Supermanfred - Lars Steffens - E-Book

Supermanfred E-Book

Lars Steffens

0,0
4,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Schatz, ich muss mal kurz die Welt retten! Claudia sehnt sich nach Abenteuern. Auch in ihrer Beziehung. Denn Manfred ist zwar furchtbar lieb, aber auch furchtbar langweilig. Was Claudia nicht ahnt: Ihr Freund ist eigentlich Supermanfred und besitzt dank eines Trainingsanzugs übermenschliche Kräfte. Jetzt hat aber Claudia den Stoff versehentlich in die Waschmaschine gestopft und zu heiß gewaschen. Nun ist er eingelaufen, und die Superkräfte sind futsch. Freddie ist außer sich! Sein ärgster Widersacher, Holger Badman, darf davon auf keinen Fall erfahren! Aber der attraktive Superschurke ist bereits ins gleiche Haus gezogen – und beginnt heftig mit Claudia zu flirten … Und Supermanfred muss nicht nur die Welt retten, sondern auch noch seine Beziehung.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 312

Veröffentlichungsjahr: 2013

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Lars Steffens

Supermanfred

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Schatz, ich muss mal kurz die Welt retten!

 

Claudia sehnt sich nach Abenteuern. Auch in ihrer Beziehung. Denn Manfred ist zwar furchtbar lieb, aber auch furchtbar langweilig. Was Claudia nicht ahnt: Ihr Freund ist eigentlich Supermanfred und besitzt dank eines Trainingsanzugs übermenschliche Kräfte. Jetzt hat aber Claudia den Stoff versehentlich in die Waschmaschine gestopft und zu heiß gewaschen. Nun ist er eingelaufen, und die Superkräfte sind futsch. Freddie ist außer sich! Sein ärgster Widersacher, Holger Badman, darf davon auf keinen Fall erfahren! Aber der attraktive Superschurke ist bereits ins gleiche Haus gezogen – und beginnt heftig mit Claudia zu flirten … Und Supermanfred muss nicht nur die Welt retten, sondern auch noch seine Beziehung.

Impressum

Rowohlt Digitalbuch, veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Februar 2013

Copyright © 2013 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung any.way, Cathrin Günther

(Illustration: Kai Pannen)

ISBN Buchausgabe 978-3-499-25955-5 (1. Auflage 2013)

ISBN Digitalbuch 978-3-644-48651-5

www.rowohlt-digitalbuch.de

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

 

Die Nutzung unserer Werke für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG behalten wir uns explizit vor.

Hinweise des Verlags

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

 

Alle angegebenen Seitenzahlen beziehen sich auf die Printausgabe.

 

Im Text enthaltene externe Links begründen keine inhaltliche Verantwortung des Verlages, sondern sind allein von dem jeweiligen Dienstanbieter zu verantworten. Der Verlag hat die verlinkten externen Seiten zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung sorgfältig überprüft, mögliche Rechtsverstöße waren zum Zeitpunkt der Verlinkung nicht erkennbar. Auf spätere Veränderungen besteht keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

 

 

www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Widmung

1 Der Trainingsanzug und die Waschmaschine oder Wie alles begann …

2 Rückblende: Einen Tag zuvor, im Süden der Republik

3 Der ganz normale Wahnsinn

4 Die Superfreundin

5 Badmann

6 Trainingseinheiten

7 Tanz mit dem Teufel

8 Rückblende: Ein Jahr zuvor, gar nicht weit entfernt

9 Beweisstücke

10 Das Leben ist (k)ein Kindergeburtstag

11 Robin

12 Ein Held kriegt die Krise

13 Willkommene Ablenkung

14 Im Bann des Bösen

15 Der neue Super-Trainingsanzug

16 Enttarnungen

17 Holland … äh … Hamburg in Not

18 Die Grillparty

19 Die Entführung

20 Feuerprobe für echte Helden

21 Kampf in luftiger Höhe

22 Ende super, alles super?

Epilog: Die Helden, ein Jahr später

Für Pina, Iniesta und die einzig

wahre Superheldin.

1 Der Trainingsanzug und die Waschmaschine oder Wie alles begann …

Super, Manfred!» Claudias Stimme klang vorwurfsvoll. «Ganz toll. Wirklich.»

Sie war sauer. Stinksauer sogar.

Aber in diesem Moment war ihr ja auch noch nicht klar, dass sie kurz vor der größten und erstaunlichsten Entdeckung stand, die sie je gemacht hatte – die überhaupt je ein Mensch gemacht hatte. Sie wusste noch nicht, dass ihre Entdeckung dazu führen würde, dass sie schon bald dem personifizierten Bösen gegenüberstehen würde. Geschweige denn ahnte sie, dass das Böse vorhatte, sie zu vernichten. Claudia war einfach nur sauer.

Freddie protestierte: «Sprich bitte nicht mit mir, als wäre ich ein kleiner Junge!»

Mit funkelnden Augen sah Claudia ihn an. «Wer seine Klamotten in die Waschmaschine steckt, ohne die Taschen vorher auszuleeren, ist ein kleiner Junge! Wahrscheinlich hat einer deiner Kaugummis das Ding verstopft.»

Die neue, topmoderne Waschmaschine mit X3-Spülgang, Mengenautomatik, Schaumerkennung und Touch Control Display war eindeutig im Arsch. Und das, obwohl sie erst vier Monate alt war. Stumm und vorwurfsvoll stand sie auf dem Badezimmerboden und schien Claudia und ihren Freund Freddie mit offenem Maul anzustarren.

Wenn nicht ein Kaugummi daran schuld war, dann wahrscheinlich ein paar alte Taschentücher aus den Tiefen von Freddies Hosentaschen. Irgendetwas musste die Maschine ja lahmgelegt haben. Vielleicht wieder so was Bescheuertes wie letztens, als sie einen Türgriff zwischen der Wäsche gefunden hatte. Einen Türgriff! Wie auch immer der da reingekommen war. Sie hatte ihn jedenfalls nicht in die Waschmaschine gesteckt.

«Irgendwas war jedenfalls wieder in deinen Klamotten, Manfred!»

«Woher willst du wissen, dass es wirklich an mir liegt? Und nenn mich bitte nicht Manfred.»

