Süd Salatonien - Jan Michalsky - E-Book

Süd Salatonien E-Book

Jan Michalsky

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Beschreibung

Viele Jahrtausende nach dem Untergang der Menschheit erhebt sich die nächste Stufe intelligenten Lebens auf der Erde: die Salatonier! Zwei dieser skurrilen Bewohner sind der melancholisch-depressive Choleriker und Hobby-Sadist Pein Eppel und sein idealistischer Begleiter und selbsternannter Leibwächter Starvarius. Während die beiden versuchen, sich in ihrer chaotischen und kuriosen Welt zurechtzufinden, gelangen sie durch schieren Zufall an eine Prophezeiung des mysteriösen Propheten Nostradanuss. Endlich hat Starvarius ein Ziel, für das er sogar gegen mächtige Feinde wie den skrupellosen Mutantengeneral Krudding – halb Krähe, halb Pudding – in den Kampf zieht. Mit Hilfe der unvorstellbaren Geschöpfe seiner Welt treibt die optimistische Sternfrucht ihren störrischen Begleiter von Abenteuer zu Abenteuer auf ihrer scheinbar aussichtslosen Suche nach der Höhle des Schicksals – der letzten Rettung Süd Salatonien! Eine expressionistisch-ausgefallene Fantasy-Parodie!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 647

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Süd Salatonien

Band 1

Jan Michalsky & Arne Michalsky

Widmung

Wir widmen dieses Buch allen schuhlosen Tausendfüßlern, den schwächsten Küken im Nest, der unbekannten Hälfte aller Krähen, dem unvorbereitetsten Eichhörnchen, dem letzten Schluck aus der Flasche und der Farbe Vielleicht.

Vorwort – Süd Salatonien (2023)

Hallo zusammen und herzlich willkommen zu Süd Salatonien (2023). Die vorliegende Geschichte hat einen langen Weg hinter sich. Zuerst in 2010 beim Zariah Prophetia Verlag erschienen, wechselte sie noch im selben Jahr zum Dresdner Buchverlag, wo sie durch Reduktion der Fantasy-Sparte vor sieben Jahren ebenfalls aus dem Sortiment verschwand. Nach vielem Hin und Her hat es die Geschichte nun in dieser Form zurück in die Welt und in eure Hände geschafft! Dabei handelt es sich um eine inhaltlich unveränderte und nur formal etwas angepasste Version genau jenes ursprünglichen Buches. Wir haben uns dagegen entschieden, Veränderungen oder Aktualisierungen vorzunehmen, sondern wollten diese Geschichte genauso lassen, wie sie damals gedacht war. Das bedeutet, dass auch der Prolog als Tor und für so manchen auch Hürde nach Süd Salatonien weiterhin besteht. Die wackeren werden ihren Weg finden! Wir wünschen viel Spaß bei eurem Besuch in dieser skurrilen Welt und würden uns freuen, euch auch in unserer Social Media Community begrüßen zu dürfen!

Fruchtige Grüße Jan und Arne Michalsky

Der Autor betritt die Bühne. Eine Kerze flackert neben dem Rednerpult. Der Autor wartet auf die Stille nach dem Applaus.

Der Autor:

Prolog

Donnernd läutete die Kirchturmsglocke die Geburt eines weiteren Schweißtropfens ein. Dieser drückte sich mühsam aus einer Pore und rutschte voller Erwartung in geschwungenen Linien die Stirn hinunter. Geschwind zog er Narbe für Narbe die Konturen des kantigen Gesichtes nach und stockte, als er den schier unendlichen Abgrund bemerkte, der da auf ihn wartete. Hektisch griff er nach den kratzigen Bartstoppeln, fand aber keinen Halt. Um Hilfe schreiend hielt er sich noch einige Sekunden am unteren Ende des Kinns fest, bis die Schwerkraft ihn mit ihrer unerbittlichen Macht in die Tiefe zog. Plätschernd zerplatzte sein wässriger Körper auf dem staubigen Untergrund.

Mit einem unverkennbaren Ausdruck innerer Anspannung blickte sein Schöpfer dem Feind ins Angesicht. Das konnte doch nicht wahr sein! Er war Bartock, Herrscher des Fleischreißer-Clans, Wanderer der tausend Steppen, Eroberer und Befreier der Kernwelten, Bezwinger von Xantros dem Unbezwingbaren und unbesiegt in abertausend Schlachten! Der Umfang seiner Arme ließ jede noch so starke Rüstung bersten und der Hieb seiner Klinge vermochte Berge zu teilen! Wie konnte ER besiegt werden?! Nicht von einem der höheren Götter selbst oder einem General glorreicher Streitmächte … Nein – von diesem Würstchen!

Professor Klammsing erwiderte den Blick Bartocks mit einem Lächeln. Er war von einer Gestalt, die unscheinbarer nicht hätte sein können. Sein Hemd war als Reaktion auf die Hitze ein Stück aufgeknöpft und hatte gelbe Schweißränder unter den Armen, die er ungeschickt zu verbergen suchte. Die leicht eiförmigen Brillengläser ließen seine Augen noch größer wirken, als sie ohnehin schon waren, und der kreisrunde Haarausfall, der nur durch einen schmalen Ring aus drahtigen Haaren umschlossen wurde, komplettierte den Eindruck der Zerstreuung, den er unweigerlich beim Beobachter erweckte. Sein Körperbau war unscheinbar schmal und sein Gesicht hager und eingefallen. In seiner Heimat war diese Erscheinung nichts Ungewöhnliches – doch er war nicht in seiner Heimat. Er hätte sogar nicht weiter davon entfernt sein können. Stellte man sich das Universum wie zwei Seiten einer Medaille vor, wo alles auch ein genaues Gegenteil hätte, so wäre diese der Barbarei und Brutalität anheimgefallene Wüste garantiert die dunkle Unterseite gewesen. Auf der funkelnden Oberseite befand sich Taliandros, die Hochburg der Intellektuellen und Philosophen, Ruhepol der umliegenden Systeme – und ganz nebenbei Klammsings Heimat.

„Zwei rot, vier gelb und einen Raben“, wiederholte der Professor und legte die Karten auf den Tisch.

Bartock grummelte. Ein Wissenschaftler. Keiner von der nützlichen Sorte, der Waffen entwickelte, Schmiedetechniken verbesserte oder Portale zwischen den Ebenen erbaute, nein, ein Geisteswissenschaftler. Noch schlimmer, ein Literaturwissenschaftler! Bartock war Krieger und traute grundsätzlich niemandem, der sich Idiot schimpfen ließ, ohne es sofort mit Blut zu vergelten, doch war er gebildet genug, um zwischen diesen Schwachblütern zu unterscheiden.

Der Professor duckte sich und entging so dem mächtigen Hieb des Barbarenzweihänders. Dies galt unter den Berserkern der Kargfelswüste, deren kulturelle Besonderheiten Klammsing zum Glück bestens bekannt waren, als Zeichen der Aufgabe.

„Gelb, zwei Äxte, zwei Mal weiß, eine Flussschildkröte und die Schlacht von Kamar’rr!“, brüllte der Berserker und donnerte einen rechteckigen, in ein Stofftuch gewickelten Gegenstand auf den Tisch. Darauf legte er einen Sack voll Edelsteine und seinen Lieblingsdolch.

Weddige Klammsing beugte sich vor, nahm vier besonders feine Juwelen aus dem Beutel und schob diesen dann zusammen mit der Waffe zurück über den Tisch. Er war sich bewusst, dass Bartock dies gemäß dem „Kodex der vier und Frederick“ als Zeichen der Schande und Respektlosigkeit deuten könnte – doch beide beschlossen, diese Kleinigkeit zu übersehen.

Während der Endzeitbarbar die Taverne verließ, zog sich der Professor mit dem Paket in eine dunkle Ecke des Raumes zurück und begann, penibelst Ecke für Ecke des Stofftuches umzuschlagen, bis dessen Inhalt in nostalgischer Schönheit vor ihm auf dem Tisch lag. Ein Buch. Klammsing strich über den Einband und fühlte sich an die Strapazen erinnert, die er das erste Mal hatte auf sich nehmen müssen, als er dieses Werk in seinen Händen hielt. Fünfzehn Jahre seines Lebens waren nötig gewesen, um die Expedition zu planen, und noch einmal zwei weitere, um alle notwendigen Vorbereitungen zu treffen: die Mannschaft organisieren, kompetente Gelehrte finden, die Umgebung einschätzen. Und dann hatte ihn seine eigene Mannschaft verraten! Am Ausgang der Narratori-Ruinen zeigten die vier Söldner der Treacherous Inc. ihr wahres Gesicht, töteten den Großteil seiner Crew, beschädigten jegliches Transportmittel außer dem eigenen und nahmen alle gefundenen Schätze an sich. Glück im Unglück: Die vier Männer hatten einen winzigen Haken in ihrem Plan übersehen…

Die Menschheit hatte sich in den letzten Jahrhunderten weit ausgebreitet, ein gewaltiges Imperium errichtet, zahlreiche Welten bevölkert – dann kam die Wende. Man wusste nicht viel über die Wende. Nur ein paar taliandrische Gelehrte kannten die Geschichten und hatten geschworen, niemals darüber zu sprechen. Was auch immer geschehen war, es hatte dazu geführt, dass die Menschheit die Verbindung zueinander verlor. Welten wurden vergessen, Zivilisationen isoliert. Die Natur holte sich zurück, was ihr gehörte.

