Superhelden - Sabine Stein - E-Book

Superhelden E-Book

Sabine Stein

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Beschreibung

Der ehrgeizige Hamburger Staatsanwalt Dr. Arno Binz schlägt der wiederholt straffällig gewordenen Graffiti-Sprayerin Zoe einen Deal vor, um gegen den Immobilienspekulanten Frederking vorzugehen: Ihre Freiheit gegen kreative Zusammenarbeit. Also organisiert Zoe in seinem Aufrag spektakuläre Flashmobs, bei denen eine maskierte Horde in Gourmettempel, Wellness-Clubs und Restaurants einfällt, die zu Frederkings Portfolio gehören. Mit ihrem ungewöhnlichen Zweckbündnis geraten die Sprayerin und der Jurist auf eine abenteuerliche und ziemlich abschüssige Bahn.

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Seitenzahl: 307

Veröffentlichungsjahr: 2019

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SABINE STEIN

Roman

EINS

1.

Als Zoe die Schritte hörte, sprang sie von der Laufbrücke und duckte sich zwischen den schmalen Steg und den Waggon wie eine Katze. Das Licht der Bogenlampen reichte dort unten nicht hin, dort unten war es dunkel und roch nach Eisen und Schmierfett und nach dem Unkraut, das zwischen den Gleisen wucherte. Die schwarze Sturmhaube, die dunklen Klamotten machten sie zu einem Schatten in der Nacht, unsichtbar für die, die das Gelände nach solchen wie ihr absuchten. Sie hielt die Luft an; in ihren Ohren wummerte mit 200 beats per minute ihr Herzschlag. Wenn das hier schiefging, war sie fällig. Sie war schließlich keine fünfzehn mehr. Sie war einundzwanzig, und kein Richter der Welt machte sich noch die Mühe, eine wie sie mit sozialpädagogischen Maßnahmen vom richtigen Weg zu überzeugen.

Die Schritte kamen näher. Schweres Schuhwerk auf dem Gitter der Laufbrücke – das konnte ein Gleisarbeiter sein oder ein Zugführer am Ende seiner Schicht. Oder der Sicherheitsdienst. Geräuschlos zog sich Zoe weiter unter den S-Bahn-Wagen zurück; sie spürte, wie das Mundstück unter ihrer Maske feucht wurde, während sie sich darauf konzentrierte, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen wie ein Steinfisch mit dem Meeresboden.

Sie lauschte. Es war nur ein einzelner Mensch, der da immer näher kam und gleich zum Greifen dicht an ihr vorbeigehen würde. Sie roch Zigarettenrauch, dann sah sie die reflektierenden Streifen einer signalroten Arbeits­hose: ein Rangierer auf dem Weg in den Feierabend. Überschwemmt von einer Woge von Adrenalin, fühlte sich Zoe wie ein in einen Flitzbogen geklemmter Pfeil; ihr Geist war überwach und kühl, als wäre eine Kapsel mit Pfefferminzöl in ihrem Kopf explodiert.

Sie wartete nicht ab, bis der Arbeiter ganz außer Sichtweite war – ein bisschen ließ sich der Kitzel noch weitertreiben. Als sie sich hinter dem Ahnungslosen unter dem Waggon hervorwand und auf die Laufbrücke hochzog, konnte sie das ganz große Orchester hören, das ihr die Siegerhymne spielte, aber sie war Profi genug, sich nicht damit aufzuhalten. Sie gab den anderen aus ihrer Crew ein Zeichen, dass die Luft rein war, damit sie aus der Böschung am Rand zu ihr herüberkämen.

Das Gelände der S-Bahn-Abstellanlage Altona war vertrautes Terrain. Der Sergeant hatte vor dem ersten Besuch alles sorgfältig ausgekundschaftet. Dankenswerter­weise musste man dafür nicht mehr wie die Urahnen der Sprayer-­Szene in staubigen Archiven hocken und alte Pläne studieren; das Netz servierte alle nötigen Details mit sauberem Mausklick in die eigene Werkstatt. Inzwischen kannten sie den Weg im Schlaf. Ein enger Tunnelgang, den man durch eine Gittertür in einer Wand der Bahn-Unterführung betrat, brachte sie zu einer Treppe, die direkt ins Paradies führte – ein weitläufiges Delta aus einander kreuzenden Schienen und Weichen, Signalmasten, Laufstegen und Prellböcken, das in orangefarbenem Arbeitslicht vor ihnen lag. Hier stellte die S-Bahn Hamburg GmbH während der Betriebsruhe ihre Züge ab, lange Ketten rot-grauer ­Waggons und Triebwagen, die verlassen nebeneinander standen wie Tiere im Gehege.

Nicht dass die Damen und Herren von der Direktion nicht alles dafür getan hätten, um solche wie sie von ihren Depots fernzuhalten. Lichtschranken, Trittmelder unter den Platten der Laufbrücken, patrouillierende private Wachdienste sollten dafür sorgen, dass nicht immer wieder die schönen verkehrsrot lackierten Oberflächen mit berstenden Hieroglyphen zugebombt wurden. Es gab eine interne Anweisung, nach der jeder mit Graffiti verzierte Zug spätestens nach zwölf Stunden von der Schiene musste – man gönnte den Schmierern, den Sachbeschädigern, den Zerstörern keine öffentliche Aufmerksamkeit, hieß es. Doch so viele Züge zu bewachen, war ziemlich schwierig. Es hätte eine Armee gebraucht, schlauere, schnellere Leute als die Security-Brocken, die schwerfällig durch die Anlagen stapften.

Eine Stunde lief Zoe jeden Tag im Sprinttempo durch die Stadt, alle ihre Gänge erledigte sie rennend. Abends, bevor sie ins Gloria fuhr, um einen Film einzulegen, spurtete sie oft von ihrer Wohnung bis zur Elbe und zurück. Das Training war notwendig; sie musste sich auf ihre Schnelligkeit verlassen können, wenn es ums Abhauen ging.

