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Sie sind jung und sie brauchen das Geld. Da hat Paula - Carries beste Freundin eine Idee! Sie suchen pretty -woman- like einen Richard Gere oder doch nur einen Sugardaddy? Das klingt einfach. Zumindest aus Paulas Mund. So landet Carrie schließlich auf einer Seite, auf der Angebot und Nachfrage zusammentreffen. Als sie auf Marcos Profil stößt, bleibt für kurze Zeit ihr Herz stehen. Oder war es vielleicht sogar die Welt? Jetzt gilt es, bei aufregenden Dates hin und wieder den Verstand verlieren aber bloß nicht das Herz.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Good vibes only!
Impressum
Texte: © Copyright 2021 by
Kerstin Spielmann
An der Hardtlinde 1
71711 Murr
Unsanft wurde ich am Morgen durch laute Musik geweckt. Die ersten Sonnenstrahlen kitzelten meine Nase, die ich daraufhin sofort kräuselte. Die Luft in meinem Zimmer war warm und stickig, durch die Sonne wurde es in ein warmes Licht getaucht.
Ich zog mir die Decke über den Kopf, aber an einschlafen war nicht mehr zu denken. Der Beat hämmerte mir gegen die Stirn. Genervt schob ich die Bettdecke zur Seite.
Schweren Herzen kroch ich aus dem Bett und stöhnte.
Die geschmacklose Heavy Metal Musik kam aus der Wohnung unter mir.
Schlaftrunken bahnte ich mir meinen Weg ins Bad, dieser war gepflastert von Klamotten , Zeitschriften, Schuhen, Handtüchern, Kosmetikartikeln, Kosmetiktüchern.
Aufräumen war nicht gerade eine Leidenschaft von mir. Seit meiner Kindheit hasste ich es aufzuräumen, mir fehlte schlichtweg die Disziplin.
Diese Disziplinlosigkeit verfolgte mich mein ganzes Leben.
Mein mir eigens angeeignetes Ordnungssystem beherrschte ich mühelos. Auch wenn es für andere auf den ersten Blick chaotisch erschien.
Bei einem prüfenden Blick in den Spiegel stellte ich fest , dass mir etwas mehr Schlaf nicht geschadet hätte.
Bevor ich missmutig unter die Dusche schlüpfte, prüfte ich mit der Handinnenfläche die Wassertemperatur.
Schon immer war ich mehr der Warmduscher; Warmduscher war noch eine Untertreibung für mich, es konnte mir gar nicht heiß genug sein.
Das Wasser strömte über meinen Körper und ich nahm nur noch das Rauschen wahr. Entspannt lehnte ich mich mit der Stirn an den Fliesenspiegel und wusch mir ausgiebig die Haare.
Danach schnappte ich mir ein Handtuch vom Boden, schnupperte kurz daran und trocknete mich anschließend damit ab.
Vor meinem Kleiderschrank schob ich einige Kleidungsstücke auf die Seite, damit sich die Türe wieder öffnen ließ.
Aus dem bunten Stapel aus Polyester, Baumwolle und Co. zog ich einen grauen Rock sowie ein weißes Top, bedruckt mit rosa Blüten heraus.
Für Ordnung sorgen stand heute ganz oben auf dem Tagesplan.
Das war leichter gesagt als getan.
Vermutlich war es einfacher, zuerst das Chaos in meiner Wohnung zu beseitigen . Meine Lebensumstände zu bereinigen, würde sicherlich mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Vor einigen Monaten hatte ich meinen Job verloren und ich hielt mich mit diversen Nebenjobs gerade so über Wasser.
Zeitschriften austragen, kellnern, Regale einräumen , usw.
Ich hatte so ziemlich alles getan.
Nur nicht das, was ich ursprünglich gelernt hatte.
Nach einer durchwachsenen Schulzeit hatte ich auf dem zweiten Bildungsweg mein Abitur nachgeholt. Danach hatte ich mich für ein BWL-Studium entschieden; mein Schwerpunkt lag im Bereich Controlling.
Meine letzte richtige Beziehung lag ungefähr zwei Jahre zurück. Ob das an mir oder der Männerwelt lag, ließ sich nur schwer erahnen.
