Sucht Ho Ki Su - Hans Gerd Scholz - E-Book

Sucht Ho Ki Su E-Book

Hans-Gerd Scholz

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Beschreibung

Ho Ki Su, Offizier der Atomwaffe Nordkoreas, wird ins Straflager verbannt, da er sich unerlaubt Zugang zum Internet verschafft hat. Die letzte verbliebene stalinistische Diktatur muss um ihre Existenz fürchten, falls junge Menschen die Wahrheit über die Situation im Land erfahren. Die ist geprägt von Hunger und Entbehrungen der Bevölkerung. Lediglich die gottgleichen Führer leben in Saus und Braus. Sie stützen ihre Macht auf den Besitz von Atomwaffen, mit denen sie weite Teile des westlich orientierten Asiens bedrohen. Ho Ki Su, im Besitz der Standortkoordinaten der Atomraketen, gelingt die Flucht. Falls sein Wissen in ausländische Hände gelangt, droht der mächtigsten Waffe des Regimes die Vernichtung. Der Geheimdienst jagt daher mit allen Mitteln den Flüchtenden. Die Romanhandlung spielt in der Gegenwart vor dem Hintergrund der latenten Spannungen zwischen Nordkorea und seinen Nachbarländern. Sie ist frei erfunden, basiert jedoch auf der realen Situation in diesem Teil der Welt. So oder so ähnlich könnte sie sich jederzeit zutragen.

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Seitenzahl: 352

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Hans Gerd Scholz

Sucht Ho Ki Su

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Sucht Ho Ki Su

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Impressum neobooks

Sucht Ho Ki Su

Ho Ki Su fror. Fror erbärmlich. Die dünne graue Drillichjacke konnte ihn vor dem beißenden Wind in den eisigen Bergen nicht schützen. Selbst die isolierende Schicht aus Wellpapperesten, die er sich um den nackten Leib gebunden hatte, half nur wenig. Zum Glück besaß er noch die dicke wollene Unterhose, die man ihm bislang nicht genommen hatte. Auf dem Kopf trug er eine Mütze aus grauem Segeltuch, deren Klappen links und rechts die Ohren bedeckten.

Er schuftete. Schuftete sich die Seele aus dem Leib mit der schweren Kreuzhacke, die er immer und immer wieder in den harten, unnachgiebigen Fels trieb.

Verurteilt zur Zwangsarbeit. Aus dem abgebauten Gestein wurde Magnesiumoxid gewonnen zur Innenbeschichtung von Hochöfen. Der Stoff war kostbar. Ein Teil wurde auf dem Weltmarkt verkauft und bescherte dem Land die dringend benötigten Devisen.

Aber das interessierte ihn nicht. Völlig egal, wozu er sich die Seele aus dem Leib schuftete. Er hatte keinen Einfluss darauf. Wusste nur, dass die Arbeit seinen Körper auffraß. Und dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Die Hölle des Lagers würde ihn ermatten, zerstören. Vernichten durch Arbeit.

An eine noch so kurze Pause war nicht zu denken. Er wusste, was passieren würde, sollten ihn die Aufseher erwischen bei dem geringsten Versuch, zu verschnaufen. Nein, er wollte keine Prügel mit dem dicken Stock aus dem harten Holz des Bergahorns. Das kannte er schon. Er kannte die mörderischen Schmerzen der aufplatzenden Haut, der Knochen, die noch nach Wochen zu spüren waren. Eine angeknackte Rippe schmerzte noch immer so stark, dass er sich nachts nicht bewegen, seine Lage auf der harten Pritsche nicht verändern konnte, und dass es ihm kaum noch möglich war, längere Zeit auf der gleichen Seite zu liegen. Er war kein Held, das wusste er. Er wollte leben, so lange wie möglich überleben. Nicht auffallen, bloß nicht auffallen und sich dem Unmut der Wächter aussetzen.

Das war erst vor einer Woche passiert. Tau Wang, der größte, stärkste, brutalste und gefürchtetste unter den Gefangenen war am Abend in der Baracke auf ihn zugekommen. Schon lange hatte er ihm finstere Blicke zugeworfen. Ho Ki Su glaubte auf Grund der äußeren Erscheinung des Mannes nicht daran, einen politischen gefangenen vor sich zu haben. Wahrscheinlich handelte es sich um einen Kriminellen.

„Mach dich aus dem Weg“, raunzte er Ki Su an, als er ihm auf dem Mittelgang begegnete.

Schweigend trat dieser einen Schritt zur Seite.

„Weißt du, wer ich bin?!“

Der Ton war drohend. Er sollte dem Neuen klar machen, dass der sich an die Hierarchie unter den Gefangenen zu halten hatte. Und die besagte, dass Tau Wang ganz oben stand. Ho Ki Su war klar, was jetzt folgen würde. Entweder, er gab klein bei und ordnete sich unter. Dann war ein Kampf zu vermeiden. Das würde jedoch bedeuten, dass er für immer verloren hätte. Und dem Willen und den Launen dieses Kerls, der ihn um mehr als einen Kopf überragte, ausgeliefert war.

Er hatte gehört, dass er einem Teil der Männer sexuelle Avancen gemacht habe und einige dazu gezwungen, ihm zu Willen zu sein. Das würde Ho Ki Su keinesfalls akzeptieren. Ihm schauderte bei dem Gedanken, unter der Dusche die Seife aufheben zu müssen.

Also musste er sich dem Kampf stellen.

„Ein Schwachkopf mit dicken Muskeln, habe ich gehört!“

Sofort sprang ihn der Kerl an. Ki Su gelang es, mit einer Körpertäuschung auszuweichen. Er nutzte den Schwung des Angreifers, machte sich klein, drehte sich blitzschnell, schob seinen rechten Arm unter die Achsel und schleuderte seinen Gegner über die Schulter.

Alle Männer im Saal, die gespannt die Auseinandersetzung verfolgten, grölten laut. Das hatten sie diesem widerlichen Arschloch schon lange gewünscht. Dass jemand kam, der ihm seine Grenzen aufzeigte.

Ho Ki Su stürzte sich auf den benommenen Gegner und schlang seinen linken Ellbogen um dessen Hals, so dass die Beuge um dessen Kehlkopf lag. Er verschränkte seinen rechten Arm um den linken und drückte zu. Unbarmherzig würgte er Tau Wang, bis er kaum noch Lebenszeichen von sich gab. Dann lockerte er den griff, ließ den Mann los und erhob sich.

Durch seine Judotechnik, die er schon als kleiner Junge gelernt hatte und später während seiner Militärzeit vervollkommnete, gelang es ihm, den Mann außer Gefecht zu setzen, ohne bei ihm bleibende Schäden zu hinterlassen.