«Du heißt aber so. Und wer die Waschmaschine kaputtmacht, hat schließlich Strafe verdient … Manfred!»

Natürlich war es Freddie gewesen, das stand für Claudia fest. Eigentlich war er ja ein lieber Kerl, aber er hatte diese schusseligen Anwandlungen. Und in letzter Zeit kam es andauernd zu diesen merkwürdigen Zwischenfällen. Den Türgriff in der Waschtrommel hatte er nicht erklären können. Das Gleiche galt für die seltsamen, langen Tierzähne, die Claudia vor einem Jahr aus seiner zerfetzten Hose gezogen hatte. Gruselig. Die seien bloß von einem Dachs gewesen, hatte Freddie versucht, sie zu beruhigen. Er und seine Kollegen von der örtlichen Feuerwehr hätten das Tier von einem Dachstuhl gerettet. Es habe sich gewehrt, und dabei müsse einer seiner Beißer irgendwie in die Hosentasche geraten sein. Eine idiotische Erklärung! Claudia würde sich jedenfalls nicht von Feuerwehrmann Freddie retten lassen, falls sie mal auf dem Giebel eines brennenden Hauses stehen sollte. Sie wollte ihr Gebiss behalten.

Wütend zerrte sie die nasse Wäsche aus der Trommel. Sie würde den Grund für den heutigen Schlamassel schon finden. Was war es diesmal? Ein Autoschlüssel? Eine Blumenvase? Eine Ledercouch?

Plötzlich riss Freddie entsetzt die Augen auf und fasste blitzschnell an Claudia vorbei. Er griff nach dem hässlichen, grellgrünen Trainingsanzug, der zwischen Claudias Jogginghose, seinem gelben Pulli mit dem albernen Häschenaufdruck und seinem durchgeschwitzten Unterhemd lag. Ungläubig zog er den Trainingsanzug hervor.

«Was … was hast du getan???» Seine Stimme war kraftlos, ein dünnes Flüstern. Die nackte Panik stand ihm in den Augen.

Claudia zuckte mit den Achseln und suchte weiter nach dem Übeltäter, der die Maschine gestoppt hatte. War es eine Kuh? Ein Fußballpokal?

«Ich habe deinen ollen Fetzen da gewaschen. Das heißt, ich hab es zumindest versucht. Bis die Maschine im Schleudergang den Geist aufgegeben hat …»

«Warum? Warum nur wäschst du ausgerechnet diesen … Trainingsanzug?» Mühsam presste Freddie die Worte heraus.

Er befühlte nervös den alten, abgewetzten Baumwollstoff, der triefend nass und schlaff in seinen Händen lag. Seine Finger zitterten, als er daran zog und feststellte, dass der Trainingsanzug eingelaufen war.

Claudia sah auf und bemerkte, wie Freddie heftig atmete. Warum stellte er sich bloß so an? Er sollte doch froh sein, dass sie ihm die Drecksarbeit abnahm!

«Der geht in die Altkleidersammlung. Genauso wie der gelbe Pulli mit dem blöden Aufdruck, der liegt doch auch schon seit Ewigkeiten nur rum. Die Sachen kannst du wirklich nicht mehr anziehen. Ich wollte sie weggeben und vorher noch kurz durchwaschen …»

Freddie starrte auf den Trainingsanzug und sah aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen.

«Was hast du gegen Kleiderspenden?» Claudia fand Freddies Verhalten albern. Es gab schließlich Bedürftige! Es gab Menschen, die brauchten Kleidung nötiger als sie. Vielleicht sogar so einen hässlichen Trainingsanzug. Obwohl man mit diesem grellgrünen Ding eigentlich nicht an die Öffentlichkeit treten durfte. Die Gefahr, dass den Leuten beim Anblick übel wurde oder dass sie von der grellgrünen Farbe Augenschäden davontragen würden, war einfach zu groß.

«Morgen werden die Sachen abgeholt.» Entschlossen griff Claudia nach dem Trainingsanzug.

«Arrrgh …!» Freddie riss den Trainingsanzug an sich und sprang auf. Er presste das grässliche schlabberige Ding an sich, als wäre es ein Goldschatz. Mit einem Satz war er aus dem Zimmer.

Claudia blieb irritiert vor der Maschine sitzen. Dann ließ sie den gelben Häschen-Pulli sinken und stand auf. Im Flur sah sie, wie Freddie gerade mit seinem Trainingsanzug in der Hand die Wohnung verlassen wollte.

«Was, verdammt, ist mit dir los?» Claudia beobachtete ihren Freund, der anscheinend nicht mehr alle Tassen im Schrank hatte. Er benahm sich wie ein Irrer auf Freigang.

Dabei war Manfred Süßengut, ihr Freddie, eigentlich ein ruhiger, anständiger, zurückhaltender und stets freundlicher Zeitgenosse. Ein Fels in der Brandung. Ein Ruhepol. Ein Trostspender. Manchmal sogar ein echter Langweiler.

Aber ein angenehmer Langweiler, dachte Claudia. In den fünf Jahren ihrer Beziehung hatte sie sich an das unaufgeregte Zusammenleben mit Freddie gewöhnt. Die Dinge liefen in geregelten Bahnen, ohne größere Aufregungen. In jeder Hinsicht. Aber mit Mitte dreißig waren Claudias Chancen auf einen kernigen Supermann von der Sorte «Brad Pitt» eben nicht mehr die besten. Das sah Claudia ganz pragmatisch. Und Freddie war schon okay.

Anfangs sogar mehr als das. Claudia erinnerte sich noch gut an das erste Treffen auf einem Grillfest und daran, dass sie Freddies muskulösen Rücken fasziniert angestarrt hatte. Sie wusste noch, dass ihr Blick wie magnetisch von Freddies starken, gebräunten Unterarmen angezogen worden war. Das hatte vielleicht etwas von Freddies Körpermitte abgelenkt. Nicht, dass er dick wäre. Aber eben kräftig gebaut. Und da er abends auf der Couch gern mal die ein oder andere Tüte Chips verdrückte, war er mittlerweile sogar noch etwas kräftiger geworden.