Fakt war, weder beruflich noch privat fühlte ich mich angekommen. Mit meiner derzeitigen Situation war ich alles andere als zufrieden.
Durch meine Arbeitslosigkeit war ich träge geworden; der Zustand wurde mit jedem Tag mehr zur Normalität.
Anfangs hatte ich mich intensiv um einen Job beworben, aber mit jeder Absage schwand die Hoffnung und damit auch meine Bemühungen. Ich war in einen Sumpf geraten, aus dem ich nur schwer herauskam.
Irgendwo summte mein Smartphone. Ich versuchte es zu orten. Schnell eilte ich in die Küche und nahm den Anruf entgegen.
„Hi Paula!“
„Guten Morgen, Carrie “, erklang die für diese Uhrzeit viel zu gut gelaunte Stimme meiner besten Freundin.
„Alles in Ordnung bei dir?“
Sie ließ mir keine Gelegenheit zu antworten, sondern sprach sofort aufgeregt weiter.
„Ich habe die Lösung für dein Problem. Na ja, also eigentlich für unser Problem. Wir suchen uns einen Sugardaddy.“
Den letzten Satz betonte sie, als hätte ich gerade den Hauptgewinn bei der Tombola auf unserer jährlichen Weihnachtsfeier gewonnen .
Ich war sprachlos.
Sie wartete auf meine Antwort, dessen war ich mir ganz sicher. Tausend Bilder gingen mir durch den Kopf, teilweise waren sie alles andere als schön.
Fantasie konnte auch eine Strafe sein, vor allem wenn sie mit einem durchging.
„Wie kommst du denn auf so eine Idee?“, unterbrach ich die Stille zwischen uns.
Paula hatte schon oft ziemlich schräge Ideen gehabt , aber diese überraschte mich.
Wie damals, als sie an Fasching vorgeschlagen hatte, uns ein Kostüm zu häkeln, damit wir als Topflappen verkleidet gehen können.
Sie hatte sich sogar eine Anleitung aus dem Internet heruntergeladen. Die Umsetzung war glücklicherweise am zeitlichen Aufwand gescheitert.
Am Ende waren wir als Bienen verkleidet in der Gemeindehalle unterwegs gewesen. Nach etlichen dummen Anmachsprüchen und einigem an Obstwasser zu viel schwankten wir nach Hause.
Paula und ich waren zwei Chaosprinzessinnen.
„Gestern kam eine Reportage darüber. Irgendwie hat es mich fasziniert. Einmal anders sein, frei sein, einfach mal machen, nicht so viel denken.“
„Mhh.“
Nicht so viel denken war genau mein Ding.
Das Leben hatte mir oft schon die Lektion erteilt, erst denken, dann handeln , es kam aber noch nicht bei mir an .
„Die Sache ist ziemlich einfach. Du meldest dich auf einer Seite an und hoffst, dass du angeschrieben wirst.“
„Du hoffst, dass du von einem alten Mann angeschrieben wirst, der dich daten will? Gott, klingt das verzweifelt.“
Okay, für ein Date bezahlt werden, klang nicht schlecht. Essen gehen, etwas plaudern, charmant sein und flirten.
„Du bestimmst selbst, wen du treffen möchtest und wie alt.“
Paula schien Feuer und Flamme für ihre Idee zu sein.
Nach ihren Worten lief ich erneut ins Bad und warf einen prüfenden Blick in den Spiegel.
Okay, vermutlich wollte mich im Moment auch kein Mann mit einem Altersunterschied von fünfzig Jahren daten.
„Das Alter ist doch erst einmal zweitrangig. Wichtig ist, dass er reich ist und uns aus unserer derzeitigen Situation hilft.“
Im Moment fand ich meine Situation nicht so ausweglos, dass ich an Dates mit meinem Opa denken wollte. Außerdem hatte ich mir noch nie Gedanken über das Vermögen meiner potentiellen Partner gemacht.
„Wir flirten, treffen uns, und wenn wir wollen, haben wir Spaß“, hörte ich Paula am anderen Ende der Leitung weitersprechen, während ich dabei war, meine Augenringe zu prüfen .
Langsam nahm ich die Gestalt eines Pandabären an, wobei Panda-Augen alles andere als tierisch gut an mir aussahen.