Der Kerl hatte auch seine Lektion gelernt und würde nie wieder versuchen, ihn blöd anzumachen.

Als die Wächter hereinstürmten und sich auf ihn stürzten, ließ er es willenlos mit sich geschehen. Sie wollten wissen, was los gewesen war. Alle Männer in der Baracke erklärten, dass Tau Wang Streit gesucht habe. Daraufhin ließen sie Ho Ki Su los.

„Das nächste Mal, wenn du Ärger machst, geht es nicht so glimpflich ab“, verwarnten sie ihn. Ho Ki Su wusste, dass er diesen Männern hilflos ausgeliefert war.

Die hatten alle Freiheiten im Umgang mit den Lagerinsassen. Sie durften quälen, foltern, töten, ganz nach Belieben und ohne jeden Grund. Die politische Führung hatte sie sogar ausdrücklich dazu ermuntert.

„Macht von euren Rechten, euren Möglichkeiten Gebrauch. Diese Verbrecher haben nichts anderes verdient. Um keinen von ihnen ist es schade. Sie haben sich gegen unseren geliebten Hon Kai Cheng gestellt. Haben Kritik geübt“. Und Kritik üben war das schlimmste, was einem vorgeworfen werden konnte. Nichts vertrug das Regime Nordkoreas weniger als Kritik am geliebten Hon Kai Cheng Kim Jong Il, dem Gottgleichen. Ihm waren sie ergeben, linientreu bis auf Blut. Für ihn würden sie quälen, töten und morden.

„ Der Schutz der revolutionären Führung um jeden Preis ist der höchste Patriotismus und die erste Priorität unseres Militärs und des Volkes“ lautete die Losung. Und die galt für jeden.

Er hatte die Schreie seiner Mithäftlinge aus den Isolationszellen gehört. Hatte ihr Flehen , Betteln, das Wimmern nach ihren Müttern noch im Ohr, wenn sie, mit einem Stock zwischen Unterschenkeln und Gesäß, Stunde um Stunde verbringen mussten. Wenn sie an den Füßen aufgehängt wie Schlachtvieh von der Decke baumelten. Wenn ihnen dabei das Blut ins Gehirn schoss und sie vor Schmerzen in Ohnmacht vielen. Nein, nur das nicht. Und so schuftete er weiter, biss die Zähne zusammen und schlug die Hacke in den gefrorenen Fels.

Er wollte leben. Wenigstens noch eine Weile. Nein, nicht leben. Vegetieren. Vegetieren von der dünnen Brühe aus Salzwasser, vermischt mit etwas Mais und Sojabohnen. Irgendwann würde es zu Ende gehen, soviel stand für ihn fest. Noch nie hatte jemand solch ein Lager länger als zehn Jahre überlebt. Seit drei Monaten war er hier inhaftiert, noch nicht lange also. Noch hatte sein Körper Kraft, noch brach er nicht zusammen unter den unmenschlichen Lagerbedingungen.

Ein Gedanke beherrschte ihn. Gab ihm Kraft, wenn er völlig am Boden zerstört war. Er besaß etwas, das man ihm nicht rauben konnte. Geheimes Wissen, von dessen Existenz niemand etwas ahnte. Denn hätten sie es geahnt, wäre er längst nicht mehr am Leben.

Er kannte die Koordinaten der Raketenstützpunkte der Atomwaffen. Würden sie in die Hände des Gegners gelangen, wäre es vorbei. Vorbei mit der Waffe, die allein das Regime schützte. Und der es das Überleben bis in die Gegenwart verdankte.

Er hatte sich Grad, Minute und Sekundenbruchteile der einzelnen Bunker, der Stellungen der Raketen eingeprägt. Immer und immer wieder hatte er sie vor sich her gesagt, bis sie unauslöschlich in seinem Gehirn verankert waren. Wie Vokabeln einer Fremdsprache. Wie Erinnerungen an die früheste Jugend, an den ersten Kuss und den ersten Sex.

Und er würde alles tun, um sie nie, nie zu vergessen. Denn sollte er dieses Lager verlassen, sollte ihm die Flucht in die Freiheit gelingen, waren sie von unschätzbarem Wert. Dann lag es in seiner Macht, dieses Regime zu stürzen. Und die Welt von der Bedrohung eines erneuten Holocausts zu befreien.

Doch dieses Traumbild zerbrach an der Realität des Lagers. Aus dem es kein Entweichen gab. Das ihn fest umschloss. Eine eiserne Faust, die er wohl nie abschütteln könnte. Aber er würde es versuchen. Das war er sich schuldig. Wenigstens versuchen, um seiner selbst, seiner Frau seiner Kinder wegen. Und vielleicht wegen dem Rest der Menschheit.

Doch selbst dieses Lager schien nicht das Maximum an Grausamkeit hervorzubringen, das in anderen Lagern wohl möglich war. Es sollte schlimmere geben. Weit schlimmere. Man munkelte von Gaskammern und Menschenversuchen.

Viel mehr jedoch als sein geschundener Körper schmerzte die Seele. Er hatte Angst. Um sich, mehr jedoch um Ni Hai, seine Frau. Auch sie hatte man ins Lager gesperrt. Nein, nicht in das gleiche. Ins Frauenlager irgendwo im Süden. Würde sie überleben? War sie stark genug, bis zu ihrer Entlassung in zwölf Jahren durchzuhalten?

Die beiden Kinder, den achtjährigen Han und die sechsjährige Soe, hatte man Pflegeeltern übergeben. Dort führten sie ein Leben als Dienstboten oder Knechte. Wurden gequält, geschlagen und hungerten wahrscheinlich ebenfalls. Hungerten wie alle Menschen Nordkoreas im Paradies des Kim Jong Un. Aber immerhin, sie lebten. Und das war alles, was er erhoffte, was ihn ein wenig tröstete.

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Schuld war er. Er ganz allein. Noch vor fünf Monaten war ein ein geachteter Offizier der Eliteeinheit zum Schutz der Nuklearstreitkräfte des Landes gewesen. Ein durchtrainierter, zur Härte gegen sich selbst und andere erzogener und geschliffener Soldat. Einer, auf den sein Land stolz sein konnte. Und stolz war er auch auf sein Land, für das er alles, sein Leben eingeschlossen, bedingungslos gegeben hätte. Stationiert auf dem Raketenstützpunkt unweit von Songin, der Großstadt am japanischen Meer. Der Stadt, die er für die schönste auf der ganzen Welt hielt. Im schönsten Land der Erde, indem der beste aller Hon Kai Cheng das Paradies regierte. Er war glücklich. Im Kreis der Kameraden und zu Hause bei seiner Familie. Alle hatten ausreichend zu Essen, eine kleine Wohnung. Die Kinder besuchten die besonders geförderte Eliteschule der Stadt. So hätte es bleiben können.

