Supertramp - Tamina-Florentine Zuch - E-Book

Supertramp E-Book

Tamina-Florentine Zuch

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Beschreibung

Ein Solotrip voller Abenteuer auf der Suche nach der absoluten Freiheit Sechstausend Meilen in sechs Wochen, von New York bis nach San Francisco, von der Ostküste bis zur Westküste – und das auf Güterzügen, illegal als blinder Passagier, vollkommen auf sich allein gestellt: Tamina-Florentine Zuch hat es gewagt und sich im Sommer 2017 auf die Spuren der Hobos begeben, die in den 1920er- und 1930er Jahren millionenfach mit den Zügen durch Amerika getrampt sind, um sich von einer Feldarbeit zur nächsten transportieren zu lassen. Die 27-jährige Fotografin begegnete faszinierenden Persönlichkeiten, die sich den Anforderungen einer rücksichtslosen Erfolgsgesellschaft widersetzen. Sie verbrachte Wochen unter freiem Himmel, erbettelte Geld und Essen, rauchte mit einem pensionierten Polizisten einen Joint und wurde an einem Tag beinahe von einer giftigen Schlange gebissen und von einem Redneck erschossen. Jeder Tag war ein Abenteuer und die Nächte erst recht.

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EPUB

Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

Originalausgabe

1. Auflage 2018

© 2018 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Nymphenburger Straße 86

D-80636 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Redaktion: Matthias Teiting

Umschlaggestaltung: Isabella Dorsch

Umschlagabbildungen: Tamina-Florentine Zuch

Abbildungen Bildteil: Tamina-Florentine Zuch

E-Book-Konvertierung: Carsten Klein, Torgau

ISBN Print 978-3-7423-0436-0

ISBN E-Book (PDF) 978-3-95971-958-2

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-95971-959-9

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.rivaverlag.de

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Inhalt

Widmung

Teil I

Dienstag, 16. Mai, New York

Mittwoch, 17. Mai, New York

Freitag, 19. Mai, Philadelphia

Samstag, 20. Mai, Philadelphia – Richmond

Sonntag, 21. Mai, Richmond

Montag, 22. Mai, Rocky Mount

Dienstag, 23. Mai, Outer Banks

Freitag, 26. Mai, Outer Banks

Freitag, 26. Mai, Outer Banks – Baldwin

Samstag, 27. Mai, Baldwin

Sonntag, 28. Mai, Baldwin

Montag, 29. Mai, Baldwin – Pensacola

Dienstag, 30. Mai, Pensacola

Mittwoch, 31. Mai, Pensacola – New Orleans

Donnerstag, 01. Juni, New Orleans

Freitag, 02. Juni, New Orleans

Samstag, 03. Juni, New Orleans

Teil II

Sonntag, 04. Juni – Montag, 05. Juni, New Orleans – Los Angeles

Dienstag, 06. Juni, Los Angeles

Mittwoch, 07. Juni, Malibu Beach

Donnerstag, 08. Juni, Santa Maria – San Francisco

Freitag, 09. Juni, San Francisco – Sacramento

Samstag, 10. Juni, Sacramento – Weed

Sonntag, 11. Juni, Caboose

Montag, 12. Juni, Caboose

Dienstag, 13. Juni, Caboose

Mittwoch, 14. Juni, Weed – Klamath Falls

Mittwoch, 14. Juni, Klamath Falls

Donnerstag, 15. Juni, Klamath Falls

Donnerstag, 15. Juni, Klamath Falls

Freitag, 16. Juni, Klamath Falls – Roseville

Samstag, 17. Juni, Roseville

Sonntag, 18. Juni, Roseville – San Francisco

Montag, 19. Juni, San Francisco

Danksagung

Bildteil

Für Gabi

Teil I

Als Kind wollte ich Pyrotechnikerin werden. Mein Vater war Architekt. Solange ich mit meiner Familie zusammenlebte, träumte ich, dass ich schweben könnte. Kurz nachdem ich auszog, träumte ich zum ersten und letzten Mal vom Fliegen.

Meine Eltern haben uns immer alles zugetraut.

Ich habe blondes Haar und blaue Augen. Ich lebe allein. Sonntag ist für mich ein Tag wie jeder andere, nur dass der Supermarkt geschlossen hat. Ich habe keinen besten Freund und keine beste Freundin. Ich reise gern allein.

Früher habe ich oft gelogen, um mein Leben spannender klingen zu lassen. Heute langweile ich mich nur noch selten.

Das Wort Exil klingt in meinen Ohren paradiesisch.

Meine Mutter hat mich behalten, aber mein Vater hat mich verlassen.

Ich habe kein Haustier. Ich habe keine Waschmaschine. Ich habe keinen Kühlschrank. Ich habe keinen Wasseranschluss.

Die Wärme eines Holzofens ist mir lieber als die Wärme einer Heizung. Ich habe gern Gäste.

Als Kind habe ich mir ein Nilpferd gewünscht, mein Vater war einverstanden und meinte das ernst. Ich habe trotzdem nie eins bekommen.

Ich hatte einmal gleichzeitig Salmonellen, Würmer, Typhus und Malaria. Der Typhus hat mich fast umgebracht.

Der Gedanke an den Tod ängstigt mich nicht, er stellt mich vor ein Rätsel. Manchmal überrascht es mich, wie schön die Welt ist und dass alles Hässliche vom Menschen kommt.

Ich kann mich schlecht verstellen, aber gut anpassen.

Wenn mich jemand fragt, woher ich komme, weiß ich nie, was ich antworten soll. An einem Ort, den ich mein zu Hause nenne, fühle ich mich nicht weniger fremd als woanders. Es fällt mir nicht schwer, einen Ort wieder zu verlassen. Ich vermisse nur selten und kurz. Ich versuche die Welt zu verstehen, indem ich sie mir ansehe. Warum haben die Menschen so viel Angst vor der Fremde?

Dienstag, 16. Mai, New York

In New York sind die Gebäude so hoch, dass man sich mit dem Rücken flach auf den Boden legen muss, um ihre Dächer zu erkennen. Es gibt Häuser und Bauten in allen Formen und Farben, womit sie den Menschen ähneln, die in ihnen ihre Leben verbringen. Die gesamte Vielfalt kommt auf engstem Raum zusammen: Businessmänner mit Anzug und Aktenkoffer, frisierte Frauen in engen Kostümen, der Blick konzentriert, sorgfältig gewählte Kleider, das Mobiltelefon in der einen, den Pappbecher mit der neuesten Chai-Latte- oder Mocchachino-Kreation in der anderen Hand. Sie rauschen an mir vorbei, jeder seinem eigenen Ziel entgegen.

Die Vielseitigkeit der Stadt umfasst die schönen Dinge ebenso wie die hässlichen. Wo sind sie, die Menschen, deren Blicke man meidet? Die Menschen, die man im Augenwinkel erkennt, an denen man dann aber gezielt vorbeisieht und hofft, nicht angesprochen zu werden? Wo sind die Menschen, deren zu Hause genau jene Straßen sind, auf denen die anderen zur Arbeit gehen?

Ich finde sie auf der St. Mark’s Street, einer Straße Manhattans, die um einiges schäbiger ist als die anderen. Überall liegt Müll, die Wände sind beschmiert, der Boden verklebt. Hier kreuzen sich die Wege der Vagabunden und Obdachlosen. In jedem zweiten Hauseingang sieht man sie sitzen. Ihre Kleider und Gesichter sind dreckverkrustet, sie rauchen, verstecken den Alkohol in braunen Papiertüten, sie reden laut und grob, und ihr Lachen klingt wie das Bellen ihrer Hunde. Hin und wieder löst sich eine der Gestalten aus einem der Hauseingänge und verschwindet im nächsten.

