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Mia lebt in einer Stadt ohne Ozean, hat einen Job, der sie mit der Zeit ausbrannte und konnte ihrer großen Leidenschaft, dem Surfen, nur ein paar Wochen im Jahr nachgehen. Ansonsten hieß es Fristen einhalten, Ziele erreichen und im Job alles geben. Mitten in der Planung ihres nächsten Surftrips überkam sie der Gedanke wegzugehen. Aus dem Trott auszubrechen, zu surfen und das Leben endlich zu genießen. Unzählige Wellen, wunderschöne Strände und unbändige Liebe sind es, die Mia durch Frankreich und Spanien begleiten, während sie ihren Weg geht und ihre Leidenschaft lebt.
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Seitenzahl: 227
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Surf Mia, Surf!
Surf Mia, Surf!
Impressum
Texte:
© Copyright by Barbara Bayer
Umschlag:
© Copyright by Anja Grohmann
ISBN:
978-3-748556-04-6
Druck:
epubli - ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Der größte Dank gilt allen meinen Weggefährten. All jenen, die mich auf meinen unzähligen Trips begleiteten. Ihr habt dieses Buch zum Leben erweckt und mir immer wieder Lebensenergie eingeflößt.
Von meinen ersten Surf Erfahrungen mit Lifeguards in Kalifornien, über mein erstes Surfcamp in Frankreich und die unglaublichen Monate in Galizien.
Ihr, meine Begleiter, habt diese Monate so lebenswert gemacht. Egal, ob eine flüchtige Begegnung im Surfcamp, ein lustiger Abend im Camping-Restaurant oder Surf-Sessions, ihr seid die Seele dieses Buches.
Ich danke euch von ganzem Herzen!
Eyleen
Mein kleiner Zwerg. Du bist mein Stern. Du erhellst
meine Welt und bist pure Liebe.
Sei dir sicher, wir rocken die Zukunft! Wo wir wohl gerade sitzen, wenn du diese Zeilen liest. Ich hinterlasse dir und deinen Freunden diese Welt so schön wie möglich.
Das ist mein Versprechen an dich.
Mein Wecker läutete wie an jedem Wochentag um 05:25 Uhr. Wie jeden Morgen stand ich auf und kochte mir Kaffee. Versuchte den Start in den Tag, so gut es ging zu genießen. Ich peppte meinen Kaffee mit Kokosöl auf, da mir die Zeit und Muße zum Frühstücken fehlte. Eine Notlösung. Jedoch besser als ein knurrender Magen.
Ab in die Dusche. Ein weiterer acht Stunden Tag im Büro konnte beginnen.
Ich würde, wie immer, funktionieren. Meine Arbeit erledigte ich trotz der Tatsache, dass es mir mehr und mehr widerstrebte, rasch und zuverlässig. Die Menschen rundum erwarten das. Ich liefere ab. Immer.
Mein Blick wanderte allerdings ständig auf die Uhr. Ich rechnete mir aus, wie lange ich noch bleiben musste. Oft fragte ich mich, ob es das hier wert ist. Ist mir das geregelte Einkommen so wichtig? Muss es sein, dass ich mich täglich in ein Büro quäle, in dem ich unglücklich war?
Aggression, Wut, Verzweiflung und ein Stück Mutlosigkeit machten sich in mir breit. Tag für Tag.
Endlich war es 16:30 Uhr, ich packte meine Sachen an diesem Tag pünktlich. Das warme Wetter wollte ich den Rest des Tages noch nutzen.