Einige aus der Crew hatten ihre Dosen mit den verschiedenen Sprühaufsätzen schon ausgepackt und damit begonnen, in schnellen Bewegungen Seiten und Fenster der Waggons zu bearbeiten. Zoe folgte mit Mungo und Oleg dem Sergeant, der an den Zügen vorbei auf die Halle mit der Waschanlage zurannte, die sie bislang als uneinnehmbar betrachtet hatten. Der Sergeant ruckelte an einem Lüftungsgitter, und obwohl ihnen natürlich klar war, dass die Deutsche Bundesbahn keines ihrer Gebäude über Nacht sperrangelweit offenstehen ließ, wirkte dieses kurze ­Ruckeln wie ein Signal, das zum Sturm blies. Sie rannten um die Halle herum, drückten auf die Klinken sämtlicher Türen, strichen über die Rollgitter der großen Portale, prüften die Schlösser der Kästen, in denen sie Schaltknöpfe vermuteten, und suchten fieberhaft nach einem Schlupfloch, das ihnen Einlass gewährte. Auf einmal deutete Mungo stumm auf die Lüftungsklappe in einem Fenster. Jemand hatte tatsächlich vergessen, sie zu schließen, und dieser Jemand würde nun seines Lebens nicht mehr froh werden. Und auch die Leute vom Wachdienst, diese Wichte, waren auf ihrem Kontrollgang stumpf daran vorbeimarschiert.

Zoe war es, die mit einer hebelnden Bewegung des Armes die Taktik vorgab. Die anderen nickten. Räuberleiter, Klappe aufhebeln, durchlangen zum Fenstergriff und das Fenster von innen öffnen. Alles blieb ruhig. Was für eine Nacht!

Bevor sie sich über den Sims nach drinnen schwang, hielt Zoe ihre Finger in den Latexhandschuhen, zum V gespreizt, ganz dicht vor Olegs Handykamera. Noch bevor morgen hier die erste Schicht begann, bevor die Betriebs­zentrale Altona einen hässlichen Anruf bekam, würde das Video ihrer Aktion im Netz stehen und diese Crew unsterblich machen. Einen für geschätzte zwanzigtausend Euro in Handarbeit frisch gereinigten Zug noch in der Waschanlage neu zu bomben – das war einfach groß.

Und ein Menschenleben entfernt von dem Tag, an dem sie und Mungo sich als Achtklässler eine Dose Sprühfarbe im Baumarkt gekauft und auf dem Rückweg zur Schule zwei Verteilerkästen mit Smileys verziert hatten. Mittags hatten sie beide bei Mungo zu Hause Tiefkühlpizzas gegessen und über einen Namen nachgedacht, den sie sprayen könnten, weil Smileys nun wirklich keine Vi­sitenkarte waren. Schließlich nannten sie sich Keine Kinder mehr, nach einem alten Song von Samy Deluxe, allerdings auf Englisch, weil es cooler und streetgangmäßiger klang: no kids anymore. Seither sah man nka überall, auf Brückengeländern und Briefkästen, auf Hausmauern, U-Bahn-Sitzen, Tunnelwänden und Verkehrsschildern.

Der Sergeant und die anderen sahen sich in dem Raum um. Das Fenster, durch das sie gestiegen waren, gehörte zu einem Büro. Zwei Schreibtische mit Kaffeebechern und Ablagekästen darauf, ein Kalender an der Wand, ein Schrank. Hinter dem Raum lag ein kleiner Flur, der zu einer Metalltür führte. Der Sergeant legte die Hand auf die Klinke und wartete, bis Oleg mit der Kamera bei ihm war. Dann drückte er die Klinke mit der Behutsamkeit eines Tresorknackers hinunter. Dies hier war unbekanntes ­Gelände für sie; keiner von ihnen wusste Bescheid über die Sicherungssysteme, die in einer solchen Wartungshalle an der Arbeit waren. Er öffnete die Tür einen Spaltbreit und wartete. Nichts geschah. Keine Alarm­glocke schrillte, doch alle wussten, dass genauso gut in irgendeiner Überwachungszentrale jetzt ein kleines rotes Lämpchen zu blinken begonnen haben konnte und ein handlicher Trupp der Bundespolizei sich bereit machte, das öffent­liche Eigentum zu schützen. Viel Zeit blieb ihnen nicht.

Der Sergeant stieß die Tür weit auf und ließ Oleg vorbei, um den triumphalen Augenblick zu filmen: Vor ihnen lag eine große dunkle Halle, sanft erleuchtet von dem Licht, das durch Oberlichter und die Glasfront an den Stirnseite fiel. Zwischen Arbeitsrampen standen mehrere Triebzüge und Waggons mit geöffneten Türen, offenbar frisch überholt und gereinigt. Dazwischen Rollcontainer mit Werkzeugen und Chemikalien, elektrische Prüfgeräte mit einem Gewirr aus Kabeln, Schläuchen, Schaltern. Es war ein erhebender Anblick – nicht weil er Besonderes geboten hätte, sondern weil er nicht für die Augen von Eindringlingen bestimmt war.

Draußen rechnete man inzwischen überall mit ihnen. Hier drinnen nicht.

Mit der Zielstrebigkeit von Eroberern begann die Crew das Terrain in Besitz zu nehmen. Es sah aus, als ob die Techniker nur kurz in die Kaffeepause gegangen wären: Arbeitshandschuhe lagen herum, auf einem Tischchen standen Thermoskannen und ein Kofferradio, daneben ein Arbeitshelm, auf dem ein Prägeband mit dem Namen »Ingo Reibold« klebte. Mungo stülpte ihn über seine Sturmhaube und poste für die Kamera. In einem kleinen Kühlschrank fanden sie eine Sprite, die sie sich nachei­nander an den Hals setzten, nicht ohne darauf zu achten, dass ihr Gesicht dabei auf dem Video nicht zu sehen sein würde.

Eine Tür in der gegenüberliegenden Wand führte in die eigentliche Waschanlage, einen gelb gekachelten muffig riechenden Schlauch mit einem Satz riesiger Bürsten an einem Gestänge. Sie war leer, aber die Feuchtigkeit des letzten Waschgangs hing noch in der Luft.