Verirrt sich ein Tourist oder ein Anzugmensch in diese Straße, wird er sofort von hungrigen Augenpaaren anvisiert, dann angebettelt. Ich hingegen werde ignoriert. Ich passe nicht ins Beuteschema. Ich sehe aus wie sie, nur dass ich noch sauber bin.

Vor vier Stunden bin ich in New York gelandet. Ich hatte drei Wochen, um diese Reise zu planen. Sechs Wochen werde ich unterwegs sein. Vor ein paar Jahren habe ich bereits eine ähnliche Reise unternommen, allerdings war damals so einiges anders. Ich war anders. Ich bin auf der ersten Reise den Erlebnissen und Begegnungen kaum gerecht geworden, und deshalb wollte ich sie unbedingt noch einmal machen. Und diesmal richtig. Ohne Einschränkungen, ohne Kompromisse, ohne Begleitung. Ich will auf Güterzügen das Land durchqueren, gemeinsam mit den Menschen, denen ich auf der Straße begegne. Ich werde mein Essen und meinen Schlafplatz mit ihnen teilen und mir ihre Geschichten anhören.

Meine schwarze Jeans und mein graues Hemd sind frisch gewaschen, meine Haare frisiert und zu einem Zopf gebundet. Ich bin etwas müde vom Flug, aber das sieht man mir kaum an. Ich trage nur eine Hüfttasche. Meinen Rucksack habe ich bei Fiza gelassen, dessen Adresse ich von einer Freundin bekommen habe. Fiza lebt in New York und hat mir angeboten, die erste Nacht bei ihm zu verbringen.

Nach meiner Ankunft haben wir nur ein paar Worte gewechselt, dann bin ich losgezogen, und während ich nun die St. Mark’s Street hinuntergehe, beruhigt mich der Anblick ebensosehr wie er mich einschüchtert. Mit diesen Menschen werde ich die nächsten Wochen verbringen, es wird nicht lange dauern, bis meine Kleider so zerschlissen und meine Haut so dreckverkrustet ist wie ihre.

Ein junger Typ mit lockigen Haaren und schwarz umrandeten Augen tänzelt an einem Baugerüst entlang bis zu einer Gruppe, die angelehnt an das Geländer auf dem Boden sitzen. Ein älterer Mann hockt neben einem jüngeren, gegenüber sitzt ein junges Paar.

Ich bleibe vor ihnen stehen und lächle die Hunde an, die sich zwischen ihren Beinen und Rucksäcken tummeln. Dann sehe ich auf und warte, bis das Mädchen mich bemerkt.

»Hi, wie geht’s?«

Sie lächelt mit schlechten Zähnen.

Ich setze mich neben sie und nicke in die Runde. Der Lockige reicht mir die Hand, sein Name ist Izzy. Er kann kaum stillhalten, springt in seiner Latzhose umher und wechselt von einem Gespräch zum nächsten. Als ich das Mädchen frage, ob sie vorhat, New York demnächst zu verlassen, erklärt sie, dass sie mit ihrem Freund eine Weile in der Stadt bleiben und erst in ein paar Wochen Richtung Norden weiterziehen werde. Ich erzähle ihr von meinen Plänen, und sie meint: »Du hast echt Eier, Mädchen!«

Sie schlägt mir vor, den Abend mit ihnen zu verbringen, vielleicht würden noch ein paar Leute vorbeikommen, von denen sie gehört habe, dass sie New York verlassen wollten.

Dea hat ihren Kopf zur Hälfte kahl rasiert und steht alle paar Minuten auf, um sich zu übergeben. Sie ist schwanger und wartet darauf, genügend Geld zusammengebettelt zu haben, um eine Abtreibung vorzunehmen.

»Ich bin keine Mutter«, sagt sie.

Dea hat Hepatitis C, ist drogen- und alkoholabhängig und glaubt selbst nicht daran, dass sie jemals von der Straße runterkommen wird. Ein Kind hat sie bereits verloren. Eine Frühgeburt, die nach drei Monaten starb, ein Junge. Ihre Tochter lebt bei ihren Eltern in Alaska, auch sie hat Hepatitis C. Dea möchte nicht noch so ein Kind in die Welt setzen. Sie und ihr Freund kennen sich seit zwei Jahren und ziehen gemeinsam mit ihren beiden Hunden von Stadt zu Stadt. Er hätte gern Kinder. Irgendwann einmal.

»Es ist ihre Entscheidung.«

»Mein Hund ist mein Baby«, sagt Dea, während sie ihrem Freund die Pickel im Nacken ausdrückt.

Deas Geschichte überrascht mich nicht. In den Vereinigten Staaten leben Tausende junge Leute wie sie auf der Straße und kämpfen mit ihrer Vergangenheit und Zukunft. Sie schließen sich zu Paaren und Gruppen zusammen und ziehen von Stadt zu Stadt. Manche finden hin und wieder Arbeit und lassen sich für ein paar Wochen nieder. Andere verfallen dem Drogenkonsum, der nicht selten mit dem Tod endet. Sie nennen sich Dirty Kids, weil sie schmutzig sind und stolz darauf. Mit ihrer Schmutzigkeit zeigen sie dem Rest der Gesellschaft ihre Rebellion.

Dirty Kids bleiben nie länger als nötig an einem Ort. Sie verlassen ihn wieder, ohne Spuren zu hinterlassen, und erklären, sie seien houseless, also ohne Haus, und nicht homeless, ohne ein Zuhause. Sie haben sich ihren Lebensstil selbst gewählt, was sie von den gewöhnlichen Obdachlosen unterscheidet.

Allerdings kann immer irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem ein Dirty Kid der Straße verfällt und zum Obdachlosen wird. New Orleans und New York haben den Ruf, die Hochburgen des Drogenkonsums und der Kriminalität zu sein, die in ihre gewaltigen Strudel die Vagabunden einsaugen und ihnen mit aller Kraft Rucksack, Stiefel und Lebensfreude entreißen. Gebrochen, mit Plastiktüte und Einkaufswagen, bleiben sie auf den dunklen Straßen zurück.

Lebt man auf der Straße, gibt es gewisse Regeln, die eingehalten werden. Man beklaut sich nicht gegenseitig, hilft sich aus mit Essen, Drogen, Alkohol und Zigaretten. Man tut sich zusammen auf der Suche nach einem geeigneten Schlaf- oder Bettelplatz.

Je größer allerdings die Stadt ist, desto mehr Leute gibt es, die sich nicht an diese Regeln halten.

Gegenüber von Dea sitzt der jüngere, der mit seiner Müdigkeit kämpft. Er heißt Squirrel und ist ein seltsamer Typ, wie ein Schatten, so ruhig und unauffällig. Er ist zweiundzwanzig Jahre alt und lebt bei seinen Eltern in Coney Island. Sie stammen aus der ehemaligen Sowjetunion und haben eine Firma gegründet, die Wände so streicht, dass sie wie Marmor aussehen.

Squirrel zeichnet gern. Sein Bruder ist drogenabhängig, er selbst wahrscheinlich auch. Während er mich zeichnet, fallen ihm immer wieder die Augen zu. Er hat seit zwei Tagen nicht geschlafen.

