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"Mit diesem Roman werden sich vor allem Dresdner wohl fühlen, denn er handelt dort und der räumliche Bezug wird oft hergestellt. Viel wichtiger jedoch die Geschichte, die auch in der Realität eng mit dieser Stadt verbunden ist. Der Autor wagt es eine Thematik aufzuarbeiten, die Dresden jedes Jahr aufs neue beschäftigt. Eingebettet ein eine mehrere Generationen umfassende Familiengeschichte, wird ein Verbrechen aufgeklärt, welches, soviel kann man wohl vorweg sagen, Rache als Motiv aufweist. Das ganze ist spannend und aus der Perspektive eines Studenten geschrieben, dessen Schilderungen seines Alltages, die eigentliche Geschichte immer wieder auflockern." "Sumpfland kann mit seiner durchdachten, teilweise prosaischen Erzählweise überzeugen. Es liefert nicht weniger als das Porträt einer Generation, die sich nach dem Ende der DDR, die Fragen nach dem Nationalsozialismus erstmals ernsthaft stellt. Nicht abstrakt allgemein historisch, sondern konkret in der Familie, den Beziehungen und an den Orten wo wir leben." "Der Autor schafft es meisterhaft immer mehr Informationen einfließen zu lassen, über drei Generationen gleichzeitig zu schreiben und in jeder Generation Wegmarken zu setzen. Geschickt und ohne ins Stocken zu geraten, lässt Drobot seinen Protagonisten, trotz Alltag und dem Auf und Ab in der Liebe, in die schwarz-weiße Vergangenheit tauchen."
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Seitenzahl: 285
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Marc Drobot
SUMPFLAND
I M P R E S S U M
Sumpfland (Roman) // von Marc Drobot
© 2019 Drobot, Marc. Alle Rechte vorbehalten.
Autor: Drobot, Marc
Kontaktdaten: [email protected]
Buchcover: Drobot, Marc
Lektorat: Salomo, Katharina
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
*Hinweis zur Ausgabe: Es handelt sich dabei um die Wiederveröffentlichung des 2011 beim Dresdner Buchverlag GbR veröffentlichten Romans „SUMPFLAND“. Alle Rechte liegen beim Autor.
Mehr unter: http://marcdrobot.de/sumpfland/
Marc Drobot
SUMPFLAND
***
Eine kalte Eröffnung. Ein Polterabend in einem kleinen sächsischen Dorf. Eine große Pause an einem Gymnasium in Brandenburg. Eine S-Bahn-Fahrt ins Berliner Umland. Ein Campingplatz bei München.
Eine Collage von Übergriffen. Wem passiert so was schon?
Unter blauem Himmel an einer Backsteinmauer lehnte ein schlaksiger Junge mit Haltungsschaden und wirrem Haar, Gedanken an Bilder von Mädchen verschwendend, die es so nicht gab. Er hieß Sebastian und es waren Sommerferien. Er war fünfzehn und überredete seine Eltern bei deren Gartenarbeit, ihn doch mit seinen Freunden zum Zelten an die Ostsee zu lassen. Es gelang.
Nun saßen er und seine Freunde am Timmendorfer Strand und blickten in ein Lagerfeuer. Die Dämmerung zerrte am Umgebungslicht und das Meer war ganz nah. Die Freiheit lag in allem. Sie waren vielleicht betrunken, lachten, hatten Spaß. Da waren ein paar Mädchen aus dem Ort, die sie nachmittags am Stand mehr oder weniger kennengelernt hatten. Sie waren geblieben und scherzten mit den Jungs aus dem Süden. Die Wellen rollten heran und die Nacht machte alle blind. Sebastian unterdessen glühte. Er trank noch weiter vom Hansapils. Irgendwann gefiel ihm eines der Mädchen besonders, sie hob sich ihm schon seit dem Nachmittag aus der Masse der andern Gesichter ab. Er hatte Glück, jemand stand auf und ging pinkeln. Nun saß er neben ihr. Außen herum war nichts mehr zu erkennen, alles verschluckte die Dunkelheit. In den Augen der Verliebten spiegelte sich das Feuer. Viele Augen sahen in das Feuer und die Pupillen waren schwarz und voll großer Erwartungen. Alle hatten das Gefühl, heute Nacht etwas zu entdecken, von dem sie bereits gehört hatten. Sie waren das erste Mal verantwortungsbewusst und selbstbestimmt. Hatten die vielen Worthülsen ihrer Eltern, Lehrer, Erzieher im Ohr, hatten das Allermenschlichste, hatten die irrationale Sehnsucht nach weitläufigen Fehlern im Herzen.
Eine Handvoll schwarzer Silhouetten hatte sich unbemerkt der Gruppe genähert. Es waren riesenhafte Gestalten mit verschränkten Armen. Direkt aus dem Reich der Finsternis; ohne ein Geräusch zu machen, hatten sie sich angepirscht. Jemand, der Sebastian gegenübersaß, musste sie zuerst erkannt haben, denn Sebastian konnte die Angst, den abrupt zerfallenen Gesichtsausdruck, das Verstummen des Lachens an ihm wahrnehmen. Da wusste er, etwas Bedrohliches musste sich hinter ihm befinden. Es hatte Baseballschläger aus Aluminium dabei. Es grollte: „Was macht ihr hier? Ihr kleinen Pisser!“ Jetzt wussten alle Bescheid. Panisch sprangen einige auf, andere kauerten sich zusammen. „Ist das hier ’n Schwulentreff?“
Dann bemerkten die Gestalten die gefärbten Haare, die kindlichen Gesichter, die Angst, die nun da war, wo vorher Ausgelassenheit herrschte. Aus einem kleinen Kassettenrecorder plärrte ein Song der Ärzte. Das hübsche Mädchen schrie: „Lasst uns in Ruhe! Was wollt ihr denn?“
„Halt die fresse, Schlampe! Was sagt deine Mutter eigentlich dazu, dass du den Zecken ihre Schwänze lutschst?“ Und alle lachten im Gleichschritt. Einer packte sie und zerrte sie an den Haaren in die Höhe.