In dieser Zeit entwickelten sich die verschiedenen Stämme der Menschen recht unterschiedlich. Um die Ruinen der Narratori auf diesem Planeten hatten sich Stämme der Bujari angesiedelt, eine Kriegskultur, zu der auch sein Spielpartner Bartock gehörte, und ein Volk, das einige beeindruckende biologische Eigenschaften aufwies. Nur wenig davon war in den Bibliotheken von Taliandros erwähnt, noch weniger erklärbar. Ihre Wissenschaft beruhte noch immer auf den alten Naturgesetzen – und diese, so viel war bekannt, galten seit der Wende nur noch bedingt. Die Krieger der Bujari witterten Verrat. Nicht mit dem Gehör, dem Sehen oder dem Geruch. Sie hatten dafür einen zusätzlichen Sinn. Verräter waren in ihren Augen die schlimmsten Verbrecher und so zögerte Bartock keine Sekunde, ehe er mit den Mitgliedern der Treacherous Inc. den Canyon tapezierte.

Die Leidenschaft für das Glücksspiel hatte nun letztendlich dafür gesorgt, dass dieses wertvolle Relikt einer alten Zivilisation seinen Weg zurück in die Hände des Professors fand. Die Kultur der Bujari war ein zweischneidiges Schwert. Schon zwanzig Jahre nach der „Entdeckung der Raumfahrt“ – wenn man die räuberische Aneignung einer Technologie denn als Entdeckung bezeichnen wollte – hatten sie zahlreiche Systeme mit brutaler Gewalt und ohne großen Widerstand unterworfen, doch jedes einzelne in den folgenden zwei Jahren beim Glücksspiel wieder verloren. Dies lag nicht zuletzt daran, dass sich die Bujari nur in einem einzigen Spiel fordern ließen: dem Zwangsch Splingeln.

Der Zwangsch war eine Art Kartenstapel mit verschiedenen Motiven, der nach scheinbar willkürlichen Regeln zusammengestellt und gemischt wurde. Auf den Karten konnten Farben, Zahlen, Tiere, Planeten, historische Ereignisse und Dinge, die mit Worten nicht beschreibbar waren, abgebildet sein. Jeder Spieler erhielt einen Zwangsch und der Spieler mit dem geringsten Oberarmumfang durfte mit dem Splingeln beginnen. Dabei zog er eine Karte und legte diese unaufgedeckt nach rechts auf einen Sonderstapel. Daraufhin zog der Gegenspieler drei Karten und legte sie nach links, vier Karten auf den Stapel rechts und halbierte den Stapel in der Mitte. Die oberste Karte des Stapels, der links von dem beginnenden Spieler lag, wurde gezogen und auf die Hand genommen. Dies ging so weit, bis jeder Spieler sieben Karten auf der Hand hatte und diese dem Gegner offenbarte. Nach insgesamt fünf Siegen galt das Spiel als gewonnen.

Die Regeln, nach denen die Punkte gezählt und die Sieger ermittelt wurden, verstand Klammsing nicht einmal im Ansatz. Ein Schamane der Bujari hatte sie so entwickelt, dass sie Kreaturen mit einem universell normierten Intelligenzquotienten von über 2.43 UI, was in etwa dem Intelligentesten der Bujari entsprach, nicht mehr zugänglich waren. Dem Professor, der stolz seine 4.78 UI auf die linke Brusttasche seines Hemdes gestickt hatte, entzogen sich die Regularien gänzlich. Das war jedoch nicht schlimm, denn aus irgendeinem Grund schien dieses Spiel sich gerade dann zum Nachteil zu wenden, wenn man versuchte, es zu berechnen. Und das versuchten die Bujari – und zwar immer.

Lange Rede kurzer Sinn: Bartock hatte verloren. Alles. Der Professor jedoch strahlte überglücklich, als er ES endlich wieder in den Händen hielt.

„Narratori“, murmelte Weddige und wie von Geisterhand tat sich in seinem Verstand die Erinnerung an die Kindheit auf und an die Stimme seiner Geschichtslehrerin, als sie dieses Wort ein weiteres Mal von den kuppelförmigen Wänden des Klassenraumes widerklingen ließ.

„Narratori. Wer kann mir sagen, was sich hinter diesem

Begriff verbirgt?“ Ein Seufzen. „Weddige?“

Der kleine, schmächtige Schulstreber nahm grinsend seine wild fuchtelnde Hand herunter und sprang rasant in die Senkrechte. Er gab so schnell Antwort, dass sich seine Zunge fast überschlug: „Die Narratori waren ein wanderndes Volk, das vor allem in Wäldern und Gebirgen gelebt hat und seit 1300 Jahren vor der Wende ausgestorben ist. Ihre Körper sind an das Leben in Höhlen, unterirdischen Gängen und sehr kleinen Hütten angepasst.“

„Sehr gut. Und was unterscheidet die Narratori von anderen Völkern?“

Wieder schnellte Weddiges Hand in die Höhe und als seine Lehrerin frustriert feststellte, dass sich wohl keine andere zu ihr gesellen würde, kam er erneut an die Reihe.

„Aufzeichnungen belegen, dass die Narratori zwar ein primitives Leben führten, wissenschaftlich aber weit entwickelt waren. Sie dienen den Menschen als glänzendes Beispiel dafür, dass man wissenschaftlich hoch entwickelt sein und trotzdem in Einheit mit der Natur leben kann.“

Die Lehrerin nickte erneut. Die nächste Frage hatte sich Klammsing noch prägnanter ins Gedächtnis gebrannt, denn diese sollte zu einem Leitfaden seiner wissenschaftlichen Laufbahn werden.

„Und wer kann mir sagen, wofür die Narratori dieses umfassende Wissen verwendet haben, wenn nicht für das tägliche Leben?

Weddige strich ein weiteres Mal mit gesteigerter Ehrfurcht den Titel „Süd Salatonien“ auf dem Einband nach.

„Um ihre Geschichten und Erzählungen mit Leben zu füllen“, sprach er laut im Duett mit seinem kindlichen Ich, zugleich in dem hellen Klassenraum an der Sonnenschein-Grundschule-West-Taliandros und in der dunklen Ecke der Bujari-Taverne mitten im Zentrum der Kargfelswüste.

Man hatte nur Ausschnitte aus theoretischen Berichten der Narratori gefunden oder Abschriften in den Bibliotheken der wenigen Völker, die einen seltenen, aber freundlichen Kontakt mit ihnen gepflegt hatten. Doch nie …

Der Professor schluckte trocken und nahm einen Schluck aus seinem Trinkschlauch. Warmes Wasser.

Doch nie – wirklich nie – hatte man ein vollständig erhaltenes Exemplar narratorischer Erzählkunst gefunden. Man konnte nur grübeln, welche der wundersamen Gerüchte und Hypothesen in ihm ihre Erfüllung fanden. Damals. Jetzt nicht mehr. Das Grübeln war vorbei. Die Zeit der Fakten war angebrochen und er, Weddige Garrelt Klammsing, würde ihr Wegbereiter sein!

Weddige ließ sich ein Glas kühles Wasser bringen, schluckte erneut und schlug mit zittrigen Fingern den Deckel zurück.

„Selige Erlösung!“

„Uah!“ Der Professor erschrak halb zu Tode, purzelte mit seinem Stuhl rückwärts durch den Raum und blieb in der Ecke liegen. Hatte dieses Buch gerade mit ihm – gesprochen?

Weddige wartete, bis sich sein Herzschlag beruhigt hatte und die prüfenden Blicke der übrigen Gäste von ihm gewichen waren, ehe er sich aus seiner kauernden Stellung erhob, den Stuhl wieder auf seinen Platz stellte und vorsichtig mit dem Lesen fortfuhr.

„Welch ein Genuss, nach so vielen Jahren mal wieder ein paar warme Finger auf meinen zerknitterten Seiten zu spüren! Wenn Sie mir die Ehre erweisen würden, mich von Zeit zu Zeit einmal ein wenig durchzublättern, oh ja, wie fein wäre das!“

Klammsing löste den Blick von den seltsamen Schriftzeichen und versuchte, zu verarbeiten, was er gerade erlebt hatte. Wenn ihm nicht all seine Kenntnisse wissenschaftlicher Fakten das Gegenteil bewiesen hätten, so hätte er geglaubt, dass dieses Buch gerade leibhaftig mit ihm gesprochen hatte.

