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Begleitet den Geschichtenerzähler auf seiner Reise durch Divoisia und lauscht den Geschichten dieser Welt.Können Kylatos und die Kobolde der Gefahr aus den Bergen trotzen?Wie gelingt es Kár, bereits als Säugling seine Heimat vor einer Katastrophe zu bewahren?Findet die Suche von Stygia und Charys im Verlies der Stadtwache ihr Ende?Und was hat es mit den Bierkriegen auf sich?In elf Kurzgeschichten erlebt ihr die Abenteuer mehrerer Personen unserer Welt und erfahrt, welche Wendungen das Schicksal für sie bereithält.Das Buch wird von einer kostenlosen App begleitet, mit der QR-Codes eingescannt werden können. Mit diesen könnt ihr zusätzliche Inhalte zu den Geschichten freischalten, die für das Verständnis nicht notwendig sind, aber euch weitere Einblicke in die Welt Divoisia gewähren.
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Seitenzahl: 180
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Du wirst beim Lesen des Buches immer wieder Symbole entdecken, die du mit der kostenlosen Divoisia App einscannen kannst. Dahinter verbirgt sich jeweils ein zusätzlicher Inhalt, der freigeschaltet wird. Das können Steckbriefe zu Charakteren, Hintergründe zu Orten, Dokumente aus Divoisia, Bilder oder andere Überraschungen sein. Nichts davon ist aber für das Verständnis der Geschichten notwendig, du musst unsere App also nicht zwingend verwenden.
Wenn du unsere App noch nicht hast, suche einfach nach »Divoisia« im Google Play Store (Android) oder Apple App Store (iOS) oder scanne einen der folgenden QR-Codes. Dort kannst du sie direkt auf dein Smartphone oder Tablet herunterladen. Alles Weitere wird dir in der App erklärt.
Hinter den Masken
Kobold-Kugeln
Das Blutbad der Trolle
Die Sage der gütigen Göttin
Messerschnitte
Schulden eines blinden Mannes
Drachenbrut
Kárs erste Wundertat: Ernte
Die Landstreicher
Die Zutringer Bierkriege
Umbrosia
Warnhinweise zum Inhalt
»Hat man dich jemals ohne Maske gesehen?« Tarkaros, der alte Torusene, sah mich über die tanzenden Flammen des Lagerfeuers hinweg an. Gerade hatte er mir eine Legende seines Stammes erzählt, die von der Suche nach Sternenstaub handelte. Jetzt wollte er mehr über mich wissen, der in Felle und Decken gehüllt vor ihm saß, das Gesicht hinter einer Maske verborgen. Einer Maske, die mit ihrem Pelzbesatz zur klirrenden Kälte, aber auch zur geselligen Stimmung dieses Volkes aus Zentaurenwesen - halb Mensch, halb Eisbär - passte. Meine Masken waren nie ohne Bedeutung. Ich lächelte.
»Es ist lange her, dass jemand mein Gesicht erblickte«, antwortete ich. »Schließlich will ich den Fokus nicht auf mich selbst legen, sondern auf die Erzählungen. Es ist nicht wichtig, wer eine Geschichte erzählt, wichtig ist nur, dass sie erzählt wird.«
Tarkaros schmunzelte. »Kannst du dich überhaupt noch daran erinnern, wer du selbst bist?«
In diesem Moment war ich froh, dass ich eine Maske trug. Meine Mimik hätte vermutlich verraten, wie sehr mich diese Frage traf.
»Du zuckst zusammen«, stellte der Torusene fest und fuhr sich durch den Bart. »Stellte dir nie jemand die Frage, wer die Person hinter den Masken und Geschichten ist?«
Ich schwieg einige Herzschläge. Offenbar war der Alte ein besserer Beobachter, als ich dachte.