Doch so blieb es nicht. Wie hatte er sich nur darauf einlassen können? Wieso hatte er nicht sofort Meldung gemacht und Hai Sun Kim angeschwärzt, als dieser auf dem neuen Computer ins Internet ging? Normalerweise war dies unmöglich. Aber dieser Kerl hatte einen Bruder. Und der war Computerspezialist. Denn auch in Nordkorea gab es mittlerweile Computer. Nicht nur in der Raketentechnik und den übrigen militärischen Einrichtungen. Auch in die Verwaltung waren diese Teufelsdinger bereits vorgedrungen. Eine Atommacht ohne Computer? Unvorstellbar. So kam er irgendwie an eine Software, mit der man ins Internet kam.

Irgendwie. Genauer gesagt war es seine Beziehung zu der schönen Pang La Wan, der Tochter des Leitenden Sekretärs der Provinz Pjongan-pukto, mit der er eine eigentlich verboten Liebschaft unterhielt. Ihr Vater, Mitglied der Nomenklatura des Staates, verfügte über die Erlaubnis, im Internet zu surfen. Und zwar im richtigen World Wide Web, nicht in dem für Studenten und Regierungsbeamten bestimmten nationalen. Mit diesem war ein Eindingen in das weltumspannende Netz nicht möglich. Sogar unter höchster Strafandrohung verboten. Selbstverständlich galt dies auch für die Nutzung von Handys. Niemand durfte außerhalb der Landesgrenzen Kontakte knüpfen, Informationen einholen, oder in sonst einer Form kommunizieren.

Doch es gab die schöne La Wan, die Neugierige. Die stahl sich eines Tages in das Arbeitszimmer ihres Herrn Vaters, auf dessen mächtigem Schreibtisch der Computer thronte. Normalerweise war das Zimmer abgeschlossen. Aber sie hatte zufällig entdeckt, wo sich der Zweitschlüssel für das Sicherheitsschloss befand. Zufällig hatte sie beobachtet, wie ihr Vater ihn unter das dickste Buch auf dem Bücherregal schob. Eines der zahlreichen Propagandawerke, dem einzigen Sujet, das auf dem Buchmarkt und in den Bibliotheken zu finden war.

Und weil es sonst kaum etwas zu lesen gab, was wirklich von Interesse für sie war, stahl sie sich in dieses Zimmer. Dann knackte sie das Passwort. Keine große Kunst. Nachdem sie den Namen ihrer Mutter eingegeben und abgewiesen worden war, versuchte sie es mit dem eigenen. Und wurde belohnt. Wie leichtsinnig von ihrem alten Herrn.

Auf der Seite der UNO erfuhr sie von den systematischen und weitreichenden Verletzungen der Menschenrechte. Dieses Wort las sie zum ersten Mal. Sie hatte ja keine Ahnung, dass es so etwas gab. Doch es kam noch viel schlimmer. Da war die Rede vom Aushungern, der Vernichtung und Versklavung der eigenen Bevölkerung. Zum einen, weil die Behörden während der letzten großen Hungersnöte die vom Ausland angelieferten Hilfsgüter selbst verteilt hätten. Und zwar in die eigenen Vorratslager. Den Rest bekam das Militär. Die übrige Bevölkerung ging leer aus. Deshalb hatten auch sie immer genug zu essen, während zahlreiche Kommilitonen hungerten. Das hatte sie selbst gesehen. Einmal sogar hatte sie die öffentliche Hinrichtung eines Menschen selbst mit angesehen. Sie war im zarten Alter von elf Jahren und würde es im Leben nicht vergessen. Er sei ein Christ, so wurde behauptet. Denn bei ihm wurde eine Bibel gefunden. Das hatte genügt. Darauf stand die Todesstrafe. Sie hatte keine Ahnung, was eine Bibel war. Außerdem, so sagte sie sich, wird es schon seine Richtigkeit haben. Doch jetzt erfuhr sie die wahren Zusammenhänge. Erfuhr, dass zahlreiche Journalisten und sonstige Personen, die in die wirkliche Welt des Landes Einblick hatten, von einer „absolutistischen Monarchie“, einer „stalinistischen Diktatur“ oder sogar von einem „nationalsozialistischen System“ sprachen. Natürlich hatte sie als Studentin die Namen Hitler und Stalin gehört, ebenso von deren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Und jetzt wurde der Große Hon Kai Cheng mit ihnen in einen Topf geworfen.

Empört hatte sie daraufhin den Computer ausgeschaltet, war wütend über diese ausländischen Schweine, die diesen Unsinn verzapft hatten, ins Bett gegangen. Doch sie konnte ihren Gedanken, dem was diese Worte an Bildern in ihrem Gehirn heraufbeschworen und angerührt hatten, nicht mehr entkommen.

Sie las den Bericht des Shin Dong-hyuk. Ihr traten die Tränen in die Augen. Dieser hatte zweiundzwanzig Jahre in einem dieser Konzentrationslager, genannt Kaechon, gelebt. War dort geboren. Nie sollte er es lebend verlassen. Deshalb hatte man ihm auch nie eine schulische Ausbildung zukommen lassen, nicht einmal Ideologie und Staatslehre war ihm zuteil geworden. Dies war in Korea extrem unüblich.

Weniger unüblich war es allerdings, dass er der Hinrichtung seiner Eltern beiwohnen musste. Dass man ihm einen Finger abgetrennt und monatelang gefoltert hatte. Dass er unzähligen Hinrichtungen beiwohnen musste. Doch dann gelang ihm die Flucht. Über China erreichte er Südkorea, wo er nun lebt und versucht, die Weltöffentlichkeit wachzurütteln.

Sie erkannte, dass die Kims einen totalen Personenkult errichtet hatten, an dem sie auf immer festzuhalten gedachten. Da gab es den „Ewigen Präsidenten“ Kim Il-sung. Im Jahr 1972 wurde er zum Präsidenten ernannt. Doch schon seit Februar 1946 stand er an der Spitze des Volkskomitees, aus der dann die „Nationale Arbeitsfront“ hervorging. Von ihr wurde Grund und Boden sowie die gesamte Industrie verstaatlicht. Alles genau wie in China und der Sowjetunion. Nach dem Krieg mit den Amerikanern wurde das Land geteilt und der Stalinismus umso stärker forciert. Doch der Handel mit der Sowjetunion und China machte das Leben der Menschen einigermaßen erträglich. Sie lebten halt wie die Russen und Chinesen. Im Prinzip jedenfalls.