Als seine Augen sich jedoch wieder an die geschwungenen Linien hefteten, begann er langsam zu verstehen. Obwohl ihm die Schrift gänzlich unbekannt war, transportierten die Zeichen ihre Bedeutung wie von selbst in seinen Geist. Er konnte diese Schrift lesen, ohne sie zu beherrschen. Und noch viel mehr als das – denn es schwang mit den zahlreichen Schlaufen, Schleifen und Kurven eine seltsame Metaebene mit, als würden diese kryptischen Symbole auf eine mysteriöse, übersprachliche Art und Weise zugleich Bedeutungen, Betonungen, Gefühle und Bilder vermitteln.

Weddige versuchte, den Satz zuvor noch einmal zu lesen, doch verhinderte ein komisches Gefühl tief in ihm, die Geschichte zurückzudrehen und somit die Chronologie des Romans zu gefährden. Das Buch hatte ihn vollends in seinen Bann gezogen und nötigte ihn förmlich – nicht durch ein unangenehmes Gefühl des Zwanges, sondern durch einen Impuls unwiderstehlicher Faszination –, immer weiter zu lesen und den gespielten Dialog mit dem Schmöker einzugehen.

„Haha! Ja, ja, so reagieren sie am Anfang alle“, schrieb das Buch. „Lange ist es her … Wenn ich mich recht erinnere … ja, genau … sage und schreibe 698 Jahre stand ich in der Staatsbibliothek von und zu Süd Salatonien und durfte mich mit einem alten Kochbuch für Zwiebelsuppen und einem Lexikon der Astronomie herumplagen.“

Der Professor zog die Mundwinkel schwach zu einem Grinsen nach oben.

„Ja, Sie finden das vermutlich komisch, doch ich sage Ihnen, ein Zuckerschlecken ist das nicht. Wie bin ich eigentlich hierher gekommen? Und wo ist dieses Hier?“

Weddige zog eine Augenbraue hoch. Die Zeichen waren – erstarrt. Als ob das Buch auf irgendetwas wartete. Er kam sich schon ein wenig seltsam dabei vor, um es mit harmlosen Worten auszudrücken, doch schlussendlich hob er die Lektüre an, hielt sie empor und zeigte sie mit zum Raum gewandter Innenseite einmal durch die Runde. Tatsächlich fuhr es daraufhin fort. „Ah ja … immerhin keine Bibliothek. Vermutlich bin ich auch nur eine von zahlreichen Abschriften, doch ich freue mich, gerade in Ihren Händen gelandet zu sein. Meine persönliche Geschichte ist es jedoch nicht, die Sie interessiert, mein Herr, nicht wahr? Was stand noch gleich auf meinem Einband? Süd Salatonien, richtig? Oh, das ist eine meiner Lieblingsgeschichten! Wissen Sie, nicht viele von meiner Sorte schaffen es in eine zivilisierte Welt – welche auch immer das gerade sein mag. Andere meiner Art …“

Ein Seufzen. Oder auch nicht? Aus dem Buch? In seinem Kopf?

„Nein, ich mag gar nicht daran denken. Doch da Sie es wohl bis zu dieser Zeile geschafft haben, scheint Sie vermutlich mein Inhalt zu interessieren, oh, welch Freude! Ich bitte übrigens um Verzeihung, mich noch nicht vorgestellt zu haben. Namen … Was bedeutet ein Name, wenn man ein Buch ist? Meinen Titel kennen Sie und mein Autor, ja, mein Autor bin ich wohl selbst. Witzige Geschichte, doch ich schweife schon wieder ab. Wenn es Sie nach einem Namen für mich drängt, so ist dies wohl X-19LIRPA-7891, 3. Stock 2. Regal hinten rechts. Aber wenn Sie möchten, so nennen Sie mich einfach Buch oder Schmöker oder vielleicht Herbert. Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf! Fantasie … Sehr wichtig für meinen Beruf und … Oh, Verzeihung! Jedenfalls – heute habe ich mir vorgenommen, Ihnen eine der bedeutendsten Geschichten Süd Salatoniens zu erzählen – eines sagenhaften Landes, das irgendwo fern der Vorstellung liegt. Süd Salatonien … Es ist nicht ganz einfach, dorthin zu gelangen. Man muss um ein paar Ecken denken. Bevor ich Sie jedoch mit weiteren Details langweile, beginne ich lieber rasch mit unserem kleinen Abenteuer. Abenteuer – ein schönes Wort, nicht wahr? Die meisten Abenteuer sind ja gar nicht so abenteuerlich, aber ich denke, dieses wird Ihnen gefallen. Es stammt ursprünglich aus dem Altfranzösischen und bedeutet … Wie? Oh, wieder ein Absatz voller Geschwafel! Seite um Seite um Seite. Nun dann, beginnen wir! Halten Sie sich fest, jetzt wird’s spannend!“

Inhalt

Cover

Titelblatt

Widmung

Vorwort – SüD Salatonien (2023)

Prolog

Akt 1

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Akt II

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Akt III

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Letztes Kapitel

Epilog

Über Jan Michalsky (von Arne Michalsky)

Über Arne Michalsky (von Jan Michalsky)

Urheberrechte

Süd Salatonien

Cover

Titelblatt

Widmung

Kapitel 1

Über Arne Michalsky (von Jan Michalsky)

Urheberrechte

Süd Salatonien

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Akt 1

Kapitel 1

Wieselflink huscht eine unscheinbare Gestalt durch die fetzenartige Wolkendecke und flattert dabei wie verrückt mit den deutlich zu kurz geratenen Stummelflügeln. Der kugelrunde Körper ist mit einem dichten Federkleid bedeckt, aus dem nur der gelbe Schnabel und die riesigen runden Glubschaugen herausschauen. Bei genauerer Betrachtung erkennt man, dass es sich bei der sonderbaren Figur im Mittelpunkt unserer Geschichte um Schiel vom Volk der Kampfnickeulen handelt. Der Name vermag in die Irre zu führen, hat sie doch nur ansatzweise etwas mit einer Eule gemein. Ihr Körper ist mit dem Kopf zu einer Kugel verschmolzen, aus der die typischen Vogelbeine ragen. Dies macht sie zum Kämpfen zu dick und zum Nicken zu plump.

Der Kurs des aufgeweckten Wesens ist nicht klar zu erkennen, denn sie rast über den Schwanensee und die prächtigen Großreiche im Zentralland hinweg, gleitet über die kargen Ödlande und streift bei ihrer rasanten Reise über die Wüstenregion von Wasweißich knapp den Schnackerwald. Noch ehe sie die vom Krieg gebeutelten Appellien im Süden erreicht, stoppt Schiel mitten im Flug abrupt ab, harrt unabhängig von den Gesetzen der Schwerkraft in der Luft aus und schmettert dann im rechten Winkel zu ihrer Flugbahn Richtung Erdboden. Wie ein Stein saust das Federvieh immer schneller dem sicheren Tod entgegen und beginnt erst wenige Meter bevor sie als unbedeutender Fleck auf den Wiesen der Weiten Flur in diese Geschichte eingeht, wieder mit den Flügeln zu schlagen. Einem Flummi gleich prallt sie im saftigen Gras auf, verändert dabei kurzzeitig ihre Form zu einem platten Fladen, um wenige Momente später wieder nach oben zu federn. Mit jedem Aufschlag verringert sich ihre Sprunghöhe ein wenig, bis sie schlussendlich auf den kurzen Beinen zum Stehen kommt und nach einer raschen Phase des Ausvibrierens regungslos auf der Wiese steht.

,Dann mal ratzfatz an die Arbeit!‘, befiehlt sich die merkwürdige Federkugel selbst und beginnt, sich mit hüpfenden Bewegungen grazil durch das Gras zu arbeiten. Nach ein paar Sprüngen bleibt sie auf der Stelle stehen, dreht ihren Kopf um 90 Grad in Richtung Boden und geht in die Knie, um mit dem Schnabel in die Erde zu picken. Während es ein Huhn beim Aufpicken von Körnern wesentlich leichter hat, ist dies die kreative Anpassung der Kampfnickeulen an ihren benachteiligten Körperbau. Sicher kein Vorteil der Evolution, doch die Gesetze der natürlichen Entwicklung gelten nicht für Süd Salatonien. Nicht mehr …“

Eine Tatsache, die Klammsing nur allzu bekannt vorkam.

