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Vito will raus, raus aus seiner arschkalten Wohnung in Kreuzberg. Nur wohin? Zurück an den Atlantik, wo er glücklich war und die Mutter noch lebte? Was mit einem Kater beginnt, entpuppt sich zwischen Ladendiebstahl und Mut anküssen als schonungslose Suche nach den Wurzeln seiner Einsamkeit.
Anton Weil erzählt von den großen Themen seiner Generation: von Vereinzelung, Sexualität und Liebe, von Trauer und Aufbruch. Ein Feuerwerk des Erzählens, immer kurz davor, alles in die Luft zu sprengen, ein bunter Zirkus an Lügen und falschen Fährten, eine wilde Irrfahrt durch die Psyche einer ganzen Generation, ein hoffnungsvolles Aufbrechen und eine Liebeserklärung an das echte Leben.
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
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www.keinundaber.ch
Über den Autor
Anton Weil, geboren 1989 in Berlin, ist Schauspieler, Sprecher und Musiker. Er studierte Schauspiel an der Universität der Künste und arbeitet regelmäßig als Gast an Theatern. International ist er in der queeren italienisch-griechischen Co-Produktion The Man with the Answers auf Festivals in der ganzen Welt zu sehen. Er entwickelte den Podcast Schöner Scheitern und veröffentlichte 2021 unter dem Künstlernamen WEIL sein Debütalbum GROLL. Super einsam ist sein erster Roman.
Über das Buch
Vito steht vorm Kondomregal und atmet durch, einundzwanzig, zweiundzwanzig, was passiert hier, dreiundzwanzig, fuck, jetzt nicht ersticken, sechsundzwanzig, siebenundzwanzig, an die grüne Wiese vom Windows-XP-Hintergrund denken, das tut gut, saftige, friedliche grüne Hügel und blauer Himmel, neunundzwanzig, dreißig, fuck, einfach dreißig, einfach erwachsen jetzt und trotzdem immer noch super einsam hier vorm fucking Kondomregal. Doch Vito weiß: Auch mit Panikattacken musst du funktionieren. Die Leute draußen denken sich, wieder einer mehr, wieder einer durchgeknallt, dabei hat er nur 'ne dolle Trennung hinter sich und noch weitere Leichen im Keller. Seine einzige Rettung: die Tagebücher seiner verstorbenen Mutter, die sich in einem ominösen Alukoffer befinden. Aber will er überhaupt gerettet werden?
Für Mama. Für Papa.
Und für alle, denen ich im Traum begegne.
Manege frei
Der Kotti ist draußen, der Kotti ist drinnen. So ist die Lage. Lass Alles stehen und liegen, und hau hier ab!, ist in roten Großbuchstaben an alle vier Wände geschmiert. Ich reibe mir ungläubig die Augen, doch die Worte verschwinden nicht. Dafür bemerke ich Farbe an meiner linken Hand, mit der ich mir durchs Gesicht gefahren bin. Daumen, Zeigefinger und Mittelfinger sind weiß. Noch wackelig auf den Beinen wanke ich in Richtung Badezimmer. An der Türschwelle zum Flur schlage ich mir den kleinen Zeh an. Ich passiere die letzten verbliebenen Umzugskartons. Auszugskartons. Wann sie die wohl abholen lässt?
Im Bad ziehe ich mein T-Shirt aus, wische damit den Staub vom Spiegel und hoffe, heute etwas Besseres gezeigt zu bekommen. Mein Gesicht ist kreidebleich. Die Nase rot. Jetzt ist es also wirklich passiert. Ich bin der traurigste Clown vom Kotti. Nur leider niemand da, der applaudiert.
Ich studiere das aufgemalte Grinsen um meine Mund-winkel. Hat was, dieses Gesicht mal wieder lachen zu sehen. Ich huste. Metall und Benzin im Mund. Irgend-wo in mir hat es gebrannt. Ich muss hier raus, brauche frische Luft in den verkokelten Lungen. Außerdem ruft ein neuer Job. Also Vorhang auf. Rauf auf die Oranienstraße und ab zum Bahnhof. Manege frei.
Ecki
Das ist jetzt schon die dritte Bushaltestelle, an der ich mit zügigen Schritten vorbeilaufe. Immer wieder bleibe ich stehen und drehe mich um, damit der 140er nicht genau dann angerauscht kommt, wenn ich zwischen zwei Stationen bin. Doch nichts deutet darauf hin, dass er heute überhaupt noch Bock hat, aufzutauchen.
Am Mariannenplatz, Ecke Waldemarstraße, komme ich an meiner Stammkneipe vorbei. Sie heißt schlicht und einfach »Eckkneipe«. Mein schlechtes Gewissen meldet sich, weil ich in den Augen von Claudi, der Wirtin, schon wieder viel zu lange nicht mehr hier war.
