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Dr. Axel Schack entwirft in seinem Wissenschaftsroman ein vielschichtiges Zukunftsbild der digitalisierten Gesellschaft im Jahr 2030. Im Vordergrund steht die Familie Fröhlich, die sich nach Abschluss eines Familienvertrags bereits 2015 frühzeitig auf die gesellschaftlichen Transformationsprozesse eingestellt hat. 2030 sind alle Familienmitglieder digitalisiert und surfen erfolgreich auf dem digitalen Tsunami. Verwoben ist die Geschichte der Fröhlichs mit einem Einblick in die Arbeitswelt 4.0, die neue Herausforderungen an die deutschen Unternehmen und insbesondere an die Arbeitnehmer, Gewerkschaften und Betriebsräte stellt. Auch die Politik sieht sich im Jahr 2030 mit vielfältigen Schwierigkeiten konfrontiert: Zu den Landtagswahlen steht der Digitalisierungs-Schutzschirm, den die Bundesregierung zum Ausgleich der Veränderungen im Arbeitsmarkt und zum Schutz des Mittelstandes etabliert hat, auf dem Spiel. Vor diesem Hintergrund tritt auch die dunkle Seite der Digitalisierung zutage, denn 2030 ist Cybercrime längst zu einer realen Bedrohung für das öffentliche und private Leben geworden.
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Seitenzahl: 529
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dr. Axel Schack ist Rechtsanwalt und war bis 1994 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Arbeitsrecht und Rechtstheorie von Prof. Dr. Klaus Adomeit an der FU Berlin und später Geschäftsführer des Bereichs „Sozialpolitik und Arbeits- und Gesundheitsschutz“ sowie Hauptgeschäftsführer in bedeutenden Arbeitgeberverbänden.
Mit verschiedenen Veröffentlichungen im Bereich Arbeits-, Arbeitsschutz-, Betriebsverfassungs- und Tarifrecht sowie im Bereich Recht der betrieblichen Altersversorgung sorgt er für eine Verbindung von Wissenschaft und Praxis.
Er gilt als Pionier der tariflichen Altersvorsorge und ist Mitherausgeber des „Praktiker-Handbuchs zur Umsetzung der betrieblichen Altersversorgung“ (Heidelberg 2002). Zusätzlich ist er in den letzten Jahren als Mitherausgeber verantwortlich für Veröffentlichungen zur europäischen Sozialpolitik, zur Bildungs-, zur Familien- und Gesundheitspolitik sowie zur Demografie und zum Arbeitsleben 3.0.
Der Architektur einer modernen Arbeitswelt und der Modernisierung der Arbeitsbeziehungen widmete sich der Autor seit seinem Studium an der Universität Bayreuth. 1991 legte er eine Veröffentlichung zu humanen und zeitgemäßen Formen der innerbetrieblichen Partizipation vor und plädierte unter anderem für die sogenannte Gruppenabsprache als innerbetriebliche Rechtsquelle und Vereinbarung zwischen Arbeitsgruppe und Arbeitgeber (Axel Schack: Die partnerschaftliche Unternehmung als Mittel zur Liberalisierung des Arbeitsrechts, in: Klaus Adomeit (Hrsg.), Arbeitsrecht für die 90er Jahre, München 1991, S. 24 ff.).
Fragen der dezentralen Arbeitsorganisation, der Gruppenarbeit, moderner Vergütungskonzepte und des Lean-Managements vertiefte er in seiner Dissertation „Gruppenarbeit, Mitarbeitsverhältnis und die Arbeitsrechtsordnung“ (Berlin 1997) und begleitete ab 1995 die Einführung der Gruppenarbeit in der chemischen Industrie sowie den Abschluss der ersten Sozialpartnervereinbarung zur Gruppenarbeit (1996).
2001 verankerte der Gesetzgeber die Gruppenarbeit im Betriebsverfassungsgesetz (BetrVG) und schuf die sogenannte Gruppenvereinbarung mit kollektivem Rechtscharakter, die zwischen Arbeitgeber und Arbeitsgruppe abgeschlossen wird (§ 28 a BetrVG). Dies ist so bedeutsam, weil die Architektur der digitalen Arbeitswelt auch auf Mensch-Maschine-Teams, agilen Arbeitsformen und damit ebenso auf Teamarbeit basieren wird.
Als Mitglied des Münchner Kreises und dessen Arbeitskreises „Arbeit in der digitalen Welt“ hat er am Positionspapier 2016, „Chancen reflektiert wahrnehmen in einer digitalisiert-vernetzten Lebens- und Arbeitswelt“ mitgearbeitet.
Dr. Schack betreibt die Website digitalearbeitswelt.de.
KAPITEL 1
Vom digitalen Darwinismus, Käsekuchenmanagement und einem Familienvertrag
KAPITEL 2
Vom Container-Segler, Chinas Strategie, dem Schirm und den Drei Schwestern
KAPITEL 3
Von der Ironie der Automatisierung und Mensch-Maschine-Teams
KAPITEL 4
Von der agilen Führung, einer digitalisierten Tarifpolitik und „Seltenen Erden“
KAPITEL 5
Von digitaler Wertschöpfung in der Wolke, Schachtürken und Crowdworking-Plattformen
KAPITEL 6
Vom Daten-Hoover, Zero-Day-Sicherheitslücken und einem Farbenrätsel
KAPITEL 7
Von Skyscrapern, Digital Gyms und Moonshots
KAPITEL 8
Von globalen Fabrikhallen, einer Vereinbarung und dem Pesos-Kalkül
KAPITEL 9
Vom Drohnen-Hagel, Roboter-Quotienten und den Gesetzen der Digitalisierung
KAPITEL 10
Von der Macht und Ohnmacht der Gesetze in der digitalen Welt
Ein digitaler Tsunami bewegt sich scheinbar unbemerkt auf uns alle zu.
Alle Generationen werden mehr oder minder und zur gleichen Zeit von der Digitalen Transformation unmittelbar oder mittelbar betroffen. Die Deutschen wähnen sich ob guter Beschäftigungslage, hoher Steuereinnahmen und exorbitanter Exportquoten aber in Sicherheit, obwohl Deutschland in Sachen Digitalisierung – vornehm ausgedrückt – nicht gerade den Spitzenplatz einnimmt und Amerika und China uns bereits in vielen Bereichen abgehängt haben. Warnende Stimmen sind mittlerweile vermehrt zu vernehmen.
Christoph Keese schrieb 2014 über die Bedeutung des Silicon Valleys für Deutschland (Christoph Keese, Silicon Valley. Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt, München 2014) und veröffentlichte 2016 sein Buch „Silicon Germany – Wie wir die Digitale Transformation schaffen“ (München 2016). Tim Cole beschäftigte sich 2015 mit der Digitalen Transformation: „Warum die deutsche Wirtschaft gerade die digitale Zukunft verschläft und was jetzt getan werden muss“ (München 2015). Auch Tobias Kollmann und Holger Schmidt widmeten ihre Veröffentlichung diesem Thema: „Deutschland 4.0 – Wie die Digitale Transformation gelingt“ (Wiesbaden 2016). Ein gewisser Pessimismus ist vielen deutschen Veröffentlichungen zur Digitalisierung immanent und Christoph Keese trifft ein vernichtendes Urteil: „Wir befinden uns im Land des digitalen Defizits“ (Christoph Keese, Silicon Germany, München 2016, S. 15).
Und die Digitalisierung erfasst auch die Welt der Arbeit, wie das „Weißbuch Arbeiten 4.0“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (Diskussionsentwurf, Stand: November 2016) auf eindrückliche Weise zeigt.
Der Münchner Kreis etablierte den Arbeitskreis „Arbeit in der digitalen Welt“. Dieses Gremium formulierte: „Die Digitalisierung durchdringt zunehmend sämtliche Arbeits- und Lebensbereiche und beeinflusst insbesondere individuelle Arbeitsgestaltung, Zusammenarbeit zwischen Menschen sowie die Zusammenarbeit zwischen Mensch und Maschine. Die Effekte der Digitalisierung werden früher und stärker auftreten als häufig angenommen“ (Münchner Kreis, Chancen reflektiert wahrnehmen in einer digitalisiert vernetzten Lebens- und Arbeitswelt, Positionspapier 2016, S. 1).
Wir müssen dafür Sorge tragen, dass die „Veränderungsprozesse nicht einseitig auf dem Rücken der Arbeitnehmer ausgetragen werden“, wie die Verhandlungen und Beschlüsse des 71. Deutschen Juristentages 2016 zur Digitalisierung der Arbeitswelt fordern (Rüdiger Krause, Digitalisierung der Arbeitswelt – Herausforderungen und Regelungsbedarf, Gutachten B zum 71. Deutschen Juristentag, München 2016, S. B 10). Aber nicht nur die Arbeitnehmer, sondern auch der Mittelstand könnte durch die vierte industrielle Revolution unter die Räder kommen.
Wir müssen also auch dafür Sorge tragen, dass der unternehmerische Mittelstand als Rückgrat der sozialen Marktwirtschaft die Digitale Transformation überlebt. Die Frage nach der „Architektur der digitalen Arbeit“ wird zunehmend relevant, sie beinhaltet auch die Frage, was nach dem digitalen Tsunami vom Normalunternehmen, dem Normalarbeits- und Normalsozialversicherungsverhältnis noch übrig bleibt – oder vielleicht präziser: noch übrig bleiben kann.
Die Arbeitswelt 4.0 gibt es aber noch nicht. Wir können sie mehr oder minder nur erahnen, diese aus den einzelnen bekannten Informationen bzw. Fragmenten wie ein Mosaik zusammensetzen.
Der vorliegende Wissenschaftsroman stellt sich dieser Aufgabe und versteht sich als ein solches Mosaik. Ausgewertet wurden verschiedene nationale und internationale Quellen zur Digitalisierung und insbesondere zur digitalen und agilen Arbeitswelt. Aufbauend auf diesen Quellen und meinen langjährigen wissenschaftlichen, beruflichen und praktischen Erfahrungen mit der analogen Welt der Arbeit, skizziere ich den „Lebenssachverhalt der agilen Arbeitswelt 4.0“ im Jahre 2030. Ihren Beginn nimmt die fiktive Handlung des Romans jedoch bereits im Jahr 2015.
Die Bezüge zwischen dem fiktiven Romangeschehen und dem Universum genutzter Quellen sind vielfältig. Die fiktiven Romanhelden sprechen teilweise in wörtlichen oder indirekten Zitaten (kursiv, mit Quellenangabe in den Fußnoten), die in den Text eingearbeitet wurden. Zitatnachweise finden sich jeweils am Ende eines Kapitels.