Das Mädchen schrie, es war sehr patriotisch. Dann wollte sie etwas sagen, vermutlich beschwichtigen, doch sofort traf eine Faust ihr schönes Gesicht. Eine Augenbraue platzte auf. Das Mädchen wurde zur Seite geschleudert, konnte aber nicht umfallen, da sie an den Haaren gehalten wurde.
Da sprang Sebastian auf, um sie zu retten. Adrenalin durchsprudelte ihn. Überall um ihn herum war jetzt Geschrei und Bewegung. Doch sein Widerstand wurde bemerkt und niedergeschlagen. Sofort traf ihn etwas Hartes am Hinterkopf. Blut spritzte nun auch bei ihm. Er tastete nach der warmen, pulsierenden Stelle und sackte bewusstlos zusammen. Dann trafen schwere Tritte seinen Körper, als sie nachließen, bewegte er sich schon lange nicht mehr. Der Sand sog alles auf. Im flackernden Licht des Feuers wurde das Überleben romantisch. Dass wild geschrien wurde, störte auch nicht, das Meer übertönte vieles und schluckt nimmermüde die Demütigungen der Schwachen.
Es wurde gerannt und hinterhergerannt, bis Ruhe einkehrte und die Hungrigen satt waren. Sie nahmen den halben Kasten Bier als Beute und verschwanden dorthin zurück, woher sie gekommen waren. Bald waren sie verschluckt im Dunkeln, ihre Stimmen aber sangen noch lang „Deutschland, Deutschland über alles!“
Unterdessen lagen überall um die Reste des Feuers verletzte Kinder im Sand. Die wenigen, die dem Überfall heil entkommen waren, zögerten zurückzukehren. Die Zeit verstrich sehr langsam. So langsam, dass niemand mehr sagen konnte, wann es geschehen war. Es war für immer geschehen in den Köpfen der Kinder. Sie hatten einstecken müssen und nun mussten sie es mit sich rumtragen. In diesem Zusammenhang fand die spät auf den Plan getretene Polizei niemanden. In den umliegenden Siedlungen kamen einige Jungs spät nach Haus.
Der Urlaub war dann Geschichte. Rettungssanitäter brachten Sebastian in ein Krankenhaus in Wismar. Man rasierte ihm den Hinterkopf und nähte die Platzwunde mit dreizehn Stichen. Er hatte einiges an Blut verloren. Nachdem sein Kopf versorgt war, zog man ihn bis auf die Unterwäsche aus. Dann behandelte das Personal der Notaufnahme die Prellungen, die seinen gesamten Körper bedeckten. Zwei Rippen waren gebrochen. Am nächsten Tag kamen dann die Schmerzen bei jedem Atemzug. Glücklicherweise hatte seine Lunge nichts abbekommen. Seine Kumpels waren zum Teil auch verprügelt worden. Einer konnte sich ins Meer flüchten, ein anderer entkam dem Strand in der Dunkelheit. Viele aber mussten mit ähnlichen Verletzungen wie Sebastian behandelt werden. Auch das besondere Mädchen wurde eingeliefert, sie musste die Nacht im Krankenhaus verbringen. Ihr Gesicht war geschwollen. Ein Verbund aus Sand, Blut und Haaren hing strähnig über ihr Gesicht. Man machte sie sauber, gab ihr Beruhigungsmittel und brachte sie auf die Kinderstation. Dort betreute man sie, bis ihre Mutter eintraf, die die Nacht bei ihrer Tochter verbrachte.
Gegen Mittag des nächsten Tages trafen Sebastians Eltern ein und sprachen mit der Polizei. Dann wurde Sebastian in ihrem Beisein befragt. Er erzählte, was er wusste. Erinnerung war so einfach nicht möglich. Seine Mutter war sehr aufgebracht, fast hysterisch, sie drückte stark seine Hand. Sein Vater hatte ein sorgenvolles Gesicht, versuchte aber, Ruhe und Zuversicht auszustrahlen, um die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Vier Tage später nahmen seine Eltern ihn mit zurück nach Dresden.
Die Tage vergingen, die Fäden wurden gezogen, das Haar wuchs erneut und verdeckte die Narbe. Körperlich ging es Sebastian bald besser. Das besondere Mädchen sah er niemals wieder.
„Alles gleitet ab, als ob jemand meine Seele teflonbeschichtet hat“
Kinderzimmer Productions 1998
Zoe: Du kannst nur ernsthaft um deine Geschichte trauern, denn nur sie war von Anfang an dabei. Ansonsten warst du allein, hast erst spät Bekanntschaften geschlossen, hast die andern in dein Herz aufgenommen. Und wenn sie dann wieder fort waren, aus diesem oder jenem Grunde, dann hattest du dieses Gefühl, das dich zerbrechen wollte. Doch niemals verlierst du ja was, was du schon immer hattest, du machst also nur einen Schritt zurück. Wozu also Verzweiflung. Solang deine Geschichte noch da ist, kannst du immer am gleichen Punkt ansetzen. Verlierst du aber sie, dann kann es keine Ausflüchte mehr geben, du musst selbstverständlich verzweifelt sein. Vor Kurzem zum Beispiel, da war dieses Mädchen, sie sah gut aus und hat mich sitzen lassen. Wenn ich heute zu ihr sage: „Ich kann nicht ohne dich leben“, dann muss ich einen halben Atemzug später laut aufschreien und mir vor Lächerlichkeit die Augen wischen. Soll sie doch machen, was sie will. Sie war schließlich nicht dabei, am Anfang meine ich, als ich empfangen wurde, wieso sollte gerade sie – oder eine von all den anderen – bis zum Ende bleiben? Menschen kommen und gehen, die meisten unbedacht der Konsequenzen. So ist es mittlerweile für die NEUEN sehr einfach geworden zu lernen, dass man sich besser allein seinen Weg durchs Dickicht schlägt, obwohl auch dort Begegnungen möglich sind und Gespräche oder besser Diskussionen, die dabei manchmal auch ganz neue Dinge zutage fördern. Oft sind sie ja einerlei, die krummen Gedanken, auch wenn sie hin und wieder verschlungene Pfade ausleuchten. Vom Anfang durch die Seiten bis zum Ende! Doch auch mit diesem Wissen bleibt es weiterhin schwer. Immer sind die Nächte dunkel. Immer fühl ich mich dann unten und raus. Unmenschlich bitte ich euch also: Seid Geschichte. Bleibt bis zum Schluss.
