlich unaufgefordert, aber sichtlich unwillig nach dem Griff der Autotür.

„Also dann … danke … für die Cola und für den schönen Abend.“

Da geht er also wieder, in die Dunkelheit und aus meinem Leben.

„Nichts zu danken.“

„Ja … also dann …“

So zögerlich, wie er klingt, ahnt er wohl, dass wir beide uns nie mehr wiedersehen.

„Stopp, Timo, warte!“

Er dreht sich so ruckartig um, dass er beinahe mit dem Kopf gegen die Autotür donnert. In mir wächst das Wissen, dass es unverantwortlich ist, ihn einfach so in die Nacht gehen zu lassen. Er sucht meinen Blick und seine Hände zucken fahrig.

„Pass auf dich auf, und in Zukunft keine Fahrten mehr in fremden Autos oder Treffen mit wildfremden Leuten in irgendwelchen Bars.“

„Ja …“

Als hätte ich eine Nadel in den Luftballon eines kleinen Jungen gepikst. Für einen Moment verharre ich unentschlossen. Andererseits – schlimmer als es schon ist, kann es zukünftig kaum werden, oder?

„Gib mir deine Telefonnummer und wenn ich eine gute Location zum Weggehen finde, dann melde ich mich bei dir.“

Ein paar harmlose Tipps müssen im Grunde drin sein. Durch die Sexclubs dieser Stadt kann ich ihn ja wohl unmöglich ziehen lassen. Bei seinem Glück wird er noch vor dem Eingang mit K.o.-Tropfen vergiftet oder läuft gegen einen Laternenpfahl, und überhaupt muss es in meinem Bekanntenkreis doch irgendwelche Leute geben … Nicht für mich, aber irgendein Typ wird sich sicher finden, mit dem er ungefährdet die schwule Partyszene unsicher machen kann.

„Oh klasse, super gerne.“

Fast schon berührend, wie sehr er jetzt übers ganze Gesicht strahlt. Gerade sucht er so hastig nach einem Stift, dass ich ihn einfach ungestört werken lasse. Ich denke an Penn, Arnes Twink aus dem Dreier, aber ob ich den auf diesen Kleinen hier loslasse?

„Hier bitteschön, meine Handynummer.“ Timo lächelt mich an und reicht mir übereifrig einen zerknüllten Zettel. Als ich ihn greifen will, zittern seine Hände etwas, sodass unsere Fingerspitzen sich ungewollt streifen. Seine strahlen trotz der kühlen Luft eine angenehme Wärme aus.

„Bis dann, mach’s gut und komm gut nach Hause.“

Beschwingt wie ein junges Mädchen eilt er von dannen, nicht ohne die Autotür mit zu wenig Schwung zuzuschlagen. Die rote Warnleuchte auf meiner Konsole blinkt augenblicklich auf.

Im Rückspiegel sehe ich ihn in eine kleine Seitenstraße einbiegen. Kurz überlege ich, ihm hinterherzufahren, um mich davon zu überzeugen, dass er auch wirklich wohlbehalten zu Hause ankommt. Ich entscheide mich am Ende dagegen. Mit einem Gähnen wende ich den Wagen und fast gegen meinen Willen spielt sich unser kümmerliches Treffen noch einmal vor meinem inneren Auge ab. Merkwürdig nur, wie sich im Nachhinein andere Details in den Vordergrund schieben.

Dieses schöne Gesicht unter der grauenhaften Heckenscheren-Gedächtnisfrisur. Sein Lächeln und der schlanke Körper, den es unter diesem Kleiderzelt nur zu erahnen galt.

Mit einem Seufzen greife ich nach den Autoschlüsseln und mein Blick fällt auf den kleinen Zettel in meiner Mittelkonsole.

„Timo“ steht da in etwas krakeliger Schrift. Daneben hat er ein blumenähnliches Etwas gekritzelt. Ich sollte besser gleich damit anfangen, den Jungen zu vergessen, bevor er sich längerfristig in meinen Gedanken festsetzt.