In Squirrels Schlafphasen unterhalte ich mich mit Brian, dem älteren. Er ist ruhig und schüchtern. Er hat nur eine ausgeblichene Plastiktüte dabei, trägt ebenfalls eine Latzhose und eine Brille auf der kleinen Nase, deren Rahmen an zwei Stellen gebrochen und nur notdürftig zusammengeflickt ist. Brian erzählt von seiner Güterzug-Vergangenheit und den schönsten Strecken, an die er sich erinnert. Er vermisst diese Art zu Reisen, das Reisen an sich. Er war schon lange nicht mehr unterwegs.

Plötzlich hören wir laute Stimmen auf der dunklen Straße, und Brian steht auf und läuft auf zwei Gestalten zu, die sich anschreien. Es sind Izzy und ein Mädchen, die sich mit roten Köpfen und vorgebeugten Oberkörpern ihre Vorwürfe entgegenschleudern. Wie sich herausstellt, hat der Freund des Mädchens mehreren Leuten Sachen geklaut, woraufhin Izzy und ein paar andere ihn verfolgt, verprügelt und seinen Rucksack und den seiner Freundin geschnappt und in irgendeinem Gebüsch versenkt haben. Es dauert nicht lange, bis der blutverschmierte Freund dazustößt und von seiner Freundin festgehalten werden muss.

Squirrel wird von dem Lärm wach und zeichnet unbeeindruckt weiter. Es scheint ihn nicht zu stören, dass er mich nun im Profil weiterzeichnen muss, weil ich gespannt die Auseinandersetzung beobachte. Ich überlege, für welche Seite ich Partei ergreifen würde.

Es dauert nicht lange, bis Sirenen ertönen und blaue Lichter kreisend die Straße erhellen.

»Scheiße, die Bullen!«

Alle schnappen ihre Sachen, greifen nach den Leinen ihrer Hunde und machen sich aus dem Staub. Nur Squirrel und ich bleiben zurück.

»Wo gehen die denn alle hin?«, fragt er verwundert.

»Ich glaube, die hauen ab, vor den Bullen.«

»Die Bullen?«

Er hebt müde den Kopf.

»Dann sollten wir auch abhauen.«

Als er sich endlich erhoben hat, ist das Blaulicht längst an uns vorbeigezogen, und die Straße wirkt verlassen.

Ich ärgere mich. Brian hätte vielleicht interessant sein können. Vielleicht hätte er New York mit mir verlassen. Jetzt ist er spurlos verschwunden.

Es ist noch vor Mitternacht, ich bin hellwach. Ich möchte die Freiheitsstatue sehen, und wir laufen los.

Squirrel erzählt mir von seinem gebrochenen Herzen und seiner russischen, allzu pro-russischen Familie, erzählt von seiner Großmutter, die damals nach Amerika kam, und dass er nur einmal im Leben verreist sei, mit seiner Mutter nach Mexiko, als er noch ein kleiner Junge war.

Wir kommen an einem Mann vorbei, der bewusstlos auf dem Boden liegt. Er sieht eigentlich nicht wie ein Obdachloser aus, eher wie ein Partygast, und ich überlege kurz, was ich tun soll. Squirrel zuckt nur mit den Schultern und will weitergehen. Ich nähere mich dem Mann und beuge mich zu ihm: »Sind Sie okay?«

Keine Reaktion.

Der Krankenwagen ist innerhalb von vier Minuten da und nimmt ihn mit. Die Sanitäter sagen, es sehe ganz nach einer Überdosis Heroin aus, und mir kommt der Gedanke, dass ich die Zukunft des Mannes, sofern es wirklich ein Obdachloser gewesen ist, um noch ein Stück schwieriger gemacht habe, da er vermutlich nicht versichert gewesen ist und ihn diese Aktion einiges kosten wird.

Wir laufen zum Wasser, und ich bemerke, das Squirrels Knie allmählich nachgeben und ihm die Augen zufallen. Bis zur Freiheitsstatue sind es noch ein paar Meilen. Wir setzen uns auf eine Bank, ich rauche eine Zigarette, Squirrel sackt der Kopf auf die Brust, und er schläft ein.

Die Freiheitsstatue werde ich in dieser Nacht wohl nicht mehr sehen. Ich bleibe noch einen Moment sitzen und höre mir Squirrels ruhigen Atem an. Es ist warm, frieren wird er nicht.

Ich stehe auf und laufe zurück zu Fizas Wohnung.

Ich bin davon ausgegangen, dass die ersten Tage schwierig werden würden. Viele haben mir davon abgeraten, die Reise in New York zu beginnen. Zu viele Drogen, zu viel Kriminalität.

Ich kenne mich in New York kaum aus, vor allem nicht auf den Güterbahnhöfen. Ich muss jemanden finden, der Erfahrung hat, der die richtigen Stellen kennt, die richtigen Gleise.

Fast zwei Stunden brauche ich für den Rückweg, und an der Straßenecke vor dem Hauseingang treffe ich zufällig auf Fiza. Er war noch feiern mit Freunden.

»Wie war dein Abend?«

»Nicht sonderlich erfolgreich.«

Ein Wachmann lässt uns hinein, und der Fahrstuhl bringt uns in den fünften Stock. Eine alte Dame vermietet ihm günstig ein Zimmer in ihrer Wohnung. Wir teilen uns sein großes Bett, er erzählt mir von New York und seiner Familie in der Heimat. Ich erzähle von meinen Plänen.

»Warum tust du dir das an?«

»Vielleicht, um es mir selbst zu beweisen. Keine Ahnung.«

Ich kannte Fiza bisher nur vom Hörensagen. Wir haben ein paar gemeinsame Freunde, sind beide Fotografen. Er ist viel unterwegs, dokumentiert die Krisen der Welt für die großen Zeitungen.

Für andere mögen solche Reisen unvorstellbar sein, aber wir lieben unseren Beruf genau wegen dieser Herausforderungen. Sechs Wochen habe ich mir zwischen zwei anderen Projekten für diese Reise freiräumen können. Ich tauche von einer Welt in die andere, von einer Kultur in die nächste, das ist mein Leben. Ich kann mich kaum sattsehen an der Vielfalt der Welt, und meine Bilder finanzieren meine Neugier.

Mittwoch, 17. Mai, New York

Nach einem ausgiebigen Frühstück und einer langen Dusche packe ich meinen Rucksack. Unwichtige Dinge wie Shampoo und Haarbürste kommen nach unten, Matte und Schlafsack binde ich außen an.

Dann gehe ich zurück zur St. Mark’s Street.

Es ist weniger los als am Abend. Ich erkenne nur vereinzelt ein Gesicht wieder, von Dea, ihrem Freund und Squirrel fehlt jede Spur. In einer der Nebenstraßen finde ich Brian, der an einer Ecke sitzt. Vor ihm ausgebreitet liegen Kugelschreiberzeichnungen, unbeholfene Striche auf abgegriffenem Papier, die hauptsächlich Drachen- und Totenkopfmotive zeigen. Vor ihm steht ein Becher mit ein paar zerknüllten Scheinen, daneben ein Pappschild: Starving Artist – Anything Helps.

Ein hungriger Küstler, der für jede Hilfe dankbar ist.

»Ich mag den Drachen«, sage ich.

Brian sieht zu mir auf.

»Hey, wie geht’s? Du hast deinen Rucksack dabei!«

Der Rucksack, der mir plötzlich viel zu schwer vorkommt, voll mit unnötigen Sachen.

Ich stelle ihn neben Brians Plastiktüte und setze mich auf den Gehweg. Dort verbringen wir gemeinsam den Nachmittag, während New Yorks Alltag an uns vorbeiläuft. Hin und wieder bleibt jemand stehen, lobt Brians Fertigkeiten, schmeißt einen Dollar in den Becher, aber eine Zeichnung kauft niemand.

