Sun & Moon. Königslicht - Anie To - E-Book

Sun & Moon. Königslicht E-Book

Anie To

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Beschreibung

**Wenn Sonne und Mond aufeinandertreffen…** Als die Highschool-Schülerin Lucia ihren Vater eines Nachts auf eine mysteriöse Beerdigung begleiten muss, scheint nur sie die Ereignisse um sich herum als seltsam zu empfinden. Raben, deren tiefschwarze Federn mit der Nacht verschmelzen, beobachten die Zeremonie und der intensive Blick eines Jungen, der sie aus tiefgrünen Augen anstarrt, kommt Lucia fast surreal vor. Doch als dieser kurz darauf in ihrem Zuhause auftaucht, ist ihr die von ihm ausgehende Gefahr deutlich bewusst. Schnell wird klar: Der Eindringling weiß mehr über sie und ihre Familie als sie selbst. Entschlossen sich nicht von seiner Anziehungskraft ablenken zu lassen, setzt sie alles daran, mehr über die mysteriösen Vorfälle zu erfahren, nicht ahnend, dass das Schicksal einer ganzen Welt auf ihren Schultern ruht… //»Sun & Moon. Königslicht« ist ein in sich abgeschlossener Einzelband.//

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Anie To

Sun & Moon. Königslicht

**Wenn Sonne und Mond aufeinandertreffen …** Als die Highschool-Schülerin Lucia ihren Vater eines Nachts auf eine mysteriöse Beerdigung begleiten muss, scheint nur sie die Ereignisse um sich herum als seltsam zu empfinden. Raben, deren tiefschwarze Federn mit der Nacht verschmelzen, beobachten die Zeremonie und der intensive Blick eines Jungen, der sie aus tiefgrünen Augen anstarrt, kommt Lucia fast surreal vor. Doch als dieser kurz darauf in ihrem Zuhause auftaucht, ist ihr die von ihm ausgehende Gefahr deutlich bewusst. Schnell wird klar: Der Eindringling weiß mehr über sie und ihre Familie als sie selbst. Entschlossen sich nicht von seiner Anziehungskraft ablenken zu lassen, setzt sie alles daran, mehr über die mysteriösen Vorfälle zu erfahren, nicht ahnend, dass das Schicksal einer ganzen Welt auf ihren Schultern ruht …

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Vita

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© Anke Herrmanny

Anie To ist ein Kind der 90er und war schon immer ein Bücherwurm. Als sie noch nicht lesen konnte, wies sie ihre Mutter beim Lesen von Gutenachtgeschichten auf Fehler hin. Und als sie es dann konnte, verschlang sie ein Buch nach dem anderen, und weiß deshalb auch nicht, woran man ein altersangemessenes Buch erkennt. Seit ihrem 13. Lebensjahr versucht sie das Chaos in ihrem Kopf auf Papier zu bannen und wie sich herausstellt, gibt es immer Geschichten, die erzählt werden wollen.

Prolog

Am Anfang war das Wort. Durch das Wort entstand die Welt. Um sie zu schützen, setzte der große König Sonne und Mond ein, die jeweils über die gleiche Anzahl an Stunden wachen sollten. Sie waren sich näher als sonst jemand und wuchsen doch auf, um sich zu entfernen. Bald sahen sie sich nur noch selten von Angesicht zu Angesicht. Manchmal, im Frühling, kamen sie zusammen, wenn auch nur für ungefähr eine Stunde. Das war gerade lange genug, um festzustellen, wie viel besser es die andere hatte.

Geschaffen durch das Wort, geliebt vom Erschaffer der Welt, verbunden durch den Wind, der ihre Nachrichten übermittelte, wuchsen sie auf und in ihre Aufgaben hinein. Zeit ist jedoch relativ; relativer, als es sich ein Menschenhirn ausdenken kann. Sie ist dehnbar, man kann sie umrühren und Dinge können sowohl nach der Reihe als auch zur selben Zeit geschehen. Können am selben Ort stattfinden und doch Kontinente voneinander entfernt. Das hatte zur Folge, dass die Schwestern existierten, ohne das Bewusstsein darüber, jemals geboren worden zu sein. Zeit war unendlich, und obwohl sie liebevoll großgezogen worden waren, waren sie gleichzeitig seit ihrer Erschaffung durch das Wort einfach vorhanden und kamen ihren Aufgaben gewissenhaft nach. Doch alles, was Erschaffung bedarf, ist nicht fehlerlos und so kam es, dass die Schwestern aus dem perfekten System ihres Daseins fielen. Sie waren abhängig von der Liebe des Vaters und obwohl er ihnen immer alles gegeben hatte, erhielt Neid Einzug in die Welt.

»Warum darf sie den Tag regieren und ich habe die Nacht bekommen, wenn alle schlafen und keiner sieht, was ich tue? Niemand bemerkt meine schönen Sterne und wie sie am Himmel tanzen, das ist nicht gerecht!«, beklagte sich die Mondprinzessin und das Leuchten, das ihr bei ihrer Erschaffung ins Herz gepflanzt worden war, verlosch mit jedem bösen Gedanken ein wenig mehr. Hass ist wie eine böse Schlingpflanze, die nach deinem Fuß greift. Zuerst denkst du noch, dass du sie abschütteln kannst, aber irgendwann hat sie dich ganz umfangen und du weißt gar nicht mehr, wie du jemals ohne dieses Gewicht geatmet hast, das dir so schwer auf die Brust drückt.

»Wieso regiert sie die Nacht? Sie kann all die Träume sehen und ist niemals einsam, weil all die Sterne um sie tanzen, so als wäre sie etwas Besonderes, während ich mich abmühe und nicht eine freie Minute habe, um mal durchzuatmen!«, beklagte sich die Sonne, die Schwester der Mondprinzessin, und auch ihr Herz wurde dunkel. Hass ist wie schwarze Tinte. Ein Tropfen reicht, um einen ganzen Wassereimer dunkel zu färben, und nichts vermag die beiden wieder voneinander zu trennen, bis aus dem trüben Wasser etwas anderes wird, etwas, in dem du versinkst und das dir die Sicht nimmt auf all die schönen Dinge, die dich umgeben.

Es war Hass, der diese Welt zerstörte, aber es ist die Liebe, die sie erretten wird, denn das eine war schon immer stärker als das andere. So sollte es sein. Nur manchmal braucht es seine Zeit, denn die Liebe tut sich nicht hervor. Wer sie ehrlichen Herzens sucht, der wird sie finden, doch wenn man von Hass umgeben ist, den man mit so viel weniger Aufwand, ja beinahe geschenkt bekommt, wer macht sich da noch die Mühe, einen glitzernden Funken Hoffnung am Grund eines schwarzen Sees zu finden?

Die Liebe freut sich, wenn die Wahrheit siegt, aber sie hat auch die Zeit geschaffen, deshalb ist sie geduldig und nicht überheblich. Sie erträgt alles, hofft alles und hält allem stand.

Erstes Kapitel

Gegenwart

Das Chaos war schwarz.

Ich hätte gern gewusst, warum wir diese Beerdigung bei Nacht abhielten, aber ich traute mich nicht zu fragen. Mein Vater wirkte weitaus verstörter, als man es bei dem Tod einer Cousine dritten Grades, die er seit Jahren nicht mehr und die ich noch nie gesehen hatte, annehmen würde. Noch war das Grab offen und leer. Der Sarg stand geschlossen daneben, ruhte auf vier silbernen Halterungen, die im Licht des riesenhaften Vollmondes funkelten wie Diamanten. Dick und schwer hing der Himmelskörper über der Szenerie, als würde er einen der seinen betrauern. Der Anblick war beinahe schön, zu schön für eine Beerdigung. Unpassend.

Das Chaos entpuppte sich bei näherem Hinsehen als ein Haufen Raben, die überall auf dem Boden saßen. Die schwarze Kleidung der paar Trauergäste, die gekommen waren, schien nahtlos in die glänzenden Federn der Tiere überzugehen, so viele waren es. Offenbar fand keiner die Anwesenheit der Todesvögel unheimlich oder zumindest ein bisschen seltsam, es war eher so, als hätten sich die Leute gewundert, wenn sie nicht da gewesen wären.

