Summer Reading - Jenn McKinlay - E-Book

Summer Reading E-Book

Jenn McKinlay

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Beschreibung

Samantha hatte sich so auf den Sommer im malerischen Martha’s Vineyard gefreut. Dort wollte sie neue Rezepte ausprobieren und ihre Karriere als Köchin in Schwung bringen. Doch dann muss sie den Babysitter für ihren jüngeren Bruder spielen, der an einem Begabtenwettbewerb in der örtlichen Bibliothek teilnimmt. Sam hat Legasthenie und kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als den Sommer zwischen Bücherregalen zu verbringen. Vor allem, da sich der Bibliotheksleiter ausgerechnet als der unverschämt attraktive Ben entpuppt, dem sie auf der Überfahrt versehentlich das Lieblingsbuch aus der Hand geschlagen hat. Doch Gegensätze ziehen sich an, und als Ben Sam anbietet, zusammen an einem Kochbuch zu arbeiten, knistert es zwischen beiden gewaltig …

Für alle, die diese Tropes lieben:

*Opposites Attract*
*Forced Proximity*
*Summer Romance*

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Buch

Samantha hatte sich so auf den Sommer im malerischen Martha’s Vineyard gefreut. Dort wollte sie ihrer Karriere als Köchin neuen Schwung verleihen und aus den Rezepten ihrer portugiesischen Großmutter leckere neue Gerichte kreieren. Doch dann muss sie den Babysitter für ihren pubertierenden jüngeren Halbbruder spielen, der an einem Begabtenwettbewerb in der örtlichen Bibliothek teilnimmt. Sam hat Legasthenie und kann sich nichts Schlimmeres vorstellen, als den Sommer zwischen Regalen voller Bücher zu verbringen. Vor allem, da sich der Bibliotheksleiter ausgerechnet als der unverschämt attraktive Ben entpuppt, dem sie auf der Überfahrt versehentlich das Lieblingsbuch aus der Hand geschlagen hat. Doch Gegensätze ziehen sich an, und als Ben Sam anbietet, zusammen an einem Kochbuch zu arbeiten, knistert es zwischen beiden gewaltig …

Autorin

Jenn McKinlay ist eine erfolgreiche Romance-Autorin. Ihre Bücher stehen stets auf den Bestsellerlisten von New York Times, USA Today und Publishers Weekly und sind in mehrere Sprachen übersetzt. Jenn McKinlay lebt im sonnigen Arizona in einem Haus, das bis oben voll ist mit Kindern, Haustieren und den Gitarren ihres Mannes. Weitere Informationen zur Autorin unter: www.jennmckinlay.com

Jenn McKinlay

Summer Reading

Roman

Aus dem Amerikanischen von Bianca Dyck

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2023 unter dem Titel »Summer Reading« bei Berkley Romance, published by Berkley, an imprint of Penguin Random House LLC, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.

Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2025

Copyright © der Originalausgabe 2023 by Jennifer McKinlay

This edition published by arrangement with Berkley, an imprint of Penguin Publishing Group, a division of Penguin Random House LLC.

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2025

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München,

nach einer Gestaltung von Vikki Chu

Redaktion: Beate De Salve

KS · Herstellung: ik

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-31590-0V002

www.goldmann-verlag.de

Für Natalia Fontes. Das größte Geschenk, das mein Bruder mir je gemacht hat, war, dich zu meiner Schwägerin zu machen. Mit deiner Gutmütigkeit, deiner Großzügigkeit und deiner Entschlossenheit, immer die beste Version deiner Selbst sein zu wollen, inspirierst du mich jeden Tag aufs Neue. Ich bin unendlich dankbar, dich meine Sis nennen zu dürfen. Ich werde dich immer lieben.

Liebe Leserinnen und Leser,

da ich mein ganzes Leben lang eine passionierte Leserin gewesen bin, kann ich mir gar nicht vorstellen, wie es ist, weder Bücher noch Geschichten als Fluchtmöglichkeit zu haben, wenn das Leben mal schwierig wird. Doch ich habe aus nächster Nähe mitbekommen, dass das Lesen einigen meiner Familienmitglieder nicht so viel Freude bereitet hat wie mir und wie sie in einer Welt zurechtkommen mussten, die schrecklich unfreundlich zu Menschen mit Legasthenie war. Bücher waren für sie nicht der sichere Hafen, den sie für mich darstellen, und das hat mir viel bewusster gemacht, wie viele Menschen das Entziffern des geschriebenen Wortes als Herausforderung betrachten.

Als mir die Idee für Summer Reading kam, wusste ich sofort, dass ich den Spieß zur Abwechslung einmal umdrehen wollte. Ich habe nicht viele Bücher gelesen, in denen die Protagonistin die unbelesene Person ist, und ich wollte das ändern, indem ich einen bücherliebenden Helden und eine nichtlesende Heldin erschaffe. Das hat sofort eine Kluft zwischen den beiden entstehen lassen, und ich wusste, dass es interessant sein würde, ihnen dabei zuzusehen, wie sie diese überwinden. Da Legasthenie ein sehr individueller Zustand ist, der sich bei jedem Menschen anders äußert, wusste ich außerdem, dass es sehr spannend und eine unglaubliche Lernerfahrung für mich sein würde, über eine Heldin mit einer Neurodivergenz zu schreiben. Also habe ich mich voll und ganz hineingestürzt.

Bei Interviews mit den neurodivergenten Menschen in meinem Umfeld habe ich erfahren, dass für manche von ihnen Buchstaben und für andere Zahlen eine Herausforderung darstellen und dass viele zusätzlich zu ihrer Legasthenie auch Aufmerksamkeitsdefizite haben. Also habe ich meine Fähigkeiten als Bibliothekarin genutzt, um noch tiefer zu graben. Ich habe Bücher und Artikel über Legasthenie gelesen, TED-Konferenzen angeschaut und Autobiografien von erfolgreichen Persönlichkeiten mit Legasthenie verschlungen, die davon erzählen, wie sie ihr Leben gestalten. Zwei meiner Beta-Leserinnen sind Frauen mit Legasthenie, die mir mit ihren persönlichen Geschichten dabei geholfen haben, Sams Figur zu konzipieren – sie waren von unschätzbarem Wert für die Beschreibung ihrer Reise.

Die eine Gemeinsamkeit, die ich bei den meisten Menschen mit einer Neurodivergenz entdeckt habe, ist die enorme Anzahl an Bewältigungsmechanismen, die sie entwickelt haben, um mit den Herausforderungen des Alltags zurechtzukommen: von einer Speisekarte bestellen, Wegbeschreibungen lesen oder Formulare ausfüllen – Dinge, die viele von uns als selbstverständlich erachten. In diesen Individuen stecken wahre Genies, und ich bin so unglaublich beeindruckt von ihrer Beharrlichkeit und Stärke.

Statistisch gesehen leidet einer von zehn bis einer von fünf Menschen (ich habe beides gesehen, jedoch ohne endgültige Zahlen) an einer Variante von Legasthenie. Als die Zeit für das Einreichen meines Manuskripts gekommen war, habe ich deshalb aufgrund dieser neuen Erkenntnis darauf plädiert, Summer Reading in einer Legastheniker-freundlichen Schrift drucken zu lassen. Zu meiner großen Freude waren unsere Buchgestalter*innen überaus bereit dazu, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um nicht nur die Schrift, sondern die komplette Ausstattung des Buches so zu wählen, dass es den Roman Menschen mit Legasthenie zugänglicher macht. Aus diesem Grund werdet ihr beim Lesen dieses Buches feststellen, dass einige Dinge anders sind. Der Text ist in einer serifenlosen Schrift namens Verdana geschrieben, die Wörter, die normalerweise kursiv gesetzt werden, sind stattdessen fett gedruckt, die Wörter werden nicht durch einen Bindestrich halbiert, und sogar die Größe der Seitenränder wurde angepasst. Wir hoffen, dass dies das Lesen des Buches für unsere neurodivergenten Leser und Leserinnen einfacher und angenehmer macht.

Wir können uns glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, in der uns Geschichten in verschiedenen Formaten zugänglich gemacht werden – Bücher, Hörbücher und Filme, um nur einige zu nennen. Meine Hoffnung beim Schreiben dieses Buches war, dass Geschichten in all ihren Formaten wertgeschätzt werden, denn sie schaffen Verbindungen zwischen uns allen.

Viel Spaß beim Lesen, Hören oder Ansehen,

Jenn

Kapitel eins

Die Fähre von Woods Hole nach Martha’s Vineyard war brechend voll. Die Passagiere waren so dicht aneinandergequetscht wie zwei Schichten Wandfarbe – Schulter an Schulter, Hüfte an Hüfte. An meinem Rücken klebte eine Gruppe halbstarker Collegekids, aber das war okay, da ich einen Platz an der Reling in Bugnähe ergattert hatte und tief die salzige Meeresluft einatmen konnte, während ich jede einzelne Sekunde dieser fünfundvierzigminütigen Fahrt herunterzählte.

Das erste Mal seit zehn Jahren besuchte ich das Cottage meiner Familie, der Gales, in Oak Bluffs mal wieder für einen längeren Aufenthalt – bis jetzt hatte ich es wegen meines stressigen Jobs immer nur für kurze Wochenendtrips geschafft –, und ich empfand größtenteils Besorgnis, allerdings auch einen Hauch von Vorfreude. Da ich so sehr mit dem Gedanken beschäftigt war, dass ich den ganzen Sommer auf der Insel verbringen würde, hörte ich den Aufruhr hinter mir erst, als es schon fast zu spät war.