Ich hätte Lust, mal wieder dort »einzukehren«, aber ich soll heute für einen Sprecherjob nach Leipzig, dreihundert Euro schnell verdientes Geld, und in fünf bis sechs Stunden müsste ich wieder hier sein. Zu meinem Glück ist Claudi nicht in Sichtweite und verführt mich somit nicht zu einem Bier, indem sie mir erst mal einen Spruch drückt. Das ist ihre Love Language. Wie ich überhaupt aussehe, und warum ich nicht mehr komme, und dass sie am Sonntag beim Bingo auf mich zählt, und ob ich nicht ’n Bierchen trinken will, scheiß doch auf die Uhrzeit, das sind nur Zahlen, und die sagen morgen eh wieder das Gleiche. Und vermutlich würde ich ihr gar nicht antworten, dass der leidvolle Umstand, so scheiße auszusehen und hier so verloren rumzugeistern ganz leicht als »Herz kaputt« diagnostiziert werden kann und dass ich deswegen auch nicht mehr vorbeikomme, weil ich riesige Angst vor dem übermächtigen Kater am nächsten Morgen habe. Claudi, und da beginnt doch schon das Problem, ich hab die Nummer meiner Ex noch auswendig im Kopf, und das ist nicht gut, das darf auf gar keinen Fall passieren und würde aber passieren, wenn ich in der einen Hand meinen besoffenen Kopf und in der anderen mein Handy halte, weil ich kenn mich doch, und ich kenn Bruder Alkohol, und ich weiß, was passieren kann, wenn die beiden aufeinandertreffen, und deswegen würde ich vielleicht lieber kein Bier nehmen, weils auch eh nie bei einem bleibt, weil das erste schmeckt und ist aber auch so schnell leer, und das zweite schmeckt noch viel besser und ist aber auch wieder so schnell weg! Sag mal, Claudi, habt ihr die Gläser kleiner gemacht, oder was ist das hier, mach mir mal bitte ’ne große Tulpe! Aber mit ’ner richtig schönen Schaumkrone zur Feier des Tages, ich hab nämlich endlich wieder ’nen Job, Einkommen, Cash, Cash, Cash, und mit der Kohle fahr ich morgen direkt weiter nach Frankreich ans Meer und setz mich in die Dünen, darauf erst mal Prost!
Und genau so gehts weiter, das dritte und vierte wird zwar mit weniger Gier reingeschüttet, aber man ist halt so schön heiß gelaufen, und der Motor schnurrt richtig gut, und von da an muss man eigentlich nur noch laufen lassen, die Dämme sind gebrochen, der Hahn soll einfach laufen, lass laufen, Claudi, immer rein in die Kugel! Und ab und zu, wenn der Gaumen mal ’n Appetitchen nach was anderem hat, dann löscht man halt mit ’nem Futschi, das is ja eh mit einem Schluck weg, und irgendwann wird man ’n bisschen müde von dem ganzen Pils davor und schwenkt um auf Gin Tonic, und das peitscht einen dann doch noch mal ganz anders an, und dann is man plötzlich wieder wach und euphorisiert, CLAUDI!
Das ist aber auch einfach der geilste Laden hier im Kiez, hier im Eck, bevor die euch raushauen, hauen wir die tot, weil man hier eben sein darf, wie man will, und sowieso will man sich jetzt auch bisschen bewegen, weil man lag ja so lange auf diesem elend hässlichen Sofa, warum hat man das Scheißding nicht einfach auf der Straße stehen lassen beim letzten Umzug und direkt ’n neues gekauft, ja, vermutlich, weil man keine Kohle mehr hatte, aber genau das is ja das Geile an der Eckkneipe hier, Claudi, an der Ecki, weil Dinge, die man mag, die kriegen Spitznamen, und ein »i« hinten dran machts harm-loser und netter, so wie der Kotti doch eigentlich auch ganz süß klingt und vielleicht kurz vergessen lässt, dass sich die Junkies da eben halt auch tot fixen oder im Durchgang liegen oder bei mir im Kellereingang fixi-fixi und cracki machen, aber dann wird man so emotional auf einmal, weil das könnte man auch selbst sein, der da liegt und nur noch will, dass es warm wird und kurz mal nicht wehtut, weil man mit den Gedanken wieder ganz frisch in der offenen Wunde einer verlorenen oder beendeten Beziehung ist, und dann bringt Claudi zum Glück noch ’n Pils, und das schmeckt wieder herrlich.