Als der Kommunismus in der Sowjetunion zusammenbrach, China sich dem Westen öffnete, begann Nordkorea zu bluten. Kein Handel mehr dem Ausland. Keine waren und Nahrungsmittel kamen ,mehr ins Land. Und das alles, weil diese Kim-Truppe an ihrer Macht klebte. Weil sie nicht abdanken wollte.

Sie hatte den Hon Kai Chengkult zum Staatsprinzip erhoben. Selbst nachdem 1994 Kim Il Sung verstorben war, blieb er lebendig als „Unsterblicher Hon Kai Cheng“. Der Titel „Großer Hon Kai Cheng“ sollte von nun an nicht mehr vergeben werden. Daher wurde sein Sohn Kim Jong-il nur „Geliebter Hon Kai Cheng“ genannt. Doch schon der Enkel war wieder ein „Großer Hon Kai Cheng“.

Sie konnten und wollten sich eine Abkehr von ihrem Regierungssystem nicht leisten. Denn sie hatten mit eigenen Augen gesehen, was das bedeutete. Die Sowjetunion brach über Nacht zusammen. Ihre Satellitenstaaten ebenso. Deren leitende Politiker wurde verurteilt, hingerichtet oder einfach ermordet wie der Rumäne Ceaucescu. Und das sollte ihnen nicht passieren. Lieber sollte das Volk verrecken.

Was blieb? Nordkorea musste sich ganz auf die eigene Kraft verlassen. Das Land musste autark, unabhängig von der gesamten Welt werden. Was die Menschen benötigten, mussten sie selbst produzieren. Und das bedeutete Elend und Hunger.

Elend und Hunger im größten Teil der Bevölkerung führt aber zu Rebellion und Aufstand. Deshalb unterhielt das Land die größte Armee in ganz Asien. Und das kostete mehr als man sich leisten konnte. Verstärkte den wirtschaftlichen Niedergang.

Andererseits konnte man mit der militärischen Stärke den verhassten Süden provozieren, erpressen und die Menschen so von ihrer Situation manchmal ablenken. Man hatte die Atombombe, glaubte, jetzt den übrigen Atommächten gleich zu sein. Niemand konnte daran denken, Nordkorea anzugreifen. Eine Invasion vom Süden her war unmöglich geworden.

Doch Südkorea hatte andere Sorgen. Da gab es die Asienkrise, unter das Land zu leiden hatte. Da wollte sich niemand den darbenden Norden aufhalsen. Gut, dass es die Demarkationslinie gab, dass kein Flüchtling sie überwinden konnte. Gut, dass man nicht Milliarden in den Norden transferieren und eine neue Regierung beim Aufbau des Landes unterstützt werden musste. Oder noch schlimmer: Eine Wiedervereinigung zu bezahlen. Gut, dass es zwei Koreas gab.

Wen störte da schon das Säbelrasseln dieser Komiker aus Pjöngjang? Wie sagte dieser Mitarbeiter der nordkoreanischen Nachrichtenagentur doch gleich? „Wir hoffen, dass die Lage geklärt ist, bevor es zu einem unglücklichen Zwischenfall kommt und wir eine Atomrakete abfeuern!“

Oder die Drohung Kim Jong-Uns, einen atomaren Präventivschlag gegen die USA zu führen. Zu all dem kam es bislang nicht und wird es wohl auch nie kommen. Auch nicht, als das amerikanische Spionageschiff hops genommen wurde und der militärische Stützpunkt mit Hunderten von Granaten beschossen wurde, wobei mehrere Menschen starben. Und auch nicht, als man das Kriegsrecht ausrief, weil Südkorea und die USA ein Flottenmanöver im chinesischen Meer abhielten.

Die Regierung des Nordens lebte in ständiger Angst. Angst vor der übrigen Welt, von der sie sich ausgegrenzt fühlte. Angst vor der eigenen Bevölkerung, die sie deshalb in engen Grenzen halten musste.

Pang La-wan begann zu verstehen, verstand immer mehr. Begann, die täglichen Nachrichten einzuordnen. Sah sie von der anderen Seite und begriff, was passierte. Mit den Menschen, mit ihr.

Irgend etwas musste sie tun. Sie wusste nicht was. Sie griff zum Telefonhörer.

„Hallo, hier La-Wan. Können wir uns sehen?“

„Heute Abend wäre es mir möglich, mich für zwei Stunden loszueisen. Wo brennt es denn?“.

„Ich muss mit dir reden. Dir etwas zeigen. Dinge, die du nicht für möglich hälts. Aber kein Wort zu niemandem!“

„Hört sich ja interessant an. Na, da bin ich mal gespannt“; meinte ihr Freund lachend.

Wütend knallte sie den Hörer auf die Gabel. Er schien sie nicht ernst zu nehmen. Aber das würde sich ändern.

Als er in ihrer Wohnung erschien, stellte sie den Computer an. Während sie wartete, dass das Gerät hochfuhr, bot sie ihm einen Drink an.

„Den wirst du brauchen!“, meinte sie mit ernster Stimme.

Und zeigte ihm die Wirklichkeit, die sie auf die kleinen USB-Sticks gespeichert hatte.

„Wo hast du das her?“

Geht dich nichts an. Konzentriere dich auf die Inhalte“.

Und dann begann er zu lesen. Sah sie ab und an mit hochrotem Kopf an.

„Alles dumme Propaganda. Wir leben in Nordkorea. Die wollen uns schlecht machen. Glaubst du den Blödsinn denn?“

Wütend entgegnete sie: „Wie kann man nur so blöd sein. Du bist wie ein Geisterfahrer auf der Autobahn, der glaubt, auf der richtigen Spur zu sein und alle anderen führen falsch. Nimm nur für eine Sekunde an, dass die Nachrichten, die du gerade gelesen hast, der Wahrheit entsprechen. Die so auf der ganzen Welt verbreitet werden. Von Peking bis Tokio, von New York bis London. Nur in Pjöngjang klingen sie völlig anders“-

Gemeint war die Meldung über den neuesten Atomtest ihres Landes. Und die internationalen Reaktionen darauf.

„Sieh die die Bilder der Einkaufsstraße in Tokio an. Die Lichtreklamen. Vergleiche das doch mal mit dem, was du draußen siehst. Egal, wohin man blättert, überall scheint es den Menschen besser zu gehen als bei uns. Woran kann das liegen?“, wollte sie von ihm wissen.

„Warum lässt man uns nicht ins Netz, was haben die da oben zu verbergen, wovor haben sie Angst?“, insistierte sie.

Ihr Geliebter hatte darauf keine Antwort.