Die Trennlinien zwischen Wissenschaft und Roman sind dabei so flüssig, wie die Arbeit der Zukunft es sein wird!
Wiesbaden, im Frühjahr 2017 Rechtsanwalt
Dr. Axel Schack
Die Digitale Transformation bezeichnet einen in den digitalen Technologien begründeten Veränderungsprozess, der fortlaufend die gesamte Gesellschaft und insbesondere Unternehmen mit deren Arbeitswelten betrifft und durch disruptive Geschäftsmodelle verstärkt wird.
Das Verhältnis des berufstätigen Menschen zur Arbeit, seinen Kollegen und seinen Arbeitsmitteln sowie Arbeitsgegenständen erfährt eine Neujustierung, weil die globale Vernetzung zu einer weltweiten Konkurrenz der Arbeitskraft führt und die Arbeitsmittel sowie die Arbeitsgegenstände selbst mehr in den Vordergrund treten.
Vielleicht werden Roboter in naher Zukunft dem Menschen die Arbeit wegnehmen oder ihn von dieser entlasten? Unter Umständen machen sie aber auch Innovationen und Produktivitätsgewinne erst möglich und schaffen mehr neue Arbeitsplätze?
Wichtige Gestaltungsfaktoren des Arbeitsverhältnisses sind der Staat mit seinen sogenannten drei Gewalten, die Arbeitgeberverbände und die Gewerkschaften, die Betriebsräte, der einzelne Arbeitgeber und die Arbeitsrechtswissenschaft, die alle vor folgender Frage stehen: Zwingen Schnelligkeit, Reichweite, Transparenz und die systemischen Wirkungen der vierten industriellen Revolution die bestehende Arbeitsverfassung und das geltende Arbeitsrecht zur Anpassung an die digitale Arbeitswelt und was bedeutet dies alles für unsere Systeme der sozialen Sicherheit?
Der vorliegende Wissenschaftsroman greift diese Fragen auf und bildet die Digitalisierung als ein literarisches Triptychon ab. Wie bei dem Werk „Großstadt“ (1928) von Otto Dix bilden drei einzelne Bilder zusammen eine künstlerische Einheit. Es handelt sich aber nicht um gemalte, sondern um literarische Bilder.
Die Protagonisten des Romans erleben selbst die Digitalisierung und finden, ausgehend vom Jahr 2015, ihren eigenen Weg in die digitale Zukunft. Sie werden quasi digitalisiert. Durch die Schilderung ihrer Berufe, ihrer Lebensumstände und ihrer räumlichen Umgebungen werden Bilder im Auge des Lesers wachgerufen.
Das erste „Bild“ des Romans zeigt dem Leser den Weg einer Familie durch die Digitalisierung. Die gesamtgesellschaftliche Entwicklung der Digitalisierung ist mit dem Lebensweg der einzelnen Familienmitglieder zwischen 2015 und 2030 und der Handlung des Romans verwoben.
Das zweite „Bild“ des Romans erlaubt Einblicke in die digitalisierte Gesellschaft, den Arbeitsmarkt 4.0 und die Arbeitswelt 4.0, wie diese schon heute von Medien, Experten oder Zukunftsforschern skizziert werden. Der analoge Lebenssachverhalt des Arbeitsrechts wird mit der digitalen Arbeitswelt abgeglichen und die Unterschiede werden deutlich.
Das analoge Normalarbeitsverhältnis ist der Ausgangspunkt und manifestiert(e) sich „in der dauerhaften und regelmäßigen Aufnahme eines Arbeitnehmers in einen für ihn fremden Organisationsbereich, in dem dieser weisungsgebunden und im Zusammenwirken mit anderen Arbeitnehmern menschliche Arbeit arbeitsteilig im Dienste und zum Nutzen des Arbeitgebers verrichtet“1.
Da aber Normalarbeits- und Normalversicherungsverhältnis zwei Seiten der gleichen Medaille sind, zeigt das dritte „Bild“ des Romans die digitale Zukunft der Sozialverfassung und des Sozialstaates 4.0.
SchICONS übernehmen die Führung durch die digitale Welt des Romans. Ein SchICON setzt sich aus einem oder mehreren ICONS2 und einer Grafik, die die jeweilige Romanfigur zeigt, zusammen. ICONS werden im Folgenden als Symbole für die einzelnen Elemente der Digitalisierung genutzt.
Im vorliegenden Roman entwickelt sich der Familienvater Leopold Fröhlich beispielsweise zu einem Fachmann für das Smart Office Home. Dies wird im rechts abgebildeten ICON durch eine Cloud in einem Häuschen angezeigt. Die Wolke gilt als Symbol für digitale Arbeit in der Cloud. Das Häuschen wiederum symbolisiert wie üblich das private Haus.
Im Folgenden werden die handelnden Figuren aus der Perspektive des Jahres 2030 vorgestellt.
Leopold Fröhlich, Vater und Spiritus Rector eines im Jahr 2015 abgeschlossenen „Familienvertrages“, ist 2030 62 Jahre alt, Diplom-Ingenieur und arbeitet mittlerweile in einem amerikanischen Konzern, der sich dem Smart Office Home verschrieben hat, wie das ICON zeigt. Er ist glücklich mit Fiona verheiratet und ein Tüftler.
Fiona Fröhlich ist ebenso glücklich mit Leo verheiratet. 2030 ist sie 58 Jahre alt und hat fünf Kinder großgezogen. Als Diplom-Ingenieurin leitet sie mittlerweile einen kleinen Konzern für robotergestützte Altenpflege, der eine Kette von Robo-Altersheimen betreibt, und ist Fraktionsvorsitzende der Partei Die Digitalen im Landtag, wie die ICONS zeigen. Sie liebt die japanische Kultur und Küche.
Laura Fröhlich ist 2030 32 Jahre alt, arbeitet nach ihrer Ausbildung zur Bankkauffrau als Fintech-Bankerin und managt den Familienfonds der Fröhlichs mit ihren Robo-Advisors, wie das ICON zeigt. Sie ist sehr sportlich, politisch interessiert und will Robo-Advisors für die finanzielle Absicherung der Crowdworker einsetzen. Sie steht auf Tablets und Rockmusik ebenso wie auf disruptive Geschäftsmodelle.
Folgende Romanfiguren nehmen sich der Gestaltung der Arbeitswelt 4.0 in der digitalisierten Gesellschaft an:
Kara Fröhlich ist 2030 mit 29 Jahren das jüngste Familienmitglied und Betriebsrätin aus Passion bei einem deutschen Automobilhersteller, der eine Smart Factory für selbststeuernde E-Mobile betreibt. Die Icons zeigen ihre Arbeitsstätte und ihre ehrenamtliche Arbeitnehmerfunktion (unteres ICON). Sie arbeitet dort auch als cyber-physische Sicherheitsfachkraft. Als Gewerkschaftsmitglied steht sie der Partei der Sozialen sehr nahe. Sie ist sehr sportlich und gilt auch als besonders durchsetzungsstark.
Ray (Spencer) Kennedy ist 2030 34 Jahre und Absolvent der Stanford University in Paolo Alto. Mit 19 Jahren hatte er sein erstes Start-up gegründet und das Internetunternehmen bereits mit 21 Jahren wieder sehr lukrativ verkauft. Er kam zur Smart Factory, in der auch Kara arbeitet, um als Chief Digital Officer und Mitglied des Vorstandes das dritte, digitale Auge in den Dienst der Hybrid Smart Factory zu stellen. Er steht als Spezialist für viele Einfälle, Agilität und das Wissen um disruptive Geschäftsmodelle; also für das Silicon Valley. Die ICONS heben dies hervor.
Xanadu Fröhlich ist 2030 31 Jahre alt, Crowdsourcing-Unternehmerin und betreibt als Digital Native auch ein Co-Working-Gebäude und das Apart-Hotel „Taj Mahal“ in Frankfurt. Sie ist sehr sportlich und eher unpolitisch, lehnt aber den sozialpolitischen Schnickschnack ihres Bruders und ihrer Schwester Kara ab. Sie steht für die schöpferische Kraft der Digitalisierung und des Crowdsourcings, wie das ICON zeigt.
Leon Fröhlich ist 2030 37 Jahre alt, Rechtsanwalt und Geschäftsführer eines Rechtsberatungsunternehmens, das robotergestützte Rechtsberatung anbietet, wie das ICON zeigt. Seit seinem Studium in Mainz beschäftigt er sich mit automatisierter Rechtsarbeit und hat sich habilitiert. Auch er ist sehr sportlich und eher unpolitisch, tritt aber für die soziale Absicherung der Crowdworker ein.
Von vielen vielleicht unterschätzt wird die schwarze Seite der Digitalisierung, die Cybercrime, die alle Bereiche des privaten und öffentlichen Lebens stark erfasst.
Dies gilt auch für die Arbeitswelt 4.0. Folgende Romanfiguren spiegeln die Bedeutung des Schutzes privater und geschäftlicher Daten:
Mayu Fröhlich ist 2030 29 Jahre alt, sie hat IT studiert und arbeitet als Freelancer im Bereich Data Hoover Scout, wie das ICON zeigt. Sie versucht noch immer, den mysteriösen Tod ihrer Eltern in Malaysia aufzuklären. Die Fröhlichs haben sie 2017 adoptiert. Mayu steht für die japanische Seite der Digitalisierung und digitale Nomaden.
Harry leitet als ehemaliger Hacker die CCA (Cyber Crime Agency) in Brüssel, ist 2030 35 Jahre alt, Computernarr und trägt seit einem Hacker-Angriff eine Augenklappe. Er steht mit der CCA für die Gefahr einer ausufernden Cybercrime, wie das ICON zeigt.
Tilo (Power) Cotton, Mitarbeiter der Cyber Crime Agency, trägt einen bekannten Namen und ist als Roboter mit Künstlicher Intelligenz ein Ergebnis der guten deutsch-chinesischen Zusammenarbeit. Da der chinesische Konstrukteur in Old Shatterhand vernarrt ist, diente ihm die Karl-May-Figur als Vorlage. Der Spitzname „Power“ beruht auf der technischen Ausstattung mit einem Stromstoßmodul zur Selbstverteidigung, was das ICON zeigt. Tilo ist 2030 quasi noch fabrikneu und steht für humanoide Roboter mit KI.
