Suicide Blonde - Wim Martin - E-Book

Suicide Blonde E-Book

Wim Martin

0,0

Beschreibung

Das beklemmende Psychogramm einer Frau auf ihrer vergeblichen Suche nach dem Glück, ein schauriger Einblick in den Abgrund einer gemarterten und vom Leben all ihrer Illusionen beraubten Seele. Gänzlich unbemerkt von ihrem Umfeld flüchtet Johanna sich in radikale Ideologien und, schlimmer noch, in eine schizophrene Psychose, in welcher sie Kontakt zu einem verstorbenen Popstar zu haben wähnt. In einem letzten heroischen Akt strebt sie die Vereinigung mit ihm an. Doch es ist nur ein tragisches Scheitern.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 185

Veröffentlichungsjahr: 2023

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kapitel

Prolog

Raben

Die Entdeckung

Kurze Geschichte der Fehlversuche

Aus den Tagebüchern 1

Glück

Fremde

Aus den Tagebüchern 2

Tagebücher

Letizia

Aus den Tagebüchern 3

Vorwürfe, gegenseitig

Das Ende der Liebe

Zeckenbiss

Aus den Tagebüchern 4

Im Äther

Aus den Tagebüchern 5

Kontakt

Linus

Aus den Tagebüchern 6

Vom Himmel gesandt

Aufruhr

Aus den Tagebüchern 7

Immer nur Michael

Aus den Tagebüchern 8

Suicide Blonde

Aus den Tagebüchern 9

Die Elfenkönigin

Aus den Tagebüchern 10

Wim Martin, 1952 geboren und aufgewachsen in Velbert, studierte Literaturwissenschaft und Philosophie an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, um nach dem Examen als weltweit erfolgreiches Fotomodell Karriere zu machen. Bereits im Studium Veröffentlichung von Gedichten und Kurzgeschichten in diversen Literaturzeitschriften und Anthologien, u.a. bei Rowohlt. Nach dem Ende der Modellkarriere Wiederaufnahme der schriftstellerischen Arbeit. 2018 erschien im Hummelshain Verlag der Roman Das schlagende Herz, 2019 der Gedichtband Nahe Engel, von fern: Musik, ferner die Romane Babylon Cam (2020), Die Pandemie (2021), Brachfeld (2021), Der Einfall des Lichts (2022).https://de.wikipedia.org/wiki/Wim_Martin

Alle Figuren des Romans sind ausschließlich meiner Fantasie entsprungen. Sämtliche Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären daher rein zufällig.

W.M.

2023 Hummelshain Verlag, Essen ISBN: 978-3-943322-590 Umschlagbild: Wim Martin, Acryl auf Bütten Korrektorat: Petra Krall

Der Nachdruck, auch auszugsweise, sowie die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen und Internet, durch fotomechanische Wiedergabe, Tonträger und Datenverarbeitungssysteme ist ausdrücklich nur nach vorheriger schriftlicher Genehmigung durch den Hummelshain Verlag gestattet.

www.hummelshain.eu

Der rein fiktiven Protagonistin des Romans wurden zur detaillierten Charakterisierung ihres tragischen Wegs in eine allen Bezug zur Realität verlierende Schizophrenie einige extreme und größtenteils in rechtsradikalen Gruppierungen verbreitete Positionen zugeordnet. Der Autor betont, dass er selbst keine dieser Ansichten vertritt und sich von jeglichen rassistischen, faschistischen und antireligiösen Gedanken seiner Figur distanziert.

Some silken moment Goes on forever

INXS

Prolog

Wie immer, wenn sie ankam, drang das Gebell aus dem Inneren des Hauses bis hinaus auf die Straße. Obwohl Jamie fünfzehn Jahre zählte, ein nahezu biblisches Alter für einen Hund, und obwohl auch seine Pupillen sich in fortschreitender Blindheit zu trüben begannen, funktionierten sein Geruchssinn wie auch sein Gehör tadellos. Er entnahm bereits dem Motorengeräusch ihres sich nahenden Toyotas, dass Nelly die Mutter besuchte. Vermutlich witterte er auch ihren für seine feine Nase unverwechselbaren Geruch nach Mandelblüten noch durch die Mauern hindurch. Bei ihrer Ankunft drückte das liebe Tier jedes Mal, die Beschwerden des Alters vergessend, seine freudige Erregung durch überlautes Kläffen aus, auch wenn die Nachbarn sich die Haare rauften über den regelmäßig aufbrandenden Krach. Sobald dann der Klang ihrer zuschlagenden Autotür zu ihm drang und Sekunden später der Schlüssel sich in der Haustür drehte, kannte Jamie kein Halten mehr: sein Gebell steigerte sich zu einer handfesten Hysterie.

