Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Es gilt die Kunst zu üben, den Absturz zu geniessen. Dieses Buch hilft Ihnen dabei, denn es handelt von einer ganzen Reihe von Abstürzen. Das Buch ist in erster Linie eine Milieuschilderung, d.h. es ist hautnah am Leben geschrieben. Alles, was beschrieben wird, könnte sich so auch tatsächlich ereignet haben. Natürlich werden die Ereignisse fiktionalisiert, und jede Übereinstimmung mit lebenden Personen ist selbstverständlich rein zufällig. Aber im Ganzen gesehen ist das Buch, sowohl was die Charaktere als auch die Ereignisse betrifft, sehr authentisch. Das Buch versucht in diesem Sinn auch, Vorurteilen entgegenzutreten: Vorurteilen, «was» und «wie» männliche Prostituierte sind (und insbesondere Prostituierte aus einem anderen Kulturkreis, hier aus Asien). Vorurteilen aber auch, was und wie Freier oder eben «Sugar Daddys» sind. Die einen wie die anderen sind in erster Linie Individuen, die sich zwar in vergleichbaren Situationen befinden, aber doch auch sehr unterschiedlich mit diesen Situationen umgehen (müssen). Ein spannendes, literarisch fesselndes, berührendes Buch, das die Leserin, den Leser bis zuletzt in Atem hält - bis zum finalen Sprung in die Tiefe, nur gehalten von einem Bungee-Seil.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 528
Veröffentlichungsjahr: 2021
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Bungee-Jumping
«The only thing that looks good on me is you»
Boys Town
Herzrasen
Kleiner Grenzverkehr
Der Sprung ins Netz
Yesterday – all my trouble seems so far away
Es ist Unsinn sagt die Vernunft Es ist wie es ist sagt die Liebe
Es ist Unglück sagt die Berechnung Es ist nichts als Schmerz sagt die Angst Es ist aussichtslos sagt die Einsicht Es ist wie es ist sagt die Liebe
Es ist lächerlich sagt der Stolz Es ist leichtsinnig sagt die Vorsicht Es ist unmöglich sagt die Erfahrung Es ist was es ist sagt die Liebe
Erich Fried
Auf der Verliererstrasse zu gehen, bedeutet: aus einem Mangel heraus leben, ein Loch sein, das gefüllt werden muss. Auf der Gewinnerstrasse lebt man aus einem Überfluss heraus – das ist der tiefere Sinn des Bibelwortes, dass Geben seliger denn Nehmen sei.
Ob einer auf der Verlierer- oder auf der Gewinnerstrasse geht, ist unabhängig von unseren herkömmlichen Vorstellungen des Erfolgs oder Misserfolgs. Erfolg ist allenfalls ein sekundäres Nebenprodukt für den, der auf der Gewinnerstrasse geht. Geben und Nehmen spielen sich nur zu einem Teil auf der materiellen Ebene ab: Es geht dabei auch und vor allem um Gefühle, um Energien, um Intelligenz. Auf der Gewinnerstrasse gehen, heisst aber auch: bewusst das Risiko des Absturzes in Kauf zu nehmen, mehr noch: die Kunst zu lernen, den Absturz zu geniessen, die Intensität des Absturzes zu geniessen. Hingabe braucht Mut. Das Grundgefühl dessen, der auf der Verliererstrasse geht, ist Angst. Diese Angst entsteht aus einem Sicherheitsbedürfnis, das nicht mehr zu befriedigen ist. Das Grundgefühl dessen, der auf der Gewinnerstrasse geht, ist ein Vertrauen, das derjenige, der auf der Verliererstrasse geht, als «blindes Vertrauen» bezeichnen würde, weil es keiner Logik, zumindest keiner beschreib- und begreifbaren Logik folgt. Dieses Vertrauen kann aber nur dem zufallen, der die Angst kennt: der durch die Angst hindurchgegangen ist. Niemand, der auf der Gewinnerstrasse geht, ist nicht zuvor auf der Verliererstrasse gegangen. Angst kommt von Enge, und in der Enge waren wir alle, bevor wir geboren wurden. Niemand, der die Kunst lernt, den Absturz zu geniessen, hat nicht zuvor viele Male die Panik vor dem Absturz kennengelernt, die schmerzhafte Lähmung vor dem Fall. Nur der kann das köstliche Glück der Freiheit begreifen, der die Qual und die Verzweiflung des Gefangenseins, aber auch die Verführung zu Trägheit und Passivität, die in der Knechtschaft liegt, durchlitten hat: Das ist ein Gesetz des Lebens.
Die Kunst, den Absturz zu geniessen: Deshalb (oder müsste ich eher schreiben: dennoch?) will ich irgendwann einmal den Sprung wagen. Den realen, aber gewissermassen symbolischen als Entsprechung zum bildhaft so umschriebenen, aber realen Absturz. Irgendwann. Ich muss diesen Vorsatz nur lange genug mit mir herumtragen, in mir reifen lassen. Ich werde in dem Sprung nicht den Nervenkitzel suchen, auch verstehe ich ihn nicht als Flucht aus einem unerträglich gewordenen grauen Alltag, wie ich einmal las, oder gar als Krankheitssymptom der Midlife-Crisis. Bungee-Jumping ist für mich nicht Sportart und schon gar nicht Freizeitvergnügen, sondern Teil des Wegs. Denn ich glaube, manchmal schier verzweifelt, dass ich mich auf irgendeinem Weg befinde, oder, mit andern Worten, dass das Leben einen erst noch zu entdeckenden Sinn hat, und zwar keinen intellektuell begründbaren, sondern nur existentiell erfahrbaren Sinn. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als an einen derart verborgenen, in kurzen Augenblicken vielleicht manchmal aufscheinenden Sinn zu glauben. Die Alternative ist schlicht und einfach zu unerträglich.
Der Bungee-Springer, steht in einem Buch über Abenteuer-Sportarten, lässt sich einfach fallen. Sich einfach fallen zu lassen, ist aber, wie jeder weiss, nicht einfach. Wie die Babys kennen wir alle den reflexartigen Klammergriff. Genauso klammern wir uns an Gewohnheiten, Normierungen, Konditionierungen, antrainierte Reflexe oder wie immer man es nennen will, weil sie uns Sicherheit versprechen und wir das bekannte Unglück dem unbekannten Glück vorziehen, weil wir Angst haben und das Risiko scheuen. Wir verwechseln Geborgenheit mit Erstarrung, Verkrampfung. Wir verweigern uns dem Realitätsprinzip, weil wir uns an unseren Wirklichkeitsvorstellungen festklammern und die Landkarten mit der Landschaft verwechseln. Wir gehen auf dem dünnen Eis der Normalität und der Harmlosigkeiten und reden uns ein, von der Tiefe unter uns nichts zu wissen. Statt um einen Absprung, steht weiter in dem Buch, handle es sich beim Bungee-Springen eher um einen Absturz. Korrekterweise müsste man also von «Bungee-Stürzen» sprechen. Das sei aber unattraktiv, da mit dem Begriff «Absturz» viele negative Assoziationen verbunden sind; man denke nur an Unfälle wie Flugzeugabstürze, an Alkoholexzesse oder auch Systemabstürze in Computeranlagen.
Asiaten schienen mir schon immer die schönsten Menschen der Erde zu sein. Der Anziehung eines Thai, Filipino oder Malaien, aber auch gewisser Inder, Chinesen und Japaner kann ich mich nur schwer entziehen. Ihre Anmut verschlägt mir den Atem, diese Mischung aus Kindlichkeit und Schlitzohrigkeit in den Gesichtern. Ich liebe ihre Lebensfreude, ihre Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Ich liebe auch ihre Unberechenbarkeit, die ich aus Ratlosigkeit so nenne. Dass sie mir rätselhaft bleiben und ich sie nicht entschlüsseln kann, macht mich zwar immer wieder unruhig, erhöht aber auch den Reiz, den sie auf mich ausüben. Ihre Katzenhaftigkeit, ihr Freiheitsdrang.
Schon als Kind hat es mich nach Osten, ins Morgenland gezogen. Vom Westen habe ich nie geträumt, träume ich nie (ausser, seltsamerweise, immer wieder von New York). Ich erinnere mich an ein altes Buch über Java, das meinem Grossvater gehörte und das ich immer wieder anschauen wollte. In diesem Buch waren nacktfüssige Menschen mit spitzen Hüten abgebildet, die an einem Stock baumelnde Lasten auf den Schultern balancierten. Ich hatte keine Ahnung, was dieses Java (oder war es Indochina?) war und wo es liegen mochte, nur, dass das unendlich weit weg war, im Grunde genommen in einer anderen Welt, die mit der meinen nur durch das leuchtende Band der Sehnsucht verbunden war. Auch erinnere mich an eine Tabaksorte namens «Javaanse Jongens» («Javanische Jungs»), auf deren Tabakbeutel zwei Knaben in Sarungs abgebildet waren. Wer hätte damals gedacht, dass ich später mein halbes Leben mit einem solchen «Jungen» verbringen würde?