Izzy kommt vorbei, setzt sich kurz zu uns und verschwindet wieder. Auch andere Dirty Kids tauchen auf.

Sie kennen sich untereinander, die Bettler Manhattans.

»Später machen wir ein Barbecue am Wasser. Bist du dabei?«

»Klar.«

Das Sitzen fällt mir leichter, jetzt, wo ein Ende abzusehen ist. An das Nichtstun muss ich mich erst gewöhnen.

Die frische Brise am Ufer tut gut. Es ist heiß gewesen am Nachmittag, einunddreißig Grad, selbst nach Sonnenuntergang kühlt die Luft kaum ab. Nach und nach vergrößert sich die Gruppe, aus allen Richtungen tauchen aus der Dunkelheit Dirty Kids und Obdachlose auf. Als wären die Straßen New Yorks die Zimmer einer Wohngemeinschaft, und das Ufer unsere Küche. Ich halte mich an Brian und die Gruppe vom Vortag. Mit uns zusammen sind hauptsächlich junge Menschen hier, einige Paare, die seit Monaten oder Jahren auf der Straße leben und viel unterwegs waren. Ich versuche herauszufinden, wem ich mich anschließen kann und will. Wer in nächster Zeit die Stadt verlässt und mit welchem Ziel.

Während die einen kochen und die anderen Drogen nehmen, nimmt einer aus der Gruppe seine Gitarre auf den Schoß und beginnt, an den Saiten zu zupfen. Niemand reagiert, bis der erste Ton aus seiner Kehle dringt. Während er singt, verändert sich sein gesamtes Erscheinungsbild. Er wandelt sich von einer schwerfälligen, leicht unheimlichen Gestalt zu einem schnaufenden und schwitzenden Magneten, dessen dröhnende Stimme alle Bewunderung auf sich zieht.

Einige packen ihre Instrumente aus und stimmen ein. Banjo, Gitarre und Löffel. Sie singen die Lieder der Dirty Kids: über das Leben auf der Straße, von Freiheit und Verlust.

Es wird weiter getrunken, geraucht, sich allerlei Sachen in die Kehle geschmissen und in die Arme gejagt, sodass mit vo­ranschreitender Zeit kaum noch jemand imstande ist, sein Instrument oder einen geraden Ton zu halten. Gegen ein Uhr ist die Party vorbei.

Einige kämpfen gegen die Müdigkeit an, die sie während eines Gesprächs oder beim Drehen einer Zigarette übermannt, andere werden aggressiv.

Ich setze mich etwas abseits und sehe mir die Menschen an, die so unberechenbar, so furchtlos erscheinen. Sie sitzen auf Bänken und auf dem Boden, kippen im Halbschlaf zur Seite, schnupfen, spritzen, rauchen. Ein Paar liebt sich hinter einem Baum, die anderen rufen ihnen wüste Aufforderungen zu oder ignorieren sie. Immer wieder pöbeln sie sich gegenseitig an, zerren an den Leinen ihrer unruhigen Hunde.

Sie schaukeln sich hoch an ihrer eigenen Frustration. Je später es wird, desto mehr sind sie drauf – auf Drogen, Alkohol und dem eigenen Leid. Es scheint mir, als würden sie auf ihr Leben spucken, es mit Füßen treten, sich selbst nicht ertragen. So müssen sie sich betäuben, mit allem, was ihnen zwischen die Finger kommt. Hin und wieder ein Highlight: an einem schlechten Tag die Prügelei, an einem guten die volle Dröhnung.

Ich will raus aus dieser Stadt. Raus aus New York, dem großen Sumpf, der in der Nacht seine dunkle Seite präsentiert – wenn sich die Reichen in ihre Wohnungen verziehen und die Schmutzigen und Gebrochenen auf der Straße zurücklassen. Wenn es für die Zurückgelassenen keine Ablenkung mehr gibt und die Abwesenheit der Erfolgreichen wie ein unsichtbarer Zeigefinger durch die leeren Straßen streift und auf die Gescheiterten zeigt.

Ich will mich ihnen nicht anschließen. Keinem von ihnen. Die Leute sind mir zu krass. Sie leben keine wirkliche Freiheit.

Brian hat sich wie alle anderen etwas eingeschmissen und getrunken, ist aber noch etwas klarer. Er ist auch um einiges älter. Er erzählt, dass er schon überall auf Güterzügen unterwegs gewesen ist, allerdings noch nie im Nordwesten. Da will er unbedingt noch hin.

Dann fragt er, ob ich mir mit ihm einen Schlafplatz suchen möchte. Ich putze mir die Zähne am Trinkwasserbrunnen und wir ziehen los.

Wir laufen mit Rucksack und Plastiktüte durch die verlassenen Straßen Manhattens und singen Please don’t go von Chicago. Ich singe lauter als nötig, denn es hilft die Enttäuschung über die ersten Tage meiner Reise zu überspielen.

In einer Seitenstraße legen wir uns neben ein geparktes Auto und einen Baum.

»Das ist ein guter Platz. Ich habe hier schon einmal übernachtet.«

Brian wirft seinen Schlafsack und seine Tüte ab und stromert herum, bis er ein großes Stück Pappe findet, dass er mir mit Stolz präsentiert. Er besteht darauf, es mit mir zu teilen, obwohl ich eine Isomatte habe. Er legt sich hin, deckt sich halb zu und schläft fast in dem Moment laut schnarchend ein, als sein Kopf die Plastiktüte berührt.

Ich stehe da und starre ihn an. Starre die Pappe an. Starre die dunkle Straße entlang. Starre den Gullydeckel an, in dem gerade eine Ratte verschwindet. Ich lausche dem Lüfter des Bürogebäudes neben uns und spüre einen Knoten in meiner Magengegend anschwellen und wie ein Stein verhärten. Ich rolle meine Isomatte auf der Pappe aus. Sie ist noch so neu, dass sie sich automatisch wieder zusammenrollt.

Meine Kleidung lasse ich an, meine Jeans und mein Hemd. Socken und Schuhe ziehe ich aus. Meine beiden Hüfttaschen lasse ich umgebunden. Die eine, die ich unter den Hosenbund stecke, beinhaltet meinen Pass, meine Bankkarte und eine Liste mit wichtigen Telefonnummern. In der anderen stecken Notitzbuch, MP3-Player, Geld und Tabakbeutel. Mein Mobiltelefon hängt an einem Lederband unter meinem Hemd an meinem Hals. Meine Kameratasche schlinge ich mir um den Bauch. Wie viel einfacher es ohne Kamera wäre. Die vierzehn Akkus sind schwerer als alle meine Kleidung zusammen.

Meine Schuhe binde ich an meinen Rucksack und lege einen der Gurte unter meine Matte, um zu spüren, falls er weggezogen wird. Ich will mich komplett zudecken, um mich vor den Vorbeilaufenden zu verbergen, aber es ist zu warm.

Das ist es jetzt also. Es geht los. Meine erste Nacht auf der Straße.

Ich fühle mich miserabel. Ständig wache ich auf, weil eine Mücke an meinem Ohr surrt, etwas über meine Beine krabbelt, jemand zu nah an mir vorbeiläuft, Brian laut aufschnarcht, sein Arm auf mich fällt, oder weil ich mich umdrehen will und dafür erst alle Taschen umsortieren muss. Jedes Mal überlege ich im Halbschlaf, wie es weitergehen soll, wie ich schaffen soll, was ich mir vorgenommen habe, was ich mir nur dabei gedacht habe.