Wir waren ewig gefahren. Durch die Finsternis hindurch. In diesem großen, leeren Wagen, in dem ich sonst nie gemeinsam mit meinem Vater saß – generell machten wir nicht viel zusammen. Das hier war das erste Mal seit Jahren. Obwohl man doch annehmen sollte, dass er bereits viel früher darüber Bescheid gewusst haben musste, hatte er mich mitten in der Nacht aus dem Bett werfen lassen. Ohne Vorwarnung, ohne alles – aber eigentlich sollte mich das nicht wundern, er hatte mich noch nie in seinen Denkprozess miteinbezogen.

Jetzt stand ich hier an einem Grab, das sich etwas abseits der anderen unter einer Trauerweide befand, und fror. Warum erlaubte diese Stadt überhaupt eine Beerdigung um diese Uhrzeit? Der Zaun, der den Friedhof umgab, war sehr morsch und kaputt und fehlte an einigen Stellen sogar ganz. Vielleicht gehörte dieser Platz hier ja gar nicht dazu.

Diese Ruhestätte war anders als die anderen. Es gab keinen polierten Stein, kein Kreuz aus Holz, das darauf hinwies, dass bald ein Grabstein dort aufgestellt würde, nichts dergleichen. Einfach nur einen Haufen Erde neben einem tiefen Loch und dann, in ein paar Metern Entfernung, folgte der Stamm des alten Baumes. Ich hatte ein paar der Gäste darüber flüstern hören, dass die Verstorbene aus einem Waisenhaus stammte und sich daher niemand gefunden hatte, der für die Beerdigung aufkommen wollte. Deshalb habe man versucht die Kosten so gering wie möglich zu halten. Es war traurig, weil es trotz allem um ein Menschenleben ging, und ich hatte noch nie verstehen können, warum der Wert eines Lebens, sobald Geld ins Spiel kam, plötzlich messbar war.

»Esmé hat uns viel zu früh verlassen und es wird schwer sein, diesen Schmerz zu ertragen, doch wir wissen dankbar zu sein, denn der Tod ist nicht mehr als das Tor zum Licht am Ende eines mühsam gewordenen Weges. Sie ist nicht von uns, sondern vor uns gegangen.«

Die Worte kamen mir aufgesagt und irgendwie leer vor.

Eigentlich könnte es mir egal sein. Keine Ahnung, warum es das nicht war. Vielleicht weil ich müde war und fror und nicht zu Abend gegessen hatte. Ich versuchte gerade die letzten paar Kilo zu verlieren, um in das schönste Ballkleid zu passen, das ich hatte finden können. Innerlich zuckte ich zusammen. Wie unschicklich, bei einem solch traurigen Anlass an meinen Abschlussball zu denken.

Vielleicht hatte es auch gar nichts mit mir zu tun, sondern lag an meinem Vater, der noch immer neben mir stand und in ein Taschentuch weinte, obwohl er sonst kaum Gefühle zeigte. Ich hatte nicht einmal wirklich den Eindruck, ihn richtig zu kennen, weil er sich meistens in seinem Arbeitszimmer einschloss und mich mit Nanny Agatha allein ließ. Es stieß mir seltsam auf, dass eine fremde Tote solche Tränen verdiente, wenn er mich meist nicht einmal mit einem Lächeln bedachte. Ich wusste nicht, ob ich es diesem toten Mädchen vorwarf, war mir dennoch klar darüber, dass wirklich jeder Mensch mehr verdient hatte als ein paar abgelesene Worte ohne Bedeutung mitten in der Nacht.

Wenn die Welt morgen früh wieder erwachte, dann würde sie nicht einmal mitbekommen haben, dass ein siebzehnjähriges Mädchen in der Erde versunken war. Aber so war das. Die Welt drehte sich unerbittlich, ganz egal wessen Zeit langsam ablief.

»Erde zu Erde«, sagte der schwarz gekleidete Mann, den ich für den Pastor hielt.

»Und Staub zu Staub«, echote die kleine Trauergemeinde im Chor. Alle außer mir, denn ich war viel zu sehr gefangen genommen von all dem Drumherum, um richtig an dieser Beerdigung teilzunehmen. Wahrscheinlich hätte es sich auch falsch angefühlt, denn ich hatte diese Person ja nicht einmal gekannt. Es wäre irgendwie aufgesetzt, eine Trauer vorzuspielen, die ich nicht fühlte.

»Wir haben jetzt die Möglichkeit, uns von Esmé zu verabschieden. Dafür werden wir den Sarg ein letztes Mal öffnen.« Ich hob überrascht den Kopf. Die Reihenfolge dieser Beerdigung erschien mir willkürlich.

Begann es nicht mit einem offenen Sarg?

Und waren die Staub-zu-Staub-Worte nicht der Abschluss?

Es kam mir so vor, als hätte der Pastor zwischendurch einen Teil vergessen, den er jetzt unbedingt nachholen wollte, aber außer mir bemerkte das wohl niemand. Vorsichtig ließ ich den Blick über die kleine Gruppe Trauernder schweifen, alle schauten geradeaus auf den Sarg oder betrachteten ihre Fußspitzen. Alle – außer einem. Sein Blick traf mich, während der Feuerschein der vereinzelt aufgestellten Fackeln über seine Haut tanzte, und er riss nicht ab, selbst dann nicht, als er erkannte, dass ich sein Starren bemerkt hatte. Wer war das? Und warum musterte er mich so forschend, beinahe als ob … er mich kannte? Unmöglich! Ich würde mich daran erinnern, denn noch nie hatte ich so intensiv grüne Augen gesehen. Generell sah dieser Typ aus wie gephotoshopt. Nein, der war mir komplett fremd. Hatte er mit uns in der Kirche gesessen? Wenn ja, so hatte ich ihn auch dort nicht bemerkt.

Noch immer waren unsere Blicke ineinander verschränkt, dann lächelte er plötzlich und mein Magen kribbelte wie damals, als ich mich zum ersten Mal verliebt hatte.

Jetzt musste ich an Kian denken und für einen winzigen Moment fühlte ich mich schuldig. Warum fiel mir mein Freund denn ausgerechnet jetzt ein?

Auf einmal erhob sich ein Flüstern in den vordersten Reihen, das langsam zu einem verwirrten Murmeln anschwoll. Irritiert unterbrach ich unseren Augenkontakt, was vielleicht nicht so schlecht war, denn ich war noch nie gut darin gewesen, mein Pokerface lange aufrechtzuerhalten.

Keine Ahnung, was hier vor sich ging. Mein Vater packte meine Hand.

»Lucia, warst du das? Ist das mal wieder irgend so ein blöder Scherz?«

»Was denn?« Noch immer konnte ich nicht richtig erkennen, warum alle so aufgeregt waren. Die dunklen Gestalten vor mir waren alle größer als ich und versperrten mir die Sicht.

»Ich warne dich, Tochter, wenn ich herausfinde, dass du damit etwas zu tun hast!« Ohne sich zu erklären, zog er mich fort von der Trauergemeinde, von dem verwirrten Gemurmel, das sich unter den Gästen breitgemacht hatte.

»Aber –« Ich wollte gern sagen, dass die Beerdigung noch nicht zu Ende war und dass wir doch nicht mitten in der Zeremonie einfach verschwinden konnten, doch ich war noch nie fähig gewesen meinen Vater von etwas zu überzeugen.

Die Raben waren inzwischen in der Luft, als hätte die allgemeine Nervosität der Trauergemeinde sie aufgeschreckt, und kreisten über den Köpfen der schwarz gekleideten Gäste. Der Pastor bekreuzigte sich. Ich versuchte den Jungen zu finden, aber er war verschwunden.

»Jetzt, Lucia!« Die beherrschte Strenge in der Stimme meines Vaters schien eher ein Versuch zu sein, eine nie gekannte Angst zu verbergen. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Mein Vater war kein ängstlicher Mensch, nie gewesen. Woher kam das also plötzlich?