Später, in der Pubertät, träumte ich von Indien – ich musste, ich wollte unbedingt nach Indien reisen, ich weiss nicht wieso. Ich begann, mich mit Hinduismus und Buddhismus zu beschäftigen oder mit dem, was ich dafür hielt und verstehen konnte, die Herrmann Hesse-Siddharta-Variante, kaufte Räucherstäbchen, begann zu meditieren, suchte mir einen indischen Guru. Zum ersten Mal in meinem Leben verliebte ich mich heftig in einen Jungen, einen schweizerischen, einen Schulkameraden, der meine indische Leidenschaft nicht nur verstärkte, sondern eigentlich erst anstachelte. Leider blieb diese Liebe weitgehend platonisch. Ausser auf einer Busfahrt während der Maturreise im damals noch kommunistischen Prag. Diese Fahrt in dem überfüllten Verkehrsmittel der Prager Verkehrsbetriebe dauerte glücklicherweise recht lange und das Schicksal wollte es, dass mein Körper durch die Menge und Dichte der Passagiere sehr heftig an den Körper meines begehrten Schulkameraden gepresst wurde – und zwar so, dass mein Schwanz etwa auf der Höhe seines Arsches platziert wurde. Sowohl mein Angebeteter als auch ich trugen natürlich Kleider, versteht sich von selbst, sogar dicke Winterkleider, aber ich war meinem Schatz doch bisher noch nie so lange so nahe gewesen (auch später nie mehr), ausserdem findet Sex ja bekanntlich vor allem im Kopf statt und für die Vorstellungskraft eines Verliebten sind die paar Zentimeter Stoff oder Daunen oder was sich sonst an Material auch immer zwischen nackter Haut und nackter Haut befand, natürlich kein wirkliches Hindernis. Eine heftige sexuelle Erregung ergriff in jenem Bus also Besitz von mir und machte mich ganz besoffen vor Geilheit im Kopf, worauf sich meine Lenden erhitzten, wie es so schön heisst. Schliesslich überwältigte mich, obwohl ich ihn durchaus zurückzuhalten versuchte, der wohl heftigste Orgasmus, den ich je hatte und je haben werde, die Neuronen in meinem Hirn versprühten ein Feuerwerk und gewaltige Fontänen von Sperma ergossen sich in meine Unterhosen. Mein Schulkamerad schien von all dem nichts zu bemerken; er zeigte auf jeden Fall keine Reaktion. Ich treffe ihn auch heute manchmal noch, zum Mittagessen. Unsere Arbeitsplätze liegen im selben Quartier. Er ist Computerfachmann und immer noch Anhänger dieses Gurus. Meine Verliebtheit in ihn ist endgültig zu einer Erinnerung geworden. Den 16- bis 20-Jährigen, dem meine Leidenschaft galt, gibt es nicht mehr.
Ich bin in einem extrem verklemmten Milieu aufgewachsen: Sex galt als etwas Schmutziges, schwuler Sex ohnehin, und war mit Schuld verbunden. Soweit ich mich zurückerinnern kann, war ich immer ein sehr sexuelles, erotisches Wesen. Wenn ich an Astrologie glauben würde, müsste ich annehmen, dass mir dieses zentrale Lebensthema als doppeltem Skorpion vorbestimmt war. Im Kindergarten schwärmte ich für einen Knaben und ein Mädchen: Bis zur Pubertät war ich perfekt bisexuell. Diesem Mädchen hielt ich übrigens über mehrere Jahre hinweg meine Treue, auch wenn es mich überhaupt nicht beachtete. Es war gross, mager und rotwangig, und ich schaute ihm heimlich beim Turnen zu. Mein Vater arbeitete bei der Bahn, und kurz vor der Pubertät zogen wir in einen anderen Ort. Jetzt konzentrierten sich meine erotischen Wünsche immer eindeutiger auf Knaben. Ich begann mir alle möglichen Dinge auszumalen, wie ich sie mit einem neuen Schulkameraden, einem Italiener, treiben könnte. In Wirklichkeit ist natürlich nichts passiert – oder nicht viel. Ein paar Raufereien, man zeigte sich die Schwänze, wollte wissen, wieviele Schamhaare der andere schon hat. Einer, den sie den «Halbwilden» nannte, brachte mich besonders ins Fantasieren: Ich stellte mir vor, wie er mich an einen Baum band, nicht an irgendeinen, sondern an eine ganz bestimmte, über hundertjährige dickstammige Eiche, die es heute nicht mehr gibt, leider. Damals war ich etwa elf oder zwölf und wirklich noch ein unschuldiges Kind, das nie etwas von SM oder dergleichen gehört hatte und nicht einmal wusste, dass es so etwas wie Pornographie überhaupt gibt. Die Pornographie war in meinem Kopf; ich war ein Naturtalent, das keine Vor-Bilder brauchte. Auch dass es so etwas wie Schwule gibt, wusste ich im Grunde nicht; gewiss, meine Eltern hatten mir etwas von bösen Männern erzählt, die kleinen Jungen in öffentlichen Toiletten ihr Glied zeigten, das dann ganz dick und gross und steif werde, ausserdem gab es da noch den als Unikum halbakzeptierten Dorfschwulen, den Dynamo- oder Thermomax, wie sie ihn nannten, aber der war schon uralt, und ich konnte keine Verbindung zwischen diesem Thema und meinen Fantasien herstellen, noch nicht. Als ich etwas zu ahnen begann, versuchte ich zunächst, gegen meine Neigungen anzugehen – es war ein Kampf, den ich verlieren musste und wohl in meinem tiefsten Inneren auch unbedingt verlieren wollte. Mit sechzehn begann mein Coming-out: Ich erzählte meinen Eltern, ich sei schwul und gedenke, das auch zu bleiben. Sie waren schockiert, gewöhnten sich aber erstaunlich rasch daran. Es blieb ihnen ja auch nichts anderes übrig.
In der ersten Sekundarschulklasse, ich war zwölf, waren alle Knaben mehr oder weniger in ihrer homosexuellen Phase, und ich war damals so drauf, dass ich – mit zwei, drei Ausnahmen – jedem hätte an die Wäsche gehen mögen. Wieder gab es diese halbschwulen Ringkämpfe im Turnen und unter der Dusche, die mich sehr erregten.
Im Gymnasium gab es wieder neue Kameraden, darunter zwei, die mein erotisches Idealbild bis heute geformt haben. Der eine war blond, zierlich, langbeinig, samthäutig, sanftäugig, schmolllippig. Der andere war dunkel, etwas stämmiger, ein geiles Tier, und er hatte den schönsten Schwanz, den ich je gesehen habe. In diesen Burschen war nicht nur ich verknallt. Viele nahmen das erotische Naturwunder mit kaum beherrschbarer Begierde wahr. Immer, aber wirklich ausnahmslos immer, wenn wir unter der Dusche standen, hatte er einen Steifen – diese schöne, grosse, herrlich geformte Latte. Es sei wegen des warmen Wassers, erklärte er allen Ernstes, wenn er kalt dusche, bekomme er keine Schwellung im Glied. Wenn ich dieses geschwellte Prachtstück anschaute, bekam ich natürlich auch eine Erektion, aber das war ja nun legitimiert. Überhaupt, diese nackte Duscherei nach dem Turnunterricht. Ich mochte das Fach ja sonst nicht, ich bin nicht sehr sportlich, aber ich freute mich doch immer darauf.
Meinen ersten Südostasiaten traf ich, als ich etwa ein- oder zweiundzwanzig war, im «Ursus-Club», einer Schwulendiskothek in Bern, die es inzwischen auch schon sehr lange nicht mehr gibt. Er hiess Antonio. Als junges Studentlein vom Land in die Stadt gekommen, lernte ich soeben erst das schwule Leben kennen. Antonio war auf Durchreise. Ich war sofort aufgeregt, als ich ihn sah – damals gab es noch nicht so viele Asiaten in der Schweiz. Wir flirteten, und er kam mit mir nach Hause. Er war sehr weich, feminin, hatte eine glatte, zarte, haarlose Haut, einen – wie mir schien – winzigen Schwanz.
Ich hatte vorher noch nie so etwas gesehen. Bevor wir uns der Lust hingaben, betete er einen Rosenkranz. Und danach wieder. Erst da kam mir in den Sinn, dass Antonio aus den Philippinen katholisch sein musste. Das schien mir eigenartig. Worüber wir geredet haben, weiss ich nicht mehr. Es war sicherlich ein zärtliches Geraune ohne viel semantischen Gehalt.