»Meine Masken werfen Schatten, die mich vor der Welt verbergen. Menschen lieben das Mysterium. Vielleicht ist jedoch ihre Angst vor der Person, die so furchtlos in der Dunkelheit wandert, größer als die Neugier. Vielleicht halten sie sie … mich … für gefährlich.«
»Meinesgleichen kann sich kaum hinter einer Maske verbergen.« Tarkaros scharrte mit seinen Vordertatzen. »Auch ich war in jungen Jahren viel auf Reisen und bin einigen wandernden Erzählern und Spielleuten begegnet, doch keinem wie dir.«
»So?« Ich war gespannt, worauf der Alte hinauswollte.
»Du hast etwas, woran man dich erkennt, was aber zugleich deinem Schutz dient. Doch was willst du schützen? Ist es nur dein Gesicht, oder vielmehr dein Innerstes, das du vor der Welt verbergen willst?«
Ich schluckte. Ich hatte mir lange keine Gedanken mehr darüber gemacht. Die Masken und die Sagen waren derart zu meinem Leben geworden, dass es für mich normal war, erkannt und unerkannt zugleich durch die Welt zu wandeln.
Ohne den Blick von mir abzuwenden, nahm der Torusene einen Schluck von seinem warmen Kräutertrunk. »Du bist mir keine Antwort schuldig. Du hast uns heute genug Legenden erzählt. Doch es ist immer etwas Besonderes, die Geschichten der Erzähler selbst zu hören.«
»Ich wüsste nicht, was ich über mich selbst erzählen sollte«, sagte ich leise. »Ich habe als Kind schon Märchen geliebt, also bin ich losgezogen, um selbst welche zu finden und weiterzutragen. Es war nicht immer leicht, aber das weißt du, als jemand, der auf Reisen war, sicher selbst.«
Der Torusene nickte mit einem wissenden Lächeln im Gesicht. »Ich habe da eine Vermutung, der du natürlich widersprechen darfst. Du hattest dort, wo du aufwuchst keinen Platz, also zogst du aus, um einen Platz in der Welt zu suchen. Vielleicht hast du ihn in den Geschichten gefunden, vielleicht füllen die Geschichten auch nur den Platz, der in dir stets leer blieb.«
Jetzt fehlten mir wirklich die Worte. Der Zentaur hatte es nicht nur geschafft, meine Masken zu durchschauen, sondern direkt in mein Innerstes geblickt. Vielleicht ein magischer Trick? Manche Angehörige seines Volkes waren fähig, Zauber zu wirken. Vielleicht Intuition? Als Stammesältester hatte er sicher viel Erfahrung, auf die er zurückgreifen konnte. Möglicherweise war er auch einfach nur gut darin, zu raten.
»Ich werde weder widersprechen noch werde ich es bestätigen.« Ich versuchte selbstsicher zu klingen, doch musste mich anstrengen, die Worte aus meinem Hals herauszupressen.
Tarkaros schmunzelte. »Vornehm gesagt und gut ausgewichen.«
Langsam nickte ich. Mein Blick verlor sich wieder in den Flammenzungen des Lagerfeuers. Meine Gedanken kreisten und ich merkte, dass sich meine Wahrnehmung vom Hier und Jetzt entfernte. Aus weiter Ferne hörte ich Tarkaros’ Stimme.
»Wo immer dich deine Suche noch hinführen mag, Geschichtenerzähler, du wirst am Feuer dieses Stammes immer einen Platz finden.«
»Mir is‘ langweilig«, grollte Grobbs kehlige Stimme. Der dickbäuchige Troll hockte gemeinsam mit drei weiteren auf einem Plateau und sah dabei zu, wie die letzten Sonnenstrahlen hinter den Berggipfeln verschwanden.
»Mir is‘ auch langweilig«, sagte Orch. Ein Lederriemen mit Reißzähnen zierte sein Haupt, ähnlich einer Krone. Viele Trolle haben schon versucht, ihn damit aufzuziehen, doch die meisten hatte er eines Besseren belehren können.
»Wir könnt’n was jag’n«, sagte ein dritter Troll und gab einen glucksenden Laut von sich. Jeder seiner Sätze endete mit diesem Geräusch, weshalb man ihn Hick nannte. Ein Arisenen-Geweih hing um seinen Hals.