In einem Regal in der Werkstatthalle hatte Zoe Stapel mit selbstklebenden Folien entdeckt: das Streckennetz des Hamburger Verkehrsverbundes, die Betriebsordnung und »Verhalten im Notfall«. Sie sah sich um, ob es etwas gab, was sie damit tapezieren konnte, aber dann ließ sie es sein. Das war Kinderkram. Der Countdown lief, seit sie das Fenster geöffnet hatten, und hier standen diese unberührten S-Bahn-Wagen und warteten auf sie. Warteten darauf, dass sie mit Montana Kicking Yellow, Punk Pink, Code Red und True Cyan, mit Silver Chrome und Clockwork Orange ihre Flächen bearbeitete, mit Shock Blue und Black Purple fette Outlines drumherumsetzte, bis die Staatskarosse statt ihrer nahverkehrsroten Uniform ein punkiges schrilles Narrenkostüm trug und ein durch diese nüchterne Stadt rollendes Manifest geworden war. Ein Manifest, in dem es um Kreativität ging, vor allem aber um Freibeutertum, den Triumph des Ungehorsams.

Zoe hatte gerade ihren Beutel mit den Kannen neben sich auf den Boden gestellt und wollte sich an die Arbeit machen, als der Sergeant mit dem Arm ein Zeichen gab: Freeze hieß das, keine Bewegung, absolute Stille.

An der Tür, durch die sie gekommen waren, erschien der Lichtkegel einer Taschenlampe.

Zoe überlegte fieberhaft. Hatten sie das Fenster hinter sich wieder zu gemacht? Aber wenn sie sich verraten hatten, wäre dann nur ein einzelner Sheriff hier? Hinter ihr war ganz kurz ein Geräusch zu hören; etwas rollte über den Boden und wurde sofort gestoppt. Das wäre draußen kein Problem gewesen, doch die Halle wirkte wie eine Echo­kammer.

Augenblicklich setzte der Lichtkegel sich in ihre Richtung in Bewegung. Zoe konnte die knisternde Stimme eines Funkgerätes hören. Auf freiem Gelände hätte sie diese Situation locker im Griff gehabt, da wäre sie jetzt losgespurtet. Auf diese Distanz hätte der Securitymann keine Chance gehabt. Doch hier drinnen stieß ihr Impuls zur Flucht überall an Wände und prallte daran ab. Über den Rückweg hatten sie schlicht nicht nachgedacht.

Konnte es sein, dass sie jetzt festsaßen wie dumme Tiere? Als der Wachmann sich weit genug von der Tür entfernt hatte, hörte Zoe den Sergeant. Los. Speeden jetzt. Und während sie zusah, wie die anderen sich Richtung Tür in Bewegung setzten, trennte sich in ihrem Inneren der Teil, der ebenfalls rennen und fliehen wollte, von einem anderen, der kühl kalkulierte. Dass noch geschätzte fünfundzwanzig Meter zwischen ihr und dem Uniformierten lagen und dass dieser gerade drei vermummte Gestalten auf sich zulaufen sah. Das war mehr als genug für den armen Mann. Er würde keine Zeit haben, darüber nachzudenken, ob sich zwischen den Zügen in der Halle noch jemand verbarg. Also rührte sich Zoe, während der Rest ihrer Crew Richtung Ausgang stürmte, nicht vom Fleck.

Wie erwartet, drehte sich der Wachmann zu den Flüchtenden um. Halt. Stehenbleiben. Sofort. Mungo riss ein paar Werkzeuge von den Tischen und warf damit nach dem Sheriff, und während sie klirrend auf den Zementboden schlugen, nutzte Zoe den Tumult, um mit einem Sprung in einen Waggon zu hechten. Dabei hielt sie immer noch die Dose Rot in der Hand, mit der sie gerade loslegen wollte, als sie überrascht worden waren. Sie kauerte sich zwischen die Sitze und lauschte auf den Lärm in der Halle. Offenbar gab es eine Rangelei; wahrscheinlich hatte der Sergeant den Sicherheitsmann mit Nachdruck beiseite­schieben müssen, um aus der Tür zu kommen.

Im Waggon roch es nach Chlor und Lösungsmitteln. Zoe schwitzte. Sie zog die Sturmhaube hoch und rieb sich das Gesicht. Dann nahm sie die Dose und begann zu sprayen.

Als sie sicher war, dass die anderen draußen waren und mit ihnen ihr Verfolger, sprang sie aus dem Wagen und lief quer durch die Halle zum Büro. Da hörte sie jemanden hinter sich: He, du da. Stehenbleiben. War also offenbar doch noch ein zweiter Mann unterwegs. Zoe drehte sich nicht um; die Sekunden, die man dabei verliert, kosten einen meistens das Fell. Stattdessen stürmte sie weiter, wollte gerade auf das Fensterbrett, um von da aus auf den sandigen Boden zu springen, aber der Typ war schneller, erwischte sie am Arm und hielt sie fest.

Erstens: Wer rechtswidrig eine fremde Sache beschädigt oder zerstört, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Zweitens: Ebenso wird bestraft, wer unbefugt das Erscheinungsbild einer fremden Sache nicht nur unerheblich und nicht nur vorübergehend verändert. Drittens: Der Versuch ist strafbar. Paragraph 303 Strafgesetzbuch.

Sachbeschädigung, Hausfriedensbruch, Störung öffentlicher Betriebe – da kam einiges zusammen. Geldstrafe, vielleicht Freiheitsstrafe, in jedem Fall Schadenersatz, das hieß Schulden bis zum jüngsten Tag, kannst auch gleich in den Knast gehen, Müllsammeln wird dir nicht mehr helfen. Sie dachte an ihre Hamstereltern in ihrem rein­lichen kleinen Hamsterzuhause, an ihr altes Kinderzimmer, dachte an Lotta, die gefunden hatte, dass es eine schiefe Ebene war, auf der sie sich bewegte, und sie befand, dass sie sich dieses Mal wirklich nicht fangen lassen konnte.

Sie drehte sich um ihre Achse, holte aus und stieß dem anderen mit aller Kraft ihren Ellenbogen ins Gesicht. Der Mann schrie auf und hielt sich die Nase.