Meine nächste Begegnung mit einem Asiaten war 1979 in Wien. Ich absolvierte ein dreimonatiges Auslandsemester, war aber nur selten an der Uni anzutreffen. In Tuj, den Thai, war ich verliebt. Heftigstens. Er war, wenn ich mich richtig erinnere, der Sohn eines Bangkoker Verkehrspolizisten; halb Thai, halb Chinese. Er war damals etwa zwanzig, ich vierundzwanzig, also wird er inzwischen auch schon bald vierzig sein. Ich stelle mir vor, dass er auch heute noch einen jungenhaften Körper hat. Seine Schwester war mit einem Wiener verheiratet und durfte nicht merken, wenn ich bei Tuj übernachtete. Er hatte neben mir noch andere Geliebte, was mich rasend eifersüchtig machte – etwas, was er nicht nachvollziehen konnte, denn er empfand echte Zuneigung zu mir und zeigte mir das auch. Wo und wie wir uns das erste Mal begegnet sind, weiss ich nicht mehr. Wahrscheinlich in einem der Lokale an der Linken Wienzeile oder in einer Diskothek. Er wollte, dass ich ihn mitnehme in die Schweiz, aber dazu hatte ich damals den Mut noch nicht, als Student verdiente ich kaum Geld und in der WG, in der ich damals wohnte, hatte es auch keinen Platz. Als ich in die Schweiz zurückfuhr, gab es am Wiener Westbahnhof eine rührende Abschiedsszene. Später habe ich ihn nie mehr gesehen, auch nie mehr etwas von ihm gehört. Allerdings war ich in Bern auch sofort mit einer neuen Liebesgeschichte beschäftigt oder vielmehr mit einer wieder aufgenommenen alten, einer der wichtigen in meinem Leben, aber das ist eine andere Geschichte. Wolfgang war Schweizer, allenfalls zur Hälfte Deutscher, aber ganz sicher kein Asiate. Etwa ein halbes Jahr später erhielt ich dann doch noch ein Zeichen von Tuj. Ein mir völlig unbekannter junger Thai besuchte mich nämlich, brachte mir Grüsse von Tuj und wollte mich ficken. Was er dann, ausgiebig und heftig, auch tat.
Etwa ein Jahr oder zwei Jahre später erfüllte ich mir meinen Traum von der Indienreise. (Ich muss doch noch einmal auf Wolfgang, den ich Wolf nannte, zurückkommen, denn er, der Abenteurer, war mir Vorbild und Motivator für diesen Trip. Ausserdem erlebte ich mit ihm schon ähnliche Gefühlslagen und Beziehungsspiele wie viel später mit Eko und Somchai.) Acht Monate war ich in der Türkei, dem Iran, Pakistan, Nepal und in Indien unterwegs. Es ist kaum zu glauben, aber in dieser ganzen Zeit hatte ich kein einziges Mal Sex mit einem Mann. Ich war in meiner unirdischen, abgespacten Phase. Dafür konsumierte ich unglaublich viele verschiedene Drogen.
Im Englischen gibt es den viel schöneren Ausdruck als «sich verlieben» – falling in love. Dabei stelle ich mir die Liebe, in die man sich fallen lässt, manchmal als ein tosendes Meer vor, manchmal als einen brodelnden Vulkan.
Beim freien Fall gerät nicht nur der Gleichgewichtssinn im Innenohr aus dem Takt. Die Angst, die bei einem Fall aus 50 oder mehr Metern Höhe auftritt, ist biologisch determiniert und unausweichlich bei allen Menschen sehr stark. Vernunft, etwa das Wissen, dass man schliesslich von einem Gummiseil gehalten wird, hilft da nicht viel. Die Adrenaline haben nichts mit der Vernunft zu tun. Andererseits ist auch Lust, Seligkeit gar, im Spiel. Wirft ein Elternteil seinen Sprössling in die Luft und fängt ihn mit den Armen auf, jauchzt das Kind vor Freude. Auch dafür sollen körpereigene Drogen verantwortlich sein.
Es gab und gibt immer wieder Zeiten in meinem Leben, in denen ich glaube, das Übermass an Lebensintensität nicht mehr zu ertragen, verrückt zu werden oder sonst einen veritablen Pflaumensturz zu produzieren (was ein Pflaumensturz genau ist, weiss ich auch nicht, aber das Wort illustriert ziemlich gut, wie man sich fühlt, wenn man einen hat oder sich ein solcher einem ereignet; vielleicht gerade deshalb, weil man nicht genau weiss, was das Wort bedeutet). Es gibt immer wieder Zeiten in meinem Leben, in denen ich versuche, mich tot zu stellen, die Gefühle in mir abzuwürgen, die Sehnsüchte zu verbannen, die Lebensgier zu löschen. Kleinlaut entschliesse ich mich dann jeweils zu einer mickrigen, farblosen, freudlosen Existenz. Ich nenne es für mich: ein normales Leben führen, ein kleines Leben führen. Dabei weiss ich nicht einmal, was ein «normales Leben» ist. Ich bringe es nicht fertig, das Leben in mir zu ersticken. Ich kann nur gegen mich selbst rebellieren, mir selbst Schmerzen zufügen, mich selbst fertigmachen.
Der Ursprung des Bungee-Springens ist im südwestlichen Pazifik zu suchen, auf einer Insel namens Pentecote, die zu den Vanuatu-Vulkaninseln gehört. Jedes Jahr im April oder Mai stürzen sich junge Männer von einem Gerüst aus Baumstämmen, das 25 bis 30 Meter hoch ist, in die Tiefe. Als Rettungsgurte dienen dehnbare Lianen, die an den Füssen der jungen Männer befestigt werden und im richtigen Moment den Aufprall auf der Erde verhindern sollen. Das grosse Ziel der Springer: Ihr Kopf soll den Boden exakt berühren oder ihm wenigstens auf wenige Zentimeter nahekommen. Trotz dieses extremen Anspruchs soll es auf Pentecote nur wenige tödliche Umfälle beim «Landtauchen» geben. Die Wissenschaft bezeichnet den Vorgang, dem sich die Jünglinge unterziehen, als Initiationsritus: Wer die Mutprobe bestanden hat, gilt als ganzer Mann. Die Legende erzählt allerdings, dass eine Frau die erste gewesen sein soll, die den Sprung in die Tiefe wagte. Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Mann sei sie auf einen Baum geklettert. Als dieser sie auch dorthin verfolgte, stürzte sie sich hinab. Auch der Mann sprang, doch nur die Frau war mit einer Liane gesichert.
Meine Begegnungen mit Ostasiaten waren in den nächsten paar Jahren spärlich – ich traf einfach keine. Erst in meinen tristen Baslerjahren hatte ich wieder einige Begegnungen. Einen traf ich am Weihnachtstag im «Dupf», einer Bar am Kleinbasler Rheinufer. Er war ein Kambodschaner oder Laote und wollte einfach mit mir Sex. Ich verliebte mich natürlich in ihn, aber davon wollte er nichts wissen, er war, glaube ich, sogar verheiratet. Als er mir sagte, dass er schon über dreissig sei, älter, als ich es damals war, konnte ich es kaum glauben. Ich hatte ihn auf höchstens zwanzig geschätzt. Seine Haut war samten, sein Gesicht jugendlich, sein Körper geschmeidig.
Ich steh nicht auf kleine Jungs, aber jung müssen die Männer schon sein, jugendlich, jungenhaft, dass ich sie attraktiv finde. Mit etwa dreissig fand ich: So, jetzt ist das Liebesleben für dich gelaufen. Jetzt bist du denen, die dir den Kopf verdrehen, endgültig zu alt. Vergiss es. Südostasiaten kennenzulernen war für mich wie ein Ausweg aus diesem Dilemma, eine wundersame Errettung aus meinem Unglück. Sehr viele Südostasiaten sind ausgesprochen jungenhaft, auch dann noch, wenn sie etwas älter oder sogar ziemlich älter sind. In Zürich hatte ich ein- oder zweimal Begegnungen mit einem Thaiboy in einer Sauna an der Konradstrasse, die es inzwischen längst nicht mehr gibt – Sex gegen Geld. In diesen Jahren hatte ich fast nur Sex gegen Geld, meistens in Amsterdam, seltener in Zürich und erst dann vermehrt, als schwule Prostitution gleichsam nebenher legalisiert wurde. Ab Ende 1993 begann ich regelmässig Rung zu besuchen, einen thailändischen Callboy, der ganz in der Nähe mit einem schweizerischen Freund zusammenwohnte; dieser war natürlich viel jünger als ich. Auch in Rung war ich zeitweise verliebt, ich half ihm mit Geld aus, über das Mass, das ich ihm aus unserer «Geschäftsbeziehung» heraus schuldete, hinaus. Der Sex mit ihm war im Rückblick betrachtet schon sehr geschäftsmässig, half mir aber, meine Hemmungen abzulegen, die ich mir inzwischen zugelegt hatte und die mich manchmal sogar impotent gemacht hatten.