Als Nelly den Hausflur betrat und die Tür hinter sich schloss, wunderte sie sich, dass er nicht die Treppe aus der ersten Etage hinunter gestürmt kam, um sie wie üblich im Hausflur zu begrüßen. Ihre Mutter pflegte die Wohnungstür zum Korridor offen zu lassen, damit Jamie auch ins Parterre laufen konnte, wo ihr Vater nach der Scheidung in seinen eigenen, abgeschlossenen vier Wänden wohnte. Von dort konnte der Hund nach Belieben und zu jeder Zeit in den kleinen Garten des Reihenhauses. Doch anders als sonst war die Tür zur Wohnung der Mutter heute geschlossen, und er blieb aus dem Treppenhaus ausgesperrt.

Nelly schaute auf ihre Armbanduhr. Es war Halb zehn, die Mutter konnte unmöglich noch schlafen. Nach einem streng geregelten Tagesablauf stand sie jeden Morgen um Halb acht auf, in nahezu preußischer Disziplin, auch weil sie kurz darauf für gewöhnlich mit Jamie die erste Runde drehte. Der alte Hund vermochte den Harn nicht viel länger zu halten, und um zu vermeiden, dass er auf den Laminatfußboden urinierte, ging die Mutter meist bereits vor acht Uhr mit ihm los. Nelly tippte dreimal kurz auf den Klingelknopf, während sie die Haustür hinter sich schloss. Jamie kläffte nur noch lauter, und sie meinte seiner Stimme anzuhören, dass er nicht allein freudige Begrüßung ausdrücken wollte. Das Gebell klang irritiert, wütend, fast erschreckt. Sie stieg die Treppe hoch und wollte die Tür aufschließen, doch im Schloss steckte von innen der Schlüssel ihrer Mutter. Nelly klopfte, inzwischen entnervt vom Gebell, lautstark an das Türblatt, um den Hund zu übertönen, und rief nach ihr:

- Mutti, der Schlüssel steckt! Mach bitte auf!

Aus der Wohnung kam keine Reaktion. Vielleicht war die Mutter gerade im Bad. Oder sie hörte laute Musik unter dem Kopfhörer, dass sie weder Gebell noch Klopfen wahrnahm. Seit geraumer Zeit schon pflegte sie eine exzessive und wie Nelly empfand, beinah schon krankhafte Vorliebe für diese australische Popgruppe, deren Lieder sie unentwegt hörte. Aber es konnte kaum sein, dass der Kopfhörer alle Geräusche der Außenwelt völlig ausklammerte. Eine erste verschwommene Ahnung von Unheil beschlich Nelly. Sie hämmerte nochmals an die Tür, lauter, länger, drängender. Nichts geschah. Die Mutter rührte sich nicht. Nur Jamie kläffte in einem fort.

Aus dem Parterre rief ihr Vater, angelockt vom anschwellenden Lärm, durch das Treppenhaus:

- Was ist da los bei euch? Der Hund ist ja völlig von Sinnen.

- Ich weiß auch nicht. Mutti öffnet nicht, und der Schlüssel steckt von innen. Ich komme nicht in die Wohnung, antwortete Nelly erregt.

Der Vater erklomm die Stufen bis in die erste Etage.

- Jamie, ruhig! rief er dem Hund zu, was der nur mit weiterem Gebell beantwortete.

Dann schlug er mit der ganzen Wucht seiner geballten Faust an die Tür, dass das hölzerne Türblatt im Rahmen erzitterte. Die Hiebe hallten durch das ganze Haus.

- Johanna, ich bin es, Linus! Mach die Türe bitte auf. Nelly ist hier. Wir machen uns Sorgen.

Wieder kam von innen keinerlei Reaktion. Nur der Hund bellte ohne Unterlass und noch hysterischer als zuvor.