„Ich muss nachdenken“; sagte er und legte sich auf das Sofa.

Sie kuschelte sich an ihn, begann ihn zärtlich zu streicheln. Doch er schob ihre Hand weg.

„Nein, komm lass mich. Ich bin zu aufgewühlt, muss das alles erst mal verarbeiten“.

Dafür hate sie volles Verständnis. Ihr war es ja ähnlich ergangen. Und morgen war ein neuer Tag, um sich den Kopf zu zerbrechen oder zur Abwechslung mal wieder an Sex zu denken.

******

Seit mehreren Tagen war Sun Kim verstört. Wirkte abwesend, setzte plötzlich zum Reden an, unterbrach sich nach wenigen Wörtern. Irgendetwas stimmte nicht. Nicht mit ihm, sondern mit seinem Freund, dem er mehr vertraute als irgend jemandem sonst unter den Kameraden. Das war etwas ganz besonderes. Vertrauen, jemandem vertrauen in einer Welt, in der jeder jeden bespitzelte. „Selbst dein Rücken ist dir fremd“, warnt eine nordkoreanische Volksweisheit vor zu viel Vertrauensseligkeit. Und doch, seinem Freund vertraute er. Denn irgend jemandem musste man vertrauen. Denn ohne kann man nicht leben. Nirgendwo.

Sun Kim vertraute ihm ebenfalls. Mehr als irgendjemandem sonst. Das wusste Ki Su. Deshalb fragte er nicht. Fragte nicht nach dem sonderbaren Verhalten. Er würde ihm schon sagen, was ihn bedrückte. Dann, wann er es wollte. Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen war.

Hai Sun Kim schloss und verriegelte die Tür des Zimmers, das sie gemeinsam bewohnten. Des Zimmers mit dem Computer, an dem sie arbeiteten. Der die streng geheimen Pläne mit den Raketenstellungen enthielt. Die niemals in die Hände der Feinde gelangen durften.

Plötzlich zog Hai Sun einen winzigen USB-Stick aus der Tasche, steckte ihn in den Slot. Wenige Augenblicke später flimmerten Bilder über den Bildschirm. Bilder, wie Ki Su sie noch nie gesehen hatte. Eine Straßenschlucht in Tokio. Menschengewimmel. Luxuslimousinen. Ein Meer bunter Neonreklamen, deren grelles Licht in den Augen schmerzte.

„Was war das?“

Ki Su erschrak bis ins Mark, wollte nicht glauben, was ihm seine Augen vorgaukelten. Unmöglich. Dies war absolut unmöglich.

Wütend fuhr er seinen Freund an: „Was soll der Scheiß? Wo hast du das her?“.

Sun Kim hatte mit dieser Reaktion gerechnet. Genau so hatte er selbst reagiert, als er zum ersten Mal diese Bilder sah. Bilder aus einer anderen Welt. Von einem anderen Planeten. Bilder, die es nicht geben konnte.

Und Informationen. Texte aus Zeitschriften, Magazinen und Journalen. Fernsehnachrichten aus

Südkorea. Er wollte alles abtun als Propaganda. Doch es gelang ihm irgendwie nicht. Wollte nicht daran glauben, dass es diese Dinge wirklich geben konnte.

Die aber existierten. Wie ihm sein Kamerad versicherte, waren sie ebenso wirklich, ebenso real wie das was er sah, wenn er den kleinen alten schwarz-weiß Fernseher einschaltete oder wenn er aus dem Fenster blickte. Nichts sei getrickst, nichts gelogen. So hatte es ihm Hai Sun Kim versichert.

Dann hatten sie sich gemeinsam im Internet umgeschaut. All die bunten Reklamebilder von lachenden, fröhlichen, reichen Menschen. Restaurants, Autos, Villen. Eine Welt, deren Exotik ihnen den Atem raubte. Immer und immer wieder, stunden, tagelang konnten sie sich von dieser Welt nicht losreißen. Als wären sie heroinabhängig. Bilder, die sonst nur dieser Stoff hervorzauberte, flimmerten über den Monitor.

Lange hatte Sun Kim mit sich gerungen, ob er Ki Su damit konfrontieren sollte. Konnte er es wagen, konnte er ihm vertrauen? Was, wenn sein Freund ihn verriet? Aber es ging nicht anders. Wenn er schwieg, würde er ersticken. Ersticken an all dem, was er nun wusste, was er gesehen, aber nicht verarbeitet hatte. Er brauchte seinen Freund. Als Mitwisser, als Gesprächspartner, als Teilhaber an diesen völlig verrückten Visionen.

„Dieser Scheiß ist die Welt. Ist die Wahrheit. Die Wirklichkeit. Das Leben. Wir leben eingesperrt in einem dunklen Stall, der nie einen Lichtstrahl gesehen hat. Ohne Licht und ohne jede Erkenntnis. Wir werden systematisch betrogen und verblödet. Alles um uns herum ist völlig anders. So anders, dass wie wir es nie für möglich halten würden. Man hindert uns daran, wie Menschen zu leben“. Seine Stimme klang bitter, so bitter, wie Sun Kim noch nie geklungen hatte. Ki Su schwieg. Schwieg lange. „Ich will mehr sehen“, äußerte er gepresst. Und so flimmerten immer neue, immer fremdere, erschreckendere bestürzendere Bilder über die Mattscheibe.

Neben all den Pages, die Informationen enthielten, gab es natürlich auch jene, die für die Männer dieser welt gemacht haben und die kostenlos zu besichtigen waren. Ki Su fühlte sich zeitweise in einen Schlachterladen versetzt bei all dem nackten Fleisch, das über den Bildschirm flimmerte. Nie hätte er geglaubt, dass derart widerliche Filme gedreht würden. Zumindest dies war in Nordkorea unmöglich.

Die Bilder erregten ihn im Gegensatz zu Sun Kim nicht. Diesen teil des Internets würde er nicht akzeptieren. Doch offensichtlich gehörte er dazu. Man konnte sich nicht nur für die eine Seite der Medaille entscheiden. Doch offensichtlich konnte man auswählen.

Schließlich schaltete Sun Kim den Computer aus.

„So kann ich nicht mehr weiterleben. Nicht, nach dem ich dies alles gesehen habe. Nicht in diesem Land. Mir ist der Boden unter den Füßen weggezogen“, meinte Hai Sun Kim schließlich.

Auch für Ki Su drehte sich alles im Kopf. Dieses Neue hatte Konsequenzen. Das wusste er. Nur nicht, welche genau.