Der freie Fall ist ein Loslassen, ein Kontrollverlust. Geborenwerden, Gebären, Sterben, das ist bloss zu vermuten und leuchtet trotzdem unmittelbar ein, sind die gewaltigsten Erfahrungen des freien Falls. Wer schon halluzinogene Drogen konsumiert hat, kennt das beseligende oder beängstigende Gefühl des Kontrollverlusts und der Ichauflösung ebenfalls: Er kann seine Gedanken und Gefühle nicht mehr kontrollieren und selbst die Sinneswahrnehmungen entgleiten der Steuerung durch den Willen und die Gewohnheit. Auch wer sich verliebt, liefert sich in einem Mass an das Unbekannte aus, wie er es sonst empört als Zumutung von sich weisen würde. Geködert durch die Süsse des Gefühls, ist er bereit, sich auszuliefern und hinzugeben. Jedes starke Gefühl, das uns ergreift, ist wie ein Gott oder Dämon, von dem wir besessen werden: Der heilige oder unheilige Zorn überschwemmt uns wie das Flammenmeer vom roten Mars, der Hass kann bodenlos sein, die Liebe grenzenlos, das Entsetzen namenlos. Jede Entscheidung zum Neuen, noch Unbekannten ist eine Spielart des freien Falls.
Im Sommer 1994 erwartete mein Kumpel Pius, der Südostasienreisende mit ähnlichen Leidenschaften wie ich, Besuch. Auch ich lernte den 21-jährigen Panya aus Bangkok, der zum ersten Mal in Europa war, kennen. Im ersten Augenblick gefiel er mir nicht besonders, auch schien er mir sehr verschlossen und introvertiert. Ausserdem war er der Gast von Pius. Ich merkte allerdings bald, dass sich die beiden nicht gerade blendend verstanden. Pius, von dem man nicht gerade behaupten kann, dass er die Grosszügigkeit in Person ist, empfand den widerspenstigen, zugeknöpften und materiell stets anspruchsvolleren Jungen zunehmend als Last. An einem Wochenende, als Pius auf einer mehrtägigen Wanderung war – ohne Panya natürlich, ich habe noch keinen Thai getroffen, der das Wandern nicht als eine total absurde Beschäftigung empfunden hätte – rief mich Panya völlig überraschend an, wollte mich treffen. Und bei diesem Treffen verliebte ich mich Hals über Kopf in ihn, erlebte die wundersame Verwandlung eines Menschen zum Schönsten, Kostbarsten, Begehrenswertesten, Anbetungswürdigsten, was es gibt. Das ist Magie – das ist wirklich die Verwandlungskunst des Lebens. Und Panya schien sich, wenn auch sehr kurzfristig, in mich zu verlieben. Darum hatte ich gebeten, in einer Augustnacht vor zwei Jahren, als Tausende von Sternschnuppen am Himmel niedergegangen waren. Wir erlebten einen Sommertag am Katzensee, einen Abend und ein paar rauschhafte Nächte, die mich, nach langen liebesleeren Jahren, fast in den Wahnsinn trieben vor Glück. Ich konnte es einfach nicht fassen. Der Junge machte Sex mit mir, einfach, weil er Lust dazu hatte und es so wollte und ohne Geld dafür zu verlangen. Er schlief mit mir, eng umschlungen in meinem Bett, blieb die ganze Nacht. Wir schauten zusammen die Fussballspiele der Europameisterschaft, was ich sehr genoss, obwohl ich mich eigentlich überhaupt nicht für Fussball interessiere. Zwar wandte sich Panya bald schon von mir ab oder vielmehr neuen Partnern zu. Er war noch in der Phase des Ausprobierens. Aber ich hatte mit ihm etwas erlebt, was ich nicht mehr für möglich gehalten hatte. Ich war wohl sehr unglücklich für eine gewisse Zeit; dann kehrte ich zu meinen gewohnten Besuchen bei Rung ein bis zwei Mal pro Woche zurück – erst massierte er mich, dann holte er mir einen runter –, die mir aber zunehmend fad erschienen. Einmal war nicht Rung in der Wohnung, als ich zu einem der verabredeten Besuche kam, sondern Chess. Der Sex mit Chess war viel aufregender, er küsste und er blies und ich durfte seinen Schwanz blasen. Ihn besuchte ich ebenfalls mehrere Male in der folgenden Zeit.
Panya sehe ich übrigens ab und zu wieder, meistens im Sommer in der Tiefenbrunnen-Badi. Wir führen höfliche Gespräche, Panya spricht inzwischen fliessend deutsch, lebt in einer stabilen Beziehung, mal in der Schweiz, mal in Thailand, wo er als Reiseführer arbeitet, und ist ein wenig bieder und langweilig geworden. Attraktiv finde ich ihn schon noch, auch wenn er, für einen Thai, erstaunlich behaarte Beine hat. Und immer am CSD – dem schwulen Jahrestag – verkleidet er sich als Ladyboy und wird zu einer wunderschönen, geheimnisumwitterten Frau.
Ende Mai 1995, Rung war unerreichbar und ich hatte ein dringendes Bedürfnis, wagte ich mich zum ersten Mal seit langem in die lokale Stricherbar. Ich war sehr aufgeregt und hatte eben erst mein Bier bestellt, als ich von einem Jungen angesprochen wurde, der mir im ersten Moment noch nicht mal so sehr hübsch erschien, aber er sah irgendwie drollig und süss aus und hatte eine angenehme rauhe Stimme. «Ich heisse Eko, wie Echo, aber mit k», sagte er auf deutsch und fragte mich, ob ich mit ihm kommen wolle, und ich hatte dem Klang dieser Stimme definitiv nichts entgegenzusetzen. Der Sex mit ihm war so aufregend – er hatte einen kleinen knabenhaften Körper, sehr sinnliche Lippen, die glatteste Haut, die man sich vorstellen kann, und ein süsses kleines Schwänzchen, dass ich ihn fragte, ob ich demnächst eine Nacht mit ihm verbringen dürfe. Er sagte ja und wollte dafür 300 Franken. Wir verabredeten uns für den kommenden Freitag, gingen dann erst mal essen und verbrachten eine geile kuschelige Nacht. Ich war glücklich.
Ich wurde sein guter Kunde, und er besuchte mich viele Male, manchmal nur für eine, zwei Stunden, manchmal für die ganze Nacht. Einmal putzte er mir sogar das Badezimmer. Ich hatte kaum mehr mit jemand anderem Sex, manchmal noch mit Chess. Ende September zog ich aus meiner (teuren) Zweieinhalbzimmerwohnung mitten in der Stadt (im Kreis 5) in ein (billiges) Zimmer in einer Wohngemeinschaft auf dem Land. Ende Oktober musste Eko definitiv nach Frankfurt zurück.
Well, I don't look good in no Armani suits, no Gucci shoes or designer boots. I've tried the latest line from «A» to «Z», but there's just one thing that looks good on me. The only thing I want, the only thing I need, the only thing I choose the only thing that looks good on me is you. I'm not satisfied with Versace style, put those patent leather pants in the circular file. Sometimes I think I might be lookin' good, but there's only one thing that fits like it should. The only thing I want, the only thing I need, the only thing I choose, the only thing that looks good on me is you. Ya, it's you, it could only be you, nobody else will ever do, Ya, baby, it's you that I stick to, ya we stick like glue…
Brian Adams auf dem Album «18 til I Die» (1996)
Ich bin ein Alkoholiker, aber das ist nur ein Sekundärphänomen. Ich bin ein krasser Aussenseiter, ohne mir das gewählt zu haben. Oder vielleicht doch? Unwichtig. Irgendwie scheint dieses Schicksal zu mir zu passen. Es konnte nicht anders sein. Trotzdem ist mir klargeworden – obwohl ich das problemlos annehmen kann, das heisst ohne mich dagegen zu wehren –, dass ich damit im Grunde nicht fertig werden kann. «Es» trägt den Namen «schwul». Seit ich diese Bezeichnung auf mich zum ersten Mal angewandt habe, ist unwiderruflich etwas mit mir passiert – eben das, womit ich niemals fertig werden kann und eigentlich auch nicht fertig werden will. Es ist die Einsicht, ein ewiger Asylant, ein Fremder, einer von einem fremden Stern zu sein. Was mich allerhöchstens mit Stolz und Trauer erfüllen, aber nie zur Selbstverständlichkeit werden kann und auch nicht soll. Es ist sozusagen ein Lebensgefühl, nach dem man süchtig wird, im guten wie im schlechten Sinn.
Soeben war Eko bei mir und ich habe den Sex des Jahres erlebt. Ich beginne zu ahnen, was Sex für mich bedeuten könnte. Ich war danach wie besoffen, ich war auch schon leicht angetrunken vorher wie immer in diesen Tage oder vielmehr diesen Nächte. Ja, diese Nächte sind wirklich die «andere Wirklichkeit». Danach war ich tatsächlich besoffen. Und da dachte ich, da kannst du gleich noch was kiffen.
