Südtirol. Handbuch zum Einheimisch-Werden - Erica Giopp - E-Book

Südtirol. Handbuch zum Einheimisch-Werden E-Book

Erica Giopp

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Beschreibung

Ein Land voller (Berg-)Verrückter! Eine junge Italienerin verlässt ihre Stadt, Freunde, Spaghetti Carbonara und zieht für ein Jahr nach Südtirol: eine Region, die nicht wirklich Italien ist, in der man ein Deutsch spricht, das nicht wirklich deutsch ist, in der alle Sportarten ausüben, die nicht wirklich "normal" sind … Laut der Römerin Erica Giopp ist Südtirol ein Berg zum (Er-)Klettern, ein fremdes Land, das es zu entdecken gilt, mit bizarren Missverständnissen, gegensätzlichen Gefühlen und starken Gerüchen. Ein lebenslanges und unterhaltsames Survival-Handbuch für alle, die die große Herausforderung annehmen, in Südtirol zu leben, und sich trotz allem dazu entschließen zu bleiben.

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Seitenzahl: 203

Veröffentlichungsjahr: 2024

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ERICA GIOPP

SÜDTIROL

HANDBUCH ZUM EINHEIMISCH-WERDEN

Für Jonas

Sag zum Abschied leise Ciao

Du brichst auf in ein anderes Leben und lässt alles zurück: die Stadt, die Freunde, das mondäne Leben. Stattdessen hievst du ächzend einen Staubsauger in Industriegröße in deinen Kofferraum und ziehst nach Südtirol, einfach so.

Dorthin, wo der Apericena – diese wunderbare italienische Hybridform aus Aperitif und Abendessen: ein Aperol Spritz, begleitet von Hunderten Tellerchen Köstlichkeiten – exotisch anmutet, wo es keine Acro Yoga-Sessions gibt, keine Buchläden mit hippem Lese-Bistro, keinen Kebap-Internetcafé-Wasch salon-Copyshop, keine 24 Stunden am Tag geöffneten Supermärkte.

Du verabschiedest dich von deinen geliebten Bucatini alla carbonara, von den mit Pistaziencreme gefüllten Cornetti und von allen nur erdenklichen Kaffeevariationen: corto, aufgeschäumt, heiß, kalt, im Glas.

Leise sagst du Ciao zu den verstopften Straßen auf dem Weg zur Arbeit, dazu, bei Rot über die Straße zu laufen, zu dritt auf dem Roller zu fahren, du streichst City Bikes aus dem Gedächtnis, um deine Verbindung zur Natur wiederzufinden, die Tage nach dem Rhythmus von Sonnenauf- und Sonnenuntergang zu takten, zwischen Kneippbädern und Aufgüssen. Und um dich daran zu gewöhnen, am Abend zu Hause zu bleiben – dahoam.

Du lernst eine neue Sprache: Deutsch. Siehst ein, dass es hier nichts bringt. Und besuchst einen Kurs, um den Puschtra Dialekt zu lernen.

Du fängst mit dem Klettern an, bringst dir noch mal das Skifahren bei, arbeitest Tausende von Höhenmetern beim Aufstieg mit den Tourenskiern ab, nimmst fünf Kilo ab und stößt auf deine Erfolge mit einem wohlverdienten „Radler“ (Bier-Limo) an. Du beginnst wieder mit dem Tragen von Unterhemden, den „ordentlichen“.

Du ziehst dich in ein kleines Kuhdorf in den Bergen zurück und machst dich an das größte Unterfangen: zu bleiben.

Das hier ist für alle, die schon einmal mit dem Gedanken gespielt haben: „Wenn ich könnte, wie ich wollte, …“ oder „Ihr glücklichen, die ihr da oben in den Bergen lebt“. Aber auch für alle, die dabei sind, den Mietvertrag zu kündigen, um fortzuziehen. Ein kleines Handbuch über das Leben als Nuova Montanara, als Berg-Frischling, als neue Bergbewohnerin, über die Abkehr vom Stadtleben und die Rückkehr in den Schoß der Natur, über einen etwas anderen Versuch der Selbstfindung (ohne gleich ein One-Way-Ticket nach Indien zu buchen). Über die Integration in eine Gesellschaft, die nicht auf dich gewartet hat. Darüber, sich ihr so sachte wie möglich anzupassen und sie zu deinem Zuhause zu machen, tschuldigung, zu deiner Hoamat. Und sich ein neues Leben in Südtirol aufzubauen, zwischen sportlichen Ambitionen, allgemeiner Sprachverwirrung, Integrationsproblemen und Geduldsproben.