Aber wichtig waren doch vor allem die inneren Werte. Und Freddie hatte sich gleich zu Anfang ihrer Beziehung, also noch bevor man es überhaupt «Beziehung» nennen konnte, als emotionaler Frauenversteher entpuppt. Als ihm nämlich beim ersten gemeinsamen Videoabend während des Films Grüne Tomaten ein paar dicke Kullertränen über die Wangen liefen. Auch wenn Freddie noch jahrelang behauptet hatte, ihm sei eine Fliege ins Auge geflogen. Manchmal war es auch eine Wimper. Oder eine Augenentzündung. Aber Claudia erinnerte sich noch genau an den Moment, in dem dieser große, kräftige Mann neben ihr auf dem Sofa plötzlich von einem heftigen Zittern erfasst wurde, als Mary Stuart Masterson auf dem Bildschirm gerade ihre Freundin Ruth an den Krebs verlor. Freddies Körper bebte so sehr, dass Claudia zuerst dachte: Hilfe, ein Epileptiker! Dann aber sah sie Freddies tränenfeuchte Wangen und seine große Hand, die sich an die Erdnussschale klammerte. Und da wusste Claudia, dass sie ihn sich schnappen musste: Denn Freddie war ein ganz Lieber.

Normalerweise jedenfalls.

Jetzt griff er sich den Hausschlüssel, klemmte sich den grellgrünen Stoff unter den Arm und war schon an der Wohnungstür. Wie ein Raubtier auf der Flucht sah er aus – geduckt, aggressiv, mit rot unterlaufenen Augen.

«Freddie?»

«WAS???» Er fuhr herum und funkelte Claudia wütend an.

Erschrocken zuckte sie zusammen. Dann versuchte sie, Freddie zu beruhigen.

«Wenn du nicht willst, dass ich den Trainingsanzug in die Altkleidersammlung gebe, dann sag das doch. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass du einem armen, hungernden Kind in Afrika eine wärmende, tröstende Anzugjacke vorenthalten würdest, nur um sie wieder sinnlos unter deinem Bett vergammeln zu lassen, aber bitte. Wenn du unbedingt willst …»

Freddie starrte Claudia eindringlich an. Und für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl, als würde er sich gleich auf sie stürzen.

Dann aber sagte Freddie langsam und betont ruhig: «Erstens ist es in Afrika warm. Zweitens kann man die Trainingsjacke nicht essen. Und drittens geht dich das überhaupt nichts an.»

Damit drehte er sich um und war aus der Tür, bevor Claudia noch irgendetwas erwidern konnte. Wumms!

Nachdem die Tür lautstark ins Schloss gefallen war, blieb Claudia verstört zurück. Den verdammten Kaugummi holst trotzdem du aus der Maschine, dachte sie noch. Aber dann begann sie zu grübeln. So kannte sie Freddie gar nicht. Er war doch eigentlich immer freundlich und kontrolliert. Dass er auch laut werden konnte, hatte Claudia nicht geahnt. War das derselbe Freddie, der samstags immer den Wagen wusch und danach die Putzlappen auskochte? Der Freddie, der das Glas trennte und vorher noch die Etiketten abknibbelte? Der Freddie, der sogar mitten in der Nacht an einer einsamen, roten Fußgängerampel stehen blieb, auch wenn man einen näher kommenden Wagen schon kilometerweit sehen würde?

Claudia erinnerte sich noch, wie sie Freddie einige Wochen nach der Grillparty im Wohnzimmer eines Nachbarn wiedergetroffen hatte. Sie hatte aus Versehen ihr Weinglas umgestoßen und einen großen Rotweinfleck auf dem weißen Teppich verursacht. (Aber wer kauft sich auch einen weißen Teppich?) Alle Anwesenden hatten wie erstarrt auf den dunklen, sich ausbreitenden Fleck gestarrt, vor allem die entsetzte Gastgeberin. Nur Freddie hatte blitzschnell gehandelt. In Windeseile war er mit einem Handtuch und einem Salzstreuer zur Stelle gewesen, um das Schlimmste zu verhindern. Na ja, dass Claudia zum letzten Mal eingeladen war, konnte auch er nicht verhindern. Aber das war nicht weiter schlimm. Über den Weinfleck waren Claudia und Freddie ins Gespräch gekommen, und als er ihr erzählte, dass er Feuerwehrmann war, hatten Claudias Augen aufgeblitzt. Als kleines Mädchen hatte sie immer davon geträumt, einmal einen Feuerwehrmann zu heiraten. Sie musterte Freddies imposanten Körper und stellte sich vor, wie er mit bloßem, durchtrainiertem Oberkörper, ein Rettungsseil zwischen den Zähnen, an einem brennenden Haus hinaufkletterte. Auf einmal fand sie den ruhigen, eher unscheinbaren Freddie um Längen attraktiver.

Sie hatte ihn angelächelt und gefragt: «Und – rettest du täglich verzweifelte Menschen aus brennenden Hochhäusern?»

«Äh … eher nein.» Freddie hatte mit den Achseln gezuckt und geschwiegen. Die Gelegenheit für einen charmanten Spruch à la «Für so eine attraktive Frau wie dich würde ich das Haus sogar eigenhändig in Brand stecken!» hatte er definitiv nicht genutzt.

Aber Claudia hatte nicht lockergelassen. «Rettest du denn wenigstens hilflosen Frauen das Leben, wenn sie mit ihrem Wagen in einen reißenden Fluss stürzen?»

«Mmh … eigentlich auch nicht.» Freddie hatte verlegen am Schild seines Pullovers geknibbelt.

«Was machst du dann? Holst du Leoparden vom Baum, wenn sie aus dem Zoo ausgebrochen sind?»

Kopfschütteln.

«Katzen?»

Auch die nicht.

Schließlich hatte Claudia genervt gefragt: «Was machst du denn eigentlich bei der Feuerwehr?»

«In den meisten Fällen stellen wir technische Hilfeleistung oder sind bei der Beseitigung von Sturm- und Wasserschäden beteiligt. Aber meine Arbeitszeit verbringe ich vornehmlich damit, den Einsatzwagen zu putzen und die Ausrüstung instand zu halten und …»

Aha. Claudia hatte ein wenig enttäuscht genickt. Aber sie war sich sicher gewesen, dass Freddie nur kokettierte und seine eigentlichen Heldentaten verschwieg.

Heute, fünf Jahre später, wusste Claudia, dass Freddie nichts als die Wahrheit gesagt hatte.