- Wir müssen wohl einen Schlüsseldienst anrufen, meinte der Vater resigniert, sein Gesicht in deutlicher Befürchtung verfinstert.

Nellys Gedanken rotierten in einem fort. Sie ging spontan die denkbaren Möglichkeiten durch. Die Mutter konnte einen Schlaganfall erlitten haben, eine Hirnblutung oder einen allergischen Schock, und jetzt lag sie vielleicht hilflos, ohne die geringste Fähigkeit sich zu bewegen und verzweifelt auf Rettung wartend hinter der verschlossenen Tür. Hoffentlich kamen sie nicht zu spät. Sie wusste, dass in einem solchen Fall vor allem schnelle Hilfe benötigt wurde, um schwerwiegenden Langzeitfolgen vorzubeugen. Ihre Sorge wuchs und lähmte sie. Doch der Vater eilte bereits die Treppe hinab und suchte unten in seiner Wohnung in dem dort neben dem Telefon liegenden Branchenverzeichnis nach der Nummer eines Schlüsseldienstes. Nelly hörte ihn telefonieren und die Adresse durchgeben, während pure Angst in ihr Wellen schlug.

Bis zum Eintreffen des herbeigerufenen Schlüsseldienstmitarbeiters saß sie auf der obersten Stufe des Treppenhauses wie auf glühenden Kohlen. Sie rief den Anschluss der Mutter an, hörte das Freizeichen ebenso wie das Klingeln in der Wohnung. Niemand hob ab. Ihr Herz klopfte laut. Der Hund hatte das Dauergebell eingestellt und winselte jetzt nur noch gotteserbärmlich. Nelly befürchtete inzwischen das Schlimmste. Die Zeit schlich nicht voran, sie schien geradezu stillzustehen. Dann, nach endlosen Minuten und versunken in düstere Gedanken, hörte sie, wie der Vater die Haustür öffnete und den Ankommenden einließ. Er führte ihn die Treppe hinauf, wo Nelly sich erhob und zur Seite trat.

Es dauerte nicht länger als fünfzehn Sekunden, dann hatte der Fachmann mit zwei dünnen, ins Schloss eingeführten und an Hummergabeln erinnernden Werkzeugen die Tür geöffnet. Urplötzlich sprang sie unter seinen filigranen Händen einen kleinen Spalt auf, als Nelly im gleichen Moment schon an ihm vorbeidrängte und den kurzen Flur der Wohnung betrat. Fast wäre sie über Jamie gestolpert, der ihr mit lautem Gebell um die Beine wuselte.

- Aus, Jamie! wies sie den Hund an, der sich abermals wie von Sinnen gebärdete.

Hektisch schaute sie rechter Hand in die Küche, deren Tür ebenso wie die des großen Wohnraums auf der linken Seite des Flurs ausgehängt war, und sah mit einem Blick, die Mutter war weder hier noch dort. Schemenhaft nahm ihr Unterbewusstsein noch wahr, dass von den sechs Stühlen am Esstisch einer fehlte. In jäh aufwallender Panik machte sie auf dem Fuß kehrt und öffnete die Tür zum Bad, aber auch dort war keine Spur vom Verbleib der Mutter. Nelly hastete wiederum vorwärts, ins Schlafzimmer auf der Stirnseite des Flurs. Das Bett war offenbar in der Nacht nicht benutzt worden oder vielleicht auch schon hergerichtet.

Sie eilte durch das Wohnzimmer hin zur Treppe ins Dachgeschoss. Der Hund heulte laut auf und verkroch sich unter das Sofa. Während sie die Stufen erklomm, nahm sie wie aus weiter Ferne wahr, dass der Vater den Mann vom Schlüsseldienst bat, ihm die Rechnung zu schicken und ihn dann mit den Worten entließ:

- Sie finden bitte allein hinaus. Ich muss hinauf und feststellen, was da los ist.