»Ne, dat is‘ zu anstrengend«, sagte Grobb und warf einen Stein über den Rand des Plateaus. Es klackerte, als der Stein abprallte und mehrere Kiesel mit sich riss.
»Könnt’n Kobold-Kugeln spiel’n«, schlug Args, der vierte Troll vor. Ihm fehlte ein Auge, was durch eine eindrucksvolle Narbe in seinem Gesicht wettgemacht wurde. Auf seiner Brust baumelte ein Band mit mehreren Reißzähnen verschiedener Größe.
»Wat is‘ Kobold-Kugeln?«, fragte Orch und kratze sich am Kopf.
»N’ Spiel«, antwortete Args. »Hab ich erfund’n.«
»Un’ wie geht dat?«, fragte Hick und gluckste.
»Da«, Args deutete mit dem Finger in eine Richtung, in der außer Felsen nicht viel zu sehen war, »is‘ irgendwo ’n Koboldlager. Bergab. Da kann man große Fels’n runterroll’n lass’n. Hab ich ausprobiert. Wir roll’n was den Hang runter, wer die meist’n Grünlinge erwischt, hat gewonn’.«
»Dat is’ doch Greif’nkacke«, brummte Grobb und rückte den Langzahn-Pelz zurecht, der um seine Schultern hing. »Da sin’ nie genug Grünlinge für alle.«
»Du kenns’ dat Lager nich’, da sin’ ganz viele Grünlinge«, sagte Args.
Grobb warf einen weiteren Stein vom Plateau herab. »Aber wir müss’n weit lauf’n. Da könn’ wa auch gleich jag’n.«
»Wir geh’n Kobold-Kugeln!« Args stampfte mit dem Fuß auf. Orch und Hick brummten und zuckten mit den Schultern und signalisierten so, dass sie Args zustimmten oder seiner Idee zumindest nicht abgeneigt waren. Grobb hingegen war noch nicht überzeugt.
»Ich sag, dat is’ Greif’nkacke.« Grobb zog ein paar halb verweste Fleischreste zwischen den Zähnen hervor und warf diese in Args Richtung. Dort kamen sie jedoch nicht an, da Hick sie erstaunlich geschickt abfing und sich in den Mund steckte. Er schluckte sie direkt herunter, ohne zu kauen. Ein Rülpser entwich seiner Kehle, gefolgt von einem Glucksen.
»Ich sag‘ wir geh’n Kobold-Kugeln!« Args stapfte auf Grobb zu und trat ihm ins Gesicht. Die Wucht des Tritts warf den dicklichen Troll auf den Rücken. Bevor er reagieren konnte, sprang Args auf ihn und rammte ihm den Ellenbogen in den Bauch. Geräuschvoll stieß Grobb Luft aus. Args richtete sich auf, während Grobb hustend am Boden lag. Der Einäugige holte Luft, um seinen Sieg kundzutun, als der Dickbäuchige ihm die Beine wegzog. Args fing sich im letzten Moment ab und drehte sich zu seinem Kontrahenten, der begann auf ihn einzuschlagen. Die meisten der Schläge wehrte Args zwar ab, doch fand er keine Gelegenheit, selbst einen Treffer zu platzieren. Der ungestüme Angriff wurde jedoch schnell träge, als Grobbs Arme schwer wurden. Das nutzte Args, um ihm die Faust ins Gesicht zu rammen. Grobb taumelte zurück, worauf Args direkt nachsetzte. Mit einem weiteren Schlag schickte der Einäugige seinen Gegner zu Boden. Grobb stöhnte, als Args ihm den Fuß auf die Kehle setzte.
»Wir geh’n Kobold-Kugeln«, grollte Args mit einem Ton, der keinen Widerspruch mehr duldete.
»Ja, ja«, presste Grobb widerwillig hervor. »Dann spiel’n wa halt dein Dreckspiel!«
»Könn’ wa los, bevor’s wieder hell wird?«, fragte Orch genervt. Tatsächlich war die Sonne mittlerweile vollständig abgetaucht und glomm nur noch schwach hinter den Gipfeln hervor. Bald würde es gänzlich dunkel sein. Das war den Trollen nur recht, im Dunklen konnten sie sich besser orientieren.