Und das habe ich jetzt auch getan, es riecht nach Cannabis, aber auch nach Ekos Parfum im Raum. Ich liebe Ekos Parfum. Früher habe ich Parfum jeglicher Provenienz nicht gemocht. Jetzt schon. Das charakterisiert ungefähr mein momentanes Leben. Wenn ich das geahnt hätte! Ich weiss nicht, ob ich mich gefreut hätte als Junge. Wahrscheinlich schon. Ich habe wohl schon immer gespürt, wie wichtig Sex für mich ist. Aber ich hatte zuviel Angst. Jetzt habe ich keine Angst mehr. Mit vierzig! Mit vierzig entdecke ich noch einmal die Wonnen des Sexus! Interessant.
Eko ist ein Engel, der sich mir in dem Mass verschenkt, wie ich es brauche. Mein Gott, ist er schön!
Ich habe mich immer geschämt, dass ich Jungen liebe, und deshalb konnte ich sie nicht lieben, konnte es ihnen nicht zeigen, dass ich sie liebe. Jetzt kann ich es, und es gefällt mir, es ihnen zu zeigen, und ich glaube, es gefällt ihnen auch. Meine Stärke ist jetzt die Stärke des Begehrens.
Eko ist ein Engel, und ich liebe ihn. Und Engel haben es an sich, dass sie entschwinden. Jetzt sitze ich wieder hier, allein mit meiner Zigarette, die die Gesundheit ernsthaft zerstört, wie das irische Gesundheitsamt weiss, denn die Zigaretten sind Überbleibsel meiner Ferien, und der schönste Rausch des Abends ist vorbei.
Abends erst beim Chinesen zu Fried noodles, dann im «Carrousel» ein paar Bier trinken, beobachten. Ein so genannter Engländer, der aber eher aus Osteuropa stammt und dem ich ganz und gar nicht traue, wird aufdringlich oder versucht einfach sein Glück, ich winke ab, aber offenbar etwas zögerlich, wir bekommen fast Streit, denken schliesslich beide vom anderen, was für ein Arschloch er sei. Später sehe ich Eko noch kurz, in Lackhosen und mit schwarzem Netzhemd, sehr sexy und ein wenig nuttig, er wartet auf seinen Boyfriend Balz. Ich gehe nach etwa zwei Stunden, treffe draussen auf Rung, gehe mit ihm und lass mir eine Massage geben, ich habe ihn bestimmt einen Monat nicht gesehen, er ist schön und sympathisch und sorgenvoll wie immer.
Abends treff ich Eko, die Katze. Wunderbarer Sex. Ich könnte ihn auffressen. Aber: Er wird in nächster Zeit gar nicht mehr (oder überhaupt nicht mehr) nach Zürich kommen – wegen der Erinnerungen, sagt er, wegen seinem entschwundenen Freund, der eine Arbeitsstelle in Äthiopien angenommen hat, weil Eko traurig ist, entnehme ich den Aussagen des Schweigers. Also muss ich ihn in Frankfurt besuchen, wenn ich ihn in der nächsten Zeit sehen will. «Ich bin kein Kind», sagt er, als ich ihn zum Bahnhof begleiten will, er finde den Weg allein. Nein, er ist kein Kind, auch wenn er wie ein Junge aussieht. Er ist 25. Er ist eine Katze. Ich liebe ihn, aber er mich nicht. Noch nicht, vielleicht nie. Doch was solls: Er hat mir viel gegeben in diesem Jahr, und ich weiss, dass auch ich ihm viel geben kann, wenn er will.
Am Donnerstag ist ein furchtbar nervöser Tag. Am Mittag kaufe ich den «Spartacus», wegen eines Hotels in Frankfurt. Aber die beiden, die da angegeben sind, sind ausgebucht. Also muss ich am Nachmittag in eine Buchhandlung, kaufe mir einen Reiseführer – und nun gelingt es mir endlich, ein Hotel zu finden, das «Diana» im Westend.
Am Freitag wieder nervös. Endlich im Zug nach Frankfurt, einem hypermodernen ICE, verköstige ich mich mit Bier – gegen die Nervosität – und im Bordrestaurant mit einem Chefsalat. Der Zug hat in Mannheim 15 Minuten Verspätung wegen eines Anschlusses. Ich werde fast wahnsinnig. Aber in Frankfurt am Bahnhof holt mich Eko tatsächlich ab.
Vorher, im Zug, die Szene mit der Frau aus Exjugoslawien, die mit ihrem Kind wieder nach Basel zurückspediert wird. Die Frau weint: Lassen Sie mich doch, in Freiburg wartet mein Mann. Der Beamte windet sich vor Verlegenheit: Das geht nicht, Sie haben keinen Passierschein. Europa 1995. Freier Personenverkehr, von wegen!
Mit dem Taxi fahren wir ins Hotel. Das Zimmer ist angenehm, gemütlich. Eko erzählt viel für seine Verhältnisse. Dass er Deutschland und insbesondere Frankfurt hasse. Dass er auf keinen Fall nach Indonesien zurückwolle. Am liebsten würde er in der Schweiz leben. Mit seiner Familie (ausser einer jüngeren Schwester) will er nichts mehr zu tun haben. In die Schweiz kann er nicht, jedenfalls momentan nicht, weil er kein Visum bekommt; das letzte Mal sei er an der Grenze zurückgewiesen worden und habe es dann ein zweites Mal versucht. Dieses Mal sei er durchgekommen, weil es keine Passkontrolle gegeben habe. Und wie solle es mit seinem Leben weitergehen, welche Zukunft habe er? Um anschaffen zu gehen, sei er schon bald zu alt, meint er. Er wohnt mit zwei Deutschen zusammen in einer Dreizimmerwohnung, eher geduldet.
Ich geniesse es sehr, mit ihm zusammenzusein. Ich darf ihn in den Armen halten – väterlich, wie ein Geliebter. Als wir am anderen Tag aufstehen, ist es schönes Wetter, kalt, aber ein schönes Licht. Wir verbringen den Tag zusammen – ich bin wie besoffen von seiner Gegenwart. Wir frühstücken in der Stadt, besuchen den Flohmarkt am Main, gehen ins Kino. Er ist wieder schweigsam, aber es stört mich nicht. Ich fühl mich wohl, auch wenn er schweigt und ich merke, dass auch ich schweigen soll.
Was ich befürchtet, was ich erhofft habe, ist eingetreten – ich habe mich verliebt. Heute im Büro euphorisch bis nervös, traurig bis übermütig, wie ein Teenager. Wechseljahre, zweiter Frühling? Nein, es ist einfach normal, was ich fühle. Die Arbeit betrachte ich als lästige oder willkommene Ablenkung. Was soll ich jetzt tun? Ich habe den Brief, den ich gestern Abend zu entwerfen versuchte, im Büro heute geschrieben, aber natürlich nicht abgeschickt. Ein Liebesbrief. Lächerlich? Nein, wieso auch. Ich bin ja nur fünfzehn Jahre älter als Eko und zwar nicht gerade eine Schönheit, aber ich habe doch Ausstrahlung, Wärme, Fürsorglichkeit! Sämtliche Ängste stülpen sich mir über. Sollte ich geduldig sein, offensiv? Was rät mir mein Herz? Nichts. Alles. Nein, so wie heute habe ich mich schon lange nicht gefühlt. Nichts ist normal, alles ist anders. Ich bin wieder, ich bin immer noch jung. Gibt es das? Ja, offenbar. Ich träume davon, mit Eko in den Weihnachtsferien eine Woche nach Barcelona zu fahren. Wie bring ich ihn dazu? Ist es möglich, dass er mich lieben könnte, leidenschaftlich, zärtlich, brüderlich, ist es möglich, dass ich ihm meine Liebe geben darf?
Heute am Mittag bei Chess in Rungs Wohnung (Rung war aber nicht da), sehr geiler Sex (ich war unruhig in der Nacht und früh wach, unerträgliche geile Sehnsucht): Ich liege auf ihm, küsse seinen Mund, und ohne den Schwanz zu reiben, spritzt mein Samen auf sein Bein. Ich müsse ja einen gewaltigen Druck gehabt haben, meint Chess.
Endlich habe ich Eko erwischt. Er klang aufgetaut, freundlich am Telefon. Er sagt, dass er sich über meinen Liebesbrief gefreut habe.