Boah Claudi, habt ihr das Fass gewechselt, oder warum schmeckt das jetzt hier noch mal so ganz anders frisch, leck mich am Arsch oder wo du willst, is das lecker, auch wenn sich hinten im Kopf so ’n ganz kleiner Kopfschmerz anmeldet für später und die Sorge, wie man das alles bezahlen soll, eigentlich direkt mit. Aber das is ja auch wieder das Geile, Claudi, dass ich hier zur Not auch anschreiben kann, und auf jeden Fall merkt man dann nach dem Rettungsbier, das mich endlich wieder hochgeholt hat, weil ganz kurz war ich ganz dolle traurig, aua, wie das alles tief in mir drin wehtut, das ist purer Schmerz, das brennt, den muss man löschen, das können wir hier gar nicht gebrauchen zwischen all den anderen Traurigen, da kippt die Stimmung im Rettungsboot ganz schnell, und deswegen, und weils doch gerade wieder bergauf geht, merkt man dann, dass noch mal so ’n Futschi gut wäre, weil diese Traurigkeit, die haut jetzt nach Lust und Laune mal ganz doll gegen den Bug und haut den einen oder die andere auch einfach von Bord, und da muss man aufpassen, so wie das schwankt auf hoher See, immer gut festhalten an seinem Glas, weil fast hätte ich angerufen, CLAUDI, FUCK, aber nur fast! Ha! Denn mein Handy is zum Glück gerade hinterm Tresen beim Aufladen oder geklaut oder was weiß ich eigentlich, wo is mein Handy? Immer ist dieser beschissene Drecksakku leer. Genauso leer, wie ich es bin, wenn ich mich nicht endlich mal wieder richtig schön volllaufen lasse. Geiler Suff hier, Claudi, jaaa!, Claudi, das hier ist die echte Welt, verstehst du das?
Und mir gehts gut, und ich will mich bewegen, und deswegen spiel ich jetzt ’ne Runde Dart, weil Dart is nun mal auch Sport, und ich schwitz auch total, merk ich, und ständig renn ich aufs Klo und muss pissen, weil ich ja auch total die Übersicht verloren hab, wie viel Liter Bier ich schon hatte, aber die Flasche is jetzt eben entkorkt, und dann läufts den ganzen Abend nur noch durch mich durch, oben rein, unten raus wie bei so ’ner Wasserrutsche, und irgendwann trink ich ’n kleenet Null-Dreier, weil ich vielleicht langsam runterpegeln will, und außerdem ist das so schön prickelnd bis zum Schluss, aber dann is das doch wieder zack leer getrunken während dem Dartspiel, was gerade auch richtig, richtig gut läuft – also, das musst du dir mal vorstellen, Claudi, das is Bestimmung, ich bin gemacht für das Leben eines Dartprofis, ich treff wirklich genau da, wo ich hintreffen will, oder zumindest trifft mein Gegner nicht mehr dort, wo er hintreffen will, und deswegen gewinn ich das Ding hier einfach mal souverän, und dann muss ich schon wieder pissen, aber im Radio läuft auf 94,3 RS2 genau in diesem Moment Goldener Reiter von Joachim Witt, und ich krieg ’nen Lachanfall, weil vielleicht gehts in dem Song ja auf ’ner anderen Ebene eigentlich um ’nen Reiter, der sich vollgepisst hat, und man muss halt nur genau hinhören, verstehst du, Claudi? Oh, du bist überhaupt nicht Claudi, aber is auch egal, weil hör mir mal zu, das wusstest du bestimmt noch nicht: Das is genau wie bei Golden Brown von The Stranglers, wo es auch einfach nur um Heroin geht, da muss man erst mal die Ebenen begreifen hier mit den goldenen süffigen Kugeln und Tulpen um uns rum, und Claudi soll das Scheißding jetzt mal lauter machen hier, is ja noch keine Sperrstunde, und die Nachbarn sollen halt wegziehen und sich verpissen, wenn denen das hier zu rau is, DANNVERPISSTEUCH, so sind wir nun mal, wenigstens sind wir echt, wir sind doch die Echten, die ihre Emotionen nicht verstecken, wir sind doch jetzt endlich mal im Moment, und ich schreie den Song einfach mit, der is so geil, der Song, der würde auch noch heute funktionieren, und mir kommen die Tränen, endlich, weil wir diesen Moment doch alle gerade hier so durch und durch erleben, und zwei bis drei Atzen in der Kneipe finden nicht nur meinen Blick, die finden das lustig, wie ich hier von einer Emotion zur anderen feuere, und außerdem kennen sie mich eh schon als den traurigen Clown von Kreuzberg, den sie irgendwie nicht