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Als Paartherapeutin ist Lisa eine Expertin für Beziehungen – und sie weiß genau, welchen Typ Mann sie sucht: verlässlich und solide soll er sein, also genau das Gegenteil von Kai, dem Musiker mit den schönen Augen, der immer barfuß geht und auch schon mal Graffiti an die Wände sprüht. Nee, so ein Spinner, der kommt nicht in Frage. Schmetterlinge im Bauch? Unsinn, ist sicher nur ein nervöser Magen. Dann schon lieber Marcel, ihr Ex, der sich plötzlich wieder sehr um sie bemüht. Oder doch nicht? Eigentlich hat Lisa gar keine Zeit für Männer. Zurück in Himmelreich gilt es, das Rätsel um Nathalies Tod zu lösen, doch statt Antworten tauchen immer mehr Fragen auf. Gemeinsam mit Valentina, Schoscho, Maike und Cleo macht Lisa sich an die Arbeit ... *** Ein Roman voller Liebe, Spannung, Freundschaft und sommerlichen Gefühlen! *** »Summertime Heartbeat« ist der zweite Band einer fünfteiligen Romanreihe der Erfolgsautorinnen Emma Wagner, Lana N. May, Jo Berger, Stine Mertens und Mia Leoni.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Lana N. May
__________________
Summertime
Heartbeat
Band 2
__________________
Roman
Copyright © 2016 by Lana N. May
Lektorat: Susanne Pavlovic (www.textehexe.com)
Cover by Truelove Coverdesign
Bildnachweis: © Shutterstock / G-Stock Studio
© Shutterstock / lola1960
© Shutterstock / lemonkate
© Taydoo
Lana N. May
c/o AutorenServices.de
König-Konrad-Str. 22
36039 Fulda
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Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise,
nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin.
Hinweis: Dies ist eine Neuauflage von "Amors Five - Tausche Himmelreich gegen große Liebe"
Allen Mädels dieser Welt gewidmet – insbesondere meinen!
»Ich bin da auf etwas gestoßen! Ich glaube, Nattie hat uns etwas verheimlicht!«
»Schalten Sie sofort Ihr Handy aus!«, fordert mich die Stewardess auf.
Eine Minute noch, gebe ich mit dem Zeigefinger zu verstehen.
»Valentina, hast du mich gehört?«
»Sofort!« Die Flugbegleiterin beginnt zu zappeln. »Schalten Sie jetzt bitte Ihr Mobiltelefon aus, wir befinden uns bereits auf der Rollbahn!«
Ich stoße Luft aus. »Okay ...«, murmle ich. Ich drücke auf die Ausschalttaste, lasse das Telefon auf meinen Schoß sinken und schließe die Augen.
Die Geschehnisse der letzten Woche laufen wie ein Film vor mir ab.
»Mein Problem sind ihre Eltern. Die schlafen im Zimmer nebenan! Sagen Sie mir doch, Frau Doktor …«
»Ich bin keine Frau Doktor …«
»Na, dann eben Frau Therapeutin … Sagen Sie mir doch bitte, wie man da Sex haben soll?«
Ich runzele die Stirn und sehe zu den nervösen Händen meines Patienten, die am Revers seines Sakkos auf und ab fahren.
»Sex! Immer nur Sex!«, schreit Tatjana und springt auf. Dabei tippt sie mit ihrem Zeigefinger energisch auf seine Brust. Ganze fünfzehn Mal bohrt sie ihren pinkfarbenen Kunstnagel in das Sakko ihres Ehemannes. 13 Tage und 6 Stunden, schreibe ich in mein Notizheft und stupse meine Brille zurecht. Keine 14 Tage gebe ich ihnen. Danach sind die beiden ein in Scheidung lebendes Paar.
Als Paartherapeutin habe ich mit der Zeit einen Blick dafür entwickelt, welche Paare füreinander geschaffen sind und welche nicht. Achtzig Prozent der Paare, die meine Praxis aufsuchen, sind es nicht. So meine Statistik. Aber wir leben in einem Land der Träumer, deshalb ist mein Therapieangebot ausgebucht und ich kann damit die Scheidungen hinauszögern. Ich bin keine gute Fee, die nur darauf wartet, Partnerwünsche zu erfüllen: vollbusige, kochtalentierte, liebenswerte Blondinen für die Männer, gutaussehende, reiche George-Clooney-Lookalikes für die Frauen. Eine einzige Sache kann man sich vielleicht aussuchen. Doch alles auf einmal zu bekommen, ist so wahrscheinlich wie eine Wanderung zum Pluto.
Nun ist es an der Zeit, Streit zu schlichten, denn Tatjanas Temperament geht mit ihr durch. Eilig dränge ich mich zwischen die beiden. »Aufhören, sofort aufhören!«, schreie ich. Was ist denn jetzt los … Aua! Nun beißt sie mir doch tatsächlich in den Arm. »Tatjana!«, brülle ich und drücke sie von mir weg. Sie jedoch ist jetzt richtig in Fahrt, stößt mich auf die Seite und stürzt sich auf ihren Ehemann. Ich tippe auf Thai-Boxing, dreimal die Woche. Dieser Schlag hat gesessen. Glücklicherweise nicht an mir, sondern an ihm.
»Schätzchen, Schnuckiputz, Kitty, Darling …«, ruft er jetzt.
Oh nein, nun kommen die Kosewörter. Mein absolutes No-Go und unangefochten auf Platz 1: Hasi! Und jetzt tatsächlich …
»Hasi! Spatzi!«, sagt er, und langsam bekommt ihr tomatenrotes Gesicht eine blassrosa Färbung. Ihre Gesichtsfarbe entspannt sich, als er hinzufügt, »Komm, ich kauf dir die Kette, die du dir so sehr wünschst! Aber nur, wenn du dich jetzt wieder einkriegst!« Aha, nun folgt die Strategie der Belohnung für Wohlverhalten. Funktioniert in beide Richtungen. Habe ich zur Genüge in meiner Praxis erlebt.