»Ich verstehe nicht …«, fing ich an, doch dann fiel mein Blick auf den Sarg. Er war offen und innen mit schwarzem Samt bezogen – der Samt war leer.

***

Die ganze Autofahrt nach Hause schwiegen wir, während der Wagen über eine unebene Straße nach der anderen ruckelte. Ich versuchte wach zu bleiben, weil ich noch immer so viele Fragen hatte, aber es gelang mir nicht. Als wir auf die Autobahn fuhren, die irgendwann zu einer Brücke werden und zu der Insel führen würde, auf der wir lebten, sank ich in einen tiefen Schlaf. Normalerweise hätten wir sicher die Fähre genommen, denn die echten Inselbewohner unterschieden sich von den wenigen Zugezogenen vor allem dadurch, dass ihr Stolz sie daran hinderte, die neue Straßenverbindung zum Festland zu benutzen. Allerdings würde um diese Zeit ohnehin keine Fähre mehr fahren.

Als ich aus meinem Schlaf erwachte, passierten wir gerade unsere Hofeinfahrt. Ich öffnete die Tür, obwohl ich wusste, dass ich darauf warten sollte, bis man sie für mich öffnete. Jetzt war mir das egal – ich wollte nur noch in mein Bett fallen, deshalb riskierte ich einen strengen Blick meines Vaters, der jedoch ausblieb. Er war bereits beinahe an der Haustür und ich musste mich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten.

»Ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich nichts damit zu tun habe!«, versicherte ich etwas angefressen darüber, dass er mir mal wieder die Schuld für eine unmögliche Sache gab, nur weil ich nicht die Tochter war, die er immer hatte haben wollen. »Wie hätte ich das machen sollen, hm?«

Vater schüttelte den Kopf. »Ich will nichts hören, Lucia!« Er drückte auf die Klingel, weil der Fahrer noch nicht hier war, um aufzuschließen, und mein ungeduldiger Vater sich niemals die Mühe machen würde, selbst einen Schlüssel mit sich herumzuschleppen. Lieber riskierte er meine Gouvernante durch das durchdringende Geräusch, das durch das ganze Haus hallte, aus dem Bett zu werfen. Kurze Zeit später ertönten Schritte. Die Haustür wurde von innen geöffnet. »Es war ein außergewöhnlicher Umstand und er wird sich aufklären, davon bin ich überzeugt. Hallo, Agatha.« Er sagte zwar, dass er sich sicher war, doch er klang dabei alles andere als das. »Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Abend. Lucia sollte ins Bett gehen.« Ich warf meiner Gouvernante einen kaum wahrnehmbaren Blick zu – tatsächlich hatte Vater sie damals unter dieser Bezeichnung angestellt, so als lebten wir achtzehnhundertsonstwas und nicht heute – und stellte fest, dass sie nicht so verpennt aussah, wie ich wahrscheinlich um die Uhrzeit erscheinen würde. Sie hatte das gut unter Kontrolle oder war gar nicht erst ins Bett gegangen. Sie sah mich ebenfalls kurz an. Mein Vater bekam davon nichts mit.

»Ich werde mich darum kümmern.« Sie verneigte sich leicht und streckte dann eine Hand nach mir aus. »Komm, Liebes.«

Manchmal hatte mein Vater echt Nerven – als könnte ich nach so einem Erlebnis schlafen! Ich hatte so viele Fragen! Noch immer wollte mir das Bild der über der Szenerie kreisenden Raben nicht aus dem Kopf gehen. Außerdem hatte er mich ja nicht einmal persönlich angesprochen. Verdammt, wie ich das hasste!

»Du kannst mich doch nicht einfach so ins Bett schicken!«, gab ich fassungslos zurück.

Er schüttelte den Kopf, so als strengte ich ihn fürchterlich an. »Bitte, Lucia, ich habe jetzt keinen Nerv für eine solche Diskussion!«

»Ganz klasse!« Brummend machte ich mich von Agatha los. »Ich kann schon selbst gehen.«

Das alte Herrenhaus, in dem wir lebten, war mir noch nie so groß und leer erschienen wie in dieser Nacht. Langsam stieg ich die Treppen nach oben. Ich konnte darauf verzichten, mich von Agatha verfolgen zu lassen, um sicherzugehen, dass ich wirklich tat, was mir gesagt worden war. Denn obwohl ich mir an sich eine bessere Beziehung zu meinem Vater wünschte, überkam mich dann und wann diese Welle von Rebellion und Ungehorsam, weil er mich sowieso nicht beachtete, egal was ich tat.

Die Holzdielen knarrten, als ich den verwinkelten Flur entlangschritt.

Der Weg zu meinem Schlafzimmer führte mich an dem meiner Mutter vorbei, das ebenfalls im Westflügel lag. Wie immer war die Tür fest verschlossen. Diesmal verweilte ich jedoch einen Moment davor. Das Geheimnis, das dahinterlag, zog mich in dieser Nacht stärker an als jemals zuvor. Wenn ich nur einen Blick hineinwerfen könnte … Aber das war verboten. Mein Vater hatte alle Erziehungsfragen komplett Agatha übertragen und sie gab mir recht viele Freiheiten, solange ich sie nicht in Schwierigkeiten brachte. Nur dieses eine Verbot hatte es immer gegeben: Öffne niemals die Tür zum Schlafzimmer deiner Mutter.

Sicher lag das daran, dass mein Vater noch immer in Trauer war. Er war nie ein Mann großer Gefühle gewesen und ich konnte mir nicht vorstellen, wie er mich tröstete oder mit mir in Erinnerungen an meine Mutter versank. Bestimmt wollte Agatha deshalb nicht, dass ich den Raum betrat. Mein Vater war ein ruhiger, aber ungeduldiger Mensch – unsere Angestellten konnten ein Lied davon singen. Ich wollte ihr keinen Ärger machen, Agatha war die beste Gouvernante, die ich bisher hatte. Traurig, dass ich eine Hierarchie erstellen konnte.

Als ich vier Jahre alt war, hatte Ms Jenny auf mich aufgepasst, sie war die Erste gewesen. An meinem sechsten Geburtstag war dann etwas vorgefallen, keine Ahnung was, und mein Vater hatte sie gefeuert.

Dann, von meinem neunten bis zu meinem zwölften Lebensjahr, hatte ich drei aus dem Haus gejagt, weil ich ständig in Schwierigkeiten geraten war.

Seitdem ich mich erinnern konnte, hatte ich Probleme mit dem Schlafen. Nicht nur das Einschlafen, sondern auch das Durchschlafen und die Unterscheidung von Traum und Realität machten mir oft Schwierigkeiten, allen voran in stressigen Situationen. Es hatte einmal die Vermutung gegeben, dass es sich dabei um eine Insomnie handelte, aber inzwischen war ich nicht mehr davon überzeugt. Das ist auch der Grund, weshalb ich meine Tabletten inzwischen nicht mehr nahm. Sie hatten nichts verändert, wenn, so hatten sie es nur noch schlimmer gemacht, warum sollte ich sie also weiterhin schlucken?

Mit zunehmendem Alter hatte ich mich besser im Griff und konnte es überspielen, wenn ich mal wieder stark davon betroffen war, aber geheilt war ich deshalb immer noch nicht und meine verschiedenen Aufpasser hatten so ihre Probleme damit gehabt.