Tanzend und jubelnd wollte ich New York auf einem Güterzug Richtung Süden verlassen.

Brian hat gesagt, er will mit mir kommen. Er war noch nie im Nordwesten. Das einzige Hindernis sei sein Drogenentzug. Er lässt sich behandeln in einer Klinik, in der er regelmäßig auftauchen muss. Dafür bekommt er monatlich 150 Dollar, und wenn er diesen Rhythmus zwei Jahre durchhält, wird er vom Sozialamt eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekommen. Das ist sein Ziel. Andererseits vermisst er das Reisen, die Züge, die Freiheit. Doch er sagt, wenn er sich nicht zudröhnt, kann er nicht einschlafen. Für die Reise müsste er sich Ersatzdrogen besorgen. Seit acht Monaten ist er jetzt clean, wie er das nennt, nur Alkohol und Marihuana und ab und zu ein bisschen Acid würde er noch nehmen. Abgesehen von den Drogen, müsste er sich einen Rucksack organisieren. Dann wäre er startklar. Der Klinik würde er erzählen, dass er sich eine kurze Auszeit nimmt. Er würde in sechs Wochen wieder zurück sein, genau wie ich.

Als es dämmert, wache ich auf und kann nicht wieder einschlafen. Die Abmachung gefällt mir nicht mehr. Ich habe verzweifelt nach jemandem gesucht, der meine Reise mit mir starten würde, und Brian war der Einzige, der einigermaßen fit war und mitkommen wollte. Aber ich bin mir nicht mehr sicher. Ich möchte nicht sechs Wochen mit derselben Person unterwegs sein, möchte Brian nicht von seinem Plan abhalten, sesshaft zu werden. Vor allem aber möchte ich keine Vereinbarung treffen, aus der ich später nicht mehr herauskomme. Ich werde ihm absagen müssen und allein losziehen.

Ich pinkle zwischen zwei geparkte Autos und putze meine Zähne. Dann drehe ich mir eine Zigarette und sehe Brian beim Schlafen zu. Sein Mund ist halb geöffnet. Er liegt auf dem Rücken, sein Brustkorb hebt und senkt sich in ruhigen Intervallen. Hin und wieder schnarcht er auf, und ein Zucken durchfährt seinen Körper.

Eine Frau in High Heels und engem schwarzem Kostüm kommt auf mich zu und sagt, wir sollen verschwinden, bevor die Büros aufmachen. Ich wecke Brian und sage, ich hätte es mir anders überlegt. Er sei gerade auf dem besten Weg, sein Leben geregelt zu bekommen, und das solle er nicht so leichtfertig aufs Spiel setzen. Ich sage, die Verantwortung sei mir zu viel. Er versteht, und ich bin erleichtert.

Wir gehen zu Starbucks, und ich lade ihn auf einen Kaffee ein. Er zeigt mir seine Bilder auf Facebook und erzählt von seinem 22-jährigen Sohn und seiner 14-jährigen Tochter, die bei ihrer Mutter lebt. Vier Jahre war Brian verheiratet. Er wollte reisen, sie wollte, dass er bleibt. Nach vier Jahren war plötzlich keine Liebe mehr da, auch keine sexuelle Anziehung. Aber die Freundschaft blieb.

Zum Abschied nehmen wir uns lange und fest in die Arme. Er sagt mir noch, ich solle an der U-Bahn zweimal fest gegen die Tür treten, dann werde sie sich öffnen, ohne dass ich ein Ticket lösen müsse.

Ich gehe los, löse mein Ticket und fahre zum Times Square, um einen Greyhound Bus nach Philadelphia zu nehmen.

Vielleicht werde ich dort mehr Glück haben.

Freitag, 19. Mai, Philadelphia

Zwei Stunden dauert die Busreise und kostet mich 18 Dollar. Für einen regulären Personenzug hätte ich 170 Dollar bezahlen müssen. Und ein Güterzug wäre gratis gewesen. Aber ohne jemanden, der die Hop-Outs kennt, wäre es mir zu riskant gewesen. Hop-Out nennt man das Versteck nahe der Gleise, meistens irgendein Gebüsch, von dem man gute Sicht auf die vorbeifahrenden der Züge hat, ohne selbst von der Polizei oder den Bahnarbeitern gesehen zu werden.

Dea hat mir gesagt, ich solle in Philadelphia zur South Street gehen, dort würden die Dirty Kids abhängen. Als ich den klimatisierten Bus verlasse, zeigt das Thermometer siebenunddreißig Grad und der Schweiß läuft in Rinnsalen meinen Körper hinunter.

Ich folge Deas Rat und laufe die South Street in beide Richtungen ab. Die Hitze steht auf der Straße, und alle Bewohner verkriechen sich in die Schatten ihrer Häuser. Weit und breit sind keine Dirty Kids zu sehen. Wo sind sie nur?

Enttäuscht und entmutigt gehe ich noch einmal die Straße hinunter und lege mich schließlich neben den Highway unter einen Baum. Ich muss entscheiden, was ich als Nächstes tun soll, aber mein Gehirn scheint nicht zu funktionieren. Ich versuche zu schlafen, doch meine Gedanken kreisen und lassen meine Augenlider flackern.

Schließlich gebe ich auf und hocke mich zum Pinkeln hinter einen Busch. Eine Straftat in den Vereinigten Staaten. Ein Mönch nähert sich, ich ziehe schnell meine Hose hoch, denke, er will mich tadeln, tatsächlich ist aber auch er nur zum Pinkeln gekommen.

Ich werde noch einmal die Straße entlanggehen und mir dann einen geeigneten Schlafplatz suchen. Einen Park oder eine Nebenstraße. Die Hotels sind zu teuer, und ich will mich am nächsten Morgen nicht wieder vom Komfort verabschieden müssen.

Die Hitze kommt mir unerträglich vor. Sie lässt die Luft über den Straßen flimmern. Die Fenster und Türen der Häuser und Geschäfte sind geschlossen. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, kein Lüftchen zu spüren.

Im Vorbeigehen sehe ich im Augenwinkel ein schwarz beschriebenes Pappschild auf dem Gehweg liegen: Will wrestle mother in law for 1$ steht darauf. Für einen Dollar verspricht der Typ, mit deiner Schwiegermutter zu ringen. Davor liegt eine schäbige Mütze mit ein paar Münzen und einem Geldschein darin.

»Na, was geht?«

Ich schaue auf und sehe einen jungen Mann mit Hosenträgern. Seine Kleider sind abgetragen, er ist schmutzig. Neben ihm stehen ein zerschlissener Armee-Rucksack und ein Fünf-­Liter-Wasserkanister. Seine schweren Stiefel sind nur lose geschnürt.

Dich habe ich den ganzen Tag gesucht, denke ich erleichtert.

»Wo sind denn alle?«, frage ich ihn.

»Keine Ahnung. Ich bin gestern angekommen und habe niemanden gesehen. Nur dieses Mädel …«

Er erzählt mir von einem Mädchen, das er in der vergangenen Nacht in einer Bar kennengelernt hat. Er musste die Tür zum Badezimmer eintreten, als sie sich dort eine Überdosis Heroin gespritzt hatte. Er überkippte sie mit kaltem Wasser, bis sie wieder zu sich kam.

Ebendieses Mädchen kommt wenig später zu uns und ist immer noch drauf. Weißblondes Haar, zweiundzwanzig Jahre jung und kaum zur Konversation fähig. Sie fragt nach meinem Sternzeichen und will meine Hand lesen. Dann erhebt sie sich, geht leicht in die Hocke und lässt mit ausgestreckten Armen ihren Körper über den Gehweg schweben. Ich brauche einen Moment, um zu erkennen, das sie tanzt.