„Treffen und flirten klingt ja super, aber ich befürchte, dein Gönner möchte schon ein wenig mehr als nur das,“ gab ich zu bedenken, während mein Zeigefinger langsam die Kontur meines rechten Auges entlangfuhr.
„Es ist unverbindlich. Du musst nichts machen, was du nicht möchtest . Aber stell dir vor, das wäre so wie in Pretty Woman“, geriet sie ins Schwärmen.
In meinem Gedanken sah ich Julia Roberts, ihre ewig langen Beine und die Overknees. Das Bild verdrängte ich sofort aus meinem Kopf.
Aus ihrem Mund klang das alles so einfach, aber mir fehlte es nicht nur an den Overknees, sondern schon an den langen Beinen.
Gedankenverloren betrat ich meine Küche und schaltete die Kaffeemaschine ein.
„Und wir würden auch direkt als Prostituierte starten, nur dass wir statt Richard Gere unseren Opa treffen. Igitt!“, schüttelte ich mich, während ich den Kaffeefilter füllte.
Ein verzweifelter Seufzer erklang am anderen Ende der Leitung.
„Vermutlich hast du recht. Kein Richard Gere, kein Mister Grey. Aber sicher gepflegte und gut betuchte Männer, die wissen, wie man Frauen behandelt.“
Ich konnte erahnen, wie ihr Kopfkino losging, und befüllte den Wassertank, bevor ich die Kaffeemaschine in die Steckdose einsteckte.
„Nur gut betuchte Männer?“
„Überwiegend nehme ich an. Ich denke, Männer, die finanziell wenig zu bieten haben, sind für viele Frauen auf der Seite uninteressant. Schlichtweg nicht die Zielgruppe der Plattform.“
„Wird das überprüft?“
„Puh“, sie stöhnte kurz auf. „Ich glaube gelesen zu haben, dass es Einkommensnachweise gibt. Also, die Männer können einen Nachweis erbringen und der Betreiber überprüft diesen.“
„Bei mir hat selbst das Finanzamt nicht viel zu prüfen.“
„Wir sitzen im selben Boot.“
„Ist das alles kostenlos?“
„Für Frauen ja.“
„Ich kann es mir im Moment nicht leisten, ein Abo für eine Dating-Plattform auszugeben .“
„Ich auch nicht. Aber ich kann dich beruhigen, die Basismitgliedschaft ist kostenlos. Ich werde mir heute ein Profil anlegen, dann kann ich dir mehr berichten.“
„Meinst du unsere Gesellschaft ist es wert, dafür zu bezahlen ?“
„Also, meine schon“, lachte Paula auf. „Wir sind witzig, charmant, attraktiv…“
„Und Single“, fiel ich ihr ins Wort.
„Das ist in diesem Fall kein Nachteil. Aber natürlich wird Sex ein Bestandteil sein. Alles andere wäre eine Illusion.“
„Das denke ich auch.“
„Aber jeder bestimmt selbst, wie weit er geht.“
„Selbstverständlich.“
„Eine Anmeldung ist noch kein Date.“
„Ja, ich weiß. Und bevor du es sagst, jeder bestimmt selbst, wen er treffen möchte .“
Blubbernd lief die braune Flüssigkeit in die Glaskanne und ich beobachtete sie fasziniert.
„Genau.“
„Enttäuschungen gehören auch dazu.“
„Auch online sind wir davor nicht sicher. Das kann dir aber bei jedem Typen in der Bar auch passieren.“
„Mmh.“
„Die wollen oft auch nicht mehr als Sex.“
„Paula!“
„Ja, ist doch so. Eigentlich ist es nichts anderes.“
„Eigentlich.“
Die Frage war, ob ich dafür bezahlt werden will?
„Es ist eine Frage der Definition. Für mich ist es keine Prostitution. Ich sehe es als Win-Win-Situation . Als Freundschaft plus.“
Wahrscheinlich ist es eine Frage der persönlichen Einstellung, musste ich ihr recht geben.
Ich stellte mich auf die Zehenspitzen, um nach einer Tasse aus dem Küchenschrank zu greifen. Nachdem ich mir den noch heißen Kaffee eingeschenkt hatte , nippte ich vorsichtig daran.