»Bro!«, rief eine tiefe Stimme.

Ich drehte mich um und entdeckte eine Horde raufender Halbstarker in gleichen T-Shirts. Mein neurodivergentes Gehirn brauchte einen Moment, um die griechischen Buchstaben auf besagten T-Shirts zu erkennen und sie somit als Mitglieder einer Studentenverbindung zu identifizieren.

War Horde das richtige Wort? Ganz sicher würden sie etwas Cooleres wie Gang bevorzugen, aber ganz ehrlich, mit ihren weiten Shorts, den zur Seite gedrehten Baseballkappen und ihrem spärlichen Bartwuchs sahen sie eher aus wie ein Rudel Hyänen oder ein Schwarm Papageien. Jedenfalls nahm das Gesicht des einen gerade einen ungesunden Grünton an, und auch seine Wangen füllten sich langsam. Als er dann anfing, krampfhaft zu zucken, als würde sich gerade ein Dämon aus seinem Magen hochkämpfen, flohen seine Freunde zu allen Seiten.

Entsetzt stellte ich fest, dass er sich gleich übergeben würde – und das Einzige, was zwischen ihm und der offenen See stand, war ich. Doch ich konnte nicht weg. Panisch hielt ich nach einem Fluchtweg Ausschau. Unglücklicherweise war ich zwischen einer stämmigen Frau mit Kopfhörern und einem heißen Typen mit einem Buch eingequetscht. Mir blieb nur ein Sekundenbruchteil, um zu entscheiden, wen ich eher zur Seite schieben könnte. Ich entschied mich für den lesenden Typen, allein deshalb, weil ich mir dachte, dass er mich wenigstens hören würde, wenn ich »Zur Seite!« rief.

Doch da lag ich falsch. Weder hörte er mich, noch bewegte er sich. Tatsächlich war er sogar so abwesend, dass man hätte meinen können, er befände sich auf einem ganz anderen Planeten. Als der grüngesichtige Collegeboy auf mich zusprang, stupste ich den Mann neben mir an. Immer noch keine Reaktion, also schlug ich aus schierer Verzweiflung eine Hand auf sein Buch.

Sein Kopf schnellte zu mir herum, und sein Gesichtsausdruck verriet, dass er angefressen war. Doch dann sah er hinter mich, und seine Augen wurden groß. Mit einer geschmeidigen Bewegung packte er mich und zog mich seitlich nach unten – und damit aus der Schussbahn.

Der Grüngesichtige schaffte es beinahe zur Reling. Beinahe. Ich hörte noch das heiße Platschen von Erbrochenem hinter mir und konnte nur hoffen, dass nichts davon auf meinen Schuhen landete. Zum Glück blieb mir dank der schnellen Reaktion des Buch-Typen das Schlimmste erspart. Der Student hing nun über der Reling, und als er dann so richtig anfing, sich zu übergeben, nahmen die Leute endlich Abstand – sehr viel Abstand –, und wir bewegten uns aus der Gefahrenzone.

Mein Retter ließ mich los. »Alles in Ordnung?«

Ich öffnete den Mund, um ihm zu antworten, doch da traf mich der Geruch. Dieser unverwechselbare Geruch von unverdauter Nahrung und Galle, bei dem sich einem der Magen umdrehte und der eigene Würgereiz sich meldete. Speichel flutete meine Mundhöhle, und mein Hals fing an zu krampfen. Es war ein Notfall der allerhöchsten Stufe, da ich eine schreckliche Sympathie-Kotzerin war. Wenn du kotzt, kotze ich, und wir alle kotzen. Wirklich, wenn sich jemand in meiner Nähe übergab, verwandelte sich mein Magen in einen Geysir. Mit wedelnden Armen entfernte ich mich von dem Mann und schlug ihm dabei versehentlich das Buch aus der Hand, das im hohen Bogen Richtung Ozean flog.

Mit einem Schrei griff er danach, bekam es jedoch nicht zu fassen. Dann hing er mit einem Gesichtsausdruck über der Reling, als wäre hinterherzuspringen durchaus eine ernst zu nehmende Option.

Ich fühlte mich schrecklich und hätte mich auch entschuldigt, wenn ich nicht zu sehr damit beschäftigt gewesen wäre, mein Frühstück am Ausbrechen zu hindern, indem ich mir die Faust vor den Mund hielt. Plötzlich erschien mir das Sandwich mit Ei und Bacon als die schlechteste Entscheidung überhaupt, und ich musste mich wahnsinnig konzentrieren, um mich nicht zu übergeben. Mein Bemühen, durch die Nase zu atmen, wurde durch die Würgegeräusche, die der Student von sich gab, nicht gerade unterstützt.

»Na komm.« Der Buch-Typ nahm meinen Arm und zog mich beiseite. Ich drehte mich von ihm weg, nur für den Fall, dass ich es nicht mehr unterdrücken konnte. Ich spürte schon, wie mein Magen sich verkrampfte und …

»Autsch! Du hast mich gekniffen!«, schrie ich auf.

Mein Held – auch wenn das nun in Anbetracht der Tatsache, dass er mir soeben körperlichen Schaden zugefügt hatte, ein wenig übertrieben klang – hatte mich so fest in die Armbeuge gezwickt, dass ich erst mal erschrocken über die Stelle rieb.

»Musst du dich immer noch übergeben?«, fragte er.

Einen Moment lang schätzte ich die Lage ab. Der Würgereiz war weg.

Blinzelnd betrachtete ich ihn. Er war größer als ich, schlank, hatte breite Schultern und dunkelbraunes, welliges Haar, das ihm bis zum Kragen reichte. Außerdem hatte er ein attraktives Gesicht mit geschwungenen Augenbrauen, definierten Wangenknochen und einem markanten Kiefer, der von ein paar Bartstoppeln bedeckt war. Seine Augen schimmerten blaugrau, wie das Meer um uns herum. In seinem marineblauen Sweatshirt, den kakifarbenen Shorts und den schwarzen Schnürstiefeln wirkte er wie ein Einheimischer.

Erwartungsvoll sah er mich an, und erst da fiel mir auf, dass er eine Frage gestellt hatte und noch auf eine Antwort wartete. Nun fühlte ich mich wie eine Idiotin, weil ich ihn so unverhohlen angestarrt hatte. Hastig überspielte ich das Ganze, indem ich vorgab, immer noch gegen den Würgereiz anzukämpfen. Ich bedeutete ihm zu warten, bevor ich langsam nickte.

»Nein. Alles gut, glaube ich«, sagte ich. »Danke.«

»Gern geschehen«, entgegnete er. Dann lächelte er mich an – geradezu umwerfend –, wodurch ich den Schrecken der letzten Minuten direkt vergaß. »Du hast mein Buch ins Meer geworfen.«

»Tut mir so leid«, sagte ich. Nervosität und die Erleichterung darüber, dass ich mein Frühstück nicht ausgespuckt hatte, brachten mich dazu, die Situation herunterzuspielen. Kein guter Schachzug. »Wenigstens war es nur ein Buch und nichts Wichtiges, aber ich kaufe dir natürlich ein neues.«

»Nicht nötig.« Stirnrunzelnd sah er zuerst mich an und dann hinaus aufs Meer, wo das Taschenbuch nun den Ozean verschmutzte. Noch eine Sache mehr, wegen der ich mich schlecht fühlen konnte. Dann wandte er das Gesicht wieder mir zu und sagte: »Du liest wohl nicht gerne.«

Und da war er, der herablassende Tonfall, den ich schon mein ganzes Leben lang hörte, sobald jemand erfuhr, dass ich keine geborene Leseratte war. Warum waren Bücherfreunde nur immer so perplex über die Existenz von Nicht-Bücherfreunden? Es war ja schließlich nicht so, als hätte ich um die Legasthenie gebeten. Und wenn ich das Gefühl hatte, mich wegen meiner Neurodivergenz verteidigen zu müssen, sagte ich natürlich stets das Unfreundlichste, was mir gerade einfiel.

»Bücher sind langweilig.«

Ja, genau das habe ich, Samantha Gale, wirklich gesagt. Natürlich war mir klar, dass die Aussage für diesen Typen an Ketzerei grenzen würde – und ich behielt recht.

Ihm blieb der Mund offen stehen, seine Augen wurden groß, und er blinzelte.

»Halt dich bloß nicht zurück. Lass alles raus«, forderte er mich auf.

»Warum sollte ich ein Buch lesen, wenn ich stattdessen auch den Film dazu sehen kann, bei dem ich auch noch beide Hände frei habe, um Popcorn zu essen?«, fragte ich.

»Weil das Buch immer besser ist als der Film.«

Vehement schüttelte ich den Kopf. »Da muss ich widersprechen. Das Buch zu Der weiße Hai kann unmöglich besser sein als der Film.«

»Ah!«, japste er. Es hätte nur noch gefehlt, dass er sich dramatisch an den Hals griff.

Gerade als er zu diskutieren anfangen wollte, kam ich ihm mit dem Duuun-dun Duuun-dun Duuun-dun Dun-dun Dun-dun der Titelmusik dieses Kultfilms zuvor.

Lachend hob der Buch-Typ die Hände und erklärte damit seine Niederlage. Dann blickte er wieder aufs Wasser hinaus.

»Hast du diesen Film gewählt, weil wir den Ort ansteuern, an dem er gedreht wurde?«

Ich zuckte nur mit den Schultern. »Vielleicht. Es war aber auch der erste Film, der mir eingefallen ist.«

»Ob Haie wohl Leseratten sind?«, fragte er nachdenklich und sah wieder aufs Wasser hinunter. Sein Buch hatte mittlerweile so viel Salzwasser aufgesogen, dass es langsam unter die Oberfläche sank und für immer auf den Grund des Meeres verschwand.