„Die Zeit der Zerwürfnisse endet niemals. Die Jugend zerfasert sich durch ein Überangebot an Gütern. Die Gedanken zerfasern sich ebenso an Alltagsdingen. Die Möglichkeit klar zu denken, wird durch unseren Drang nach einem aufgefächerten Leben stark eingeschränkt. Weiß man davon, muss man sich um Himmels willen zurückziehen, denn ein begrenzter Kosmos kann auch fruchtbar sein. Ein Haus mit bekannten Zimmern bietet weniger Ablenkung und fokussiert dich auf dich. Reduziert dich auf dich. Du musst nur vorsichtig sein, wie immer bei diesen Dingen, damit du nicht an dir selbst zugrunde gehst. Verstehst du, was ich meine?“
Ich überlegte, ob diese Sätze passen würden, um mit irgendwem oder irgendetwas Schluss zu machen. Etwas hatte immerhin dazu geführt, dass ich wieder allein leben würde. Aber war das nicht immer so gewesen? Ich konnte mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was nun wie war. Ich schaute mich um und suchte nach Anhaltspunkten, doch mein Blick ging über sie hinweg. Dann kam das Innere dran und damit die Fragen. Eine Menge Fragen und am Ende die eine: Ist es nicht auch unmenschlich, von Einsamkeit zu träumen? Ich träumte bevorzugt von Menschengruppen, in denen jeder den gleichen Status innehat. Doch ich träumte viel, bei mir waren es sogar wirkliche Träume, keine ideologischen. Doch! So also stand ich damals allzu oft unter schlechtem Einfluss, denn diese Gehirnmüllutopien wirkten oft die ersten Stunden des Wachseins nach. Ich brauchte manchmal ewig, um mich wieder zurechtzufinden. Die Phasenverschiebung der unterschiedlichen Zustände zueinander machte mich dermaßen kirre, dass ich den Automatismus des Kaffeeaufsetzens meinen Nervensystemen überlassen musste, noch traute ich ihnen das zu. Dazu waren sie gerade noch zu gebrauchen.
Ich erinnere mich, es war dann kurz nach zwei, als ich aus dem Fenster auf eine fahle Außenwelt schaute. Und es wurde klar, dass wir uns offensichtlich noch immer in Dresden befanden. Später wollte Gerald vorbeikommen? Ich wusste erst nicht, wer das sein sollte. Später dann doch, als die ersten Erinnerungen sich lösten und aufstiegen aus dem Dunkel der Vergangenheit. Die ist ja immer. Und dann vermutlich wieder Fußball im Alaunpark.
Seltsam, diese Wortkombination funktionierte in meinem Verständnis eigentlich nicht. Kaliumaluminiumsulfatpark – leblos, mineralisch, freizeitfremd. Dabei war er das grüne Zentrum der Neustadt, des Stadtteils der charakteristischen Leute, des Stadtteils der softeisverklebten professionellen Nachlässigkeit. Doch niemand befragte diese Widersprüche.
Überhaupt kam es mir immer öfter so vor, als sei diese ganze Stadt voll von dynamischen Gemüsehändlern, die auf Ordnung und Sicherheit hofften. Unnötig zu sagen, dass diese schon lang nicht mehr Teil der Lösung waren. Die Gehwege wurden von ihnen beherrscht und wessen Äußeres einen nicht als Kunde zu erkennen gab, der hatte auf der Fahrbahn zu gehen. Typischerweise waren dies oft die ersten Anzeichen dafür, dass sich ein unschönes Viertel begann auszutauschen. Und unschöne Viertel ließen sich finden. Und dort engagierten sie sich mit allem, was ihnen gegeben ward, aber sie lasen zu wenig Brecht. Und wenn ein paar arme Schweine sagten: „Wir sind die Guten“, dann sagten sie: „Na, wir doch aber auch.“ Der Kleinmut, so dachte ich, ist eben kein Klassenphänomen, der steckt nicht nur in den wohlfeilen Waren.
Von diesen Überlegungen nun selbst etwas bekümmert, zog ich mir eine Hose an, die entfernt und zerwaschen an eine japanische Samuraikluft erinnerte. Sie hing nur so herab, ansonsten aber blieb ich weiterhin nackt, auch wenn ich seit einigen Tagen das Gefühl gehabt hatte, von den Nachbarn gegenüber beobachtet zu werden. Und das machte mich nervös. Besonders verdächtigte ich einen unsympathischen Schinder mit großer Brille. Ihm gehörten mehrere Geschäfte im Viertel. Jemand hatte ihn vor Kurzem angefahren und nun musste er für einige Wochen im Rollstuhl sitzen. Ich warf beleidigende Gesten durch das Fenster und schleppe mich zum Kühlschrank. Mit einem Rest Wodka wusch ich mir dann eine üble Schürfwunde am Ellenbogen aus. Das bisschen und nicht mehr war von der Nacht geblieben. „Du stehst auf und versorgst deine Wunden.“
Claudi, meine Mitbewohnerin, war wohl unterwegs, sodass niemand mein Leiden kommentieren würde. Manchmal machte sie mir Tee, wenn ich nur krank genug aussah. Aber ich hatte Glück, der Schmerz wirkte besser als Hochlandkaffee und trieb mich sofort nach vorn. Es war kaum später, als ich mich ertappte, wie ich meinen Bauch streichelte. Da klingelte es auch schon. Gerald?