Zurück aus Frankfurt. Auf der Hinfahrt wars teilweise ganz interessant, im Speisewagen am Tisch mit drei deutschen Herren, wir diskutierten über Politik und den Lauf der Dinge. Der älteste, ein Dentist, war sehr rotgesichtig und angesäuselt, der Unternehmensberater ganz klug und erstaunlich differenziert, zugleich emotional. Er sagte unter anderem: Alle Menschen handeln aus egoistischen Motiven, selbst Mutter Theresa. Nun bin ich ja nicht gerade die Mutter Theresa, aber es passte als Motto doch ganz gut zu dem, was ich später erlebte. In Frankfurt erwartete mich Eko wieder am Bahnhof, und ich krieg ja mittlerweile fast schon einen Pflaumensturz, wenn ich ihn nur anschaue. Das ist natürlich äusserst beunruhigend. Wer kann denn mit dermassen intensiven Empfindungen was anfangen. Wir assen in einem chinesischen Restaurant unweit des Hauptbahnhofs, das heisst Eko ass, während ich mich mehr höflichkeitshalber an eine Meeresfrüchtesuppe hielt, ihn anschaute und einen Pflaumensturz nach dem andern hatte. So was habe ich ja seit der Pubertät nicht mehr erlebt. Wir sprachen über seine Zukunft, und ich bekräftigte, dass ich ihm helfen wolle. Im Hotel massierte mich Eko eine Ewigkeit lang, wie mir schien – ich lag auf dem Bauch und hatte einen Knoten im Magen vor schier nicht aushaltbarer schmerzlicher Geilheit. Endlich trieben wie es miteinander – in mir war eine solche Gier nach seinem Körper, jede Faser in meinem Leib schrie förmlich danach, sich mit ihm zu vereinen, unbefriedigbarer Durst. Ich kenne niemanden, der mich geiler machen könnte als Eko. Er ist der bei weitem erotischste Mensch in meinem Leben.
Schliesslich legten wir uns hin, aber weder er noch ich konnten wirklich schlafen. Es arbeitete in ihm und es arbeitete in mir. Eko machte den Fernseher an, mit leisem Ton. Ich spürte oder meinte zu spüren, dass er litt. Irgendeine Spannung, etwas Unausgesprochenes lag in der Luft. Doch wir redeten nicht. Ich liess davon ab, ihn verzweifelt zu umarmen. Es war schrecklich, ihm nicht helfen zu können. Mir selbst auch nicht helfen zu können. Gleichzeitig verfestigte sich in mir die Überzeugung, dass er mich nicht liebe, nie lieben werde, und das erfüllte mich erst mit Trauer und dann mit Wut. Schliesslich, gegen vier, merkte ich, dass er doch hatte einschlafen können, aber ich blieb weiterhin wach. Für ihn bin ich doch nur ein Freier, dachte ich, er nutzt mich nur aus, ich bin für ihn ein Mittel zum Zweck. Gefühl eines kaum ertragbaren Schmerzes. Ich hasste ihn. Ich hätte ihn umbringen, erwürgen können. Warum macht er mich so leiden? Mein Körper ein einziger Knoten, ich kann nicht mehr richtig atmen. Schliesslich versuche ich mich mit dem Gedanken zu trösten, eher halbherzig und aus Ermattung, dass ich ihn ja nicht brauche, dass es noch viele Strichjungen gibt auf dieser Welt. Dann döse ich immerhin für zwei, drei Stunden ein, bin aber bald wieder wach, geweckt durch einen heftigen Adrenalinstoss in meinem Blut. Ich halt es nicht mehr aus im Bett, gehe frühstücken, trotzig, allein, mit schwärzesten Gedanken – ich weiss, dass Eko schlafen will und sowieso nicht frühstücken mag; er frühstückt nie. Von Ei Brötchen Butter Wurst und Kaffee zurück, leg ich mich wieder ins Bett – Eko erwacht langsam. Ich liebkose seine wunderschöne Hand, ich weine lautlos vor Erschöpfung, Verzweiflung. Schliesslich nehme ich all meinen Mut zusammen, frage ihn, ob ich noch einmal zu ihm hinüberkommen dürfe, in seine Nähe hinein. Klar, sagt er cool, warum fragst du das? Ich muss das doch fragen, stammle ich verwirrt. Wieder diese verzweifelte Gier, mit der ich seine samtene Haut liebkose, seine süssen Lippen küsse.
Als wir aufstehen, ist Eko offenbar wohlgelaunt und mir geht es auch wieder besser. Auf der Strasse frage ich ihn, weil ich ihn eingeladen habe, zwischen Weihnachten und Neujahr mit mir wegzufahren, wohin er denn am liebsten möchte. Doch, weicht er aus, Barcelona sei schon okay. Und was er dafür verlange, druckse ich herum, dass ich ihn einlade, sei ja klar, aber…
Da wird er für einen Augenblick heftig, ist beleidigt, was mich beglückt. Natürlich nichts, sagt er, das sei Blödsinn, er betrachte mich doch jetzt nicht mehr als Kunde. Jetzt sei ich sein Boyfriend.
Das wollte ich hören – obwohl ich ihm ja immerhin Minuten vorher, als Geschenk dann eben – 300 Franken gegeben habe – Geschenk oder Liebeslohn, das ist alles sehr kompliziert. Es geht mir ja nicht ums Geld, ich seh auch ein, dass er es braucht, und 300 Franken wären für ein Zusammensein wie dieses, für ein solches Zusammensein mit einem professionellen Callboy meine ich, auch ausgesprochen wenig.
Eko sagt etwas später, dass er eigentlich gar nicht so scharf sei auf einen schönen Urlaub im Moment. Wichtiger sei ihm, wie gesagt, die Frage nach seiner Zukunft. Er möchte in der Schweiz an eine Hotelfachschule, das sei sein grösster Wunsch. Ich verspreche ihm, mich darum zu kümmern und zunächst mal Unterlagen zu besorgen. Ich stelle auch in Aussicht, ihn später bei der Ausbildung finanziell zu unterstützen. Ja, wieso nicht, ich will ihm helfen. Was habe ich zu gewinnen, was zu verlieren? Kompliziert.
Wir lassen uns durch die Stadt treiben, die vorweihnachtlich spinnt, es ist saukalt und wir sind etwas verloren im Menschengewühl und jetzt doch wieder sehr zusammen. Ich brauche deine Hilfe, sagt er sehr ernst, bitte enttäusche mich nicht, bevor wir uns trennen und ich wieder im Zug sitze und nur noch flenne, Bier trinke und flenne und noch ein Bier bestelle. Ich weiss, dass ich ihn liebe und dass das verrückt ist und mir nur Schmerzen bringt, aber vielleicht auch Momente des Glücks; ich bin verunsichert, aber auch froh, und ich fühle mich sehr lebendig. Wieso kann ich keine normale unkomplizierte Liebesgeschichte erleben? Aber das ist wohl so, definitiv, wenn man ein älterer Herr ist und junge Männer begehrt, die aus Thailand oder Indonesien kommen. Entscheidend aber ist: Ich mag ihn nicht bloss, ich bin ihm in Leidenschaft verbunden. Ich bin ihm verfallen, und das gefällt mir auch noch. Es gefällt mir und ängstigt mich, weil es so unvernünftig ist. Bin ich denn überhaupt noch der Sohn meiner vernünftigen Eltern? Die Vorstellung, etwas zu tun, was ich noch nie getan habe, auch mit 40 noch, behagt mir zusätzlich. Ich werde Eko helfen, ich werde mich auf ihn einlassen. Aus egoistischen Gründen, das ist mir durchaus bewusst. Ich habe mich bereits auf ihn eingelassen und damit auch eine Verantwortung für ihn übernommen. Ich will mich ins Chaos stürzen, ein sinnliches, sexuelles Chaos, ein Liebeschaos hoffentlich, und sollte es mich mein letztes Hemd kosten. Das kann ich ohnehin nicht mitnehmen auf die letzte Reise.
Emotionale Stürme. Eko ist seit Dienstagabend hier, und ich fühle mich ziemlich schwankend zwischen Misstrauen und Vertrauen, Verzweiflung und Glück. Alles ist so neu, ich kann es schlecht einordnen. Am 26. kommt Eko um halb zwölf, mit viel Gepäck und völlig ausser Atem, durchfroren steht er im Schnee. Wir lieben uns, schlafen. Anderntags besprechen wir lange die Sache mit der Schule, gehen gegen Abend ins Kino, ein langfädiger James Bond. Später ist Eko, der die vergangene Nacht schlecht geschlafen hat, sehr müde und will früh zu Bett. Ich bin nicht müde, aufgewühlt, fühl mich abgelehnt. Auch Eko ist emotional verunsichert, weiss nicht, ob er sich auf mich verlassen kann, er weint sogar. Am Morgen wieder Sex. Zwischendurch sehr gute Momente, Vertrautheit, dann wieder Leere, Distanz. Ich bin so schrecklich verliebt in ihn. Am Nachmittag im Thermalbad Schinznach, wo es Eko offenbar gefällt. Anschliessend chinesisch essen. Eko wieder früh zu Bett. Kein Sex. Er schläft am nächsten Morgen aber trotzdem lange. Jetzt ist er allein in die Stadt gefahren, um Oky und andere indonesische Freunde zu treffen. Das Zimmer kommt mir leer vor ohne ihn.