Die Chinesin Dr. Sina Wong, Mitarbeiterin der Cyber Crime Agency, ist IT-lerin, promovierte Juristin und 2030 34 Jahre alt. Sie beherrscht verschiedene asiatische Kampfsportarten, wie das ICON zeigt. Sina steht für die wichtige chinesische Seite der Digitalisierung und die internationale Bedeutung der Datensicherheit. Berufserfahrung sammelte sie in chinesischen Smart Factories.
In der Familie Fröhlich gibt es natürlich – wie in jeder normalen Familie –auch einen künstlerisch interessierten und besonders sportlichen Menschen; auch in der digitalen Welt.
Charlotte Fröhlich ist 2030 33 Jahre alt, Kunsthistorikerin und Sportpädagogin. Sie ist Kuratorin der Moonshot Gallery in Frankfurt und betreibt ein SportLab, wie die ICONS zeigen. Sie ist sehr sportlich, jedoch unpolitisch, dafür künstlerisch begabt. Charlotte verkörpert die sportliche und künstlerische Seite der Digitalisierung.
Eine indische Beraterin hilft im Roman auch bei der Gestaltung der digitalen Zukunft der Sozialverfassung und des Sozialstaates:
Dr. Asha Gupta (Beraterin) ist 2030 39 Jahre alt, hat in Mumbai Informatik studiert und sich auf den Bereich Digitale Bildung konzentriert. Nach dem Studium arbeitete und promovierte sie im Bereich Smart Cities. Anschließend erarbeitete sie Digitalstrategien für eine internationale Unternehmensberatung. Im Roman arbeitet sie für die Kanzlerin als Digital Consultant und hat eine Position vergleichbar mit einem politischen Staatssekretär, wie das ICON zeigt. Sie leitet das Berlin Center of Digital Transition. Asha steht für die indische Seite der Digitalisierung und die Bedeutung einer unabhängigen sowie branchenübergreifenden Beratung zur strategischen Vorbereitung auf die vierte industrielle Revolution.
Zu dieser wichtigen Romanfigur fehlt das entsprechende SchICON.
Aber dreht sich nicht alles ums liebe
1Axel Schack, Gruppenarbeit, Mitarbeiterverhältnis und die Arbeitsrechtsordnung, Diss., Berlin 1997, S. 85 f.
2Der lateinisch-englische Ausdruck ICON („Bildchen“) kennzeichnet in der Informatik auch einen Befehl an die Anwendung.
„Im Land des digitalen Defizits – Deutschland hat die Digitalisierung verpasst. Unsere Firmen produzieren vor allem mechanisch erstklassige Maschinen, die elektronisch aber den Anschluss an die Weltspitze verloren haben. Dominiert werden die Industrien des 21. Jahrhunderts von Asien, Israel und den USA.“
Christoph Keese, Silicon Germany
Leopold (Leo) Fröhlich wartete im Auto auf seine Frau Fiona und hörte schwitzend Radio: SWR3. Die Fröhlichs wollten ihre Tochter Xanadu vom Flughafen abholen. Die 16-Jährige hatte im Silicon Valley ein Praktikum absolviert. Der Wagen glich – wie ganz Deutschland in dieser Woche – einer Sauna. Es war einer der heißesten Tage in diesem Jahr und Leo verfluchte seine Entscheidung, ein Auto ohne Klimaanlage zu erwerben. Das eingesparte Geld hatte er damals auf Anraten eines Freundes lukrativ in ein amerikanisches Softwareunternehmen investiert. Dieses Softwareunternehmen sicherte mit seinen Produkten den Umgang mit der Datenflut und dessen Aktien waren infolge der Diskussion um Cybercrime richtig explodiert. Mit dem Gewinn hatte er Xanadus Praktikum finanzieren können.
Die Radionachrichten beschäftigten sich wie immer mit Gräueltaten von Terroristen, der Energiewende und eben den subtropischen Temperaturen als Vorboten des Klimawandels. Heute wurde aber auch über eine große Explosion in einem Mangrovenwald in Malaysia berichtet, bei der ein japanisches Ehepaar auf mysteriöse Art ums Leben gekommen war. Mehr konnte er aber nicht verstehen. Fiona bestieg das Auto, das sich zügig in Richtung Flughafen in Bewegung setzte.
Xanadu hatte zwei Monate ein Praktikum im Silicon Valley bei einer deutschen Softwarefirma absolviert. Es war ihr größter Wunsch gewesen, in Palo Alto, im Herzen der Internetökonomie, den dortigen Erfindergeist zu spüren. Ein alter Schulfreund von Leo hatte ihr den Platz besorgt. In Deutschland hatte er keinen entsprechenden Praktikumsplatz finden können – das Unternehmen in Palo Alto hingegen hatte bereits nach zwölf Stunden zugesagt. Xanadu hatte damals über Skype eine Stunde mit der Entwicklungschefin über die Bedeutung von Apps diskutiert. Über so viel Offenheit war Leo noch heute erstaunt.
Leopold war stolz auf seine Tochter, auch wenn er ihre Aktivitäten nicht immer verstand. Xanadu war mit einer von ihr selbst konzipierten App-Idee nach Palo Alto gefahren. Diese App mit dem Namen shakespeareatfeel.dadie sollte die anderen Dating-Apps verdrängen. Der Nutzer sollte dort seine Lieblingsgedichte, Musik oder Reiseziele einstellen können, um nach Gleichgesinnten zu suchen. Zugegeben, eine sehr romantische App, aber Xanadu war ja auch erst 16 Jahre alt.
„Ob sie sich in den zwei Monaten wohl sehr verändert hat?“, fragte Leo seine Frau mit einem Schmunzeln. Fiona antwortete: „Wir werden das doch merken, wenn wir sie treffen. Schaut sie wieder nur auf ihr Smartphone, ist es wie immer. Schaut sie uns in die Augen und lässt das Smartphone fünf Minuten unbenutzt, so hat sie sich verändert.“
Am Flughafen angekommen, steuerten die Fröhlichs zielsicher auf das Terminal B zu. Sie entdeckten ihre Tochter schon von Weitem. Xanadu hockte auf ihrem Koffer und schmökerte in einem Buch. Ihre Haare waren kürzer als sonst und sie trug eine Kappe mit der Aufschrift „Palo Alto is everywhere“. Sie hatte eine hochgeschnittene Jeans, ein Jeanshemd und schwarze Turnschuhe an. Ihre Tochter wirkte irgendwie verändert. Die Fröhlichs waren überrascht und begeistert. Xanadu legte das Buch sofort weg, als sie ihrer Eltern gewahr wurde.
Ihren Vater begrüßte sie mit den Worten: „Paps, dieses Buch habe ich dir aus Amerika mitgebracht, damit du meine Geschichten über Silicon Valley auch glaubst.“ Fiona nahm ihre Tochter in den Arm. „Mama, für dich habe ich auch ein Geschenk“, sagte Xanadu fröhlich, „ich habe dir von meinem verdienten Geld in Palo Alto einen neuen Computer gekauft!“
Die Fröhlichs waren sprachlos. Ihre Tochter verdiente ihr erstes eigenes Geld. Stolz verkündete Xanadu: „Ich habe die App shakespeareatfeel.dadie programmiert und gleich dort verkauft.“ Xanadu war zwar nicht besonders gut in der Schule, aber ihr Vater hatte ihr in den letzten Sommerferien einen lang gehegten Wunsch erfüllt: die Teilnahme an einem Programmierkurs. Diesen hatte sie mit Bravour bestanden und Leo fragte sich: Von wem hat Xanadu das nur?
Bevor sich die drei in Richtung Auto davonmachten, wollte sich Xanadu noch von einer etwa gleichaltrigen Japanerin verabschieden. Die beiden hatten bei demselben Unternehmen ein Praktikum gemacht. Das Mädchen mit Namen Mayu wartete am Flughafen ebenfalls auf ihre Eltern.
Fiona fragte: „Mayu, wann wollten dich denn deine Eltern abholen?“ Mayu antwortete traurig: „Ich weiß es nicht, ich habe seit einer Woche nichts mehr von ihnen gehört! Das letzte Mal, als wir telefoniert haben, befanden sie sich noch in Malaysia auf einer wissenschaftlichen Exkursion (Sea Power) der Universität. Sie wollten aber diese Woche zurück sein und mich heute am Flughafen abholen. Die beiden sind Meeresbiologen und untersuchen den Einfluss von Mangrovenwäldern auf den Tsunamischutz.“
Fiona reagierte sofort: „Na, da kommst du am besten mit zu uns! Deine Eltern können dich auch bei uns abholen. Wir wohnen nicht weit entfernt vom Flughafen, in Nordenstadt.“ Fiona liebte das Land der aufgehenden Sonne und hatte eine Leidenschaft für japanische Kunst und Küche. Sie lernte mittlerweile auch Japanisch.
„Leo, besorge doch schon mal einen weiteren Gepäckwagen“, sagte sie zu ihrem Mann, dabei nahm sie Mayu in den tröstenden Arm, „es wird schon nichts passiert sein, bei uns kannst du in Ruhe auf deine Eltern warten.“ Vereint beluden sie nun zwei Gepäckwagen und verließen das Flughafenterminal. Mit unzähligen Koffern voll mit Geschenken zogen die vier zum Auto und fuhren Richtung Nordenstadt.
Mayu lebte mit ihrer Familie schon bald fünf Jahre in Kiel und war mit ihren 14 Jahren bereits jetzt eine starke Persönlichkeit. Sie sprach Japanisch, Koreanisch, Englisch und natürlich auch Deutsch. Mayu beherrschte verschiedene Kampfsportarten. Ihr Lebensziel war es, als digitale Nomadin die Welt kennenzulernen. Für sie gehörten die „Nine-to-Five-Jobs“3 und die Präsenzkultur in den Unternehmen der Industriegeschichte an. Sie empfand sich als Kind der Generation Y und wollte die digitalen Möglichkeiten nutzen, um in Freiheit und in Selbstbestimmung sinnvolle Dinge zu tun. Mayus Eltern waren anerkannte Wissenschaftler, die sich dem natürlichen Küstenschutz verschrieben und für fünf Jahre ein Stipendium der Deutschen Forschungsgesellschaft erhalten hatten.