Ihr da, die ihr danach lechzt, euch in die Abgeschiedenheit der Berge zurückzuziehen, der Großstadt den Rücken zu kehren, dem beharrlichen Ruf der Wildnis endlich zu folgen, oder aber ihr anderen, die ihr glaubt, Ski fahren zu können: Hier habt ihr eine kleine Sammlung an so einigem, was das Leben in den Bergen für euch bereithält.

Das Leben im Grenzgebiet, zwischen sportlichen Triumphen und demütiger Anpassung, zwischen widersprüchlichen Eindrücken – und ziemlich eindeutigen Gerüchen.

Anmerkung der Autorin

Ich habe Rom still und heimlich verlassen und bin nach Südtirol aufgebrochen, mit einem einfachen Rucksack auf den Schultern. Damit niemand Verdacht schöpfen würde.

Wir waren beide noch nicht bereit für die Trennung, weder Rom noch ich. So zog ich es vor, lieber einfach mal abzuhauen. So, als würde ich nur eine Nacht bei einem Freund verbringen und einen Tag später wieder zurück sein. In der Stadt zurückgelassen habe ich einiges: Bücher, Sandalen, Nagellack, Strandtücher, kurze Hosen, Trenchcoats und Mäntel, Paillettentops, Tüllröcke, eine Boa aus Straußenfedern, den Pelzmantel meiner Großmutter. Schade eigentlich, die Straußenfederboa hätte ich für mein neues Leben als Berg-Frischling sicher brauchen können. Nein, in Wahrheit war es so, dass ich dieses neue Leben nicht geplant hatte. Niemals hätte ich gedacht, ich würde Rom je verlassen – und mit der Ewigen Stadt meine Garderobe.

Ich bin nicht mit dem Gedanken nach Südtirol aufgebrochen, dort auch bleiben zu wollen. Einige Monate, so dachte ich, würden mir reichen. Gerade genug Zeit, um eine Ausbildung zur Wanderführerin zu machen, damit ich mir irgendwann meine Brötchen damit verdienen könnte, chinesischen Touristen die Berge zu zeigen. Doch ich blieb, um meine Ortskenntnis zu vertiefen. Während der Covid-Pandemie, einer Zeit, in der die Chinesen nicht einmal mehr in China beliebt waren, musste ich mir eine andere Beschäftigung suchen. So fing ich an, im Unternehmen meiner Verwandtschaft in Percha zu arbeiten. Nach drei Monaten schaffte ich es gerade mal, einen Telefonanruf zu beantworten, aber immerhin hatte ich die transitive Dimension des Verbs (er-) „klettern“ entdeckt und erfahren, was „mit Fellen gehen“ bedeutet. Ein Jahr später überschritt ich tatsächlich die psycho logische Schwelle, an der meinesgleichen normalerweise kapituliert: eine Schwelle, zusammengesetzt aus Knödel-Overflow, Bergtouren mit Start im Morgengrauen, Aufstiegen mit Überwindung unzähliger Höhenmeter und dünn gesäten Kinoabenden.

In diesem äußerst delikaten Moment, wo alles in einem danach schreit aufzugeben, in ein Paar alter Espadrilles zu schlüpfen und die Fliege zu machen in Richtung Süden – genau in diesem Moment also habe ich beschlossen zu bleiben. Ich habe mir gesagt: Eine Liebe in den Bergen, im Grenzgebiet, erfordert Zeit, Geduld, Ausdauer, Schwielen an den Händen und den erfolgreichen Erwerb eines halbdialektalen Akzents.

Habe ich schon erwähnt, dass ich noch Single bin?

Aufbruch

Früher oder später ist es so weit. Du bist zu einem Berg-Frischling, einem Nuovo Montanaro geworden.

Du streifst dir am Eingang einer kleinen Hütte am Waldrand deine Schuhe von den Füßen, in einer Provinz, in der man die Autonomie förmlich riechen kann. In einer nach Zirbenholz duftenden Kammer packst du deinen Koffer aus, räumst deine Funktionsunterwäsche ordentlich gestapelt in den mit Mottenkugeln ausgelegten Schrank, ersetzt die Sneakerfüßlinge durch Wollsocken und lernst, sie Stutzen zu nennen.