Der letzte Tag eines in mehrfacher Hinsicht ungewöhnlichen, vielversprechenden Jahres. Es ist Nachmittag, Lazy Afternoon, Eko ist bei mir im Zimmer, und wir tun eigentlich nichts. Ein bisschen ungewohnt ist das schon, aber nicht schlecht, es ist, als würden wir schon lange zusammenleben. Gestern Abend hat Eko gekocht, sehr gut, eine indonesische Reistafel mit allem Drum und Dran, Pius war da und Sylvia hat auch mitgegessen, ein angenehmer Abend, ich fühle mich mit Eko in der WG akzeptiert, und ich fühle, dass Eko akzeptiert wird. Am Nachmittag waren wir einkaufen, vorher hatte Eko Briefe und Kassetten bei indonesischen Freunden vorbeigebracht. Am Abend des 29. waren wir wieder im Kino, «Species», ich war ziemlich sauer und etwas angesoffen, weiss Gott warum, nachher beim Chinesen beim Essen redeten wir ziemlich viel, das war ganz gut. Anschliessend sagte ich ihm, dass ich Sex haben möchte, und wenn ich so etwas signalisiere, ist das eigentlich auch nie ein Problem, er geht auf alles ein. Sofort geht er duschen, vor und nach dem Sex wird immer gleich geduscht. Er ist einfach sehr passiv, und ich weiss nie, ob ich ihn forcieren soll und darf oder ob er einfach seine Ruhe haben will oder sich langweilt. Er kann einfach so dasitzen, stundenlang, ohne etwas zu tun, ohne zu reden auch, das verunsichert mich ein wenig und ich habe dann Mühe, entspannt zu sein und einfach das zu tun, was ich tun möchte. Schliesslich ist er doch mein Gast, und ich möchte, dass er sich wohlfühlt.
Ich habe kaum je einen Jahreswechsel mit weniger feierlichen Gefühlen begangen. Es war wahrlich ein beschissener Silvester. Wir waren bei Severin. Erst der langweilige Nachmittag, dann die stumme Fahrt in der unsäglichen Forchbahn in die Stadt. Man kann sich etwa vorstellen, wie ich mich da fühlte. Und dann warten im «China-Garten», geschlagene 40 Minuten lang, bis die Prinzessin endlich die Güte hat aufzukreuzen. Bei Severin zu Hause ist Eko ganz begeistert von allem, was er sieht. Erste Anzeichen von Eifersucht. Ich seh doch, dass Eko auf R. steht. Und Eko auf S.? Will mein Freund mir meinen Geliebten abspenstig machen? S. ist gross und schlank, ich bin klein und eher vollschlank; und S. ist neun Jahre jünger als ich. Welche Chance habe ich da wohl? Aber Severin ist doch mein langjähriger, mein bester Freund, wie kann ich ihm da nicht vertrauen? Ausserdem steht er, als Maso, auf machomässige dominante Männer, und dass Eko ein machomässiger, dominanter Mann ist, kann man nun wirklich nicht behaupten. Nun, vielleicht ist er es doch, wenn nicht körperlich, dann psychisch, und Severin spürt das. Sowieso ist Eifersucht nie rational.
Wir sehen uns erst die «Bellezza»-Modenschau ab Video an, das gefällt Eko natürlich, der sich über alles für Mode, Markenartikel, Kosmetika und Shopping interessiert, sehr. (Ich interessiere mich nicht die Bohne dafür.) Während Severin und ich uns Walt Disneys «Aristocats» ansehen, blättert Eko ganz ungeniert in Severins Modezeitschriften und beachtet uns nicht mehr. Severin raucht Joints, ich trinke Bier und versuche mich so zu lockern, Eko, der weder trinkt noch raucht, ist enthaltsam. Mir ist gar nicht sauwohl, mir ist saukalt, innerlich. S. und Eko flirten, dass sich die Balken biegen, oder mein ich das bloss, ich komme mir ausgestossen vor, ausgeschlossen. Beschissen. Ich bin eifersüchtig: Um Mitternacht, beim Anstossen auf das neue Jahr, küssen sie sich natürlich zuerst. Wo bleibt mein neues Jahr mit Eko? Das Feuerwerk ist auch beschissen oder vielmehr bepisst: es regnet nach Mitternacht. Eko ist nun etwas zugänglicher. Wir schauen ein Video mit Ru Paul an, von dem Eko ganz begeistert ist. Um zwei fahren wir nach Egg zurück, in der Bahn, schweigend. Ich sterbe innerlich, ich verglühe innerlich.
Zu Hause sage ich zu Eko: Ich bin wohl doch zu alt für dich. Ich liebe dich so, aber ich glaube, es ist zwecklos, dich zu lieben. Ich sage es so, wie ich es fühle, will damit einfach meinen Schmerz ausdrücken, aber er versteht es anders. Ich will nicht sagen: falsch. Er meint, ich wolle mich von ihm zurückziehen, mein Versprechen zurückziehen. Meine Eifersucht versteht er natürlich nicht – er hat sie aber gespürt. Er sagt fauchend: Wenn du denkst, dass ich dich mit deinem Freund betrügen will, werde ich es tun. Er zeigt mit dem Finger auf mich. Willst du das, he? Willst du das? Er ist wütend. Er sagt: Ich bin vielleicht eine Hure, aber ich habe auch ein Herz. Soll ich mich wie eine Hure verhalten? Na ja, so geht das hin und her, mit Beteuerungen und Entschuldigungen. Er meint, ich lasse ihn im Stich, ich meine, er liebt mich nicht. Das dauert. Schliesslich versöhnen wie uns irgendwie.
Ich weine, er tröstet mich, hält mich im Arm.
Ich liebe Eko, aber ich fühle mich so hilflos.
Tage, Nächte am Rande des Nervenzusammenbruchs. Heute ist Eko nach Frankfurt zurückgefahren; am 15.1. würde eigentlich seine Schule in Chur beginnen. Die Rechnung über 20’000 Franken für das erste Semester habe ich heute bereits bekommen. Abends bei Severin, weil ich dachte, Eko sei vielleicht noch bei ihm – sinnlose, rasende Eifersucht. Gestern in Chur, alles ist glatt gelaufen, Eko wurde sofort als Schüler akzeptiert; die Aufenthaltsbewilligung wird nun von der Schule beantragt. Am Abend Kino, anschliessend versöhnlich, friedlich, geil.
Ich bin wie besessen von Eko, noch immer, ich bin wirklich verrückt. Aber ich muss eine andere Basis, eine andere Einstellung zu dieser Beziehung finden. Sonst machen wir uns beide kaputt. Ich glaube, das ist wirklich die grösste Herausforderung meines bisherigen Lebens.
Ich muss lernen, ihn zu lieben – es ist ein Ziel, keine selbstverständliche Voraussetzung. Es ist eine Aufgabe, und eine Chance nicht nur für ihn, sondern auch für mich. Wenn ich es schaffe, dann erschaffe ich damit mich selbst – meine Würde. Ich weiss jetzt, dass das nicht leicht sein wird. Was ich für ihn tue, tue ich auch für mich. Wenn ich ihn verletze, dann mache ich auch mich kaputt – und ich war einige Male schon verdammt nahe dran. Aber ich verstehe auch, dass ich so reagiere, so reagieren muss. Es kann nicht leicht sein. Es muss weh tun, das ist natürlich und hat nichts mit Masochismus zu tun. Oder doch?
Ekos Anfang in der Schule verzögert sich nun auch noch durch Schwierigkeiten bürokratischer Natur, die durchaus vermeidbar gewesen wären. Auf jeden Fall hat er die Aufenthaltsbewilligung noch nicht bekommen, und am Montag würde das Semester in Chur beginnen. Abends bei Pius habe ich mich einmal mehr ausgeredet oder vielmehr ausgekotzt, Eko, Eko und nochmals Eko war das Thema, der arme Pius. Dabei ist mir immerhin klargeworden, dass ich Ansprüche an Eko haben und diese auch äussern darf. Ich will ihn regelmässig sehen und auch Sex haben mit ihm. Wenn er nächstes Wochenende die Bewilligung noch nicht hat, werde ich ihn eben noch einmal in Frankfurt besuchen.
Eko hat mir ein sehr elegantes Portemonnaie geschenkt. Jetzt ist er in Berlin, mit Armin, der fast 200’000 Mark im Spielcasino verloren hat und nun als Marktfahrer arbeitetet – laut Eko. Die Sache mit den Papieren dauert.