Zeit für Dinge im Leben, die mein Herz höher schlagen lassen. Ich liebe jegliche Art von Board Sport. Dafür pocht mein Herz. Surfen stand an erster Stelle. Nicht ganz einfach, inmitten der Alpen. Aber mit Planung gingen sich ein paar Wochen im Jahr am Ozean aus. An diesem Tag wollte ich nach der Arbeit, so schnell es ging, zum See fahren. Ich nutzte die letzten Sonnenstrahlen des Tages gerne und paddelte eine Runde mit meinem Surfboard in dem klaren, glatten Wasser. Abhebenden Flugzeuge des nahen Flughafens spiegelten sich darin und verursachten Fernweh. Ich sah, statt den Wellen am Horizont, einigen Leuten beim Wakeboarden zu. Meine Arme machten lange Züge durch das Wasser. In Gedanken paddle ich raus in eines der unzähligen Line Ups. An einem der unzähligen Strände, die sich rund um die Welt finden ließen. Ein echtes Line Up, dachte ich bei mir. Mit Surfern, die auf ihren Boards sitzen und auf die nächste Welle warteten. Ich paddle vom Strand los. Tauche unter den gebrochenen Wellen hindurch, immer in Richtung Horizont, bis ich endlich den Punkt erreichte, an dem sich alle Surfer auffädeln. Das Line Up. Der Platz, an dem ungebrochene Wellen zu unserem Spielplatz wurden. Der Punkt, an dem Surfer lospaddeln, um ihre perfekte Welle zu erwischen. Einmal bin ich in Gedanken in Frankreich und sehe vom Wasser aus auf die mächtigen Dünen.
Ein anderes Mal spüre ich, wie meine kalten Zehen im Wasser baumeln. Wie in Galizien, Spanien, wo das Wasser im August oft nicht über 17 Grad erreicht.
Unzählige Male schweifen meine Gedanken an einen dieser Strände ab. Unzählige Male zieht es mich zurück in die Realität. Zurück an den See, in dem ich versuchte, meine Paddel-Power für den nächsten Surftrip aufrechtzuerhalten. Der nächste Surftrip.
Wo würde es mich hinziehen? Welchen Strand würde ich auswählen? Oder gab es in diesem Jahr eine Überraschung und ich würde von einem Strand ausgewählt werden? Es war zehn Monate her. In diesen Monaten spürte ich keinen warmen Sand unter meinen Füßen und ich paddelte in kein Line Up. Lange Monate mit harter Arbeit, viel Sport, aber ohne Wellen. Keine Sonnenuntergänge am Meer und nur wenige Abenteuer, wenn ich von dem Abenteuer „Leben mit Nine-to-Five Job“ absah.
Dieses Abenteuer birgt weder Gefahren noch hervorzuhebende Erlebnisse. Kleine Erfolge in der Arbeit motivierten mich weiterzumachen und boten mir ein Gefühl, etwas erreicht zu haben. Sie wogen aber niemals die Erlebnisse und Glücksgefühle auf, die ich während eines Surftrips spürte. Die kleinen Erfolge unterstützen mich dabei, zu funktionieren. Sie ließen mich in der Früh aufstehen und meinen Tag überstehen. Sie boten mir aber keine wahre Zufriedenheit. Diese Erfolge powerten mich nicht auf gesunde Weise aus, sondern raubten mir noch mehr Energie.
Trotzdem strebte ich tagtäglich nach diesen Erfolgen, um mein Tun für mich selbst rechtfertigen zu können.
Der nächste Schritt muss besser werden, ich muss noch schneller, effizienter und qualitativ hochwertiger arbeiten. Das war es, worum meine Gedanken sich täglich drehten. Ich verlor das Gefühl für mich selbst aus den Augen. Ich wollte mehr erreichen und wertvoll sein. Stellte meine Bedürfnisse hinten an. Was war ich in einer weltweit agierenden Organisation wert, wenn ich nicht über mich hinaus wuchs? Die Grenzen des Möglichen nicht verschob? Meine eigenen Bedürfnisse vor die des Unternehmens stellte? Ich musste der Welt zeigen, was ich konnte.
Und dann, ein Erfolgserlebnis.
“Großartig gemacht.”, dachte ich dann immer kurz.
Ich erlaube es mir einen Moment lang zu genießen. In dem Strudel aus Arbeit, Freizeit und To-Do's, gab es aber eine Sache, die mich am Laufen hielt: Mein nächster Surftrip.
Ein Monat lang.
Jedes Jahr.
Aber immer nur einen Monat lang.
Nach dieser Verschnaufpause ging es zurück an den Schreibtisch. Die Monate, Wochen und Tage konnten nicht schnell genug vergehen, bis es auf ein Neues hieß: Koffer packen, Auto einräumen, Navi einschalten und die Welt rundherum vergessen.
In den Tagen vor der Abreise wurden sämtliche Surf-Apps gecheckt und die Wellenvorhersage für den geplanten Ankunftstag in Erfahrung gebracht. Egal, was in dieser Vorhersage stand, in dem Moment waren es immer tolle Bedingungen. Jede Welle ist perfekt, wenn du elf Monate keine Wellen sehen, fühlen und riechen konntest.