„Nach diesem Muster durchkämmt Schiel systematisch die riesige Wiese um ihren Landeplatz. Plötzlich zeichnen sich Umrisse eines Schattens auf dem Boden ab, als sich eine seltsame Gestalt aus der gleichbleibend schleierartigen Wolkendecke wühlt und majestätisch näher an die beschäftigte Kampfnickeule herangleitet. Ein nerviges Krächzen stört die himmlische Ruhe und erweckt kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Suchenden, ohne dass diese ihre Arbeit zu unterbrechen wagt. Ein etwa 1,20 Meter großer Vogel setzt direkt neben der wesentlich kleineren Eule auf und rückt mit dem Flügel den etwas zu groß geratenen Zylinder mit dem roten Streifen zurecht. Rotschleifen Schjchu Schjchus leben eigentlich vorwiegend im Nordosten, doch treiben sie Geschäftsreisen von Zeit zu Zeit in ferne Lande. Wie jeder seiner Art, so trägt auch er den wohlgepflegten schwarzen Frack mit weißem Hemd und einer schwarzen Fliege. Sein Gefieder ist königsblau, die Füße gelb und ebenso der Schnabel. Die gefiederten Giganten verteidigen seit Jahrhunderten in der Welt ihren Ruf als kompetente Hotelfachvögel und werden von allen Zivilisationen – na ja … fast allen – vielerorts gelobt.

,Suchen Sie etwas Bestimmtes? Ich wäre gerne bereit zu helfen‘, krächzt der Schjchu Schjchu und hüpft Schiel mit einer gewissen Anhänglichkeit hinterher.

Die Kampfnickeule schüttelt wortlos den Kopf und sucht mit äußerster Präzision weiter.

,Sie sind eine dieser Kampfnickeulen, nicht wahr?‘ Die Betonung des Wortes „Kampfnickeule“ geht dem Vogel so beschwerlich über den Schnabel, dass nicht zu erkennen ist, ob diesem der Begriff schlicht nicht geläufig ist oder das Betonen der einzelnen Silben tatsächlich eine gewisse Abfälligkeit in sich trägt.

,Bin ich. Und beschäftigt bin ich auch‘, grummelt der kleine Federball genervt und versucht, mit zickzackartigen Hüpfbewegungen den Störenfried abzuwimmeln. Ungehindert pickt sie wieder und wieder mit dem Schnabel in den leicht feuchten Untergrund. Dabei versucht sie, dem Geschäftsvogel nicht in die Augen zu blicken, könnte man nach so einem Gespräch doch im Handumdrehen mit drei unbezahlbaren Immobilienverträgen dasitzen.

,Ich sah Euch gerade und habe mich gefragt, ob es stimmt, was man über Euer Völkchen sagt …‘

Keine Antwort folgt von der kleinen Gestalt. Ein Fehler – verleitet es doch den neugierigen Besucher zum Ausprobieren. ,Zeigt doch mal!‘

Schlagartig weiten sich panisch die Augen der Eule und mit unartikulierten Lauten versucht sie, das Schlimmste zu vermeiden. Zu spät! Mit seinem spitzen Schnabel pufft der blaue Vogel der überraschten Eule in die Seite. Ein Pusten, ein schrilles Pfeifen, aufs Dreifache bläht sich der pummelige Eulenkörper auf – dann ein Knall!

Eine peinliche Stille herrscht auf der Wiese, während ein laues Lüftchen über die zarten Halme hinwegstreicht. Im Umkreis von einigen Metern regnet es zahlreiche Eulenfedern und ein entblößter Körper bleibt zurück.

Verdutzt steht der Rotschleifen Schjchu Schjchu vor der kleinen Eule und schaut regungslos auf sein Werk. Schiels Ausdruck selbst ist wie versteinert und ihre Augen blicken mit einer Mischung aus Entsetzen, Scham, Wut und Depression in die Ferne.

,Oh … äh … so spät schon? Wie die Zeit doch vergeht! Die Arbeit ruft! Lebt wohl und … viel Erfolg!‘ Schon erhebt sich der Hotelfachvogel mit wenigen Flügelschlägen in die Lüfte, um so schnell wie möglich außer Sichtweite seines Opfers zu gelangen.

In raschem Tempo versinkt auch die dritte Sonne Süd Salatoniens hinter dem Horizont und noch immer steht Schiel gleichgültig und völlig ohne Bewegung auf dem weiten Feld und harrt aus. Nach nicht einmal zehn Minuten ist das Federkleid der Kampfnickeule fast vollständig nachgewachsen – und als auch die letzte nackte Stelle bedeckt ist, beginnt sich das Knäuel wieder zu rühren und seine Suche fortzusetzen. Nicht, weil sie nicht früher gewollt hätte, sie konnte nicht. Noch ein klarer biologischer Nachteil.

Auf einmal ertönt ein gellender Schrei. ,Bei den taufrischen Wiesen hinter den Spitzbergen, da ist ES!‘

Enthusiastisch hüpft Schiel im Kreis, wobei sich aber der obere Teil ihres Kopfes, der Teil, der die Augen trägt, nicht rührt. Dadurch beginnt sich der Körper der Eule langsam wie ein nasses Handtuch aufzuzwirbeln. Nach mehreren Umdrehungen halten die Füße still und blitzartig dreht sich der Kopf in die Ausgangsposition zurück. Erneut sticht der kleine Schnabel Schiels in den Erdboden und kommt wenig später mit einem roten Faden wieder zum Vorschein. Freudig auf und ab hüpfend verfolgt sie die Schnur über die halbe Wiese, bis diese schlussendlich an einer Stelle im Erdboden verschwindet. Der Faden scheint hier an einer Art Eisenring befestigt zu sein. Flink schnappt sich der Schnabel der Kampfnickeule den Ring und beginnt mit aller Kraft, daran zu zerren, bis eine Art Stöpsel aus dem Boden herausrutscht. Der darunterliegende Gang ist nicht einmal so breit wie eine menschliche Faust und eigentlich viel zu dünn für den kugeligen Eulenkörper. Nichtsdestotrotz flattert Schiel ein Stück in die Höhe, hält die Luft an und saust in die schmale Öffnung hinein. Wild strampelnd beginnt sie sich durch den Tunnel zu zwängen und ihren flexiblen Körper nach allen Regeln der Kunst zu verformen.

Mit dem Geräusch eines frisch entkorkten Weines flutscht der sonderbare Vogel auf der anderen Seite in die geräumige Eingangshöhle eines größeren unterirdischen Komplexes. Als sich die Augen des in der Regel nachtaktiven Tieres an die Dunkelheit gewöhnen, taucht aus den Schatten der Unterwelt die Festung der Einsamkeit auf und erstreckt sich vor dem kleinen Federball in ihrer beeindruckenden Trostlosigkeit. Zu selten schaffte es ein Wesen, diesen verborgenen Ort zu finden. So selten, dass dies zu einer Einsamkeit führte, die nur einen von vielen guten Gründen für die Trauer und Depression der Bewohner dieses unterirdischen Reiches liefert. Schon jetzt dringen deutlich die wehklagenden Schreie und das jammernde Gewimmer der Potatori an die Ohren der Kampfnickeule.

Kaum zu glauben, wie ein ganzes Volk seine gesamte Existenz der Trauer verschreiben kann, denkt sich Schiel, als sie an tropfenden Stalaktiten vorbei durch die Unterwelt flattert.

Unweit des kleinen Loches, durch das sie gekommen ist, stehen zwei Potatori, deren Gestalt unweigerlich den Vergleich mit Kartoffeln anbietet und die, dies sei im Vertrauen gesagt, angeblich auch so schmecken, und blicken auf den immer schmaler werdenden Schein des Lichtes, der durch den sich schließenden Tunnel dringt. ,Dieses Dasein! Diese Schmach! Erlöse mich, oh heiliger Schein! Erlöse mich!‘, schreit die eine vor Verzweiflung in die ewige Nacht hinaus und rennt auf den Lichtstrahl zu.

,Nicht! Dich erwartet das Schicksal der Gebrannten!‘, ertönt der verzweifelte Versuch der zweiten, die Unglückliche aufzuhalten. Doch ihre Warnung bleibt unbeachtet, als sich die erste mit einem Satz in die glänzende Sonne wirft.

Schon zeigen sich die Konsequenzen ihres unüberlegten Handelns. Bei der Berührung mit den grellen Strahlen verpufft die Kartoffel – begleitet von einem gequälten Schrei – sofort zu einer stinkenden Aschewolke.

Die andere sinkt – wie der Rest der Anwesenden – in ihre kniende Ausgangsposition zu Boden zurück und widmet sich erneut ihrem Gejammer, mit dem sie in den Chor der Wehleidigen einstimmt. Unbeeindruckt, doch mit unbehaglichem Bauchgefühl passiert Schiel währenddessen die Tore der Festung.

Selbst die riesigen Pforten scheinen ein klagendes Gewimmer von sich zu geben, als sie Schiel den Weg in das Innere der finsteren Hallen eröffnen. Nur die Flügelschläge der Kampfnickeule erfüllen die gewundenen und verschachtelten Gänge, in denen sich kaum ein Wesen befindet und erst recht keines spricht oder gar singt. Schon die Architektur des Gebäudes scheint die Manifestation der Trauer selbst darzustellen. Klagende Seelen und Bilder trauernder Potatori zieren die solide verarbeiteten Wände und tränenförmige Gebilde aus Stein hängen von der Decke in die gähnende Leere hinab. Die Feuchtigkeit der weitverzweigten Tunnel sammelt sich an diesen und tropft von den Steinformationen herunter, sodass es beinahe den Anschein macht, die Festung selbst würde über ihr frustrierendes Dasein weinen.