Zuletzt war Agatha hier aufgetaucht. Ich hatte mir wirklich Mühe gegeben, sie ließ sich jedoch nicht verscheuchen – nicht einmal dann, als ich mit vierzehn wegen Brandstiftung für ein halbes Jahr in den Jugendknast musste. Man unterstellte mir, ich hätte eine Kapelle in der Nähe abgefackelt. Eine Zeugin hatte ausgesagt, dass ich mich verdächtig lange neben dem Gebäude aufgehalten habe, teilweise stimmte das sogar: Ich war da gewesen, aber daran war nichts Verdächtiges. Schon seit ich denken konnte, hatte ich gern in Kapellen oder auf Friedhöfen abgehangen. Dort war es ruhig und ich war meist mit meinen Gedanken allein. Trotzdem konnte ich, aus heutiger Sicht, natürlich verstehen, dass das auf andere etwas verdächtig gewirkt haben musste. Selbe Zeugin hatte gesagt, in der Kirche habe sich eine Person befunden, und nur weil man dafür keine Beweise hatte, wurde mir das nicht auch noch zur Last gelegt. Man einigte sich darauf, dass ich mich nach Aufmerksamkeit sehnte und deshalb eine Dummheit begangen hatte, die aber niemanden verletzt hatte. Ich war es nicht gewesen, aber die Kapelle hatte gebrannt und die einzigen Spuren, die man in der Nähe gefunden hatte, waren von mir gewesen. Immer wenn ich darüber nachdachte, fragte ich mich, wie es sein konnte, dass ich nichts bemerkt hatte. Mein Vater kam für den Schaden auf und ich verbrachte zur Abschreckung sechs Monate in einer Jugendstrafanstalt auf dem Festland. Eine Therapiegruppe bekam ich gratis dazu.

Agatha hatte mich nie verurteilt. Sie war vorher da gewesen und war es auch heute noch – ja, tatsächlich war sie sogar die einzige Person, die mich jemals dort besucht hatte. Ich schien mehr für sie zu sein als ein monatlicher Gehaltscheck und das rechnete ich ihr hoch an.

Trotzdem stand ich jetzt noch immer neben dem Zimmer meiner Mutter. Wahrscheinlich war es dumm und nur darauf zurückzuführen, dass mich die Beerdigung mitgenommen hatte. Vielleicht fühlte man alles intensiver, wenn man so eine komische Situation durchgemacht hatte, trotzdem verspürte ich plötzlich den unbändigen Drang, die verbotene Tür zu öffnen, ganz entgegen aller Vernunft und obwohl mein Vater ohnehin schon sauer genug auf mich war. Für ihn war es einfacher, sich eine Meinung über Menschen zu bilden, denn er machte es sich leicht und verzichtete auf Graustufen in seinem Denken. Alles war entweder schwarz oder weiß und so war ich ein missratenes Gör, weil ich immer ein missratenes Gör gewesen war.

Vorsichtig sah ich mich um.

Ging zur Treppe zurück.

Hörte ihn, irgendwo weit entfernt, im Haus telefonieren.

Und fasste einen Entschluss.

Warum eigentlich nicht? Sie war immerhin meine Mutter gewesen – wieso sollte ich kein Recht haben, ihr Zimmer zu betreten? Das war schließlich die einzige Möglichkeit, die mir blieb, um etwas über sie zu erfahren. Ich hatte sie nie kennengelernt, denn sie war nur ein paar Jahre nach meiner Geburt an einem Fieber gestorben, das kein Arzt einzudämmen gewusst hatte.

Ich hatte keine Ahnung, ob ich sie wirklich vermisste – konnte man das, wenn man eine Person immer nur vom Hörensagen kannte? –, aber ich wusste, dass einiges anders gekommen wäre, hätte ich noch eine Mutter.

Ja, ich hatte Ms Agatha und sie tat ihr Bestes; sie war mit mir für meinen Abschlussball shoppen gegangen und ich wusste, dass sie sich freute, wenn ich mit ihr über persönliche Dinge sprach, aber das kam selten vor, denn die meiste Zeit über konnte ich nicht vergessen, dass sie dafür bezahlt wurde. Und dass ich sie, hätte ich noch eine Mutter, überhaupt nicht bräuchte.

Sicher hätte ich meiner Mutter auch von dem Jungen erzählen können. Von dem Jungen und davon, dass ich mich zum ersten Mal wieder nervös gefühlt hatte, so nervös, wie das bei Kian seit Ewigkeiten nicht mehr vorgekommen war. Wie hatte der Fremde so plötzlich verschwinden können?

Es ärgerte mich, dass ich nicht zurückgelächelt, dass ich nicht irgendetwas getan hatte, um ihm etwas näherzukommen. Ich hätte ihn gern besser kennengelernt. Da die Beerdigung nicht auf der Insel stattgefunden hatte, würde ich ihn jetzt wahrscheinlich niemals wiedersehen.

Mit dem Kribbeln im Bauch, das mich darin bestätigte, etwas Verbotenes zu tun, löste ich vorsichtig eine Haarnadel von meinem Kopf, mit der ich heute Nacht schnell die losen Strähnen aus meinem Sichtfeld gehalten hatte, und steckte sie in das Schlüsselloch. In Filmen sah das immer so einfach aus, aber jetzt dauerte es. Lang. Länger, als ich erwartet hatte, doch schließlich war die Tür offen. Ich schluckte. Noch konnte ich es rückgängig machen. Noch konnte ich … nur … ich wollte es doch wissen, oder? Ich hatte nicht einmal ein Foto von ihr.

Vorsichtig schob ich die Tür auf und schlüpfte durch den entstandenen Spalt. Ich traute mich nicht das Licht einzuschalten, für den Fall, dass mein Vater nach mir sehen wollte. Besser, er würde mich nicht hier ertappen. Mit einem sanften Plock schloss ich sie wieder.

Ich erkannte nicht besonders viel, denn die Vorhänge waren zugezogen und sperrten den Mond aus, der mir Licht hätte spenden können, deshalb konzentrierte ich mich zuerst auf die anderen Sinne.

Ich roch … Rosen. Ganz sanft roch es nach Rosen. Das konnte eigentlich nur von den Stöcken unterhalb des Fensters kommen.

Ich hörte … wie der Boden leise knarrte, als ich mein Gewicht verlagerte.

Jetzt zog ich doch mein Handy aus der Tasche, um mit seinem Display den Raum zu erleuchten. Der Schein war schwach, da der Akku fast leer war. Ich erkannte ein Bett mit einem wundervollen weißen Baldachin und eine … nein, zwei altmodische Babywiegen. Eine mit rosafarbenem Dach und eine in Lila. Alles in allem sah es hier aus wie in einem Historienfilm von 1890. So ganz anders als in den anderen Räumen, die mein Vater, soweit es möglich war, hatte restaurieren lassen.

Das Haus stand unter Denkmalschutz und er mochte den alten Schick, aber es war ihm gelungen, diesen zu erhalten und mit dem neumodischen Kram, wie er es nannte, zu kombinieren. Nur nicht hier.

Jetzt wollte ich doch das Licht einschalten, aber es ging nicht. Vermutlich war die Glühbirne seit Jahren kaputt. Vorsichtig tastete ich mich zum Fenster vor und zog die schweren Vorhänge auf. Mit einem lauten Rascheln glitten sie zur Seite.

Ein riesenhafter Mond kam zum Vorschein, der alles in ein gespenstisches Licht tauchte. Eine Weile blieb ich stehen. Mit dem Mond hatte mich schon immer eine seltsame Ambivalenz verbunden, einerseits fand ich ihn faszinierend, bewundernswert und schön – andererseits lief es mir bei seinem Anblick kalt den Rücken hinunter. Auch jetzt brauchte ich all meine Kraft, um mich abzuwenden, dann blickte ich mich staunend um. In diesem Zimmer schien die Zeit stehen geblieben zu sein.

Langsam näherte ich mich dem Bett, beinahe so, als hätte ich Angst, jemand könnte mir daraus entgegenspringen. Es war ordentlich gemacht, doch wie überall im Rest des Zimmers lag hier fingerdick der Staub und ich musste wieder an die Beerdigung denken. Staub zu Staub.

Als Kind hatte mir jemand erzählt, dass der Mensch nach seinem Tod zu Staub zerfiel, und noch lange danach hatte ich geglaubt, dass überall, wo Staub war, einmal ein toter Mensch gelegen hatte. Unnötig zu erwähnen, dass ich in dieser Zeit einen regelrechten Waschzwang entwickelte.