Args ging den schmalen Pfad entlang, der vom Plateau herabführte. Hick und Orch folgten ihm direkt. Grobb sah ein, dass die Gruppe ihre Entscheidung getroffen hatte, also rappelte er sich hoch und trottete missmutig den anderen hinterher. Am Fuße des Plateaus angekommen, hob Args einen großen, einigermaßen runden Felsen hoch.
»Was soll dat?«, fragte Orch. »Wir sin’ noch nich’ da.«
Args nickte. »Stimmt, aber wenn wir jetz’ gute Fels’n mitnehm’, müss’n wa nich’ noch welche such’n.«
Die drei anderen Trolle gaben einen zustimmenden Laut von sich und nahmen sich geeignete Felsen, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Sie liefen über einen Trampelpfad durch einen Nadelwald, bis hin zu einer Felsspalte. Dort mussten sie sich nacheinander durchquetschen, womit besonders Grobb seine Schwierigkeiten hatte.
»Da hint’n is’ der Abhang, da geht’s runter zum Lager«, sagte Args und deutete auf eine Stelle zwischen den Bäumen, bei der man einen leicht flackernden Lichtstreifen erahnen konnte.
Die grauhäutigen Kolosse stapften durchs Unterholz. Zweige brachen unter ihren Füßen und Vögel stoben gen Himmel. Als sie den halben Weg zum Abhang zurückgelegt hatten, sprossen plötzlich Ranken aus dem Boden, die sich wie von Zauberhand um ihre Arme und Beine wickelten. Zeitgleich fielen Netze aus den Baumwipfeln auf die Trolle herab. Unter lautem Geheul sprangen mehrere vierbeinige Geschöpfe zwischen den Bäumen hervor, auf deren Rücken teilweise kleine grüne Wesen saßen. Auch im Geäst der Bäume tauchten einige Grünlinge auf. Die Kumpane brauchten einen Moment, um zu realisieren, dass sie von Arisenen und Kobolden scheinbar bereits erwartet wurden. Diesen Augenblick nutzten die Angreifer aus und ließen Pfeile regnen. Ein paar Arisenen näherten sich mit erhobenen Speeren den gefesselten Trollen, die aus von Pfeilen verursachten Wunden bluteten. Als die Zentauren ihnen den Todesstoß verpassen wollten, richteten sich alle vier zugleich brüllend auf und zerrissen mit wilden Bewegungen die Pflanzen und Netze.
Args stützte sich direkt auf einen Arisen mit prächtigem Geweih, der den Speer zur Verteidigung hochriss. Die Spitze glitt an der zähen Haut des Einäugigen ab. Die Augen des Reh-Wesens wurden groß, als der Speer unter dem Gewicht des Trolls brach, bevor der grauhäutige Koloss mit unverminderter Geschwindigkeit in seinen Gegner krachte.
Orch machte sich nicht die Mühe, das Netz abzustreifen, sondern warf einfach den Felsen, den er mit sich herumtrug, auf den nächstbesten Gegner. Die Arisene hatte offenbar nicht mit einer so schnellen Gegenwehr gerechnet. Sie schaffte es zwar, sich zur Seite zu drehen, konnte jedoch nicht verhindern, dass der Fels sie mit voller Wucht traf und ihr Rückgrat brach. Mit einem schrillen Schmerzensschrei fiel sie zu Boden.
Grobb ruderte wild mit den Armen, wobei er seine Gegner, seine Kumpane und die Bäume um sich herum in Mitleidenschaft zog. Die Schläge gegen letztere sorgten dafür, dass ein paar Kobolde ihren Halt verloren und von den Zweigen herunter purzelten. Ein Kobold landete direkt in den Armen von Hick, der sich gerade einen Zweikampf mit einem Arisen lieferte. Der Troll nutzte diesen Umstand, indem er das kleine grüne Wesen an den Beinen packte und damit auf den Zentauren einschlug. Der schmächtige Kobold gab schneller nach als der Arise, sodass Hick ihn nach wenigen Schlägen fallen ließ und wieder zum Faustkampf überging.