Die Aufregung war an diesen Tagen in jedem Fall immer groß und die Vorfreude nahezu grenzenlos.
Zurück in der Realität spürte ich diese für mich wertvollen letzten Sonnenstrahlen am See. Ich ließ meine Hände durch das Wasser gleiten, um voranzukommen. Spürte den Druck des Surfboards unter mir und stellte mir ein Set vor. Einige Wellen hintereinander, von denen jeder Surfer im Line Up eine erwischen will. Die erste Welle aus dem Set kommt, Board an den Seiten greifen und darunter durchtauchen. Einen tiefen Duckdive hinlegen, damit ich schneller durch die Welle kommen konnte. Weiter paddeln. Duckdive. Wieder paddeln und das Set war durch. Es donnerte mit enormer Kraft an den Strand.
So, oder so ähnlich lief es jedes Mal ab, wenn ich meine Runden am See drehte. Ich nutzte die Kraft meiner Gedanken, um mir eine Welt aufzubauen, in der es nichts außer den Wellen und mir gab. Es war eine gute Paddeleinheit. Meine Muskeln im Oberkörper schmerzten und bauten sich auf, um mich bei meiner nächsten Reise nicht im Stich zu lassen. Ich stapfte aus dem See, stand am Ufer und beobachte die Sonne. Langsam ging sie hinter den Hügeln der Stadt unter. Auf dieses Ritual verzichtete ich nie. Ich liebte es, nach dem Paddeln noch einen Moment zu verweilen. In Gedanken bedankte ich mich für die schöne Zeit, die ich im Wasser verbringen durfte und ging langsam zum Auto.
Als ich mich aus meinem Neoprenanzug schälte, spürte ich ein vertrautes Gefühl. Ein Gefühl, das ich nach jeder Surf-Session hatte, ein Gefühl, das schöner war als alles andere auf der Welt. Es hielt allerdings nicht lange. Ich war gerade nicht surfen. Ich war lediglich trainieren, um für den Moment, in dem es Wellen gab, fit zu sein.
Als im Auto alles verstaut war, machte ich mich auf den Weg nach Hause. Ich beobachtete das Treiben der Stadt. An diesem Abend waren viele Menschen unterwegs. Wohin gingen sie, was war ihr Ziel, hatten sie Träume, die sie, gleich wie ich, in ihren Gedanken zum Leben erweckten?
Ich war mir sicher, dass ich nicht die Einzige war.
Der Mann mit dem Kinderwagen auf der anderen Straßenseite. Träumte er von einem Haus mit Garten, um sein Kind großzuziehen? Das Mädchen mit dem Skateboard, träumte sie davon, groß herauszukommen und die Skateboard Streetleague zu gewinnen? Hat sie in ihren Träumen schon alle wichtigen Contests, die es gab, gewonnen?
Ich musste mich wieder auf die Straße konzentrieren. Nur allzu oft passierte es mir, dass ich mich in meinen Gedanken verlor und unaufmerksam wurde. In dem Moment, als ich den Blinker setzte und in meine Straße einbog, riss mich das laufende Radio aus meinen Gedanken.
Klischeehaft und etwas unwirklich sagt der Moderator einen Klassiker an. Ein Stück Musikgeschichte. Von Musikern, die mit Surfen nur wenig am Hut hatten.
„Everybody's gone surfin'. Surfin' U.S.A.“
Von San Francisco bis Waimea Bay, das wäre es doch. Alles stehen und liegen lassen. Die Koffer packen und raus aus dem Trott. Raus aus dieser Realität, in der ich von einem Erfolg zum nächsten lebte.
Warum nicht?
Warum packte ich nicht alles, was ich brauchte? Warum ließ ich nicht alles, von dem ich jemals dachte, es zu brauchen hier und verabschiede mich von den kleinen Erfolgen, um das Gefühl der perfekten Welle jeden Tag zu spüren? Das Gefühl, etwas zu schaffen zu empfinden, egal, wie es im Endeffekt ausging? Ob ich die perfekte Welle tatsächlich finden würde, oder einfach nur dem nachgeben würde, was in dem Moment das Richtige war. Warum konnte ich meine Arbeit, meine Wohnung und meine Habseligkeiten nicht hinter mir lassen und gehen?