Kapitel 3: Shoppen

Der Freitag vergeht viel zu langsam, aber trotz der ganzen Arbeit habe ich hin und wieder an Timo gedacht. Klappt also nicht so gut mit dem Vergessen. Nach Feierabend habe ich einen Anruf von Arne auf meinem Telefon. Arne ist trotz seines Hangs zu den falschen Männern ein netter Typ und bei ihm habe ich mich nach der Trennung von Simon ein oder zwei Mal ausgeheult. Heute legen wir beide den Schleier des Vergessens über diese peinliche Episode. Er möchte ausgehen, zusammen mit mir und seinem überdrehten Loverboy Penn. Auch wenn ich die beiden mag und die Treffen mit Penn jedes Mal zwischen grandios und vollkommen irre schwanken, zum Ausgehen in die Clubs fehlt mir auch heute die Lust.

Samstag stehe ich früh auf, denn aus irgendeinem Grund kann ich schon seit sieben Uhr morgens nicht mehr schlafen. Ich glaube, ich habe von meinem Ex geträumt. Wie zu erwarten war es ein Albtraum, aber der Junge aus dem Sexchat kam verstörenderweise auch gegen Ende darin vor. Schätze, ich brauche dringend Ablenkung. Nur mit Boxershorts bekleidet greife ich nach dem Telefon und betrachte mich kritisch im Spiegel. Meine kurzen braunen Haare stehen ein bisschen zerzaust ab. Ansonsten habe ich einen festen Arsch, trainierte Schenkel, definierte Oberarme und einen flachen, harten Bauch. Auch mein Gesicht ist im Grunde noch ganz okay.

„Arne?“

„Hgm… ja?“

So wie er klingt, ist er noch nicht vollständig wach. Wenn ich nicht mehr schlafen kann, braucht er an einem Samstagmorgen aber auch nicht spät aufzuwachen. Ich überrede ihn zu einem Treffen, irgendetwas Langweiliges wie Shoppen am Nachmittag.

Arne wirkt nicht so begeistert, brummt verschlafen: „Jetzt warte mal …“

Bevor er groß etwas dagegen sagen kann, höre ich eindeutige Geräusche im Hintergrund und etwas, das verdächtigt klingt nach: „Hmmm, fuck me, Arne, pleaaaase!“

„Arne?“

Der knurrt: „Lass das gefälligst!“, und ich fühle mich jetzt einfach mal nicht angesprochen.

Ich höre so etwas wie ein kurzes Gerangel, und so wie Arne kurz darauf stöhnt …

„Sag mal, lutscht dir Penn etwa gerade den Schwanz?“

Arne keucht ins Telefon: „Nein, natürlich nicht!“, und weil mir diese Unterbrechung ganz gut passt, belasse ich es bei: „Abgemacht, Arne.“ Seine Bitte an mich, zu warten, geht in einem Stöhnen unter und so lege ich, mit meinem morgendlichen Erfolg zufrieden, auf.

* * *

Beinahe pünktlich erscheine ich mittags am Treffpunkt, der Shoppingmeile im Zentrum der Stadt. Keine Ahnung, wieso mich der Drang nach neuen Klamotten so plötzlich überkam, muss wohl an der Begegnung mit dem Jungen liegen. Vielleicht kann ich Arne ja ein bisschen erzählen. Davon, dass ich mich mit jemandem getroffen habe, über den ich nicht wirklich sprechen will. Als guter Freund versteht Arne solche Sachen.

„Oh, hi Ben. Ich habe dich gar nicht kommen sehen.“ Arne begrüßt mich, nachdem er sich aus Penns besitzergreifender Umarmung losgeeist hat. Keine Ahnung, wie lange die beiden schon an der Straßenecke stehen und Alien und Predator oder Nussknackerprinz und Schwanenseeprinzessin zum Besten geben. Ich hab was gegen exzessives Rumknutschen in der Öffentlichkeit. Erinnert mich an ein leidiges Kapitel aus meinem eigenen Leben, als ich dieser schlechten Angewohnheit ebenfalls ein bisschen zu exzessiv nachgegangen bin.

Arne zu sehen ist dagegen wie immer eine willkommene Abwechslung. Auch der kleine Amerikaner begrüßt mich erfreut und mit einem aufgekratzten Lächeln.