Unbehagen erfüllt den kleinen Federball, dessen Größe hier noch unscheinbarer wirkt, und für einen Augenblick erwägt Schiel, doch noch den Rückzug anzutreten. Doch die Ereignisse drängen, denn Süd Salatonien sieht sich der größten Bedrohung aller Zeiten gegenüber und nur in den verborgenen Tiefen dieser Festung könnte noch Rat gefunden werden. So schluckt das puschelige Wesen mutig seine Ängste und Zweifel unter einem hörbaren Glucksen herunter und flattert wacker durch die Finsternis.

Die Gänge zeigen langsam, aber sicher ein Ziel an und zwischen zahlreichen Säulen zeichnet sich in der Ferne andeutungsweise ein schwacher Schimmer ab.

Zielstrebig saust Schiel durch die Stille dem Lichte nach. Zwar nimmt das zaghafte Scheinen mehr und mehr zu, doch lässt die Dunkelheit es von Weitem deutlich größer erscheinen, als es tatsächlich ist. Zweifelsfrei ist die Quelle dieses Schimmerns nur ein sehr schwaches Licht, dies wirkt aber im Vergleich zur absoluten Finsternis um es herum wie eine kleine Sonne.

Die finsteren Tunnel weiten sich und auf gähnende Leere folgt – weitere gähnende Leere. Den ausufernden Gängen folgend, schließt sich eine Halle scheinbarer, vielleicht auch tatsächlich unendlicher Größe an. Augenblicke lang hält Schiel inne und zeigt sich von dem ihr dargebotenen Phänomen so beeindruckt wie erschrocken. Die Luft ist so angereichert mit Feuchtigkeit, dass es unentwegt mitten im Saal regnet.

Während die Tunnel mit ihren hin und wieder herabfallenden Tropfen einen bedrückenden, vielleicht auch schwermütigen Eindruck hinterlassen haben, erfüllt einen diese Halle zweifelsohne mit reiner und tiefster Depression – nicht zuletzt in Anbetracht der Gewissheit, dass die tränengleichen Regengüsse niemals versiegen. Die Bilder von Leid und Elend, die die Gänge verunstaltet haben, setzen sich in erstaunlicher Vielfalt an den unzähligen Säulen um die Halle herum fort. Ebenso zeigen sie sich auf dem verzierten Untergrund. Jeglicher Zweifel in Schiels Gedanken ist verflogen. Nun scheint es eindeutig: Dies ist der legendäre Trübsaal in der Festung der Einsamkeit, Zentrum der Stadt der Trauer.

Inmitten dieses Ortes der Hoffnungslosigkeit jedoch befindet sich das winzige Licht, dessen Schein noch weit in die Gänge der Festung hineinreicht. Ein Licht, das beim Näherkommen nur von einer einzigen winzigen Kerze ausgeht, die auf einem flachen silbernen Teller mitten in der Halle steht.

Diese Kerze ist jedoch nicht der eigentliche Blickfang des Trübsaals, sondern ein riesiger, imposanter Spiegel, der so unantastbar und majestätisch inmitten des Saales thront, wie man es nur von Königen kennt. Doch nicht die Umgebung spiegelt sich in diesem wider, sondern farbenprächtige Bilder – Bilder aus der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, begleitet von einer donnernden, gewaltigen Stimme …

Kapitel 2

Am Anfang war das Grün selbst und es erfreute sich an seiner unendlichen Grünheit. So tanzte es herum in der Unendlichkeit des Ur-Reinen und vollführte ein kosmisches Ballett. Noch ehe die Zeit begann, gebar es zwei Kinder: Blau und Gelb.

Als es seines Tanzes müde wurde, legte es sich zur Ruhe und aus ihm heraus trat das Rot in die unendliche Leere und es ward vollkommen. Grün und Rot gerieten jedoch in einen heftigen Streit und ein wilder Wust entstand, aus welchem das Grün erfolgreich hervorging. Das Rot nicht verstoßend, nannte es dieses ,Sohn‘ und in der ur-reinen Versöhnung der Farben ward die Welt in ihrer Schönheit offenbar. Der Planet Erde war geboren und auf ihm zeigten sich die Farben in ihren tollsten Verbindungen. Das reine Grün selbst ging ein in die Halme des Grases und die Blätter der Bäume, um seine Präsenz in der Welt zu zeigen. Doch geschah in dieser Welt noch nichts, denn kein Leben regte sich auf Erden. Die weiten Meere wogten, die Pflanzen gediehen, doch die Stille war ungebrochen. Doch nicht für immer …‘

,Ähm, ist es wohl …‘

,Dies ist ein Monolog! Nimm dir einen Stuhl und warte, bis ich fertig bin! Mit der Zeit geschah es also, dass an einem einsamen Blatt zu grob vom rüpelhaften Wind gezerrt wurde und es vom sicheren Zweig herab in die unbekannte Tiefe gen Erdboden stürzte. Von den Wogen getragen glitt es nun hinfort, vom Schicksal des einen Grüns begleitet, und es kam einer weiten Wiese stetig näher – bis es in jenem bedeutsamen Augenblick mit einem von vielen Grashalmen zusammenstieß. Auf zauberhafte Weise verbanden sich die göttlichen Essenzen und in einem freudigen Lichterspiel formte sich eine göttliche Zitrone.

Äonen vergingen und die Welt blieb, wie sie war – bis zu jenem Tag, als die Zitrone sich sanft zu bewegen begann und ein zarter Riss einen Blick ins Innere gewährte. Mühsam wühlte sich eine kleine Schnauze aus der Haut seines ledrigen Gefängnisses, stieß in die unbekannte Außenwelt vor und wenige Augenblicke später wandelte der kleine Ur-Hamster Arthur, pelzig und naiv, als erstes Lebewesen auf Erden. Ur-Hamster Arthur war unerfahren, hatte er doch niemanden, der ihn lehren konnte, und so vernahm er die Warnung des Schicksals, das schon vor und über allem Leben existierte, nicht und aß die saftigen Klebstoffzylinder des Uhubaumes.

Merkwürdig grummelte der Bauch Arthurs und schwummerig begann sein Körper, wie ein Grashalm im Wind zu wiegen, bis ein ungewohntes Platschen über die Welt und noch weit ins Universum hallte. Von einem Moment auf den anderen zerfloss der Hamster und von nun an sollte Arthur als Urhamsterpfütze regungslos in die Geschichte eingehen. So verschwand das erste Leben genauso magisch, wie es entstanden war, von der Erde – und blieb fort.

Grübelnd schaute das Grün auf seine Schöpfung und dachte über das Leben nach, das sich so zufällig auf seiner Erde entwickelt hatte, und es gefiel ihm. Also befahl es einem anderen Blatt, sich vom Zweig zu lösen, und es bat den Wind, es auf dasselbe Feld hinauszutragen. Erneut vollzog sich der wunderliche Zauber und der Zyklus des Lebens begann ein weiteres Mal. Wieder verstrichen die Jahrhunderte und auch dieses Mal wühlte sich irgendwann ein kleiner Hamster aus der Schale seiner Zitrone. Doch nicht viel erfahrener als Arthur schlenderte der pelzige Norbert quer über die Wiese auf den Uhubaum zu.

Beinahe hätte sich der Lauf des Schicksals wiederholt, als Norberts Aufmerksamkeit abgelenkt wurde.

Vorsichtig näherte sich die Kreatur Arthur der Hamsterpfütze und schnüffelte neugierig daran. Mit einem kräftigen Schluck saugte der zweite Hamster den flüssigen Arthur in sich auf und ein gewaltiges Ploppen, gefolgt von einer Musik aus vielen vibrierenden Tönen, erschütterte die Existenz selbst, als Norbert unter einem noch viel wunderbareren Lichtspiel zu einer Wolke verpuffte.

Doch der Anfang allen Lebens war dieses Mal nicht verloren und das Grün wartete, was mit der Wolke geschah. Norbert, der zwar nicht mehr denken noch handeln konnte, aber die Essenz des Lebendigen in sich trug, schwebte ein Mal um den Planeten und nahm dabei Wasser aus allen Weltmeeren in sich auf. So geschah es eines Tages, als die Sterne sich günstig formten, die Ozeane sich aufbäumten und die zwölfhundert niederen Götter ihren Jubelgesang anstimmten, dass sich Norbert die Urhamsterwolke auf jenem Feld niederregnete, wo alles begann, und aus dem tiefsten Erdreich stieß an das Tageslicht ein Baum von alles überragenden Ausmaßen: der Weltenbaum!

In diesem Baum wohnte das Lebendige und jede Urform des Lebens ging aus ihm hervor. Nach den Zitronen wuchsen die Tomaten und aus ihnen schlüpften die ersten Menschen und nach dem Menschen kamen alle anderen Lebewesen auf die Welt. Aus Kürbissen wurden Löwen, aus Pflaumen wurden Ratten, aus Erdbeeren wurden Raben und alle anderen, vom Axolotl bis zum ZenkerGleitbilch.