„Bin ich schlank?“
„Wie meinst du das?“
„Wie ist meine Figur? Schlank, sportlich?“
„Schlank.“
„Ich leg gerade mein Profil an.“
„Du hast es wirklich eilig.“
„Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.“
„Ich bin gespannt, wer dir was besorgt “, erwiderte ich lachend.
„Sowas in der Art schreibe ich in meinen Flirttext.“
„Besser nicht.“
„Mein Profil ist gleich am Start. Ich brauche nur noch ein Bild von mir. Eines von meiner Schokoladenseite.“
„Die hast du?“
„Manchmal. Aber nichts davon ist in meiner Galerie.“
„Die Momentaufnahmen solltest du künftig festhalten.“
„Ich mach jetzt ein Ichi.“
„Ein was ?“
„Ein Selfie. Achtung! Selfiemooooodus … Käääääseekuuuchen … Tada!“
„Du bist an Spontanität nicht zu überbieten.“
„Und an Attraktivität.“
„Bescheidenheit.“
„Ich bin jetzt am Start. Oh, das ist so aufregend.“
„Freut mich für dich. Ich sollte jetzt aufräumen und nach Stellenanzeigen suchen. Wir hören uns später. Spätestens wenn der erste Traummann schreibt.“
„Alles klar. Wir hören uns bald. Bye.“
„Bye.“
Nachdem Paula aufgelegt hatte, ging mir das Gespräch nicht mehr aus dem Kopf.
Mein Smartphone vibrierte erneut, Paula hatte mir einen Link gesendet. Dieser führte mich auf die Seite diskret.de.
Die Plattform, auf der Angebot und Nachfrage zusammentreffen.
Beim Lesen der Nutzungsbedingungen überkam mich ein ungutes Gefühl, eine Mischung aus Neugier und Angst.
So mussten sich wohl Adam und Eva gefühlt haben, als sie von den verbotenen Früchten genascht hatten.
Innerlich kämpfte ich mit mir.
Zu verlieren hatte ich nichts, außer vielleicht meinen guten Ruf. Sich unverbindlich anmelden und schauen was passiert, das tat auch keinem weh. Hin- und hergerissen wägte ich das Dafür und das Dagegen ab.
Passte das zu meiner Moralvorstellung?
Bis jetzt hatte ich normale Beziehungen ohne Paulas sogenanntes Plus gehabt.
Vielleicht war diese Win-Win-Situation die Überbrückung, bis ich meinen Traummann oder Traumjob fand ?
Mein überzogener Disporahmen würde sich freuen. Mein Konto war eine unendliche Minusgeschichte.
War mein Risiko größer oder die Chance?
Ich entschied mich, einen Versuch zu starten und mich ebenfalls zu registrieren.
Als Erstes benötigte ich einen Benutzernamen.
Bei einem Blick ins Bücherregal entdeckte ich das Märchenbuch aus meiner Kindheit.
Mein Vater hatte mir Däumelinchen unzählige Male vorgelesen, ich kannte es in- und auswendig , dennoch genoss ich jedes Wort immer aufs Neue.
Es war mein Lieblingsmärchen.
Däumelinchen – das klang märchenhaft, bezaubernd, zart, und es verlieh meinem Nick diesen geheimnisvollen Touch.
Danach kamen die persönlichen Daten: 26 Jahre alt, schlank, Nichtraucherin, Single und keine Kinder.
Nachdem ich diese bestätigt hatte, verlangte das System nach einem Flirttext. Grübelnd zog ich meine Stirn in Falten. Gehören zum Flirten nicht eigentlich zwei Menschen?
Diese Frage schob ich beiseite und begann, mir den Kopf über einen passenden Text zu zerbrechen.
Vielleicht wäre mir die Aufgabe leichter gefallen, wenn ich gewusst hätte, was ich suche .
Schön, dass du auf meinem Profil gelandet bist.
Ich suche hier keinen edlen Ritter in Rüstung, aber auch keinen Vollidioten in Alufolie, keinen Überflieger und kein Suppenhuhn. Du darfst und du sollst deine Ecken und Kanten haben. Ich suche und ich biete keine Perfektion, das würde mich auch langweilen.
Ich bin ungeduldig, hasse Stau, ringe mit meinen Entscheidungen und bereue meist nur das, was ich nicht getan habe.
Zeit ist für mich der größte Luxus.