Lange saß ich noch am Parkplatz, dachte darüber nach, was wäre, wenn ich alles, was ich bräuchte in dem Moment in meinem Auto hätte und losfahren würde.
Wieder war es das Radio, das mich aus meinen Gedanken riss.
Es ist 19:00 Uhr und hier sind die Schlagzeilen, Wetter und Verkehr zum heutigen Tag …
Nein, ich wollte nicht hören, welcher Staat gerade wieder in den Miesen hängt. Ich wollte auch nicht hören, wo Menschen gerade im Stau steckten und auf die Info, dass es am Wochenende regnen würde, hätte ich gern verzichtet. Ich holte mein Surfboard und meinen tropfenden Neoprenanzug aus dem Kofferraum und nahm den Lift in meine Wohnung. Der vertraute Geruch, das geborgene Gefühl der eigenen vier Wände tat trotz allem jeden Tag auf das Neue gut.
“Danke liebe Wohnung, dass du mich jeden Abend mit Geborgenheit begrüßt.”, dachte ich, als ich die Tür hinter mir schloss.
Meine Sachen legte ich an ihren gewohnten Platz und machte mir einen Tee. Zimt-Tee, ein Mitbringsel meiner Mama von den Seychellen. Der Tee wärmte mich auf eine angenehme Art und Weise. Mein Körper war müde vom langen Tag im Büro und dem kalten Wasser des Sees. Er war aber nicht wegen der körperlichen Anstrengung müde. Er war müde, weil etwas fehlte. Vom Wind umschmeichelte Klippen, vom Ozean geformter Sand und die schier unendliche Kraft der Wellen, die mich oft herumwirbeln, bis ich nicht mehr wusste, wo oben und unten war. Das und noch viel mehr war es, was meinem Körper fehlte. Am Tisch entdeckte ich den Stormriders Guide Europe. In dem Buch im A4 Format finden Surfer jeden bekannten Surfspot in Europa. Zu jedem dieser Spots gibt es eine kurze Beschreibung. Einige davon kannte ich aus früheren Trips und Urlauben.
Viele waren von mir noch unerforscht. Ich wollte alles daran setzen, so viele unterschiedliche Wellen wie möglich kennenzulernen. Ich war am Vorabend dabei, meinen Trip für dieses Jahr zu planen. Mir war noch nicht klar, an welchen Ort ich wollte. In dem Fall war der Trip Advisor für Surfer nicht die größte Hilfe. Ich musste mir selbst darüber klar werden, was mir wichtig war.
Sollte es wieder Nord-Spanien, mit einem kleinen Zwischenstopp in Frankreich werden, mit einer Pause in meinem Lieblingscafé an der Küste von Landes, nahe Hossegor, in dem ich aber tatsächlich erst dreimal in meinem Leben Kaffee getrunken habe? Oder besser: der gewohnte
Trip, bei dem ich mir sicher sein konnte, die Menschen, die mir begegnen würden, zu kennen?
Bei dem ich vor der Abfahrt schon wusste, wo mein Zelt stehen würde.
Sollte es eine Reise werden, bei der ich in einem Monat mehr Regen abbekomme als daheim das ganze Jahr? Ja, dachte ich mir. Ja, ich möchte meine Sommerfreunde sehen. Ich möchte in mein geliebtes Café in Frankreich, das so einfach und doch so charmant eingerichtet war. Ich wollte die neue Autobahn in Spanien entlang fahren und danach in einem kleinen Dorf an der Küste landen. Dort sollte mein Zelt stehen und gleich am ersten Abend wollte ich mit meinen Freunden zusammen eine gute Flasche Wein in unseren Campingstühlen genießen.
Voller Vorfreude ging ich ins Bett und träumte von den endlosen Stränden in Frankreich, den vielen Buchten in Spanien und dem Regen, der mich das eine oder andere Mal in Nord-Spanien auf Trab halten würde.
Am nächsten Tag sah meine Realität allerdings plötzlich komplett anders aus.
Als sich der Tag im Büro langsam der lang ersehnten Mittagspause näherte, verfiel ich in einen Tagtraum.