Als Tatjana und Peter händchenhaltend die Praxis verlassen, gehe ich zu Andy – meiner Sekretärin – nach draußen.
»Puh!«, sage ich und lehne mich über den Empfangstresen. »Das wäre fürs Erste geschafft!«
»Die waren wohl mega anstrengend, was?«, seufzt sie und sieht mich mitfühlend an. »Schon bei der Anmeldung haben sie mit Bärli und Hasi um sich geworfen, als wären sie im Kindergarten«, fügt sie hinzu und tippt ein paar Mal auf die Tastatur. »Übrigens, die Flugdaten für morgen wurden soeben bestätigt. Alles verläuft nach Plan.« Andy nickt zufrieden.
»Na ja, nach Plan ...«, murmle ich und stütze mich am Empfangstresen ab.
»Natürlich nicht nach Plan ... Ich meine, dass deine Freundin gestorben ist, ist einfach schrecklich ... Sie war ja noch so jung! Wenn du irgendetwas brauchst, gib mir einfach Bescheid.« Sie drückt meine Hand. »Du solltest jetzt nach Hause fahren und abschalten. Hast du überhaupt schon gepackt?«
»Nein, noch nicht.«
»Na eben, dann fahr jetzt! Du hast heute keine Termine mehr!«
***
Schwarz. Schwarz. Schwarz landet in meinem Koffer. Etwas Gutes haben Beerdigungen: Man sieht keine schwindelerregenden Muster, keine schmutzbraunen Sakkos und keine pinkfarbenen Tanktops, die mehr zeigen, als gut für die Trägerin ist. Und mein Koffer lässt sich auch problemlos schließen. Mein Smartphone beginnt zu vibrieren.
»Hallo Schätzchen! Mir ist noch was eingefallen ... Hast du auch etwas Warmes eingepackt?«
»Mama, es ist Sommer!«, murre ich.
»Aber bei uns sind die Abende kalt, vergiss das nicht.«
»Ja, weiß ich und klar ... pack ich ein!« Werde ich nicht, denn ich weiß, dass sie mit Sicherheit neue Klamotten für mich gekauft hat. Das kann sie immer noch nicht lassen, dabei bin ich längst ohne mütterliche Fürsorge überlebensfähig. Ganze 30 Jahre hatte ich Zeit zu lernen, wie man in einem Geschäft ein Kleid auswählt, es zur Kasse bringt und bezahlt. Nur sie zweifelt diese Kompetenz an – zumindest kommt mir das so vor.
»Aber keine Sorge, ich hab dir einen schönen neuen Pullover gekauft! Zwar aus der Herbstkollektion, aber am Abend kannst du den mit Sicherheit schon tragen! Ist neu eingetroffen ... In einem schönen Hellblau …«
Hundert Prozent Wolle, ist mein nächster Gedanke.
»Hundert Prozent Wolle …«
»Das kratzt!«
»Das sagst du immer und dann trägst du ihn ja doch!«
»Mama, egal, wir sehen uns morgen! Ich muss noch meinen Koffer fertig packen!«
Ich liebe meine Mutter, aber nicht, wenn sie mir den achtzigsten, kratzigen Wollpullover andrehen will.
Narcotic dröhnt durch die Lautsprecher meines Wohnzimmers. Ich habe die Endlosschleife gewählt und sitze nachdenklich auf meiner Couch. Es ist bereits nach Mitternacht und an Schlafen ist nicht zu denken. Meine Gedanken kreisen die ganze Zeit um Nathalie und um die anderen: Valentina, Schoscho, Cleo und Maike, um Zeiten, in denen wir noch eng miteinander waren und zu Narcotic in der Diskothek getanzt haben. Viel zu lange ist es her, dass wir uns gesehen haben, und nun reise ich morgen nach Himmelreich, um einer von uns die letzte Ehre zu erweisen. Das hinterlässt ein komisches Gefühl in mir, denn sie ist viel zu jung gestorben.
Als die Küchenuhr 1.30 Uhr anzeigt, beschließe ich, in meiner Wohnung nach Rotwein zu suchen. Ich brauche eine Schlafhilfe. Bei der letzten Pizzabestellung gab´s eine Flasche gratis dazu. Habe ich die noch, oder ist die in den Müll gewandert? Mal nachsehen. Ach, tatsächlich, im Schrank neben dem Fensterreiniger. Großzügig schenke ich mir ein. »Auf Nattie!«, sage ich laut und nehme einen Schluck.
Gegen fünf Uhr ist die Flasche beinahe leer und ich habe noch kein Auge zugemacht, dafür aber alle Fotos von früher durchforstet und ein nostalgisches T-Shirt gefunden. Nun sitze ich in meinem Abitur-T-Shirt inmitten der Bilder und betrachte ein Gruppenfoto von uns sechs. Mit großen fetten Buchstaben steht darauf »Wir haben es geschafft!« ...
Ja, was nicht alles. Zumindest in Liebesdingen habe ich das, was ich mir in jungen Jahren erhofft hatte, noch nicht einmal ansatzweise erreicht. Ich bin unverheiratet, unverlobt und habe keine regelmäßigen Dates. Das Einzige, was mich nicht verzweifeln lässt, ist mein Job – mit dem habe ich es gut getroffen. Doch die Ironie liegt in der Sache: Ich rede über Sex, habe aber selbst keinen. Ich therapiere Paare, dabei bin ich selbst nicht vergeben. Ich gebe Singlefrauen Tipps für die Partnersuche, aber kann diese für mein Liebesleben nicht umsetzen. Sentimental leere ich den Rest des Weines.
Mit dem Taxi fahre ich eilig zum Flughafen. Ich bin spät dran und das letzte Rotweinglas von vor drei Stunden tut sein Übriges. Beim Check-in versuche ich so wenig wie möglich zu sprechen, damit die Dame am frühen Morgen nicht aus ihren Latschen kippt. Ich solle mich beeilen, meint sie und deutet hastig zu den Gates.