2 Rückblende: Einen Tag zuvor, im Süden der Republik

Der grellgrüne Stoff spannte sich über seine breite Brust. Seine Muskeln bebten darunter unruhig wie die einer Raubkatze vor dem Sprung. Elegant schimmerte der Trainingsanzug im Sonnenlicht und schmiegte sich eng um Supermanfreds athletischen Körper. Nicht nur seine Körperhaltung war kraftvoller als normalerweise, auch sein Gesicht wirkte kantiger. Seine Augen waren hellwach, und ein furchtloses Glimmen leuchtete darin, als er den Blick über die Umgebung schweifen ließ.

Supermanfred stand auf einem Felsen, hoch oben auf einem Berg. Um ihn herum nur karges Gestein. Die Aussicht von hier oben war fantastisch. Unter ihm lag die endlose Weite des Tals, er konnte kilometerweit sehen, schöner war nur der Blick in die Lüfte. Er schien die wenigen Wolken mit der Hand greifen zu können.

Die Sonne strahlte warm, und der Wind sauste durch sein Haar. Sonst bewegte sich nichts. Mit wachsamen Augen schaute er in die Tiefe.

Plötzlich erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Seine Pupillen verengten sich. Ein Zucken flackerte über sein Gesicht. Supermanfred ging in die Knie, federte und stieß sich mit aller Kraft vom Felsen ab. Er schien einen Moment in der Luft zu stehen, dann aber fiel er, stürzte, flog. Majestätisch sah das aus. Blitzschnell sauste er in die Tiefe, im freien Fall, die Faust nach vorne gestreckt.

Bis Supermanfred plötzlich die Richtung änderte und nach links in Richtung Talbrücke abbog.

In gut hundertfünfzig Metern Höhe erstreckte sie sich über die breite Mündung des Flusses. Aber nicht mehr lange. Denn eines ihrer stählernen Spannseile war gerissen. Befreit von dem enormen Druck schnalzte es durch die Luft und fegte beinahe einen Lastwagen von der Fahrbahn. Nur knapp zischte das dicke Stahlseil am Führerhaus vorbei. Aber nun geriet die gesamte Brücke in Schieflage. Das war zwar die Rettung für den Lastwagenfahrer, weil das Stahlseil schon wieder gefährlich nah an ihm vorbeipeitschte. Doch mit einem Mal war aus den Pfeilern der Brücke ein gewaltiges Stöhnen zu hören. Der Asphalt riss auf, und ein Teil der Straße stürzte in die Tiefe. Schwere Gesteinsbrocken und meterlange Stahlträger sausten durch die Luft. Zwei sich nähernde Kleinwagen kamen im letzten Moment zu Stehen. Das Quietschen ihrer Bremsen hallte laut durch das Tal.

Von der anderen Seite näherte sich ein Schulbus dem klaffenden Abgrund. Der Fahrer ahnte die Gefahr jedoch nicht, denn er war gerade damit beschäftigt, den elfjährigen Quentin und seinen Klassenkameraden Leon vom Streiten abzuhalten.

Quentin hatte seinen Sitznachbarn einen Versager genannt, und Leon hatte sich mit einer Tüte Brezeln revanchiert, die er Quentin über dem Kopf zerbröselt hatte. Daraufhin hatte Quentin den Turnbeutel seines Widersachers genommen und ihn quer durch den Schulbus geworfen. Die anderen Kinder grölten vor Vergnügen, denn Leons Unterhose mit den rosa Elefanten fiel heraus. Sie landete auf dem Kopf von Elisabeth, der Klassenschönheit. Elisabeth schrie. Leon lief rot an. Quentin juchzte. Leon röhrte los und stürzte sich auf Quentin.[a] Ein Tumult brach los. Der Busfahrer schimpfte und blickte sich ständig nach hinten um. Mittlerweile war der Bus mitten auf der Brücke angekommen, wenige Meter entfernt von der Abbruchkante – und dem sicheren Tod.

Nur einer war sofort zur Stelle: Supermanfred. Er flog pfeilschnell direkt über den Bus und bekam die Verkleidung des Dachs zu packen. Kurz hielt er die Luft an und sammelte seine Kräfte. Dann atmete er ein und hob den Bus in die Höhe, nur Sekunden bevor dieser in den Abgrund gestürzt wäre.

Der Busfahrer, der sich erneut zu Leon umgedreht hatte, bemerkte es zunächst nicht. Und auch die anderen Kinder, die jetzt ein begeistertes Wurfspiel mit Leons Elefantenunterhose vollführten, bekamen nichts davon mit, dass der Bus plötzlich einige Meter durch die Luft flog – über den Abgrund hinweg.

Supermanfred drehte keine Extrarunde und flog diesmal auch keinen Looping. Er stellte den Bus einfach sicher auf der anderen Flussseite ab, wo die Reifen sich beim Kontakt mit dem Asphalt sofort weiterdrehten.

Der Busfahrer schimpfte noch einmal. «Jetzt ist aber Ruhe! Ich will nichts mehr hören!» Dann wandte er sich wieder nach vorne und gab entschlossen Gas. Als wäre nichts gewesen.

Supermanfred nickte zufrieden. Er hatte keinen Dank erwartet. Ohnehin war es besser, wenn die Menschen gar nicht so viel von seiner Existenz erfuhren. Sonst stellten sie Fragen. Öffentlichkeit war das Letzte, was er gebrauchen konnte. Er zog steil nach oben und verschwand hinter der Bergspitze. Es gab hier nichts mehr für ihn zu tun. Die beiden Kleinwagen auf der halb zerstörten Brücke versperrten den nachkommenden Autos den Weg. An dieser Barriere kam niemand vorbei, und so würde auch niemand in die Tiefe stürzen. Auf der gegenüberliegenden Seite stand der Lastwagen quer auf der Fahrbahn. Niemand war zu Schaden gekommen. Und für den Wiederaufbau der Brücke war er nicht zuständig. Supermanfred drehte nach Norden ab. Vielleicht würde er bereits in der größten Hafenstadt des Landes gebraucht.