Ich blickte ihm ins Gesicht. Er sah aus, als würde er schlimme körperliche Schmerzen leiden.

»Alles okay?«, fragte ich.

»Nicht wirklich«, entgegnete er und rieb sich die Brust, als würde ihm das Herz wehtun. »Es ist gerade spannend geworden.«

Ich musste mir ein Augenrollen verkneifen. Es war nur ein Buch!

Für einen Moment dachte ich ernsthaft darüber nach, den Typen einfach seiner Trauer zu überlassen, doch das erschien mir dann doch unhöflich: Schließlich hatte er mich vor einer Fontäne aus Erbrochenem bewahrt. Außerdem war er wirklich süß. Und immerhin hatte ich seinen Verlust zu verantworten.

»Tut mir wirklich leid«, entschuldigte ich mich erneut. »War es ein seltenes Buch oder besonders wertvoll?«

Hoffentlich nicht. Da ich mich gerade zwischen zwei Jobs als Köchin befand, schwamm ich nicht gerade im Geld.

»Nein, es war der neueste Joe-Pickett-Krimi von C. J. Box.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber ohne Buch stecke ich bei einem Cliffhanger fest.«

»Oh, das ist echt ärgerlich.« Ich persönlich hasste ja Cliffhanger bei Serien – Gib ihr doch endlich die Rose! –, also musste ich davon ausgehen, dass es bei einem Buch nicht viel besser war. Ich sah auf das unstete Wasser hinaus, als könnte ich das Buch nur mit meinem Blick wieder zum Vorschein bringen und in tadellosem Zustand aus dem Ozean zurück aufs Boot schweben lassen. Nur weil ich nicht las, hieß das nicht, dass ich keine Fantasie hatte.

»Alles gut«, sagte er. »Wirklich.«

Eins hatte ich in meinen achtundzwanzig Runden um die Sonne gelernt: Wenn jemand sagte, dass alles gut war, dann war nicht alles gut.

Ich hob den Blick und stellte fest, dass wir uns dem Pier näherten.

»Hör mal, ich kaufe dir wirklich gerne ein neues Buch«, sagte ich und griff nach meiner Umhängetasche. Dabei fragte ich mich, wie viel Bargeld ich wohl dabeihatte. Und bei dem Gedanken daran, wie pleite ich war, wurde mir beinahe wieder übel.

Doch er legte eine Hand auf meine, um mich zu stoppen. Seine Haut war trotz der kühlen Meeresbrise angenehm warm. Er drückte meine Hand einmal kurz, bevor er sie losließ.

»Es ist wirklich okay«, versicherte er. »Unfälle passieren.«

Jetzt waren wir schon zu okay aufgestiegen. Also schön. Okay hieß für gewöhnlich genau das.

Erleichtert lächelte ich ihn an. Sein Blick traf meinen, und für einen Moment vergaß ich alles andere – meine Sorge darüber, dass ich nach so langer Zeit wieder nach Oak Bluffs zurückkehrte, meine Verantwortung während meines Aufenthalts dort und meinen niedrigen Kontostand genauso wie die ungewisse Zukunft meiner Karriere als Köchin. Und plötzlich war es mir unheimlich wichtig, dass dieser Typ nicht schlecht von mir dachte. Warum? Keine Ahnung, es war einfach so.

»Weißt du, es ist nicht so, dass ich nicht gerne lese. Mein Job lässt mir nur einfach keine Zeit dafür«, erklärte ich. »In meinem Job hat man nicht viel Freizeit, um es sich mit einem Buch bequem zu machen.«

Der Wind peitschte mir mein langes schwarzes Haar ins Gesicht, als wollte er mich fürs Schwindeln tadeln. Ach egal. Mit einem Finger strich ich mir eine Haarsträhne vom Mund weg.

Der Buch-Typ hatte einen Ellenbogen auf der Reling abgestützt. Jetzt hatte ich seine volle Aufmerksamkeit.

»Und was liest du, wenn du mal Zeit dafür hast?«

Oh-oh. Den natürlichen Verlauf der Unterhaltung hatte ich nicht bedacht. Mist. Ich zermarterte mir das Hirn nach dem Titel eines Buches – irgendeines Buches.

»Stephen King«, sagte ich. Man wächst nicht in New England auf, ohne den King zu kennen. »Großer Fan. Riesengroß.« Das war nicht mal gelogen, immerhin hatte ich alle Filme mehrmals gesehen.

»Du magst also gruseliges Zeug?«, fragte er. »Wie Stephen Graham Jones, Riley Sager und Simone St. James?«

Die Sonne brannte mir auf den Kopf. Warum war es denn plötzlich nur so heiß? Und wen wollte ich hier eigentlich auf den Arm nehmen? Dieser Typ war ein Bücherwurm und ich eine Bücherbanausin. Warum versuchte ich überhaupt, eine Unterhaltung mit ihm zu führen?

»Jep. Genau die. Gruselzeug ist voll mein Ding«, bestätigte ich. Und bevor er mir noch mehr Fragen stellen konnte, drehte ich den Spieß schnell um. »Was ist mit dir? Welche Autoren liest du so?«

»Oh, du weißt schon, Kafka, Joyce, Proust …«, antwortete er mit einem nachdenklichen Blick.

Selbst ich, die Nicht-Leserin, wusste, dass das die ganz Großen der Literaturwelt waren. Meine Stimme klang unnatürlich hoch, als ich fragte: »Zum Spaß?«

Sein Blick aus blaugrauen Augen begegnete meinem, und ich erkannte einen Funken Verspieltheit darin.

Erleichtert lachte ich und boxte ihm gegen den Arm. »Lustig, sehr lustig.«

Das Lächeln, das er mir daraufhin schenkte, war wie ein Sonnenstrahl am Ende eines langen Winters.

»Was hat mich verraten?«, wollte er wissen.

»Joyce ist nicht gerade für seine Cliffhanger bekannt«, antwortete ich. Seit meiner Vier minus im Englisch-Grundkurs hatte ich nichts mehr von dem Zeug gelesen, doch selbst ich wusste noch, dass es bei James Joyce keine grusligen Maisfelder gab. Schade eigentlich.

Gespielt verärgert schnippte er mit den Fingern. »Ich hätte doch Shakespeare nehmen sollen.«

Ein sanfter Stoß kündigte unsere Ankunft am Pier an, und als die Fähre unter unseren Füßen schwankte, griff der Typ mich am Arm, um mir Halt zu geben. Ein seltsames Gefühl durchzuckte mich, und ich wollte gerade nach seinem Namen fragen, als ein Ausruf meine Aufmerksamkeit zurück in Richtung des Grüngesichtigen lenkte.

»Hey, Miss!« Ich drehte mich um und sah einen der Studenten mit meiner Reisetasche in der Hand dastehen. »Gehört die Ihnen?«

O ja! Die hatte ich vollkommen vergessen. Nachdem ich ein paar Schritte gegangen war, fiel mir mein neuer Freund wieder ein. Also wandte ich mich zu ihm um, doch es hatten sich bereits einige Menschen zwischen uns gedrängt.

Ich rief dem Buch-Typen zu: »Sorry, ich muss …«

Eine große Familie schob sich zwischen uns und schnitt mir jedes Wort ab, während alle zum Ausgang eilten und dabei den kontaminierten Bereich mieden. Ich wurde genau in die Arme des Studenten mit meiner Tasche getrieben, und als ich zurücksah, konnte ich nur noch den Kopf meines neuen Freundes erkennen. Er hob die Hand und winkte mir über die Menge hinweg zu. Ich winkte zurück, war mit dieser Art von Abschied jedoch alles andere als zufrieden. Nicht einmal seinen Namen kannte ich, und trotzdem hoffte ich, dass ich ihm noch einmal begegnen würde.

Martha’s Vineyard war weniger als dreihundert Quadratkilometer groß. Da würde ich ihm doch irgendwann über den Weg laufen. Oder?

Kapitel zwei

»Sam, da bist du ja!« Tony Gale, mein Dad, stand am Pier und winkte mir zu. Zumindest glaubte ich, dass es sich bei dem Mann um meinen Dad handelte, denn er hatte Gesichtsbehaarung – ein Ziegenbärtchen, um genau zu sein (Hallo, Neunziger!) – und trug eine Skinny Jeans. Skinny Jeans! Ich versuchte ihn nicht anzustarren. Und versagte kläglich.

Ich erwiderte sein Winken und ging um die aussteigenden Passagiere herum auf ihn zu. Noch bevor ich Hi sagen konnte, küsste Dad mich auf beide Wangen – ein Brauch, der durch seine portugiesische Erziehung genauso in Fleisch und Blut übergegangen war wie seine Liebe zu Linguiça-Wurst – und umarmte mich so fest, als müsste er sich vergewissern, dass ich tatsächlich echt war. Der schwache Duft seines Old-Spice-Aftershaves umgab mich – glücklicherweise hatte sich das nicht geändert –, und ich fühlte mich sofort, als wäre ich wieder ein Kind.

»Na komm, lass uns von hier verschwinden«, sagte er. Dann schnappte er sich meinen Koffer, den ich vom Gepäckbereich auf der Fähre geholt hatte, während ich mir meine Reisetasche über die Schulter warf und ihm zum Auto folgte. »Wie war die Überfahrt?«

Ich bedachte meinen Dad, der sich irgendwie in einen Hipster für Arme verwandelt hatte, mit einem Seitenblick und dachte an den heißen Buch-Typen von eben. Schnell scannte ich die Umgebung nach ihm ab. Leider vergeblich.