Bordkarte herzeigen. Sicherheitskontrolle. Einstieg ins Flugzeug. – Ich habe es rechtzeitig geschafft und schnaufe erst einmal tief durch. Normalerweise bin ich die Pünktlichkeit in Person, aber unter diesen Umständen – Natties Beerdigung, zu viel Rotwein – kann auch mir eine arg knappe Zeitplanung passieren.
Unter größter Anstrengung hieve ich meinen Koffer in die Gepäcksablage, lasse mir dabei blöd von einem Typen zusehen, der ausgerechnet mein untätiger Sitznachbar ist, und werfe mich danach mit einem Seufzen auf meinen Sessel. Der Typ wendet den Blick von mir ab und guckt wieder in sein Buch. Der Flieger hebt ab.
»Einen Tomatensaft und ein Wasser«, sage ich zur Stewardess. »Ach, wissen Sie was, machen Sie eine Bloody Mary daraus.« Am Besten bekämpft man einen Kater mit einem Glas Bloody Mary am Morgen – das weiß ich noch aus meiner Studienzeit. Sie nickt und lächelt. Wenig später kommt sie wieder und bringt mir das Getränk in einem hohen Glas.
Der Typ neben mir schaut auf seine Uhr, dann sieht er mich irritiert an. »Um 9 Uhr fangen Sie schon an zu trinken? Na, Sie legen aber ein Tempo vor!«
Nun kommt mein »Wer-mischt-sich-in-meine-Angelegenheiten-ein«-Blick. »Wer sagt denn, dass ich überhaupt damit aufgehört habe …« Demonstrativ nehme ich einen Schluck von meiner Bloody Mary.
»Aha … Dann sind Sie wohl eine von der ganz zähen Sorte?«
Ich verschlucke mich, huste heftig und versuche, mich wieder einzukriegen, während er mir eine Serviette reicht. »Ist ja nicht so schlimm … Jeder hat so seine Probleme.«
»Jeder hat so seine Probleme ...«, wiederhole ich aufmüpfig. »Ihres ist wohl Ihre Analysefähigkeit?«
»Nein, wenn Sie wüssten …« Nun hat er mich neugierig gemacht. Wenn einer meiner Patienten mit »Wenn Sie wüssten …« anfängt, werde ich hellhörig.
»Wollen Sie mir davon erzählen?« Ich sehe ihn halb ernst, halb belustigt an und stelle meinen Becher Bloody Mary auf das aufgeklappte Tischchen vor mir.
»Nein, ganz bestimmt nicht!«
Er steckt sein Gesicht in ein Buch.
»Frau Flugbetreuerin!«, rufe ich der Stewardess nach, die gerade dabei ist, ihren Rollwagen in den hinteren Bereich zu schieben.
»Ja bitte, was kann ich für Sie tun?«, fragt sie und schenkt mir ein Stewardessen-Lächeln.
»Bringen Sie dem Herrn neben mir bitte auch eine Bloody Mary, der muss mal locker werden!«
Der Typ neben mir fährt mit seinem Kopf hoch, und wenn Blicke töten könnten, dann wärs das jetzt mit mir gewesen. »Ganz schön frech!«
Die Stewardess lächelt professionell. »Vielen Dank für Ihre Fürsorge, aber der Herr wird sich schon melden, wenn er etwas braucht.«
»Nein danke, ich möchte nichts, denn ich trinke morgens nicht. DAS zählt nämlich absolut nicht zu meinen Problemen!«
Ich verdrehe meine Augen und trinke die Bloody Mary auf ex aus. »Dann nehme ich noch eine. Denn wie Sie sehen, trinke ich morgens!«
Wir starren uns an. Er hat wirklich grüne Augen, und er gewinnt den Wer-blinzelt-verliert-Wettstreit. Mist. Zugegeben, er sieht gut aus. Na ja, eigentlich ganz gut. Wenn ich es mir recht überlege und meinen Blick über sein kantiges Gesicht und den Dreitagebart streifen lasse, könnte ich mich sogar bis zu einem Wow-sieht-der-gut-aus steigern! Nun mustert er meine Lippen mit seinen grünen Augen. Moment mal, trage ich überhaupt Lippenstift? Nein, und ich glaube, aufgrund der durchgemachten Nacht sehe ich auch nicht mehr so frisch rund um die Augen aus. Ich tippe auf Waschbärenblick. Besteht vielleicht die Chance, dass er ihn sexy findet? Er mustert mich, bis ich nervös beginne, mit meinen Fingern auf den Aufklapptisch zu klopfen. Eine Zigarette wäre jetzt nicht schlecht.
»Rauchen Sie?«, frage ich ihn und plötzlich werden seine Augen, so grün wie eine von Monet gemalte Sommerwiese, größer.
»Wie bitte?«
»Na, eine einfache Frage: Rauchen Sie?«
Er schüttelt den Kopf.
»Ich eigentlich auch nicht mehr, aber immer, wenn ich was trinke, kommt die Lust auf eine Zigarette zurück … Das hört sich jetzt vielleicht heftig an, denn eigentlich trinke ich ja auch nicht. Egal ... auf jeden Fall wäre jetzt eine Zigarette fein, würde zur Bloody Mary passen … Finden Sie nicht?«
»Das ist ein Nichtraucherflug«, ermahnt mich mein Sitznachbar.
»In den 80iger Jahren haben die Leute im Flugzeug geraucht, und das hat auch niemanden gestört!«
Der Typ neben mir grinst. »Sie sind echt ein Unikat! Wissen Sie das?« Allmählich beginnt er sichtlich zu entspannen.
»Danke …«, säusele ich. So ein süßes Kompliment!
»Unikat ist nicht immer positiv gemeint!«, merkt er an und ich quittiere seine Aussage mit einem bösen Blick. »Aber wissen Sie, wenn Sie ein Problem aufgeben würden, dann wären Sie auch gleich ein weiteres damit los.«
»Hm?«, mache ich und nehme meine zweite Bloody Mary von der Stewardess entgegen.