3 Der ganz normale Wahnsinn

Noch Minuten nachdem Freddie die Wohnung verlassen hatte, hing Claudia ihren Gedanken nach. Sie ging ins Wohnzimmer und ließ sich auf die Couch fallen. Lange starrte sie auf die Wand gegenüber, auf das Bild mit den drei bunten Tulpen, das sie vor zehn Jahren gekauft hatte und das sie eigentlich nicht mehr leiden konnte. Sie starrte auf die verstaubten Blätter der kümmerlichen Grünpflanze daneben. Auf den Fernseher, den Freddie sicherlich gleich wieder anschalten würde, wenn er heute Abend von der Arbeit zurückkam. Erschöpft, wie immer.

Die Traurigkeit kam in Claudia hoch wie ein Schluckauf. Abrupt war das schale Gefühl da, und sie konnte es nicht unterdrücken. Sie fragte sich, warum Freddie bloß dauernd so müde war, wenn er doch im Job nichts weiter tat, als den Feuerwehrwagen zu putzen. Gut, dann und wann half er mal, ein Unfallauto wegzuräumen oder den ein oder anderen Kleinstbrand zu löschen. Aber das war’s auch schon. Sonst schob er eine ruhige Kugel.

Dabei könnte er ihr gegenüber ruhig etwas aufmerksamer sein. Denn eigentlich war sie doch die perfekte Partnerin. Fand zumindest Claudia selbst. Sie hatte sich ohne zu murren an seine unregelmäßigen Dienstzeiten gewöhnt und daran, dass er manchmal mit ein paar merkwürdigen Schrammen und unschönen blauen Flecken nach Hause kam. Woher die Verletzungen kamen, konnte sich Claudia auch nicht so recht erklären – vom Autoputzen sicherlich nicht. Freddie hatte jedoch stets eine passende, schlüssige Begründung parat. Aber er war ohnehin nicht der Typ, der sie hintergehen würde.

Er war eben eher der Typ, der abends erschöpft aufs Sofa sank und in seiner Freizeit kaum aus dem Haus zu kriegen war. Warum wohnten sie überhaupt in Hamburg, wenn sie doch nie ausgingen oder etwas unternahmen?

Sicher, auch Claudia konnte einem gemütlichen Abend vor der Glotze etwas abgewinnen, aber ein bisschen Abwechslung wäre doch auch mal schön. Mal aus dem langweiligen Alltag auszubrechen …

Claudia starrte auf den Fernseher und überlegte für den Bruchteil einer Sekunde, ob sie ihn einschalten sollte. Aber es war Samstagnachmittag, und es würde ohnehin nichts Vernünftiges laufen. Nein, bis Freddie zurückkam, würde sie sich langweilen. Allein, zu Hause, auf der Couch. Draußen pulsierte das Leben, hier drinnen gab es nur Tristesse und Langeweile. Und hässliche Grünpflanzen.

Und einen Anrufbeantworter, der nicht blinkte. Natürlich hätte Claudia selbst zum Telefon greifen und eine ihrer vielen Freundinnen anrufen können, aber die Wahrheit war: So viele waren es gar nicht. Und von denen war die eine Hälfte im Urlaub und die andere Hälfte so dynamisch, erfolgreich und gut gelaunt, dass Claudia sie jetzt nicht ertragen könnte. Sie hätte den Computer anstellen können, aber sie wusste, dass sie das schlechte Gewissen dazu verleiten würde, ihre E-Mails zu kontrollieren. Neben einem Haufen Spam würde sie wahrscheinlich nur mit Mails aus dem Büro bombardiert werden.

Kurzerhand stand Claudia auf und ging zum Wohnzimmerschrank. Mit Schokolade ließen sich Frust und Langeweile besser ertragen. Vielleicht konnte sie damit auch die nötige Energie aus ihrem Körper kitzeln, um sich wie eine dieser dynamischen, erfolgreichen und selbständigen Großstadtfrauen zu fühlen, die von Designer-Highheels, Designer-Kleidern, Designer-Unterwäsche, Designer-Handtaschen, Designer-Wohnungen und Designer-Freunden umgeben waren.

Mit zwei Schokoriegeln in jeder Hand ließ Claudia sich wieder aufs Sofa fallen. Sie überlegte, ob sie doch noch ihre beste Freundin Regine anrufen sollte, als plötzlich, wie durch Gedankenübertragung, das Telefon zu klingeln begann.

Regine?, dachte Claudia erfreut. Doch als sie das Display sah, verging ihr das Lächeln. Es war Beringer.

Ihr Chef rief sie zu Hause an. An einem Samstagmorgen. Um halb elf. Das konnte nichts Gutes bedeuten. Und das tat es auch nicht.[a]

«Herr Beringer!» Claudia seufzte in den Hörer. «Schönen guten Tag.»

«Haben Sie die Kellner überprüft?» Beringers Stimme knarzte in der Leitung.

«Wie bitte? Was –»

«Haben Sie die Kellner überprüft?» Er war so unfreundlich und ungeduldig wie werktags. Und wie immer wusste Claudia nicht, was er eigentlich von ihr wollte.

«Äh … was heißt überprüft? Ob sie eine Kellnerausbildung haben? Ob sie schielen? Oder ob sie einen terroristischen Anschlag planen?»

Claudia fand ihre freche Antwort durchaus gelungen, doch Beringer stieg nicht auf ihren Scherz ein.

«Ob einer von ihnen Vegetarier ist, natürlich. Nicht, dass es heute Abend zu Konflikten kommt!»

Genervt verdrehte Claudia die Augen. An diesem Abend fand der alljährliche Empfang der Hamburger Fischhändler statt. Und die Agentur, bei der Claudia als Eventmanagerin angestellt war, arbeitete seit Monaten an der Organisation der Veranstaltung. Wobei sich Claudia fragte, warum man so viel Zeit für eine vergleichsweise unspektakuläre Veranstaltung aufwenden musste. Aber sie kannte die Antwort: Es lag ausschließlich an Beringer und seinem beinahe krankhaften Perfektionswahn.

Warum sie ausgerechnet im Eventbereich gelandet war, wusste Claudia auch nicht. Sie hatte sich gute Verdienstmöglichkeiten und ein spannendes Aufgabenspektrum ausgemalt. Aber statt viel Geld gab es höchstens viele Überstunden. Und statt Abenteuer und Glamour nur dröge Butterfahrten für Krankenkassenmitarbeiter oder langweilige Hüpfburgen für parteigesponserte Kinderfeste.