Als alles Leben geschaffen war, überließ der Weltenbaum, der so weise war wie das Grün selbst, die Welt ihrem eigenen Schicksal und verdorrte. Bevor er jedoch die Erde verließ, entsandte er eine Frucht jeder Art in die Weite hinaus und hier wuchsen sie ihm gleich wie Pflanzen und von nun an waren sie Nahrung für Menschen und Tiere. Der Mensch jedoch, als erstes Lebewesen entstanden, erhob sich zum Herrscher der Welt und unterwarf sich die Natur. So glaubte er sich als König der Tiere und hob sich selbst über die Bäume und Wiesen, in denen das Göttliche wohnte. Er errichtete große Städte und schadete der mühsam entstanden Welt auf gar schändliche Weise.‘

Schiel lauscht den Worten des Spiegels auf andächtige Art und wagt es nicht einmal, laut zu atmen. Menschen … Schiel hatte in den letzten Wochen mehr über diese Ära vor der Zerstoßung gehört als in all den Jahren ihrer Ausbildung zum Erzählerkauz. Jedes Wort des allwissenden Spiegels wird begleitet von bunten Bildern einer längst vergangenen Welt, die sich hinter seinem Glas abzeichnen.

Das Artefakt beginnt sich zu räuspern und das nächste Kapitel der Schöpfung auszuschmücken: ,Doch das Grün war nicht zufrieden mit dem Gang, den das Leben ging. Während es zu Beginn der Dinge dachte, Lebendiges zu schaffen, würde seine Schöpfung vollenden, so war es nun von der Zerstörung der Natur enttäuscht und erwog, zu handeln.

Himmel war ein geduldiges Geschöpf, lag er doch Jahrhunderte über der Erde und schützte sie vor der sengenden Sonne. Alle 1337 Jahre allerdings, so hatten es die beiden verabredet, machte Zeit einen Tag Pause und lief nicht weiter. An diesem Tag, wo alles Leben und Licht stillstand, erhob sich Himmel vom Firmament und wagte einen Spaziergang. Zur hypothetischen Abendstunde erreichte er den Punkt, von dem aus er aufgebrochen war, und ließ sich wie gewohnt nieder.

Geduldig harrte das Grün aus und wartete, bis die nächsten 1337 Jahre vergangen waren und Zeit sich zur Ruhe bettete. Himmel erhob sich von seinem Platz und schritt vom Norden aus der Länge nach über die Weltenkugel, um dabei seinen Blick großzügig im Universum wandern zu lassen. Als er den Äquator erreicht hatte, tat das Grün seinen göttlichen Fingerzeig und brachte ihn tosend zu Fall. In diesem Augenblick, als Zeit schlief und Himmel stürzte, begann die zweite Dämmerung des Lebens und die große Zerstoßung auf Erden.

In einem gewaltigen Getöse stürzte die umfassende Masse rot vor Scham auf die Welt herunter. Zeit erwachte und lief erneut, sodass Menschen und Tiere in ihren letzten Stunden die Gestalt des blutroten Himmels erblickten und die Feuergewalten der Sonne über die Erde hereinbrechen sahen. Es ertönte ein fürchterlicher Lärm und in wenigen Augenblicken war das Leben wieder von der Erde verschwunden …

… fast.

Als die magische Kraft des Himmels die Menschheit von der Erde fegte, zeigten einige wenige Tiere sich auf wundersame Weise immun gegen die rohe Gewalt. Manch einer glaubt heute noch, der eine oder andere niedere Gott hätte schützend seine Hand über seine Lieblingstiere gehalten.

Während sich diese wenigen Tierarten langsam wieder erholten und die Tage der Menschheit endgültig und unwiederbringlich gezählt waren, begann die Erde wieder mit der grünen Fülle überwuchert zu werden, in der sie einst aus der Geburt der Farben hervorgegangen war. Doch etwas war dieses Mal anders: Äpfel, Kürbisse, Pflaumen, Tomaten, all diese Dinge, die einst aus dem Weltenbaum hervorgegangen waren, existierten noch und breiteten sich an allen Orten der Welt aus, da sie keinem Wesen mehr als Nahrung dienten. So waren die Früchte der Welt frei von Konkurrenz und wie es ein biologisches Gesetz seit jeher ist, so kann sich jenes frei entfalten, das keine Feinde hat.

So vergingen einige Jahrhunderte, die wie die ersten Tage der Welt waren, bis der Zufall der göttlichen Bestimmung erneut eine Überraschung präsentierte. Beseelt von der Essenz des Lebens, die immer noch wie ein leises Flüstern in der Welt lag, begann ein Cucurbit, in zahlreichen Generationen aus einem Kürbis entstanden und Ismael genannt, eine eigene Intelligenz zu entwickeln und seine Augen zu öffnen. So löste er sich von seinem Busch und ging hinaus in die Freiheit. Das Grün beobachtete dies mit großem Entzücken und stellte fest, dass dieses Wesen so auf die umgebende Natur angewiesen war, dass es diese nicht so leichtfertig opfern würde wie der Mensch. Dem Leben eine weitere Chance gönnend, schickte das Grün ihren Odem über die Erde und erweckte Karotenen und Nabanen, Pluumen und Potatori, Gurkaner und Tomatolen und alle anderen Früchte zum Leben. Dies war der Tag des zweiten Weltenanfangs.‘

Gespannt blickt Schiel in die Welt hinter dem Spiegel und betrachtet die farbigen Bilder, die dieses unendlich weise Wesen ihr offenbart.

,Die Cucurbiten waren von behäbiger Gestalt, aber mit hoher Intelligenz gesegnet. Die grünlich-länglichen Gurkaner erhielten die Gabe der Logik und einen unersättlichen Drang nach Wissenschaft. Als letztes Volk traten die Enkel der Pflaumen, die Pluumen, in die Welt und diese Tatsache prägt sie noch heute.‘

Mit tiefer und beruhigender Stimme hallen dem geduldigen Gast schlussendlich ein paar freundliche Worte entgegen.

,Willkommen, kleiner Freund! Das letzte Mal, dass ein Besucher in dieser Halle war, ist schon sehr, sehr lange her. Komm doch etwas näher und lass dich betrachten!‘

Mit ihrem üblichen hoppelnden Gang, jedoch deutlich ehrfürchtiger, bewegt sich die in der riesigen Halle nahezu verschwindend klein erscheinende Kreatur den restlichen Weg bis in die Mitte des Saals und bekommt nun endlich die Gelegenheit, dieses Wesen uralter Zeit aus der Nähe zu betrachten. Eingelassen in einen prunkvoll verzierten Rahmen, dessen Herkunft und Material kein denkendes Wesen nur erahnen kann, thront ein imposanter Spiegel im Mittelpunkt des Trübsaals. Das Glas der Scheibe ist blind und wirkt wie ein Fenster in einen unbekannten, von Nebel verhüllten Raum jenseits der bekannten Welt. An sich ließe sich an diesem Spiegel nichts Lebendiges erkennen, würde nicht diese ruhige und klar artikulierte Stimme hinter dem Glas mit der kleinen Eule sprechen.

,Ich bin der Spiegel der Wahrheit, Artefakt aus uralter Zeit. Ich war da, als die Welt entstand, und ich sah, wie sie wurde, bis mir das mächtige Götterbeben die Sicht für viele Jahrhunderte nahm und der Trübsaal meine neue Heimat wurde. Mit wem habe ich die Ehre, kleiner Freund?‘

Schiel zögert mit ihrer Antwort, da sie in tiefster Ehrfurcht erstarrt ist. Erst nach und nach beginnt sich der Schnabel der Kampfnickeule zu lösen und die ersten Worte hervorzubringen: ,Mein Name ist Schiel, Erzählerkauz vom Stamm der Kampfnickeulen. Ich habe eine lange Reise hinter mir und suche Euch, oh ehrwürdiges Wesen, auf, da Ihr nun die einzige Rettung für Süd Salatonien seid.‘

Ein grübelndes Grummeln ertönt aus dem Nebel und lässt die Säulen des Trübsaals dumpf vibrieren.