Ich übergebe meine Wohnungsschlüssel einem mir fremden Pärchen. Mein Auto ist randvoll und amDach befinden sich drei Surfboards. Als ich mich umdrehe und in das Auto steigen will, sehe ichmeine engsten Freunde. Alle sind da, um mich zu verabschieden. Ich ging. Ich verabschiedete michnicht nur für den Sommer. Ich verließ meine Heimat, um gen Süden zu reisen. Eine Reise insUnbekannte. Eine Reise, die so schnell nicht enden würde.
Das Telefon riss mich aus meinen Gedanken.
„Mia, ich brauche bitte die Monatsaufstellung bis morgen Nachmittag. Das schaffst du, oder?“, hörte ich meine aufgebrachte Kollegin hoffnungsvoll in das Telefon prusten.
„Soweit ich weiß, sollte das diesen Monat Max erledigen.“, schießt schneller als mir lieb ist aus meinem Mund.
„Max schafft es nicht, Mia. Du kennst ihn ja. Tausend Sachen anfangen, aber nichts richtig. Bitte hilf mir das eine Mal noch aus. Ich weiß, dass ich mich auf dich verlassen kann.“, ertönt es verzweifelt aus dem Hörer.
„Also gut. Du bekommst deine Aufstellung. Morgen Mittag liegt sie in deinem Postfach.“, gebe ich amüsiert als Antwort.
Natürlich wusste ich, dass diese Monatsaufstellung auf mich zukommen würde. Es war noch nie anders, wenn Max sie machen sollte. Ich hatte sie in ein paar Stunden fertig. Erfolg. Check.
Daheim angekommen, bastelte ich an meinen Urlaubsplänen. Irgendwie wollte sich die Vorfreude nicht so richtig einstellen. Ich spürte, dass ich etwas komplett anderes als das Gewohnte wollte. Ich wollte mehr, wollte länger bleiben und wollte einmal im Leben nicht das Gefühl haben, das ganze Jahr in einem Monat erleben zu müssen. Ich wollte eine Reise ohne geplantes Ende. Ich wollte Zeit haben, um alles zu erleben, was es zu erleben gab. Jede Zelle in mir verlangte nach Freiheit. Keinen Tag konnte ich mehr, mit dem Wissen, dass es am nächsten Tag wieder gleich sein würde, um 5:25 Uhr aufstehen, um meine kleinen Erfolge zu feiern.
In diesem Moment traf ich, absolut bewusst, eine Entscheidung, von der ich wusste, dass sie mein Leben verändern würde. Ich wusste, dass es nie wieder sein würde, wie vorher.
Ich werde gehen.
Ich werde meine Sachen packen, mein Auto volltanken und surfen. Einfach nur surfen. Solange ich wollte.
Dieser Entschluss hob meine Stimmung kräftig an, verursachte aber auch ein unangenehmes Gefühl von Angst, ganz tief in mir. Wie oft hatte ich schon darüber nachgedacht, alles hinzuschmeißen und einfach zu gehen. Unzählige Male ließ ich meine Gedanken um diesen Entschluss kreisen. Genauso viele Male machte ich aber auch einen Rückzieher. Verfiel doch wieder in den gewohnten Trott und lebte dafür, ein Zwölftel des Jahres mit Surfen zu verbringen. Ich tröstete mich mit Aktivitäten, die ich in der Nähe machen konnte. Versuchte das Jahr so gut es ging zu überbrücken. Der Herbst war die schwierigste Jahreszeit. In den langen, kalten und feuchten Monaten war der Drang zu gehen am größten. Der Sommer war vorbei und der Winter hatte noch nicht begonnen. Es gab kein Board, das ich unter meinen Füßen spüren konnte. Erst als der erste Schnee kam, war es wieder leichter. Da konnte ich lange Abfahrten mit meinem Snowboard in unverspurten Tiefschneehängen genießen. In den Bergen, mit meinem Snowboard, ging es mir fast so gut wie am Meer. Die Freiheit spürbar und das Gefühl, alles tun zu können, greifbar. Oft suchte ich mir Hänge, die meinen Lieblingswellen glichen. Ich fuhr sie so, als würde ich eine Welle surfen. Ich zog lange Turns in den tiefen Schnee. Griff mit der Hand auf Wechten, während ich sie nutzte, um kiloweise Schnee zu versprühen. Das kam dem Gefühl vom Surfen schon sehr nahe. Ja, ich liebte den Winter. Nur niemals so sehr wie den Sommer. Wasser mochte ich lieber mit Salz, als gefroren, hart und unerbittlich. Im Frühling, sobald die Schneeschmelze eintrat, konnte ich endlich meine Surfboards auf Vordermann bringen. Ich machte sie bereit, um in Flüssen zu surfen. Bei dem richtigen Wasserstand, dem richtigen Gefälle und Wasserdruck, bauen sich in Flüssen Wellen auf. Diese Wellen surfte ich. Es ging mir viel darum, meine Technik und das Gefühl für das Wasser zu verbessern. Es schaffte aber auch ein Gefühl von Aloha, mitten in den Alpen. Es war niemals dasselbe wie Surfen im Meer, aber es war ein Ausgleich. Es gab mir Energie, um weiterzumachen. All diese kleinen und größeren Abenteuer, die ich über das Jahr suchte, wogen nicht das Gefühl auf, das ich am Meer fühlte. Es war nicht dasselbe.