Es dämmerte draußen sofort, die Jungs waren gegangen, der Schmerz im Knie pulsierte, Fußball war einfach nicht mein Sport. Auf meinem Sessel sitzend schlief ich hungrig ein. Als ich erwachte, fiel mein Blick als Erstes auf einen unheilvollen Stapel aus Büchern, Heftchen und niederen Aufzeichnungen, gekrönt von einem alles schluckenden MP3-Recorder. Ich wendete angewidert meinen Blick ab und öffnete mein Gehör. Von nebenan drang Musik herüber. Es störte mich sofort, doch ich wollte niemandem begegnen und daher nahm ich diese Last in Kauf. Als ich mich entschloss, mir ein Glas Wasser aus der Küche zu holen, bekam ich unfreiwillig mit, dass Claudi höchstwahrscheinlich mit ihrem Freund im Bett war, Marc, ein unangenehmer Zeitgenosse, den ich nicht über die Türschwelle lassen würde. Doch Claudi hatte ihn nun einmal erwählt und somit konnte ich dies kaum unterbinden. Marc selbst hielt sich für einen Harmoniemenschen und Romancier. Er ging seiner Umwelt am liebsten damit auf die Nerven, dass er von seinen bescheuerten Esoterikkrimis erzählte, die sich, wie nicht anders zu erwarten, extrem gut verkauften. Er war also populär und er hatte sich am Markt durchgesetzt. Auch sein ausdauernd trainierter Körper wirkte durchaus anziehend auf mich.
Dennoch überwog meine Antipathie, denn mir waren Menschen wie er, die die Gesellschaft nicht wenigstens ein bisschen hassten, zutiefst zuwider. Ich habe selten zugehört, wenn er sprach, irgendwie fand ich es eine Frechheit, dass er jedes Mal, nachdem die beiden miteinander geschlafen hatten, aus Claudis Zimmer kam, sich einen Kaffee machte und plötzlich das Bedürfnis hatte, mit einem Mann reden zu müssen. Ich dachte: Der soll mich verdammt noch mal in Ruhe lassen mit seinem Großer-Bruder-Gequatsche! Ich bin schließlich nicht sein Fan! Zugegebenermaßen war ich aber auch durchaus eifersüchtig, denn seit einigen Tagen kam ich von den Gedanken an Claudi und ihren Körper nicht mehr so bereitwillig los, wie es noch vor einigen Wochen möglich war. Ich muss sagen, sie war auch nicht sonderlich mein Typ und ihre Beschreibung passte wohl auf die meisten Menschen: eine hübsche Gestalt, dunkles schläfenlanges lockiges Haar, ein schön geschnittenes Gesicht, schmale Nase und tiefe Augen für geheime Blicke. Ihre Lippen waren meist geschlossen. Ich konnte sie nicht lang ansehen, ohne sie anzustarren. Man könnte aber sagen, ihr ganzer Körper passte zu ihr. Dennoch wirkte sie nur in manchen Momenten verführerisch oder besonders weiblich. Sie legte keinen Wert auf tägliche Beteuerungen ihrer Schönheit; seit sie vierzehn war, wusste sie natürlich, dass sie von einigen begehrt wurde. Von anderen nicht. Ihre Schultern waren schmal. Und ging sie in Jeans und Kapuzenpulli zum Bäcker, schaute ihr selten jemand hinterher. Mit leichten X-Beinen und schwerem Schuhwerk bewegte sie sich auch nach Sonnenuntergang noch sicher durch die Zone. Und bis vor Kurzem waren wir fähig gewesen, in dieser WG ohne sexuelle Komplikationen oder Hoffnungen miteinander zu leben. Doch dann gab es ein Ereignis. Ich war in der Küche beim Lesen eingeschlafen, hatte wohl auch wieder mal mit dem Zeug von Gerald übertrieben. Jedenfalls schlief ich fest mit dem Kopf auf der Tischplatte, als Claudi, es muss gegen vier oder fünf gewesen sein, aus ihrem Zimmer kam, um ins Bad zu gehen. Sie hatte wohl nackt geschlafen und hielt es für ungefährlich, nun schnell aus ihrem Zimmer auf Toilette zu huschen. Der zivilisatorische Aufwand, sich ständig an- und auszukleiden, macht ja auch tatsächlich wenig Sinn. Jedenfalls hatte sie mich nicht am Tisch kauern sehen. Die Toilettenspülung weckte mich dann. Als ich bemerkte, wo ich war, drehte ich mich um und erhob mich. Es war dunkel, als Claudi aus der Tür trat und mir auf etwa drei Meter gegenüberstand. Nackt. Sie erschrak wohl heftig und ihre kleinen festen Brüste hoben und senkten sich. Sie sagte nichts. Im Dunkeln wirkte ihr Körper sehr kontrastreich. Ungeachtet dessen, dass sie gerade dem Schlaf entschlüpft war, war ihre Haut straff und ihr Herz pumpte begeistert. Tagsüber ging sie laufen, nun aber war alles hervorgehoben, was nicht zu ihr als sachlicher Mitmensch passen wollte. Ihr schwarzes Schamhaar verschmolz hemmungslos mit der Dämmerung, die uns zu umgeben schien, wie warmer grauer Schlamm. In dem Moment aber, da ich nun spürte, wie der Drang stärker wurde, zu ihr schlingern zu müssen, um wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen, packte mich unsanft eine Moral und ich drehte mich unter Schmerzen weg. Nicht jedoch ohne sie zuvor schamlos gemustert zu haben. In diesem Moment hatte ich sie begehrt, zum ersten Mal seit einem Jahr, das wir nun schon zusammenwohnten, und dieses Gefühl beharrte nun darauf, ernst genommen zu werden. Dann war sie verschwunden und aus meinem Begehren wurde reine Pragmatik: Ich bekam eine Erektion und es war nicht schwer, sie wieder loszuwerden. Das lag zurück.