,Ja. Ich spüre große Dinge da draußen. Doch mein Blick ist getrübt. Ich kann alles zeigen, was war, ist und wird – doch ich sehe nichts. Ich bekomme hier, wie gesagt, nicht oft Besuch, also, was möchtest du wissen?‘

Vorsichtig kommt der kleine Federball noch ein Stück näher an seinen imposanten Gesprächspartner heran und versucht, in den undurchdringlichen Nebel zu blicken. ,Zuerst aus reiner Neugier – war das gerade die Entstehungsgeschichte Süd Salatoniens?‘

,Was? Nein. Vielleicht. Eine davon. Ein Schöpfungsmythos. Seit ich hier bin, habe ich neben der einen, die wahr ist, viele erfunden, die es nicht sind. Vielleicht war diese wahr, vielleicht eine andere. Ist das wichtig?‘

Schiel schüttelt den Kopf. ,Nein, eigentlich nicht.‘

In den Wolken hinter dem Spiegelglas zeichnet sich schemenhaft ein gastfreundliches Lächeln ab und weicht schimmernd einer schleierhaften Hand, welche die Kampfnickeule mit einer darbietenden Geste bittet, näher zu kommen. ,Sprich frei und sprich wahr, kleiner Freund! Du hast doch nicht den weiten Weg zu diesem unbekannten Ort auf dich genommen, um einen alternden Spiegel von der Vergangenheit schwafeln zu hören. Warum genau suchst du mich auf?‘

Schiel, die über die fesselnden Ausführungen des Spiegels für eine Weile ihren Beweggrund und dessen Dringlichkeit aus den Augen verloren hat, wird spontan zurück in die Gegenwart gerissen und beginnt nach mehrfachem nervösem Räuspern eine kleine Rede. Diese hatte sie schon seit einem guten Dutzend Flugstunden für diesen Anlass vorbereitet.

,Wertes Artefakt vergessener Jahrtausende! Mein Name ist Schiel, Erzählerkauz vom Volk der Kampfnickeulen und ich bin hier, um euch demütig darum zu bitten, mir den Blick in die Zukunft zu gewähren.‘

Der Spiegel lacht auf und seufzt zugleich. Dann zeichnet sich erneut der Umriss eines Gesichtes im schleierhaften Nebel ab, das betrübt den Kopf schüttelt. ,Es tut mir leid, kleiner Freund. Die Zukunft zu kennen, ist ebenso ein Segen wie ein Fluch. Wer die Zukunft kennt, der kann sie verändern – der wird sie verändern. Und es ist nicht im Sinne des Schicksals, dass die Sterblichen in seine Geschicke eingreifen.‘

Nervös trippelt die Federkugel auf der Stelle herum und wartet nur darauf, dass das Artefakt endlich ausspricht. ,Ich bitte erneut um Verzeihung‘, wirft sie mit angespannt zitternder Stimme ein. ,Aber genau darum geht es. Ich muss die Zukunft verändern, um das Schicksal, die Götter und ganz Süd Salatonien zu retten.‘

Der Spiegel zieht hinter dem Schleier eine imaginäre Augenbraue nach oben. ,Die Geschichte deiner Reise führt darauf hinaus, dass nur dein Blick in die Zukunft die Welt retten kann?‘

Schiel fühlt sich verstanden und nickt eifrig. Für einen Augenblick brummt der Spiegel mit einer Mischung aus Interesse und Nachdenklichkeit. ,Ihr Erzählerkäuze seid meisterhafte Geschichtenerzähler, richtig?‘

Die Kampfnickeule versteht nicht so recht die Bedeutung dieser Frage, nickt aber dennoch selbstbewusst.

,Ich mache dir einen Vorschlag: Erzähl mir deine Geschichte vom Beginn deiner Reise bis zu deiner Ankunft. Wenn ich erkennen kann, dass deine Rolle in dieser Welt wirklich so bedeutsam ist, werde ich dir deinen Wunsch gewähren.‘

Schiel verschränkt die Flügel und legt mit einem herausfordernden Knacken den Kopf schief. Noch zwei Tage … Das ist zu schaffen.

,Wenn das so ist, wäre es mir eine Ehre.‘

Kapitel 3

Geduldig wartet der Spiegel, während sich die wuselige Kampfnickeule auf eine scheinbar lange, aber nicht minder aufregende Geschichte vorbereitet. Flink zupft sich Schiel einige der schnell nachwachsenden Federn aus dem pummeligen Körper und häuft diese unter sich zu einem kleinen Hügel an. Dabei versucht sie – mehr oder weniger erfolgreich –, mit den Flügeln das selbst gebastelte Sitzkissen vor den Tränen des Trübsaals zu schützen. Diese unablässig herabfallenden Wassertropfen entfalten dabei für die kleine Eule einen ganz anderen frustrierenden Charakter. Nach einem Moment der Pause hüpft die kleine Schiel blitzschnell in den Federhaufen und mummelt sich in die weiche Unterlage mit Blick zum magischen Spiegel der Wahrheit. Tief atmet der professionelle Geschichtenerzähler mehrfach stoßartig ein und aus und legt dabei die nicht ganz klar zu erkennende Stirn in tiefe Denkfalten. Dann erhebt sie endlich das Wort und beginnt mit ihrer wunderlichen Geschichte.

,Lasst mich Euch von der Welt da draußen berichten, wie ich sie kenne. Merkwürdige Dinge gehen dort vor sich. Dinge, an denen alle Völker von den Cucurbiten und Karotenen, über die Nabanen bis zu den Appelliaten, also alle Geschöpfe Süd Salatoniens beteiligt sind. Doch will ich mit meiner Geschichte dort anfangen, wo alles vor knapp 40 Tagen begann …

Schon als ich am Morgen dieses verhängnisvollen Sommertages auf meinem Baum erwachte, barg dieser mysteriöse Zeichen in sich. Es war erneut Blot Modin, der Tag, an dem alle drei Sonnen zur selben Zeit in der Mittagsstunde am Himmel standen. Gerüchte über die Ankunft des Propheten Nostradanuss an der Westgrenze des Mittelreiches in Gurkan verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den Zentralreichen, sodass ich mich, neugierig wie ich seit jeher bin, auf den Weg zum Hofe Kaiser Gottliebs III. machte. Die Karotenen führten in diesem Jahr den Vorsitz im Zentralrat der Vier.‘

,Ja, die Karotenen spielen seit jeher eine große Rolle im Machtgefüge der Nationen‘, warf der Spiegel seinen ergänzenden Kommentar in Schiels Geschichte ein. ,Ähnlich den Nabanen, so gehörte auch das Volk der Karotenen in der Entstehung der Welt zu den ersten Nationen, die vom Leben beseelt auf das Antlitz der Erde traten. Der Erste unter ihnen war der berühmte und geliebte Kaiser Dietmar I. und ihm folgten viele Brüder und Schwestern. Als seine Zeit gekommen war, ernannte er seinen ältesten Sohn zum rechtmäßigen Thronfolger. Da das Gebiet der Karotenen reich an verschiedenen Landschaften und Bodenschätzen, jedoch schwer zu verwalten war, gab Kaiser Dietmar I. in seiner Güte jedem seiner liebsten Brüder ein Stück Land und ernannte sie zu Fürsten. Nach zahlreichen Generationen jedoch, als Sohn um Sohn in die Fußstapfen des ersten Kaisers getreten war, kam es dazu, dass die Thronfolge des ältesten Sohnes von Ferdinand IV. nicht anerkannt wurde, die Brüder und Schwestern sich zerstritten und das Reich in ein Splittergebiet aus zahlreichen Fürstentümern zerfiel. Kämpfen die Fürstentümer noch heute gegeneinander um die Vormacht im Reich? Zu welchem Fürstentum gehört dieser Kaiser Gottlieb III.?‘

,In den vielen Jahren, die so vergangen sind, waren die Fürstentümer geschwächt durch Krieg und Hunger – und kaum eines war noch stark genug, sich allein in der Welt zu behaupten‘, fügt die kleine Eule hinzu, während sie auf dem Federkissen hin und her rutscht, um die optimale Position für sich zu finden. ,Aus der Asche dieses zerstörten Erbes Kaiser Dietmars I. erhob sich schließlich Gottlieb III., ein Nachfahre aus der direkten Saftlinie Dietmars I., und bestieg den Thron des Fürstentums Groß Bereling. Die Fürsten erkannten in seiner Güte die Seele des längst verstorbenen Kaisers und priesen ihn in Ehren. So vereinte er die Teilgebiete zu einem großen Karotenenreich und wurde der neue Kaiser dieses blühenden Volkes. Inzwischen jedoch ist der Herrscher in die Jahre gekommen – und das, ohne einen Sohn gezeugt zu haben. Die Karotenen bangen um ihr Reich und fürchten sich vor einem erneuten Zerfall in Fürstentümer – doch das sollte künftig kein Problem mehr darstellen.‘

Auf Schiels Schweigen hin zeichnet sich ein deutliches rotes Fragezeichen im Nebel des Spiegels ab.

,Hierzu später mehr. Ich nehme sonst einen Großteil der Handlung vorweg.‘

Der Prophet schlägt sich mit der imaginären Hand vor die imaginäre Stirn. Manchmal strapazierten die irrationalen Eigenarten der salatonischen Kreaturen seine rationale Geduld doch sehr. Doch er will sich nach 5000 Jahren nicht als schlechter Zuhörer entpuppen und lässt das Federvieh geduldig gewähren.