Als Nelly keuchend und nach Atem schnappend wie ein Fisch auf dem Trockenen die erste der beiden Dachkammern betrat, fiel unten die Haustür ins Schloss, während gleichzeitig die eiligen Schritte des Vaters die Treppe erbeben ließen. Der kleinere Vorraum roch muffig, nach abgestandener Luft. Auch hier war die Mutter nicht. Aus dem hinteren Dachzimmer drang durch die leicht geöffnete Tür ein lautes Geräusch, ein auf- und abschwellendes Zischen, das mit sonoren Pfeifsignalen und einem Dauerrauschen vermischt war. Nelly wusste sofort, die Mutter hatte wieder auf obskuren und teils vor langer Zeit schon eingestellten Sendefrequenzen nach Spuren und Hinweisen gesucht, obwohl sie sie eindringlich gebeten hatte, von diesem Hokuspokus abzulassen. Aber auch der Klang des fast bis zum Anschlag aufgedrehten Radios war bei weitem nicht laut genug gewesen, um Jamies Gebell und den unüberhörbaren Lärm an der Wohnungstür zu übertönen. Ihre Mutter hätte sie hören müssen.

Nelly stieß die lediglich angelehnte Tür zur hinteren Dachkammer auf, als im gleichen Moment ihr Vater sie erreicht hatte. Sie verharrte im Türrahmen. Der Raum war von den herabgelassenen Jalousien der ins Dach eingebauten Fenster abgedunkelt. Doch auch im feindlichen Zwielicht sah sie das Unfassbare, das ihre schlimmsten Ahnungen ihr eingeflüstert hatten und das sie dennoch ganz weit von sich gedrängt hatte.

Der unten am Esstisch fehlende Stuhl lag umgestoßen auf dem Teppichboden neben einem hässlichen, von Nässe verursachten Fleck. In die Deckenverkleidung aus Gipskartonplatten war ein großes Loch geschlagen, um einen der massiv hölzernen Dachbalken freizulegen. Und über den Balken aus dunklem, altem Eichenholz verknotet war das Seil geworfen. Das Seil, an dessen Ende in einer Schlinge der leblose Körper der Mutter hing.

1

Raben

Mit den Raben war es wie mit den Orkanen: beides hatte es in ihrer Kindheit hier nicht gegeben. Und ebenso nicht die Sirenen. Heute ertönte an jedem neuen Tag ihr die Trommelfelle folternder Klang aus den Fahrzeugen der Ambulanzen, Polizei oder Feuerwehr, die wieder einmal einen der sich scheinbar unentwegt ereignenden Notfälle ansteuerten. Eine dissonante Sinfonie der Apokalypse, ohrenbetäubend schrill und sich erbarmungslos in die Gehörgänge fräsend wie der Bohrer für eine Gehirnwäsche. Und dieses Szenario fand ohne erkennbare Pausen nahezu vierundzwanzig Stunden täglich statt. Rätselhaft blieb ihr immer, was die Menschen zu solch ungehemmter Dringlichkeit antrieb, welche sie veranlasste, den ureigenen Weltuntergang lustvoll und überlaut zu intonieren.

Und die Orkane gaben seit Jahren den Wintern eine immer bedrohlichere, in den Nachrichten plakativ zu beinahe mörderischer Wucht aufgebauschte Struktur. Von November bis weit in den April hinein fegten regelmäßig Stürme über die Stadt, über das ganze Land, deren zerstörerische Kraft zu früheren Zeiten in diesen Breitengraden völlig undenkbar gewesen war. Längst schon glichen die Winter einem auf die Dauer von sechs Monaten verlängerten Herbst, in dem nicht länger arktische Kälte die unbeherrschbaren Turbulenzen der Lüfte lähmte, eine Folge, so erklärte es die Wissenschaft lapidar, der vom Menschen, der selbsternannten Krone der Schöpfung, unaufhaltsam vorangepeitschten Klimaerwärmung. Doch die derart entfesselte Wut der Natur ließ sich nicht erklären. Allein die Überzeugung wuchs stetig in Johanna, dass sie Vergeltung übte für das, was ihr im Lauf der Geschichte angetan worden war. Die Natur betrachtete sie als einen lebendigen Organismus, beseelt von Mythen, geduldig und sanft, als Verbündete, ja Freundin, als Quell von Kraft und Spiritualität, und nur wenn man ihr nicht die gebührende Achtung zollte, gebärdete sie sich eine tobende Zeit lang als unversöhnliche Feindin und entlud ihren Zorn auf die, die ihr den gebührenden Respekt verweigerten.