Und nun war sie vermutlich wieder nackt, bewegte sich, atmete, zeigte alle Anzeichen von Leben, ließ ihr verschwitztes Haar durchwühlen, ließ ernsthafte Berührungen stattfinden.
Na ja, ich machte mir keine Sorgen. Ich schlurfte mit dem Wasserglas zurück in mein Zimmer, sah wieder auf diesen Stapel, den ich gern „Recherchehaufen“ nannte, und versuchte, an die Altvorderen zu denken. Denn darum ging es in irgendeiner Art und Weise in all der zurückliegenden Zeit. Sie waren aus ihren Gräbern gekrochen und hatten mich aufgesucht. Ich dachte: Lass die Toten ihre Toten begraben – und dann an den Abwaschberg in der Küche, zustande gekommen aufgrund des Broken-Windows-Effekts.
Auf dem Boden meines Zimmers lagen ungewaschene Gegenstände, Geschirr, Klamotten, und dort in dieser verhassten Ecke die erwähnten Stapel, abgetrennt von der restlichen Lebendigkeit dieser meiner Unterkunft durch eine imaginär das Parkett zerschneidende Linie: Schuhkartons mit bedruckten Seiten, Fotos von vorgestern, Skizzen von Formen und Zeiten und alles Mögliche an elektronischem Equipment. Ein Müllhaufen der jüngeren Geschichte also. Das Sonnenlicht waberte im Laufe eines Tages durch das gesamte Zimmer, diese Ecke aber blieb dunkel und verschlossen. Spinnenweben und Staub waren natürlich überall, doch historisch auch wieder nur in dieser Ecke. Ich zweifelte, ob ich sie jemals würde ohne Schaudern betreten können. Ich hatte dadurch schwachsinnigerweise meinen Lebensraum selbst eingeschränkt; wollte ich in mein Bett, schob ich mich behutsam zwischen Schreibtisch (Hohlblocksteine und eine Sperrholzplatte) und Recherchehaufen vorbei. Und das kindliche Spiel „Der Boden ist Lava“ wurde aus der Erinnerung echt, so echt, dass ich froh war, durch dieses Spiel gewisse Fähigkeiten erworben zu haben, die mir nun meinen Verstand retteten. Ich arbeitete selbstverständlich nur nachts in dieser Ecke, fünf 100-Watt-Glühbirnen leuchteten dann das Zimmer gleichmäßig aus und die Grenzen schwanden, Schatten würde man vergeblich suchen.
In Wirklichkeit ist das natürlich Quatsch. Es machte mir nicht das Geringste aus. Was sich in den Artefakten abspielte, spielt keinerlei Rolle. Ich hatte einfach nur Dinge erfahren, dennoch war mein Zimmer selbstverständlich hell und übersichtlich eingerichtet. Ich fühlte mich keineswegs betroffen und war ganz im Hier und Jetzt. Klar hatte auch ich damals schon einige Narben davongetragen, aber keine, die der Rede wert gewesen wären. Wer kann schon von sich behaupten, keine zu haben? Diese kleinen Erzählungen bildete ich mir also gern ein, um bei der ganzen unkonkreten Nacktheit mich selbst moralisch verpflichteter zu fühlen, nach Aufklärung zu suchen, weiterzuarbeiten, eine eigene kleine Geschichte zu erzählen, den Dingen einen Rahmen zu geben. Am Ende, so dachte ich zeitweise, kommt vielleicht eine Diplomarbeit raus. Aus akademischer Sicht schien es mir zuerst also eine lohnende Angelegenheit zu sein. Einen offensichtlicheren Grund konnte ich beim besten Willen nicht finden, daher hatte ich mir schlechterdings einfach selbst eine Mystik auferlegt, die mich mit ihrer Eigenschaft, undurchschaubar zu sein, weiter trieb, ja, antrieb. Außerdem machte es sich einfach besser, man ist Teil des Lichts als Teil der Dunkelheit, erhellend und nicht dämmernd.
Denn, da haben wir’s ja wieder. Oberflächlichkeit und Verklärung liegen ja immer vor. Wie Staub über der Stadt, dem Land, dem Planeten. Und gerade deshalb bedarf es keiner weiteren Erklärung für Zeit und Ort und dieser Tag im Jahr des Hahnes konnte ebenso gut der Anfang wie das Ende sein.
Ich wählte den Anfang, denn es war der erste sonnige Tag und die Stadt hatte sich rausgeputzt, ein guter Grund, und um gleich auf den Punkt zu kommen: Die Trümmer waren nur noch Anschauungsmaterial, die Sonne brach sich niedrig durch die offene Innenstadt, fast wie modern städtebaulich geplant sind da die Lücken in den Gebäudeformationen, Lücken, bewachsen, mit Menschen. Es war schön.