Ich frage ihn, wo er als Nächstes hinmöchte. Er sagt, er wisse es nicht, auf jeden Fall raus aus Philadelphia. Er hätte keinen Bock mehr auf die großen Städte. Ich schlage vor, zusammen in den Süden abzuhauen, und er sagt Ja.

»Übrigens, ich bin Zachary. Oder Zach.«

Wir reichen uns die Hand. Als wir an einem Supermarkt vorbeikommen, decken wir uns mit Wasser, Müsliriegeln, Äpfeln und Nüssen ein. Wir wissen nicht, wie lange wir auf dem Zug bleiben werden, aber wir planen, so weit es geht in Richtung Florida zu kommen. Das könnte mehrere Tage dauern.

Ich habe gelesen, dass täglich (außer montags) ein Zug in Richtung Süden durchfährt, der lediglich am Morgen in Philadelphia anhält, zwischen sechs und sieben Uhr, damit die Besatzung wechseln kann. Dieser Wechsel dauert gewöhnlich zwischen fünfzehn und dreißig Minuten. Das sollte genug Zeit für uns sein, um einen geeigneten Anhänger zu finden, auf dem wir mitfahren können ohne allzu leicht entdeckt zu werden oder hinunterzufallen.

Der Hop-Out befindet sich direkt neben den Gleisen zwischen ein paar Bäumen und Sträuchern, die uns Sichtschutz bieten. Wir treten den Müll und die gebrauchten Spritzen beiseite, die unsere Vorgänger zwischen dem Gestrüpp haben liegen lassen, schmeißen unsere Rücksäcke auf den Boden und breiten unsere Matten aus.

Für mehrere Stunden beobachten wir die vorbeifahrenden Züge, lauschen ihren Bewegungen und zählen die Container. Die Töne, die von den Gleisen herüberkommen, lassen mein Herz aufgeregt hüpfen. Rattatatta. Iiiiiii. Klonk Klonk Klonk.

Das Rattern, das Kreischen, das Krachen. Endlich geht es los.

Ich bin froh über die Begegnung mit Zach. Er ist ruhig und nachdenklich, auf der Suche nach Abenteuern und Freiheit, gepaart mit der Dramatik eines jungen Mannes, der sich in seiner Kindheit und Jugend oft missverstanden fühlte und sich stets gegen das Erwachsenwerden weigerte. Er hat eine tiefe, raunzende Stimme und lacht wie ein alter Cowboy. Seine Haare trägt er an den Seiten rasiert und am Oberkopf verfilzt unter einer Mütze, die wohl einst armeegrün war, nun aber dunkelbraun ist. Er hat Tätowierungen an Körper, Händen und im Gesicht. Eisenbahngleise unter dem rechten Auge, TX, das Kürzel für seinen Heimatstaat Texas, unter dem linken Auge und einen senkrechten Strich in der Mitte seiner Unterlippe. Seitdem wir uns vor ein paar Stunden getroffen haben, hat er sich weder etwas gespritzt noch eingeschmissen und auch nicht getrunken. Nur ab und zu nimmt er von den Zigaretten, die ich ihm anbiete.

Während wir zwischen den Büschen liegen, den Zügen lauschen und auf den Schlaf warten, erzählt er mir von einem Mädchen, mit dem er sich seit fünf Monaten schreibt. Manchmal sehen sie sich über Face-Time. Er sagt, er sei verliebt. Für sie würde er sogar mit dem Reisen aufhören. Sesshaft werden, einen Job annehmen, Haus und Kinder, das volle Programm. Er ist ihr allerdings noch nie begegnet. Sie wohnt in New Orleans und arbeitet in einer veganen Créperie. Er will sie überraschen: Seit sechs Wochen hat er sein Mobiltelefon nicht mehr angemacht, ihr nichts gesagt, und plant, im Laufe des Sommers einfach bei ihr aufzutauchen.

Das sei romantisch, sagt er.

Samstag, 20. Mai, Philadelphia – Richmond

Wir erwachen mit der aufgehenden Sonne und vom Quietschen der Gleise. Während wir packen, schleicht eine Gestalt an unserem Gebüsch vorbei, so still und aus dem Nichts, dass wir beim Aufsehen gerade noch erkennen, wie sie zu den Gleisen davonhumpelt.

Zach und ich sehen uns verwundert an, er zuckt mit den Schultern, und wir packen weiter. Die Gestalt kommt zurück, setzt sich auf einen Baumstamm und öffnet sich eine Flasche Rootbeer. Er hat ein rundes, weiches Gesicht mit Bart und dunklem Haar, das ihm vorn lockig ins Gesicht fällt und sonst in dicken Dreads und geflochtenen Strähnen bis zur Hüfte reicht. Er trägt giftgrüne Fingernägel aus Plastik, die seine Fingerlänge verdoppeln und seine Hände wie Klauen aussehen lassen. Ihm fehlt der linke Fuß, der nur ein Stumpf in mehreren Sockenschichten ist.

»Hi, ich bin Nancy.«

Er spricht klar und ruhig, mit einer sanften, warmen Stimme, die seine eigene ist. Er sitzt da und schaut uns freundlich an. Ich bin fasziniert. Zach ist höflich. Ich kann ihm anmerken, wie verrückt er diese Person findet. Einen einbeinigen Transgender-Trainhopper sieht wohl auch er nicht alle Tage.

»Wir könnten zusammen den Zug nehmen«, schlägt Nancy vor.

Wir gleichen unsere Informationen ab und werden nicht enttäuscht. Gegen halb sieben kündigt sich der Zug krachend aus der Ferne an. Wir stellen unser Gepäck zurecht und beobachten aus dem Gebüsch heraus, wie zuerst drei riesige Lokomotiven, dann ein Wagen nach dem anderen an unserem Versteck vorbeiziehen. Ständig wechseln die Form und die Größe der Container, und je nach Ladung sind sie mehr oder weniger zum Mitfahren geeignet. Grainer, die hauptsächlich Getreide transportieren, bieten zwar guten Sichtschutz, aber kaum Beinfreiheit. In die leeren Container der Boxcars kann man hineinklettern, wenn die Türen geöffnet sind – dort ist man bestens sichtgeschützt und kann herumlaufen, hat selbst aber nur einen eingeschränkten Ausblick. Automobiltransporter sind heutzutage leider meistens verschlossen. Bei vielen Anhängern fehlt zudem der Boden, und man nennt sie Suicide, weil man nur auf dünnen Metallstreben stehen kann und das Risiko, auf die Gleise zu fallen, enorm hoch ist.

Deep Well und Mini Well sind am beliebtesten. Die Anhänger sind große Wannen, in die hinein Container verkeilt sind. An beiden Enden gibt es genug Platz, um sich auszustrecken. Erwischt man das hintere Ende, ist man vor Regen und Fahrtwind geschützt.

Der Zug wird langsamer, und immer häufiger ertönt das laute Krachen, wenn die Anhänger zum Halt gezwungen werden. Mit einem endgültigen Rucken kommt der Zug zum Stehen. Wir schultertn unsere Rucksäcke und schleichen über ein paar Gleise. Niemand ist in Sichtweite, nur unsere eigenen knirschenden Schritte auf dem Schotter sind zu hören.

Auf unserer Höhe stehen fünf Piggybacks. Flache Wagen, auf denen Lkw-Anhänger verankert sind. Zach will gleich auf den ersten steigen, Nancy schlägt jedoch vor, den zweiten zu nehmen. Das sei weniger offensichtich.