einordnen können, von dem sie nicht wissen, is der Berliner, is der Frankfurter, is der Deutscher, is der schwul, is der Schnösel, is der durchgeknallt, is der solo, is der verheiratet und hat vier Kinder, is das ’n Mörder oder ’n Selbstmordkommando, mal kommt der hier im Kostüm an, mal im Jogger und mal im Rollkragen, is aber auch scheißegal am Ende, auf jeden Fall is der lustig, und das hat ja auch ’ne ansteckende Wirkung, und deswegen lachen wir alle, endlich lach ich nicht mehr allein, und dann singen wir zusammen dieses Lied von der Nervenklinik am Rande der Stadt, und weil die so geil mit mir mitschreien und mitfühlen, gebe ich noch mal ’ne Runde Null-Vierer aus, weil das ist doch der Moment, um den es geht, noch ist man nicht im Dispo, also Vollgas, das ist das Leben, und hier ist man für einen Moment richtig spürbar lebendig, man ist live bei seinem eigenen Leben mit dabei, ist mal so richtig dran an der Substanz, liegt nicht nur irgendwo rum und zerdenkt sich und die Dinge, man ist einfach im Moment, und der Moment scheint eben golden wie unser Bier, und irgendwann auf der Toilette peitscht sich irgendwer irgendwas in die Nase, und wenn ich erst mal hier bin, jetzt so angeheizt, aber auch so allein für den Bruchteil einer Sekunde, dann sag ich vielleicht auch einfach nicht mehr Nein, ich will doch ran an die Substanz, ich geb irgendwem fünfzig Tacken wie mein Vater mir damals, als er seine Wette mit mir verloren hat, er würde nie wieder rauchen, weil ich jetzt auch die Wette mit mir verloren hab, aber is auch scheißegal, weil morgen könnten wir eh alle tot sein, und meine Beziehung ist tot, und ich bin gefühlt auch schon tot, und deswegen trink ich jetzt noch einen Shot von irgendwas, und dann mach ich da zwei Shots draus, und dann is auch mal Feierabend. Weil besser wirds nicht, und ich kann kaum noch stehen auf Deck. Ich hätte was essen sollen, fällt mir auf, und wo is mein scheiß Handy, und wie spät is es überhaupt, weiß ich gar nicht mehr gerade, is es hell oder dunkel? Verfickte Hölle, ich kann überhaupt nicht mehr bis zur Tür gucken. Weiß ich jetzt auch nicht, ob das am Rauch hier liegt oder am Fusel in meiner Birne, und während Claudi mir die, trotz des vergleichsweise günstigen Suffs, beachtliche Rechnung ins Gesicht tackert, versuche ich irgendwie, mein Restgeld zusammenzukramen, bin mir sicher, dass ich den einen oder anderen Schein verloren hab oder bestimmt beklaut wurde, was mich stinksauer werden lässt, Scheiße, der Laden geht noch vor die Hunde, wenn hier nur noch Wichser reinkommen! Das Arschloch vorhin beim Dart hat mich beklaut, dieses Schwein! Einmal nicht aufgepasst, und zack, das war sicher so ’n ekelhafter zugezogener Maulwurf, der sich hier bald den ganzen Wohnkomplex kauft und sich auf nett reinzeckt, und ich werde mich ganz sicher nicht daran erinnern, dass ich vermutlich einfach selbst vorhin ’nen Fuffi oder ’nen Sibbi für ’ne Kapsel Baustaub-Betäubungsmittel-Mische rausgehauen hab. Und während ich also die halbe Rechnung bezahle und den Rest anschreiben lasse, gibt mir Claudi ganz nebenbei auch mein Handy zurück, es ist noch da! Claudi, du bist ein Engel! Und ich kann mit einem Klick auf die Entsperrtaste feststellen, dass es zum einen erst vierzehn Uhr ist, und zum anderen, und das ist viel wichtiger, dass ich sieben Anrufe in Abwesenheit habe und keiner davon ist von ihr, sondern alle haben ’ne Leipziger Vorwahl, und mir stellen sich die Haare auf, und ich krieg ’nen Fieberschub und muss fast kotzen und merk auch jetzt erst, dass ich eigentlich total krank bin und mein Rachen entsetzlich brennt und ich den Job in Leipzig wohl vergessen kann, und dann schlepp ich mich kraftlos nach Hause in mein kaltes Heim, an den Bus-stationen, wo der Bus nie hält, vorbei, werde von drei 140ern hintereinander überholt, schaffe es dann endlich, den richtigen Schlüssel in das richtige Schloss zu rammen, und falle auf die stinkende Couch, werde eins mit ihr und warte auf den Kater, der mich endgültig vernichten, eintuppern und auslöschen wird.