Neben dem Bett stand eine alte Kommode, ihre Schubladen waren verschlossen. Ich betrachtete mich in dem verschnörkelten Spiegel, der über ihr hing; sah meine seidigen Haare, die Frisur, die sich inzwischen mehr oder weniger aufgelöst hatte, die fragenden Augen, denen man noch das Verbotene anmerkte, das ich gerade getan hatte. In den Rahmen des Spiegels war ein Name gekerbt. Mariana. So hatte meine Mutter geheißen. Ich strich mit dem Finger darüber. Und da fiel mir noch etwas auf: ein winziges Zeichen, das die Form der Sonne hatte, aber gleichzeitig auch wieder nicht, denn statt dem Kreis in der Mitte befand sich dort ein Halbmond, der von den Strahlen umgeben war.

Hübsch, wirklich hübsch.

Ich wandte mich von der Kommode ab und ging vor dem Bett auf die Knie. Es war eine Angewohnheit von mir, wichtige Dinge unter meiner Matratze aufzubewahren, wer weiß – vielleicht eine Angewohnheit, die ich geerbt hatte? Vorsichtig hob ich sie an und war enttäuscht, als ich nichts fand. Ich wollte sie gerade wieder loslassen, da fiel mein Blick auf ein Kästchen, das auf dem Boden darunter stand. Die Matratze glitt zurück an ihren Platz und ich angelte mit dem Fuß danach. Staub wirbelte auf und ich musste niesen. Dann hatte ich es geschafft.

Die Kiste war aus Kirschholz, was ich nur wusste, weil der Küchentisch bei Ari genauso aussah. Die Mutter meiner besten Freundin wurde nicht müde zu betonen, wie teuer er gewesen war. Ari sagte, das liege daran, dass sich ihre Mutter von dem Besitz meiner Familie eingeschüchtert fühlte. Es war ein eigenartiges Gefühl, jetzt an Ari zu denken. So als prallten zwei Welten aufeinander, die sich eigentlich abstoßen sollten. Sie passte nicht in diesen Raum, der genauso gut aus einem alten Kinderbuch hätte stammen können, sie gehörte in die Welt der Lebenden, in meine moderne Welt. Ich schob den Gedanken beiseite. Lächerlich! Das hier war meine Welt. Mein altmodisches Haus in meiner modernen Welt.

Auf dem Deckel der Kiste hatte jemand eine kleine Plakette angebracht und auch hier fand sich das Zeichen wieder. Ich öffnete den Verschluss und klappte den Deckel nach oben. Keine Ahnung, was ich erwartet hatte, aber das nicht. Es war nur ein Haufen Papier. In meinem Magen machte sich Enttäuschung breit.

Ich nahm das oberste Blatt zur Hand und überflog es. Aha, ein amtliches Dokument, eine … eine Geburtsurkunde. Alles, was darauf stand – von dem Tag bis hin zu dem Geburtsort –, war mir bekannt, das alles wusste ich ja schon über mich. Alles passte. Außer dem Namen.

Das war wirklich eigenartig – wo kam dieses Dokument her, wieso war es hier und was hatte es zu bedeuten? Ein Fehler? Eine Weile lang konnte ich nichts tun, als auf diesen mir so unbekannten Namen zu starren: Esméray Johnson. Mit meinem Geburtstag. Das war falsch. Das war falsch, falsch, falsch. Ich legte das Blatt zur Seite und kramte mich weiter durch die Kiste, auf der Suche nach einem weiteren Dokument mit diesem Namen, aber ich fand nichts. Da war meine Geburtsurkunde, alles stimmte, diesmal auch der Name, ich stieß auf Briefe und ein paar alte Fotos. Hatte ich eine Schwester?

»Nein!«, murmelte ich lang gezogen vor mich hin. Schwachsinn, wenn ich eine Schwester hätte, dann wüsste ich ja wohl davon!

Ich nahm den verblichenen Stapel heraus und blätterte mich auch hier vorsichtig durch die Bilder. Auf dem ersten war eine Frau zu sehen, die ich für meine Mutter hielt, auch wenn mir der reale Vergleich nie vergönnt gewesen war. Eine schöne Frau. Auf dem zweiten Foto waren die beiden Wiegen abgebildet, die noch immer hier im Raum standen, nur dass dort zwei Babys darin lagen. Ich drehte es um. Irgendjemand hatte »Lucia & Esmé, März 2003« auf die Rückseite geschrieben. Esmé? Esméray?

Vielleicht. Aber auch Esmé wie die Tote auf der Beerdigung. Ob das dieselbe Person war? Dann würde es doch wieder Sinn ergeben – hatte ich eine Schwester gehabt?

Nein! Vollkommener Blödsinn! Mein Vater verschwieg mir ja viel, aber so eine riesige Sache würde er nicht vor mir geheim halten. Wahrscheinlich war sie wirklich nur eine Cousine, vielleicht zufällig am selben Tag geboren wie ich, vielleicht als Kinder befreundet. Und die Geburtsurkunde hatten sie wahrscheinlich für ihre Eltern aufbewahrt. Es würde schon Gründe geben. Alles war logischer, als dass ich eine Schwester hatte. Ich starrte das Foto an, als könnte ich ein Loch hineinbrennen, aber mir wollte partout keine Verknüpfung mit diesem Namen kommen.

Ganz unten, am Boden der Box, befanden sich noch drei vereinzelte Papierbögen. Nachdem ich sie eine Weile studiert hatte, erkannte ich in ihnen Gesprächsprotokolle aus meiner Zeit in der Jugendstrafanstalt.

Zweites Kapitel

4 Jahre zuvor

»Lucia, hast du meine Frage vernommen?« Die Stimme des Mannes in schwarzer Kluft war laut genug und schien mir doch von ganz weit weg zu kommen. »Ms Johnson?«

Es kostete mich alle verfügbare Kraft, um aus dem traumartigen Zustand herauszufinden, der sich anfühlte, als schwämme ich in geleeartiger Masse.

»Entschuldigung«, hörte ich mich sagen. »Können Sie das wiederholen?«

»Ich habe dich gefragt, ob du wusstest, dass sich jemand in der Kapelle befand!«

Obwohl die Worte gar nicht richtig bei mir ankamen und ich schon stolz darauf war, dass ich das Konstrukt überhaupt als Frage erkannt hatte, schüttelte ich den Kopf.

»Du behauptest also, nicht gewusst zu haben, dass dein Akt der Brandstiftung ein Menschenleben ernsthaft gefährdet hat?«

Mein Anwalt nickte kaum merklich und ich tat es ihm nach. Der Richter seufzte. Was war nur los mit mir? Warum konnte ich mich nicht konzentrieren? Das war heute zum ersten Mal so schlimm. Ob das mit den neuen Tabletten zusammenhing, die Agatha mir besorgt und die ich heute Morgen zum ersten Mal genommen hatte? Ich musste unbedingt noch einmal mit ihr darüber reden. Da war ja jede Alternative besser – lieber nicht einschlafen können, als sich am Tag darauf vollkommen zermatscht zu fühlen. Das Opfer wäre es mir allemal wert. Ich wusste sowieso nicht, woher sie den Pillenmist immer bekam – ohne dass sie mich je mit zu einem Arzt geschleppt hatte.

Die Verhandlung verging, obwohl sie mich so sicher nicht verurteilen konnten – ich bekam ja kaum mit, was hier gesprochen wurde! Irgendwann hatte ich angefangen meinen Blick auf Agatha zu richten, um ihn einigermaßen stabil zu halten. Sie sah mich zwar nicht an, war ganz auf den Richter fixiert, aber mir half es trotzdem.

***

»Lucia, hast du mitbekommen, was gerade passiert ist?« Jemand packte mich am Arm. Fest, unangenehm. Ich sah hoch. Das Gesicht meines Vaters war verschwommen und wie viel Mühe ich mir auch gab, es gelang mir einfach nicht, es scharf zu stellen.