Früher oder später wirst du zu einem Berg-Frischling, und zwar unter dem Vorwand von Downshifting, Smart Working oder Digital Detox. Begonnen hat es vielleicht wie ein Selbstversuch, eine kleine Challenge, ein Gesellschaftsspiel. Enden wird es mit einer Entscheidung fürs Leben.

Den legendären Fiat Panda mit Allradantrieb, den braucht man gar nicht. Gute Nachrichten für dich: Um ein Berg-Frischling zu werden, musst du dein altes Auto nicht verkaufen und dir einen Panda zulegen. Es reicht, Winterreifen aufzuziehen.

Das Outfit hingegen erfordert schon mehr Fingerspitzengefühl. Die Suche nach einem guten Friseursalon sorgt oft schon für erste graue Haare, während die sorgfältig nach dem neuesten Trend in Form gezupften Augenbrauen wohl oder übel in der Großstadt zurückgelassen werden.

Mit der Zeit siehst du ein, dass es nichts nützt, wenn du dich nicht mehr rasierst, die Haare lang trägst, dir urige Zirbenholzschnitzereien um den Hals hängst und nur noch karierte Flanellhemden trägst. Es wird dich ihnen nicht näherbringen: den Gipfeln nicht, und auch nicht den Einheimischen, den Hiesigen.

Dein erster Sommer als Berg-Frischling wird aufregend. Wie elektrisiert machst du dich daran, die Geheimnisse des Abseilens am Doppelstrang und die Namen der seltensten Almblumen auswendig zu lernen. Du fängst gerade erst mit dem Bergsteigen an und erklimmst am Ende des Sommers gemeinsam mit einem Bergführer die Große Zinne.

Es wird dir ganz leicht vorkommen, dich von ihm auf den Gipfel hinaufschleifen zu lassen – eine Unternehmung, die nun wirklich jeder schafft. Du aber wirst der Illusion erliegen, in Topform zu sein, und stellst dich mit neu gewonnener Selbstsicherheit und vorgerecktem Kinn dem nächsten Winter.

Erstmals nimmst du die Sellaronda in Angriff und lernst dabei die wunderbare Bedeutung des Begriffs „Skikarussell“ kennen. Erstmals wird dir dabei allerdings auch bewusst, wie überlaufen dieser alpine Rummelplatz mittlerweile ist: Pistenskifahren als verblassende Bourgeoisie-Nostalgie, der Skilanglauf hingegen als viel zu leichte Droge, um für Bergbegeisterte zum Trend zu werden. Nein, das Motto lautet: höher hinauf! – in jeder Hinsicht. Also versuchst du dich am Skitourengehen. Beim Aufstieg hängt dir schon bald die Zunge bis zu den Knien, überholt dich jedes menschliche Wesen im Umkreis von mehreren Kilometern, und der Gedanke an die bevorstehende Abfahrt lässt dir vor Panik das Blut in den Adern gefrieren.

Erzählst du den Einheimischen, die Große Zinne erklommen zu haben, entgegnen sie nur: „Asou? Die Nordwand?!“

Erzählst du, dass du die Sellaronda bezwungen hast, kommt nur wieder ein: „Asou? Auf Tourenskiern?!“

Erzählst du (im nun verzweifelten Versuch, die ohnehin schon bemitleidenswert tiefe Latte doch etwas weiter nach oben zu legen), dass du für die Besteigung der Nordwand der Großen Zinne trainierst, ist die Antwort ein lapidares: „Asou? Im Vorstieg?“

Angesichts solcher Bemerkungen wird das mulmige Gefühl, das du hattest, gleich nachdem du hier aus deinem winterbereiften Auto ausgestiegen bist, zur Gewissheit: Hier in Südtirol muss der Begriff „Sport“ neu definiert werden.