Mayu wurde in Osaka geboren, später war die Familie erst in Korea, dann in den Vereinigten Staaten, in San Francisco und eben jetzt in Kiel heimisch geworden. Sie hatte einen 25-jährigen Bruder mit Namen Akira. Er hatte in Osaka Informatik studiert und dann an der Universität die Robotik für sich entdeckt. Mittlerweile wohnte Akira in Palo Alto und arbeitete an der Singularity University im Bereich Robotik. Im letzten Jahr hatte Mayu ihren Bruder in Palo Alto besucht. Sie durfte die Universität näher kennenlernen und hatte dort in einem Vertiefungsseminar einiges über die Bedeutung der Entwicklung von Robotern für die Zukunft der Menschen erfahren. Sie hatte damals mit ihrem Bruder und seinen Kollegen an der Universität lange über die Grenzen der Verschmelzung von Mensch und Maschine diskutiert. An der Singularity University forschten die Professoren und Mitarbeiter unter anderem zu diesem Thema. Die Diskussion um die Gefahr von Cyberbots für die Menschheit und Mayus Angst davor hatte Akira bewogen, ihr einen Computerhund zu schenken. Mayu hatte ihn auf den Namen Yoschi getauft. Außerdem hatte er ihr noch zwei weitere Dinge geschenkt: ein T-Shirt mit dem Aufdruck „The internet eats everything“ und einen Quantencomputer der Marke Moore. Xanadu hatte in Palo Alto viel Zeit mit Akira verbracht.
Der Wagen der Fröhlichs bog in die Hauseinfahrt ein und wurde sofort von Xanadus Geschwistern umringt. Kara, Charlotte, Leon und Laura erwarteten die Ankommenden bereits. Nach einem lauten Hallo und einer herzlichen Begrüßung von Mayu, die in Vaters Arbeitszimmer einquartiert wurde, fanden sich dann alle im Garten ein.
Die Geschwister hatten eine Willkommensparty organisiert. Die jüngste Tochter Kara hatte mit ihrem Computer Einladungskarten hergestellt und an alle Freunde und Nachbarn verteilt. Kara war 14 Jahre alt und das Sorgenkind der Familie.
Karas Schwester Laura war 17 Jahre alt und hatte über ihren Freund Jens das Fleisch für das Grillfest besorgt. Sein Vater betrieb in Nordenstadt eine Metzgerei in der fünften Generation. Jens studierte Medizin an der Universität in Berlin. Laura wollte nach dem Abi eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolvieren.
Leon, der im Juni 1993 geboren worden war, hatte wie immer für die Musik gesorgt. Er spielte eine Yamaha-Orgel in einer Studentenband. Diese Band hatte bereits im Garten die Musikgeräte aufgebaut und unterhielt die Gäste mit Musik. Leon studierte Rechtswissenschaften in Mainz.
Die älteste Tochter Charlotte hatte mit der Großmutter, Leos Schwiegermutter, für das kalte Buffet gesorgt. Sie wollte nach dem Abi Kunstgeschichte studieren. Ihr neuer Freund Ted, ein Amerikaner aus Florida, hatte sie auf diese Idee gebracht. Ted arbeitete bei einem großen amerikanischen Softwareunternehmen in Frankfurt.
Er war sehr groß, sehr schlank und sah einfach bombe aus. Charlotte hatte Ted bei einem Konzert des Rheingauer Musikfestivals, bei der sogenannten „Ladies Night“, kennengelernt.
Nun saßen mehr als 50 Gäste im Garten der Fröhlichs. Die Studentenband sorgte für eine gute Stimmung. Dies änderte sich aber nach und nach. Xanadu stellte sich auf eine Bierkiste und erzählte zwei Stunden lang über ihre Zeit in Palo Alto, über die unzähligen Gartenfeste, die tolle Zusammenarbeit, den Erfindungsreichtum der jungen Menschen und über neuartige Geschäftsmodelle, nach denen dort fortwährend geforscht wurde. Jetzt wurde sie aber merklich nachdenklich und beendete ihre Ausführungen mit folgenden Worten:
„Im Silicon Valley will man die Welt verbessern. Tradition ist Ballast. Die gesellschaftlichen Werte wie Individualität, Privatsphäre oder Eigentum werden infrage gestellt. Klassische Geschäftsmodelle, traditionelle Unternehmen oder Berufe sollen unter Einsatz von Kreativität und viel Kapital zerstört und durch informationsbasierte und internationale Internetfirmen wie Google, Facebook, Amazon, Alibaba oder Start-ups ersetzt werden. Schöpferische Zerstörung des Alten ist hierbei das Credo und disruptive Innovationen sind die Zukunft. Zusätzlich werden wir zu Schattenarbeitern. Wir übernehmen immer mehr Aufgaben über das Internet, die früher von Arbeitnehmern verrichtet wurden, wie z. B. das Buchen von Zugreisen oder Flügen.4 Die Mittelschicht, das Rückgrat unserer Gesellschaft, kommt dabei auch ins Fadenkreuz dieser Entwicklungen, an dessen Ende eine schöne, neue und digitale Welt stehen könnte, in der humanoide Roboter mit Künstlicher Intelligenz die Arbeit der Menschen verrichten.5 Ein Krieg der Welten steht uns bevor!“
Xanadu wurde schlagartig sehr ernst und war mittlerweile auch sehr müde. Leopold schickte daraufhin die besonders nachdenklichen Besucher um 24:00 Uhr nach Hause und dachte bei sich: Was für ein Tag!
Am Montag hatten sich die Wetterverhältnisse ein wenig beruhigt und es war nicht mehr so heiß. Leo forschte nach den Eltern von Mayu, die sich noch immer nicht gemeldet hatten, und erwartete einen ruhigen Tag. Er sollte sich irren.
Leopold war in der Produktion eines Kühlgeräteherstellers als Fertigungsingenieur beschäftigt. Er hatte in Aachen studiert. Dort hatte er auch seine Frau Fiona kennengelernt, die ebenfalls Ingenieurin war.
Der Absatz der Kühlgeräte hatte in den letzten Tagen natürlich aufgrund der Hitzeperiode geboomt. Unzählige Bestellungen waren eingegangen, die sie gar nicht alle hätten erfüllen können, weshalb er bereits am Montag in der letzten Woche auf einen möglichen Engpass hingewiesen hatte. Daraufhin hatten sie alle in die Hände gespuckt und Sonderschichten gefahren. Alle hatten an einem Strang gezogen. Die Betriebsräte hatten die notwendigen Unterlagen besorgt, die Sekretärinnen hatten Kaffee gekocht, die Führungskräfte Erfrischungen verteilt und die Zulieferer unbürokratisch die Metalle geliefert. Diese Aktion war ein voller Erfolg: 2.500 Kühlgeräte waren zusätzlich produziert worden. Alle Mitarbeiter waren stolz auf das Vollbrachte.
Als Leo die Lagerhalle der Einfall Kühl GmbH betrat, ergriff ihn ein großer Schock; die Kühlgeräte waren nicht ausgeliefert worden! Warum nur? Der Leiter Logistik, Friedolin Unpünktlich, saß zerknirscht in seinem Büro und schaute an die Decke. Auf seinem Schreibtisch lagen drei große Stapel mit Bestellungen.
„Herr Unpünktlich“, fragte Leopold, „was ist passiert?“
Unpünktlich antwortete niedergeschlagen: „Diese Bestellungen hier sind alle nach 11:30 Uhr am Freitag eingegangen und wurden nur abgelegt, nicht bearbeitet. Ein Großkunde hat gerade eben seine Bestellung widerrufen, weil die Kühlgeräte nicht, wie von ihm geordert, am Samstagmorgen in Mainz waren. Der Leiter Verkauf hatte die Lieferung angekündigt, weil er von den Sonderschichten wusste. Unser Konkurrent hat am Samstag noch kurzfristig liefern können!“, er seufzte und fuhr fort: „Die anderen Bestellungen können wir nicht bearbeiten, weil die Sachbearbeiterin Frau Mayer ihren kranken Vater pflegen muss. Unsere Personalabteilung konnte so schnell keine Vertretung organisieren. Der Arbeitsmarkt ist wie leergefegt.“
In diesem Moment betrat der Leiter Verkauf mit einem betretenen Gesicht das Büro: „Die griechische Hotelgruppe Yamas hat gerade die Bestellung storniert. Ohne Urlauber kein Geld für die Kühlmaschinen.“
Leo machte sich mittlerweile ernste Sorgen um seinen Job, er hatte schließlich die Idee der Überproduktion gehabt.
Nach einem deprimierenden Arbeitstag machte er sich auf den Weg nach Hause. Am Grillplatz im Garten traf er seine Tochter Xanadu und seinen Sohn Leon. Leo berichtete seinen beiden Kindern die Geschehnisse des Tages. Sie hörten betrübt zu. Nach einiger Zeit stand Xanadu auf, nahm ihren neuen Computer, den sie aus Palo Alto mitgebracht hatte, und verschwand im Arbeitszimmer ihres Vaters.
Erst um Mitternacht kam sie wieder heraus, mit einem zufriedenen Lächeln im Gesicht. Sie und Mayu hatten drei Stunden mit ihrem amerikanischen Bekannten Ray geskypt und ihm die Probleme ihres Vaters erläutert. Xanadu hatte Ray auf einer Gartenparty in Palo Alto kennengelernt. Ray studierte Informatik an der Universität Stanford, organisierte einen der sogenannten Inkubatoren und gründete mit seinen 19 Jahren gerade ein Start-up. Xanadu hatte ihm ihre Dating-App verkauft und beide waren gute Freunde geworden. Manchmal hatte sie ihm bei der Programmierung der Software geholfen, was ihn sehr überrascht hatte.
Um sechs Uhr schleppte sich Leo nach einer schlaflosen Nacht in die Küche, um wie immer das Familienfrühstück vorzubereiten. Allerdings hatte ihm Xanadu schon die Arbeit abgenommen.
Xanadu und Leo frühstückten beide bereits, als die anderen Familienmitglieder die Küche betraten. Auch Harry, ein Hacker und Freund von Xanadu, setzte sich an den Frühstückstisch. Seit er aus dem Gefängnis entlassen worden war, unterstützte Harry ein Softwareunternehmen bei der Entwicklung einer Sicherheitssoftware für die Unterhaltungselektronik von Fahrzeugen. Harry hatte sich damals in das Netzwerk des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden gehackt. Er wollte feststellen, ob eine Akte mit seinem Namen existierte. Es gab wirklich eine Akte über ihn. Die Beamten hatten ihm auch einen besonderen Namen gegeben. Als „Destroyer“ wurde der Hacker in den Akten geführt, weil er bei seinen Besuchen in fremden Netzwerken regelmäßig das Vertrauen in die Datensicherheit zerstörte.