Das einzig Aufregende in ihrem Job war Claudias nicht nur penibler, sondern auch völlig cholerischer Chef Beringer, der immer wieder und vor allem zu den unpassendsten Zeiten mit irgendwelchen kruden Ideen um die Ecke kam.

So auch heute.

Und wie fast immer war sein Anliegen höchst seltsam. Denn die Frage, ob die Kellner beim Empfang der Fischhändler auch wirklich alle selbst Fisch aßen, war doch völlig bescheuert, fand Claudia. Sie sollten den Fisch doch nur servieren und gerade nicht selbst essen.

Aber leider war Beringers Anliegen wie immer ernst gemeint.

Ihr Chef war ein erschreckend humorloser Mittfünfziger. Ein Anzugträger, der trotz seines stets offenstehenden Hemdes, seiner künstlich gebräunten Haut und seines krampfhaft jugendlichen Auftretens wirkte, als hätte er das Leben bereits hinter sich. Wie der Typ es schaffte, eine Eventagentur am Laufen zu halten, war Claudia schleierhaft.

Aber zum Glück war die Auftragslage gut, sonst hätte sie sich einen anderen Job suchen müssen. Und das wollte Claudia vermeiden. Es war schwer genug gewesen, diesen zu ergattern – ohne großartige Vorkenntnisse. Also biss Claudia auch an diesem Samstagvormittag die Zähne zusammen und tat wie gewöhnlich das, was Beringer von ihr verlangte.

«Ist die Überprüfung denn wirklich nötig? Ich meine, eine gesunde Einstellung zur Ernährung macht einen noch lange nicht zum Ökoterroristen!»

«Sind Sie etwa selbst Vegetarierin?» Beringer klang extrem beunruhigt, und Claudia sah ihn vor ihrem inneren Auge schon in Schweiß ausbrechen.

Schnell erklärte sie: «Nein, natürlich nicht!»

«Na, also! Dann überprüfen Sie die Kellner!»

«Aber kann Britta nicht –»

Beringer knallte den Hörer auf. Nein, offensichtlich konnte ihre Kollegin nicht einspringen.

Claudia seufzte.

Als sie kurze Zeit später runter in die U-Bahn ging, klingelte ihr Handy. Es war Britta. Als ob sie es gerochen hätte.

«Hallo, Claudia!» Britta verdeckte nur oberflächlich die Abneigung, die sie gegen Claudia hegte.

«Hallo, Britta!» Claudia gab sich wirklich Mühe, die Kollegin nicht merken zu lassen, wie sehr sie ihr auf die Nerven ging. «Was kann ich für dich tun?»

«Der Empfang der Fischhändler – mir ist gerade eingefallen, dass die Praktikantin …»

«Keine Sorge, ich bin schon unterwegs.»

«Wieso?» Brittas Stimme war schrill wie drei Alarmglocken.

Claudia biss sich auf die Lippen. Sie hatte für einen Moment vergessen, wie besitzergreifend Britta war. Und wie aufopferungsbereit sie ihren Job anging. Oder anders gesagt: Wie verzweifelt und deprimiert Brittas Leben sein musste, dass sie an einem Samstag freiwillig arbeiten wollte.[b]

Britta hatte die Tendenz, alle Aufgaben an sich zu reißen. Grundsätzlich hätte Claudia damit kein Problem. Warum auch nicht? Sollte die verhärmte Britta doch bis zum Umfallen schuften und sich die Nächte, Tage und Wochenenden um die Ohren schlagen. Claudia würde entspannt die Beine hochlegen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen.

Nur leider war es so, dass Beringer jedes Mal, und wirklich jedes Mal, Claudia beauftragte, nach dem Rechten zu sehen, Standard- und Sonderaufgaben durchzuführen und überhaupt den ganzen Laden zu schmeißen. Eigentlich könnte Claudia sich glücklich schätzen, war sie nicht angetreten, um einen spannenden und aufregenden Beruf zu haben?

Ja, grundsätzlich schon. Aber die Veranstaltungen und Aufgaben, mit denen sich Claudia beschäftigen musste, waren alles andere als spannend. Genauer gesagt lagen der Fünfzigste Geburtstag des Kleintierzüchtervereins Preußen 48, die Tagung zum Husumer Sozialpädagogentag 2012 oder die Eiserne Hochzeit von Änne und Johannes auf der Spannungsskala bei minus einhundert.

Deswegen hätte Claudia nur zu gern Arbeit an ihre Kollegin Britta abgegeben, aber die ging jedes Mal leer aus. Kein Wunder, dass Britta an sich selbst und an ihren Fähigkeiten zweifelte. Und dass sie Claudia Mobbing unterstellte. Oder eine Affäre mit Beringer. Je nach Laune.

Deswegen war Claudia jetzt auch vorsichtig, als sie verschämt in den Hörer flüsterte: «Beringer hat mich angerufen und da hingeschickt …»

«Oh …»

Stille breitete sich aus und legte sich wie ein klammes Leichentuch um Claudia und ihr schlechtes Gewissen – aber warum hatte sie eigentlich ein schlechtes Gewissen? Sie konnte doch nichts dafür! War es ihre Schuld, dass sie alle Arbeit der Welt aufgeladen bekam? Dass Beringer aus irgendwelchen unerklärlichen Gründen stets sie bevorzugte? Dass Britta sich deswegen zurückgesetzt und verletzt fühlen musste?

«Britta, ich … der Empfang … U-Bahn … ich muss Schluss machen …» Claudia drückte schnell auf den roten Knopf. Die U-Bahn fuhr ein. Eine siebzehnjährige, stark geschminkte Teenagerin, die zwei Handys in der Hand hatte, drängelte sich an Claudia vorbei, als die Türen aufgingen.

So laut, dass es jeder – aber vor allem Claudia – es hören konnte, sprach sie in ihr Handy: «Du glaubst es nicht, aber es gibt immer noch Typen, die über den Netzempfang in der U-Bahn lügen. Dabei gab’s doch letztes Jahr eine Kampagne in der Stadt, dass das Netz jetzt überall funktioniert …»

Stimmt, dachte Claudia und verdrehte die Augen. Beringer war daran beteiligt gewesen … Mist!