»Kurz«, entgegnete ich, da ich gerne mehr Zeit mit meinem Bücher-Kumpel verbracht hätte.

»Gut, das ist gut«, sagte Dad, allerdings wirkte er abgelenkt. Er hielt neben einem winzigen Zweitürer-Cabrio, auf dem mehr Rost als Farbe war.

»Was ist das?«, fragte ich.

»Mein Auto-Projekt«, antwortete er. »Gefällt’s dir?«

Dann öffnete er den Kofferraum und stopfte mein Gepäck hinein.

»Auto-Projekt?«, fragte ich, während ich das Wrack vor mir beäugte.

»Ja, für die Wochenenden. So einen Wagen hatte ich als Teenager, lange bevor du geboren wurdest. Ist ein Oldtimer.«

»Ist das ein Euphemismus für Rostlaube?«

»Nein.« Er sah etwas beleidigt aus, und ich fühlte mich schlecht. Aber mal im Ernst, dieses Ding sah aus, als würde es von Klebeband und Zahnseide zusammengehalten. »Warte nur auf das Fahrgefühl, dann verstehst du es. Spring rein.«

Also setzte ich mich auf den Beifahrersitz. Ich war erleichtert, dass ich mit Dad allein war. Vor allem, weil niemand sonst ins Auto gepasst hätte, aber auch, weil ich mir genau das von diesem Sommer erhofft hatte: ein wenig Zeit mit meinem Dad. Immerhin wurden wir beide nicht jünger.

Außerdem würde ich wegen meines momentan dürftigen Finanzstatus unerwarteterweise Geld von der Gale-Bank abheben müssen, und mit meinen achtundzwanzig Jahren fühlte ich mich dabei wie ein absoluter Loser.

»Steph und Tyler wären auch gerne gekommen, aber …« Er verstummte.

»Wo hätten sie sitzen sollen?«, fragte ich.

Dad lächelte.

»Ist okay«, sagte ich. »Nach eurem Trip haben wir noch den Rest des Sommers für uns.«

»Freut mich, dass du das so siehst.« Er nickte. »Wir werden etwas über einen Monat weg sein, und ich hoffe sehr, dass du die Zeit nutzt, um deinen kleinen Bruder ein wenig besser kennenzulernen.«

Tyler Gale, mein Halbbruder, war gerade mal halb so alt wie ich. Er war in mein Leben getreten, als ich vierzehn gewesen war, unmittelbar nach der Scheidung meiner Eltern. Wie man sich also vorstellen kann, hatte seine Ankunft für eine Menge Drama gesorgt. Obwohl ich Tyler mehrmals im Jahr sah, meistens zu Feiertagen, würde ich nicht behaupten, dass wir uns nahestanden. Tatsächlich würde ich uns eher als entfernte Verwandte bezeichnen, die nichts gemeinsam hatten, sich aber zum Wohl der Familie gegenseitig tolerierten.

Dad sah mich ermutigend an, also zwang ich mich zu einem Lächeln und nickte. »Natürlich.«

»Toll, das ist toll«, sagte er.

Jetzt war aus dem geistesabwesenden »Gut, das ist gut« ein »Toll, das ist toll« geworden. Hm. Irgendetwas stimmte mit dem alten Herrn doch nicht, das verrieten schon die Skinny Jeans, der Sportwagen und das Ziegenbärtchen. Egoistischerweise hoffte ich, dass diese Veränderung keinen negativen Einfluss auf meinen Sommer am Strand haben würde.

Wie dumm von mir. Wenn ich gewusst hätte, wie sich mein Sommer in den kommenden Wochen entwickeln würde, wäre ich vermutlich aus dem Auto gesprungen, um zur Fähre und somit aufs sichere Festland zurückzukehren.

Wegen der vielen Autos, die von der Fähre kamen, knubbelte sich der Verkehr. Wir schlängelten uns durch auf die Beach Road, um aus Vineyard Haven nach Oak Bluffs zu kommen. Glücklicherweise blieben die Orientierungspunkte, die ich immer dazu genutzt hatte, um mich auf der Insel zurechtzufinden, unverändert. Oak Bluffs, das malerische Inseldorf mit seinen farbenfrohen »Gingerbread Cottages« – den sogenannten »Lebkuchenhäusern« – und dem vielen Grün, war mir immer am liebsten gewesen.

Das Haus der Gales, das schon seit Generationen im Familienbesitz war – was auch der einzige Grund war, warum wir es uns leisten konnten –, lag an einer kleinen Seitenstraße am Stadtrand von Oak Bluffs. Ein klassisches Haus mit Holzschindeln, zwei Schlafzimmern und einem Bad. Es würde also eng werden. Wenn Dad und Stephanie von ihrer Reise zurückkämen, würde ich wohl auf die Couch verbannt werden, aber das war in Ordnung, da ich ohnehin vorhatte, die meiste Zeit am Strand zu verbringen.

Während wir durch die vertrauten Straßen fuhren, fiel mir auf, dass die Insel und die Stadt noch exakt genauso aussahen wie früher. Es fühlte sich so vertraut an, als wäre keinerlei Zeit vergangen und nichts hätte sich seit meinem letzten Besuch verändert. Seltsam.

Außerdem war es nicht besonders beruhigend, da mein letzter kompletter Sommer hier voller Drama gewesen war. Dad hatte darauf bestanden, dass ich aufs College ging, während ich nach Boston ziehen wollte, um in der Küche eines Restaurants zu arbeiten und mein Handwerk in der Praxis zu erlernen. Der darauffolgende Streit hatte das Haus wie ein Sturm in »Gale-Stärke«, wie meine Mutter zu sagen pflegte, erschüttert.

Ich schüttelte die Erinnerung ab. Ich war kein Kind mehr. Wir hatten uns damals auf ein Jahr College und einen anschließenden Wechsel auf die Kochschule einigen können. In den letzten zehn Jahren hatte es kein Drama dieser Art mehr gegeben, also gab es auch keinen Grund anzunehmen, dass dieser Sommer eine Wiederholung jenes Sommers werden würde, auch wenn ich momentan keine Aussicht auf einen neuen Job hatte. Wirklich gar keine.

Dad parkte in der winzigen Einfahrt neben dem Cottage. Während die Insel sich nicht groß verändert hatte, hatte das Cottage definitiv ein Facelift bekommen. Auf die ehemals dunkelgrüne Verkleidung war frische weiße Farbe aufgetragen worden, und die Veranda war mit strahlend weißen Korbmöbeln und großen flauschigen marineblauen Kissen ausgestattet, die aussahen, als wären sie erst kürzlich gekauft worden. Falls ich mich recht erinnerte, hatte noch nie etwas in unserem Haus zusammengepasst. Wenn dies ein Hinweis war, war ich schon auf die Inneneinrichtung gespannt.

Dad stieg aus dem Wagen und ging zum Kofferraum. Ich folgte ihm, um mit meinem Gepäck zu helfen.

»Das Haus sieht gut aus, oder?«

»Wirklich großartig«, stimmte ich ihm zu.

»Du wirst einen ganz wunderbaren Sommer haben, Sam«, prophezeite er. Und als hätte ich widersprochen, fügte er noch hinzu: »Du wirst schon sehen.«

Wir rollten meinen Koffer den Betonweg hoch, bevor wir ihn die Verandastufen hinaufhievten. Die weiße Eingangstür, ebenfalls neu, wurde weit geöffnet, und da stand auch schon Dads zweite Frau, meine Stiefmutter Stephanie. Wie ich zu ihr stand? Ganz ehrlich, ich mochte sie. Sehr sogar.

Stephanie Gale war klug, hübsch, ausgeglichen, und sie hielt es mit meinem Dad aus, der ganz schön anstrengend sein konnte, also gab es nichts, was nicht liebenswert an ihr war. Sie war immer herzlich und gastfreundlich, und sie respektierte meine Grenzen, somit war sie definitiv keine Stiefmutter à la Disney.

Aber – es gibt immer ein Aber – sie und Dad hatten sich während der Trennung meiner Eltern kennengelernt, und meinem Teenager-Ich war es schwergefallen, sie nicht meine volle Wut spüren zu lassen. Ich hatte einige schreckliche Dinge zu ihr gesagt. Und als ich dann gemerkt hatte, dass ich sie mochte, musste ich natürlich mit dem schlechten Gewissen zurechtkommen, weil ich das Gefühl hatte, meiner Mom gegenüber illoyal zu sein. Das war zwar lächerlich, aber hey, Teenager. Noch immer fühlte ich mich schrecklich wegen unseres schwierigen Starts, also überkompensierte ich das, wie jedes Mal, mit einer überschwänglichen Begrüßung.

»Stephanie! Hi!« Ich ließ meine Tasche fallen und umarmte sie so fest, dass es ihr beinah den Atem verschlug. Dann ließ ich sie los und trat zurück. »Wie geht’s dir? Du siehst fantastisch aus. Ich könnte schwören, du alterst einfach nicht.«

Sie schüttelte ihren blonden Bob und sah mich mit demselben liebevoll-toleranten Blick an, den sie auch Dad schon eine Million Mal geschenkt hatte. Wenn sie lächelte, funkelten ihre blauen Augen, was ich immer schon an ihr bewundert hatte. Sie geizte nicht mit ihrer Zuneigung – selbst mir, ihrer problematischen Stieftochter, gegenüber nicht.