Args richtete sich auf. Sein Kontrahent rührte sich nicht mehr, nachdem der Troll ihn zu Boden gerissen und mit Faustschlägen eingedeckt hatte. Zwei weitere Arisen standen ihm gegenüber, die Speere erhoben. Args brüllte aus voller Kehle, worauf einer der beiden Vierbeiner zusammenzuckte. Der andere machte einen Satz nach vorne. Args schaffte es nicht, dem Angriff vollends auszuweichen, sodass der Speer ihm einen kleinen Schnitt in der Seite verpasste, was er mit einem Grunzen zur Kenntnis nahm.
Der dickliche Grobb war mittlerweile derart mit Pfeilen übersät, dass er einem seltsamen Igel glich. Arisen hatten einen Ring um ihn gebildet und beschossen ihn von allen Seiten. Der Troll konnte sich nicht entscheiden, welche Seite er zuerst angreifen sollte, sodass er nur ungelenk hin und her stolperte. Einer der Zentauren nutzte dies für einen direkten Vorstoß. Just in diesem Moment schlug Grobb mit dem Arm zur Seite und riss dem jungen Vierbeiner den Speer aus den Händen. Einen Sekundenbruchteil brauchten beide bis sie realisierten, was gerade geschehen war. Dann schnellte der Troll nach vorne und griff mit seinen Pranken nach dem Kopf des Arisen. Dieser war von dem stürmischen Angriff so überrascht, dass er nicht rechtzeitig davonkam. Das Gebrüll des Trolls mischte sich mit den Schmerzensschreien des Zentauren, bis der Schädel unter lautem Knacken nachgab und wie eine überreife Frucht platzte. Einer der umstehenden Kobolde musste sich übergeben, während der Rest wieder das Feuer aufnahm. Brüllend wirbelte Grobb herum, auf der Suche nach einem neuen Ziel, zumindest so lange, bis der Pfeil einer grimmigen Arisene durch sein kleines Auge bis ins Gehirn vordrang. Der massige Troll hielt mit einem überraschten Grunzen inne und wankte noch einen Augenblick, bis er umfiel wie ein gefällter Baum.
Orch pflückte einen Kobold vom Rücken eines vorbeitrabenden Arisen und biss dem zappelnden Wesen ohne Zögern den Kopf ab. Dies erschütterte einmal mehr die ohnehin schon sinkende Moral der übrigen Kobolde. Der Vierbeiner nutzte hingegen den Umstand, dass der Troll mit der Reißzahnkrone mit Kauen beschäftigt war, um seinen Speer von unten in dessen Kehle zu rammen. Reflexartig hieb Orch nach seinem Kontrahenten und verpasste ihm mit den Klauen eine tiefe Wunde. Dann wurde ihm schwarz vor Augen, während er an seinem eigenen Blut erstickte.