»Was?«

»Sie haben dich verurteilt, Liebes.« Ich musste den Blick nicht wenden, um zu wissen, dass es jetzt Agatha war, die sprach. Langsam nickte ich, aber davon bekam ich Kopfschmerzen, also ließ ich es wieder sein.

»Wir nehmen dich jetzt mit, Lucia!« Die Stimme kam von woanders und der Griff, der mich festhielt, änderte sich kurz. Dann wurde ich abgeführt.

***

Die nächsten Tage waren eine endlose Aneinanderreihung der Farbe Grau. Dass sich deren Töne unterschieden, war das Aufregendste, was geschah. Jeden Morgen musste ich an einer Gesprächstherapie teilnehmen.

»Das sind schöne Worte, die du dir ausgesucht hast«, lobte mich Tina, die hier als Therapeutin arbeitete und die Runde moderierte. Die Hausaufgabe von gestern war es gewesen, sich an Worte zu erinnern, die einmal unser Herz berührt hatten. Ich hatte meine geträumt.

Es gibt Millionen Gründe für das, was ich tue, und jeder von ihnen trägt deinen Namen.

»Als ob das echt mal jemand zu dir gesagt hätte! So ein Unfug!«, ätzte das Mädchen mir gegenüber, dessen Namen ich immer wieder vergaß.

»Bitte behandelt, was ihr hier miteinander teilt, mit Respekt, Natalie.«

Ach ja. Natalie. Richtig.

»Das hat nichts mit Respekt zu tun! Sie lügt. Sie hat sich diese Worte ausgedacht!«

»Ich habe sie mir nicht ausgedacht«, erklärte ich. »Jemand hat sie mir gegenüber genau so geäußert. Jemand, der mir sehr wichtig ist.«

»Wenn diese Person solche Worte an dich richtet, dann müsst ihr euch auch wichtig sein.« Tina lächelte. »Wer war es? Möchtest du näher darauf eingehen?«

Ich sah sie an und gleichzeitig blickte ich einfach nur durch sie hindurch. »Ich weiß es nicht mehr.«

»Ich hab doch gleich gesagt, dass sie lügt!«

»Das war keine Lüge!« Mein Blick traf sie und ich war wütend. Auf einmal schrie Natalie auf.

»Das tut so weh!«, rief sie immer wieder, während sie sich die Hand auf den Arm presste. Die Therapeutin ging vor ihr in die Hocke und zwang sie dazu, vorsichtig die Finger wegzunehmen.

»Wir beenden die Runde heute vorzeitig!«, sagte sie und ihre Stimme klang irgendwie schockiert. Wahrscheinlich war das Mädchen eine Ritzerin. Davon hatten wir ein paar hier.

Murmelnd löste sich die Gesprächsrunde auf. Ich lungerte noch eine Weile in der Tür herum und bekam deshalb mit, wie die Therapeutin wegen einer akuten Verbrennung den Notarzt rief. Ich warf einen Blick auf den Arm des Mädchens, das mir gegenübergesessen hatte, und bemerkte erstaunt die Blasen, die sich darauf gebildet hatten.

Drittes Kapitel

Gegenwart

Der durch die Tür gedämpfte Schrei riss mich aus der konzentrierten Betrachtung der Dokumente. Ich hatte meine Nanny noch niemals schreien gehört, denn eigentlich war sie die Ruhe in Person. Diesmal nicht. Das klang wie purer Schrecken. Ohne noch weiter darüber nachzudenken, sprang ich auf und rannte aus dem Raum, den Flur entlang, die Treppe hinunter. Die Kiste, die von meinem Schoß gefallen war, ließ ich einfach zurück.

Auf dem unteren Treppenabsatz blieb ich stehen. Das Wohnzimmer war offen und gut einsehbar, dennoch hatte mich bisher niemand bemerkt. Mein Vater stand neben dem großen, in die Wand eingelassenen Kamin und redete beruhigend auf Ms Agatha ein, die am ganzen Leib zitterte. Doch sie waren nicht allein. Vor den beiden stand ein junger Mann, der mir entfernt bekannt vorkam. Er hatte honigbraunes Haar, war drahtig gebaut und selbst jetzt, da ich ihn nur von hinten sah, bemerkte ich, dass er unfassbar gut aussehen musste. Überdurchschnittlich gut. Und da fiel es mir ein: Es war der Kerl von der Beerdigung. Der, der meinen Blick so lange festgehalten hatte. Ich verstand nicht … wie war er hier hereingekommen?

Er war total auf Ms Agatha fokussiert, aber er berührte sie in keiner Weise. Warum half mein Vater ihr nicht? Warum half ich ihr nicht? Ich stand hier wie festgefroren und starrte auf die Szenerie, als sähe ich einen Film an.

»Hör auf damit!«, sagte mein Vater mit dieser autoritären Stimme, die eigentlich allen Einhalt gebot. Der Typ schien davon nur mäßig beeindruckt.

»Du weißt … ja gar nicht … was du tust«, keuchte jetzt auch meine Nanny und es klang, als bekäme sie nur mit Mühe Luft.

»Agatha!«, rief ich und – von der Lautstärke selbst überrascht – schaffte den entscheidenden ersten Schritt. Noch in der Bewegung riss ich reflexartig die Arme nach vorn und Mr Photoshop flog rückwärts durch den Raum, krachte an die gegenüberliegende Wand und brach dort zusammen. Ich war so geschockt, dass ich gar nichts tun konnte. War ich das gewesen? Mein Vater blickte verwirrt zwischen mir, meiner Nanny und dem fremden Kerl hin und her.

Der Typ stöhnte, strich sich die Haare aus dem Gesicht und stand dann mit einer fließenden Bewegung auf.

»Na sieh mal einer an«, sagte er und seine Stimme klang ganz anders als erwartet. Sie hatte etwas Spöttisches, beinahe klang sie arrogant. »Da bist du ja, Lucia. Weißt du, dein Vater hat mir eben erzählt, du seist weggefahren.« Er wandte seinen Blick den beiden zu und kam uns jetzt wieder näher. »Man soll nicht lügen, alter Mann, hat dir das noch niemand gesagt?«

Mein Vater streckte eine Hand aus, nach ihm oder nach mir oder einfach nur so.

»Fass sie nicht an!«, befahl er, aber diesmal klang er schon wesentlich weniger überzeugend.

»Bitte, tu nichts, was du später bereuen wirst!« Agatha.

»Hm«, machte er und trat nachdenklich einen weiteren Schritt auf mich zu. Mit einer überdeutlich sanften Bewegung legte er seinen Zeigefinger unter mein Kinn und drehte mein Gesicht so, dass ich ihn ansehen musste. »Das überlege ich mir –« Noch bevor er den Satz beenden konnte, war mein Vater einen großen Schritt auf ihn zugetreten, hatte ihn zurückgestoßen und sich zwischen uns gestellt. Der junge Mann legte den Kopf schief und grinste leicht.

»Es hat sich herausgestellt, dass sie noch viel hübscher ist, als man sich erzählt«, sagte er und machte eine kaum wahrnehmbare Kopfbewegung in Richtung meines Vaters, welcher daraufhin mit einem Knall auf dem Boden aufkam, der mir durch und durch ging.

»Herr!«, rief Agatha besorgt. Mein Vater gab ein schmerzvolles Stöhnen von sich und das lenkte meine Aufmerksamkeit zumindest für einen kurzen Moment von dem jungen Mann ab.

»Papa!« Ich drückte mich zwischen ihnen vorbei und ging neben ihm in die Knie. »Was hast du? Alles in Ordnung?«

Seine Lippen bewegten sich schnell, aber ich verstand die Worte nicht. Bevor ich noch irgendetwas tun konnte, kniete sich der Fremde auf seine andere Seite.

»Bitte!«, flüsterte ich unter Tränen. »Was hast du getan?«

Überrascht warf er einen Blick auf Ms Agatha, die noch immer unbeweglich, wohl eher vor Schock erstarrt, dastand und kein Wort über die Lippen brachte. Dann richtete er seine Augen auf mich.