Mit einem Satz war Zoe aus dem Fenster.

Ihr Knöchel knackte, als sie auf dem Boden aufkam, sie sicherte kurz in alle Richtungen, dann rannte sie los. Rennen konnte sie. Der Schmerz war egal, Hauptsache, sie war wieder draußen, raus aus der Halle, die ihnen beinahe zur Falle geworden wäre.

Sie rannte quer übers Gelände, sie musste so schnell wie möglich aus der beleuchteten Zone kommen, dorthin, wo man sie nicht mehr so leicht sehen konnte, zur Böschung, zu den Gleisen, die zum Tunnel führten. Auf einmal hörte sie laute Rufe hinter sich. Wie hatte sie nur glauben können, so leicht davonzukommen? Der rechte Knöchel stach bei jedem Schritt. Der Schmerz, den er auf den Nervenbahnen nach oben jagte, drehte ihr den Magen um. Nicht gut. Wenn es im Zentrum flackert, hat die Angst leichtes Spiel. Essigsaure Tonerde. Wo kamen diese bescheuerten Worte jetzt her, wo sie gerade über Schienen sprang wie ein flüchtender Hase, hinter ihr der Jäger aus Kurpfalz mit dem Schießgewehr. Es hieß, dass die Sheriffs mit Figuren wie ihnen nicht zimperlich waren. Wenn sie sich früher den Fuß verstaucht hatte, traktierte ihre Mutter sie mit Umschlägen, zwang sie zum Stillhalten, während die säuerlich riechenden feuchten Lappen auf der Haut warm wurden und zu jucken anfingen, essigsaure Tonerde, was war das eigentlich für ein Zeug, und warum hatte sie solche Lust zu kotzen, nur weil sie sich den Knöchel ­verstaucht hatte, warum war sie so scheißmüde, das war der ganz falsche Moment jetzt, oh so bad, baby, immer war sie stolz drauf gewesen, dass sie in brenzligen Situa­tionen Muskeltonus und Nerven einer Hochseilartistin hatte. Sie hörte ihre Häscher näher kommen, Stehenbleiben!, sie werden mich fertig machen, dachte sie und dass sie es war, die in dem Waggon in der Halle ihre Unter­schrift hinterlassen hatte, nka auf den Sitzen, nka quer übers Fenster, das würde ihr einigen Ruhm sichern, nka auf dem Boden, Hausfriedensbruch, Sachbeschädigung, Körperverletzung – sie sah den Strahl ihrer Taschenlampen näher kommen, du bist am Arsch, Zoe, dachte sie und wusste, dass es stimmte, noch bevor die sie eingeholt und auf den Boden geworfen hatten.

2.

Binz sah an seinem Körper hinunter. Er musste sich leicht nach vorne beugen, um die Anzeige vor seinen nackten Zehen sehen zu können. Ohne Brille waren die Ziffern verschwommen, doch so viel war klar: Was auch immer die Waage zeigen mochte, es war zu viel. Er bedachte diesen Umstand mit einem fatalistischen Seufzer, und während er sich reichlich Eau Sauvage auf die Wangen klopfte, pfiff er eine Melodie, die an die Marseillaise erinnerte. Auf, Kinder des Vaterlands! Der Tag des Ruhms ist da!

Im begehbaren Kleiderschrank waren die Hemden nach Farben sortiert. Vor der Abteilung weiß und hellblau ging Binz im Kopf seinen Tag durch. Heute war Sitzungstag, also weiß. Vielleicht dieses neue Button-down-Hemd mit einer Seidenkrawatte. Er hielt sich einen weinroten Schlips vor die Brust, fand das Rot zu brünstig, suchte nach etwas Dezenterem. Abends war er mit Irina zum Essen im Balzac verabredet. Er entschied sich für Silbergrau und nahm noch einen zweiten Schlips zum Wechseln mit, falls mittags wieder nur Zeit für eine Wurst bei Rübner bliebe, deren Fett einem so gerne auf die Brust troff.

Mit vorgerecktem Kinn zog Binz den Krawattenknoten fest, schlüpfte ins Jackett und prüfte sich vorm Spiegel kurz von allen Seiten. Na bitte. Der Bauch war weg. Er fuhr mit zwei Fingern in die Geheimratsecken, bleckte die Zähne, warf seinem Gegenüber ein gewinnendes Lächeln zu. Dann nahm er ein frisches Taschentuch aus der Schublade, in das Nuria, seine Haushaltshilfe, sie nach dem Bügeln einordnete, griff sich ein Paar schwarzer Schuhe und löschte das Licht im Kleiderschrank.

Seinen Tee trank er im Stehen auf der Dachterrasse. Die Linden verströmten ihren schweren klebrigen Duft, nur notdürftig verbargen ihre Kronen die kubistische Exaltation, die sich ein ambitionierter Bauherr auf das Nachbargrundstück hatte setzen lassen.

Der Himmel hing tief. Binz maß die schiefergrauen Wolkenbäuche mit einem prüfenden Blick, und bevor er hinunter in die Garage ging, zog er seine gewachste Regenjacke übers Jackett. Er räumte seine Aktentasche in den Gepäckkoffer seines Motorrollers, setzte den Helm auf und klappte den Ständer hoch. Kurz darauf war er aus dem Tor, hatte die kleinen Wohnstraßen seines Viertels durchfahren und sich auf der Elbchaussee in den dichten Morgenverkehr eingereiht.

Von einer Rom-Reise mit Irina hatte Binz die Einsicht mitgebracht, dass man sich das Schlangestehen im Berufsverkehr getrost sparen konnte. In Italien fuhr niemand ernsthaft mit dem Auto durch die Stadt, wenn es sich vermeiden ließ. So hatte er sich als Ergänzung zu seiner Limousine eine Vespa GTS Touring zugelegt, ein elegantes Modell mit Windschild und kraftvollem Viertakt-Motor.