Hick hatte seinen Gegner inzwischen zu Tode geprügelt. Ranken schossen erneut aus dem Boden und schlangen sich um seine Arme und Beine. Noch während er daran riss, griff ihn ein weiterer Arise an. Er zielte mit seinem Speer auf die Kehle des Trolls, der sich gerade noch rechtzeitig duckte, um nicht das Schicksal seines Kameraden zu teilen. Behände galoppierte der Arise in einem Bogen um den in seiner Bewegung eingeschränkten Koloss, der zu abgelenkt war, um die plötzliche Widerstandsfähigkeit der Pflanzen infrage zu stellen. Zwar schaffte Hick es, sich von einzelnen Ranken loszureißen, doch genauso schnell wuchsen weitere nach. Der Arise, von dem Geweih provoziert, welches um den Hals des Trolls baumelte, ging erneut zum Angriff über. Hick drehte sich instinktiv zur Seite, sodass die Speerspitze ihm nur einen Kratzer im Genick verpasste. Ohne Umschweife machte der Arise einen weiteren Bogen. Dieses Mal trabte er seitlich auf seinen Gegner zu und zielte mit dem Speer tiefer, um die Organe zu erwischen. Hick ging in die Hocke und wartete, bis der Vierbeiner nur noch wenige Schritte von ihm entfernt war. Dann stieß er sich mit aller Kraft vom Boden ab. Die Ranken bremsten ihn zwar, gaben jedoch größtenteils nach, sodass der Troll in den Weg des Zentauren geriet, der nicht mehr in der Lage war auszuweichen. Wie Naturgewalten prallten sie aufeinander. Bevor Hick zuschlagen konnte, schlangen sich wieder Ranken um seine Arme. Der Arise zog zwei lange Messer hervor, bereit seinen Gegner aus nächster Nähe zu malträtieren, doch sollte er es nicht mehr schaffen, sie einzusetzen. Mit einem brachialen Kopfstoß brach Hick dem Vierbeiner die Nase. Taumelnd versuchte sich der Arise zurückzuziehen, doch der Kopf des Trolls schnellte ein weiteres Mal hervor. Diesmal gruben sich seine spitzen Zähne in den Hals des Zentauren. Blut spritzte, während der Arise röchelnd seine letzten Momente erlebte.
Args war derweil von seinen beiden Gegnern eingekreist worden. Als sie gleichzeitig zum Angriff übergingen, schaffte der Troll es jedoch, beide Speere zu packen und abzubrechen. Anstatt die Spitzen wegzuwerfen, sprang er auf einen der Zentauren zu und rammte sie ihm in Schulter und Flanke. Mit einem Aufwärtshaken riss der Einäugige seinem Gegner den Bauch auf, sodass dessen Organe hervorquollen. Als der verbliebene Vierbeiner sah, wie sein Kumpan die Augen verdrehte und zusammenbrach, wandte er sich um und nahm Reißaus. Dies gab den übrigen Kobolden und Arisenen den Anlass, ebenfalls das Heil in der Flucht zu suchen.
Args und Hick ließen langsam die Arme sinken. Einen Augenblick lang sahen sie den fliehenden Gegnern nach. Beide Trolle bluteten aus mehreren Wunden, die ihnen jedoch nicht gefährlich werden würden. Als auch der letzte Arise zwischen den Bäumen verschwand, besahen sie ihr blutiges Werk.
»Naja«, grunzte Hick. »Zwar kein Kobold-Kugeln, aber auch lustig.«
Erneut blinzelte Kylatos sich das Regenwasser aus den Augen. Er glaubte, zwischen dem dichten Blätterdach der Baumriesen und trotz der dicken Wolkendecke bereits das Schimmern des roten Mondes ausmachen zu können, obwohl der Tag noch nicht zu Ende sein konnte. Sobald die Sonne jedoch untergegangen war, würde die Dunkelheit wieder binnen weniger Augenblicke hereinbrechen und einem selbst die Sicht auf die eigenen Hufe rauben.
Er strich sich die nassen Haare zurück. »Wir bleiben hier.«
Tekeleus nickte ihm zu und bedeutete den anderen Ekraless mit seinem Speer, wo sie das Lager errichten sollten. Nelenau streifte sich vorsichtig ihren Langbogen über die langen, gedrehten Hörner auf ihrem Kopf und lehnte ihn an einen Baum. Anschließend nahm sie Palenor die Packsäcke vom Rücken.
Kylatos beobachtete ruhig, wie seine Ekraless sich gegenseitig halfen, alles abzuladen. Er blickte erneut in die Baumkronen. Der Regen wurde schwächer, die Wolken zogen weiter und erste Sterne zeichneten sich zwischen den Blättern ab.
Er legte Nelenau eine Hand auf die Schulter, als sie die Zelte auspacken wollte. »Zuerst das Feuer.«
Obwohl Nelenau nur selten Holz nachlegte, um die Flammen niedrig zu halten, erhellten sie das gesamte Lager. Kylatos setzte sich abseits der Gruppe auf ein Fell und zog die Hufe an. Über ihm prasselte der leichte Regen auf den gespannten Zeltstoff.