»Du verstehst gar nichts.« Und mit diesen Worten legte er eine Hand über das Herz meines Vaters. Plötzlich lag er ganz ruhig und seine Augen starrten seltsam leer auf einen Punkt an der Decke, den ich nicht sehen konnte.

***

Ich erwachte im selben Bett in demselben alten Herrenhaus, in dem ich auch die letzten Jahre immer aufgewacht war. Alles war wie immer, der Saum meiner Decke, den ich zum Einschlafen immer rieb, die Sonne, die sich ihren Weg durch meine dünnen rosafarbenen Gardinen bahnte, und die mehrteilige Pinnwand über meinem Schreibtisch, die ich von hier aus erblicken konnte und die meinen Namen bildete. L U C I A.

Ich konnte es nicht erklären, aber das, was ich geträumt hatte, fühlte sich ganz und gar nicht an wie ein Traum.

Ich wischte mir etwas Schweiß von der Stirn. Seit wann war es in diesem Zimmer so schrecklich warm? Eigentlich war es bei uns immer viel kälter als bei allen anderen, weshalb meine Freundinnen auch nie bei mir übernachten wollten. Ich verstand das wirklich nicht.

Kopfschüttelnd griff ich nach meinem Handy, um die Uhrzeit zu prüfen. Es war noch nicht sehr spät. Aufmerksam sah ich mich in meinem Zimmer um.

Wo hatte der Traum begonnen?

Was war noch wirklich passiert und wann war ich in einer Welt gelandet, die allein meiner Imagination entsprang?

Die Beerdigung! Die Beerdigung musste wahr gewesen sein. Ich erinnerte mich gut daran, wie kalt es dort gewesen war und dass ich wirklich nicht hatte hingehen wollen. Warum sollte ich mir so etwas ausdenken? Andererseits … hatte ich nicht selbst festgestellt, dass die Reihenfolge dieser Beerdigung vollkommen willkürlich gewesen war? Und der Junge von der Beerdigung war doch ein Zeichen dafür, dass ich alles, was ihn betraf, wirklich erlebt hatte. Vielleicht bedeutete es auch einfach nur, dass ich ihn mit in meine Träume genommen hatte, weil er so viele Gedanken in mir auslöste. Keine Ahnung, welche von beiden Möglichkeiten die realistischere war. Je länger ich darüber nachsann, desto verwirrter wurde ich, also beschloss ich mit dem Grübeln aufzuhören. Es gab eine ganz einfache, gut überprüfbare Möglichkeit, um das herauszufinden – ich würde Ms Agatha fragen!

Rein logisch betrachtet musste es ein Traum sein, denn es waren doch all diese unerklärlichen Dinge passiert, aber es fühlte sich so real an. Wenn das, was gestern geschehen war, was dieser fremde junge Mann mit meinem Vater und ihr gemacht hatte, tatsächlich geschehen war, würde ich sie jetzt nicht entspannt unten mit einer Tasse Tee und einem alten Roman in der Hand vorfinden. Oder wenn doch, so würde sie sich zumindest ebenfalls an gestern erinnern.

Ich machte mich auf den Weg in das untere Stockwerk, aber je näher ich der Küche kam, umso langsamer wurde ich. Vielleicht wollte ich es ja gar nicht wissen.

Was, wenn … wenn mein Vater wirklich tot wäre? Was würde ich dann tun?

Der Geruch von Toast holte mich aus den ängstlichen Gedanken. Ich beschleunigte meinen Schritt.

»Guten Morgen! Agatha?« Mit diesen Worten stürmte ich die Küche. Überrascht sah sie auf. Diesmal las sie »Emma« von Jane Austen und die Ausgabe zerfiel beinahe vor meinen Augen, so zerfleddert war sie.

»Ja, Liebes?«

Für einen kurzen Moment fehlten mir die Worte. Ich stand da und öffnete den Mund, nur um ihn kurz darauf wieder zu schließen. Das geschah ein paar Mal. Ich musste aussehen wie ein Fisch auf dem Trockenen.

»A-also, h-hast du … gut geschlafen?«

»Was für eine seltsame Frage. Ja, habe ich. Und du?«

Ich verstand ihre Verwirrung nur zu gut. Ja, ich wollte ihr keinen Ärger machen, aber darüber ging unsere Beziehung eigentlich nicht hinaus. Dass wir zusammen shoppen waren, war ein einmaliges Ereignis gewesen.

»O-okay … gut.« Ich schüttelte noch einmal kurz den Kopf und wandte mich unserem großen Kühlschrank zu. Als ich dessen Tür öffnete, begann er zu brummen.

Nein.

So funktionierte das nicht!

Das alles war viel zu real gewesen, als dass ich jetzt einfach zur Tagesordnung übergehen könnte. Ohne etwas herausgenommen zu haben, schloss ich den Kühlschrank wieder. Dann drehte ich mich zu meiner Nanny um.

»Geht es dir wirklich gut?«, fragte ich misstrauisch.

»Es geht mir wirklich gut«, wiederholte sie noch einmal. Diesmal gruben sich verwirrte Fältchen in ihre Stirn, als sie die Augenbrauen zusammenschob. »Warum fragst du das? Seit wann bist du so umsichtig?«

»Ich … Ich hatte so einen Traum. Und in dem Traum, da bist du angegriffen worden. Es war richtig komisch. Jemand ist hier eingebrochen und hat Vater angegriffen und – das war alles so echt, ich kann überhaupt nicht verstehen, wie du jetzt da sitzen kannst.« Meine Stimme klang ein bisschen vorwurfsvoll und das schien sie auch wahrzunehmen.

»Oh, entschuldige bitte«, erwiderte sie amüsiert, »wäre es dir lieber, ich würde hier zusammenbrechen? Ich kann mal sehen, ob sich das einrichten lässt.«

»Mumpitz!« Dieses Wort hatte ich von meiner Großmutter gelernt, als ich fünf war, und noch immer benutzte ich es ab und zu voll kindlichem Stolz. Meine Freunde machten sich darüber lustig, aber mir war das egal.

»Hast du auch manchmal solche Träume?«, fragte ich.

»Jeder hat doch manchmal komische Träume.«

Na das war nicht besonders hilfreich. Ich versuchte es anders.

»Hat Vater dir erzählt, was gestern auf der Beerdigung passiert ist? Und verstehst du, warum er glaubt, ich hätte etwas damit zu tun?«

»Auf welcher Beerdigung?« Jetzt wirkte meine Nanny vollkommen verdutzt. »Du hast wirklich nicht gut geschlafen, was?«

»Ich bin doch gestern mit Vater weggefahren, mitten in der Nacht, wir waren auf einer Beerdigung!«

»Ach ja?« Gelassen sah sie mich an. »Das wusste ich nicht, ich dachte, die letzte Beerdigung, auf der du warst, war –« Plötzlich brach sie ab. Mamas Beerdigung. Wahrscheinlich gut, dass sie den Satz nicht beendet hatte. Ich wusste, ich sollte traurig sein, wenn man von ihrem Tod sprach, aber ich hatte sie ja nicht wirklich kennengelernt. Ich war noch so jung gewesen. Ich hatte immer das Gefühl, ich konnte nur falsch reagieren, wenn jemand von ihr anfing. Natürlich tat es Vater weh, von der Frau zu sprechen, die er so sehr geliebt hatte, aber er erinnerte sich auch an sie. Er hatte Gefühle und verband Dinge mit ihr; Orte, Musik, Fotos. Auf mich traf das alles nicht zu. Wie konnte man also von mir erwarten, dass ich emotional wurde, wenn das Thema auf sie kam?

»Wir waren gestern Nacht auf einer Beerdigung«, versuchte ich das Gespräch wieder zum Ursprung zurückzuführen. »Die Beerdigung einer Cousine. Du hast mich mitten in der Nacht aus dem Bett gezerrt, weil Vater mit mir dahin wollte.«

»Was denn für eine Cousine?« Ms Agatha stand auf und kam zu mir herüber. Vorsichtig legte sie mir eine Hand auf die Stirn.