Väter am Telefon
Ich brauche Flüssigkeit, und zwar sofort. Literweise frisches Bergwasser. Klares Nass direkt aus der Quelle. Bitte. Ich bin ein vertrockneter Filzstift mit stechenden Schläfen. Unter immensem Kraftaufwand schaffe ich es, meine verkrusteten Augen zu öffnen. Das Licht des Tages sticht mir direkt ins Hirn. Falls da noch Hirn ist. Vermutlich ist es mir im verkaterten Schlaf aus der Nase gelaufen, und jetzt ist mein Kopf genauso leer wie die Wohnung, in der ich liege. Draußen zwar alles maximal grau, aber alles zu hell. In meinem Schädel nichts als stechender Schmerz und eine dröhnende Stimme, die laut in ein übersteuertes Mikrofon brüllt: LETZTERUNDE, SCHNELLSTERUNDE, UNDESGEHTAB, AB, AB. LET’SGOOOOO …! Und mein Bett gehorcht. Sobald ich meinen Körper aufrichte, fängt es an, sich zu drehen. Meine ganze Welt kippt mit. Bin ich nicht auf dem Sofa eingeschlafen? Wie bin ich ins Bett gekommen? Ich versuche, mich am Beistelltisch festzuhalten. Aua. Kopfstechen, Herzstechen. Kein Wasser in Reichweite. Ich starre das Handy an, das neben dem leeren Glas auf dem Tisch liegt. Versuche den Bildschirm zu fokussieren, warte, bis mein Blick wieder einigermaßen zielgerichtet ist und die Sinne sich halbwegs an die Regeln dieser Welt halten. Einatmen. Ausatmen. Okay, der erste Schock wird langsam verdaut. Mein System scheint sich zu erinnern, wie es mit der Vergiftung umzugehen hat. Nichts Unbekanntes. Ich fixiere das Handy ein zweites Mal, greife danach, schaffe es tatsächlich, das Teil in die Hände zu bekommen, und versuche, es per Gesichtserkennung zu entsperren. Klappt nicht. Kein gutes Zeichen. Auf dem schwarzen Screen spiegelt sich mein verquollenes Gesicht. Ich muss auf der Stelle duschen und endlich was trinken.
Die Erfolgreicheren in meinem Business lassen sich angeblich vor dem Schlafengehen vom Doktor an den Tropf hängen. 24/7 optimal hydriert. Aber meine Karriere ist keine Leiter, die ich Stück für Stück erklimme, sondern ein Hamsterrad. Keine Aussicht auf Erfolg. Ich komme nie oben an. Es geht immer nur im Kreis wie in der Ringbahn. Immerhin hab ich mein Hauptziel erreicht, nicht jeden Tag um fünf Uhr aufstehen zu müssen und von Montag bis Freitag irgendeiner Arbeit nachzugehen, die ich hasse und die niemand sonst machen will. Auch wenn mein Konto mittlerweile sagt, dass dieses Jahr mein letztes sein könnte und ich vermutlich doch wieder im Kino oder in irgendeiner der hundert Bars in der Oranienstraße jobben muss. Ich, locker zehn Jahre älter, zwischen Leuten, die ihren ersten Minijob nach dem Abi machen. »Hi there, what can I serve you, you pretentious idiot?«
Hätte ich mein Leben ein bisschen besser im Griff, würde ich jetzt zwar vielleicht genauso müde und schlapp sein, aber wenigstens mit Kind auf dem Bauch und meiner Liebe neben mir. Nicht weiterdenken. Wie spät ist es überhaupt? Ich hab mein Handy immer noch in der Hand, und bevor ich nachgucken kann, vibriert es. Das Bild meines Vaters erscheint und zeigt ihn auf irgend-einer Familienfeier, den Schlips um den Kopf gebunden. Ein eingehender Anruf. Na gut. Erst mal räuspern. Testweise »Hallo, na!« in den Raum sagen. Fuck. Tut weh im Kopf. Noch mal. »Hallo, na?«
Okay, klingt definitiv so, als wär ich gerade aufgewacht. Aber egal, ist ja nicht meine Agentin. Wann hat die überhaupt das letzte Mal angerufen? Es klingelt weiter, und ich gehe ran, bevor er an die Mailbox weitergeleitet wird.
»Hallo, na …«, krächze ich ins Telefon und versuche, selbstbewusst zu klingen. Nicht gut gespielt.
»Oh! Hab ich dich geweckt?«
»Nee, nee, ich bin schon ’ne Weile wach, aber lieg noch im Bett.«
»Ah. Ja, bei dem Wetter verpasst man eh nix.«
»Ja. Absolut. Ich halte dieses Grau nicht mehr aus«, sage ich.
»Na, die Bäume und die Bauern freuts zumindest, wenns regnet«, sagt mein Vater.
»Es regnet doch gerade jeden Tag«, entgegne ich.
»Also statistisch regnet es immer noch zu wenig in diesem Jahr.«
Eigentlich weiß er, dass es mir nicht gut geht. Was er nicht weiß, ist, wie er mich trösten kann. Das Thema wird offensichtlich nicht angefasst. Aua. Ich brauche eine Ibuprofen. Oder zwei. Öffne die Schublade des Beistelltischs, aber finde nur ausgedrückte Packungen.
Mein Vater erklärt mir ausführlich, wie lange es regnen müsste, damit das Wasser bis zu vier Meter tief in die Böden sickert. Mal gucken, wann er beginnt, über Fußball zu reden.
Sein Vortrag scheint dem Ende entgegenzugehen. Er spricht von Grundwasserspiegel und Bodenfeuchte. Dann höre ich ihn schnaufen und Geschirr einräumen. Wobei »einräumen« der Sache nicht gerecht wird. Genauer gesagt höre ich, wie er den Besteckkorb aus der Spülmaschine reißt und ohne zu sortieren in eine Schublade kippt. Muss das alles so laut sein?