Und die Elbe lag da. In ihr spiegelten sich urbane Gebäude, Brücken Wasserfahrzeuge, ganz hübsche Dinge mit frischem Lack, Putz und Beton, die der Gegend das Gesicht aufsetzten, respektabel und verkaufbar zu sein. Dann aber auch Plastikflaschen, die auf dem Fluss schwammen, und verborgen im Schlick Gummireifen und andere unnatürliche Dinge. Die Wiesen waren noch eine Zeit lang nicht wieder grün und die alte Sumpflandschaft ließ sich hinter der Kultivierung erahnen. Am linken Elbufer schlenderten an diesem Sonntag viele Menschen zwischen Augustusbrücke und Blauem Wunder.
Ein Schlendern, welches -gut oder schlecht- auch mich erfasst hatte und dass unzählige Ziele kannte. Daher und ohne eigentlich genau sagen zu können warum, war ich aufdemElberadwegunterwegs und fuhr mit einem unauffälligen Rad zwischen den Menschen hindurch, wich ihnen aus, bremste ab, entging entgegenkommenden Rad- und Inline-Fahrern. Ich schlenderte also ebenfalls und hörte die Menschen sprechen. Sie wussten nicht, dass sie mir unabsichtlich ein Bild der Seele der Stadtmenschen malten, vielleicht nur dieser Stadt, vielleicht nur dieser Spaziergänger, vielleicht nur das Negativ von mir selbst. Ich war nicht sehr schnell und konnte frühe Vögel hören. Ich überholte ein junges Pärchen, das sehr verwachsen wirkte: „… dann brauch ich ja gar nicht weiterreden, das ist ja dann nur Firlefanz.“ Ich rollte weiter, die Bäume rauschten im Wind und Gemurmel von Kindern lag in der Luft. Dann eine alte Frau mit einer Familie im Geleit. Ich konnte erkennen, dass ihr zweifelsohne jeder Schritt Schmerzen bereitete: „Zwei Stunden sind zu lang.“ Ihr Protest mischte sich munter hinein in das Stimmgewirr. Zwei junge hochgewachsene Läufer: „… wieder nach Dubai, zum Abschlussmeeting …“ – „… muss ausziehen …“ – „… kein Verständnis …“ – „… Arschloch …“ – „… weiß nicht …“ – „… Achim hat ’ne komische Art von Humor …“ – „… die Abwasserrechnung …“
Dann schlug ich mich etwas über die Wiesen, um den strömenden Familienbündeln, den kriechenden Pärchenanordnungen zu entgehen.
Den Sud aus Nettigkeit und Kosmetik hinter mir lassend, traf ich – wachsam die skeptischen Blicke alles Männlichen verzeichnend – auf einen weiteren Ort. Familiengeschichte. Ein Tiefpunkt, direkt an der Oberfläche, der trotz starker Zerwürfnisse innerhalb der familiären Gemeinschaft für einen Aufschrei, für beinahe Entsetzen gesorgt hatte. Denn an diesem Ort, auf diesem ehrwürdigen Pflaster wurde der Paterfamilias frevelhaft niedergestreckt. Es folgte das „sinnlose“ Sterben eben jenes (meines) Großvaters Franz-Peter Stromer.
An diesem Fixpunkt angekommen, stieg ich vom Rad und war nicht besonders gerührt. Sah mich um, machte Notizen, berührte das Kopfsteinpflaster und blickte den Leuten in die Augen. Doch es blieb dabei, es war wohl auch nur ein Ort wie jeder andere. Denn sorgsam hatte man die Leichen gleichmäßig verteilt.
Als mein Großvater 1993 erschossen wurde, spielte ich mit Freunden Fußball im Alaunpark; die Sprunggelenke waren noch in Ordnung und die Tage strukturiert durch Schule, Hausaufgaben, Freizeit. Wieder einmal denke ich daran. Bewusst in Bildern, die sich mein Gehirn ausmalt, schieben sich die Worte und Geschichten – denn es sind mehr Geschichten als Aussagen – ja, die Geschichten all der verschiedenen Menschen zusammen und ergeben Bilder in einer Abfolge oder auch einzeln. So tauchen sie wieder auf bei vielerlei Gelegenheit und versperren mir die Sicht. Was ist damals passiert? Und auch wenn ich es nun weiß, was damals passiert ist, bleibt die Frage: Wieso ist es so passiert? Heute ist ja heute, doch auf einer Zeitachse kommt man zu dieser Stunde nur, indem man die Punkte der Vergangenheiten unserer Biografien verbindet und die Linie bis hierher verlängert.
Er wurde erschossen in einem Alter, in dem die meisten Menschen, die erschossen werden, schon tot sind. Ich weiß nicht, was ein Mann wie er mit siebzig Jahren vom Leben noch erwartet. Ermordet zu werden, gehörte jedenfalls nicht mehr dazu. Die Zeiten dieser Ängste hatte er bereits seit Jahrzehnten hinter sich. Nun war er nur ein alter Mann, der durch die Prager Straße schlurfte und sich einige Eigenarten zugelegt hatte. Eigenarten, die seine Umwelt eben seinem Alter zuschrieb. Und in der Art, wie sich seine Schuhe auf dem festen Pflaster abnutzten, nutzte sich auch das Bild ab, das ich von ihm in mir trug. Vieles eines Lebens bleibt wohl für immer auf der Strecke. Großvater war daher wie eine Pinnwand, an der eine Handvoll Ereignisse festgemacht waren, die miteinander in Beziehung standen (vielleicht wie Zahlenbilder). Ein Charakter wie er konnte wohl auch nur eine Mischung aus Fakten und meiner Fiktion sein. So lichtlos und unkonkret mit mir verbunden, dass ich immer wieder das Bedürfnis hatte, ihn beim Familiennamen zu nennen, nicht Großvater, nicht Opa, nicht irgendwas Persönliches, nicht, als würde mich das hier etwas angehen. Denn es gab Gründe, warum ich nichts Genaueres wusste:
Er überwarf sich an einem Jahre zurückliegenden Familiengeburtstag mit seinem Sohn – meinem Vater. Dieses Ereignis gebe ich als Grund an, weshalb ich selbst zu seinen Lebzeiten nur sehr sporadisch Kontakt zu ihm hatte. Um den Frieden zu wahren, wurden selbstverständlich auch weiterhin Familienfeiern und andere wiederkehrende Festivitäten im Kreise der Familie abgehalten, an denen auch ich teilnehmen musste, doch spürten die Anwesenden nur Kälte. Das Schweigen wurde simplerweise mit Worten über Sportereignisse gefüllt. Der Streitpunkt kam zu Lebzeiten meines Großvaters nie mehr auf den Tisch, er nahm ihn vorübergehend mit ins Grab.