In der Küche entspann sich eine große Diskussion über das Unternehmen, bei dem Leopold beschäftigt war. „Herr Fröhlich“, erhob Harry die Stimme, „Ihr Unternehmen wird durch den digitalen Darwinismus erfasst und ist gefährdet.6 So wie Neckermann oder Quelle hat Ihr Unternehmen die digitale Entwicklung verschlafen und wird von Ihrem digitalisierten Konkurrenten zerstört werden.“
Leo war verblüfft, wandte aber ein: „Lieber Harry, Quelle und Neckermann waren Kaufhausketten. Mein Unternehmen ist aber ein klassisches Produktionsunternehmen.“
Harry entgegnete: „Wir befinden uns in einer industriellen Revolution, die alle Unternehmen betreffen wird.“
Kara hatte die Diskussion bis jetzt nur mit einem halben Ohr verfolgt, weil ihr die Frühstücksgespräche der Erwachsenen normalerweise nichts für den langen Schultag brachten. Nun schien das aber anders zu sein, denn heute hatte sie Bio-Kurs. „Harry, was ist denn der digitale Darwinismus?“, wollte sie wissen. „Hat das was mit dem Darwinismus in der Biologie zu tun?“
„Ja, genau!“, antworte Harry. „Beschreibt der Darwinismus den Sieg des stärkeren, schnelleren, an die Umweltbedingungen besser angepassten Lebewesens, meint digitaler Darwinismus den Überlebenskampf zwischen Unternehmen oder Menschen in einer neuen, schönen, digitalen Arbeitswelt. Durch die Digitalisierung verändern sich die Wettbewerbs- und Arbeitsbedingungen der klassischen Unternehmen und der Menschen. Heute gilt vor allem: Survival of the Smartest! Die Digitalisierung bedroht fast jedes zweite Unternehmen und wird wohl innerhalb der nächsten fünf Jahre die Hälfte der etablierten Unternehmen in den führenden Industrienationen und Schwellenländern umkrempeln und manche Firma verdrängen.“ Harry traf nun ein vielsagender Blick von Xanadu und er kam zum Schluss: „Das Aufbrechen branchen- und unternehmensinterner Grenzen ist notwendig, um aktiv und gestaltend an der Digitalisierung teilhaben zu können. Kooperationen mit anderen Unternehmen sind hierfür unumgänglich.“7
Xanadu hatte zufrieden die Gespräche verfolgt, öffnete ihren Computer, den sie auf den großen Küchentisch gestellt hatte, und bat um Ruhe. „Vater“, sagte sie, „Mayu und ich haben gestern Abend lange mit unserem Freund Ray über eure Lieferprobleme diskutiert und er hat mir diesen Organisationsvorschlag geschickt. Er basiert, wie es Harry auch bereits angeregt hat, auf der Digitalisierung deines Arbeitgebers.“
Alle scharten sich um den Computer, während Xanadu die Lösung erklärte: „Wie ihr seht, wird zunächst eine Verbindung zwischen der Frankfurter Wetteranstalt und der Einfall Kühl GmbH aufgebaut. Das Unternehmen leitet die Wetterdaten über eine eigene App an gute Kunden weiter, damit diese ihre Bestellungen von Kühlgeräten schon im Voraus planen können. Kündigt sich eine heiße Wetterlage an, bestellen die Kunden direkt online Kühlgeräte bei der Einfall Kühl GmbH. Die Onlinebestellung wird vom Server des Unternehmens sofort an den Logistikcomputer geschickt. Dieser Computer beauftragt dann autonom und automatisch entweder den Versand von Geräten an den Kunden oder die Produktion von Geräten.
In Rays Konzept spielt der Spediteur, der die Kühlgeräte zum Kunden transportiert, eine wichtige Rolle. ‚Denn Logistik wird zum integralen Bestandteil der vernetzten Industrie 4.0, in der alle Räder von der Zulieferung über die Produktion bis zum Kundenservice perfekt ineinandergreifen müssen.‘8 Sollen fertige Kühlgeräte versandt werden, wird der Spediteur über das Internet vom Logistikcomputer informiert. Der Spediteur bringt – wiederum aufgrund der eigenen digitalen Infrastruktur – einen Lkw sofort auf den Weg. Er informiert automatisiert den eigenen Lkw-Fahrer sowie einen Gabelstapler 4.0 in der Einfall Kühl GmbH und einen Gabelstapler 4.0 im Unternehmen des Kunden.9 Diese beiden Gabelstapler hat der Spediteur den Unternehmen zur Verfügung gestellt.
Der digitalisierte Gabelstapler im Unternehmen von Vater erhält z. B. den Befehl vom Spediteur, vier Paletten mit Kühlgeräten aus dem Lager zu holen und auf den Lkw zu verladen. Der Lkw nimmt die Ladung auf und der Gabelstapler schickt online den Lieferschein an den digitalisierten Gabelstapler beim Kunden. Gleichzeitig wird dieser Gabelstapler über die Ankunftszeit des Lkw informiert.
Eine persönliche Kontrolle der Ladung und eine Empfangsbestätigung sind überflüssig, weil die Verpackungen der Kühlgeräte die ordnungsgemäße Lieferung bestätigen. Auf den Verpackungen sind dafür digitale Stempel in Form von RFID-Chips angebracht worden.10 Beim Kunden werden die Paletten vom Gabelstapler 4.0 abgeladen. Dieser kann – aufgrund des digitalen Stempels – dem Spediteur, der Logistik von Vaters Unternehmen und dem Buchhaltungscomputer des Kunden die Ankunft und die ordnungsgemäße Lieferung online mitteilen. Der Buchhaltungscomputer des Kunden veranlasst nach Eingang dieser Bestätigung die Ausfertigung eines digitalen Dokuments und die Überweisung des Kaufpreises, während die Mitarbeiter des Kunden, die auch vom Gabelstapler über die Ladung informiert worden waren, die Kühlgeräte für den Verkauf fertig machen. Schnell und unbürokratisch, mit wenig Aufwand werden der Kunde und der Kunde des Kunden zufriedengestellt“, schloss Xanadu ihren kurzen Vortrag. Alle waren sprachlos; besonders Leopold.
Leo hatte den Vorschlag von Ray in eine Powerpoint-Präsentation umgewandelt und eine erste Kostenschätzung von einem Netzwerkausrüster und Logistikberater per E-Mail erhalten. Sein Vorgesetzter Jochen Schmitt und der Leiter Verkauf hatten dafür gesorgt, dass er heute um zwölf Uhr in einer Geschäftsführerkonferenz seinen Vorschlag für die Digitalisierung des Unternehmens vorstellen durfte.
Vor der Tür zum Tagungsraum empfing ihn die Referentin der Geschäftsleitung, Sonja Müller: „Herr Fröhlich, ich habe sechs Minuten für Ihren Vortrag einrichten können. Mehr Zeit haben wir heute nicht, weil die Geschäftsführung über Griechenland und die Firma Yamas entscheiden muss.“
Das Unternehmen wurde von drei Geschäftsführern geleitet. Dr. Klaus Peter Wedel, der auch für den Bereich IT und Compliance verantwortlich war, war Vorsitzender der Geschäftsführung, Frau Dipl.-Ökonomin Sybille T. Viereck war für den Verkauf und das Marketing zuständig, Florian Trimmel für Einkauf, Produktion und Logistik. Allen im Unternehmen war bekannt, dass Herr Trimmel dem Golfsport frönte und in fünf Monaten in den Ruhestand gehen würde, und so verwunderte es Leo nicht, dass die Geschäftsführung bei seinem Eintreten nicht über Griechenland, sondern über die neuen Golfschläger von Herrn Trimmel sprach.
Nach etwa fünf Minuten beendete die Geschäftsführung die Gespräche über die Golfschläger und wandte sich Leopold zu, der das Equipment für seine Präsentation schon vorbereitet hatte. Dr. Wedel begrüßte ihn und erteilte ihm das Wort.
Leopold begann gleich mit einer provokanten Frage: „Wem gehört die Zukunft?“11 Er schaute in die Runde und fuhr fort: „Gehört die Zukunft dem besseren Produkt? Oder gehört die Zukunft dem Unternehmen mit der besseren Vernetzung von Einkauf, Produktion und Logistik?“ Während er diese Fragen stellte, projizierte er ein Bild des Kühlgerätes „Cool Simple und Cheap“ an die Wand. Kaum hatte er mit dem Vortrag begonnen, da klingelte das Telefon von Herrn Trimmel. Dieser telefonierte ausgiebig, während Leo seinen Vorschlag der Geschäftsführung vorstellte. Frau Sybille T. Viereck wiederum widmete ihre Aufmerksamkeit, wie regelmäßig in Besprechungen, ihrem Smartphone.
Leopold hatte das Kühlgerät „Cool Simple und Cheap“ gemeinsam mit dem früheren Eigentümer der Firma, Dr. Theobald Einfall, entwickelt. Das Produkt war wie eine Bombe im Kühlgerätemarkt eingeschlagen und ein Meisterwerk der deutschen Ingenieurskunst. Das Gerät war auch bereits mit einem der sogenannten Nachhaltigkeitspreise ausgezeichnet worden. Die Verwendung von nachwachsenden sowie recycelten Rohstoffen in Kombination mit einem besonders sparsamen Energieverbrauch hatte die Markteinführung des Kühlgerätes zu einem großen Erfolg werden lassen. Der im letzten Jahr bei einem Autounfall verstorbene Eigentümer der Firma hatte damals etwa 50.000 Euro in die Entwicklung und in die Produktionsanlagen gesteckt.
Der Tod von Dr. Einfall war der Digitalisierung zuzuschreiben. Sein Fahrzeug war auf dem Weg von Nordenstadt nach Wiesbaden frontal mit einem anderen Pkw zusammengestoßen. Die Fahrerin war auf die Gegenspur gekommen und Dr. Einfall hatte nicht mehr die Möglichkeit, dem Fahrzeug auszuweichen. Die polizeiliche Untersuchung hatte aufgrund von Zeugenaussagen ergeben, dass die Fahrerin wie gebannt auf ihr Smartphone gestiert hatte und deshalb die Kontrolle über das Fahrzeug verloren hatte. Bei einer Überprüfung ihres Smartphones stellte sich heraus, dass der Freund der jungen Fahrerin die Beziehung nach zehn Jahren per E-Mail beendet hatte.
