Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Der in einfachen Verhältnissen aufgewachsene, sentimental veranlagte G. fühlt sich zum Künstler berufen und träumt von einer Karriere als Pianist. Im Glauben an das eigene Talent, lässt er alle Möglichkeiten zur Profilierung verstreichen. Obwohl er erkennt, dass ein Erfolg keinem Selbstlauf unterliegt, sondern hart errungen werden muss, zieht er nicht die nötigen Konsequenzen. Ohne es zu bemerken, distanziert er sich immer mehr von seinen Idealen und landet schließlich in der Rolle eines zynischen Lehrmeisters, darauf beschränkt, andere Entwicklungen spottend zu kommentieren. Als er den zwielichtigen Probst kennenlernt, verliert er jeden moralischen Bezug, so dass er am Ende sogar vor einem Mord nicht zurückschreckt.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 49
Veröffentlichungsjahr: 2012
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
winterschlaefer
Subjekt
vom Niedergang eines Menschen (Leseprobe)
Dieses eBook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
G
Ein feiner Kerl
Der Antrag
Impressum
G
Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte G. bei seiner Großmutter, einer zänkischen Alten, die ihn verhätschelte und verzog. Erst nach deren Tod nahm ihn die Mutter zu sich. Seinen leiblichen Vater kannte er nicht, und als die Mutter wieder heiratete, glaubte er einen neuen Papa gefunden. Doch jener Mann war brutal und cholerisch und beachtete ihn kaum. Wenn er ihn ansah, lag in seinem Blick so viel Verachtung, dass G. vor Schreck erstarrte. So kauerte er so manchen Abend zitternd unter dem Tisch und staunte mit großen angsterfüllten Augen über dessen Macht, wenn er betrunken nach Hause kam und das Geschirr zerschlug, während die Mutter weinend am Tisch saß und sich in ihr Elend ergab.
Bald kam, wie in Ehen nun mal üblich, das Brüderchen B. hinzu, was der Vater, im Gegensatz zu ihm, von Anfang an vergötterte. Zweifellos würde er ihn einst zum Vorbild erheben und sagen: „Siehe her, du Nichtsnutz, so hat ein Mann zu sein!“ Und er fürchtete diesen Tag, der ihn ganz krank machte und sein Verlangen aufstachelte, es aller Welt zu zeigen, denn er war kein Taugenichts, wie ihn der Vater immer nannte, wenn er den Gürtel abschnallte, ihn an den Haaren unter dem Tisch hervorzog und nach Strich und Faden verprügelte. Er war ein sensibler, talentierter Mensch, der sich jedoch von niemandem verstanden fühlte. Die Mutter war schwach, konnte ihm nicht beistehen, wollte sie nicht den Zerfall der Familie beschwören, und irgendwie hasste er sie dafür.
Folglich flüchtete er sich in eine Traumwelt, worin er sich als großherzigen und vor allem künstlerisch veranlagten Menschen sah, dessen Berufung darin bestand, anderen von dieser Berufung zu künden. Dieser Gedanke kam nicht von ungefähr. So hatte er irgendwann Klavierspielen gelernt und konnte sogar Partituren lesen. Zweifellos besaß er Talent, und wäre ihm ein Flügel vergönnt gewesen, woran er hätte üben können, er hätte es womöglich weit gebracht. Doch die Familie war arm, und so blieben ihm nur die wenigen Momente im städtischen Jugendverein, wo er hin und wieder üben durfte, wenn der Platz nicht gerade besetzt war. Und als man ihn deswegen einmal lobte, war er sich seiner Berufung sicher.
Seither träumte er von der großen Karriere, die ihm bald so gewiss erschien, dass er bereits Überlegungen anstellte, wie er sein Leben danach gestalten würde. Natürlich verschlimmerte das seinen Schmerz, weil dieses Ziel noch in weiter Ferne lag und ihm niemand zuhörte. Allein in dem Brüderchen, das freilich noch viel zu klein war, das alles zu verstehen, fand er bald sein Publikum. Und wenn es mit großen Augen seinem Reden lauschte, beruhigte sich sein ausgewühltes Wesen, und er konnte endlich sein, was er in Gedanken schon längst war. Oftmals saßen sie so im Flur unter der Treppe, seinem Lieblingsplatz, wo er dem Kleinen in leuchtenden Farben die ganze Tiefe seiner Träume offenbarte. Darin vertiefte er sich so sehr, dass er so manches Mal, von den eigenen Worten verzückt, mit verklärtem Blick innehielt und dem Tiefsinn der eigenen Visionen erlag. Dann schwieg er minutenlang und hob erst wieder die Augen, wenn er die Kraft zum fortzufahren fand.
Einmal sagte er zu ihm, er wolle ihm etwas Schönes zeigen. Darüber müsse er aber schweigen, denn es handele sich um ein großes Geheimnis, wovon noch niemand erfahren dürfe. Nachdem es der Kleine versprochen, sah er ihn bedeutsam an, als wolle er in dessen Augen das ganze Vergnügen lesen, dass er seiner Meinung nach empfinden musste. Dann holte unter seiner Matratze eine Schachtel hervor. Daraus entnahm er einen geheimnisvollen, länglichen Gegenstand, der in einem Tuch eingewickelt war. Mit ehrfürchtiger Miene erklärte er, das sei ein Taktstock – damit dirigiere man ein Orchester. Und dann offenbarte er mit leiser aber feierlichen Stimme, dass er nicht nur Pianist, sondern in Wahrheit ein großer Virtuose sei, der nicht nur Stücke spielen, sondern auch selber schreiben können. Nur dürfe das niemand wissen, damit er dann, wenn es so weit wäre, alle mit der nötigen Wucht überrollen könne. Während er das sagte, kullerten ihm dicke Tränen über die Wangen und er drückte den Kleinen fest an sich mit dem Versprechen, ihn nicht zu vergessen, wenn er erst ein Großer wäre. Diejenigen aber, die ihm böse waren, würde er dann gnadenlos strafen. Doch bis dahin - er legte den Finger an die Lippen -, solle er Stillschweigen wahren. Der Kleine versprach es.
So entstand zwischen beiden ein bizarres Verhältnis, dessen Spannbreite von inniger Liebe bis zu abgrundtiefem Hass reichte – Liebe, wenn er den kleinen B. begeistern konnte und dessen Bewunderung genoss, - Hass, wenn ihn der Vater in den Himmel hob. Einmal hatte sich G. bemüht, die Eltern zu einer Vorstellung ins Jugendzentrum zu locken. Alles war arrangiert, eigens dafür ein neues Stück einstudiert, und nun freute er sich auf die Vorstellung, wobei er sein ganzes Können aufbieten wollte. Endlich würde er den Vater überzeugen können. Doch der hatte nur gelästert: „Was soll das denn? Lerne lieber etwas Ordentliches, damit du uns nicht mehr länger auf der Tasche liegst!“ und war gar nicht erst erschienen. So musste er vor fremden Leuten spielen, die teilnahmslos blieben und kaum applaudierten. Wie groß seine Enttäuschung, dass er danach verbittert rausrannte und in kalter Einsamkeit in den nächtlichen Himmel starrte. Unter heißen Tränen schwor er sich, nie wieder eine Taste anzurühren, eher wolle er sterben.