Nun allerdings kroch er schon seit geraumer Weile hinter einem qualmenden Lastwagen her und wartete auf eine Gelegenheit, ihn endlich zu überholen. Als sich eine Lücke im Gegenverkehr ergab, setzte er zum Spurt an, doch als er sich wieder einreihen wollte, war es zu spät. Unmittelbar vor ihm teilte eine Verkehrsinsel die Straße. Glücklicherweise war die Gegenfahrbahn gerade leer, und so fuhr er in einem beherzten Bogen auf der falschen Seite an der Insel vorbei, hupend, gestikulierend, aus Empörung über die Rücksichtslosigkeit dieses Hornochsen. Hundert Meter weiter wurde er von einer Polizeistreife gestoppt.

Binz holte seine Papiere hervor. Während der Beamte seinen Führerschein prüfte, nahm er den Helm ab.

»Sind Sie nicht ein bisschen zu alt für solche Mutproben?«, fragte ihn der Polizist.

»Machen Sie Witze? Ich bin dazu genötigt worden. Das ist ja wohl offensichtlich. Und Sie sind mein Zeuge.«

»Sagen Sie, Herr...«

»Dr. Arno Binz. Staatsanwalt beim Landgericht Hamburg. Und aus diesem Grund habe ich es auch eilig. Um neun fängt ein Prozess vor der Großen Strafkammer an, und ich bin der Vertreter der Anklage.«

»Umso schlimmer, Herr Kollege«, erwiderte der Polizist. »Gerade Sie müssten eigentlich wissen, was geht und was nicht.«

»Hören Sie, Herr Kollege«, sagte Binz, und es klang, als ob er einen sauren Drops im Mund hätte, »ich habe von morgens bis abends mit Mord und Totschlag zu tun. Ich will hier nicht mit einem Verkehrspolizisten streiten. Ich habe versucht, einen Unfall zu vermeiden, ich habe niemanden gefährdet und nichts beschädigt. Und wenn Sie das anders sehen, dann gehen Sie in Ihre Dienststelle, schaufeln Sie auf Ihrem Schreibtisch die hundert anderen unerledigten Fälle zur Seite und setzen Sie eine Anzeige auf.«

Zwanzig Minuten später hastete Binz durch die hallenden Flure der Staatsanwaltschaft zu seinem Büro. Die Verhandlungen mit diesem obstinaten Verkehrskasper hatten seinen eng getakteten Zeitplan durcheinandergebracht. Der Mann hatte ihn wie einen halbstarken Raser behandelt, und Binz hatte sich nach seinem schweren Saab gesehnt, in dem er vor dem überbordenden Belehrungseifer eines Polizeiobermeisters geschützt gewesen wäre wie in einem Faradayschen Käfig.

Nun schloss er die Tür zu seinem Büro auf, Hauptabteilung drei, allgemeine Strafsachen, Buchstaben A – Kue, warf seine Jacke über den Stuhl und zerrte an dem Knoten seiner Krawatte, um sie gegen den weißen Juristenbinder zu tauschen. Der Raum war hoch und hell und verströmte die Gemütlichkeit einer preußischen Amtsstube. Stumpfer Linoleumboden, ein grauer Schrank, Regale mit Gesetzessammlungen, Leitzordnern und den Sammelbänden der Neuen Juristischen Wochenschrift, daneben eine Espressomaschine. Auf der Fensterbank eine Zimmerpalme, die Binz zu seinem letzten Dienstjubiläum bekommen hatte und die er missachtete, so gut es ging. Doch das boshafte Ding wuchs und gedieh, als machte es sich über seine dürftige Demonstration menschlicher Überlegenheit lustig.

Neben seinem Schreibtisch stand ein mit Akten beladener Rollwagen, auch alle anderen freien Flächen waren mit Akten belegt. Als jungen Staatsanwalt hatten Binz die roten Schnellhefter, angefüllt mit juristischer Korrespondenz, Ermittlungsberichten, Vernehmungsprotokollen, Sachverständigengutachten, bis in seine Träume verfolgt. Sie entwickelten ein geheimes Eigenleben, vermehrten sich wie Pilzkulturen, verschwanden, quollen auf, waren unentzifferbar oder erwiesen sich als labyrinthische Systeme, die ihn immer tiefer ins Dickicht führten, bis er so gründlich die Orientierung verloren hatte, dass er nicht hoffen konnte, jemals wieder hinauszufinden. Um nicht unterzugehen, hatte er sich zu einer strengen Arbeitsökonomie erzogen. Er las jede Akte von hinten nach vorne, um so schnell wie möglich einschätzen zu können, ob es eine Einstellung oder eine Anklage geben würde. Und wenn das Material ausreichte, formulierte er sofort einen ersten Entwurf der Anklageschrift, notierte sich die Zeugen, prüfte, wer noch zu vernehmen war und was diese Zeugen vermutlich aussagten. In einer Art geheimer Wette mit sich selbst formulierte er das Strafmaß, das vermutlich am Ende der Hauptverhandlung stehen würde. Dass er so oft richtig lag, brachte ihn dazu, an so etwas wie juristischen Instinkt zu glauben.

Binz nahm seine Robe aus dem Schrank, warf sie über den Arm, griff nach der Handakte und steckte sich im Hin­ausgehen eine der Trüffelkugeln in den Mund, die er in einer Schublade seines Schreibtisches vor den gierigen Blicken der Dezernatskollegen verbarg. Dann machte er sich auf den Weg ins Strafjustizgebäude.

3.

Mit Beleidigungen und Streitereien um die Benutzung der Müllcontainer hatte es begonnen. Dann fand Herr Wu eines Morgens einen großen Haufen von Küchenabfällen vor der Tür seines Asia-Imbisses in St. Georg.

Zunächst leise und stockend, schließlich mit wachsender Erregung schilderte der Zeuge Wu Tian den Kleinkrieg, den der Angeklagte gegen ihn führte. Mit Fierek, dem Koch des Restaurants Wemuth, mit dem sein Imbiss sich neuerdings den Hinterhof teilte, hatte es von Anfang an nur Probleme gegeben. Auf einmal bekam das Lotus Besuch vom Gewerbeaufsichtsamt, das wegen der hygie­n­ischen Zustände in Wus Küche eine anonyme Anzeige erhalten hatte. Man fand nichts, was zu beanstanden gewesen wäre, aber die Stammkunden waren irritiert. Wu geriet finanziell ins Schlingern, auch weil er plötzlich eine Stromrechnung bekam, die um ein Zehnfaches höher war als gewöhnlich. Er fand heraus, dass jemand seine Leitung angezapft hatte und der Stromverbrauch des gesamten Mehrfamilienhauses über seinen Zähler gelaufen war. Auch dies ging auf Fiereks Konto, da war Wu Tian sich sicher. Aber er hatte keine Beweise.