Das Kühlgerät des Konkurrenten war nicht so gut wie das der Einfall Kühl GmbH, aber 25 % günstiger. Die Kühl/Schnellt GmbH im Nachbarort hatte sich diesen Wettbewerbsvorteil schmerzhaft erarbeitet. Die Produktion wie die Personalarbeit waren nach Ungarn verlagert worden. Der Bereich Logistik wurde outgesourct. Die Einsparungen wurden in moderne Informationstechnologien und in einen Onlinehandel investiert. Gerade während der letzten Hitzewelle in Deutschland und Spanien konnte das Konkurrenzunternehmen aufgrund der raschen Lieferung und des Onlinehandels Kundenanfragen viel schneller erfüllen, als es Leos Unternehmen möglich war. Er hatte das ja am Montag miterlebt.
Leo fuhr mit seiner Präsentation fort und beantwortete die eingangs gestellten Fragen selbst: „Die Zukunft gehört dem Unternehmen, das eine gute Produktqualität mit einer modernen Informationstechnologie verbindet.“ Anschließend stellte er der Geschäftsführung das von Ray entwickelte Konzept vor. Er beendete seinen Vortrag selbstsicher mit der Aussage: „Unserem Unternehmen gehört die Zukunft, wenn Sie sich für die Umsetzung meiner Vorschläge entscheiden!“ Das Ende des Telefonates von Herrn Trimmel fiel mit dem Ende des Vortrages von Leo zusammen.
Herr Dr. Wedel bedankte sich jovial für die Präsentation und erteilte Herrn Trimmel das Wort. „Lieber Herr Fröhlich“, begann dieser, „ich glaube, Sie haben zu viele Science-Fiction-Romane gelesen und Ihren Urlaub in Silicon Valley verbracht. Ihre Konzeption klingt ja sehr interessant, kann aber kaum umgesetzt werden. Außerdem wird sich das bessere Produkt Made in Germany durchsetzen.“
Sybille T. Viereck war noch immer abgelenkt, sie hatte gerade auf dem Display ihres Smartphones eine Nachricht ihres Mannes gelesen: „Bitte fahre unsere Tochter zum Tennisunterricht, mein Chef hat überraschend eine Sitzung der Abteilungsleiter einberufen.“ Frau Vierecks Tochter Gesche wollte am kommenden Sonntag an ihrem ersten Tennisturnier teilnehmen. Sie war ein besonderes Talent, das hatte ihr der Tennislehrer Jochen Bümmerstede versichert und Frau Viereck ein weiteres Paket Tennisstunden verkauft.
Sybille T. Viereck schloss sich vor diesem Hintergrund den Ausführungen von Herrn Trimmel grundsätzlich an, plädierte allerdings wie immer für eine weitere Prüfung der Konzeption durch eine Unternehmensberatung.
In dem Moment betrat die Referentin der Geschäftsführung mit einem Tablett Käsekuchen den Raum. Das kam Dr. Wedel gerade recht und er beendete die Sitzung mit den Worten: „Jetzt essen wir erst einmal unseren Käsekuchen.“
Während die Geschäftsführung der Einfall Kühl GmbH wie immer Käsekuchen aß, legte Dr. Friedrich im Nachbarort sein Smartphone zur Seite. Er war der Geschäftsführer des Konkurrenzunternehmens Kühl/Schnellt GmbH und hatte die Sitzung abgehört. Bei dem letzten Treffen mit Frau Sybille T. Viereck im Tennisverein hatte er eine entsprechende Software auf ihr Smartphone aufgespielt. Er hatte dafür die Abwesenheit von Frau Viereck ausgenutzt, die den neuen Tennisschläger ihrer Tochter Gesche inspizierte.
Dr. Friedrich wandte sich an den Leiter der Informationsabteilung: „Bitte besorgen Sie die Präsentation von diesem Herrn Fröhlich und seine Adresse.“ Noch während diese Aufgabe erledigt wurde, rief Dr. Friedrich die Witwe von Dr. Einfall an und bat um ein gemeinsames Mittagessen. Frau Einfall war dankbar für die Ablenkung und sie verabredeten ein Treffen im Kurhaus in Wiesbaden. Sie freute sich schon jetzt auf den besonderen Salat mit Gambas.
Nach dem Fiasko in der Geschäftsführersitzung war Leopold entnervt nach Hause gefahren. Er wollte nichts mehr von Kühlgeräten, digitaler Vernetzung und Silicon Valley hören. Ihm war eine sehr gute Idee gekommen. Er lud die gesamte Familie ins Kino nach Mainz ein. Der neue Kinofilm „Terminator Genesys“ war gerade angelaufen und würde sie alle von dem Fiasko in seinem Unternehmen ablenken.
Leo hatte sich heute einen Tag freigenommen und ein Grillfest vorbereitet. Sein gestriger Plan, eine Ablenkung durch den Kinofilm zu bewirken, war nicht aufgegangen. Der ganze Film war mit Künstlicher Intelligenz, Robotern und Netzwerken gespickt. Auf dem Rückweg vom Kino entspann sich eine lautstarke Diskussion darüber, ob Roboter jemals so intelligent werden könnten wie im Kinofilm dargestellt. Xanadu feuerte den kontroversen Gedankenaustausch mit dem Hinweis auf BIG DATA noch so richtig an. Leo gelang es allein mit der Einladung zum Grillfest für den nächsten Tag, wieder Ruhe einkehren zu lassen. Er nötigte aber allen ein Versprechen ab: Jeder musste sich bis zum Grillfest mit Künstlicher Intelligenz, Big Data und Robotern beschäftigen.
Am Nachmittag war es – Gott sei Dank – nicht so heiß. Leos Schwiegermutter hatte wieder ihren schwäbischen Kartoffelsalat gezaubert und Harry, der Hacker, hatte für frisches Quellwasser gesorgt. Leopold saß entspannt im Liegestuhl, harrte der Dinge, die da kommen sollten, und las in dem Buch „Silicon Valley“ von Christoph Keese, das ihm Xanadu geschenkt hatte. Dieses Buch beschrieb, was mit den Innovationen aus dem mächtigsten Tal der Welt auf Deutschland zukommen würde.
Was auf ihn selbst heute noch zukommen würde, wusste Leopold nicht. Fiona und die Kinder, möglicherweise auch deren Freunde, würden bald eintreffen.
Tatsächlich erschien um 16:00 Uhr die gesamte Bande. Fiona, Xanadu, Harry, Kara, Laura, Mayu, Leon und Charlotte versammelten sich um Leo. Alle hatten Bücher und Ausdrucke, einige sogar ein Laptop dabei. Mayu hatte einen der neuen, besonders kleinen Beamer sowie ihren Quantencomputer mitgebracht.
Auf Leos Vorschlag hin verteilten sie sich auf drei Gruppen, die jeweils einen Sprecher wählten. Xanadu wurde zur Sprecherin der Gruppe Informationen/Big Data gewählt, Fiona zur Sprecherin der Gruppe Roboter und Harry zum Sprecher der Gruppe Künstliche Intelligenz.
Die Gruppe Informationen/Big Data bestand neben Xanadu aus Leo und Charlotte. Die Gruppe Roboter setzte sich aus Fiona, Kara und Leon zusammen. Zur Gruppe Künstliche Intelligenz gehörten Harry, Laura und Mayu.
Zwei Stunden lang erarbeiteten die Gruppen ihre Beiträge in lautstarken Diskussionen. Jede Gruppe hatte einen Computer, sodass die Ergebnisse schriftlich verfasst und zum Teil mit Grafiken oder Bildern ausgeschmückt werden konnten. Leo war stolz auf seine Community und seine Idee, den Schwarm Familie nutzen zu können.
Bevor aber die Stunde der Vorträge beginnen sollte, bat Leos Schwiegermutter zu Tisch und alle stärkten sich erst einmal richtig bei Quellwasser, Darmstädter Bier, Wurst, Tofu und schwäbischem Kartoffelsalat. Mayu hatte mit Fiona einen großen Topf Chanko-Nabe gezaubert. Dieser sehr gehaltvolle Eintopf diente in Japan auch als Grundnahrung für Sumo-Ringer und versprach Kraft für die noch folgenden Diskussionen. Fiona, die die japanische Küche liebte, sicherte sich gleich eine große Portion.
Xanadu begann als Sprecherin der Gruppe Informationen/Big Data ihre Ergebnisse vorzustellen: „Jeder von uns produziert täglich eine kleine Datenlawine. Laut Weltbank werden jeden Tag durchschnittlich mehr als 200 Milliarden E-Mails und vier Milliarden Suchanfragen an Google gesendet. Neun Milliarden Youtube-Videos – 100.000 pro Sekunde – werden von den Internetnutzern aufgerufen und der globale tägliche Datenverkehr beträgt 2,3 Milliarden Gigabyte. Würde man diese Datenmenge in Büchern drucken, entspräche das 1,2 Billionen Büchern.12 Große Mengen an Daten werden etwa in den Bereichen Internet und Mobilfunk, Finanzindustrie, Energiewirtschaft, Gesundheitswesen und Verkehr erzeugt und gewonnen. Andere Quellen sind etwa Intelligente Agenten, Kunden- und Kreditkarten, soziale Medien, Autos, Flugzeuge und Überwachungskameras“, vertiefte sie ihre Ausführungen.