Die Worte „Sportler“ und „Sportlerin“ haben in der Provinz Bozen eine andere Bedeutung, sie sind im Lexikon unter einem anderen Buchstaben zu finden und haben nichts, aber auch gar nichts mit dem Stündchen joggen im Park zu tun, auf das du immer so stolz warst. Oder mit den CrossFit- und Padel-Tennis-Stunden, begleitet von einer Dauerdiät aus Mandeln und griechischem Joghurt. Der Südtiroler Sportler ist ein Übermensch: Gejoggt wird im Hochgebirge, mit dem Konditionstraining auf dem Rad werden höchstens die Muskeln vorgewärmt, und beim Padel lockert man sich allenfalls die Handgelenke auf, um sich danach nonchalant mit dem Paragleiter einen Hang hinunterzustürzen.

Entwickle jetzt bitte keine Minderwertigkeitskomplexe und versuche um Himmels willen nicht, da mitzuhalten. Denn es handelt sich um einen ganz anderen Ansatz, eine andere Sichtweise, kurz: eine andere Welt. Es ist der Autonomie-Effekt.

Wenn die Hiesigen dir sagen, dieses Jahr noch nicht Ski gefahren zu sein, fügen sie in Klammern hinzu: bis auf das Dutzend Skitouren halt. Und dir fällt es wie Schuppen von den Augen: Ihre Definition von „nicht Ski gefahren“ entspricht daher ungefähr der Menge an Skitouren, die du dir für den Zeitraum bis zu deinem 60. Geburtstag zum Ziel gesetzt hast. Mach dir nichts draus, es ist ja kein Wettrennen – du fügst dir nur selbst unnötiges Leid zu, wenn du glaubst, mit diesem komplett anderen Level mithalten zu können, mit einem andersgearteten Stoffwechsel, diesem fremden Konzept des „Nicht-Sports“, einer anderen Lebensphilosophie.

Wer als Puschtra „keinen Sport treibt“, legt in einer Woche so viele Höhenmeter zurück wie ich in einem Kalenderjahr – wenn ich nicht schon dreißig wäre. Wer gemütlich geht, braucht für 1.000 Höhenmeter 1 Stunde und 20 Minuten, wer schnell ist, 38 Minuten. Während du unermüdlich trainierst, um einen bestimmten Gipfel wenigstens ein Mal im Leben zu erklimmen, kraxeln sie zweimal im Jahr rauf.

Mach nicht den Fehler, dich mit ihnen zu vergleichen: mit den Einheimischen, den Hiesigen. Lass es bleiben – aus Liebe, in erster Linie zu dir selbst. Versuch gar nicht erst, über die eroberten Berggipfel Buch zu führen, im Vergleich bist du chancenlos. Du misst dich hier mit Leuten, die um die 40 Mal auf dem Mager stein waren, auf dem Langkofel zwar nur 25 Mal, allerdings free solo, und die den Weitwanderweg „Hoch-Tirol-Trail“ in 21 Stunden bezwingen, 800 Höhenmeter zum Frühstück verspeisen, bereits als Kind auf die Große Zinne gekraxelt sind und auf die Nordwand im Vorstieg.

Quäl dich nicht, es hat keinen Sinn. Unterliege nicht der irrigen Annahme, unsportlich zu sein. Du bist in Topform. Es liegt nicht an dir, es liegt an ihnen, den Südtirolern. Sie übertreiben es einfach mit der Fitness, und auch nur daran zu denken, sie einholen zu wollen, wäre so unmöglich wie sinnlos.

Bei deiner Ankunft in Südtirol ist es notwendig, zusammen mit der Sprachgruppenzugehörigkeit auch sofort und ohne Umschweife die eigene Unsportlichkeit zu erklären. Auch Ski fahren kannst du nicht, das machst du am besten gleich lautstark und hocherhobenen Hauptes klar. Sei beruhigt: Das gilt eh nur hier. Im Rest der Welt bleibst du eine energiegeladene, sportliche, fitte Person. Aber in so ziemlich jeder Disziplin (außer vielleicht dem Segeln) kannst du in Südtirol nur verlieren.