Ich beugte mich näher zu ihr vor.

»Was sollen das Bärtchen und die Skinny Jeans?«, flüsterte ich.

»Sie sind dir also aufgefallen.« Sie lachte.

»Schwer zu übersehen. Geht’s ihm gut?«

Sie grinste. »Ja, aber möglicherweise trauert er gerade seiner Jugend ein wenig nach.«

»Das erklärt die Schrottkarre.«

Sie zuckte zusammen. »Darüber sprechen wir nicht.«

Heikles Thema. Ich nickte. »Verstanden.«

»Ich freue mich so, dass du hier bist, Sam.« Noch einmal umarmte sie mich schnell von der Seite. »Es ist schon viel zu lange her, dass du uns besucht hast.«

»Ja, das ist es«, pflichtete ich ihr bei. »Als Köchin ist der Sommer immer so hektisch.«

»Nun, dann ist es gut, dass du dir etwas freigenommen hast. Und dieser Sommer sollte entspannt für dich werden, da du nur …« Das Fenster über der Veranda wurde zugeschlagen, und Stephanie runzelte die Stirn. »Entschuldige mich kurz.«

Sie verschwand im Haus, während Dad und ich einen Blick wechselten.

»Ihr habt Tyler aber erzählt, dass ich komme, oder?«, fragte ich.

»Natürlich«, antwortete er. »Er war außer sich vor Freude.«

Mit ungläubig hochgezogenen Augenbrauen starrte ich ihn an. Wie schon erwähnt, mein Halbbruder und ich standen uns nicht sonderlich nahe. Nicht dass wir ein Problem miteinander gehabt hätten; wir hatten ja nie genug Zeit miteinander verbracht, um das herauszufinden.

»Außer sich?«, fragte ich. »Wirklich?«

»Na ja, so außer sich, wie ein Vierzehnjähriger eben sein kann«, entgegnete er.

Das deutete ich so, dass Tyler sich nicht besonders darüber freute, dass ich da war und als seine Babysitterin fungieren würde, während Dad und Stephanie fort waren.

Dad nahm meinen Koffer und bedeutete mir, dass ich vorausgehen sollte. Also überquerte ich die Türschwelle und kam stolpernd zum Stehen. Die Holzvertäfelung war Geschichte, und darunter waren cremeweiße Wände zum Vorschein gekommen. Blassgraue Möbel, die alle zusammenpassten, füllten das Wohnzimmer, und der alte Kamin aus rotem Backstein war in verschiedenen Grautönen gestrichen worden – von einem zarten Taubengrau bis zu einem satten Anthrazit. Passé war der kitschige Zierkram, den die Familie seit Generationen angesammelt hatte. Stattdessen entdeckte ich auf den minimalistischen Regalen eine geschmackvolle Glasvase und einen kleinen Stapel Bücher hier und da. Es sah unglaublich aus, aber überhaupt nicht mehr wie das Sommer-Zuhause, das ich einmal gekannt hatte.

Die halbe Wand, die früher Küche und Wohnzimmer voneinander getrennt hatte, war entfernt worden, wodurch ein offener Bereich entstanden war, der nahtlos in die lichtdurchflutete Küche mit neuen Schränken – ebenfalls weiß –, einer Quarz-Arbeitsplatte und Edelstahlgeräten führte.

»Wow!«, sagte ich. Das war das einzige Wort, das mir dazu einfiel. »Keine grünen Küchengeräte und blauen Schränke mehr.«

»Wir haben uns über ein Jahr lang von Zimmer zu Zimmer gearbeitet«, erklärte mein Dad, während er meinen Koffer und die Tasche vor der Treppe abstellte.

Von oben waren Stimmen zu hören, allerdings nicht laut. Stephanie schrie grundsätzlich nicht. Ehrlich gesagt hatte ich in all den Jahren nicht ein einziges Mal erlebt, dass sie die Stimme erhob. Trotzdem drang eine Anspannung von oben herunter, die mich glauben ließ, dass nicht alle mit dem Arrangement für den Sommer zufrieden waren.

»Ich glaube, ich brauche einen detaillierteren Bericht darüber, wie genau Tyler darauf reagiert hat, dass ich seine Babysitterin sein werde.«

Dad verschränkte die Arme vor der Brust, dann löste er sie wieder und schob die Hände in die Hosentaschen. Das war eine Leistung, wenn man bedachte, wie eng besagte Skinny Jeans war.

»Wir haben das Wort ›Babysitterin‹ nicht benutzt«, sagte er. »Der Begriff ›Aufsichtsperson‹ erschien uns für sein Alter angebrachter.«

»Uh-huh«, machte ich.

Dad bedeutete mir, Platz zu nehmen, also ließ ich mich auf einen der neuen Sessel sinken. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Als Dad mich gefragt hatte, ob ich mir Urlaub nehmen könnte, um auf Tyler aufzupassen, hatte er ja nicht ahnen können, dass er mir damit eine dringend benötigte Rettungsleine zuwarf.

Denn in Wahrheit war ich arbeitslos. Ich hatte mich gerade zwischen zwei Gelegenheitsjobs befunden und war kurz davor gewesen, all mein Hab und Gut online zu verkaufen, als Dad mich angerufen und gefragt hatte, ob ich Tyler babysit… ähm … beaufsichtigen könnte, während er und Stephanie sich den Lebenstraum einer Europareise erfüllten. Natürlich hatte ich zugesagt. Das Timing war perfekt gewesen.

Ich hatte meinen Eltern nicht erzählt, dass ich joblos war. Allerdings nicht, weil sie mich nicht unterstützt hätten, sondern weil ich mich schämte. Wenn man sich in einer Abwärtsspirale befand, war es schwierig, nach oben zu schauen. Und mit achtundzwanzig arbeitslos zu sein, fühlte sich an, als würde ich ein paar Extrarunden drehen, anstatt dort zu landen, wo ich in diesem Alter hatte sein wollen.

»Denkst du nicht auch, Sam?«

Ich schüttelte den Kopf, da mir auffiel, dass Dad weitergesprochen hatte.

»Ähm, sorry, wie war das?«

»Ich habe gesagt, dass dein Bruder eure Vovó nie so gut kennenlernen konnte wie du. Und jetzt ist vielleicht der passende Zeitpunkt, um ihm ein bisschen was über sie zu erzählen.«

Vovó war Dads Mom gewesen, Maria Gale, meine Großmutter und ganz klar die Person in meinem Leben, die mich am meisten beeinflusst hatte. Sie hatte mir das Kochen beigebracht, mich dazu ermutigt, ich selbst zu sein, und mich einfach so geliebt, wie ich war, ohne Erwartungen oder Bedingungen. Die reine Liebe einer portugiesischen Großmutter.

Ein stechender Schmerz fuhr mir mitten ins Herz. Obwohl sie bereits sieben Jahre fort war, raubte es mir manchmal noch den Atem.

»Ich weiß.« Dad tätschelte mir das Knie, und als ich aufsah, erkannte ich denselben Schmerz in seinen Augen. »Ich vermisse sie auch.«

Schweigend saßen wir einige Minuten in dem Haus, das Vovó gehört hatte. Früh verwitwet, hatte sie ihre drei Kinder – meinen Dad und seine beiden jüngeren Schwestern Tia Luisa und Tia Elina – allein großgezogen. Beide hatten geheiratet und die Insel verlassen. Sie kamen zu Besuch, wenn sie konnten, doch sie hatten genug zu tun mit ihrem Leben, den eigenen Familien und ihren Karrieren, und ich wusste, wie sehr mein Dad es bedauerte, dass er seine Schwestern nicht öfter sah.

Dennoch standen sich die drei sehr nahe, und sie telefonierten häufig. Ich wusste über jeden einzelnen Unsinn Bescheid, den meine Cousins und Cousinen verzapften, und genauso wussten sie alles über mich. Das war ein weiterer Grund, warum ich niemandem von meiner Arbeitslosigkeit erzählen wollte. Innerhalb weniger Minuten würde es die ganze Familie Gale wissen, und dafür war ich einfach nicht bereit.

Ob die geschwisterliche Verbindung, die mein Dad mit seinen Schwestern hatte, wohl der Grund war, warum er wollte, dass Tyler und ich uns annäherten? Vielleicht hatte er das Gefühl, wir müssten uns genauso nahestehen, wie er und seine Schwestern es in ihrer Kindheit getan hatten. Ich widerstand dem Drang, ihm mitzuteilen, dass ich achtundzwanzig und jegliche Gelegenheit dafür, dass Tyler und ich eine Bindung aufbauten, vermutlich schon längst verstrichen war.

»Tony, ich bin mir nicht sicher, ob diese Reise so eine gute Idee ist«, sagte Stephanie, als sie die Treppe herunterkam und sich zu uns gesellte, wo sie sich neben Dad aufs Sofa setzte. »Ich kann nicht gehen, wenn Ty mich braucht.«

Dad hatte schon angefangen, die Augen zu verdrehen, als er sich eines Besseren besann – kluger Mann – und sie stattdessen schloss.

»Er braucht dich nicht«, versicherte er.

»Aber …« Sie sah beleidigt aus, weshalb er sofort mit einer Erklärung ansetzte.