Eine neben dem Lärm der Sirenen weitere und für Außenstehende gänzlich unvorstellbare, sie wahrhaft in cholerische Wut versetzende Zumutung bildeten die kürzlich in der Nachbarschaft zugezogenen Polen. Johanna nannte sie hasserfüllt die Polacken. Sie bewohnten ein Dreigenerationenhaus, Großeltern, Eltern und Kinder, und waren im geballten Chor ihrer Rücksichtslosigkeit verantwortlich für einen schlichtweg alle Grenzen des Anstands ignorierenden Lärmterror, der im gesamten näheren Umfeld die Sehnsucht nach unverzüglichem Amoklauf erweckte. Der Großvater hörte, weithin schallend, im Garten Radio Warszawa, seine Tochter, deren Erscheinungsbild eines Bullterriers noch die furchtlosen Ratten in der Kanalisation in die Flucht schlug, schrie vom Balkon geharnischte Kommandos an ihren Gatten, der mit Laubbläser, Motorsäge oder ähnlichem Maschinenarsenal ohne Unterlass die Flora des Grundstücks zu bändigen suchte, während die zehnund achtjährigen Söhne, gebeutelt von einer unheilbaren Verhaltensstörung, sich ausschließlich durch ein alle Dezibelskalen sprengendes Kreischen verständigten und in ihren Eltern nichts als Stolz aufkeimen ließen ob solchen von ihnen dem Nachwuchs in die Wiege gelegten Stimmvolumens. Alle Einwände genervter Nachbarn gegen diese pathologischen Pestbeulen verpufften generell im Handumdrehen, seitdem die Regierung in Berlin ganz offiziell jedweden Kinderlärm als Zukunftsmusik deklariert hatte. Sobald jedoch diese asozialen Polacken ihre Maschinen auch nur eine Minute außerhalb der gesetzlich vorgeschriebenen Zeiten anwarfen, hatte Johanna es sich zur Pflicht gemacht, auf der Stelle das rund um die Uhr erreichbare Ordnungsamt anzurufen, und in ihrer Eigenschaft als Wutbürgerin bereits mehrfach saftige Bußgelder erwirkt. Von solch schamlos dreisten Kuffnucken ließ sie sich nicht auf der Nase rumtanzen, niemals!

Am schlimmsten jedoch erschienen Johanna die Rabenschwärme, diese schwarzgefiederten Boten des Totenreiches. Früher hatten die Vögel ihre Reviere ausschließlich in den umliegenden Wäldern und fielen allenfalls über die angrenzenden Äcker her, wenn die Bauern dort das Saatgut ausbrachten. Heute hatten sie die Stadt usurpiert, waren ohne natürliche Feinde im gesamten Viertel die uneingeschränkten Herrscher der Gärten, hockten auf Dächern, Kaminen und Bäumen und verstörten mit ihrem blechernen Krächzen die Harmonie des Seins, nachtschwarze Symbole für unabwendbares Unheil. Singvögel dagegen gab es, wo sich die Raben ausgebreitet hatten, kaum noch. Sie plünderten deren Nester und töteten frisch geschlüpfte Jungvögel, die sie fraßen oder an die eigene Brut verfütterten. Voller Wehmut erinnerte sich Johanna an die Kohlmeisen, Rotkehlchen, Amseln und Finken in ihrer Jugend, die im elterlichen Garten Insekten gejagt und Würmer aus dem Rasen gepickt hatten. Jetzt waren da nur noch die Raben, und es wurden von Jahr zu Jahr mehr. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Vögel entfachten Angst in ihr, wie ebenso ihr gesamtes, immer bedrohlicher erscheinendes, in immer rücksichtsloserem Lärm tönendes Umfeld. Manchmal fühlte sie sich wie eingekesselt in ihrem Leben, und ein starkes Verlangen nach Schutz bemächtigte sich ihrer, sie durfte sich unmöglich den von ihnen ausgehenden Fährnissen wehrlos ausliefern, sie musste sich wappnen, mit allem, was ihr zur Verfügung stand.

Alles in allem war es die Summe des Ungewohnten, des Unheimlichen, der Klang all dessen: der Sirenen, der Winterstürme und der Raben, der immer unerträglicher werdende Lärm, die unentwegte Zumutung geballten akustischen Mülls, welcher bei Tag und oft genug auch bei Nacht den früher unendlichen Frieden der Stille lauthals übertönte, die Johanna mehr und mehr in den Wahnsinn zu treiben schien. Und obwohl sie bei Nacht angestrengt lauschte und mit äußerster Behutsamkeit die Frequenzen des alten Röhrenempfängers abtastete, ließ dieser Krach sie oftmals die allein an sie gerichteten Botschaften nicht hören, jene sanften, leisen und zarten Klänge, die seine samtene Stimme durch den Äther hauchten und die seit geraumer Zeit nichts mehr als ihre einzige Bestimmung waren.