Laura griff diese Aussage auf und formulierte provokant: „Das heißt, wir sind nicht die Kunden der Internetkonzerne. Wir sind ihr Produkt.“13
Mayu pflichtete ihr bei: „Wir offenbaren im Netz, in den sozialen Netzwerken bewusst und unbewusst persönliche Informationen, die von Servern im Sinne von Big Data gesammelt und ausgewertet werden. Wir erhalten auch kostenlose Informationen aus dem Netz, beispielsweise über Reisen, Finanzdienstleistungen oder juristische Fragen. Das ist für uns selbstverständlich. Aber wer produziert diese Informationen? Und bekommt der Produzent Geld für seine Leistung? Apple, Alphabet, Facebook, Amazon und Alibaba sammeln permanent kostenlos Informationen und wachsen als Tech-Giganten zu einer wirtschaftlichen Weltmacht heran, indem sie die gesammelten Daten vermarkten und in alle Wirtschafts- oder Technologiebereiche vordringen.“14 Mayu fügte hinzu: „Bei Facebook & Co. bezahlen wir nicht mit Geld, sondern mit unseren Daten. Das hat viel größere Konsequenzen, als wir dachten.“15
Kara fragte: „Aber wie wollen diese Konzerne denn diese vielen Informationen verarbeiten?“
Xanadu antwortete: „Im Vordergrund stehen heute noch Produktionen der Old Economy, die auf menschlicher Arbeitskraft, geistiger Leistung und Rohstoffen basieren. Das wird sich ändern.“
Laura las ein Zitat von Jaron Lanier vor16: „Unser derzeitiger Informationsbegriff ist deshalb so eng gefasst, weil Bereiche wie Industrie, Energie, Gesundheitswesen und Verkehr noch nicht stark automatisiert oder netzwerkzentriert sind. Aber irgendwann wird der Großteil der Produktion ‚softwarevermittelt‘ ablaufen. Software könnte die letzte Revolution sein.“
Xanadu fuhr fort: „Die Digitalisierung wird also durch moderne Software und Big Data getragen. Als Big Data wird die Sammlung und Auswertung immer größerer Datenmengen bezeichnet, die durch den technischen Fortschritt sowohl bei Prozessoren und in der Sensorik, aber auch in den Analysemethoden erzielt werden.17 Wir können auch von einer Big-Data-Industrie sprechen, die digitale Programme entwirft, um komplexe und große Datenmengen – etwa untergeordnete Maschinendaten – lesbar und verstehbar zu machen. Big Data wird aber auch in datenschutzrechtlicher Hinsicht zunehmend relevant, da Anonymität beispielsweise durch Bewegungsdaten immer weniger gewährleistet wird.18 Das, was wir heute als ‚Big Data‘ benennen, ist nichts völlig Neues, sondern hat sich aus bereits bestehenden Instrumenten weiterentwickelt“, erklärte sie dem Kreis weiter. „Die staatliche Statistik sowie das privatwirtschaftliche soziodemografische und ökonomische Auswerten von vorhandenen Beständen an Daten, die in sogenannten Data Warehouses strukturiert und auswertbar gemacht wurden, können wohl als Grundlagen bezeichnet werden. Die Auswertung nach Gesetzmäßigkeiten, Kausalitäten und Korrelationen erfolgt mit Analyse-Werkzeugen (Data Analytics).19
Big-Data-Analysen werden immer schneller und komplexer und dienen unterschiedlichen Zielsetzungen. Big Data bildet die Grundlage von wissenschaftlicher wie auch kommerzieller bzw. zweckgerichteter Forschung und steht für den erkenntnisorientierten Umgang mit den digitalen Daten, welche die Menschheit produziert. Diese Daten werden für zukünftige Auswertungen gespeichert und als Produktionsfaktor genutzt. Big Data schafft dadurch neue Geschäftsmodelle, Produkte und Dienstleistungen und darf nicht nur als technisches Konzept verstanden werden. Da die Datenanalyseverfahren immer schneller und effizienter werden, modernere Computer und Sensoren leistungsstarke Werkzeuge zur Speicherung und Auswertung bedingen, wird Big Data zu einem Schlüsselfaktor für die weltweite digitale Revolution der Wirtschaft.“
„Das heißt, wir erzeugen ständig Algorithmen und unser Leben wird auch durch Algorithmen beeinflusst?“, fragte Leon.
„Ja“, antwortete Xanadu, „mit jeder Information im Internet und im sozialen Web über unsere Gesundheit, Hobbys oder Vorlieben erzeugen wir Algorithmen!“
Kara wollte nun wiederum wissen, was ein Algorithmus ist.
Xanadu: „Kara, ein Algorithmus ist nichts anderes als ein Berechnungsverfahren. Du lernst doch auch in der Schule Algorithmen, wenn du etwa Zahlen addierst, multiplizierst oder dividierst. Im Zeitalter von Big Data nutzen wir Computer, um diese Rechnungen automatisch und schnell durchführen zu können. Hinter solchen Berechnungsverfahren stecken abstrakte mathematische Aussagen. Das Ergebnis des Berechnungsverfahrens kann dann eine ganz allgemeine Aussage sein. Für die Computer sind Algorithmen so vielfältig wie die Anwendungen, die sie ermöglichen sollen. Vom elektronischen Steuergerät für den Einsatz im Kfz über die Rechtschreibund Satzbau-Kontrolle in einer Textverarbeitung bis hin zur Analyse von Aktienmärkten finden sich Tausende von Algorithmen.“
Fiona warf eine Frage in die Runde: „Was hat den Big Data mit dem Internet der Dinge zu tun?“
Leon: „Mit dem Begriff Internet der Dinge bezeichnen wir die Vernetzung von Gegenständen mit dem Internet. Die Gegenstände können selbstständig über das Internet kommunizieren und verschiedene Aufgaben für den jeweiligen Eigentümer ausführen. Im Vordergrund steht also die Vernetzung unterschiedlicher Bereiche.
Die Wirtschaft ist bei dieser Qualität der Vernetzung noch nicht sehr weit, weil zum Teil erst die personellen, fachlichen und technischen Grundlagen hierfür gelegt werden müssen. Ihr erinnert euch aber alle an den digitalen Darwinismus, über den wir neulich beim Frühstück gesprochen haben.
Neben dem Internet der Menschen, wie wir es heute kennen, und dem Internet der Dinge gibt es noch weitere Vernetzungsaktivitäten. Das Smart Home und die Smart Factory gehören dazu. Aber auch das Internet der Dienste und die Vernetzung mit dem Smart Building prägen die digitalisierte Welt. Die Vernetzung von Datenquellen führt zu vielen neuartigen Nutzungen, aber auch zu Risiken für die Gesellschaft, Unternehmen und andere Nutzer.“
„Vor diesem Hintergrund werden regelmäßig auch die Begriffe Cyber-physische Systeme, Internet der Dinge, Cloud Computing und Smart Grid benutzt“20, ergänzte Xanadu. „Smart Grids beispielsweise sind intelligente Stromnetze. Und das Smart Building ist das Gebäude der Zukunft; es ist nicht nur ein Arbeits-, Wohn- und Lebensraum mit gesteigerter Funktionalität, sondern zeichnet sich auch durch effiziente Energie- und Wassernutzung sowie geringe Betriebskosten aus.“
„Smart Home“, meinte nun Leo, „dient als Oberbegriff für technische Verfahren und Systeme in Wohnräumen und -häusern. In deren Mittelpunkt steht die Erhöhung der Wohn- und Lebensqualität, der Sicherheit und der effizienten Energienutzung auf Basis vernetzter, fernsteuerbarer Geräte und Installationen sowie automatisierbarer Abläufe.21 Wir zählen dazu sowohl die Vernetzung von Haustechnik und Haushaltsgeräten (z. B. Lampen, Jalousien, Heizung, aber auch Herd, Kühlschrank und Waschmaschine) als auch die Vernetzung von Komponenten der Unterhaltungselektronik (etwa die zentrale Speicherung und heimweite Nutzung von Video- und Audio-Inhalten). Unser Kühlgerät zählt natürlich auch dazu. In einem Smart Home sind quasi alle Leuchten, Taster und Geräte untereinander vernetzt. Die Geräte können Daten speichern und eine eigene Logik abbilden. Das eigentliche Smart Home verfügt über eine eigene Programmierschnittstelle, die (auch) via Internet angesprochen und über erweiterbare Apps gesteuert werden kann.22 Im Internet der Zukunft wiederum werden Dienstleistungen genauso einfach bereitzustellen und zu nutzen sein, wie es für Produkte (Schuhe, Bücher etc.) schon heute der Fall ist.“
Kara meldete sich zu Wort und fragte nach der Bedeutung von 3D-Druckern für die digitale Arbeitswelt. Leo antwortete: „Ein 3D-Drucker ist eine Maschine, die dreidimensionale Werkstücke aufbaut. Der Aufbau erfolgt computergesteuert aus einem oder mehreren flüssigen oder festen Werkstoffen nach vorgegebenen Maßen und Formen.23 Mit 3D-Druckern könnten auf Grundlage vorgegebener Muster viele Produkte aus Kunststoff etc. hergestellt werden.24 Es kommen alle Produkte in Betracht und man könnte z. B. auch in seiner Wohnung Brillengestelle vom 3D-Drucker ausdrucken lassen. Sogar Flugzeugbauteile können durch 3D-Drucker hergestellt werden.“25
Fiona projizierte daraufhin die Präsentation ihrer Gruppe mit dem Beamer an die Rückwand des Gartenschuppens. Sie begann mit verschiedenen Bildern von Robotern. „Wir haben ja alle zusammen den Film Terminator Genesys‘ gesehen und können uns vorstellen, was unter Künstlicher Intelligenz (KI) verstanden wird“, eröffnete sie ihre Ausführungen. „Allerdings existieren zurzeit keine solchen Roboter, aber KI umschreibt tatsächlich den Ansatz, eine menschenähnliche Intelligenz abzubilden. Dies soll durch die entsprechende Programmierung eines Computers erreicht werden.
Das Wort Roboter tauchte das erste Mal in dem tschechischen Bühnenstück ‚R.U.R.‘ (Rossum’s Universal Robots) von Karel Capek aus dem Jahr 1920 auf.26 1941 prägte Isaac Asimov den Begriff Robotik und gab uns im Jahr darauf die Basis für diese Wissenschaftsdisziplin mit den folgenden drei Gesetzen der Robotik:
Ein Roboter darf keinen Menschen verletzen oder durch Untätigkeit zu Schaden kommen lassen.
Ein Roboter muss den Befehlen eines Menschen gehorchen, es sei denn, solche Befehle stehen im Widerspruch zum ersten Gesetz.