Heute morgen, kurz vor dem Erwachen, träumte ich von Baphomet. Ich weiss nicht genau, was Baphomet bedeutet. Eine Art Synonym für den Teufel? Er ist kein Monster, aber auch nicht menschlich, sondern vor- oder unter- oder übermenschlich. Sein Anblick erschreckt mich auch nichtt. Er ist sehr gross, fett, irgendwie wachend, ein Erdenwesen, wurzelartig, uralt. An seinem winzigen, nicht erigierten Pimmel nuckelt ein Baby wie an der Mutterbrust. Das verwandelt sich allmählich in eine Schildkröte.
Eko ist hier, in der Schweiz, seit zwei Tagen. Er ist letzten Dienstag gekommen, mit dem Zug, 20.03 Uhr, obwohl er mir am Telefon gesagt hatte, er komme mit dem Zug um neun. Ich war schon um sieben am Bahnhof, aufgeregt wie ein Stall voller Hühner. Ich wartete, von einem Gefühl getrieben, am Bahnsteig um 20.03. Ein asiatisch aussehender junger hübscher Mann wartet ebenfalls, Ekos Kollege Robert, wie sich später herausstellt. Als Eko mit seinen fünf Koffern und Taschen erscheint und von Robert stürmisch begrüsst wird, schaue ich die beiden bloss verblüfft an. Eko ist sichtlich verlegen, schickt Robert bald weg und übergibt mir noch im Bahnhof wie zur Beschwichtigung das Geschenk, das er mir mitgebracht hat, einen «Esprit»-Ledergurt und ein Leder-Necessaire. Dann fahren wir mit dem Taxi sofort nach Egg, wo Eko unverzüglich beginnt, seine Sachen auf dem Boden auszubreiten und umzupacken. Er erzählt irgendeine Geschichte, dass Robert ihn im Zug angerufen habe etc., ich weiss aber, dass er flunkert, da ich ihn auch anzurufen versuchte, das Telefon aber gesperrt war. Ist mir jedoch egal, ich verstehe ihn und mache ihm keine Vorwürfe. Eko sagt, ich sei wirklich am wichtigsten für ihn. Er ist sichtlich unter Druck, gestresst, aufgeregt. Dann beginnt er sich plötzlich zu winden vor Schmerz: Magenkrämpfe, die ihm die Tränen in die Augen treiben. Ich bin hilflos, mache ihm Tee, aber er windet sich fast die ganze Nacht, seufzt und stöhnt. Gegen Morgen erst beruhigt er sich, hält mich umklammert, lässt sich von mir halten. Er ist in diesem Moment sehr verletzlich, zerbrechlich, ich ahne, dass sich hinter seiner coolen, schweigsamen Fassade eine ungeheure Empfindsamkeit verbirgt. In diesem Moment kommt er mir vor wie ein schutzbedürftiges Kind. Am Vormittag ein friedlicher Moment, Eko spielt sogar Klavier; dann, im Zug, kommen die Krämpfe wieder, ich spüre Ekos Angst vor dem Unbekannten, das da auf ihn zukommt. Er weiss nicht, ob er dem gewachsen ist. Mit seinen Taschen fahren wir nach Chur. Eine qualvolle Fahrt für beide. In Passugg wird Eko sofort in die Pflicht genommen; nachdem man ihm sein Zimmer gezeigt hat, das er mit einem Inder teilt, muss er unverzüglich in seine neue Klasse.
Ein schönes Wochenende mit Eko. So langsam entsteht eine Art Vertrautheit, Vertrauen zwischen uns.
Wieder ein Wochenende mit Eko. Ich entdecke, dass ich mit keinem der mir bekannten Konzepte an diese Beziehung heran, in diese Beziehung hinein kann. Ich muss mich einfach immer wieder ins kalte, warme und heisse Wasser fallen lassen – ein Abenteuer, eine Herausforderung stets aufs Neue. Ich bin daran, den Verstand zu verlieren – durchaus im positiven Sinn. Meine Versuche, die Situation (und Eko) zu kontrollieren (mit wechselnden Eltern- und Kindspielen zum Beispiel), verfangen nicht, laufen ins Leere. Es fällt mir auf, wie sehr sich meine zwei bisher wichtigsten Liebesbeziehungen – die mit Wolfgang vor vielen Jahren und die mit Eko jetzt – in dieser Hinsicht gleichen. Der springende Punkt dabei ist, dass die übliche Intellektebene, die ich so gut beherrsche, dabei praktisch keine Rolle spielt. Wahrscheinlich suche ich das, zieht mich genau das an – Terra incognita auch in mir selbst, lockendes, verheissungsvolles, angstauslösendes fremdes Land, Land meiner Sehnsucht. Eko ist mir dabei, möglicherweise, ohne dass er das weiss und sicher ohne dass er es will, ein wichtiger Lehrer. Eko ist mir zugleich das Fernste und das Nächste. Aus der Sicht von Eko kann es aber ebenfalls kein Zufall sein, ausgerechnet auf mich zu stossen unter diesen Milliarden von Menschen, über mehr als zehntausend Kilometer hinweg. Ich nehme also an, dass ich auch für ihn in irgendeiner Hinsicht Lehrer und Führer sein kann.
Heute waren wir mit Robert und seinem Schweizer Freund Martin im Alpamare. Sehr spannend, mit Martin über seinen «Eko» zu sprechen. Und: ich bin die Röhren runtergeflitzt, nicht nur einmal, sondern oft, was vielleicht keine grosse Sache für die Menschheit ist, aber einen ängstlichen Menschen doch einiges an Überwindung kostet. Ich überwand mich nicht nur, weil ich mich nicht blamieren wollte, sondern vor allem, weil ich dabei sein, das Erlebnis mit ihnen und vor allem mit Eko teilen wollte. Ich überwand mich aber auch, weil ich meine Angst fühlen und mich ihr stellen und nicht vor ihr davonlaufen wollte. Und aus Neugierde: Weil ich wissen wollte, wie es ist. Es ist überwältigend. In einigen Röhren ist das Tempo atemberaubend. Eine gute Übung, um die Lust, die Angst am Kontrollverlust zu erfahren. Eine Art Vorstufe des Bungee-Jumping.
Fühle mich manchmal richtig glücklich. Einfach mit Eko zusammen zu sein, diesem zauberhaften, wunderschönen Wesen, ist «pure Pleasure». Er hat mich auserwählt – was für ein grosses Glück. Er ist genauso, wie er sein muss, diese Leidenschaft ist sehr still manchmal, sehr fein und zerbrechlich, aber auch sehr tief. Unser Zusammensein ist so selbstverständlich und friedlich, eine Wohltat für die Seele. Ich geniesse es doch, dass Eko nicht dauernd über irgendetwas diskutieren will, deshalb ist es auch so wenig anstrengend mit ihm. Ich brauche nicht ständig witzig, tiefsinnig oder ironisch zu sein, es spielt für Eko keine Rolle. Im Gegenteil, es ist ihm ganz recht, wenn ich nicht so viel quatsche. Manchmal kommt er mir vor wie ein Wesen aus einer anderen Sphäre, vielleicht ist er ein Alien oder ein Kobold oder so was. Nein, es stimmt absolut nicht, dass erfüllte Träume etwas Schreckliches sind. Die Realität ist sogar noch viel schöner als die Träume. Man ist nur etwas ungläubig, reibt sich die Augen.
Letzten Sonntag hatte ich eine ziemlich hässliche Auseinandersetzung mit meinem Bruder. Ich erzählte ihm von Eko, worauf er mich beleidigte und Eko diffamierte; kurz, er zog unsere Beziehung völlig in den Dreck. Da explodierte ich, nannte ihn ein Arschloch. Auf der anderen Seite merke ich gerade heute, dass er damit auch ein Spiegel meiner eigenen Ängste und Befürchtungen ist. Diese ziemlich grässliche Woche war Eko, der jetzt zwei Wochen Ferien hat, wieder einmal ganz und gar nicht erreichbar für mich, sein Telefon sei gesperrt, sagt er, sein blödes Handy, er hat zwar zweimal angerufen, und heute haben wir auch kurz telefoniert – erst war Andi am Telefon, sein indonesischer Kumpel, der mich fragt, ob Eko heute Nacht zu ihm nach Baden kommen dürfe. Ich verstand das erst gar nicht richtig. Dann Eko, der mir sagt, es gehe ihm nicht gut, weil es irgendwelche Schwierigkeiten mit seiner jüngeren Schwester gibt, die verschwunden (?) sei. Dann sagt er mir noch, dass er bei Severin angerufen habe (warum?), der mich heute ebenfalls angerufen hat – er sei gestresst und so und könne mich heute nicht treffen. Dann erzählt Eko noch etwas von einer Party morgen Abend, auf die er mit Martin und Robert gehen will, und er rufe mich morgen an, um drei oder fünf, was weiss ich. Ich hasse das, bin eifersüchtig und verunsichert.