„Haiiii, Ben.“ Sein Akzent ist in jedem Wort zu genießen, beim Sprechen eindeutig stärker als bei weniger klar artikulierten Lauten. Ich muss an unser kleines Intermezzo vor ungefähr vierzehn Tagen denken. Arne und ich und sein Bengel dazwischen. War eine denkwürdige, kleine Nacht, aber nicht erschütternd genug, um unsere Freundschaft irgendwie aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Arne sieht das wohl genauso, denn zwischen ihm und mir läuft seitdem alles wie gewohnt. Penn scheint das erst recht locker zu sehen und allein meine kurze Umarmung macht seinen schlanken Körper ganz hibbelig.

Ich beschränke mich auf einen keuschen Kuss mitten auf seine gebräunte Stirn und entlasse ihn aus meinen Klauen.

„Alles klar bei euch beiden? Gut seht ihr aus.“

Penn nickt übereifrig und wird schließlich von Arnes Armen gerettet. Einen davon legt er fürsorglich um Penns schmale Hüfte und dann schlendern die zwei so eng nebeneinander die Straße entlang, dass nicht einmal mehr ein Blatt Papier zwischen sie passen dürfte. Sieht in der Tat nach was Ernsterem aus. Wäre Arne in jedem Fall mehr als zu gönnen. Als ich mir Penns enge Hüfthose ansehe, beschließe ich, mir einen Ruck zu geben. Vielleicht wäre Penn ja der richtige Kontakt für meinen neuschwulen Jungen.

Gemeinsam betreten wir einen bei der schwulen Jugend ziemlich angesagten Laden und wenn es etwas gibt, bei dem die meisten schwulen Jungs ihre letzten Hemmungen ablegen, dann sind das Sale-Preisschilder an extravaganten, sündigen Klamotten. Auch an Penn kann man diesen Effekt beobachten. Er löst sich mit einem begeisterten Schrei von Arnes Hand, als hätte er sich nicht eben noch wie ein Ertrinkender an ihr festgeklammert.

„Schau dich ruhig schon ein bisschen um, Honey.“

Ohne einen Blick zurück eilt Penn von dannen und ich habe seinen Lover ein bisschen für mich. Ich erzähle Arne von dem ungeschickten Jungen und frage ihn sogar, ob sein Penn hin und wieder ein Auge auf meinen kleinen Datingkönig werfen könnte.

„Du willst allen Ernstes, dass Penn mit einem Unschuldslamm um die Häuser zieht?“

„Mit den Blagen in seiner Gastfamilie kommt Penn doch auch ausgezeichnet klar.“ So viel anders als die kann Timo nicht sein. Glaube ich jedenfalls. Aber wer weiß, ob ich Penn in der Hinsicht vertrauen kann. Und noch habe ich mich ja gar nicht entschieden, ob ich ihn überhaupt anrufen werde. Wahrscheinlich bekommt er dann Ärger mit seinen Eltern. Auf dieses Drama habe ich ganz sicher nicht die geringste Lust.

„Schau mal, Arne, das awesome Shirt!“

Mit einem ganzen Dutzend davon drängt sich Penn freudestrahlend dazwischen. Er hat ein bisschen in der Ecke mit den extravaganten Teilen gestöbert und die Endergebnisse sind ziemlich … gewagt. In diesen grellen Farben und knappsten, bauchfreien Schnitten können wirklich nur mutige, hoffentlich gut gebaute und sehr offensichtlich schwule Jungs aus dem Haus. Für einen Abend im Gomorra darf es aber ruhig etwas Ausgefalleneres sein. Ich überlasse das junge Glück seiner trauten Zweisamkeit und wühle mich durch eng anliegende Shirts, als eine lachende Frauenstimme aus dem Hintergrund in meinen Ohren sticht.