Das klang wie eine Annonce in der Sonntagszeitung. Vielleicht wäre der Text geeigneter für Parship gewesen. Das Risiko, mich alle elf Minuten zu verlieben, wollte ich nicht eingehen.
Zeit hatte ich im Moment mehr als genug. Sozusagen schwamm ich laut eigenen Aussagen derzeit regelrecht im Luxus.
Anschließend fügte ich noch ein Foto von mir hinzu.
Ganz natürlich.
Das weiße Top passte zu meinem Benutzernamen. Es wirkte mädchenhaft.
Wenn ich einen Blick auf die anderen Damen warf, die nicht gerade mit ihren weiblichen Reizen geizten, stellte ich mich auf wenig Kontakt ein.
Viele zeigten sich in Unterwäsche oder sogar nackt. Das schloss ich aus; so wollte ich mich nicht zeigen.
Nachdem ich alles überprüft hatte, schloss ich die Seite wieder.
So, Jungs , jetzt seid ihr gefragt.
Verträumt warf ich mich aufs Sofa.
Aschenputtel hatte heute keine Lust. Gut, dass in meinem Leben die böse Stiefmutter fehlte. Statt mit Mäusen und Vögeln konnte ich sicher bald mit Kakerlaken singen.
Ich sah uns schon zusammen in der Küche zu La Cucaracha performen.
Vom Couchtisch angelte ich mir mein Smartphone und schickte Paula eine Nachricht.
Erfolgreich angemeldet.
Wir sind jung und brauchen das Geld!
sendete sie mir zurück . Dahinter setzte sie noch ein Smiley.
Bei Letzterem war ich mir sogar ziemlich sicher.
Mühsam raffte ich mich auf, lief in die Küche und begann mit dem Abwasch. Die Kräuter auf der Fensterbank ließen auch schon deprimiert die Köpfe hängen.
Aus dem Spülbecken griff ich nach einer Kaffeetasse, um sie zu gießen. Dabei schüttete ich die Hälfte neben den fliederfarbenen Übertopf. Fluchend tupfte ich mit dem feuchten Geschirrhandtuch die Fensterbank trocken.
Danach gab ich die Müslischalen ins Waschbecken. An ihnen klebten schon eingetrocknete Haferflocken.
Das Zeug war wie Beton, stellte ich fest, während ich mit meinem Zeigefinger vergeblich versuchte, welche abzukratzen . Sollte ich mit natürlichen Rohstoffen bauen wollen, standen Haferflocken ganz oben auf meiner Liste. Kurzfristig überlegte ich, mir diese Idee patentieren zu lassen .
Meine Gedanken waren weit von meinem Haushalt, Geschirr und Haferflocken entfernt.
Die Neugier trieb mich wieder an mein Handy, erneut loggte ich mich auf der Homepage ein.
Ich redete mir ein, es wäre klug, nachzusehen, wie mein Profil ankam.
Positiv überrascht stellte ich fest , mein Profil wurde auch ohne Nacktbilder gut besucht.
Neugierig spickte ich zurück und schaute mir Profile diverser Männer an.
Die Wünsche waren klar definiert, Vermögensverhältnisse angegeben sowie die Angaben, was sie bereit waren, für ihr Sugarbabe zu bezahlen .
Als ich nach unten scrollte, hatte es mir ein schwarz-weißes Foto besonders angetan .
Ein attraktiver Mann, Mitte dreißig, mit Dreitagebart, lächelte mir entgegen.
In meinem Bauch fing es an zu kribbeln. Neugierig öffnete ich sein Profil und sah mir seine Bilder an.
Was darauf zu erkennen war, wirkte mehr als nur anziehend. Ein Typ in Jeans und dunkelblauem Poloshirt; ein Bild, worauf man seine blauen Augen erkennen konnte , faszinierte mich besonders.
Gefühlt starrte ich eine Ewigkeit darauf.
Er wirkte lässig, sein schwarzes Haar trug er kurz. Meine Augen wanderten zu seinem Flirttext:
Ganz nach Oskar Wilde „Ich habe einen ganz einfachen Geschmack. Ich bin immer mit dem Besten zufrieden.“
Du solltest Lust auf Kennenlernkonversation per Telefon haben. Ich melde mich nur bei dir, wenn du ein Bild im Profil hast.