Sobald die Winterreifen gekauft sind und die Neudefinition von Sport abgeschlossen ist, bist du bereit, die Mautstelle an der Autobahnausfahrt zu passieren, wo die vertraute Frauenstimme auf Italienisch fordert: „Ritira il biglietto.“ Auf sie folgt, weniger vertraut, das deutsche Pendant: „Beleg entnehmen.“ Den Schreck federt sofort wieder die Blechstimme des italienischen Fräuleins – der vertrauten Begleiterin jedes Urlaubs am Meer – ab, mit ihrem Scheppern und dem beruhigenden Akzent: „Grazie e arrivederci.“ Und wieder die andere Stimme gleich hinterher, streng und keine Widerrede duldend: „Danke und gute Fahrt.“ Nun bist du bereit, diese Schranke hinter dir zu lassen, ohne die Quittung zu entnehmen, das Autoradio auf nie zuvor gehörte Sender einzustellen, wo man sich mit großem Ernst über Strudelrezepte austauscht und die Playlist ungefähr so klingt …

Böhmische Liebe

Südtiroler Spitzbuam

Freie Leit

Herr und Frau Südtiroler sind freie Leute.

Die nun folgende Bestandsaufnahme soll keineswegs eine allgemeingültige Charakterisierung der Einwohner Südtirols sein, das wäre etwa so vermessen wie von „den“ Chinesen zu sprechen: Es sind einfach zu viele unterschiedliche. Viel eher dient sie der Vertiefung meiner Studien über alle möglichen Arten von Südtiroler:innen, mit denen ich während des ersten Jahres, in dem ich in Südtirol weilte, zu tun hatte. Deshalb mein Appell an alle Kalterer, Deutschnofner, Kurtatscher und Ultner Südtiroler:innen: Fühlt euch in Gottsnomm nicht betroffen! Niemals würde ich es auch nur wagen, eine eingehende Untersuchung eurer Hauspotschn, Haarschnitte oder Fingernägel vorzunehmen, weshalb jedwede Ähnlichkeit oder Übereinstimmung als purer Zufall gewertet werden soll.

Tschurtschenthaler, Oberpertinger, Untersteiner, Runggaldier, Schwingshackl, Großgasteiger, Mayer mit y und Maier mit i: freie Leit.

Mit Südtirolern zu tun haben heißt, sich mit freien Menschen zu messen, mit Menschen, die das Konzept „Lebensqualität“ in neue Sphären erhoben haben und das Beste aus dem Trendbegriff Work-Life-Balance herausholen. Tatsächlich haben die Südtiroler ihre Freizeit zu einem Kult gemacht. Sie arbeiten – nein, sie puggln, lougisch –, aber außerhalb der Arbeit gibt es eine Welt, sehr oft eine sportliche, der eine enorme Bedeutung beigemessen wird. Deshalb wird in Südtirol üblicherweise von 8 bis 17 Uhr gearbeitet, und zwar an fünf Tagen pro Woche – anzi, viereinhalb, denn der Freitagnachmittag wird gerne wörtlich und damit freigenommen; einige ganz Passionierte berichten mit vor Glück strahlenden Augen, dass sie Turnusarbeit machen und vor Sonnenaufgang einstempeln, um noch vor dem Mittagessen fertig zu sein. Oder sie fangen nachmittags an und arbeiten bis tief in die Nacht, sodass sie die ganze restliche Zeit darauf verwenden können, sich körperlich zu ertüchtigen: mit Radfahren, Bergläufen, Klettertouren, auf Enduro-Trails, beim Paragliding. Die meisten leben unweit ihres Arbeitsorts, und auch wenn sie sagen, viel Zeit im Berufsverkehr zu verlieren, ist doch glasklar, dass sie keinen Schimmer davon haben, was „richtiger“ Verkehr bedeutet. Wer sich über verstopfte Straßen in Bozen beschwert, war garantiert noch nie auf der Grande Raccordo Anulare in Rom.

Aber was ist mit Einkaufen? Shopping? Arztbesuchen? Friseurterminen? Ladies and gentlemen, meine Damen und Herren, signore e signori: In Südtirol muss alles, was nicht mit Sport zu tun hat, selbstverständlich während der Arbeitszeit erledigt werden (dafür gibt es sogar extra Freistunden vom Arbeitgeber). Denn keine Arztpraxis, kein Geschäft, Friseur- oder gar Schönheitssalon hat nach 18 Uhr, am Samstagnachmittag oder – Gott bewahre! – gar am Sonntag geöffnet. Und so wird sichergestellt, dass die Menschen ihre Freizeit dann wirklich exklusiv ihrer körperlichen Ertüchtigung widmen können: allein, mit Freunden oder mit der ganzen Familie. Da sieht man sie dann, die Südtiroler:innen, wie sie auf dem Rad, mit Rodel oder Paragleiter, mit Fullface-Helm oder ohne, mit Offroad-Crossbuggy-Kinderwagen oder Kraxe die Berge hinauf- und hinabwuseln, um ihre unantastbare Freizeit dem Sport zu weihen.