Doch zum Zeitpunkt der Überwerfung lag es wohl kurz und bündig offen da, aus einer verschütteten Spalte freigelegt, sich aus den Tiefen an die Oberfläche gebohrt wie Bebop und Rocksteady, hervorgetreten, wer weiß, durch Erosion? Durch den Klimawandel, der vermutlich schon damals eingesetzt hatte? Vater wiederum war so gekränkt, dass er an jenem Nachmittag – auch er hatte getrunken – aufsprang, auf Großvater zuging und mit geballten Fäusten so etwas schrie wie: „Du verbohrtes Arschloch! Wie kannst du Nazischwein nur mein Vater sein?“ Dann packte er mich und meine Schwester und trug uns wie eine Katzenmutter nach draußen und weiter bis zur Straßenbahnhaltestelle. Dort stand bereits unsere Mutter, völlig aufgelöst und verheult. Tamara, meine Schwester, und ich, wir sahen einander verdutzt an und begannen auch zu weinen. Als Letzter weinte mein Vater. Nie wieder haben wir unseren Vater so emotional erlebt, so befremdlich ausufernd in den Extremen Liebe und Hass. In diesem Moment brannte es sich wohl in unsere kindlichen Gehirne: „Nazischwein – Vater – Sein“.
Ich glaube, Vater schleppte uns die hundert Meter, um wieder Herr seiner Wut zu werden. In der Bahn sahen uns die Fahrgäste alle komisch in unsere verheulten Gesichter und da wurden Tamara und ich auf die Schöße von Mutter und Vater gesetzt. Die Familie rückte ganz dicht zusammen.
An den darauffolgenden Tagen gab es Regen. Wo früher Gebäude standen, wo später Trümmer lagen, war nun Matsch; wir liefen mit verschiedenfarbigen Gummistiefeln in der zerschlagenen, der umgeformten Johannstadt umher und während die Elbe trank, sangen wir selbst gedichtete kindliche Lieder, zusammengesetzt aus übel riechenden Fetzen der Erwachsenenwelt. „Du bist klein und gemein, dein Vater ist ein Nazischwein“ und so weiter. Wir hielten in diesen Tagen zusammen. Die anderen Kinder der Gegend mochten uns verständlicherweise daraufhin nicht besonders.
Zurück zu seinem Mord sowie zu seinem Leben.
Großvater mit seinen siebzig Jahren blickte in diese postkommunistische Sonne, rückte seine Brille zurecht und dachte sich sicher nichts dabei. Unter all diesen bunten Menschen saß er auf einem Campingstuhl hinter seinem kleinen Trödelstand. Jedes Wochenende, am Sonnabendvormittag, fanden sich die Trödler auf dem gepflasterten Elbufer gleich neben der Albertbrücke zusammen. Sie bauten ihre Stände auf und hofften auf günstiges Wetter, denn dann würde der Besucherstrom bis zum Nachmittag nicht mehr abnehmen. In all dem unnützen Plunder suchten die Menschen nach sich selbst und fanden nur Gelegenheiten, ihre Besitzlüsternheit mit Sammelgefühlen zu kombinieren. Ganze Wohnungen wurden so zugestellt mit Überdauertem, ganze Regale gefüllt mit vergilbten Büchern.
Stromer verachtete insgeheim dieses Verhalten. Er stand nur hier, um seinen eigenen Plunder loszuwerden und, wie er sagte, auch mal rauszukommen an die Sonne. Auf seinem Tapeziertisch, den er sich Woche für Woche von einem Nachbarn lieh, hatte er mehrere weiße Tischdecken ausgebreitet, davon gab es in Stromers Haus eine beachtliche Menge. Und diese Tischdecken, die seit dem Tod seiner zweiten Frau Margot kaum noch Verwendung fanden, flatterten mit ihren Beschwerern, die wie verschiedene Südfrüchte aussahen, im Vormittagswind. Die Möwen standen in der Luft. Auf diesen Tischdecken hatte er seine monumentalen Schnitzereien aufgebaut. Kleinkunst aus Überdruss. Engel verschiedener Größe und Nacktheit und, hier lag das Besondere an seinem Angebot, vier etwa dreißig Zentimeter hohe hölzerne, mit Klarlack überzogene Skulpturen, denen eine intakte Frauenkirche als Modell gedient hatte. Sie fanden Beachtung. In einer Zeit, in der das kollektive Trauma der vergangenen politischen Systeme nicht nur in den Herzen, sondern auch in den Straßen, an neuen und alten Gebäuden sichtbar wurde, bedeutete eine Frauenkirche, wie es sie für viele der Passanten nie gegeben hatte, unzerstört, ein kleines Heimatglück. Zumal niemand das handwerkliche Geschick herabgewürdigt hätte, das dazu nötig gewesen war, solch lebensechte Reinkarnationen eines Sandsteingebäudes in gewachsenem Holz auferstehen zu lassen.