Mein derzeitiger Wohnsitz ist Frankfurt und ich suche bevorzugt Frauen aus meiner Region. Entfernungen sind für mich aber auch kein Problem und sollten auch für dich kein Thema sein.
Wenn du Interesse an mir hast, dann stell mir doch einfach eine Frage, sollte ich dich freischalten und du merkst es zuerst, dann ist das das Tüpfelchen auf dem i .
Ok, Mr. Right war nur mit dem Besten zufrieden.
Eigentlich hätte ich genau nach diesem Satz schon aufhören sollen zu lesen.
Eigentlich.
Doch stattdessen starrte ich fasziniert auf meinen Bildschirm.
Entweder musste ich mein Bestes geben oder ihn mir aus dem Kopf schlagen.
Dann stellte ich mir die Frage: Worin sollte man auf dieser Seite die Beste sein?
Sollte ich mich bei ihm bemerkbar machen?
Um mit ihm schreiben zu können, musste er mich freischalten.
Ich hatte nur eine Alternative; ich musste ihm auffallen und hoffen, dass er sich zu meinen Gunsten entschied.
Meinen großen Vorteil sah ich darin, dass ich ebenfalls aus Frankfurt kam.
Entschlossen sendete ich ihm eine Frage aus dem Fragenkatalog.
Die vorgegebenen Fragen waren nicht originell.
Bist du dominant?
Ich entschied mich für diese Frage und bestätigte mit senden. Jetzt blieb mir nur eines – abwarten .
Die Zeit des Wartens versuchte ich mit sinnvollen Dingen zu füllen.
Den Müll runterbringen , das Waschbecken im Bad von Zahnpastaresten befreien, die Wohnung saugen und nicht ständig nachsehen, ob Mr. Right eine Nachricht hinterlassen hatte.
Meine Ungeduld ließ sich kaum zügeln.
Meine innere Stimme befahl mir, mich zusammenzureißen und erst in ein paar Stunden nachzusehen.
Mr. Right sollte schließlich denken, ich sei eine vielbeschäftigte Frau.
Wenn ich mich in meiner Wohnung so umsah, war das nicht einmal gelogen, stellte ich mit einem Schmunzeln fest.
Mein Haushalt stellte eine Herausforderung dar.
Vielleicht war er doch nicht der Richtige und ich sollte nach Meister Propper suchen.
Mit einem Becher Vanilleeis sah ich mich auf dem Sofa sitzen. Meister Propper sagte mit seinen Muskeln Staub und Kalk den Kampf an.
Die Vorstellung war verführerisch.
Darin war ich sicher die Beste.
Bis dahin musste ich aber selbst Hand anlegen. Nachdem ich sämtliche Böden gesaugt und gewischt hatte , machte ich mich erschöpft und glücklich auf den Weg ins Bett.
Mein Smartphone steckte ich zum Laden an der Steckdose neben meinem Nachttisch an und loggte mich erneut ein.
Mr. Right hatte mir noch nicht geantwortet, stellte ich enttäuscht fest.
Ein älterer Herr hatte mir stattdessen eine Frage hinterlassen.
Würdest du mit mir einen Kaffee trinken?
Ich warf einen Blick auf seine Bilder. Sein Gesicht hatte er unkenntlich gemacht, um den Hals trug er eine Goldkette. Laut Altersangabe war er über 60.
Neugierig las ich mir dennoch seinen Flirttext durch.
Stricter Daddy alter Schule sucht passendes Girl. Devot und schlecht erzogen kein Hinderungsgrund. Eine ordentliche Erziehung lässt sich nachholen. Ich bin sehr konsequent.
Du suchst jemand, der dich anleitet, führt und erzieht . Deine Ausbildung, dein Leben oder dein Studium könnte besser laufen, wenn du nicht so faul wärst? Du wirst dich bessern, sobald dein Handeln Konsequenzen hat. Du suchst Erfahrungen, Kontrolle, Rat und Anweisungen und willst Verantwortung abgeben, dann bist du bei mir genau richtig.
Freischalten ist meine Sache, mach ich, wenn dein Profil mich überzeugt.
Der Mann musste übersinnliche Fähigkeiten haben. Im Moment hatte ich die Kontrolle über mein Leben verloren. Zumindest hatte ich seit meiner Kündigung genau das Gefühl.