Die Türen seines Geschirrschranks knallen zu. Dann atmet er angestrengt aus. Er scheint etwas Neues erzählen zu wollen. Ich atme ein. Meine Kopfschmerzen werden stärker. Ich schalte ihn auf Lautsprecher, lege das Handy auf meinen Brustkorb und massiere meine Schläfen mit den Händen, was es nur schlimmer macht. Also ab ins Bad, da gibts hoffentlich noch Ibu. Es gelingt mir tatsächlich aufzustehen, kurz sticht es hinter den Augen, leichtes Wanken, dann laufe ich los. Meinen Vater auf laut führe ich Gassi.
Im Bad lege ich das Handy auf den Waschbeckenrand, drehe den Hahn auf und halte meinen Mund unter den Strahl. Mein Vater erzählt, wie absurd das ist, dass die Wohnung, in der ich jetzt wohne, damals nur dreihundert Mark gekostet hat und was das überhaupt für ’ne Frechheit ist, dass ich jetzt trotz seines alten Miet-vertrages schon tausenddreihundert Euro zahlen muss. Hatte auch nicht vor, das allein zu zahlen. Anstatt sei-nen Monolog zu unterbrechen, zähle ich mit, wie viele Schlucke Leitungswasser ich trinke. Zehn, elf, zwölf, dreizehn. Geht das schon als Zwangsstörung durch? Sollte ich das meinen Vater fragen? Immerhin ist er hier der Diplom-Psychologe. Warum ist er eigentlich gut in seinem Job, aber so kompliziert in allem Zwischenmenschlichen mit mir? Wieso hört er Fremden zu, aber fragt mich nicht, wie es mir geht? Kein: Kann ich dir helfen? Magst du mal erzählen, was dich beschäftigt? Was macht die Trennung mit dir? Und wieso unterbreche ich ihn nicht einfach und sage: Ich kann nicht mehr. Kannst du bitte kommen und mich in den Arm nehmen?
Na also. Endlich! Tabletten in der Schublade neben dem Waschbecken. Ich spüle eine 400er runter. Ach komm, wen will ich hier verarschen, ich mach zwei draus.
Mein Vater scheint jetzt genug zu haben von Meteorologie und Wohnungsmarkt und wechselt das Thema. »Also willst du noch, dass ich mitkomme heute?«
Ich weiß nicht, wovon er redet. Hatte ich ihm von Frankreich erzählt? Niemand kennt meinen Fluchtplan.
»Ich helf dir auch mit dem Anbringen. Das würde ich machen.«
»Okay …«, antworte ich mehr als Frage.
»Oder willst du nicht mehr zu IKEA?«
Ach du Scheiße. Dunkel erinnere ich mich. Was war es noch mal, das ich ganz dringend von da brauchte, um meinem Leben endlich Struktur zu geben? »Doch, doch«, sage ich schnell. »Gib mir dreißig Minuten, dann bin ich abfahrbereit.«
Fucking IKEA, denke ich. Jetzt durch die Gänge zu laufen wird mich brechen. Immerhin folgt man da ganz stumpf der vorgegebenen Route durch den Laden. Endlich etwas, das Halt verspricht. Endlich Guidance. Hirn aus, Herz aus. Da lang.
»Gut. Bis gleich«, verabschiedet er sich und vergisst wie immer aufzulegen.
»Ja, bis gleich«, sage ich noch und entscheide mich dagegen, das Beenden des Telefonats für ihn zu übernehmen. Ich höre ihm zu, wie er das Handy erst auf den Tisch legt und dann in einen anderen Raum schlurft. Er atmet angestrengt. Schnauft vor sich hin. Presst die Luft beim Ausatmen aus sich heraus, als würde er nicht darauf vertrauen, dass sie von allein wieder aus ihm weichen würde.
Ich sehe ihn vor mir mit seiner in die Jahre ge-kommenen Peek-&-Cloppenburg-Jeans, die so locker hängt, dass sie als Baggy Pants durchgeht, und deren Stoff so dünn geworden ist, dass die hinteren Hosentaschen schon einreißen. Trottet mit seinen Filzhausschuhen, die zur Hälfte hinten auf seiner Hose stehen, durch den Flur. Jetzt müsste er auf Höhe des kleinen Badezimmers sein. Ah ja. Ich höre ihn bei offener Tür im Stehen pissen. Das macht er auch, wenn Gäste da sind. Dann ruft er seiner Frau Jutta zu: »Also ich würde mir dein Auto leihen, ja? Vito will mit mir zu IKEA. Braucht wohl neue Lampen.«
Bevor sie antwortet, lege ich auf. Ach ja, Lampen, erinnere ich mich, die brauche ich unter anderem für die Küche, wo ich immer noch mit Handylicht koche, sobald es dunkel wird. Wann hab ich überhaupt das letzte Mal gekocht? Das hat mir mal Spaß gemacht, denke ich, während ich eine gelbe Kapsel mit Zink und Vitamin C aus der Packung drücke und mir in den Schlund werfe. »Guck mal, Papa, im Streichelzoo is Fütterungszeit«, sage ich in den Spiegel.