„Na komm schon, Schatzi, jetzt sind wir extra den weiten Weg hergefahren.“

Mit einem großen Auftritt zieht eine auffallend gewandete junge Tussi mit feuerroten Dreadlocks ihren Kerl in den Laden. Der scheint davon nicht sonderlich angetan. Das Mädel lässt seine Hand los und drückt jetzt von hinten spielerisch gegen seine Schultern. „Jetzt komm schon, Schatzi, beweg deinen Arsch. Ich helfe dir auch beim Aussuchen.“

Die Kombination aus lautem Lachen, schrillen Zipfelklamotten und noch schrilleren Haaren lässt den Hänfling von Freund in den Hintergrund treten, doch als er dann umschlungen von ihrem Arm an mir vorbeiläuft, trifft mich ob dieser rotblonden Haare und diesem blassen Stupsnasengesicht nichts weniger als der verdiente Schlag.

Timo!

In nicht mehr ganz so grauenvollen Jeans steht er da und dackelt brav hinter diesem grellrot gefärbten Weibsstück her. Seinem Weibsstück. Die beiden halten jetzt sogar Händchen. Ich überlege, ob ich meine Würde bewahren und ihn hochnäsig grüßen soll, entscheide dann aber sehr schnell, dass ich mich stattdessen lieber ungesehen vom Acker mache. Würde wird ohnehin überschätzt. Leider habe ich die Rechnung ohne das in alternative Strickwolle gewickelte Etwas gemacht. Das stapft nämlich gerade ziemlich zielstrebig in meine Richtung, und weil ich immer noch nicht gesehen werden will und mir auf die Schnelle nichts Besseres einfällt, gehe ich im nächsten Moment tatsächlich in die Hocke und tue so, als würde ich die Beschaffenheit irgendeines T-Shirt-Saums prüfen. Na und? Dann stehe ich neuerdings eben total auf Polyester-Acryl. Das junge Huhn kommt, davon ziemlich unbeeindruckt,  direkt auf mich zu und anstatt zur Seite auszuweichen, hebt sie einfach ihre Röcke und steigt mit einem großen Ausfallschritt über mich rüber.

„Entschuldigung – ich darf doch?“

Im nächsten Moment hat sie schon irgendetwas von einem Ständer gerissen und schiebt sich damit zielstrebig mitten durch schwule Männermassen und zu ihrem Liebsten zurück. „Schau doch mal, Timooo!“

Ungeniert tönt sie durch den halben Laden, hält im Laufen das ziemlich gewagte Teil hoch und wedelt damit und mit ihren Armen. Der Junge, für den es ausgesucht wurde, steht in der Mitte des Ladens wie bestellt und nicht abgeholt. Schon wieder verhaken sich seine Hände so dämlich unsicher ineinander und ich versuche standhaft zu ignorieren, dass das derselbe Bengel von Donnerstagabend aus dem Schwulenchat ist. Bei der Freundin würde das andererseits wie die Faust aufs Auge passen.

„Aber das kann ich doch nicht anziehen, Marie, das sieht ja total tuntig aus.“

Er verhaspelt sich vor Aufregung, nachdem diese Alternativtussi einen halben Arm voller weiterer Klamotten von Ständern gezogen und dafür ein halbes Dutzend Kerle inklusive meiner Wenigkeit aus dem Weg gerammt hat. Timo hat mich zu meinem Glück nicht wahrgenommen. Gerade eben begutachtet er ziemlich unsicher ein eigentlich ganz hübsches Oberteil.

„Ich glaube, das ist zu eng und zu gewagt, oder?“

Sie lacht und legt ihre Hand ekelhaft vertraut auf seiner schmalen Hüfte ab.

„Solange du so schlank und unter zwanzig bist, gibt es kein zu gewagt, da darfst du einfach alles tragen. Erst wenn du alt bist, musst du dir um deinen Stil Gedanken machen – sagen wir so etwa ab 30?“ Ich frage mich plötzlich, ob es einem Schwulen generell verboten ist, eine Frau zu schlagen. Kichernd hält diese Marie Timo ein bauchfreies Oberteil vor den hässlichen Schlabberpullover, legt ihren Arm um seine Schultern, flüstert ihm etwas ins Ohr und dann gackern sie eine Runde zusammen. Mir wird von so viel Teenie-Heten-Liebesglück beinahe übel. Als sie nach seinem Handgelenk grapscht und ihn überauffällig in Richtung Kabinen zieht, ist es mir sogar egal, ob er mich erkennt oder nicht. Soll er seiner Schnepfe doch erklären, dass er mit einem der alten Schwulen, in deren Anwesenheit er sich gerade so gut amüsiert, gerne mal die eine oder andere sexuelle Erfahrung sammeln würde. Andererseits hat er nie gesagt, dass er offen schwul leben will. Ruckartig und wahrscheinlich mit einem Hauch James Dean drehe ich mich um und gehe gespielt gleichgültig an den vermaledeiten Umkleidekabinen vorbei. Die der beiden Turteltauben ist aufgezogen und offensichtlich wollen sie sich dort häuslich einrichten. Sie zupft gedankenverloren an seinem Pullover herum und als sie ihn nach oben zieht, kann man ein Stück von Timos flachem Bauchansatz sehen. Sollen sie doch.