Stromer hatte noch einige davon im Keller, wo sich auch seine gut ausgestattete Werkstatt befand.
Dabei handelte es sich jedoch keineswegs um einen festen Bestand, es kamen immer neue dazu. Er arbeitete hart und konzentriert bis weit in die Nächte, das führte dazu, dass sich das Zimmer begann, mit Holzskulpturen zu füllen. Und über die zahlreichen Versuche muss er dann tatsächlich ein annehmbarer Holzbildhauer geworden sein. Vieles andere aber vernachlässigte er wohl darüber. Irgendwann, wahrscheinlich nach einer von vielen Streitereien zwischen ihnen, bestand Margot – sie drohte mit dem Verbrennen im Garten – darauf, dass diese „Klötze“, die mittlerweile auch den Rest des Hauses zu bevölkern begannen, aus jenem verschwänden. Man einigte sich darauf, sie peu à peu auf dem Trödelmarkt zu verkaufen. Und da dieses Verkaufen eher ein Verschenken war, wurde in den Kellerregalen allmählich auch wieder Platz für Eingemachtes. Stromer war es egal. Es ging ihm einzig um die Arbeit, die er mit ihnen hatte, da wäre die reine Vernichtung ihm unsinnig vorgekommen. Hätte Margot jedoch darauf bestanden, nun, letztlich hätte er auch dem zugestimmt.
Einem Kind fiel ein Eis zu Boden, ein anderes Kind trat hinein. Altes Zeug wurde verscherbelt. Ein Mann lief umher. Dieser Mann sah älter aus als Stromer selbst. Seine Augen: irgendwie schlaflos. Mit Pullover und Jeans bekleidet, nichts Besonderes also. Er wählte den direkten Weg und lenkte seine Schritte auf Stromers Stand zu, der gerade zwei blutjungen Mädchen mit irgendwie gestrickten Jacken eine seiner Frauenkirchenskulpturen verkaufen wollte. Sie hatten beide kurz geschorenes blondes Haar und hielten sich an den Händen. Die beiden Männer wunderten sich über nichts mehr, denn scheinbar, unabhängig voneinander, waren sie alt geworden. Sie führten kein Leben mehr, sie standen daneben und sahen zu, ohne zu werten, ohne sich irgendwie aufzuregen oder mitzustreben. Denn etwas warf schon lange Schatten und in diesem Schatten wollten doch beide insgeheim diese Mädchen küssen, als wären es ihre Mütter, die sie doch schließlich schon einmal in die Mitte des Lebens gesetzt hatten. Es reichte einzig, dass sie jung waren, um die alten Männer in ihrem Innersten zu berühren. Der eine empfand Hass, der andere Sehnsucht. In diesem großen Schatten also geschah es.
Der Fremde, eine alles in allem faltige Gestalt, trat Stromer gegenüber. Seine Bewegungen waren so langsam, dass alles ihm entkommen konnte. Er drängte die beiden Mädchen mit seinem alten schweren Körper langsam zur Seite. Die regten sich auf und beschimpften ihn, nannten ihn einen „geilen alten Sack“, doch das halbe Spektrum ihrer hohen, nichtssagenden Stimmen konnte er sowieso nicht mehr wahrnehmen. Er versuchte, Stromers Augen in den Blick zu bekommen, was ihm nicht gelang. Stromer wich dem stumpfen Betrachten aus. Mit beiden Händen umklammerte er die Frauenkirchenskulptur, die er den Mädchen gerade gezeigt hatte. Unterdessen wickelte der Fremde vorsichtig eine Pistole, eine P 08, aus einer Aldi-Plastiktüte und nahm das Stück Mechanik in die Rechte. Er flüsterte selbstvergessen: „Endlich!“ und richtete den Lauf links geneigt zu Boden. Stromer erkannte die Waffe als Waffe, aufgrund seiner Sehschwäche, erst sehr spät, zuvor ergriff er sofort Partei für die respektlos behandelten jungen Damen und blaffte den Fremden sichtlich verärgert an: „Was soll das denn hier? Sie sehen doch, dass ich die Damen bediene, also verhalten Sie sich mal friedlich!“
„Friedlich?“ Der Fremde lachte nicht einmal. Er mühte sich ab, um mit der Linken den Verschluss zu spannen. Eine Patrone glitt in den Lauf. Der Fremde atmete durch, ließ die Linke fallen und sagte leise: „Alles, was du sagst, ist bedeutungslos.“
Er richtete die Waffe auf Stromer und sagte noch etwas wie: „Hättest du Frieden gewollt, dann hättest du nicht für den Krieg gerüstet.“
Stromer hörte das Flüstern und erkannte die Waffe. Reflexartig drückte er die Frauenkirchenskulptur nun an sich, als wäre sie ein schutzbedürftiges Kleinkind. Es lag gar keine Dramatik in der Luft. Der Fremde sagte nichts mehr und drückte ab. Seine altersbefleckte Hand zitterte, als sein Zeigefinger sich um den Abzug krümmte. Blam! Blam! Das Nichts traf Stromer ins Herz, dann drangen Projektile in seinen Körper ein. Die erste Kugel traf ihn in den Hals, zerfetzte seinen Kehlkopf, wurde am zweiten Halswirbel abgelenkt und trat seitlich wieder aus. Blut bespritzte die unschuldigen Mädchen. Die zweite durchschlug die Laterne der Frauenkirche und drang dann tief in Stromers Brust ein, hier kam das Blut nur langsam. Die Kirche fiel zu Boden, Holz splitterte, barocke Details brachen herab. Alles war verloren. Kurz aber schlug Stromers Herz schneller, sehr viel schneller, denn es ging zu Ende, denn er war aufgeregt, denn es ist unmöglich, dass so etwas möglich ist.