2

Die Entdeckung

Das ist jetzt mein Haus, ging ihr durch den Kopf. Es war ein ebenso naheliegender wie gleichzeitig absurder Gedanke, fühlte sich im Moment jedoch noch völlig unwirklich an. Sie war den Tränen nah, sie wollte allein sein, um das Unbegreifliche zu verstehen oder, falls das nicht möglich sein sollte, sich ihm zumindest ein Stück weit anzunähern. Wie hatte die Mutter das nur tun können? Auch mit mehr als siebzig Jahren war sie von ungebrochener Vitalität gewesen, und Nelly vermochte sich so gar nicht daran zu gewöhnen, dass sie nicht mehr bei ihr war, dass ihr Leichnam über ihr auf dem Dachboden hing. Ihre mühsam zusammengeraffte Konzentration glitt hinfort, denn da waren all diese Menschen, die sich unaufhaltsam durch sämtliche Zimmer bewegten, als hätten sie ein Anrecht darauf, ihr privates Umfeld zu stürmen. Sie verursachten Lärm, obwohl sie sich betont um Rücksicht bemühten. Und mitten unter ihnen suchte der verschreckte und verstörte Hund nach seinem sicheren Ort, der ihm durch die entsetzliche Tat der Mutter genommen worden war. Nelly ergab sich ohne große Gegenwehr in ihre Trance, im dringlichen Wunsch nach gänzlicher Abschottung von dem Treiben um sie herum. Nur so fühlte sie sich in der Lage, das Ganze zu überstehen. Am liebsten hätte sie laut herausgeschrien:

- Alle raus hier! Sofort!

Aber natürlich konnte sie das nicht tun. Ich muss das durchstehen, dachte sie. Und sie dachte an die ewige und unerschütterliche Disziplin ihrer Mutter, zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie den Stuhl erklommen und sich die Schlinge um den Hals gelegt hatte.

Zuerst waren zwei uniformierte Polizisten erschienen. Ihr Streifenwagen stand am Straßenrand neben dem von den Wagen der Anwohner dicht gefüllten Parkstreifen in zweiter Reihe. Wenig später kamen zwei Zivilbeamte, ein Kommissar und seine Assistentin. Nach einem kurzen Blick in das hintere Dachzimmer forderten sie per Telefon unverzüglich die Spurensicherung an. Dann erfolgte der martialische Auftritt der Feuerwehr, mit einem blitzenden Leiterwagen, einer Ambulanz im Mercedes-Kastenwagen, auf dem in großen, weißen Buchstaben auf rotem Grund Rettungsdienst stand, und einer ebenso grell beschrifteten Notarzt-Limousine. Sie blockierten die Durchfahrt auf der Straße, standen kreuz und quer in der Mitte der Fahrbahn, als bestünde an diesem Ort aufgrund einer unkalkulierbaren und akuten Gefahrenlage die dringende Notwendigkeit einer Absperrung. Das Blaulicht auf dem Dach des Streifenwagens kreiste stumm, wie ein Stroboskop in Zeitlupe. Wie selbstverständlich lagen angesichts dieses außerordentlichen Spektakels Nachbarn in den Fenstern oder standen auf den Wegen vor ihren Häusern. Die Schamlosigkeit der unverhohlen und dreist zur Schau getragenen Neugier machte Nelly wütend, aber sie wusste auch, dass sie hier bei all diesen von ihr verabscheuten Menschen keinerlei Pietät erwarten durfte. Und eingedenk der Tatsache, dass ihre Mutter unzweifelhaft verstorben war, empfand sie die fortdauernde Anwesenheit der zwei Rettungssanitäter als überflüssig und geradezu makaber. Schließlich trafen zeitgleich mit dem von der Polizei nach Rücksprache mit ihr verständigten Bestattungsunternehmer samt Gehilfen noch zwei Notfallseelsorger ein.