Die freien Leit erkennt man an ihrem alpin-urbanen Outfit. Selbst im Büro tragen die Südtiroler:innen einen Casual-Look, der fast schon an Funktionskleidung grenzt, so als wäre ein Teil von ihnen allzeit bereit, zu einer Bergtour auf einen Viertausender aufzubrechen oder zu einer Klettertour im siebten Grad mit Abseilen im Doppelstrang. Sie tragen im Alltag eine Windjacke, auch Hardshell genannt, Zustiegsschuhe, und wenn sie ein Hemd anhaben, sind sie jederzeit darauf gefasst, es sich vom Leib zu reißen, um die gestählte, lediglich von einem High-Performance-Thermo-Unterhemd bedeckte Brust freizulegen. Willens, alles stehen und liegen zu lassen, den Kuli auf den Schreibtisch zu werfen, um beim geringsten Anzeichen von Schönwetter, beim ersten Anflug von Leerlauf bei der Arbeit, beim ersten abgesagten Meeting … den nächstbesten Gipfel zu erklimmen. Die Ausrüstung ist – je nach Gusto – bereits im Kofferraum: Seile, Skier, Trinkflasche und Rucksack, Lauf- oder auch Fußballschuhe, denn die Serie B des FC Südtirol ist nur der Anfang, man rüstet sich für die Champions League.

Herr und Frau Südtiroler in Zivil sind im Allgemeinen keine Fashionistas. Weder passen sie auf die städtischen Laufstege von Mailand noch auf die in Paris, und wenn es die Saison erfordert, tragen sie das klassische weiße Unterhemd, die Canottiera, mit Würde und Nonchalance, ohne besonderes Drama. Sie tragen keine großen Marken, auch haben sie es nicht nötig, sich als eine urigere, rauere Version von sich selbst zu inszenieren, außer es handelt sich um einen marketingstrategischen Notfall. Sie waschen und rasieren sich, schneiden sich die Haare (natürlich nur, falls sie es schaffen, einen Friseurtermin zu ergattern und sich dafür einen halben Tag von der Arbeit freizunehmen). Sie strahlen zwar keine Eleganz aus, vernachlässigen ihr Erscheinungsbild aber auch nicht.

In seiner Freizeit hingegen, in seinem natürlichen Habitat, zeigt der Südtiroler Archetyp das Beste von sich und seinem Outfit, indem er die Highlights der aktuellen Kollektion alpiner Modeperlen zur Schau stellt.

Bummelt man durch die Südtiroler Dorf- und Stadtzentren, kann man sich oft des Eindrucks nicht erwehren, man befände sich inmitten von Menschen, die sich für eine Achttausender-Expedition, einen Ultratrail oder einen Skilanglauf-Marathon gerüstet haben oder gerade davon zurückkehren. Wenn das Outfit diese Vermutung nicht nahelegen sollte, dann auf jeden Fall ihr Körper: sehnig, schlank, durchtrainiert. Aus Zirbenholz gemeißelt.

Der Jahreszeitenwechsel in Südtirol wird markiert vom Wegräumen der Skier und Aus-dem-Keller-Holen des Mountainbikes – und umgekehrt. Die Skier werden im Juni weggeräumt, um sie so bald wie möglich wieder hervorzukramen, idealerweise im September. Ein Südtiroler Sommer ist kurz, aber intensiv.

Der Rodelsport – oder gar das Monoskifahren – wird mit großer Ernsthaftigkeit und Hingabe praktiziert, mit Wettrennen und auf eigens präparierten Bahnen und Pisten, die auch nachts beleuchtet sind; ein paar Schnapslan gehören dabei immer dazu.

Die Klettersaison beginnt im Februar an den Südwänden, setzt sich im Sommer an den Ost- oder Nordwänden fort, kehrt im Herbst wieder an die Südwände zurück, um dann am Tor zum Gardasee und zum Winter auszuklingen, nämlich in Arco: knapp außerhalb der Landesgrenze, aber in vernünftiger Entfernung von dahoam, da mit dem Auto in einem Tag bequem erreichbar.