»Wenn Sie mit dem Alkohol aufhören würden, dann müssten Sie auch nicht rauchen. Suchtlos wären Sie dann, sozusagen.«
»Leblos«, kontere ich und weiß gerade nicht, warum ich das gesagt habe. Denn diese zwei Laster gehören nun wirklich nicht zu meinen alltäglichen Angewohnheiten.
Er seufzt und lehnt seinen Kopf gegen die Kopfstütze.
»Hier, ein Snack für Sie!«, sagt eine andere Stewardess und reicht mir ein Sandwich.
»Nein danke! Ich mag die Flugzeugsandwiches nicht.«
»Wie heißen Sie eigentlich?«, fragt der Typ neben mir und nimmt sein Sandwich entgegen.
»Lisa Scardelli. Und Sie?«
»Kai.«
»Und, FrauScardelli«, betont er, »was machen Sie beruflich?«
»Das wollen Sie gar nicht wissen.« Meine Stimme bekommt langsam diesen angeduselten Unterton, ich vermute, der Restalkohol und der neu dazugekommene vermischen sich langsam. »Wenn ich Ihnen das nämlich verrate, dann suchen Sie sich eine andere Sitznachbarin … Und mir ist gerade nach Plaudern«, gebe ich von mir, während ich ihn dabei beobachte, wie er das Sandwich in seine Tasche steckt.
»Sind Sie etwa Politikerin?«
Ich lache auf. »Nein. Ich mach was Anständiges.«
»Mmh …« Er überlegt, dabei fasst er sich mit seinem Zeigefinger an die Unterlippe. »Rechtsanwältin?«
»Nein, oh Gott … Ich bin keine Selbstdarstellerin!«
»Vielleicht Wodka-Testerin?« Er deutet mit seinem Blick auf meinen Drink.
»Das wäre mal ein guter Beruf! Aber nein … Ich bezahle für meine Drinks.«
»Nun verraten Sie mir schon, was Sie so Schlimmes machen.«
»Nichts Schlimmes … Das hab ich nie gesagt. Aber die meisten Männer bekommen sofort Panik, wenn ich ihnen verrate, was ich tue … Was ist denn eigentlich Ihr Job?«
Er zuckt mit seinen Schultern.
»Arbeitslos?«, rate ich und sehe dabei auf die Löcher in seinen Jeans.
Er grinst breit. »Nö …«
»Warten Sie, jetzt hab ichs!«, rufe ich aus und klatsche in die Hände. »Sie sind der Flugzeugsherriff!«
»Ein Flugzeugsherriff? Himmel … Aus welchem amerikanischen Film haben sie das denn? Ich sag Ihnen was: Sie verraten mir, was Sie tun, und ich verrate Ihnen, was ich so mache …«
Ich fische mein Smartphone aus der Tasche.
»Wollen Sie jetzt schon meine Nummer haben?«
»Wie bitte? Nein ... ich muss mir was notieren!«
»Okay ... also rücken Sie raus mit Ihrem Geheimnis!«
»Na gut«, sage ich und schenke ihm einen mustergültigen Augenaufschlag, der sicher noch mehr Wirkung zeigen würde, wäre da nicht die Waschbärbemalung. »Ich rette Seelen.«
»Sie retten Seelen? Sind Sie Ärztin? Oder Gott?«
»Eine Göttin mit einem Alkoholproblem, das wäre mal was! Nein! Ärztin bin ich keine … So lange hat mein Studium nicht gedauert.«
»Sie haben also studiert und retten Seelen. Sie sind doch wohl keine Psychotante?!«
»Psychotante?! Ein bescheuerter Ausdruck!«, entfährt es mir, »aber ja, Sie haben den Jackpot geknackt! ... Wollen Sie jetzt einen Drink?« Ich halte ihm meinen Becher unter die Nase.
»Nein, danke … Sie sind Seelenklempnerin?«
»Yepp … Wollen Sie meine Zulassung sehen?«
»Die haben Sie bei sich?«
»Nein, natürlich nicht. War nur ein Scherz. Die liegt fein säuberlich in einem Ordner bei mir zu Hause. Und Sie? Was machen Sie? Feuerwehrmann? Der Mann für brenzlige Fälle?«
»Wie kommen Sie denn da drauf?«
»Ihr Bizeps!« Ich deute auf seinen Ärmel, der um seinen Muskel spannt. Sein Blick folgt mir und er lächelt irritiert.
»Oder Fitnesstrainer?«
»Nein, ich hasse Fitnessstudios! Und was tippen Sie da jetzt in Ihr Handy?«
»Den Nährwert.«
»Den Nährwert?«
»Ja, die Kalorien der Drinks ... Na, Sie wissen schon.«
»Nein, weiß ich nicht. Sie geben allen Ernstes in ein Telefon ein, was sie soeben getrunken haben?«
»Ja, zur Energiebedarfskontrolle. Damit ich nicht drüber komme.«
»Energie ... Bedarfs ... Kontrolle ... Sagen Sie mir jetzt nicht, dass Sie Psychotante sind und einen Kontrollzwang haben.«
»Ist doch nichts dabei. Ich hab gern die Übersicht. Sie fahren doch auch mit einer Geschwindigkeitsanzeige Auto, nicht wahr?«
Er stößt einen Seufzer aus. »Das kann man überhaupt nicht vergleichen.«
»Ich kann Ihnen sagen, jeder Mensch hat Kontrollzwänge. Also raus mit der Sprache! Welchen haben Sie? Häufiges Händewaschen? Zählen Sie Dinge? Fassen Sie keine Türklinken an?« Er zieht beide Augenbrauen nach oben. »Oder müssen Sie nach dem Geschlechtsverkehr jedes Mal duschen?«
»Geschlechtsverkehr? Wer sagt denn heutzutage noch Geschlechtsverkehr? Erinnert ein wenig an den Biounterricht, finden Sie nicht?«
Ich beuge mich nach vorne, um mein Handy in meiner Handtasche zu verstauen. Barfuß? Echt jetzt?