Als Claudia in dem Restaurant ankam, wo der Empfang der Fischhändler stattfinden sollte, war ihre Laune auf dem Nullpunkt. Die Praktikantin war nirgends zu sehen. Aber warum auch? Die Veranstaltung würde erst in ein paar Stunden stattfinden. Dennoch fand Claudia es irgendwie unverschämt. Genauso wie die Tatsache, dass die meisten Kellner noch nicht da waren.

Nachdem Claudia die beiden Aushilfen, die gerade die Tische eindeckten, auftragsgemäß nach ihrem Essverhalten gefragt hatte, setzte sie sich mit einem schlaffen Cappuccino an einen Ecktisch und wartete. Eine gefühlte Ewigkeit später waren vier der acht Kellner gekommen. Auch sie waren keine Vegetarier, und sie waren über die Frage genauso irritiert, wie ihre Kollegen zuvor. Wie Claudia selbst. Sie fand das alles lachhaft, aber sie wusste, dass Beringer bisweilen die Arbeit seiner Angestellten kontrollierte. Sprich: Claudias Arbeit. Denn sie war es schließlich, die die ganze Arbeit erledigte, dachte Claudia bitter. Daher wusste sie allerdings auch, was passierte, wenn man Beringers Anweisungen nicht befolgte. Und auf einen seiner cholerischen Anfälle konnte sie heute getrost verzichten. Deshalb wartete Claudia noch weitere zwei Stunden auf die übrigen Kellner, und als auch diese endlich eingetroffen waren und sich als brave Fischesser entpuppt hatten, hätte Claudia eigentlich nach Hause gehen können. Aber die Praktikantin war noch nicht da.

Die Praktikantin war eine schlanke, hypermodisch gekleidete Rothaarige aus Berlin, die eigentlich immer einigermaßen sympathisch rübergekommen war. War: Vergangenheitsform. Denn jetzt fand Claudia, dass die Praktikantin am besten gleich in Berlin geblieben wäre. Schließlich hätte sie seit Stunden hier sein und sich um den Aufbau kümmern sollen. Stattdessen hing sie wahrscheinlich draußen im Café herum und ließ Claudia die ganze Arbeit machen. Es mussten Namenslisten überprüft, die Sitzordnung berichtigt und unzählige sinnlose Fragen des nervösen Alleinunterhalters beantwortet werden.

Das alles brachte Claudia auf hundertachtzig – oder war der Cappuccino doch nicht so schlapp gewesen? Jedenfalls raste Claudias Puls, als die Praktikantin mit Unschuldsmiene im Eingang stand. Claudia stürmte auf sie zu.

«Wo bleibst du denn? Was glaubst du, wer die ganze Arbeit macht?»

«Aber … aber du bist doch da?» Die Praktikantin lächelte Claudia unbekümmert an. Sie schien das völlig ernst zu meinen, zuckte nicht einmal mit der Wimper. So viel Naivität verschlug Claudia den Atem. Sie starrte die Praktikantin entgeistert an. Dann fasste sie sich und ging zur Tagesordnung über.

«Isst du Fleisch?»

«Wie bitte?»

«Isst du Fisch? Sag schon!»

«Ich …» Die Praktikantin stammelte verunsichert, «ich lebe Vegan und –»

«Schhhhhhh!», zischte Claudia und hielt dem verdatterten Mädchen den Mund zu. Sie blickte ihm streng in die Augen.

«Erzähl das niemandem, verstanden? Vor allem nicht dem Chef! Wenn dich irgendjemand fragt: Du isst für dein Leben gern Meerestiere!»

Die Augen der Praktikantin waren groß und ängstlich geworden. Stumm nickte sie Claudia zu, die endlich ihren Mund losließ. Claudia legte ihr den Finger auf die Lippen und fixierte die Praktikantin nochmals mit Nachdruck.

«Und ab jetzt bist du hier verantwortlich. Ruf mich an, wenn etwas schiefläuft. Also: Ruf auf keinen Fall an.»

Und damit ließ Claudia das verdutzte Mädchen einfach stehen.

Zurück zu Hause schloss Claudia entnervt die Wohnungstür auf. Das Einzige, was ihre Laune jetzt heben konnte, war ein gemeinsamer Abend mit Freddie. Inzwischen war auch sie bereit für Sofa und Flimmerkiste. Aber nur, wenn Freddie sich um die Waschmaschine gekümmert hatte! Der Tag war turbulent genug gewesen.

Dabei liebte Claudia ihre Selbständigkeit und ihr Leben als gleichberechtigte, aktive Frau. So würde sie das zumindest in einer Werbebroschüre für sich selbst formulieren. Die Realität sah jedoch anders aus.

Aktiv war Claudia – aber nur bis zwanzig Uhr. Danach liebte sie es, sich gemütlich vor den Fernseher zu setzen und mit Freddie «Pleiten, Pech und Pannen» zu schauen. Zugegeben: Es gehörte für sie zur Entspannung dazu, sich gleichzeitig darüber zu beschweren. Schon häufiger war sie wegen dieser komplexen weiblichen Denkweise mit ihrem Freund in Streit geraten.

Und natürlich war Claudia gleichberechtigt, aber zu viel Gleichberechtigung konnte auch schädlich sein – vor allem, wenn es um das Reparieren von Waschmaschinen ging. Oder darum, dem anderen endlich einen Heiratsantrag zu machen … Leider ließ Freddie auch in dieser Hinsicht auf sich warten. Obwohl Claudia schon mehrfach – ganz subtil, natürlich – signalisiert hatte, dass sie auf den Antrag wartete und ihn auch definitiv annehmen würde. Selbst wenn Freddie sich hin und wieder so doof anstellte wie heute Morgen.

Claudia war sich bewusst, dass Männer kleine Fehler hatten und dass sie dann und wann dumme, kleine, idiotische Sachen machten, über die man nur den Kopf schütteln konnte. Das gehörte nun mal dazu. Aber normalerweise war auf Freddie Verlass. Und so sah Claudia über seine Eigenheiten hinweg und darüber, dass er sich in letzter Zeit etwas gehenließ. Sie war überzeugt, dass sie den Richtigen gefunden hatte. Denn insgeheim wusste sie: Männer, die klaglos die schlechten Launen und die mitunter ungerechtfertigten Beschuldigungen der Partnerin ertrugen, gab es nicht gerade wie Sand am Meer. Ein Sechser im Lotto war häufiger.