Das Land zu verlassen war unmöglich. Nie würde er es schaffen, die chinesische Grenze im Norden zu überwinden. Selbst wenn diese so durchlässig war wie noch nie. Ganze Heerscharen von Schmugglern passierten sie täglich. Brachten all die Güter ins Land, die sich der Staat auf offiziellem Weg nicht leisten konnte. Man duldete diesen kleinen Grenzverkehr stillschweigend weil er half, die schlimmste Not zu lindern.

Aber er stand unter Beobachtung. Er war Geheimnisträger. Seine Kenntnisse über die Standorte der Atomraketen machten ihn zu einem Sicherheitsrisiko. Man würde alles tun, um zu verhindern, dass dieses Wissen in die falschen Hände gelangte.

Da war auch noch seine Familie. Er würde sie zurücklassen müssen. Nicht nur das. Sie würden alle auf das schwerste bestraft werden. Die Frau mit Lagerhaft, die Kinder mit Pflegefamilien.

Nein, Flucht war unmöglich. Dies konnte er niemals verantworten. Aber er konnte auch nicht mehr leben wie bisher.

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„Gibt es irgend etwas, was wir tun können“?, fragte Ho Ki Su.

„An was denkst du?“, wollte Sun Kim wissen.

Sollten sie weitere Kameraden ins Vertrauen ziehen, ihnen die Wirklichkeit, das Leben draußen, zeigen? Wenn ja, wohin könnte das führen? Letztendlich, sollten sich genügend gleichgesinnte Soldaten finden, zu einem Staatsstreich? Ki Su fröstelte. Dieser Gedanke allein war ein Verbrechen.

Ein Verbrechen war ja bereits die Entdeckung des Internets. Sollte irgendjemand davon Wind bekommen, würden sie im Straflager landen, ganz gleich ob Elitesoldat oder nicht. Da machte er sich nichts vor. Also beschlossen sie, das Geheimnis für sich zu behalten. Die Gefahr einer Entdeckung war einfach zu groß.

Und so gingen sie jeden Morgen wieder zum Dienst. Beugten sich über die Landkarten, über Abschusspläne der Raketen, über die Möglichkeit, sie in einem Konflikt mit dem Süden, den Amerikanern oder Japanern einzusetzen.

Doch alles war plötzlich anders. Beide hatten ihr Lächeln verloren, zeigten versteinerte Mienen. Gut, dies konnte bei jungen Männern, die auf einem Zimmer lagen während der gesamten Woche, schon einmal vorkommen. Streit gab es überall. Sicher hatte es nichts zu bedeuten. Glaubten die Kameraden alle. Fast alle.

Doch da war der kleine hässliche Dai Wan Chu, den alle das Wiesel nannten. Er traute der Sache nicht. Ob da irgend etwas dahintersteckte? Scharf beobachtete er alles, was die beiden taten.

Gerade fauchte der Gruppenkommandeur Kim Sun an, dass er sich besser konzentrieren solle. Er hatte auf die Frage seines Gegenübers nicht reagiert, schien weit entrückt, gar nicht anwesend. Auch Ki Su redete zusammenhangloses Zeug. War ebenfalls nicht bei der Sache.

In den Räumen hingen, wie in den Fluren fast aller Gebäude, bunte Warnplakate. Die Farbe Rot überwog. Und auch der Text, dass man auf der Hut sein müsse vor Verrätern, Abweichlern, Andersdenkenden. Kritikern des Systems, des Großen Hon Kai Chengs. Dass nichts so gefährlich wäre, wie dieser Personenkreis, von dem immer wieder der eine oder andere aufflog und im Straflager landete.

Aber für die Aufmerksamen, die Denunzianten, wurden im Erfolgsfall tolle Belohnungen in Aussicht gestellt. Eine rasche Beförderung zum Beispiel. Oder zumindest zusätzliche Essensrationen.

Dai Wan machte sich keine Gedanken darüber, ob er sich richtig verhielt oder nicht. Er wusste, dass er so handeln musste. Nicht wegen der Belohnung, die war nebensächlich. Er wollte den großen Hon Kai Cheng schützen mit allem, was ihm zur Verfügung stand. Verbrecher dieser Art mussten ausgemerzt werden, hatten keine Lebensberechtigung mehr. Der Schutz des Landes, ihres Paradieses zählte. Sonst nichts.

Also beobachtete er weiter. Immer wieder warfen sich die beiden vielsagende Blicke zu. Hätten sie Streit, wie er zunächst glaubte, würden sie sich eher ignorieren. Zwar konnte er keine verdächtige Äußerung erhaschen, doch sein Gefühl verstärkte sich mehr und mehr.

Wenn er sich täuschte, würde das Zimmer der beiden zwar durchsucht, sie einer intensiven Befragung, vielleicht mit ein paar Stockschlägen zur Aufmunterung unterzogen werden, aber sonst würde ihnen wohl nicht viel passieren. Er war sich auch sicher, dass sein Name bei einer Denunziation nicht genannt würde. Was hatte er also zu verlieren?

Im Verlauf des Abendessens, das wohl wie meistens aus einer dünnen Graupensuppe, in der ein paar sehnige Fleischbröckchen schwammen und hartem trockenen Brot bestehen würde, wollte er zum Telefon schleichen, welches, für alle zugänglich, in der Eingangshalle des Kasernengebäudes stand.

Zu seinem Sitznachbarn gewandt, entschuldigte er sich für sein plötzliches Aufstehen. Er müsse kurz zur Toilette. Das kam öfter vor. Die Mahlzeiten waren durchaus geeignet, dass einem schlecht werden konnte.

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Die Tür explodierte. Ein Knall Knall und das Geräusch von berstendem Holz, als sie aus den Angeln flog. Ki Su glaubte, ihn träfe der Schlag. Sie blickten beide in die Mündungen der Sturmgewehre, die die drei Geheimpolizisten auf sie richteten. Von selbst nahmen sie die Arme in die Höhe, blieben wie versteinert vor dem Computer sitzen. Über den Bildschirm war gerade die Seite des Auswärtigen Amtes der japanischen regierung zu sehen, deren Mitteilungen sie studiert hatten. Gespeichert waren all die bunten Internetseiten, die niemand im Reich des Großen Hon Kai Chengs sehen durfte. Und Angehörige der Spezialtruppen schon gar nicht.

All das wurde von einem der Drei genauestens protokolliert und auf einem USB-Stick gespeichert. Damit war der Beweis für ihr Verbrechen erbracht.

Unterdessen wurden sie aufgefordert, an die Wand zu treten, nach Waffen abgeklopft. Dann band man ihre Arme mit Kabelbindern auf den Rücken. Mit vorgehaltenen Waffen wurden sie abgeführt und in den draußen wartenden Kleintransporter befördert.