»Sagen Sie, fehlt Ihnen das Geld für Schuhe?«
Er legt seinen Kopf schief. »Meine Füße sind Nudisten. Sie lieben ihre Freiheit!« Er schielt zu seinen Zehen und wackelt mit dem Großen.
»Das ist zwar kein Kontrollzwang ... allerdings ...« Wie soll ich ihm sagen, dass dem auch ein psychisches Problem zugrunde liegen kann? »Okay, lassen wir das. Also, was machen Sie beruflich? Irgendetwas mit Finanzen?« Ich deute auf sein Buch mit dem Titel »Kapitalismus«, das vor ihm liegt.
»Ich spiele Musik. Bin Musiker.«
»Musiker?« Mein Lächeln vergeht. »Musikant?«
»Musiker.«
»Also das hätte ich jetzt nicht erwartet.«
»Sie meinen, weil ich ein sarkastisches Buch über unser Finanzsystem lese?«
»Ja, das passt doch gar nicht für einen Künstler.«
»Ich bin nicht nur an Musik interessiert, sondern auch an vielen anderen Dingen. Das nennt man Vielseitigkeit. Ganz einfach. Man liest in seiner Freizeit auch andere Sachen. Oder stecken Sie Ihre Nase permanent in Psychobücher?«
»Was bitteschön sind Psychobücher?«
Er schielt in meine offene Handtasche. »Na, das da!«
Mein Blick folgt seinem. »Zusammenhänge zwischen Psyche und Sexualität.« Schnell ziehe ich den Reisverschluss meiner Tasche zu. »Also, das geht Sie nun wirklich nichts an.«
»Da haben Sie wohl recht. Aber mal was ganz Anderes ... Ein Vorschlag ... Wollen wir uns nicht duzen? Ich meine, ich weiß, dass Sie Bücher über Sexualität lesen, und sieze Sie. Das kommt mir komisch vor. Außerdem sind wir in etwa gleich alt ...«
»Gerne. Ich bin Lisa.«
»Ich bin Kai.«
Wir schütteln uns die Hände und ich bin mir sicher, dass das der magischste Begrüßungsmoment ever ist. Gäbe es ein Ranking, dann würde es dieses Händeschütteln auf Platz eins schaffen. Mmh … fester, aber feinfühliger Händedruck … hammermäßiges Lächeln … verheißungsvoller Augenaufschlag seinerseits. Als Antwort darauf ein vertrauensvolles Kopfschieflegen meinerseits … Er lässt meine Hand nicht los, um ehrlich zu sein, ist das das Beste, was einem in so einem magischen Augenblick geschehen kann! Ob alle Musiker diesen gefühlvollen Händedruck haben? Oh ja, da wäre ich gerne Instrument! Mir wird gerade verdammt warm. Und das liegt eindeutig nicht an der Bloody Mary. Hach! Ich erkenne sofort die ersten Anzeichen für die berühmten Schmetterlinge im Bauch.
Und noch besser bin ich darin, sie zu vertreiben.
»Na dann ... war nett, dich kennengelernt zu haben.« Ich kippe die restliche Bloody Mary runter, stöpsele meine Kopfhörer in die Ohren und schließe die Augen.
Der erste Refrain ist noch nicht erreicht, da werden meine Ohren entstöpselt.
»Echt jetzt? Wir unterhalten uns, und dann ziehst du so eine oberignorante Nummer ab?«
»Entschuldige bitte mal! Ich hab heute die Nacht durchgemacht und vor Kurzem eine schlechte Nachricht erhalten. Eine ganz schlechte. Bin komplett von der Rolle ... Und jetzt muss ich erst mal schlafen.« Die Musik zwitschert ganz leise aus meinen Kopfhörern und er hält sich die Stöpsel an die Ohren.
»Rednex? Ich glaub, ich spinne …«
Ach, wie peinlich ist das denn?! »Hat nostalgische Gründe«, sage ich barsch.
»Rednex und Nostalgie … Na ich weiß nicht. Hättest du die Rolling Stones erwähnt, oder die Beatles, Elvis … Ja, dann würde das Wort Sinn machen. Aber bei Rednex …« Er schüttelt den Kopf.
»Für die Rolling Stones und Beatles bin ich zu jung. In deren Blütezeit war ich noch nicht mal geboren. Aber die CD von Rednex, ‚The Spirit Of The Hawk‘ habe ich damals rauf und runter gehört.«
»Dann bist du um die 30 oder darüber.«
»Genau 30!«, sage ich scharf.
»Okay, aber die Sache mit der Verbundenheit zu diesem Lied versteh ich noch immer nicht.«
»Der Song erinnert mich an eine Freundin. An eine sehr gute Freundin.«
Er deutet meinen Unterton richtig und hebt beschwichtigend die Hände.
»Okay, ich frag auch nicht weiter nach.« Er stöpselt mir die Ohren wieder zu und dreht sich von mir weg. Ein paar Sekunden höre ich Cotton eye Joe, doch plötzlich will ich keine Musik mehr hören. Ich ziehe die Stöpsel wieder raus und schiele zu ihm hinüber.
»Ich fliege zu einer Beerdigung.«
Kai sieht mich mitfühlend an. »Oh ... das tut mir leid. Willst du mir davon erzählen?«Lange denke ich nicht darüber nach, denn irgendwie hat er mein Vertrauen gewonnen und so erzähle ich ihm ein wenig aus meiner Vergangenheit.
»Ihr Name war Nathalie und wir waren ziemlich gute Freundinnen. Zumindest früher einmal. Wir haben uns in letzter Zeit aus den Augen verloren, vor allem seit ich aus Himmelreich verschwunden bin …«
***
»Cabin crew … Landing in six minutes …«, ertönt die Stimme des Piloten durch den Lautsprecher.
Lächelnd gebe ich den leeren Plastikbecher der Stewardess, die kontrolliert, ob alle Fluggäste die Sicherheitsgurte angelegt haben.