Der Angeklagte Fierek hatte die Arme vor der Brust verschränkt und starrte an die Decke, während der zierliche grauhaarige Chinese seine Aussage machte. Neben ihm saß der bekannte Strafverteidiger Sören Dreyer, gefürchtet als harter Hund, dem keine Provokation, kein Trick zu billig war, um Zeugen zu verwirren, ihnen das Wort im Mund herumzudrehen und der mit einer Flut von Anträgen einen Prozess verschleppte, wenn er sich davon einen Vorteil für seinen Mandanten versprach. Mit diesen Methoden hatte er einige spektakuläre Freisprüche erwirkt und sich als Spezialist für die großen Schlachten empfohlen. Jetzt verfolgte er die Schilderungen des Zeugen Wu mit einem müden Lächeln, als handele es sich darum, Geduld mit einem Geisteskranken aufzubringen.

Wieso interessierte Dreyer sich überhaupt für einen so unspektakulären Fall? Binz, der sich auf Routine eingestellt hatte, tastete nach einem Fishermen’s und schob es sich verstohlen in den Mund.

Laut Anklage hatte Sven Fierek an einem frühen Nachmittag im November letzten Jahres mit einem Messer mehrmals auf den Imbissbesitzer eingestochen und ihn schwer verletzt. Der Koch, ein stämmiger Mittdreißiger, sprach von Notwehr. Der Chinese sei mit einem Küchenbeil bewaffnet in der Küche des Wemuth erschienen und habe Anstalten gemacht, auf ihn loszugehen, und er, in Todesangst, habe sich mit einem Messer zur Wehr gesetzt.

»Ich hab gedacht, der haut mich gleich in Stücke, wie der da steht und mit den Augen rollt. Kennt man doch: Wenn Asiaten ausflippen, werden die echt brutal.«

Die Klinge des Messers hatte Wu die Sehnen zweier Finger der rechten Hand durchtrennt, seitdem war er teilweise arbeitsunfähig.

Binz blätterte in der Akte. Für den Ablauf des Kampfes gab es anscheinend keine Zeugen, da stand Aussage gegen Aussage, wohl aber für die unmittelbare Zeitspanne davor. Der Auszubildende Wolnik war in der Küche des Wemuth beim Gemüseputzen gewesen, als Wu plötzlich mit einem Hackmesser in der Hand in der offenen Tür zum Hof erschien. Nach seinen Angaben hatte der Chinese am ganzen Körper gezittert, hatte eher verzweifelt als wütend gewirkt. Fierek hatte sich ein Ausbeinmesser gegriffen und Wu auf den Hof hinausgedrängt. Hinterher, so hatte der Lehrling ausgesagt, habe Fierek das blutige Messer ins Waschbecken geworfen und von Drecksarbeit gesprochen.

Binz las mit gerunzelter Stirn. Worum ging es hier eigentlich? Alle seine Nachfragen liefen ins Leere. Herr Wu schüttelte nur betrübt den Kopf, er konnte sich den Hass seines Nachbarn nicht erklären.

Nun begann Rechtsanwalt Dreyer, mit ruhiger Stimme Fragen zum Tathergang zu stellen. Doch Wu konnte nicht sagen, ob man einander zugewandt oder doch eher voneinander weggedreht gestanden hatte, wie groß die Entfernung zwischen ihnen genau war und wer dann den ersten Schritt auf den anderen zu machte. Und er wusste auch nicht mehr, wie er das Beil gehalten hatte, ob eher über seinem Kopf oder neben seinem Körper,wann er das Messer in Fiereks Hand zum ersten Mal sah, wie viel Zeit zwischen den einzelnen Stichen verging und wann und warum er das Beil losließ. Es war zu lange her, es war sehr schnell gegangen und es war schrecklich gewesen.

Dreyer bohrte unbeirrt nach, bestand auf genauen Antworten, nur um dem alten Mann im nächsten Augenblick Widersprüche darin vorhalten zu können. Herr Wu, den Kopf gesenkt, wirkte gepeinigt und schuldbewusst wie ein Schüler. Zuletzt flüchtete er sich vor dem Hagel von verwirrenden Fragen zu immer dem gleichen deutschen Satz, »ich nicht erinnern«, den er in monotonem Singsang wiederholte.

Fierek grinste vergnügt; er genoss das Schauspiel wie ein Söldner im römischen Zirkus.

»Wenn Sie sich an die Einzelheiten des Ablaufs nicht erinnern, wie können Sie sich dann so sicher sein, dass Sie nicht nach dem Angeklagten ausgeholt haben?«, fragte Dreyer schließlich mit sanfter Stimme und tippte dabei mit dem ausgestreckten Zeigefinger in Wus Richtung, als ob er testen wollte, ob der Mann schon reif war für seinen Sturz. Lächelnd nickte er dann zur Bank der Staatsanwaltschaft hinüber, hier haben Sie Ihren Zeugen zurück, Herr Kollege, sollte das heißen, jedenfalls das, was von ihm noch übrig ist.

Binz straffte sich. Unter einer dicken Schicht aus Routine und chronischer Arbeitsüberlastung regte sich sein gekränktes Rechtsempfinden. Während die Gerichtsmedizinerin ihr Gutachten vortrug, vertiefte er sich noch einmal in die Akte. An einer kleinen Notiz blieb er hängen, an einem Namen, der ihm auf einmal in glühender Schrift entgegenleuchtete und sich ihm in die Netzhaut brannte.

Mehrheitsgesellschafter des Wemuth war Lars Frederking, Sohn und Erbe des Immobilienkönigs Albert Frederking und Arno Binz’ persönlicher Schatten, seit er vor über vierzig Jahren beim Kindergeburtstag im Wintergarten von Familie Frederking am Tisch mit dem Schokoladenbrunnen gesessen hatte, wo zwei Angestellte mit bunten Hütchen den kleinen Gästen Saft nachschenkten.