Ich spürte aber ganz genau, dass jetzt der richtige Moment gekommen war. Ich war Single, hatte gespart und keine weiteren Verpflichtungen als meine Arbeit. Ich war aufgeregt, nicht übermütig, spürte, wie die Kraft in meinem Körper wieder zum Leben erwachte und mir schier endlose Energie schenkte. Ich konnte fühlen, wie diese neue Perspektive, die Entscheidung mein Leben zu verändern, mich mit Glück überschüttete.
Mit Bedacht sah ich mich in meiner Wohnung um, betrachtete all die Dinge, die ich nicht mehr brauchen würde. Spürte Wehmut, jetzt schon, und merkte trotzdem schnell, dass diese Dinge bald anderen Menschen Freude bringen würden. Vielleicht eröffnet ihre Energie den neuen Besitzern die Möglichkeit, ihren Traum zu leben. Ihr Leben so zu gestalten, wie es für sie richtig ist. Utensilien, die ich nicht mehr benötigte oder die mir nicht mehr dienlich waren, zirkulierte ich gern in die Welt hinaus. Mir war es wichtig, aus bestehenden Ressourcen das meiste herauszuholen. Warum etwas Neues kaufen, wenn so viel bereits verfügbar war. Diese Einstellung war mir unglaublich dienlich. Damit vermittelte ich dem Universum, dass ich alles hatte. Ich benötigte nichts. Alles, was ich in dem Moment brauchte, war bereits da. Es schuf ein Gefühl von Fülle und Überfluss. Damit schließt sich der Mangel aus. Es ist immer, mehr als genug, da. Zufrieden bemerkte ich die innere Ruhe.
Ich hatte das Bedürfnis, mich auszutauschen und rief eine Freundin an. Ich fackelte nicht lange und kam rasch auf den Punkt. Vicky kannte mich ohnehin viel zu gut und wusste schon bei meinem Hallo, dass etwas im Busch war.
„Vicky, ich wage es. Ich werde morgen kündigen, meine Koffer packen und gehen. Ich schnalle meine Surfboards auf das Dach und verbringe die Zeit meines Lebens am Ozean. Ich laufe vor nichts davon, weil mich hier im Moment nichts hält, aber ich werde einer großartigen Zukunft, mit endlos vielen Wellen, Sonne und Meer, entgegenlaufen.“
Mir war bewusst, dass diese Information für viele Menschen in meinem Umfeld erstmal ein Schock war. So auch für Vicky. Sie war zwar, wie ich, sehr offen und liebte es zu reisen und zu surfen, meine Entscheidung kam für sie aber wie aus dem Nichts und sie brauchte definitiv etwas Zeit, um darüber nachzudenken. Es auszusprechen, ließ es für mich aber Wirklichkeit werden und das war mir unendlich wichtig. Relativ schnell legten wir auf und mit diesem Gespräch war es für mich eine endgültig beschlossene Sache. Ich werde gehen!