»Das wars dann, wir sind da!«, sagt Kai und guckt aus dem Fenster.
Ich schiele zu ihm rüber. Nicht nur eine verdammt gute Vorderansicht hat der Mann, sondern auch ein aufregendes Seitenprofil!
Kai reicht mir meine Tasche und zieht sich seine Lederjacke an.
»Hier, falls du mal wissen möchtest, was richtig gute Musik ist. Also, nichts gegen Rednex, aber ...« Er drückt mir einen Flyer in die Hand. »Wir spielen kommenden Dienstag am Donaukanal. Also, falls du Lust hast, komm vorbei!«, zwinkert er und marschiert barfuß durch den Ausgang.
***
In Himmelreich hat sich nichts verändert. Idylle. Natur. Langeweile. Alle Einwohner wirken, als wären sie mit Schlaftabletten vollgepumpt. Selbst die Tiere liegen faul in der Sonne herum und bewegen sich keinen Zentimeter. Dann gibt es noch die Sorte der grinsenden Himmelreicher – wie meine Mutter. Sie strahlt wie ein Tausend-Watt-Scheinwerfer.
»Das Haus ist neu! Sieh mal«, sie deutet aufgeregt nach links. »Und da haben sie eine neue Sitzbank aufgestellt. Jetzt kann man vor dem Sonnenblumenfeld sitzen und den Sonnenuntergang betrachten ... Ach ja, und es gibt jetzt auch eine Ampel vor Gertruds Geschäft. War längst überfällig. Viel zu gefährlich, der Straßenübergang. Liebes, du sagst ja gar nichts! Bekommt dir die Landluft nicht?«
»Das ist ganz toll, Mama!«
»Oh, wie du das vermisst haben musst!«
Plötzlich biegt ein Traktor von links ein und tuckert in Schrittgeschwindigkeit vor uns her. Ich ziehe eine Augenbraue hoch.
»Und wie ich das vermisst habe, Mama!«
Sie sieht lange zu mir auf die Seite und drückt meine Hand.
»Mama, bitte konzentrier dich auf die Straße!«
»Süße! Was soll bei uns schon Großartiges passieren?« Geduldig bleibt sie hinter dem Traktor.
»Willst du nicht überholen?«
»Hast du dir das in der Großstadt angewöhnt? Diese Ungeduld kenne ich ja gar nicht von dir! Na gut ...« Sie betätigt den Blinker und überholt die Landmaschine.
»Wie lange wirst du bleiben?«
»Nicht lange. Ich hab am Montag ein Seminar.«
»Kannst du das nicht absagen?«
»Nein, geht leider nicht!« Will ich nämlich nicht. Seit die Sache mit Marcel in die Brüche gegangen ist, kann ich mit Himmelreich nichts mehr anfangen. Früher war es für mich das Paradies auf Erden. Nun fühle ich mich hier ausgesprochen unwohl. Ich blicke zur Eisdiele hinüber. Dort gibt es das beste Softeis der Welt. Auch wenn das heutzutage in der Stadt niemand mehr anbieten würde, denn ohne Champagner-Limetten-Eis oder Safran-Bio-Vanille-Eis im Sortiment könnte man gleich Konkurs anmelden. In dieser Eisdiele hat mir Marcel im süßen Alter von 18 Jahren einen Heiratsantrag gemacht. Er kniete nieder. Alle starrten uns an. Seine Hände zitterten noch mehr als die von Pfarrer Wohlfahrt vor seinem ersten Glas Wein. Aus seiner Hosentasche fischte er einen Silberring mit einem Schmetterling darauf, und er musste ihn mir an den Zeigefinger stecken, da er sich bei meiner Ringgröße verschätzt hatte und der Verlobungsring zu groß war. Meine Wangen glühten und er wartete auf meine Antwort. Ebenso die sechzehn anderen Dorfbewohner.
»Ja!«, schrie ich und hörte schon die Kirchenglocken. Wie naiv von mir! Ich dachte doch tatsächlich, dass er der Mann meines Lebens wäre.
Falsch gedacht.
Unser Haus hat sich überhaupt nicht verändert. Es passt noch immer kein bisschen ins Ortsbild. Sieht aus, als hätte man es aus der Toskana abgebaut und hier abgeladen.
»Bitte zieh die Schuhe aus! Du weißt ja, wie dein Vater sich über klappernde Absätze aufregen kann. Er hat noch immer Angst, dass sein Boden unsere Frauenschuhe nicht aushält.«
Ich nicke kurz. Oh ja ... er ist ein temperamentvoller Mann, kann sich über alles ärgern und redet ununterbrochen – über das Wetter, gutes Essen und die Liebe – das sind die Bereiche, bei denen er sich auskennt. Finanzen, Steuern oder Vorschriften? Davon hat er noch nie was gehört.
»Lisa, tesoro ... Der Finanzbeamte meinte, ich musse für sieben Jahre Steuern nachzahlen. Wie viel Gelde bekommt der Staate von mir?«, fragte mein Vater eines Tages ganz aufgebracht am Telefon.
»Woher soll ich das wissen?«
»Na du studierste doch ...«
»Psychologie, Babbo!«
»Lernste du da nicht sowas?«
»Nein. Ich kann dir nur helfen, wenn du aufgrund deiner Steuernachzahlung einen Nervenzusammenbruch erleidest. Hol dir einen Steuerberater, Babbo!«
»Ach was ... Niente! In Italien ging das auch immer ohne.«
»Aber nicht in Deutschland.«
Nun ja. Mittlerweile war die Finanz schon länger nicht mehr bei meinen Eltern. Karl König, der Bürgermeister von Himmelreich, macht ihm seit dem Zusammentreffen mit der Finanzbehörde seine Steuererklärung. Im Gegenzug dazu bekommt er freie Kost und Logis von meinem Vater. Logis deshalb, weil der Bürgermeister wirklich Sitzfleisch hat und am Wochenende meist als Letzter das Restaurant verlässt.