»Hör auf damit! Ich bin nicht verrückt!«

»Niemand hat behauptet, du wärst verrückt. Ich wollte nur wissen, ob du Fieber hast.«

»Ja, das ist so ungefähr das Gleiche wie zu sagen, ich sei verrückt. Es läuft beides darauf hinaus, dass du mir nicht glaubst. Die Cousine hieß Esmé. Und es nervt mich, dass ich hier schon wieder die Einzige bin, die weiß, was gestern Nacht passiert ist. Das kann es doch wohl nicht sein!«

Sie nahm mich sanft bei der Hand und führte mich zu dem Stuhl am Frühstückstisch, wo ein Teller mit Toast auf mich wartete.

»Liebes, ich weiß, wir haben miteinander vereinbart, dass ich dich dahingehend nicht mehr kontrollieren werde, weil du inzwischen alt genug bist, aber: Nimmst du noch deine Tabletten?«

»Ich. Bin. Nicht. Verrückt!«

»Das behaupte ich ja gar nicht. Manchmal hat man wirklich sehr realistische Träume und wenn man aufwacht, kann man nicht mehr unterscheiden, was wirklich passiert ist und was nicht. Und gerade du, mit deiner Vergangenheit – ich habe dir damals nicht umsonst die Tabletten besorgt und wenn es dir nicht gut geht, musst du sie nehmen.«

Genervt zuckte ich die Schultern. »Die Tabletten haben alles nur schlimmer gemacht! Ich weiß nicht, was das für ein Teufelszeug war, aber geholfen hat es sicher nicht!«

Ich glaubte ihr nicht und das ärgerte mich selbst am allermeisten. Warum sollte sie mich anlügen, was hätte sie davon? Nur … das gestern, das heute Nacht, das war doch viel mehr gewesen als ein Traum, der sich einfach ein bisschen zu realistisch anfühlte. Ich hatte nicht geträumt! Dafür war alles viel zu echt gewesen. Stöhnend hielt ich mir eine Hand an den Kopf.

»Ich glaube, ich kriege Migräne«, murmelte ich und band mir die Haare zu einem schnellen Dutt zusammen. »Den Sonntag verbringe ich im Bett.«

»Ich dachte, du wärst mit deinen Freunden zum Brunch verabredet. Soll ich das für dich absagen?«

Jetzt war ich noch viel verwirrter. Stimmt, der Brunch! Das hatte ich vollkommen verschwitzt.

»Nein, ich schreib Ari einfach eine SMS.«

»Wenn es dir bis später nicht besser geht, rufen wir aber Doktor Lorenz.«

Besagter Arzt betreute meine Familie bereits seit meinen Babyjahren. Ich wusste nicht genau, was ich von ihm halten sollte. Immerhin hatte er meine Mutter sterben lassen.

»Kann ich jetzt hochgehen?«

Meine Nanny sah aus, als wüsste sie nicht genau, welches Verhalten an dieser Stelle richtig wäre.

»Klar«, seufzte sie. »Geh nur.«

»Danke.« Ich drehte mich wieder um und marschierte den Weg zurück, den ich gerade gekommen war. An der Tür meiner Mutter hielt ich allerdings an.

Hatte hier nicht alles begonnen? Zumindest mehr oder weniger? Ich könnte doch einfach mal …

Vorsichtig wollte ich der Tür einen Schubs geben, aber sie war gar nicht angelehnt, wie ich vermutet hatte. Überrascht versuchte ich am Türgriff zu drehen. Verschlossen. Die Tür war verschlossen. Das konnte doch wohl nicht wahr sein! Ich hatte das nicht geträumt! Weil ich keine Haarnadel zur Hand hatte, machte ich mich zuerst einmal wieder auf den Weg in mein Zimmer. Ich würde mich später darum kümmern.

Der Weg führte mich nicht nur an ihrem Zimmer vorbei, sondern auch am Studierzimmer meines Vaters. Weil Agatha mir keine richtige Antwort gegeben hatte, blieb ich davor stehen und klopfte an die Tür. Keiner bat mich herein. So schnell würde ich allerdings nicht aufgeben.

»Hey! Papa!« Noch einmal Klopfen. Fester diesmal.

»Dein Vater ist nicht im Haus, Lucia!«

»Geez!« Erschrocken presste ich mir eine Hand aufs Herz. Agatha war einfach so aufgetaucht, weiß der Geier woher, und stand jetzt mit gerunzelter Stirn vor mir.

»Was gibt es denn, das du nicht auch mit mir besprechen kannst?«

Obwohl sie mir gerade das Fleisch von den Knochen gegruselt hatte, beschloss ich die Wahrheit zu sagen.

»Ich wollte ihn fragen, ob er sich an die Beerdigung erinnert!«, brummelte ich und kam nicht umhin festzustellen, dass meine Stimme einen leicht trotzigen Klang angenommen hatte.

»Dazu besteht keine Notwendigkeit, Liebes.« Durchdringend sah sie mich an. »Du hattest einen sehr ereignisreichen Traum – kein Grund, deinen Vater zu stören.«

»Etwas ist mit ihm passiert, Agatha! Ich weiß nicht was, aber jetzt ist er weg und das ist wirklich verdächtig!«, versuchte ich ihr klarzumachen.

»Wem ist was passiert?«

»Meinem Vater, in diesem Traum!« Ich rümpfte die Nase, weil ich das Wort nicht so rüberbringen konnte, als würde ich es selbst glauben. »Wenn er jetzt nicht hier ist, was soll ich dann denken?«

Meine Nanny zuckte die Achseln, so als wäre überhaupt nichts dabei. Niemals hatte ich mich weiter von ihr entfernt gefühlt.

»Dein Vater hat geschäftlich viel zu tun, Lucia. Das weißt du doch. Jetzt benimm dich nicht so albern. Ist das die Haltung, die wir uns von unserer zukünftigen Ballkönigin wünschen?«

Stöhnend vergrub ich den Kopf in den Händen. Ach ja, die blöde Wahl.

»Du hast das gewollt, Lucia, muss ich dich daran erinnern?«

Ich seufzte. »Nein. Ich will Ballkönigin werden, weil Mama auch eine war und weil ich Vater stolz machen will. Aber was ist da für ein Sinn, wenn mein Vater vielleicht gar nicht mehr lebt?!«

»Lucia, deinem Vater geht es prächtig. Er ist heute ganz früh aufgebrochen, weil er auf dem Festland ein Geschäft abschließen will. In ein paar Tagen ist er zurück.«

»Dann rufe ich ihn an!«

»Auch dazu besteht keinerlei Grund. Außerdem weißt du doch, dass dein Vater auf einer Geschäftsreise für dich nicht erreichbar ist.«

Eine Weile starrten wir uns noch hoch konzentriert an, dann gab ich auf.

»Okay«, sagte ich seufzend. »Aber ich rede noch mal mit ihm, wenn er wiederkommt!«

Agatha nickte. »Geh jetzt in dein Zimmer. Überlege dir, ob du nicht doch noch zu dem Brunch willst. Du hast deine Freunde doch den ganzen Sommer über nicht gesehen, weil alle irgendwo anders waren.«

»Ich hab sie schon ab und zu gesehen. In der ersten Woche war ich mit Ari im Kino.«

»Darüber können wir den ganzen Tag diskutieren. Ich bin jedenfalls der Meinung, dass dir etwas Ablenkung mit Sicherheit nicht schaden wird. Es ist noch früh. Vielleicht sind deine Kopfschmerzen bis elf Uhr Vergangenheit.«

»Ja, okay«, stimmte ich zu; nicht weil ich unbedingt derselben Meinung war, sondern eher weil mir die Argumente ausgegangen waren und ich nicht den ganzen Tag weiter darüber reden wollte. Eigentlich wollte ich sie nur loswerden. »Ich entscheide mich spontan.«

»Gut«, befand sie. Dann drehte sie sich um und schritt den Weg zurück, auf dem ich gekommen war.

Keine Chance, dass sie den eben auch genommen hatte, ohne dass ich das bemerkt hatte.