Der Kriminalhauptkommissar, dessen Namen Nelly in ihrem Schockdämmer kaum wahrgenommen hatte, nahm mit seiner Assistentin, die sich als Kommissarsanwärterin vorgestellt hatte, im Wohnzimmer am Esstisch Platz und bat sie und den Vater mit einer einladenden Geste hinzu. Die Assistentin öffnete ohne sichtbare Emotionen eine Kladde, in welcher sie sich mit einem Kugelschreiber Notizen machte.

- Ich muss der Vollständigkeit halber zunächst einmal Ihre Personalien aufnehmen, begann der Kommissar das Gespräch und fuhr fort, nachdem er sich durch einen fragenden Blick beider Zustimmung vergewissert hatte:

- Sie sind also die Tochter und der Ehemann der verstorbenen Johanna Heidenreich? Ist das korrekt?

- Nicht ganz, ich bin der Ex-Ehemann Johannas. Wir sind geschieden, antwortete der Vater.

- Und Ihr Name und Ihr Geburtsdatum sind…?

- Linus Raukamp, geboren am 17. Juni 1956.

- Und geschieden seit wann?

- Seit dem Sommer 1999.

Die Assistentin notierte die Antworten in ihr Heft, während der Kommissar nunmehr Nelly nach Namen und Geburtsdatum fragte.

- Nelly Raukamp, geboren 4. April 1984.

- Wie kommt es, dass Ihre Mutter Heidenreich heißt und nicht Raukamp?

- Sie hat nach der Scheidung ihren Mädchennamen wieder angenommen, sagte Nelly apathisch.

- Bedeutet das, Sie und Ihre Ex-Frau haben sich im Streit getrennt? wandte sich der Kommissar wieder an den Vater.

- Eine Ehescheidung ist niemals eine unstrittige Angelegenheit, aber nachdem wir das hinter uns gebracht hatten, sind wir ohne Differenzen miteinander ausgekommen, andernfalls hätte ich kaum als Mieter in ihrem Haus gewohnt, antwortete der Vater geduldig.

- Es tut mir leid, ich muss Ihnen solche Routinefragen stellen, äußerte der Polizist sein kaum echtes Bedauern.

Nelly saß am Tisch wie paralysiert. Sie stützte den Kopf in die Hände und wollte nur, dass dieser Alptraum endlich vorüber war. Wie von Medikamenten betäubt lauschte sie dem Gespräch.

- Ich benötige noch bitte die Adresse und Telefonnummer des von Ihnen beauftragten Schlüsseldienstes zum Abgleich mit Ihrer beider Aussage, Sie hätten die Wohnungstüre Frau Heidenreichs von innen verschlossen vorgefunden. Und ein Kollege von der Spurensicherung muss Ihre Fingerabdrücke nehmen, das ist, obwohl alle Anzeichen auf einen Suizid hindeuten, leider unvermeidlich, sagte der Kommissar.

Der Vater nickte. Nelly sah mit einem Seitenblick, dass der Hund soeben auf den Fußboden neben dem Sofa urinierte. Wütend sprang sie auf, doch dann fiel ihr ein, dass im Angesicht des Entsetzlichen sich heute früh niemand um das arme Tier gekümmert hatte. Ihre Wut entlud sich in einem Schluchzen, und sie ging hinüber in die Küche und holte aus dem Schränkchen unter der Spüle einen Eimer und ein Putztuch, um die Hinterlassenschaft des Hundes aufzuwischen. Als sie alles wieder verstaut hatte und sich zurück an den Tisch setzte, fuhr der Kommissar mit seiner Befragung fort.

- Litt Ihre Mutter unter Depressionen, einer chronischen Krankheit oder hatte sie vielleicht vor kurzem eine schlimme Diagnose? Und haben Sie irgendeine Form von Abschiedsbrief Ihrer Mutter gefunden? Etwas das einen Hinweis auf ihr Motiv geben könnte?

Nelly schaute den Vater an. Beide schüttelten den Kopf.

- Sollte in dieser Hinsicht noch ein Beweisstück auftauchen, dann bitte lassen Sie es mich unverzüglich wissen. Es würde helfen, die Ermittlungen so schnell wie möglich abzuschließen, sagte der Polizeibeamte und erhob sich gleichzeitig mit seiner Assistentin.