»Ty ist vierzehn. Er hat sich für diesen Robotik-Wettbewerb angemeldet, um das Stipendium für die Severin Science Academy zu gewinnen. Das ist sein Traum, und er arbeitet hart dafür. Aber er muss ihn gewinnen, nicht du.«

»Ich weiß, aber ich möchte da sein, um ihn zu unterstützen«, sagte Stephanie. »Ich bin Lehrerin. Ich könnte ihm helfen.«

»Du bist Geschichtslehrerin. Hierbei geht es um ein Robotik-Camp. Du bist eine wunderbare Mom, und es ehrt dich, dass du ihm helfen willst, aber jetzt sind wir mal an der Reihe. Wir freuen uns schon seit Jahren auf diese Reise. Du warst noch nie in Europa, obwohl du immer dorthin wolltest. Wenn man es aus rein finanzieller Sicht betrachtet, werden wir alt und arm sein, bis wir Tys College-Gebühren abbezahlt haben. Denn wenn er auf diese Elite-Highschool geht, wird er sehr wahrscheinlich auch auf eine renommierte Universität gehen, und die wird teuer.«

»So alt wären wir noch nicht«, protestierte sie.

»Nun, aber so jung wie jetzt werden wir auch nicht mehr sein«, entgegnete er.

Da ich mich unwohl dabei fühlte, Zeugin ihres Gesprächs zu sein, ohne mich irgendwie entschuldigen zu können, drückte ich mich in den Sessel und versuchte, im Polster zu verschwinden.

Stephanie sah sich im Wohnzimmer um, als überlegte sie, ob sie es verlassen könnte. Als sie sprach, war ihre Stimme leise.

»Was, wenn was Schreckliches passiert? Wir werden Stunden entfernt sein. Es wäre wie in Kevin – Allein zu Haus, nur dass es nicht Kevin wäre, der Weihnachten alleine in der Vorstadt verbringt, sondern Tyler, der verängstigt und alleine auf der Insel wäre, während wir durch antike griechische Ruinen spazieren.«

»Steph, Sam ist doch hier«, sagte Dad. »Sie kommt mit allem klar.«

Ich bewegte mich nicht. Hoffentlich hatten sie einfach vergessen, dass ich anwesend war. Als mein Dad mich gebeten hatte, auf Tyler aufzupassen, war mir das ganz simpel erschienen. Aber nun sah ich Stephanies sehr reale Angst davor, dass etwas Schlimmes passieren könnte, und plötzlich fühlte ich mich doch nicht mehr so bereit. Doch welche Wahl hatte ich?

»Aber ist es fair, dass wir das von ihr verlangen?«, fragte Stephanie.

Jetzt wandten sie ihre Gesichter mir zu. Das war er. Das war mein Moment. Da Lesen nie so mein Fall gewesen war, hatte ich andere Fähigkeiten entwickeln müssen. Zum Beispiel konnte ich mir durch Reden Gelegenheiten eröffnen, die mir sonst verwehrt geblieben wären, weil ich Lernschwierigkeiten hatte.

»Ihr verlangt es nicht, ich biete es an«, sagte ich. »Ich bin achtundzwanzig und lebe seit zehn Jahren allein. Egal, was passiert – verstopfte Toilette, Stromausfall oder ein platter Reifen –, ich komme damit klar. Vertraut mir, ich passe gut auf ihn auf.«

Dad und Stephanie wechselten einen Blick. Sie wirkten nicht überzeugt, und ich fragte mich, ob sie meine Fähigkeiten als Babysitterin anzweifelten. Da war ich wirklich etwas beleidigt. Obwohl es also nicht gerade meine Traumvorstellung war, ein ängstliches jugendliches Superhirn den Sommer über zu beaufsichtigen, fühlte ich mich nun dazu verpflichtet, mich zu beweisen.

»Wir wollen nur nicht deine Freundlichkeit ausnutzen, Sam …«, setzte Stephanie an, aber ich unterbrach sie. Sehr unhöflich, schon klar.

»Dabei geht es nicht um Freundlichkeit, glaub mir«, sagte ich. »Ich biete meine Dienste als Aufpasserin nur an, weil ihr bloß zwei Schlafzimmer habt. Wenn ihr nicht fliegt, muss ich den ganzen Sommer über auf der Couch schlafen, also husch, husch. Geht. Los. Adios. Habt Spaß und bringt mir was Cooles mit.«

Die beiden starrten einander nur an, eindeutig sprachlos.

Während ich über meine Großherzigkeit nachdachte, musterte ich sie.

Mein Dad war ein gut aussehender Typ. Mit etwa ein Meter achtzig war er etwas größer als der Durchschnitt, und durch sein dichtes pechschwarzes Haar zogen sich erst vereinzelte Silberfäden. Er hatte dunkelbraune Augen, an denen sich Falten bildeten, wenn er lachte, und das tat er oft. Er war stark gebräunt, weil er viel Zeit mit Stephanie auf dem Tennisplatz verbrachte, und sein Körper war kräftig und schlank von den Stunden, die er am Strand entlangjoggte.

Er wirkte stets zielstrebig, als hätte er immer etwas zu erledigen oder irgendwo zu sein. Aber er war sich auch seiner Mitmenschen bewusst und versuchte immer, sie mit einem Lächeln oder einem Scherz zu erheitern. Das hatte ich vermutlich von ihm geerbt, genau wie das schwarze Haar und die braunen Augen, und es hatte mir in meinem Leben gute Dienste geleistet.

Stephanie war das genaue Gegenstück zu ihm. Sie war groß, schlank und hatte helle Haare. Obwohl sie sportlich genug war, um mit ihm Schritt zu halten, war sie auch zufrieden, wenn sie stundenlang vor dem Kamin saß und las. Sie überließ ihm gern das ganze Rampenlicht, während sie abseits der Bühne stand und seine Lebensfreude genoss. Sie unterstützte ihn, machte aber nicht bei allem mit. Die beiden schienen mir immer perfekt zusammenzupassen, und es stand außer Frage, dass sie diese Reise verdient hatten.

»Teenager können schwierig sein«, meinte mein Dad. Er klang vorsichtig, als würde jetzt auch er die ganze Situation überdenken. Unglaublich!

»Im Ernst?« Ich zog eine Augenbraue hoch und sah ihn an. »Glaubst du, ich habe vergessen, was für eine Landplage ich gewesen bin?«

Stephanie verzog das Gesicht. Also erinnerte sie sich noch daran.

»Ich schaffe das«, sagte ich. »Es gibt im wahrsten Sinne nichts, was Tyler verzapfen könnte, das ich nicht selbst schon einmal gemacht habe.«

»Das ist nicht gerade beruhigend«, entgegnete Dad.

»Auf der Fahrt vorhin hast du gesagt, ich soll diesen Sommer nutzen, um Tyler besser kennenzulernen«, erinnerte ich ihn. »Nun, eine bessere Gelegenheit werden wir nie haben.«

»Das hast du gesagt?«, fragte Stephanie ihn. Sie klang überrascht.

»Ich dachte einfach, das wäre schön«, rechtfertigte sich Dad.

Stephanie lächelte ihn zärtlich an, was meinen Dad dazu brachte, sich aufrechter hinzusetzen, als würde ihre Anerkennung seinen Glücksspeicher füllen. Ich fragte mich, wie lange es her war, dass die beiden mal für eine längere Zeit miteinander allein gewesen waren. Vermutlich vor Tylers Geburt. Es war also überfällig. Außerdem war Familie wichtig, und man tat, was man tun musste. Zwar nicht umsonst, aber wenn ich mir schon etwas Geld von Dad leihen musste, dann sollte mich meine selbstlose Tat zumindest etwas positiver dastehen lassen.

»Hört mal, ich weiß, dass Teenager schrecklich sind. Sie sind laut, unhöflich und ichbezogen. Sie sind quasi ich, nur mit schlechteren Manieren«, scherzte ich.

Niemand lachte. Schweres Publikum.

Ich verdrehte die Augen. Dann legte ich mir die rechte Hand aufs Herz und hielt die linke in die Höhe.

»Ich verspreche, mich sehr gut um euren Spross zu kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass er nicht in Schwierigkeiten gerät, jeden Tag satt wird und nachts seine acht Stunden Schlaf bekommt. Ich decke ihn sogar zu und lese ihm eine Gutenachtgeschichte vor, wenn er das will. Tyler wird bei mir sicher aufgehoben sein, versprochen.«

»Nur fürs Protokoll: Ich glaube, es ist ziemlich klar, dass sie wollen, dass ich ein Auge auf dich habe.«

Bei dem Klang einer männlichen Stimme wirbelte ich herum und blickte zu der Treppe in der Ecke. Dort stand ein sehr großer, sehr dünner Halbwüchsiger, die Hände in den Hosentaschen vergraben und mit einem mürrischen Gesichtsausdruck.

Ich blinzelte. Tyler? Was war denn aus dem albernen Jungen mit der Zahnlücke und dem dreckigen T-Shirt geworden? Mir wurde bewusst, dass er in meinem Kopf irgendwo bei acht Jahren stehen geblieben war, obwohl ich ihn zuletzt an Weihnachten gesehen hatte. Ich musterte seine merklich erwachsenere Erscheinung und fragte mich, wie viel er von meiner Meinung zu Teenagern mitgehört hatte.

»Nur damit du Bescheid weißt, ich bin kein Baby und definitiv alt genug, um für mich selbst zu sorgen. Dich brauche ich nicht.« Er zuckte auf eine herablassende Art mit den Schultern, die nur ein Teenager zustande brachte.

Nun, da hatte ich meine Antwort. Er hatte alles gehört, auch die weniger netten Teile. Dieser Sommer fing also schon mal gut an.