Es war mir wichtig, dass es jemanden gab, der mich in dem, was ich vorhatte, verstand und unterstützte. Gleichzeitig war mir sicher, dass diese Nachricht bei ihr und ihrem Freund Marco für Gesprächsstoff sorgen würde. Vermutlich, wie bei allen, denen ich von meinem Vorhaben erzählte. Ich wusste aber auch, dass es die beiden nicht ins Lächerliche ziehen würden. Von ihnen konnte ich Hilfe, Unterstützung und schöne Surf-Sessions im Sommer erwarten. Bewusst bereitete ich am nächsten Tag den Weg in ein neues Leben vor. Der Computer lief, der Drucker war bereit und ich schrieb fünf Zeilen.
Ich bitte um eine einvernehmliche Kündigung, hätte wohl gereicht.
Trotzdem wollte ich mich erklären und mich für die großartige Zeit im Unternehmen bedanken.
Ich konnte nicht behaupten, dass die Zeit nicht hervorragend gewesen wäre. Meine Kollegen waren vorwiegend sportlich, immer auf Achse und strahlten Ausgelassenheit pur aus. Das Unternehmen an sich war auf Lebensfreude ausgelegt. Trotzdem musste ich gehen. Ich konnte meinen Wunsch nach Freiheit nicht mehr unterdrücken. Mit meiner Unterschrift auf dem noch warmen Papier war es vollbracht. Mein sicherer Job war so gut wie gekündigt. Meine Stelle gab ich gerne für andere frei, die sich genau diesen Abschnitt in ihrem Leben wünschten. Noch ein Monat und dann dient mir dieses Büro nicht mehr als zweites zu Hause. Mein Kündigungsschreiben lag bereits am Tisch. Bevor mich der Mut verließ, druckte ich gleich die nächste Kündigung an mein altes Leben aus.
Danke für die schöne Zeit, die ich in Ihrer Wohnung genießen durfte. Für mich ist es jetzt an der Zeitweiterzuziehen. Ich möchte meinen Mietvertrag hiermit, zum ehestmöglichen Zeitpunkt, kündigen.
Damit waren die zwei größten Brocken erledigt und es war weitaus nicht so schwer, wie ich dachte. Alles ging mir wie von selbst von der Hand. Jeweils ein Monat Kündigungsfrist galt es einzuhalten. Diese Zeit konnte ich gut gebrauchen, um mich auf etwas vorzubereiten, von dem ich keinen blassen Schimmer hatte, wie es wohl ablaufen würde.
Wovon ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, war ein Übereinkommen mit meiner Firma.
Damit ließen sich Freiheit und ein halbwegs geregeltes Einkommen verbinden. Sie boten mir an, auf Freelance-Basis für sie zu arbeiten. Ich konnte weiterhin Grafiken für sie erstellen. Nicht in einem Angestelltenverhältnis, sondern selbstständig. Große Projekte, an denen ich gerne arbeitete, waren jetzt nicht mehr drinnen. Kleine, schnell zu bewältigende Aufträge waren in dem Fall praktischer. Das machte mir nichts aus. Ich freute mich über die Gelegenheit und war erleichtert, dass sich alles wie von selbst klärte.
Es lief wie am Schnürchen und ich konnte damit sicher sein, dass sich der Trip finanzieren ließe.
Die Vorbereitungen waren in vollem Gange. Ich sortierte, verschenkte und musste entscheiden, welche Habseligkeiten ich bei meiner großen Reise dabei haben würde.
Meine Gitarre kam mit. Meine Bücher fanden neue Leser. Die Winterklamotten verpackte ich in Kisten. Meine Deko fand einen schönen Platz bei Freunden, meine Möbel übernahm der neue Mieter.
So ging es eine ganze Zeit lang. In dieser Situation zeigte sich, wie viele Dinge ich mit mir mitschleppte, die ich zum Teil seit Jahren nicht mehr gesehen oder benutzt hatte. All der Ballast, den ich mir in die Wohnung geholt hatte. Das Leben fühlte sich sofort leichter an, als all der Überfluss einen neuen Platz gefunden hatte. Eine volle Woche brauchte es, bis alles fertig sortiert war und einen neuen Platz im Universum fand. Ich verabschiedete mich von allen materiellen Dingen, die ich nicht mehr brauchen würde, mit den Worten: "Ich freue mich, dass du ab jetzt für Andere da sein wirst. Ich wünsche mir, dass du ihnen viel Freude bereiten wirst.“
Es fühlte sich unglaublich befreiend und wohltuend an, sich davon zu trennen.