Schon damals hatte Lars so viele Freunde gehabt, dass er sich an Arno Binz nicht erinnerte, als sie sich Jahre später im Gymnasium wieder über den Weg liefen. Immer im Mittelpunkt einer johlenden Meute, zielte er im Vorbeigehen nur manchmal mit einer kleinen vernichtenden Pointe auf ihn und ließ ihn dann achtlos am Wegesrand zurück, glühend vor Scham. Der wirft wie ein Mädchen. Der ist bestimmt noch Jungfrau.

Schon damals übte Lars Frederking eine unbekümmerte Herrschaft über seine Umgebung aus, die er in Gefolgsleute und den verkrüppelten Rest unterteilte. Alle rissen sich darum, seine Komplizen zu sein, wenn er nachts in die Turnhalle einstieg, um dort eine kleine Party zu feiern, und eine leere Bacardiflasche und einen Haufen Kippen auf dem Linoleumboden hinterließ oder wenn der Geräte­schuppen des Hausmeisters in Flammen aufging. Jeder auf dem Schulhof wusste, dass er es gewesen war, aber niemand drehte ihm einen Strick daraus. Nur drei oder vier Mal sah man morgens einen nachtblauen Mercedes 500 vor der Schule stehen, groß wie ein Schiff, das hieß, dass es eng geworden war und der alte Frederking die Angelegenheit mit der Schulleiterin persönlich regelte.

Auch später im großen Hörsaal der rechtswissenschaftlichen Fakultät erkannte Lars Frederking den ehemaligen Mitschüler nicht, zu gering war Binz’ Bedeutung sogar als Opfer seiner Späße gewesen. Dafür erinnerte Binz sich sehr genau, beobachtete den jungen Frederking aus der Ferne, mit der Erbitterung des Rechtschaffenen, der um ein gelungenes Leben rang, während Lars sich seine Arbeiten von anderen schreiben ließ, weil er es nicht nötig hatte, irgendwen von seinen Fähigkeiten zu überzeugen. So oder so wartete zu Hause der Job als Juniorchef eines florierenden Unternehmens auf ihn, zu dem der alte Frederking in den Fünfzigern mit dem Kauf eines leerstehenden Schwesternwohnheims an der Palmaille den Grundstein gelegt hatte. Heute besaß die Frederking Holding Hotels und Gastronomiebetriebe, Gewerbeimmobilien und Wohnhäuser in ganz Norddeutschland. Der Alte war ein hanseatischer Kaufmann alten Schlages, instinktgetrieben, gewitzt, gut vernetzt, doch seit sein Sohn die Geschäfte führte, war die Firmenpolitik von einer schärferen, zeitgemäßeren Form der Rücksichtslosigkeit geprägt.

Binz beobachtete auch dies; unermüdlich sammelte er Material über Grundstückskäufe, Baugenehmigungen und plötzlich geänderte Bebauungspläne, die den Tatbestand der Bestechung mehr als nahelegten. Die ungenierte Brutalität, die Lars Frederking im Umgang mit sperrigen Geschäftspartnern, Mietern oder Arbeitskräften zeigte, beleidigte den Juristen in ihm. Diese Familie hatte noch nie erlebt, dass ihr jemand Grenzen setzte. Er, Arno Binz, wollte derjenige sein, der sie in ihre Schranken wies.

Und nun hatte er die Gelegenheit dazu.

In einem Feuerwerk von Fragen und Argumenten würde er die Zusammenhänge aufdecken, an denen dieser Prozess bisher blind vorbeigelaufen war. Denn nun war klar, worum es sich bei der Drecksarbeit handelte, die der Angeklagte erledigte, als er auf den Chinesen losging. ­Frederking hatte sich mit einem neuen Projekt in St. ­Georg angesiedelt, und wenn er etwas anfing, hielt er sich für gewöhnlich nicht mit Kleinigkeiten auf. Der Asia-Imbiss stand Plänen der Holding im Weg, deshalb musste Wu Tian vertrieben werden. Notfalls mit Gewalt. Deshalb auch der teure Anwalt; dessen Honorar musste der Koch nicht selber bezahlen.

Binz freute sich auf die säuerliche Miene des Starverteidigers, spürte prickelnde Kampfeslust, ein Vorgefühl des Sieges. Er dachte an den Abend im Balzac: warmes Licht, funkelndes Kristallglas, Teller mit Thunfisch-Carpaccio, gebratenen Jakobsmuscheln, Täubchen mit Zitronenbutter, er würde Champagner dazu bestellen.

Der Zeuge Wolnik wurde aufgerufen. In seiner Aussage bei der Polizei hatte der Auszubildende den Sous-Chef des Wemuth als ehrgeizigen und jähzornigen Mann beschrieben, der den Imbissbesitzer drangsalierte, weil er den Expansionsplänen des Restaurants im Weg war. Inzwischen waren fast sieben Monate vergangen. Wolnik informierte das Gericht, dass er inzwischen den Ausbildungsplatz gewechselt habe. Zu viel Stress. Und das erkläre auch, warum er damals die Dinge wohl ziemlich verzerrt gesehen habe. Also kein Nachbarschaftskrieg, keine Verleumdungen, keine Drohungen gegen den Imbissbesitzer. Gereiztheiten vielleicht, das schon, aber alles absolut im Rahmen.

»Was war das mit der Drecksarbeit, von der Herr Fierek Ihnen gegenüber gesprochen hat?«, fragte Binz, doch er erntete nur ein stummes Kopfschütteln.