Kapitel drei

»Wir kommen noch zu spät, Sam!«, sagte Tyler, der ungeduldig um die Kücheninsel herumlief, während ich die Töpfe und Deckel herausholte, um sie neu anzuordnen und somit den begrenzten Platz in den Schränken effizienter zu nutzen. Dad und Stephanie waren am Vortag spätnachts von Boston aus geflogen, und ich wollte die Küche sofort zu meinem Reich machen. Keine Ahnung, warum ich genau jetzt den Drang danach verspürte. Um dem Raum, der so viele Erinnerungen daran bereithielt, wie Vovó und ich gemeinsam gekocht hatten, meinen Stempel aufzudrücken? Vielleicht.

Ich wusste, dass wir losmussten, wusste, dass ich keine Zeit hatte, dieses Projekt zu beenden. Warum also hatte ich überhaupt damit angefangen? Weil ich nun mal so gestrickt war. Ich hatte immer schon Probleme mit Multitasking gehabt, weil dann bei mir die Desorganisation durch meine Legasthenie einsetzte und ich abgelenkt wurde. Dann fing ich bereits ein neues Projekt an, bevor das alte abgeschlossen war, und schon war die ursprüngliche Aufgabe vergessen. Was wiederum Angstzustände in mir auslöste. Ganz ehrlich, manchmal war es schrecklich ermüdend, in meinem eigenen Kopf gefangen zu sein.

»Ich bin sofort fertig«, sagte ich. Da ich das Gefühl hatte, mich verteidigen zu müssen, fügte ich noch hinzu: »Außerdem ist es nur ein Camp und nicht die Schule, wo die Anwesenheit überprüft wird.«

»Willst du mich verarschen?«, rief Tyler und raufte sich das dichte schwarze Haar, als wollte er es an den Wurzeln herausreißen. »Dieses Robotik-Camp wird von Severin Robotics gesponsort. Wenn ich im Herbst an deren Science Academy angenommen werden will, muss ich einen guten Eindruck hinterlassen. Ich muss jeden einzelnen Tag der Beste sein, und dazu muss ich schon als Erster dort ankommen!«

»Entspann dich, wir kommen nicht zu spät«, sagte ich. Der Typ war ganz schön angespannt. Und das fiel mir als Person auf, die täglich Mortal Kombat mit ihren eigenen Ängsten spielte. »Und iss deinen French Toast auf.«

»Habe ich«, presste er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, als wäre das die einzige Möglichkeit, wie er sich davon abhalten konnte, mich anzuschreien. Ich warf einen Blick ins Spülbecken. Und siehe da, darin lag tatsächlich sein leerer Teller. Ha!

Die Töpfe und Pfannen riefen nach mir. Ich wollte sie wirklich zu Ende sortieren, bevor wir fuhren, aber Tyler ließ das nicht zu.

»Sam, jetzt … bitte.« Er nahm eine flehende Haltung ein, setzte einen traurigen Blick auf und hielt die Hände ineinander verschränkt vor die Brust, um die Forderung freundlicher wirken zu lassen.

»Du klingst ganz schön nach Dad, wenn du so herrisch wirst«, sagte ich. Dann schnappte ich mir den Schlüssel für Stephanies SUV sowie meine Umhängetasche und marschierte aus der Tür.

»Sorry. Das ist nur wirklich wichtig für mich«, entgegnete er.

Wir stiegen in den Wagen, und ich fuhr rückwärts aus der Einfahrt, um auf die Straße zu gelangen. Dann zeigte ich auf das Schild am Straßenrand.

»Ich kann nur so schnell fahren. Zehn Stundenkilometer. Das ist die Geschwindigkeitsbegrenzung.«

»Argh!« Tyler stöhnte und schlug sich eine Hand vor die Stirn.

»Willst du deinen Sommer wirklich so verbringen?«, fragte ich. Ein Fahrradfahrer schnitt mir den Weg ab, weshalb ich noch mehr abbremsen musste. Ich sah, wie Tyler neben mir unruhig wurde. Fast erwartete ich, dass er die Wagentür aufriss und zur Bibliothek lief. »Hier kann man so viel unternehmen. Du könntest Segeln, Fahrrad fahren, Tennis spielen oder einfach am Strand chillen. Warum willst du den ganzen Tag drinnen verbringen?«

»Das verstehst du nicht«, sagte er so wegwerfend, als wäre ich nicht intelligent genug, um seine Genialität zu würdigen, und das tat wirklich weh. Als die reife Achtundzwanzigjährige, die ich war, konterte ich natürlich umgehend.

»Du hast recht«, sagte ich. »Ich verstehe es nicht. In deinem Alter war ich zu sehr damit beschäftigt, Spaß zu haben.«

Das war mies von mir. Tyler kniff den Mund zusammen und wandte das Gesicht ab. Nun fühlte ich mich wie ein richtiges Arschloch.

»Hör mal, es tut mir leid«, entschuldigte ich mich. »Ich wollte nicht …«

»Doch, wolltest du«, unterbrach er mich. »Vergiss es einfach.«

Schwer atmete ich aus. Klar. Es klang eher so, als würde er mich vergessen wollen, und das konnte ich ihm nicht einmal verübeln. Ich war die reife große Schwester. Langsam sollte ich mich auch so verhalten.

»Ich werde es nicht einfach vergessen«, sagte ich und bog auf die lange Straße ein, die zur Bibliothek führte, vorbei an mehreren älteren Häusern. Oben auf dem kleinen Hügel bog ich links ab, fuhr an einer Baustelle vorbei und hielt vor dem zweistöckigen grauen Gebäude mit der strahlend weißen Fassade. Noch bevor ich richtig geparkt hatte, war Tyler schon aus dem Auto gestiegen, und ich musste joggen, um ihn einzuholen.

Rechts vom Eingang stand ein großer Hartriegelbaum in voller Blüte. Links von der Eingangstür war ein Bücherwagen geparkt, der Aktivitätstaschen für Kinder aus der Umgebung anbot. Genial! Die Schiebetüren schlossen sich gerade hinter Tyler, als ich hinter ihm hereilte. Er nahm zwei Stufen auf einmal und nutzte dabei seine langen Beine zu seinem Vorteil. Hastig folgte ich ihm.

Im Obergeschoss passierte ich den Serviceschalter und holte Tyler ein. Als er abrupt stehen blieb, stieß ich gegen ihn, aber der Rucksack auf seiner Schulter federte den Aufprall ab.

Das brachte ihn zum Stolpern, doch er hielt sich an einem Bücherregal fest. Mit großen, wütend funkelnden braunen Augen drehte er sich zu mir um.

»Was machst du denn?«, zischte er.

»Ich bringe dich zum Camp«, scherzte ich.

Bevor ich erklären konnte, dass ich eigentlich mit hereingekommen war, um meine Freundin zu sehen, ertönte schon ein Kichern von der anderen Seite des Bücherregals. Ich duckte mich und lugte durch die Bücher hindurch, wo ich zwei Mädchen entdeckte, die uns anstarrten. Tyler wurde roter als die Chilischoten, die ich für meine Pimenta Moída – portugiesische Chilisoße – pürierte. Lächelnd winkte ich den beiden, und sie kicherten erneut, bevor sie zu einem Raum am anderen Ende des Gebäudes liefen.

»Du bist eine Plage«, sagte Tyler. »Bleib hier. Begleite mich nicht zur Tür.«

Der zornige Blick, den er mir zuwarf, sengte mir fast die Augenbrauen an. Dann wirbelte er herum und marschierte den Mädchen hinterher.

»Wir sehen uns um fünf«, rief ich ihm nach.

Er winkte mir, ohne sich umzudrehen. Nun, das verwies mich in meine Schranken, oder?

Ich machte einen kurzen Rundgang durch die Bibliothek, fand meine Freundin Emily, die dort arbeitete, allerdings nicht. Ich hätte ihr schreiben und sie nach ihren Arbeitszeiten fragen sollen, aber das Küchenprojekt hatte mich abgelenkt.

Entmutigt verließ ich die Bibliothek. Ich hatte gehofft, dass Tyler und ich uns in diesem Sommer annähern könnten, vor allem weil Dad und Stephanie nicht da waren, aber das war kein guter Start.

Nachdem ich im Stop & Shop Lebensmittel eingekauft hatte, kehrte ich nach Hause zurück. Bevor ich mich wieder in mein Projekt stürzte, stellte ich mir drei verschiedene Wecker, damit ich auf keinen Fall vergaß, Tyler abzuholen.

Die Küche nach meinen Vorstellungen einzurichten, nahm den Rest des Tages ein. Köche und ihr Arbeitsbereich, das war so eine Sache. In meinem Fall brauchte ich das Regal mit den Gewürzen in der Nähe des Hauptarbeitsplatzes, alphabetisch geordnet und mit einem Verfallsdatum versehen. Das ungeordnete Durcheinander von Töpfen und Pfannen unter dem Tresen war nun nach Größe und Form sortiert, und ich hatte alles mit dem richtigen Deckel kombiniert. Die Messer im Messerblock waren geschärft – sie hatten es dringend nötig gehabt – und einsatzbereit. Ganz hinten im Schrank fand ich auch ein paar alte gusseiserne Kochtöpfe meiner Großmutter, die ich herausholte und einölte. Ich erinnerte mich noch gut daran, wie ich sie mit Vovó benutzt hatte, und einen Moment lang war es fast, als wäre sie bei mir.

Genau eine halbe Stunde vor Ende des Camps klingelten mein Handy, der Timer am Ofen und der Wecker in meinem Schlafzimmer. Ich fuhr sofort los, um schon vor Ort zu sein, wenn Tyler herauskam. Nach einem langen Tag würde er sich doch sicher freuen, mich zu sehen, oder?