Ich schnappe mir Arne und der fragt mich, ob ich diese weibliche Shoppingqueen-Heimsuchung auch akustisch vernommen habe. Zu übersehen war sie ja nicht.

„Ich muss das hier nur schnell bezahlen.“

In Gedanken könnte ich Penn erwürgen und möglicherweise sieht man mir das ein klein wenig an, so wie er sich unter seinem Stapel halbdurchsichtiger Stofffetzen duckt.

„Alles in Ordnung?“

Ich habe nicht die geringste Lust, mehr als unbedingt notwendig zu reden. Allein das Wissen um dieses traute Teeniepaar … Ich will es nicht zugeben, aber vielleicht hat es mich ja doch ein kleines bisschen fertiggemacht. So ein netter und dummer Bengel und dann so ein Klemmi und Heuchler dazu. Andererseits ist eine junge, überdrehte Teenietussie wohl das, was nach landläufiger Meinung zu einem kleinen, schüchternen heterosexuellen Teenagerjungen passt. Die Schlange an der Kasse ist ewig lang und nach gefühlten fünfzig Minuten bin ich so genervt, dass ich Penn die Sachen am liebsten aus der Hand reißen und eigenhändig über den Scanner ziehen will.

„Ben?“

Die Stimme trifft mich so unvorbereitet, dass ich nicht mal sagen kann, ob der Stich in meinem Inneren heiß oder eher so kalt wie ein Eiszapfen ist.

„Was willst du?“

Er steht vor mir und sieht mich an, als ob sich nichts zwischen uns beiden geändert hätte. Vielleicht hat sich das für ihn ja nicht. Vielleicht hofft er, dass ich den Auftritt seiner Freundin aus welchen Gründen auch immer nicht mitbekommen habe, oder vielleicht ist es ihm ja schlicht und ergreifend vollkommen egal. Er steht einfach nur da und starrt mich schon wieder wie ein verdammtes Auto an, aber wenigstens wie ein verdammt tolles. Ganz so wie vorgestern Abend in dieser vermaledeiten Bar.

„Wo hast du denn deine Freundin gelassen?“

Ein wenig ertappt zuckt er bei diesen Worten zusammen. Unter meinem Blick ist er schon ein bisschen auf Abstand gegangen, aber ansonsten steht er erwartungsvoll da.

„Die ist schon mal zum Roller vorgegangen.“

„Hatte sie keine Lust mehr, mit dir shoppen zu gehen?“

Den Teufel werde ich tun und mir mit meiner Stimme irgendetwas anmerken zu lassen. Nichts, außer vielleicht einen Hauch Kälte und Ablehnung.

„Sie telefoniert gerade mit einer Freundin. Wir können also ein bisschen ungestört sein, wenn du magst …“ Noch bevor meine Kinnlade bis zum Boden runterklappen kann, schlägt er sich erschrocken die Hand vor den Mund. Mir verschlägt es ob dieser Frechheit schon wieder die Sprache. Kein Wort kann ich herausbringen, nicht einmal, als der Bengel ängstlich zurücktritt und mir bewusst wird, dass Arne mich offensichtlich anstarrt.

Ich atme tief durch, auf der Suche nach meiner verlorenen Würde. Von einem dummen Jungen, der sich nicht traut, offen schwul zu sein, lasse ich mich sicher nicht als eifersüchtige Tucke vorführen. „Danke Kleiner, aber ich habe schon eine Begleitung.“