Und zwischen all diesem Heraus- und Wieder-weg-Geräume von Skiausrüstung und Mountainbikes gibt es da noch das E-Bike, das einen mittlerweile durch alle vier Jahreszeiten begleitet. Meine Damen und Herren, signore e signori, wisset, dass man sich zum 14. Geburtstag in Südtirol kein Moped, keine Vespa, keine Ape, dieses typisch italienische Gefährt für Möchtegernrennfahrer, wünscht, nein: Ein E-Bike muss es sein. Es ist nämlich das wahre Prêt-à-porter-Teil, es passt zu allem. Perfekt für den Sommer, wo man die ersten 1.000 Höhenmeter auf der Forststraße gemütlich mit dem Rad zurücklegen kann, um dann eine Sechser-Route zu klettern und frisch und locker-flockig ein Gipfelchen mitzunehmen, von dem aus man eine dieser viel zitierten Dolomitenaussichten genießt, die einem schier den Atem rauben. Perfekt aber auch für den Winter, da geht es zum sogenannten Bike&Ski: Auf dem Drahtesel, die Skier auf den Rucksack geschnallt, Skischuhe bereits an den Füßen, bis zur Schneegrenze strampeln, dort wird das Bike an einen Baum gelehnt und der Weg über die schneebedeckten Hänge in Form einer Skitour bis zum Gipfel fortgesetzt.

In den Tälern Südtirols leben sie derzeit noch zusammen, die neuen und die alten Bergbewohner (Montanari). Sie unterscheiden sich weitgehend durch ihre Ursprünge, Werte, Akzente und körperliche Konstitution. Nur eine Ähnlichkeit vereint sie: die Pantoffeln. Tatsächlich ist das Erste, was ein alteingesessener Bergbewohner macht, nachdem er über die Schwelle seines Hauses getreten ist, sich die schweren Bergschuhe von den Füßen zu streifen und Pantoffeln anzuziehen. Dabei handelt es sich keinesfalls um Badeschlappen, strandtaugliche Flip-Flops oder gar Plastiksandalen für felsige Meeresufer. Nein, im Haus tragen Herr und Frau Montanaro „gewalkte“ Pantoffeln aus Wollfilz oder ihre festere Variante, Lederpatschen, neuerdings gerne auch diese hässlichen Plastiktreter mit Luftlöchern auf der Oberseite. Schuhwerk jedenfalls, das dann endlich seiner ursprünglichen Bestimmung zugeführt wird. Die alten Montanari verlassen tatsächlich ihr Haus nicht mehr, sobald sie erst mal Pantoffeln an den Füßen haben – nicht einmal auf einen Sprung in den Gemüsegarten, in den Garten oder um den Müll rauszubringen: Selbst dazu tragen sie ordentliches Schuhwerk. Berg-Frischlinge hingegen tun sich, sobald sie sich erst in den Südtiroler Tälern niedergelassen haben, schwer damit, sich von dem exzessiven Pantoffeltragen zu distanzieren. Sie können bald gar nicht mehr ohne.

Auch wenn oberflächlich betrachtet alle gleich erscheinen und möglicherweise Zweifel daran aufkommen könnten, neue und alte Montanari auf den ersten Blick korrekt unterscheiden zu können, etwa wie Chinesen und Koreaner, wird schnell klar, was den Unterschied ausmacht: die schwarzen Fingernägel. Jawohl. Denn der neue Bergbewohner hat sich eine krankhafte Passion für Maniküre bewahrt, die der alte seit jeher ablehnt. Ihnen gemeinsam ist allerdings neben dem Pantoffeltragen die tief verwurzelte Wertschätzung der Freizeit und die Neigung, sich über Witze wie den gerade eben zu echauffieren. Denn nachtragend sind sie auch noch, die Montanari.