„Was habt ihr euch denn da so interessiert auf dem Computer angeschaut?“ fragte ihn der Vernehmungsoffizier süffisant. „Nackte Weiber würde ich ja verstehen, aber dieses Zeug? Diese billige ausländische Propaganda? Was habt ihr euch davon versprochen?“.

Ki Su schwieg. Was hätte er auch sagen sollen?

Sie konnten jetzt mit ihm machen, was sie wollten. Er war ihnen völlig ausgeliefert. Sie würden ihn foltern, wenn er nicht auspackte. Dieser Mann vor ihm sah sich dazu im Recht. Er war es ja auch. Aus seiner Sicht gesehen, tat er das richtige. Er schütze den großen Hon Kai Cheng vor Leuten wie ihm. Vor Menschen, die taten, was sie nicht durften. Und dadurch alle und alles gefährdeten. Die Erfolge des Landes, sein Ansehen. Die Kampfbereitschaft des Militärs. Die gesamte Zukunft. Dieser Offizier würde sich nie dafür verantworten müssen, was auch immer er ihm jetzt antun würde. Also konnte er alles tun.

Dies war schon immer so. Wenn keine Strafe zu fürchten war, wenn man sein Handeln vor sich selbst rechtfertigen konnte und dies als notwendig ansah, war ein Mensch bereit, einen anderen alles al Leid und Schmerz zuzufügen, was irgend denkbar war. Es erklärte, wie ein freundlicher Bäcker nachdem er SS-Mann geworden war, zum Teufel mutierte. Wie es sich erklärte, dass Menschen ihre gesamte Erziehung, ihren Verstand und jedes Mitgefühl, jede menschliche Regung über Bord zu werfen, bereit waren.

Die Gedanken wirbelten Ki Su durch den Kopf. Durfte er seinen Freund für alles verantwortlich machen? Blieb ihm denn überhaupt eine Wahl? Wenn er lebend diese Räume verlassen wollte, wenn er auch nur die geringste Chance haben wollte, musste er ihn ans Messer liefern. Sun Kim war ohnehin verloren. Es war sein Stick, sein Computer. Nie würde man ihn mit dem Leben davon kommen lassen. Er würde einfach verschwinden. Ohne jede Spur. Wie vor ihm Zigtausende. Es hatte keinen Sinn, sich zu opfern. Er verachtete sich für seine Angst, seine Schwäche, seine Feigheit. Als man ihn auf Sun Kim ansprach, sprudelte dann alles aus ihm heraus. Dass dieser Verräter ihn bedrängt habe, sich die Downloads anzusehen, die er ja genau so sehr ablehnte wie der werte Herr Genosse Vernehmungsoffizier. Wie er versuchte hatte, den Freund, der nun nicht mehr sein Freund war, davon abzuhalten. Wie er ihn vergeblich vor den Folgen gewarnt hatte.

Und während er sprach, begann er es langsam selbst zu glauben. Natürlich war er dagegen gewesen, hatte gewarnt. Wollte sein gutes Leben nicht wegen irgendwelcher Informationen aufs Spiel setzen, die sich ganz sicher als plumpe Propaganda herausstellen würde. Er verdrängte, dass er begierig die verstörenden Bilder und Texte aufgesogen hatte. Dass es ihn immer nach mehr verlangt hatte. Dass dieser verdammte Stick, das World Wide Web Macht über ihn gewonnen hatten. Er verdrängte, damit er sich weniger schuldig fühlte. Damit er seinen Freund verraten konnte.

Der Oberbefehlshaber seiner Einheit sprach das Urteil. Zwölf Jahre Zwangsarbeit. Ki Su seufzte erleichtert auf. Er würde jetzt barfuß durch die Hölle gehen. Das war ihm klar. Aber er lebte. Dann teilte man ihm mit, was mit seiner Familie geschehen würde. Er brach zusammen. Obwohl er nichts anderes erwartet hatte.

Hai Sun Kim schwieg ebenfalls. Er wollte seine Geliebte auf keinen Fall mit hineinziehen. Doch er hatte die Brutalität der Vernehmungsspezialisten unterschätzt.

„Woher hattest du den Stick?“ fragten sie ihn. Als er nicht antwortete sagte der Offizier in eiskaltem Ton. „Ich frage nur noch einmal. Wir werden es ganz sicher herauskriegen. Wir haben so unsere Methoden. Da gibt es tolle Chemikalien, die wir dir ins Blut spritzen. Oder wenn du herkömmlichere Methoden vorziehst, haben wir auch liebe kleine Nagetierchen:“

Er wies den Untergebenen an, die Ratte zu bringen. Das fette Tier saß ängstlich in einem etwa zehn Zentimeter im Durchmesser messenden starken Stahlrohr. Am hinteren Ende war eine Vorrichtung zum Entzünden des Feuers angebracht.

Davon hatte Sun Kim schon gehört. Diese Methode stammte noch aus dem Russland der Zarenzeit. Er wusste, was geschehen würde, wenn man das Feuer entzündete und das Rohr auf seinen Bauch gedrückt würde. In voller Panik würde die Ratte versuchen, sich durch sein Fleisch zu fressen. Alles, nur das nicht. Also redete auch er.

Genutzt hatte es ihm allerdings wenig. Die Rattenmethode wurde auch so durchgeführt. Einfach, weil die Vernehmungsleute etwas Spaß wollten. Weil sie es tun konnten. Er schrie, wie noch nie in seinem Leben. Bis er in Ohnmacht fiel. Dann knallte ein Schuss. Seine Leiche wurde den immer hungrigen Spürhunden im Zwinger vorgeworfen.

Pang La-Wan gestand ebenfalls. Gestand, nachdem man sie zum zweiten Mal vergewaltigt hatte. Als alles gesagt war, und die Vernehmer ihre Arbeit erledigt hatten, gingen sie zum gemütlichen Teil über. Sie wandten sich erneut Lai wang zu. Noch einige Male, dann erlöste auch sie ein Schuss.

Ihr Vater wurde erhängt, weil er so leichtsinnig war, seiner Tochter den Zugang ins Internet zu ermöglichen. Er bat, bettelte um sein Leben, schiss sich in die Hosen, aber niemand kümmerte sich darum. Sie taten, was getan werden musste und diese Gewissheit war ihnen genug.

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Er schwor Rache. Rache für seine völlig zu Unrecht verhaftete Familie, für die er momentan nichts tun konnte. Im Moment nicht, vielleicht nie wieder. Rache für seinen hingerichteten Kameraden. Rache für alles, was diese Hydra dem gesamten Volk antat.