In der Bibliothek war viel los. Eltern mit Kindern strömten an mir vorbei, also war davon auszugehen, dass noch eine andere Veranstaltung gerade beendet war, denn dies waren Kleinkinder und definitiv keine Teilnehmer des Robotik-Camps.

Auf der zweiten Etage angekommen, sah ich, dass die Doppeltür zum Robotik-Raum noch geschlossen war. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich noch etwa fünfzehn Minuten totschlagen musste. Ich sah zu den kurzen Regalen voller Bücher und fuhr mit den Fingern über ihre Rücken. Trotz unserer komplizierten Beziehung zueinander liebte ich Bücher eigentlich. Ich mochte ihr Gewicht in meinen Händen und den Geruch nach Papier und Druckfarbe. Besonders gefiel es mir, wenn sie Bilder beinhalteten, denn ich dachte meistens in Bildern, vor allem in Bildern von Essen.

Ich hatte mich schon früh zur Köchin berufen gefühlt. Meine Vovó hatte immer auf mich aufgepasst, während meine Eltern arbeiten waren, ganz früher morgens und später dann nach der Schule. Damals hatten wir in New Bedford gelebt. Das Cottage auf der Insel war nach meiner Geburt zum Sommerhaus geworden. Damals hatte ich es noch nicht gewusst, doch ich war ein Überraschungskind gewesen. Weil meine Eltern gerade erst angefangen hatten zu arbeiten – Mom als Immobilienmaklerin und Dad als Versicherungskaufmann, was er immer noch war. Damit meine Eltern ihre Karrieren nicht an den Nagel hängen oder für eine Betreuung zahlen mussten, hatte man entschieden, dass Vovó die Insel verlassen und bei uns leben würde.

Meine Kindheit hatte ich damit verbracht, alle Familienrezepte von ihr zu lernen. Vovó hatte in ihrer ganz eigenen Mischung aus Portugiesisch und Englisch gesprochen, aber nie irgendwelche Rezepte aufgeschrieben, also hatte ich durch Beobachtung und Nachahmung zu kochen gelernt. Schon sehr jung hatte ich gemerkt, dass mir das Lernen am leichtesten fiel, wenn ich meine Hände benutzen und selbst aktiv arbeiten durfte – kinästhetisches Lernen nannte man das. Von meinem ersten Erfolg mit einem Queijo de Figo an wusste ich, was ich mit meinem Leben anfangen wollte – ich wollte kochen. (Queijo de Figo konnte lose als »Feigenkäse« übersetzt werden, allerdings war es kein Käse, sondern ein Kuchen. Ein köstlicher Kuchen mit Feigen und Anis. Optisch erinnerte er allerdings an einen Käselaib, daher der Name.)

Ich sah auf meine Uhr. Noch zehn Minuten bis zum Ende des Camps, also schlenderte ich zum nächsten Bücherregal, wo ich die neuesten Zeitschriften fand. Ich suchte die Cover nach Food-Magazinen ab. Nachdem ich eines gefunden hatte, legte ich es oben auf das kurze Regal und fing an, es durchzublättern. Die Fotografien waren hervorragend, die Schrift hingegen ein Albtraum.

Es gab keine Pillen oder Gehirn-OPs, die die Wörter und Buchstaben daran hinderten, auf dem Papier Saltos zu schlagen. Allerdings gab es Schriftarten, die ein legasthenisches Gehirn besser verarbeiten konnte als andere. Serifenlose Schriftarten, die unten dicker waren und bei denen die Ps, die Bs und die Ds klar differenziert wurden, waren sehr hilfreich. Doch die hatte man für diese Zeitschrift nicht gewählt. Wenn man bedachte, dass mindestens eine von zehn Personen irgendeine Form von Legasthenie hatte, sollte man meinen, dass da bei Veröffentlichungen für den Massenmarkt mitgedacht würde, aber nein.

Irgendwann, wenn ich mein eigenes Kochbuch veröffentlichen würde …

Ja, das war mein geheimer Traum. Doch das erzählte ich nie jemandem, aus Angst, dass alle das legasthenische Mädchen auslachen würden, weil sie ein Buch veröffentlichen möchte. Wie auch immer, falls – nein, wenn ich mein Kochbuch veröffentlichen würde, würde die Schrift Legastheniker-freundlich sein.

Ich blätterte durch die Seiten, bis ich den wunderschönsten gebratenen Lachs auf einem Bett aus Jasminreis entdeckte, den ich je gesehen hatte. Mein Blick flog zum Rezept. Wurde ein Rub verwendet? Eine Marinade? Wie hatten sie es geschafft, den Fisch gleichmäßig anzubraten und doch eine schöne dunkle Kruste an den Rändern hinzubekommen? Seufzend musterte ich die Worte.

Ich lernte nicht nur kinästhetisch, sondern auch visuell und sah mir häufig online Videos an, um Kochtechniken zu lernen. Das Internet hatte mir während der Kochschule den Hintern gerettet.

Aber ich wollte immer noch über diesen Lachs Bescheid wissen. Also konzentrierte ich mich zwanghaft auf die Worte, die mir immer wieder entschlüpften wie ein glitschiger Fisch. Es war ein Kampf.

»Sam? Bist du das?«

Ich riss den Blick von der Seite los. Blinzelnd versuchte ich, mich zu sammeln. Ich sah die Frau vor mir an. Sie war mittelgroß, so wie ich, aber dünner. Sie hatte einen knallroten Haarschopf, eine Stupsnase, volle Lippen und trug eine übergroße Brille.

»So lange ist es doch noch nicht her, dass wir uns gesehen haben, oder?«, fragte sie grinsend. »Erkennst du mich wirklich nicht mehr?«

»Emily! Emster! Em!«, rief ich aus. »Natürlich erkenne ich dich. Du warst nur aus dem Kontext gerissen. Ich meine, normalerweise sind wir betrunken in einer Bar in Boston, wenn ich dich sehe.«

Schnell ging ich um das Regal herum und zog sie in eine überschwängliche Umarmung. Da Em eindeutig nicht mit einer so enthusiastischen Begrüßung gerechnet hatte, stolperten wir kurz, bevor sie sich an einem Bücherregal festhielt.

»Sorry! Ich freue mich nur so, dich zu sehen«, sagte ich. »Ich wollte dich direkt nach meiner Ankunft anrufen, aber es gab ein kleines Familiendrama, und ich versuche noch, mich hier einzufinden.«

»Schon in Ordnung.« Em winkte ab. »Ich weiß ja, wie beschäftigt du bist.«

»Äh …« Ich zuckte mit den Schultern. Nicht mehr so beschäftigt, seit ich meinen Job verloren hatte, aber das musste ich ihr nicht sofort mitteilen.

Obwohl ich Em als eine meiner engsten Freundinnen betrachtete, hatte ich ihr noch nicht von meiner aktuellen Situation erzählt.

Es hatte mich ganz schön getroffen, dass man mich bei der Beförderung zur Küchenleiterin im Comstock nach sieben Jahren harter Arbeit einfach übergangen hatte, also hatte ich gekündigt. Jetzt war ich pleite, arbeitslos und erfüllt von meiner alten Bekannten, der Scham. Ich hatte niemandem von meiner gescheiterten Karriere erzählt. Stattdessen ließ ich alle in dem Glauben, ich würde mir nur den Sommer freinehmen. Ha! Als wäre das als Köchin jemals möglich.

Ich wusste, dass die Entscheidung des Restaurantbesitzers, jemand anderen einzustellen, nichts mit meinen Kochfähigkeiten zu tun hatte. Er hatte mir geradeheraus gesagt, dass er denke, ein Mann würde besser in die Küchen-Hierarchie passen. Frauenfeindlicher Idiot! Dennoch war ich der Meinung, dass die Gerichte, die ich unter Mühe dort kreiert hatte, mir die Stelle als Küchenleiterin hätten garantieren sollen. Es fiel mir schwer, das Ganze auf sich beruhen zu lassen, vor allem, da ich tief in mir den Verdacht hegte, dass meine Legasthenie der wahre Grund war, warum man mich übergangen hatte.

Eine Küchenleiterin hatte viele organisatorische Aufgaben wie Speisekartenzusammensetzung, Inventur, Abläufe und Budget-Planung. Der Besitzer hatte von meiner Legasthenie gewusst, und ich vermutete, dass er mit mir kein Risiko eingehen wollte. Wie auch immer. Ich beschloss, dass der Austausch über die aktuellen Ereignisse in meinem Leben zumindest so lange warten konnte, bis Em und ich etwas zu trinken vor uns hatten.

Em starrte mich erwartungsvoll an. Ich war die Extrovertierte, die Rednerin, sie schon immer eher introvertiert. Deshalb war mir stets die Aufgabe zugefallen, den Großteil der Konversation zu übernehmen. Normalerweise hatte ich damit auch kein Problem, aber im Moment fiel es mir einfach zu schwer, mich ihr zu öffnen.

Auf der Suche nach einem Gesprächsthema blickte ich mich im Raum um. Mir fiel auf, dass die Bibliothek für einen Montagabend gut besucht und die Tür zum Robotik-Raum noch immer geschlossen war.

»Als ich Tyler heute Morgen hier abgesetzt habe, habe ich nach dir gesucht.«

»Ich habe heute Spätschicht«, erklärte sie.

»Ja? Muss schön sein, wenn man den Morgen freihat«, sagte ich.

Warum fühlte sich dieses Gespräch so schwierig an? Wo war die übliche Lockerheit?

»Das ist es«, stimmte sie zu, führte ihre Aussage jedoch nicht weiter aus.