Unter den freien Männern und Frauen Südtirols lassen sich mehrere Unterkategorien unterscheiden:

Do Seppi mitn blauen Schurz

Dieses Klischee von einem Bergmenschen durch und durch existiert tatsächlich (immer noch). Obwohl belächelt, herabgewürdigt und von Theater und Film parodiert, ist der Mann mit Filzhut und blauer Schürze in der Realität durchaus vertreten, er befindet sich mitten unter uns, mit hoch erhobenem Haupt. Der blaue Schurz symbolisiert Arbeitsamkeit, Erfahrung, die Lust, anzupacken. Der Südtiroler mit dem blauen Schurz sendet eine klare Botschaft an sich selbst und alle anderen: Er arbeitet. Ob diese Arbeit nun darin besteht, die Grabungsarbeiten auf einer Baustelle zu „überwachen“, am Tresen der Mila-Bar einen Weißn zu trinken oder einen Watter (das allgegenwärtige Kartenspiel Watten) am Stammtisch in der Dorfbar zu machen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Der blaue Schurz verleiht ihm eine Aura der Unantastbarkeit, ein Alibi, den Beweis für seine Emsigkeit. Und wenn er ihn trägt, ist eines gewiss: Es ist nicht Sonntag.

Do Musig-Manni

Er ist eine feste Größe bei jedem Übergangsritual im Leben eines Südtirolers. Ob Taufe, Erstkommunion, Hochzeit oder Begräbnis: Der Musikkapellen-Mann begleitet die Zeremonie wahlweise mit Horn, Tuba, Oboe oder Ähnlichem. Er organisiert Sommer- und Winterfeste, nimmt an musikalischen Austauschprogrammen teil oder wird von Musikkapellen aus anderen Tälern eingeladen. Die landestypische Tracht trägt er nur während seiner Performance, aber man erkennt ihn immer, weil er auch in Zivil nicht darauf verzichtet, wenigstens einen Gürtel, eine Geldtasche oder ein Lederarmband zu tragen, die seine Zugehörigkeit zur Kapelle der Heimatgemeinde, zur Musig, demonstrieren. Der Musikkapellen-Mann ist 365 Tage im Jahr im Einsatz, weil er bei jedem religiösen Feiertag, Kirchtag und Heiligenumzug aufspielen muss – Musikproben nicht mitgezählt. Ein Mann, der niemals Ruhe hat, der aber aus purer Freude spielt: seiner eigenen und der seines Publikums. Und wenn er sich auch ständig am Rande eines Burn-outs befindet, der aufgrund der schieren Masse an Proben und Konzerten unweigerlich bevorsteht, so würde er doch niemals darauf verzichten, das Dorfleben durch seine musikalischen Beiträge zu bereichern. Sein Wirken erscheint ihm unabdingbar, um dem gesellschaftlichen Leben seiner Gemeinde den nötigen Takt zu geben.

Do Freiwillign-Hebo

Ein Feuerwehrmann, eine Garantie. Verlässlicher Beschützer jedes Wäldchens, jedes kleinen Grundstücks, jedes Heustadels, jedes Bauernhofes. Er hat immer eine Lösung parat, ob Gasleck, Funkenflug oder Sodbrennen.

Da die Anzahl der Feuerwehrhallen in Südtirol die der Kirchtürme übersteigt, kann man im Ernstfall auf ein weitverzweigtes Brandlösch-Netzwerk zurückgreifen, ausgestattet mit einer Flotte von Einsatzfahrzeugen, die eines Actionfilms aus dem Marvel-Universum würdig wäre. Die Freiwilligen stehen in schmucker Uniform allzeit bereit, ob nun ein Waldbrand zu löschen oder ein Dorffest zu organisieren ist.

Do Bergretter-Peto

Der Bergretter ist die Premiumversion des Feuerwehrmannes: Er patrouilliert in luftigen Höhen, zwischen Felsspalten und Schneeverwehungen. Außerdem hat er einen Hubschrauber zur Verfügung. Er spezialisiert und fokussiert sich laufend auf das Suchen, Finden und Nach-Hause-Bringen von Berg-Frischlingen, die sich ohne Helm und Klettergurt einen Klettersteig entlanghangeln, um das ultimative Selfie zu machen, oder die, sobald sie das Ziel erreicht haben, von Panik erfasst werden und den Berg nicht mehr hinunterkommen.

Zu den leichtesten Übungen des Bergretters gehört es, Berg-Frischlinge in Sicherheit zu bringen, die beim Gipfelkreuz auf 2.500 Höhenmetern von plötzlichen Erfrierungssymptomen heimgesucht werden. Im Tanktop. Und in Hotpants. Im August. Signore mie, das Unterleibchen!

Do Nobi, der Bio-Mann