Wenn das so weitergeht, bin ich bald wieder da, wo meine Großeltern gestartet sind. Einfach nur ein Bauer, der die Schweine füttert.
Goethe-Augen
Eine viel zu kalte Katzenwäsche und einen reingepressten Müsliriegel später sitze ich im kleinen, rostigen, himmelblau verbeulten Nissan von Jutta und beobachte den sich immerzu drehenden, aber schon ganz verblichenen buddhistischen Gebetskreisel auf den Armaturen. Das Autoradio erzählt von Stau und der zugestickerte Rand der Windschutzscheibe von Urlauben von vor über fünfzehn Jahren. Bis auf ein »Na?« als Frage beim Türöffnen und ein »Na« als Antwort beim Türschließen hat dieses Auto noch keine Worte von mir oder meinem Vater vernommen.
Ich durchbreche das Schweigen und frage meinen Vater mit Blick auf die Windschutzscheibe: »Wieso sind wir da eigentlich nie mehr hin?«
»Zu IKEA?«, entgegnet mein Vater.
»Nein, in den Urlaub, nach Frankreich an den Atlantik, mein ich. Gibts diese Mautsticker überhaupt noch? Oder galten die eh nur für die Schweiz?«
»Une vignette pour l’autoroute s’il vous plaît.« Er antwortet einfach in einem französischen Satz, von dem ich nicht weiß, ob er mich verbessern soll. Ist auf jeden Fall keine Antwort auf meine Frage, aber das kenne ich bereits. Ich versuche es mit etwas anderem. »Wie teuer war denn eigentlich der TÜV dieses Jahr? Lohnt sich das überhaupt noch, immer wieder diesen Wagen schweißen zu lassen? Irgendwie fänd ich das glaub ich besser, wenn euer Auto zumindest Airbags hätte …«
Mein Vater antwortet nicht. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr sicher, ob er es aus Desinteresse macht oder weil er mich nicht gehört hat.
»Papa?«
»Ja?«
»Hast du mich verstanden?«
»Hm?«
»Hast du mich verstanden?«
»Ich habe dich gehört.«
»Aha.« Dieses Mal möchte er mich also definitiv verbessern. »Hättest du mir direkt geantwortet, wenn ich ›gehört‹ gesagt hätte?«
»Hm?«
»HÄTTESTDUMIRDIREKTGEANTWORTET, WENNICHGEFRAGTHÄTTE, OBDUMICHGEHÖRTHAST?«
»Hast du getrunken? Du riechst total nach Alkohol.«
»Warst du beim Ohrenarzt? Du hörst total schlecht.«
Stille.
Ich schaue ihn an, wie er da schnaufend im Fahrersitz sitzt. Seine großen Hände. Meine sind auch groß, aber nicht so breit wie seine. Meine Finger sind eher wie die von meiner Mutter. Sein linker Ringfinger ist schief seit dem Fahrradunfall als Kind, wo sie aus Angst vor der Rechnung nicht zum Krankenhaus sind. Mein prüfender Blick ist weiter auf ihn gerichtet. Auch wenn da keine Straße wäre, auf die er sich konzentrieren müsste, würde er den Blickkontakt mit mir meiden. Weiß er überhaupt, dass ich da bin? Bin ich da? Auf jeden Fall ist er da. Sitzt dort. Der Anschnallgurt spannt ihm um seinen doch mittlerweile ziemlich dicken Bauch. Sein Gesicht sieht durch die Haltung und durch das Doppelkinn ein bisschen so aus, als wäre es ein zweites Gesicht, das sich auf das erste, das jüngere und zuversichtlichere, gesetzt hat.
Das Radio spielt Yusuf Islam, als er noch Cat Stevens hieß. Father and Son. Mein Vater macht eine Geste, die ein Lachen sein könnte, aber auf halbem Weg den Mut verliert. Ein Glucksen, das zu einem »Hmpf« mutiert.
»Das ist jetzt wieder typisch«, sagt er ins Leere.
»Was denn?«
»Hello, universe«, sagt er und guckt durchs Fenster an den wolkenverhangenen Himmel, dann wieder auf die Straße. Höhe Hallesches Tor biegen wir links ab.
»Was ist denn eigentlich mit deinen Augen? Warst du beim Arzt? Du meintest letztens, du kannst kaum noch die Schilder erkennen, sobald es dunkel wird.«
»Der Arzt meinte, ich hätte Goethe-Augen!«
»Okay?«
»Ich bin auf einem Auge kurzsichtig und auf dem anderen weitsichtig«, sagt er und kann den Stolz in seiner Stimme nicht verbergen. »Außerdem hab ich noch einen grauen Star!«
»Okay«, antworte ich leicht verunsichert. »Und willst du das lasern lassen? Also das würde doch gehen, oder?«
»Beim grauen Star wird nicht gelasert, da werden die Linsen ausgetauscht.«
»Und machst du das?«
Er wechselt den Radiosender. »Goethe-Augen können für das Hirn zu anstrengend sein, da könnte man lasern.«
»Das klingt doch gut. Also cool, dass so was überhaupt geht, oder?«, sage ich.