»Tesoro!« Mein Vater kommt mit solchem Tempo vom Obergeschoss heruntergelaufen, dass ich Angst habe, er könnte mich über den Haufen rennen. Er drückt mich so fest, als wäre ich eine Calzone.
»Ich hab dich auch vermisst!«, sage ich.
»Lass dich ansehen! Tesoro ... wie du siehste aus ... Haste du nicht geschlafen? Und deine Figura! Tesoro, haste du nichts zu essen?«
»Ach was, Babbo! »
»Lass sie doch, Pietro ... Junge Mädchen achten heutzutage auf ihre Figur!«
Junge Mädchen? Meine Mutter kann charmant sein, das muss man ihr lassen. Überhaupt findet sie immer die richtigen Worte. Sie ist der Gegenpol zu meinem Vater. Ruhig, gelassen und redegewandt. Er hat von Italien kiloweise Temperament importiert und redet nonstop, am liebsten immer dann, wenn es am wenigsten passt. Er trägt sein Herz auf der Zunge. Gut, dass sich meine Eltern gefunden haben. Nicht auszudenken, was aus mir geworden wäre, wäre meine Mutter eine ebenso temperamentvolle Italienerin.
»Wann findet das Begräbnis statt?«
»In zwei Stunden! Das hab ich dir schon fünf Mal gesagt.«
Er seufzt. »Du weißte genau, dass ich kann mir das nicht merken.«
Meine Mutter schüttelt den Kopf. »Dein Vater hat sich überhaupt nicht verändert ...«, flüstert sie und überreicht ihm meinen Koffer.
»Lasst uns etwas essen! Ich habe deine Lieblingsgerichte gemacht.«
»Piccata milanese?«
Er nickt und strahlt überglücklich. Ich glaube, es ist der falsche Zeitpunkt, ihm zu erklären, dass ich mich seit zwei Wochen vegetarisch ernähre.
»Delizioso, Babbo!«, sage ich und folge meinen Eltern in die Küche.
***
Manche Gesichter möchte man nicht sehen, nicht, wenn man so viel Mühe darauf verwendet hat, sie zu verdrängen. Zwischen uns befinden sich einige Meter an Distanz, die mir so gewaltig erscheinen, als würden ganze Kontinente zwischen uns liegen. Nicht zu vergessen die Vergangenheit, die sich just in diesem Moment wieder detailgetreu in meinem Kopf abspielt. Er ist Russland. Ich bin die USA. So in etwa fühlt sich unsere Gegenüberstellung an.
»Hallo Lisa! Wie geht es dir?«
Bamm. ZACK. Dolch ins Herz und Salz in die Wunde. Ich wollte ihm nie wieder gegenüberstehen.
»Danke ... gut!« Ich drehe mich von ihm weg. Doch er greift nach meiner Hand.
»Ich wollte damals nicht, dass es so endet! Das musst du mir glauben!«
»Kann ich nur nicht!«
»Wenn ich könnte, dann würde ich ...«
»Marcel«, stoppe ich ihn ab. »Bitte hör auf. Lass das! Nicht hier und nicht jetzt!«
Das halbe Dorf ist gekommen. Ich stelle mich zu meiner Mutter nach hinten und halte Ausschau. Der Pfarrer beginnt mit seinem Gebet, und zwischen den Trauergästen hindurch erblicke ich den Sarg.
Ein wunderschönes Porträt ist von Nattie vor dem Sarg aus Holz aufgestellt.
Der Sarg ist mit weißen Callas und roten Rosen geschmückt, und vom gerahmten
Bild lachen mich strahlendblaue Augen an. Ein bitterer Anblick, der mir sogleich einen Stich in meinem Herzen verursacht. »Bitte setzen Sie sich«, sagt der Pfarrer, und die Gemeinde tut es. So viele bekannte Menschen sind gekommen. Es zertrümmert mir das Herz, als ich Nathalies Mutter sehe, deren Körper zittert. Hastig hält sie sich ein Taschentuch um das andere vor ihr Gesicht. Meine Mutter sieht mich mitfühlend an und greift nach meiner Hand. Dafür liebe ich sie.
Als der Pfarrer mit den Worten »... doch auf ihrem letzten Weg wollen wir sie nun alle begleiten«, seine Rede schließt und die Menschen aufstehen, setze ich mir meine dunkle Sonnenbrille auf, damit man meine verheulten Augen nicht sehen kann. Meine Mutter und ich schließen uns dem Trauerzug an. Plötzlich taucht Valentina vor mir auf. Kein Wort kommt über unsere Lippen, wir fallen uns einfach nur in die Arme.
»Ich kann es einfach nicht fassen«, sage ich nach einer ganzen Weile.
Valentina nickt bedrückt. »Noch vor ein paar Tagen war sie am Leben. Und jetzt ...«
»Es ist so unfassbar schrecklich. Ich habe das Gefühl, dass genauso gut ich dort im Sarg liegen könnte.« Mir schnürt es die Kehle zu. Valentina umarmt mich erneut und ein paar Tränen kullern über meine Wange. »Wir müssen«, sage ich leise. Valentina hängt sich bei mir ein und wir schließen uns dem Trauerzug an.
Als wir am Grab ankommen, wirft Cleo gerade eine Blume hinab auf Nathalies Sarg. Schoscho und Maike halten einander an den Händen. Der Rest von uns ist gekommen, um Nathalie die letzte Ehre zu erweisen.