,Als ich mich gewaschen und geputzt hatte, dröhnten auch schon die Posaunen von den Wällen der kaiserlichen Festung über das Land und kündigten das Kommen des ungewöhnlichen Besuchers an. Die Anwesenheit einer Nuss in Süd Salatonien war schon immer ein sehr seltenes Ereignis und so ließ ich das Frühstück ausfallen und begab mich unverzüglich, über die prächtigen Getreidefelder von Bereling hinweggleitend, zum Thronsaal. Auf dem Marktplatz verschärften sich die Gerüchte der letzten Tage, Nostradanuss sei mit üblen Neuigkeiten gekommen und niemand außer dem Kriegsrat der vier Reiche sei zu seiner Ankunft im Thronsaal geladen. Doch was wäre ich für ein Geschichtenerzähler, wenn ich diesem Ereignis ferngeblieben wäre? Ein kleines Fenster, zur gering bewachten Seite der Mauer gewandt, war unachtsam offengelassen worden – und so drang ich heimlich durch das schillernde Mosaik in die prachtvoll geschmückte Burg ein. In der Hektik des Augenblicks postierte ich mich unbemerkt auf einem schwach knarzenden Dachbalken über dem Thron, von dem aus ich gut sehen und noch besser hören konnte.

Bedrohlich quietschend schob sich das mächtige Burgtor in das Innere des Raumes vor und aus dem Schein der drei Sonnen trat der Prophet Nostradanuss in den schwach beleuchteten Thronsaal. In wallende weiße Gewänder gehüllt und durch einen langen grauen Bart gezeichnet, schlich der alte Mann vom Volk der Erdnüsse über den roten Teppich hinweg und verneigte sich ehrfürchtig vor Kaiser Gottlieb III., der ebenfalls von den Zeichen der Zeit angeschlagen, schwer atmend, aber mit seinem stets gutmütigen Lächeln bekleidet in seinem Thron saß. »Nostradanuss, mein alter Freund! Wie lang mag das her sein?«

»Zwanzig …« Nur röchelnd kam die Antwort aus dem Munde der Erdnuss, sodass diese sich erst ausgiebig räuspern musste. »Verzeihung! Zwanzig Jahre und vier Monate, mein Herr. Auf den Tag genau.«

In Erinnerungen schwelgend nickte der große Kaiser, kam aber schnell zum Ernst der Lage zurück und sprach mit bestimmtem Unterton: »Jedoch sind wir nicht hier, um alte Freundschaften zu pflegen. Die Boten berichteten, dass du Neuigkeiten von großer Wichtigkeit bringst. Was bedrückt dich, alter Freund?«

Langsam wandte Nostradanuss dem weisen Herrscher den Rücken zu und schritt auf seinen gewundenen Stab gestützt in die Mitte des Thronsaales. Eine Handlung, die gewiss nicht jedem im Reich gestattet war. Mit einem Ruck wandte er sich herum und ein heftiger Wind schmetterte durch den Raum, riss Wandteppiche und Banner aus ihren Verankerungen und ließ die langen Gewandungen des Propheten flattern. Den Stab hatte er weit von sich geschleudert und die Nuss bot einen verstörenden und beängstigenden Anblick, als sie sich in die Lüfte erhob. Eine von Donner und Blitzen begleitete Stimme, die selbst die mutigste Wache in Mark und Bein erschütterte, schmetterte durch die Halle:

»Törichte Sterbliche, hört meine Worte!

Es droht das Ende aller Tage!

Geht und schickt die tapfersten Helden, Antworten in der Höhle des Schicksals zu finden!

Mut und Tapferkeit – oder der Untergang droht!

Es ist unvermeidlich!«

,Du hast die Weissagung eines Nusspropheten gehört?!‘ Ist es lediglich Überraschung in der Stimme des Spiegels? Nein – da ist mehr! Angst? Vielleicht sogar Panik?

,Nur wenige können von sich behaupten, solche Worte vernommen zu haben. Die meisten ereilte zugleich ihr prophezeites Schicksal. Die Nüsse leben durch ihre eigene Entscheidung außerhalb der Zivilisation und wagen sich nur alle paar Jahrzehnte in die Zentralreiche, um wichtige Kunde aus ihren Visionen zu verbreiten. Von ihnen kamen nur wenige von den Ur-Büschen herab und da sie es pflegen, ihr Leben als Einsiedler zu verbringen, gibt es keine bekannten Dörfer, in denen sich die Generationen fortsetzen. Doch diejenigen unter den Nüssen, die das Leben in der Einsamkeit gewählt hatten, erlangten dabei zuweilen erstaunliche philosophische und prophetische Erkenntnisse. Manch einer behauptet, sie hätten ihre letzten Dörfer damals direkt an den Rissen erbaut, die der Himmel bei seinem Sturz auf die Welt hinterlassen hat, und sie hätten ihre Weisheit direkt aus der magischen Kraft der Himmelsreste gezogen. Einige von ihnen sind vielleicht heute noch in Eurer Welt bekannt, zum Beispiel Nussferatu, Nostradanuss oder Konfuzinuss. Das Grün gewährt diesen asketisch lebenden Bewohnern der höchsten Gipfel und tiefsten Täler von Zeit zu Zeit Einblicke in seine Pläne und so traf schon manche Prophezeiung der Nüsse zu, wenn auch zahlreiche von ihnen dem Wahnsinn verfielen.‘

Schiel nickt halbherzig. Wahnsinn und Weisheit befanden sich bei den Nüssen so dicht beieinander, dass wohl beides stets Hand in Hand ging.

,Als auch die letzte Silbe mit all ihrem Nachhall im Saal verklungen war, stürzte der Weise unsanft zu Boden. Sofort eilten zwei Wachen herbei, reichten ihm seinen stützenden Stab und halfen ihm wieder auf die Beine. Alle anderen standen entsetzt in der Halle, die von Totenstille erfüllt war. Niemand wagte es für einen Moment, auch nur ein einziges Wort über dieses ungeheuerliche Ereignis zu verlieren. Dann jedoch begann schlagartig panisches Diskutieren und ein wilder Streit zwischen den Gelehrten und Generälen der großen Reiche brach aus. Kaiser Gottlieb III. saß nachdenklich in seinem Thron und gab kein Wort von sich, bis er schlussendlich mit einem einzigen Ausruf Einhalt gebot.

»Sendet Nachricht aus!«, sprach der weise König, als wieder Ruhe im Raum eingekehrt war. »Berichtet den größten Helden aller Reiche von der Prophezeiung! Die Höhle muss gefunden und das Schicksal um Rat gefragt werden.«

Zustimmend untermalte der weise Nostradanuss den Befehl des Königs mit einem Nicken und öffnete eine unscheinbare, ebenfalls weiße Tasche, aus der er ein ganzes Bündel versiegelter Pergamente zog. »Ich hatte auf diese Entscheidung Ihrer Majestät gehofft und diese Botschaften verfasst. Sie können sofort an die Helden entsandt werden.«

»Dann sei es so!«, tönte Gottlieb III. zufrieden. »Es ist höchste Eile geboten! Bemannt die Eilpostgeschütze!«

Das letzte Wort war schon nicht mehr zu verstehen, als unverzüglich die Weisen und Krieger aus der Halle des Karotenenherrschers strömten, um dessen Befehl nachzukommen.

Das war es! Der Beginn einer großen Geschichte – und ich hatte die freie Wahl. Alle Helden des Landes brachen zu derselben abenteuerlichen Mission auf und ich würde einen von ihnen begleiten. Doch wen? Süd Salatonien hatte lange keinen heldenverschleißenden großen Krieg mehr gesehen und so bot sich eine Menge an aussichtsreichen Teilnehmern für meine nächste Geschichte an.

Schlussendlich traf ich meine Wahl und machte mich auf den Weg zu einem der – meiner bescheidenen Meinung nach – vielversprechendsten Helden Süd Salatoniens: Tjal, der tollkühne Tomatole!

So flog ich gen Süden.‘

,Sonderbar!‘, unterbrach der Spiegel. ,Vor dem Götterbeben, als mein Blick noch weit in die Welt gewandt war, lag Tomatolien noch im Norden der vier Zentralreiche. Ein interessantes Volk, wenn auch ihre Geschichte sehr schnell erzählt ist. Wie so viele der Ur-Völker des zweiten Lebens begannen die Tomatolen ihr Imperium mit einer Monarchie. Ein guter König von kräftigem Tomatenmark führte das Reich an und ließ es zu höchster Blüte gedeihen. Als er jedoch in sehr hohem Alter starb, entschied sich das Volk dazu, das Herrschaftssystem nach den Vorbildern eines großen Philosophen zu gestalten. Anders als die Nabanen beschlossen die Tomatolen, ein einheitliches Volk zu gründen und persönliches Eigentum abzuschaffen. Dieses Prinzip setzte sich interessanterweise ausgesprochen gut in der Gemeinschaft durch und nur wenige Tomatolen rebellierten und verließen schlussendlich das Land, um eine kleine Kolonie im Westen zu gründen. Ist es nicht so?‘, vergewissert sich der Spiegel, dem sein veraltetes Wissen inzwischen doch sehr am Ego kratzt.