Schon möglich, dass Freddie in letzter Zeit etwas nachgelassen hatte, in der einen oder anderen Hinsicht. Aber sie war sich sicher, dass er wieder zu dem alten Freddie werden würde, den sie liebte und begehrte. Bald. Wahrscheinlich jetzt gleich, wenn er sie in den Arm nehmen und küssen würde.

Und als Claudia den Wohnungsflur betrat, kam Freddie ihr tatsächlich schon entgegen. Sie hatte gewusst, dass er nach seiner albernen kleinen Schmollphase wieder zurückkommen würde, reumütig und verschüchtert. Und wahrscheinlich hatte er sogar schon die Waschmaschine repariert, die Wäsche aufgehängt und zur Versöhnung ein Drei-Gänge-Menü gekocht.

Weil Freddie so ein liebenswürdiger Mann war, stritten sie sich nämlich fast nie. Und wenn, dann war er danach immer der liebenswerteste Mensch gewesen, den man sich vorstellen konnte. Selbst, wenn er gar nicht an dem Streit schuld war. Auch das wusste Claudia an ihm zu schätzen. Sie wollte es ihm heute zwar nicht zu leicht machen, aber sie war froh, dass von dem Anlass ihres Streits, dem albernen Trainingsanzug, nichts mehr zu sehen war, als sie die Wohnung betrat.

Trotzdem beunruhigte sie irgendetwas in Freddies Auftreten. Er hatte seinen Rucksack in der Hand und wirkte ernst und äußerst konzentriert. Als er nach seinem Wohnungsschlüssel am Schlüsselbrett griff, fiel Claudia aus allen Wolken.

«Du gehst schon wieder?»

«Doppelschicht.» Freddie wirkte nervös.

«Davon hast du gar nichts erzählt.» Claudia konnte ihre Enttäuschung kaum verbergen.

«Ich wusste bis vor kurzem selbst noch nichts davon. Aber manchmal passieren Dinge …» Er stockte und sah sie durchdringend an.

«Bist du etwa noch sauer?» Claudia bekam plötzlich Angst, dass Freddie nicht von einem Feuerwehreinsatz, sondern von ihrem Wutausbruch heute Morgen sprach.

Kopfschüttelnd sah er sie an. Dann gab er Claudia einen Kuss auf die Stirn, öffnete die Haustür und ging hinaus.

Unsicher starrte Claudia ihm hinterher. Hatte sie den Bogen diesmal überspannt mit ihrer Schimpftirade heute Morgen? Wollte er jetzt seine Ruhe haben vor ihr und schob seine Arbeit als Ausrede vor? War das der Anfang vom Ende ihrer Beziehung?

4 Die Superfreundin

Und du glaubst wirklich, Freddie hat sich heute freiwillig zum Dienst gemeldet?»

Claudia zuckte mit den Schultern und sah Regine an, die ihr auf dem Sofa gegenübersaß. Beide Frauen hatten Sorgenfalten auf der Stirn. Nachdem Freddie gegangen war, hatte Claudia einen kurzfristigen Anfall von Selbstmitleid, Depressionen, Weltschmerz, Liebeskummer und Schokoladenfresssucht bekommen – und dann aus lauter Verzweiflung Regine angerufen. Die war sofort zur Stelle gewesen, aber diesmal war auch sie ratlos. Und das sollte schon etwas heißen.

Regine war eine schlanke, blonde Frau mit dynamischem Auftreten, von Beruf Fitnessökonomin und Claudias beste Freundin. Sie wusste immer Rat. Nur eben heute nicht.[a]

«Keine Ahnung, warum er sich so anstellt. Da muss doch etwas anderes dahinterstecken.» Regine überlegte. «Aber was? Vielleicht hat er in dem Trainingsanzug mal einen Jugendpokal gewonnen? Und deswegen ist das Teil ihm irgendwie besonders viel wert?»

«Ich glaube kaum. Freddie ist ja nicht gerade eine Sportskanone …»

Regine nickte. «Vielleicht klammert er sich deshalb umso mehr an seine Erinnerungen?»

Dass ihre Freundin nicht zumindest der Form halber protestierte, versetzte Claudia schon einen kleinen Stich. Aber es stimmte ja wirklich, Freddie war einfach kein Modellathlet. Vor allem, wenn man ihn mit Regines Freund Marc verglich. Marc machte Triathlon und irgendwas in den Medien. Regine und er konnten es sich leisten, in einem schicken Penthouse zu wohnen, während Claudia und Manfred in ihrer piefigen Drei-Zimmer-Wohnung gerade so über die Runden kamen. Und natürlich ließ Marc sich kein bisschen gehen. Er trug stets einen gegelten Kurzhaarschnitt, den kein Windhauch aus der Form bringen konnte, und wirkte in seinen maßgeschneiderten Anzügen immer kernig und attraktiv. Sein Dauerlächeln gab den Blick frei auf zwei makellos weiße Zahnreihen. Und abgesehen von dem idiotischen Hobby, Erstausgaben alter Superheldencomics zu sammeln, war Marc sogar nett.

Nichtsdestotrotz wäre er als Mann niemals für Claudia in Frage gekommen. Nicht nur, weil er mit ihrer besten Freundin zusammen war. Sondern, weil er Claudia immer eine Spur zu perfekt, zu strahlend, zu wunderbar vorkam. Neben einem Kerl wie Marc rückte man automatisch ins Rampenlicht, ob man wollte oder nicht. Doch Claudia fand es gar nicht so schlimm, ein wenig im Schatten zu stehen. Auch in dem von Regine.

Ihre Freundin war ein bisschen hübscher und ein bisschen dünner als sie. Regine ging zum teureren Friseur – was nicht schwer war, denn Claudia war mit dem Standardschnitt des Billigfriseurs an der Ecke zufrieden. (Der Laden war so billig, dass es nicht einmal zu einem ausgefallenen Namen gereicht hatte. Wo sich andere Friseure Haarmonie, Schnittfest oder CreHaartiv nannten, hieß der Laden einfach nur Schnell und günstig.)