»Guten Morgen, Babbo! Wie gehts dir heute?«
»Oh iste lange geworden gestern. Ich als alte Mann sollte vor Mitternacht ins Bett, auch als Italiano. Aber mit die Ristorante ich schaffe das nie.«
»Aber die Mädels haben dein Essen gestern geliebt. Und Cleo ganz besonders deinen Wein.«
»Oh, diese Cleo iste ... Wie sagt man ... Ah! Trinkfest!«
»Ja, Cleo ist trinkfest!«
Obwohl ich selber nur ein Glas hatte, fühlt mein Kopf sich an, als würden Presslufthämmer in meinen Gehirnwindungen Flamenco tanzen. Ich schnüre mir meine Laufschuhe und blinzle der hellen Sonne entgegen. Im Sommer kann ich nie lange schlafen. Tagwache um 5.30 Uhr. Schlafenszeit Mitternacht. Summa summarum bekomme ich jeden Sommer eine Müdigkeitsfalte mehr. Der Abend gestern mit den Mädels war schön und traurig zugleich, denn der Tod von Nathalie hat uns alle aus der Bahn geworfen. Mich mehr, als ich zugeben möchte. Himmelreich wirkt noch erdrückender als befürchtet.
»Tesoro! Willste du etwa schon nach draußen gehen?«, unterbricht mein Vater meine Gedanken.
»Ja, ich geh eine Runde laufen.«
»Möchtest du nicht lieber eine Frühstück? Hier, eine Cornetto ...«
»Nein danke! Ich ...«
»Iste dir lieber deutsche Frühstück?«
»Nein, gar nichts. Ich geh jetzt erstmal laufen.«
»Mama Mia, um diese Uhrzeite! Wie du meinste. Aber lauf nicht zu schnell. Weißte du ja, Sport ist Mord – va bene?«
Ich nicke und er befüllt die italienische Kaffeemaschine mit Wasser und stellt sie auf den Herd.
Am liebsten erkunde ich meine Umgebung im Laufschritt. Es gibt nichts Besseres, um alle Sehenswürdigkeiten einer Stadt dynamisch zu erfassen – sofern eine Stadt Sehenswürdigkeiten hat. Unser Himmelreich ist da eher leer ausgegangen. Pensionierte Bäume, antiquarische Häuser und so alte Einwohner, dass wir hier ein schlimmes Rentengefälle haben und man schon Überlegungen anstellt, ein Seniorenheim in der Nähe des Teiches zu bauen. Früher gab es dort die besten Beachpartys, die versautesten Küsse, Mädels in den kürzesten Röcken und musikalische Talente unter den Jungs, da hätte Dieter Bohlen Augen gemacht. Idylle pur. Jugend. Leichtsinn. Leben. Und nun laufe ich am Teich entlang und vermisse diese lebendigen Zeiten. Ich bin älter geworden, ohne mir eine Prise Leichtsinn bewahrt zu haben. Wie es wohl Nathalie in den letzten Jahren ergangen ist? Ich komme mir schäbig vor, ich hätte sie öfters anrufen müssen. Eine wahre Freundin hätte das getan.
Ich stoppe bei einem Baum, denn ich kriege keine Luft mehr und senke meinen Kopf Richtung Boden. Vieles würde ich dafür geben, meiner Trauer einfach davonlaufen zu können. Ich lehne mich gegen den Baumstamm und nehme einen Schluck aus meiner Wasserflasche.
»Alles Okay?« Eine keuchende Männerstimme ertönt. Marcel.
»Was machst du denn hier? Stalkst du mich etwa?«
»Nein, um Himmels willen. Ich jogge.«
Ich blicke auf seine Sportschuhe, dann auf seinen verschwitzten Oberkörper und wische mir hastig meine Tränen aus dem Gesicht.
»Das mit Nathalie tut mir sehr leid!«
Ich nicke. Betreten sehen wir uns beide an.
»Bist du noch in Wien?«, fragt er und kommt ein paar Schritte näher. Aus Reflex weiche ich zurück. Ich habe mir damals geschworen, dass er mir auch physisch nie wieder nahekommen würde.
»Ja, bin ich.«
»Okay, du willst nicht reden. Und das verstehe ich, aber ...« Er macht eine Pause. »Aber ich möchte mich entschuldigen ... für alles, was ich dir angetan habe!«
»Du meinst die Sache mit dieser –«
»Nicola?« Er lächelt verkrampft.
Schlampe wäre an dieser Stelle wohl zweckmäßiger gewesen. Sie war eiskalt, hat sich immer genommen, was sie wollte, Liebschaften und Affären geführt, wie es ihr passte. Nun ja ... und Beziehungen zerstört. Wie meine.
»Ja, ich rede von deiner Partnerin!« Nun ist es raus.
»Expartnerin. Wir haben uns vor drei Wochen getrennt.«
Ich sehe ihn skeptisch an.
»Es hat nicht mehr geklappt.«
Ich erlebe gerade eine leichte Starre.
»Na dann ...«, sage ich nach einem Augenblick. »Ich muss weiter.« Ich deute auf meine Pulsuhr, die mir blinkend anzeigt, dass ich schon gefährlich lange im Nicht-Fettverbrennungsbereich bin.
»Ciao!«, rufe ich und laufe in Windeseile davon.
Doch Marcel nimmt die Verfolgung auf und trabt neben mir her. Bei ihm sieht die Sache wesentlich leichtfüßiger aus.
»Was genau hast du an ‚Ciao‘ nicht verstanden!«, fauche ich.
»Ich möchte, dass wir uns wieder vertragen. Dass du mir verzeihst! Es ist Jahre her, Lisa ...«
»So einfach machst du es dir? Was? Schnell mal ‚Entschuldigung‘ faseln und dann passt wieder alles?«
Selbst er merkt nun, dass er sich damit zu viel erhofft hat. »Ja, ich weiß, das geht nicht so einfach ...«
»Überhaupt nicht. Man kann Gefühle nicht durch ein simples Wort reparieren. Aber du warst schon immer von dir überzeugt. Glaubst wohl noch immer, dass man dir immer alles verzeiht, wenn du nur einmal dein charmantes Lächeln aufziehst.«
Das hat gesessen. Sein Lächeln fällt zu Boden.
»Du hast recht ... ich ...«
Mit einer Handbewegung schneide ich ihm das Wort ab. Und dann lege ich ordentlich an Tempo zu und sprinte ihm davon.
***
Der Kaffeelöffel klappert immer wieder gegen die Tasse.