Zach geht voraus, prüft den Wagen und nickt uns zu. Vier massive Räder beidseitig am Kopfende bieten uns Sichtschutz und ein wenig Platz, damit wir uns ausstrecken können. Zu dritt wird es eng. Der Boden ist nicht durchgängig, sondern fällt nach wenigen Metern zu den offenen Gleisen ab. Außerdem gibt es nur wenige Stellen, an denen wir aufrecht sitzen können. Überall hängen Ketten und Kabel, und die Stahlträger ragen tief hinunter.

Der Wagen ist nicht optimal, aber es geht. Weiterzusuchen, ohne zu wissen, wie lange der Zug hält, wäre zu riskant.

Zuerst klettert Zack hinauf. Nancy wirft ihren Rucksack auf den Metallträger und zieht sich geschickt nach oben. Dann stemme ich meinen Rucksack auf die schmale Metallfläche und bin überrascht, wie viel Kraft es kostet, mich hinaufzuziehen. Es gibt keine guten Griff- oder Trittmöglichkeiten. Mein ganzes Gewicht lastet auf meinen Armen.

Zach und Nancy haben mir den Rücken zugewandt und bekommen glücklicherweise von meinem Kampf nichts mit. Als ich endlich oben bin, vermischt sich der Schweiß auf meiner Haut mit rostigem Staub. Ich krieche zu ihnen hinüber, und wir sitzen geduckt im Schneidersitz. Zach atmet schwer und spuckt aus, Nancy öffnet sich ein weiteres Rootbeer.

Wir sagen nicht viel, lauschen nur gespannt unserem Herzschlag und den Geräuschen des Zuges. Unsere Augen sind geweitet, unsere Blicke huschen über unsere Umgebung, über unseren schattigen Unterschlupf zwischen den sonnigen Gleisen. Die Luft ist kühl und riecht nach Metall und Sonnenaufgang.

Zzzschhhh.

Nach nur wenigen Minuten verrät ein lautes Zischen, dass sich die Bremsen lösen. Ein träges Knarzen und Quietschen ist zu hören, das Geräusch schwillt an und endet in einem lauten Krachen, das den ganzen Zug erschüttert und uns taumeln lässt.

Wir lächeln uns an. Geschafft! Gleich wird sich der Drache in Bewegung setzen, und niemand hat gemerkt, dass wir auf seinen Rücken gestiegen sind.

Klonk.

Klonk.

Zzzschhhh.

Klonk Klonk Klonk.

Der Boden vibriert und erzittert mit lautem Krachen, dann zieht er unsere Beine in Fahrtrichtung, während unsere Oberkörper sich in die entgegengesetzte Richtung wiegen. Langsam rollen wir aus dem Güterbahnhof hinaus, nehmen Fahrt auf und lassen Philadelphia pünktlich um sieben Uhr hinter uns zurück.

Alle Anspannung fällt von mir ab, die Strapazen der letzten Tage kommen mir lächerlich vor. Endlich bin ich zurück auf den Zügen.

Während meiner damaligen Reise habe ich erst die dritte oder vierte Fahrt wirklich genießen können. Ich musste mich erst gewöhnen an die Geräusche, das Geruckel, die Gefahr. Ich hatte Angst davor, nicht aufsteigen zu können, erwischt zu werden oder in die falsche Richtung zu fahren. Angst zu fallen, abzurutschen, zu sterben oder ein Körperteil zu verlieren. Angst vor der Dunkelheit, dem Regen und Schnee, dem Wind und der Kälte. Angst davor einzuschlafen und nicht zu wissen, was um mich herum geschah. Angst, nicht genügend Wasser oder Essen dabei zu haben. Mitten im Nirgendwo zu stranden, außer Reichweite der Zivilisation.

Mittlerweile kenne ich die Geräusche, weiß sie zu deuten. Und umso schneller wird mir bewusst, wie sehr ich es liebe, den Drachen zu reiten. Für mich ist es die schönste Art zu reisen.

Rattatattata.

Mit jedem Kilometer, den wir zurücklegen, werden die guten Gedanken und Gefühle größer und verdrängen die düsteren. Als würde mir der Fahrtwind durch den Kopf, den Bauch und das Herz fegen und gute Ordnung machen. Ich lege mich zwischen Reifen und Stahlträger, sehe Landschaften an mir vorbeiziehen und atme tief die Luft ein, die sich stetig verändert. Städte, Felder und Wälder. Industriemuff, Blüten und Harze. Wir überqueren Flüsse auf Brücken und schlängeln uns parallel zu den Highways durch den Nordosten des Landes.

Für Unterhaltungen ist es zu laut. Zach schläft sofort ein, während Nancy und ich auf der Suche nach der besten Sicht auf dem stählernen Boden unseres Anhängers herumrobben, strahlen und jubeln.

Mit jeder Stunde, die vergeht, werden wir schmutziger. Winzige Metall- und Staubkörner kriechen uns in Nase, Mund, Ohren und Augen und hinterlassen eine graue Schicht auf Haut und Kleidern. Der Zug rattert, quietscht und ruckelt ununterbrochen, und nach wenigen Stunden leiden Körper und Geist unter der Belastung.

Unser Wasser wird knapp. Es sind vierzig Grad.

Nancys Ziel ist Richmond, wo der Zug nach zehn Stunden zum ersten Mal halten wird. Sie erzählt, dass ein Freund sie mit dem Auto abholt, und bietet an, uns in die Stadt mitzunehmen.

Als wir uns Richmond nähern, versucht sie, sich mit einer halben Packung Frischetücher die Dreckkruste von Armen und Gesicht zu wischen.

Die Straßen und Häuser vedichten sich mehr und mehr, und schließlich fahren wir in den Güterbahnhof von Richmond ein. Die Sonne steht bereits tief und wirft ein orangefarbenes Licht auf die riesigen Sandhaufen einer Zementfabrik, neben der unser Anhänger zum Halt kommt.

Wir sind weit genug von dem Wachturm des Güterbahnhofs entfernt, um unbemerkt absteigen zu können. Nancy blickt die Gleise entlang und schwingt sich dann von dem Metallträger. Ich versuche, mich vorsichtig hinunterzulassen und mit einem Fuß den Schotter zu berühren, bevor ich mich fallen lasse. Rrrrrtsch. Meine Hose zerreißt. Nach nur vier Tagen! Ich habe nur diese eine Hose.

Als ich den Schotter unter den Füßen und den Luftzug an meinem Hintern spüre, ziehe ich den Rucksack hinterher und binde mir mein Tuch um die Hüfte. Dann laufe ich Nancy hinterher über die Gleise zu der glühenden Zementfabrik. Die Arbeiter haben bereits Feierabend, und wir können einfach über das Gelände bis zur Hauptstraße laufen.

Nancys Freund hat eine zierliche Statur und eine dünne Stimme. Ihre Augenlieder sind schwarz bemalt und die Wimpern getuscht. Er heißt Michael. Er sagt, er könne uns zu der Haupteinkaufsstraße der Innenstadt mitnehmen. Dort lasse sich gut Geld machen.

Als wir aussteigen und uns auf die Suche nach einem geeigneten Platz zum Betteln machen, kreuzt sich unser Weg mit dem zweier Dirty Kids. Zach und ich schauen uns an, ich nicke in deren Richtung, und er zuckt zustimmend mit den Schultern.