»Aber dann müsste ich eine Brille zum Lesen tragen und wär auf beiden Augen nur noch weitsichtig.«
»Du hast doch sowieso schon ’ne Lesebrille. Das ist doch gar keine Umstellung.«
»Die benutz ich nicht mehr.«
»Wieso das denn?«, frage ich halb verärgert, halb interessiert.
»Die ist nicht mehr richtig scharf«, antwortet er.
»Ja, weil deine Augen schlechter werden!«
»Ich habe Goethe-Augen!«, sagt er immer noch, als wäre es etwas Tolles.
»Das hab ich jetzt verstanden, aber wie liest du denn bitte mit deinen Goethe-Augen ohne Brille?«
»Ich lese mit dem linken Auge, mit dem ich kurzsichtig bin, und halte das andere zu.«
»Du liest mit einem Auge? Das ist doch total stressig.«
»Lesen ist für mich eine Art der Entspannung.«
»Was ist daran entspannend, schief und unscharf zu sehen, das klingt mega anstrengend.«
»Ja, Vito, mein Leben ist seit siebenundsechzig Jahren anstrengend.«
Jetzt macht er mich wirklich sauer. »Und meinst du nicht, es wäre weniger anstrengend, auf beiden Augen gleich gut zu sehen?«
»Ich vertraue den Ärzten nicht.«
»Du bist selber Arzt!«
»Ich bin Psychologe.«
»Deine Patienten sagen Doktor zu dir!«
»Nur die türkischen.«
»Okay, aber dein Augenarzt ist doch in Ordnung, oder nicht?«
»Weiß ich nicht, ob der in Ordnung ist, ich vertrau dem nicht.«
»Dann such dir doch bitte einen, dem du vertraust.«
»Ich vertrau keinen Ärzten, seitdem ich bei der Musterung missbraucht wurde.«
Verstehe, jetzt hab ich wieder den armen Jungen vor mir, der bei der Musterung vom Militärarzt ungefragt den Finger in den Arsch gerammt bekommen hat. »Ich kenn die Geschichte«, sage ich, »aber hier geht es doch um deine Augen, Mann!«
»Ich such mir ja schon einen neuen. Klaus hat mir seinen empfohlen, der hat jetzt sogar polarisierte Linsen, der braucht gar keine Sonnenbrille mehr.«
Immerhin lenkt er ein, denke ich mir. Allerdings nur mit Worten, nicht mit dem Auto. »Hier links, Papa!«, sage ich mit Blick auf mein Handy.
»Ich fahr immer so. Ich kenn die Schleichwege von Kreuzberg seit den Achtzigern, Google gibts erst seit den Neunzigern.«
»Google Maps sagt aber, hier dauert es jetzt in diesem Jahrzehnt, an diesem Tag, vierzehn Minuten länger.«
»Google Maps muss nicht wissen, wo ich langfahre.«
»Ich will einfach nur, dass du siehst, wo du langfährst, ja? Bitte lass dir dieses Jahr die Augen lasern oder die Linsen tauschen oder beides, oder kauft euch wenigstens ein neues Auto, in dem ihr nicht sofort sterbt, wenn ihr angefahren werdet.«
»Ich sterb schon nicht so schnell.«
Dieses Gespräch geht genauso wenig voran wie unsere Fahrt, denn wir stehen in der von ihm schon immer befahrenen Abkürzung ganz offensichtlich im Stau. Ich drehe den vergilbten Fensterheber im Uhrzeigersinn und lasse frische Luft in das Auto. Mein Vater würgt das Radio ab, indem er die halb heraus-stehende Kassette in den Schlitz des Rekorders steckt. »Also eigentlich läuft im Radio nur noch Werbung.«
Das Lied, das nach kurzem Gerausche aus den schrumpeligen Boxen knistert, gefällt ihm. Mit schiefer, vorsichtiger Stimme singt er ein bisschen zu hoch mit: »Depresyondayım unutuldum aldatıldım sevgilimden ayrıldım çok yalnızım.« Auch wenn ich kein Wort außer »Depression« verstehe, erinnere ich mich, das Lied schon in meiner Kindheit aus dem Wohnzimmer gehört zu haben. Ich beobachte das kaputte Bremslicht des Autos vor uns. Plötzlich hört er auf zu singen und sagt: »Ich werd dieses Jahr übrigens nicht mit zum Grab von Rita können. In zwei Wochen mach ich die Praxis zu und flieg in die Türkei.«
Ich schaue ihn an. »Ich dachte, du willst da nicht mehr hin, solange Erdoğan an der Macht ist?«
»Allah bu herifi en yakın zamanında yanına alsın.«