Doch da war noch etwas. Mit großer Wahrscheinlichkeit würde diese Verbrecherbande, die sich Regierung nannte und für gottgleich hielt, einen Atomkrieg beginnen, ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn sie selbst ihre Macht verloren, weil sich der Süden, die Amerikaner oder vielleicht sogar der große Nachbar im Norden gegen sie wandte, würden sie nicht zögern, ihre schärfste Waffe einzusetzen. Sollten sie dran glauben müssen, dann eben alle anderen mit ihnen.

Sie lebten in der ständigen Angst, dass sich das Volk erheben könnte. Aus Not, aus Hunger oder weil es plötzlich seine eigene Situation erkannte. Erkannte, dass die Menschen seit vielen Jahrzehnten systematisch verblödet und von der Welt abgeschnitten wurden.

Um dem vorzubeugen, musste die Wut, der Zorn der Menschen auf den äußeren Feind gelenkt werden. Sie fühlten sich stark, mächtig, unangreifbar mit der Bombe. Die sonst wohl niemand mehr einsetzen würde. Die nur noch dazu diente, das strategische Gleichgewicht der Großmächte zu sichern. Und wer nicht zu ihnen gehörte, wie Pakistan, Indien oder bald vielleicht der Iran, war ebenfalls gegen jede militärische Aggression geschützt.

Was aber, wenn es gelang, dem verhassten Regime die Bombe wegzunehmen? Wenn er die Raketenstellungen verriet und somit einem Angriff schutzlos auslieferte? Dann war sein Land frei. Dann war die Macht der Nomenklatura gebrochen. Es musste ihm gelingen, ins Ausland zu entkommen und sein Wissen weiterzugeben.

Dies war mehr als Rache. Dies war seine Verantwortung. Die Verantwortung für sein Land, für seine Menschen. Für den Frieden. Den Schutz all derer, die im atomaren Feuer verglühen würden.

Ki Su lag auf seiner Pritsche in der Gefangenenbaracke und überlegte. Gab es einen Weg zu entkommen? Wie konnte es gelingen, aus der Anlage zu verschwinden und nicht schon nach wenigen Stunden eingefangen zu werden? Er musste damit rechnen, entweder sofort erschossen oder zur Abschreckung der Mithäftlinge von den Suchhunden zerfleischt zu werden.

Einfach während des täglichen Wegs in den Steinbruch weglaufen, war aussichtslos. Nachts über die Stacheldrahtzäune zu klettern, zu gefährlich. Sie waren in doppelter Reihe angelegt; zwischen ihnen befand sich der Laufgraben mit den Hunden, die an langen Drähten geführt, sich schnell bewegen konnten. Dabei war davon auszugehen, dass die oberen Drähte Starkstrom führten. Und dann waren da ja noch die Scheinwerfer und Wärmebildkameras. Nein, so ging das nicht.

Er musste durch das von Wachen gesicherte Tor. Einen anderen Weg gab es nicht. Aber wie? Ihm kam der alte russische Geländewagen vom Typ UAZ 469 in den Sinn, mit dem der Lagerkommandant öfter am frühen Abend verschwand. Meistens am Mittwoch, aber nicht immer. Ki Su hatte öfter, kurz vor dem einschlafen, den Motor des wegfahrenden Autos gehört. Konnte er unbemerkt in das Fahrzeug gelangen? Würden die Torwachen diesen Wagen überhaupt kontrollieren?

Der Kommandant war bei allen, nicht nur den Gefangenen sondern auch den Bediensteten, wegen seiner Härte und den oft unvorhersehbaren Wutausbrüchen gefürchtet. Wie Ki Su erfahren hatte, hatte man ihn erst seit einem halben Jahr nach hier versetzt. Sein Vorgänger war aus irgend einem Grund in Ungnade gefallen und entfernt worden. Vielleicht, weil er zu weich war. Das würde man dem jetzigen Chef wohl kaum nachsagen können. Es war damit zu rechnen, dass ihn deshalb die Wachmannschaft ohne großes Aufhebens durchwinken würde.

Seit ein paar Tagen war Ki Su im Besitz des etwa zwölf Zentimeter langen Nagels, in seinen Händen eine gefährliche Waffe. Mühsam hatte er ihn aus dem vermoderten Balken des stinkenden Klohäuschens gepuhlt. Dort war man allein; er konnte unauffällig arbeiten. Dennoch war es sehr mühsam und zeitaufwändig, den rostigen Nagel zu lockern, das mürbe Holz soweit zu entfernen, dass er den Nagelkopf zu fassen bekam und mit dem faustgroßen Stein vorsichtig nach hinten ziehen und herausschlagen konnte. Seine relativ lange Verweildauer auf dem Scheißhaus erklärte er seinem Pritschennachbarn mit Durchfall, unter dem er leide.

Dann hatte er mit dem Schleifen der Nagelspitze begonnen. In jeder unbeobachteten Minute schliff er ihn an dem kleinen Kieselstein, den er in der Hosentasche mitführte.

„Was machst du denn da?“, fragte sein Pritschennnachbar, als er nachts vor dem Einschlafen unter der dünnen Decke an dem Nagel schliff.

Erschrocken hielt Ki Su inne. Hatte der Kerl etwas gemerkt? Dabei dachte Ki Su, er würde fest schlafen.

„Penn einfach weiter“, entgegnete er scharf.

Hatte der Mann ihn bewusst getäuscht, indem er sich schlafend stellte? Ahnte er, dass Ki Su etwas vorbereitete, vielleicht einen Ausbruch plante? Wenn er ihn verriet, oder vielleicht nur einen Verdacht äußerte, war Ho Ki Su in größter Gefahr. Auf keinen Fall durfte der Nagel bei ihm gefunden werden. Ihn wie bislang unter der Matratze zu verstecken, kam nicht in Frage.

Er deponierte ihn am nächsten Morgen in der Gemeinschaftslatrine. Sollte man das angeschliffene Metallstück dort finden, waren alle gleich verdächtig. Bei jedem gang zur Toilette arbeitete er an seiner Waffe. Natürlich hatte jeder ungehindert Zugang zu der Toilette. Sie war zwar durch eine Tür geschlossen, aber nicht verriegelbar. So musste Ho Ki Su während er auf der primitiven Holzplatte mit dem Loch in der Mitte hockte, aufmerksam lauschen, ob sich kein anderer näherte.

Er schliff wann immer es ihm möglich war, und irgendwann wurde die Spitze des Nagels zu einer messerscharfen Klinge.

Heute war wieder Mittwoch. Heute oder nie.

„Ich geh noch mal aufs Scheißhaus“, sagte er zu dem Kerl neben sich auf der Pritsche. Der war schon am eindösen und würde hoffentlich nicht bemerken, dass der Platz neben ihm in dieser Nacht leer bleiben würde.