Die meisten Aufgaben erledigte ich allein. Ich wollte selbst dafür verantwortlich sein, mein Leben aufzuräumen. Bisweilen war ich aber doch um etwas Hilfe froh. Meine Freunde holten sich viele Sachen, für die ich keine Verwendung mehr hatte, was uns noch Zeit bot, uns zu verabschieden. Diese Momente waren unbezahlbar. Bekannte, die auf Social Media von meinem Vorhaben erfuhren, kamen vorbei, um sich Dinge zu sichern. Die oftmals nur kurzen Gespräche zwischen Tür und Angel zeigten mir, dass mein Schritt einen Einfluss auf mehr Menschen hatte, als mir bewusst war. Bei vielen dieser Menschen dachte ich vor diesen Begegnungen, dass ihr Leben perfekt verlief, oder jedenfalls richtig gut. Zu hören, womit sie kämpfen und wie gern sie meinen Mut hätten, zeigte mir, dass ich den richtigen Schritt machte. Ich lebte mein Leben. Ich ließ mich nicht mehr zurückhalten. In ruhigen Momenten setzte ich mich hin und versuchte das schier Unmögliche. Ich versuchte meinen Trip zu planen. Nicht, weil ich einen Fahrplan benötigte. Sondern weil ich wissen musste, was ich unbedingt brauchen würde.
Meine Campingausrüstung, die sich über die Jahre angesammelt hatte, war nicht gerade klein und ich wollte so wenig Gepäck wie möglich mitschleppen. Dass ich, vorerst, in Europa bleiben würde, war von Anfang an klar. Ich wollte an all den Orten halt machen, an denen ich normalerweise auf meinem Weg gen Süden nur vorbeifuhr. Frankreich und Spanien standen hoch im Kurs und so plante ich meine Route durch Europa. Ich saß an meinem Tisch im Wohnzimmer. Der Platz, der bald als Esstisch für eine neue Familie dienen würde. Dabei hatte ich mein Reisebuch allzeit bereit. In diesen Tagen war es mein heiliges Buch. In diesem Heft standen Informationen über die Route, die Orte, an denen ich halt machen wollte, Buchten, ihre verschiedenen Ausrichtungen und die Qualität der Wellen. Reiseblogs, der Stormriders Guide und Berichte von Freunden boten mir weitere Anhaltspunkte. Das war so gar nicht mein Stil, aber notwendigerweise packte ich alles in eine Mappe. Normalerweise konnte ich diese Art von Ordnung nicht einhalten und es entsprach nicht meiner Natur. In dem Fall war es notwendig, damit ich mich unterwegs nicht verlieren würde. In den nächsten Tagen und Wochen kamen noch einige wundervolle und manche unangenehme Situationen auf mich zu. Als ich mich auf den Weg zu meiner Familie machte, war mir mulmig zumute. Die 200 Kilometer waren bestimmt nicht die einfachsten in meinem Leben. Sie wussten nichts von meinem Vorhaben und ich war mir nicht sicher, wie sie reagieren würden.
Mia, denk noch mal nach. Sei dir bewusst, was du da tust. Du schmeißt alles, was du dir aufgebauthast, hin. Du lässt alles für das Surfen und die Freiheit sausen.
Das war meine innere Stimme. Sie sprach unerbittlich zu mir. Sie hörte nicht auf.
Noch kannst du alles absagen. Noch ist es nicht zu spät, einen Rückzieher zu machen und hier zubleiben. Denk daran, was du für einen Aufwand haben wirst. Und ständig diese Autoreparaturen,wenn etwas kaputt geht. Dein Spanisch ist nicht großartig und dein Französisch praktisch nichtvorhanden.
Meine innere Stimme gab keine Ruhe.
Nun war aber Schluss damit. Ich war stärker.
Jetzt pass mal auf. Ich bin stark und ich kann das. Mein Auto bleibt heil. Ich finde den richtigen Weg,um mein Leben auf Achse zu regeln. Ich hole mir alle Energie, die ich brauchen werde, von meinenWellen, dem Meer, dem Strand, der Sonne. Ich werde immer genug Arbeit haben, um alles zufinanzieren. Ich wachse in diesem Lebensabschnitt. Ich wachse mehr, als ich es hier jemals könnte.