Mit wachsender Erbitterung hielt er dem Zeugen die Einzelheiten seiner früheren Aussage vor, doch ­Wolnik zuckte bloß mit den Schultern und bedauerte, so drama­tisiert zu haben. Wenn er vor Gericht diese Aussage nicht bestätigte, war sie das Papier nicht wert, auf dem sie in die Akte geheftet war. Der Blick, den Binz von dem ­lächelnden Fierek auffing, zeigte blanken Hohn, eine tiefe Verachtung für die mühsamen, skrupulösen Prozeduren der Rechtsprechung. Ihm wurde rot vor Augen. Hin­gehen. Schlagen. Zwischen zwei Bildern, nanosekundenschnell, von den anderen unbemerkt. Diesem feixenden Küchenbullen in die Haare greifen, zuschlagen, rechts, links, rechts, bis ihm das Schergengrinsen aus dem Gesicht fiel.

»Was hat man Ihnen dafür angeboten?«, fuhr er den Zeugen Wolnik an. »Lohnt sich das Lügen wenigstens?«

Anwalt Dreyer protestierte lautstark.

Binz winkte ab. »Oder hat man Ihnen vielleicht gedroht?«

Dreyer sprang auf. Im Gerichtssaal erhob sich ein Raunen. Die Vorsitzende rügte den Staatsanwalt für seine Unsachlichkeit.

»Sie machen einen Fehler«, hörte er die leicht spöttische Stimme von Lars Frederking sagen, »Sie verrennen sich da in was.«

Bei einer Veranstaltung im Anglo-German-Club hatte sich Frederking vor ein paar Jahren auf einmal neben ihn an die Bar geschoben und ein Bier für sie beide bestellt. Damals hatte Binz gerade aufgrund eines anonymen Hinweises ein Ermittlungsverfahren gegen die Holding eingeleitet, weil sie einige zur Luxussanierung vorgesehenen Häuser mit rabiaten Methoden entmietet hatten.

»Was haben Sie eigentlich für ein Problem mit uns?«, hatte Frederking in jovialem Ton gefragt und ihm zugeprostet.

Binz sah den kleinen Lars im blütenweißen Hemd vor sich, wie er gleich mehrere mit Obststückchen gespickte Holzspieße in den Schokoladenbrunnen tunkte, doch er wartete vergeblich auf ein Zeichen des Wiedererkennens.

»Der alte Herr regt sich sehr auf, dass ihr ihn für einen Ganoven haltet. Das hat er nicht verdient. Ohne die Gelder unserer Holding könnten in dieser Stadt sehr viele Spielplätze nicht gebaut werden.«

»Ein böswilliger Mensch könnte jetzt vermuten, dass Sie versuchen, die Staatsanwaltschaft zu beeinflussen«, antwortete Binz.

Frederking grinste.

»Warum so verspannt, Herr Staatsanwalt?«

»Es ist mein Beruf, das Strafgesetzbuch ernst zu nehmen.«

Lars Frederking zog eine Schale mit Salzmandeln zu sich heran und warf sich ein paar davon in den Mund.

»Sie kaufen Häuser und setzen die Mieter an die Luft, um die Wohnungen in teure Eigentumswohnungen zu verwandeln«, setzte Binz nach.

»Eine Stadt ist ein lebendiger Organismus, sie entwickelt sich. Leute wie ich machen sie zukunftsfähig. Die Menschen, die in unsere Häuser ziehen, bringen ihr Geld mit.«

»Alles, was Sie interessiert, ist Ihr eigener Profit.«

Frederking lachte. »Wo ist das Problem?«

»Sie wenden ungesetzliche Mittel an.«

»Ein Mensch, der weniger gute Laune hat als ich, könnte den Eindruck gewinnen, dass Sie voreingenommen sind.«

»Ich denke, ich werde Ihnen das nachweisen.«

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können.«

»Und dann klage ich Sie wegen Nötigung an.«

Frederking trank sein Bier aus und stand auf.

»Die Pflicht ruft. Als Kapitalist muss man sein Netzwerk pflegen.« Er klopfte Binz auf die Schulter. »Sie sind ein guter Typ. Wenn Sie es mal müde sind, gegen Windmühlenflügel zu kämpfen, dann kommen Sie zu uns. Wir brauchen Leute mit Biss.«

Die Ermittlungen damals hatte er einstellen müssen, so wie alle weiteren Verfahren, die er im Laufe der Jahre gegen die Frederking Holding einleitete, wegen Verstößen gegen das Arbeitsschutzgesetz, Nötigung, Bedrohung, Bestechung und Anstiftung zur Untreue.

Und auch dieser Prozess hier glitt ihm aus der Hand.

Vielleicht lag es an der beißenden Schärfe des Fishermen’s, vielleicht auch an dem aufsteigenden Ärger über die Blöße, die er sich mit seinem Ausfall gegen den Zeugen gegeben hatte, dass sich sein Sodbrennen meldete. Du hast zu viel Säure im System. Irinas Diagnose kam ihm in den Sinn, er hasste es, wenn sie sich mit solchen Deutungsversuchen an ihm zu schaffen machte. Er kniff die Augen zusammen und nahm den Zeugen Wolnik ins ­Visier.

»Ich frage mich, was Sie dazu bewogen haben könnte, so detailliert von Vorgängen zu erzählen, die gar nicht stattgefunden haben.«

»Ich war wohl ziemlich schräg drauf in der Zeit«, sagte Wolnik und rieb sein Ohr, bis es dunkelrot war. »Und der Chef war ein totaler Stresstyp, ich fühlte mich ständig von ihm angemacht.«

»Verstehe ich Sie richtig: Sie haben eine Falschaussage gemacht, um sich zu rächen?«, fragte Binz, und jetzt klang seine Stimme wie Metall.

Der Zeuge, der kein Zeuge mehr sein wollte, blieb stumm. Seine Miene zeigte trotzige Entschlossenheit.

»Falschaussage und falsche Verdächtigung – das sind Straftaten«, setzte Binz nach.

Dreyer protestierte. Die Vorsitzende forderte Binz auf, diese Bemerkung zurückzunehmen. Aber das spielte keine Rolle mehr. Er würde bei diesem Jungen ohnehin nichts mehr erreichen. Das Spiel war aus.

Nach der Sitzung hastete er zur Toilette, um sein brennendes Gesicht mit Wasser zu kühlen. In seinem Magen wütete inzwischen ein Flächenbrand. Immer weiter fraß sich die Glut die Speiseröhre hinauf und machte zu Asche, was ihr im Weg war.