Die Ekraless tranken und lachten und Boromus stimmte ein Lied an, während er sich im Rhythmus dazu auf seinen fetten Bauch klatschte. Auch Kylatos nahm seinen Trinkschlauch vom Rücken. Er zog den Korken, setzte an und sog den Traubensaft gierig in sich hinein. Sogleich spürte er, wie sich seine Muskeln entspannten und sein Blick trüb wurde. Bald nahm er das Knistern des Feuers und die Scherze seiner Ekraless nur mehr im Hintergrund wahr.
Vor seinem geistigen Auge sah er wieder Hakralirs bleiches Gesicht. Die weit aufgerissenen Augen seines Freundes und das Blut, das langsam aus seiner Nase lief. Das Zucken seiner Wangen und die grauen Lippen, welche stumm das Wort »Hilfe« formten. Immer und immer wieder. Bis ihn alles Leben mit einem letzten Hauch verließ.
»Erschöpft von der langen Reise?« Tekeleus prostete ihm mit seinem Trinkschlauch und einem Grinsen im Gesicht zu.
Kylatos erwiderte die Geste, ohne den Kopf zu heben. Der Blick seines alten Freundes verfinsterte sich, er setzte sich neben ihn und schüttelte langsam den Kopf. Dabei tanzten die kurzen, dunkelbraunen Locken um sein kleines Geweih. »Auch sie versuchen nur zu vergessen, was passiert ist, weißt du?«
Kylatos nickte, sagte aber nichts.
»Bei Kiresus, wir alle hätten seinen Bedenken mehr Gehör schenken können. Und doch hätte es vermutlich nichts geändert.« Tekeleus legte ihm die Hand auf die Schulter. »Du hättest ihn nicht retten können. Er selbst wusste gleich, dass das Gift dieser Schlange zu stark ist.«
»Vielleicht hätte es ein Kraut gegeben«, murmelte Kylatos und nahm einen weiteren Schluck Traubensaft. »Es hat immer ein Kraut gegeben, vielleicht hätten wir uns nur die Zeit nehmen müssen, seine Vorräte aufzufüllen.«
»Ich glaube nicht —«, begann Tekeleus, doch sprang plötzlich hoch und deutete auf einen Busch am Rande des Lagers.
Zuerst sah Kylatos nichts Ungewöhnliches, aber dann bemerkte er, wie sich dort etwas bewegte. Ein kleines Wesen rappelte sich auf und schüttelte hektisch Gestrüpp von seinem Körper.
Kylatos eilte mit Tekeleus zu ihm. Ein Kobold! Seine langen, grünen Ohren hingen schlaff nach unten. Er atmete schwer, wirkte ausgemergelt und hatte Schürfwunden am ganzen Körper.
Das kleine Wesen schaute zu Kylatos auf und blieb an den vier großen Narben hängen, die sich über die linke Brust des Anführers zogen. Seine Augen wurden groß. »Beim Baum des Lebens und allen sieben Wächtern! Ihr seid Kylatos, Bezwinger der Greife!«
Kylatos verkniff sich ein Grinsen und nickte nur leicht. »Deine Kenntnis über meine Taten im Norden ehrt mich.«
Erstaunt wanderte der Blick des Kobolds in Richtung des Lagerfeuers. »Die Ekraless … Ich wusste es! Ich wusste, der Regenbogen würde mich leiten!«
Kylatos musterte eines der Netze, welches die Kobolde geknüpft hatten und gerade an ihm vorbei trugen. Er wandte sich zu Tekeleus. »Das werden Trolle einfach zerreißen.«
Sein Freund nickte ihm zu. »Ich werde ihnen sagen, dass sie die Seile verstärken sollen.«
»Sie sollen auch schwere Steine einarbeiten«, sagte Kylatos, während er sich mit den Fingern durch den Bart fuhr. »Auch das wird sie nicht aufhalten, aber uns vielleicht einen schnellen Speerstoß ermöglichen, während sie sich befreien.«