Dies war hoffentlich nur ein temporärer Zustand, der nicht mehr ganz so lange anhalten sollte.
Vielleicht hatte er ja tatsächlich die Konsequenz, an der es mir mangelte. Aber an meiner Erziehung gab es nichts auszusetzen.
Bei dem Wort ordentlich allein wurde mir schon speiübel .
Ich schloss sein Profil in der Hoffnung, dass dieser Mensch nicht auf die Idee kam, mich weiter zu kontaktieren.
Das kleine Fragezeichen in der rechten Ecke meines Bildschirmes leuchtete erneut auf.
Mr. Right hatte meine Frage mit einem Ja bestätigt.
Ansonsten machte er sich keine Mühe, weiteren Kontakt mit mir aufzunehmen. Niedergeschlagen legte ich mich in mein Bett und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Mein virtueller Traummann verfolgte mich in meinen Träumen. Ich sah ihn, wie er vor mir stand in einem schwarzen Anzug, er lächelte mich an. „Willst du diese Rose haben?“, fragte er mich. Während er mir eine dunkelrote Rose entgegenhielt. Völlig perplex nahm ich die Rose an und freute mich, dass ich seine Auserwählte war. In meinem Bauch war wieder dieses unglaublich intensive Kribbeln.
Ein Gefühl, so unbeschreiblich, dass ich es kaum benennen konnte.
Die anderen Frauen um mich herum musterten mich mit einem neidvollen und falschen Lächeln. Es hinderte mich kein bisschen, die Situation zu genießen .
Als ich erwachte, war ich völlig verwirrt und enttäuscht; statt Mr. Right hielt ich mein Kuschelkissen im Arm.
Noch während ich mich von meinem Kissen trennte, beschloss ich, die nächste Zeit die Sendung Der Bachelor zu meiden und mehr Nachrichten und Börsennews zu verfolgen.
Die nächsten Tage verliefen schleppend. Am Wochenende kellnerte ich zusätzlich in einer Pizzeria, um mein Einkommen aufzubessern.
Abends fiel ich meist erschöpft in mein Bett.
Auf diskret.de schrieben mir fast nur Männer bezüglich eines One-Night-Stands gegen Taschengeld. Der Zustand ging mir auf die Nerven.
Doch was am meisten an mir nagte: Mr. Right machte nicht die geringsten Anzeichen, sich bei mir zu melden.
Nachdem ich sein Profil gefühlt schon mehr als tausendmal besucht hatte, hatte ich irgendwann einmal Screenshots seiner Bilder und seines Flirttextes gemacht.
Mein Interesse war nun auffällig. Eindeutig auffällig.
Vielleicht war ich schon zu auffällig?
Was aber sicher war: Mr. Right konnte mein Interesse nicht entgangen sein.
Immer häufiger ertappte ich mich dabei, wie ich mir seine Bilder anschaute.
Inzwischen kannte ich jedes Detail.
Langsam kam ich mir vor wie eine Stalkerin.
Vor meinem geistigen Auge sah ich immer wieder sein Profilbild und stellte mir unzählige Szenarien vor, ihn zu treffen. Malte mir aus, wie es sein würde, ihn zu küssen, mit den Fingern über seinen Dreitagebart zu fahren, seine Grübchen zu berühren, an seinem Hals zu schnuppern und seine Stimme zu hören.
Kurz – ich sehnte mich nach einem Mann, den ich nicht persönlich kannte und zweifelte an meinem Verstand.
Rational gesehen verhielt ich mich völlig irrational und fragte mich, wie hoch die Wahrscheinlichkeit war, dass ich in einer Irrenanstalt landen würde?
Eigentlich zweifelte ich schon seit Mathematik und Bruchrechnen an meinem Verstand; diese Situation verschärfte den Zustand zusätzlich.
Das kleine Fragezeichen auf meinem Bildschirm leuchtete türkis auf.
Ungläubig starrte ich darauf. Er hatte mir eine Gegenfrage gesendet.
Nervosität stieg in mir auf.
Müsste ich dich mit jemandem teilen?
Nein, die letzten zwei Jahre wollte mich niemand mehr haben, wäre die ehrliche Antwort gewesen.