Noah und Sarawh haben schöne Gesichter und wache Blicke. Sie reden laut und schnarrend, und wenn sie lachen, hört man das auch noch drei Blocks weiter. Seit einem halben Jahr sind sie ein Paar und gemeinsam unterwegs. Noah ist noch ein Frischling, Sarawh schon seit fast zehn Jahren auf der Straße. Ihr fehlen noch zwei Staaten, ansonsten war sie überall.

Zach genießt es, endlich wieder Bier zu trinken, tut dies laut kund und setzt sich in einen Mülleimer.

Noah hat schöne Augen, die er beim Betteln einsetzt. Sarawh spielt ein paar Lieder auf ihrem Banjo, und ihr herrlicher Gesang bringt am meisten Geld ein.

Ich bekomme von Zach ein Stück Leder, eine dicke Nadel und Zahnseide, um meine Hose zu flicken.

Die Passanten überhäufen uns mit Essen, das sie selbst nicht herunterbekommen, weil die Portionen zu groß sind.

Einer kauft uns sogar frische Chickenwings.

Zwei Tage verbringen wir mit Noah und Sarawh. Zwei Tage, die mir die nötige Leichtigkeit zurückgeben, die ich für diese Reise brauche. Wir betteln und geben das Geld sofort wieder aus für kalte Getränke und Eis am Stiel. Wir gehen in das Richmond Railroad Museum und sehen uns auf der Modelleisenbahn die kleinen Miniatur-Hobos an, die sich in ihrem Miniatur-Camp um ein Miniatur-Lagerfeuer scharen. Wir baden in einem Fluss und übernachten erst in einem kleinen Wäldchen auf einer Verkehrsinsel, dann unter einer Brücke in der Nähe der Gleise.

An unserem letzten gemeinsamen Abend schläft Zach sofort ein. Auch Sarawh legt sich auf ihre Matte und bildet einen Berg aus sich selbst, Schlafsack, Rucksack und drei Hunden, die sich an sie schmiegen.

Noah zockt Gameboy und raucht Marihuana.

»Sie liebt die Hunde mehr als mich«, sagt er und schaut kurz von seinem Spiel auf. »Ich kann sie sogar verstehen. Wir kennen uns erst seit einem halben Jahr, aber die Hunde, die hat sie schon ewig.«

Sarawh sei mit vierzehn von zu Hause abgehauen. In ein paar Monaten wird sie vierundzwanzig. Er sei froh, sie getroffen zu haben. Er habe eine Menge von ihr gelernt, und nicht nur über das Leben auf der Straße.

Noah hat ein paar Wunden an Bauch und Rücken, die ich reinige und verbinde. Sein größtes Problem ist sein wunder Hintern, um den er sich allerdings selbst kümmern muss.

Er zockt, bis der Akku leer ist, und flucht dann über Sarawh, die vergessen hat, am Tag die Solarzellen in die Sonne zu legen.

Sonntag, 21. Mai, Richmond

Am nächsten Morgen ziehen Noah und Zach los, um unsere Wasserkanister aufzufüllen. Sarawh versucht, ihren Sechzig-Liter-Rucksack neu zu packen, damit sie es beim Tragen leichter hat. Den gesamten Inhalt breitet sie auf ihrer Plane aus. Hauptsächlich sind es Erinnerungsstücke. Steine, Muscheln, Bücher, Fotos, auf denen sie mit anderen Leuten in die Kamera lacht. Briefe von ihrer Mutter. Hundefutter, Hundeleinen. Und ein riesiger Berg zerschlissener, bunter Klamotten. Ihr ganzes Leben ist in dem Rucksack verstaut.

Sie zeigt mir ein zusammengeflicktes Kleid, das sie vor drei Jahren an Halloween getragen hat. Es ist mehr Loch als Kleid.

»Niemals werde ich das zurücklassen!«

Sie umarmt den Stoff, als hätte sie Angst, das Kleid und die damit verbundenen Erinnerungen zu verlieren.

Als die Jungs zurückkommen, hinterlassen Sarawh und Zach ihre Tags an den Wänden. Noah hat noch kein Tag. Er will erst ein paar Züge nehmen und sich dann eins überlegen. Auch ich tagge nicht. Ich habe auch keinen Road-Namen so wie Zach, den sie Texas nennen, weil er aus Texas kommt.

Ich bettle zwar, gebe das Geld jedoch an die anderen weiter. Ich bin hier, um diese Leute kennenzulernen und zu verstehen. Ich will das Land bereisen und den Güterzug als Fortbewegungsmittel nutzen. Ich will in diese Kultur eintauchen und sie erleben, aber ich bin kein Teil von ihr und kann es niemals werden. Ich will mir selbst und niemandem etwas vormachen, und werde für diese Ehrlichkeit mit ihrer Akzeptanz belohnt.

Es ist später Nachmittag, und ich verstecke mich mit Zach auf dem Gelände der Zementfabrik. Die Kiesberge heben sich farblich kaum vom Grau des Himmels ab. Wir rechnen damit, dass der Zug ungefähr zur gleichen Zeit und an gleicher Stelle halten wird wie zwei Tage zuvor und uns bis nach Florida bringt. Der Zug lässt auf sich warten. Wir lösen uns ab in unserer Ungeduld und beobachten besorgt, wie gigantische Gewitterwolken aufziehen.

Die Minuten ziehen sich wie guter Kaugummi und werden zu Stunden. Um mich abzulenken und die Zeit totzuschlagen, frage ich Zach, ob ich ihn zeichnen kann. Ich bin keine gute Zeichnerin und Zach kein gutes Modell. Es macht ihn nervös, er bewegt sich zu viel. Eigentlich ist er ein selbstbewusster Mann, der den Eindruck erweckt, ihm wäre die Meinung anderer egal. Er ist klug, aber verschlossen. Wenn er mit einem redet, sieht er einen nie direkt an. Er kommt wunderbar allein zurecht und lässt es mich spüren. Er ist einer, von dem man erwartet, er würde eines Morgens einfach verschwunden sein. Ohne Nachricht, ohne Abschied. Einfach weg. Man würde es ihm nicht einmal verübeln, sondern denken: Ja, so ist er, dieser Zach.

Der Zug kommt nach drei Stunden. Wir sehen ihn einfahren und mit scheinbar endlos vielen Anhängern an uns vorbeirollen. Alle Arten von Wagen sind dabei: Deep Well, Mini Well, Piggyback und ein paar Grainer. Wir haben freie Wahl.

Ich sage, dass ich einen Deep Well will. Piggyback ist mir zu laut, zu eng und zu unsicher. Zach ist einverstanden, und wir halten Ausschau nach einem mit zwei Containern beladenen Anhänger mit geschlossenem Boden, der idealerweise Platz für uns beide hat und gegen die Fahrtrichtung vor Sonne, Wind und Regen geschützt ist. Wir finden den perfekten Ride. Deep Well im wahrsten Sinne des Wortes: Der Anhänger sieht aus wie eine übergroße Badewanne. Brusthoher Sichtschutz von allen Seiten, geschlossener Boden, doppelte Container-Ladung für extra viel Regenschutz.

Als wir langsam aus dem Yard hinausrollen, kribbelt mein ganzer Körper vor Aufregung. Die Gefahr, erwischt zu werden oder zu fallen, die Ungewissheit, wohin es gehen wird, die Luft, das Schaukeln und Rattern des Zuges, alles stimmt. Es ist herrlich, als mir die frische Nachtluft um die Ohren weht und wir aus der Stadt hinausschleichen, ohne dass es jemand bemerkt oder sich für uns interessiert. Der Lärm hält sich im Vergleich zum Piggyback in Grenzen, sodass wir uns während einer Unterhaltung nicht anschreien müssten. Aber das Schweigen ist uns lieber.