Ein Roboter muss seine eigene Existenz schützen, solange dieser Schutz nicht dem ersten oder zweiten Gesetz widerspricht.“
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Fiona fuhr fort: „Später ließ Asimov in seinem Roman ‚Das galaktische Universum‘ einen Roboter noch das nullte Gesetz formulieren: ‚Ein Roboter darf der Menschheit keinen Schaden zufügen oder durch Untätigkeit zulassen, dass der Menschheit Schaden zugefügt wird.‘ Wir kennen aus dem Science-Fiction-Genre vielfältige Roboter. R2-D2 und C-3PO, den Terminator und zahllose Darstellungen von Androiden, Cyborgs und Replikanten.“
„Allerdings wies der Robotiker Hans Moravec darauf hin“, ergänzte Mayu, „dass es relativ einfach ist, Computer mit der Leistungsfähigkeit von Erwachsenen Mathematikaufgaben lösen, Intelligenztests bewältigen oder Schach spielen zu lassen, dass es hingegen schwer oder unmöglich war, sie im Hinblick auf Wahrnehmung und Bewegung mit den Fertigkeiten eines einjährigen Kindes auszustatten.“28
„Ja, das ist richtig“, meinte Fiona, „mittlerweile wird diese Annahme als Moravec‘sches Paradoxon bezeichnet. Heutzutage beginnt aber in der Robotik ein Umdenken. Roboter können bereits einfache menschliche Tätigkeiten übernehmen und die Menschen in den Fabrikhallen zum Teil ablösen. Diese Entwicklung ist auch auf das Mooresche Gesetz zurückzuführen. Nach Moore verdoppelt sich die Kapazität integrierter Schaltkreise alle zwei Jahre. Zusätzlich bedingt die lernende Software diese Entwicklung. Allerdings soll sich in Zukunft die Entwicklung neuer Chips um sechs Monate verlangsamen, die Halbleiterbranche stößt an eine physische Grenze und forscht mittlerweile an anderen Materialien als Silizium. Das Silizium-Zeitalter geht zu Ende.“29
Fiona wandte sich an Leo: „Der kooperative Roboter Baxter von dem Unternehmen Rethink Robotics lernt beispielsweise, indem man ihn am Handgelenk packt und mit ihm die gewünschten Bewegungsabläufe ausführt. Eingesetzt als Arbeitskraft hat der humanoide Roboter gegenüber dem Menschen bedeutsame Vorteile. Baxter braucht keine Pausen, keinen Urlaub von sechs Wochen, unterliegt nicht der Sozialversicherungspflicht und bedingt keine Personalkosten.30 Es existieren aber ganz unterschiedliche Roboter und man kann diese nach Konstruktionsweise oder Verwendungszweck unterscheiden: Berücksichtigen wir die Konstruktionsweise, können wir zwischen autonomen mobilen Computern, humanoiden, kognitiven Robotern und etwa Laufrobotern unterscheiden. Ausgehend vom Verwendungszweck gibt es Erkundungs-, Industrie-, Medizin-, Militär-, Personal-, Service- und Spielzeugroboter.“31
Jetzt richteten alle ihre Augen auf Yoschi, den hundeähnlichen Spielzeugroboter Aibo von Sony, den Mayu von ihrem Bruder geschenkt bekommen hatte. Mayu spielte am liebsten Fußball mit Yoschi. Aber heute wollte der Hund von Schwiegermutter mit Yoschi spielen. Allerdings reagierte Yoschi nicht auf dessen Annäherungsversuche und verschwand hinter dem Grill, um allein Ball zu spielen.
„Was sind denn humanoide Computer?“, fragte dann Leo.
„Die Konstruktion humanoider Computer orientiert sich natürlich an der Gestalt des Menschen. Sie besitzen Arme und Beine und sollen mit diesen Arbeiten verrichten“, antwortete Fiona.
Mayu griff diesen Gedanken auf: „Wichtige Fortschritte wurden hierfür durch den internationalen Robotikwettbewerb DARPA Robotics Challenge erreicht. Das DARPA ist eine Behörde des US-Verteidigungsministeriums und soll die Entwicklung von Bodenrobotern unterstützen, die in der Lage sind, komplexe Aufgaben in gefährlichen und umweltschädlichen Umgebungen durchzuführen. Nach dem Unglück in Fukushima sollen die Roboter die Fähigkeit besitzen, Standardhilfsmittel, Geräte, Handwerkszeuge mit verschiedenen Ausführungen und Fahrzeuge zu bedienen.32 2015 gewann die südkoreanische Universität KAIST den Preis der DARPA Robotics Challenge. Der Computer musste einen Hindernisparcours bezwingen, eine Tür öffnen, ein Loch in eine Wand schlagen und ein Ventil schließen. In 44 Minuten haben die Koreaner als schnellstes Team den Parcours bezwungen und den Wettbewerb gewonnen.“33
Mayu schloss ihren Quantencomputer an den Beamer an und zeigte zunächst einen Videofilm über die DARPA Robotics Challenge. Anschließend rief sie einen Videofilm aus Japan auf und erklärte: „In Japan hat der Schwertkampf eine lange Tradition und die Konstruktion von Robotern eine große Bedeutung. Deshalb zeige ich euch heute einen Film des Unternehmens Yaskawa Electric. Das Unternehmen hat im Juni 2015 ein Robot Village in Japan eröffnet und zeigt dort 50 Roboter, die beispielsweise im medizinischen Bereich, in der Produktion und in anderen Bereichen eingesetzt werden können.34 Das Filmprojekt nennt sich Yaskawa Bushido Project und der Film zeigt einen Roboter, der Bewegungen der Samurai-Schwertkunst lernt. Der Roboter nutzt das Katanschwert, welches früher auch von Samurai getragen wurde.35 Der menschliche Schwertträger, der den Roboter lehrt, ist in Japan berühmt und heißt Isao Machii. Er ist Meister in der Schwertkampftechnik Lai Jutsu. Hochgeschwindigkeitskameras zeichnen seine Bewegungen auf und dienen als Vorlage für die Bewegungen des Roboters. Mit der Motion-Capture-Technik werden die Bewegungen aufgenommen und in den Highend-Industrieroboter Motoman von Yaskawa eingegeben.36 Der Schwertmeister führt unterschiedliche Aktionen mit dem Schwert aus, die vom Roboter übernommen werden. Der Roboter kann die gleitenden und fließenden Bewegungen des Schwertmeisters naturgetreu nachahmen. Die Zeitlupe verdeutlicht, wie präzise Mensch und Roboter mit dem Schwert umgehen. Beide zerteilen einen Bambusstab, eine Rosenblüte und Zitrusfrüchte. Die letzte Aufgabe, die der Tausend Schnitte‘, lässt den Roboter besonders gut aussehen. Ist der Mensch scheinbar ermüdet, so ist dem Roboter keine Belastung anzumerken.“ Allerdings hob Mayu zum Schluss ihrer Ausführungen noch hervor: „In einem realen Kampf gegen den Schwertmeister hätte der Roboter momentan keine Chance.“
Sie rief einen weiteren Videofilm auf, der einen Dinosaurier und eine Hotelangestellte hinter einer Hotelrezeption zeigte.37 Aus dem Kommentar zum Film ging hervor, dass das „Henn-na Hotel“ in Südjapan verschiedene Roboter einsetzte, die Hotelgäste bedienten. Der Dinosaurier etwa arbeitete an der Rezeption und checkte die Gäste ein und aus. Die Roboter beherrschten vier Sprachen und waren von der Firma Kokoro in Kooperation mit der Universität Osaka entwickelt worden. Die Roboter-Damen trugen Namensschilder. Von den Robotern wurden auch die Hotelzimmer gereinigt, die Koffer transportiert und die Reservierungen entgegengenommen. Der Film endete mit der Aussage, dass Roboter freundlicher und billiger seien als Angestellte.
Mayu rief auf dem „Amazon Watchblog“ im Internet einen Artikel mit dem Titel „Amazon setzt in der Logistik auf künstliche Intelligenz“ auf. Da Fiona dieses Projekt von Amazon bereits kannte, erklärte sie der Garten-Community die Hintergründe: „Im Amazon Development Center in Berlin arbeitet ein Team von Wissenschaftlern und Entwicklern an einer Technologie, die die Arbeit in der Logistik erleichtern soll. Dabei steht nicht nur die Verbindung zwischen Mensch und Maschine im Vordergrund, sondern auch die Frage, wie Maschinen Routineaufgaben erkennen und erlernen können. Machine Learning steht dabei in einem engen Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz, denn die Software ist dazu in der Lage, eigene Schlüsse aus eingegebenen Daten zu ziehen, die wiederum aus den Erfahrungen der Kunden sowie von Mitarbeitern der Logistikzentren stammen.“38
Leo fügte hinzu: „Das angesprochene Machine Learning bezieht sich beispielsweise auf die Art und Weise der Verpackung oder deren Größe. Zudem kann die Künstliche Intelligenz auch eine Vorhersage zu den benötigten Stückzahlen eines Produktes treffen. Eine regionale Prognose wäre diesbezüglich z. B. die Einschätzung, dass das neueste angesagte Sneaker-Paar im ländlichen Raum weniger nachgefragt wird.“39
Jetzt ergriff Harry als Sprecher der Gruppe Künstliche Intelligenz ungeduldig das Wort. „Das Forschungsgebiet Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence) beschäftigt sich mit Methoden, die es einem Computer ermöglichen, Aufgaben zu lösen, für die der Mensch seine Intelligenz einsetzen müsste. Nick Bostrom, Direktor am Future of Humanity Institute in Oxford, schreibt in seinem Buch ‚Superintelligenz‘ zur Künstlichen Intelligenz (KI) Folgendes: ‚Mit Maschinen, die dem Menschen an allgemeiner Intelligenz gleichkommen – die also über gesunden Menschenverstand ebenso verfügen wie über die Fähigkeit zu lernen, zu schlussfolgern und zu planen, um komplexe Herausforderungen in einer Vielzahl von natürlichen und abstrakten Bereichen zu meistern –, wurde seit der Erfindung des Computers in den 1940er Jahren gerechnet.‘“40
„Die heutigen Maschinen denken natürlich nicht wie wir, aber in Bereichen, in denen der Mensch nicht so gut ist, sind sie uns schon jetzt überlegen. Dies gilt besonders für die Analyse riesiger Datenmengen, wie sie im Zuge von Big Data erfasst werden“, fügte Mayu noch hinzu.
„Was unterscheidet denn die KI von unseren heutigen Computern?“, fragte Kara in die Runde.
„Das sind nur einige wenige, aber wichtige Punkte“, antwortete Harry. „‚KI-Systeme verarbeiten unstrukturierte Daten. Das bedeutet, sie filtern Informationen nicht nur aus klar definierten Datenbanken und Exceltabellen heraus, sondern aus Textdokumenten, Nachrichten, sozialen Netzwerken, Wetterberichten oder der gesprochenen Sprache, in Zukunft auch aus Bildern.‘41 Diese Systeme können aufgrund der strukturierten Daten Hypothesen bilden, bewerten und diese dann sofort mit dem jeweiligen Nutzer durch Feedbacks überprüfen und verbessern. Wir haben diesen Unterschied schon unter dem Stichpunkt Maschinelles Lernen bei Amazon kennengelernt“, erläuterte Harry weiter und setzte dabei ein ernstes Gesicht auf: „Mit der KI entsteht in der industriellen Fertigung eine neue Robotergeneration.“
Mayu konnte jetzt ihre Ungeduld nicht mehr zügeln: „Wurden mit Hilfe von Robotern in den vergangenen Jahrzehnten vor allem grobe Produktionsschritte automatisiert, sind neueste Industrieroboter dank KI-basierter Hochleistungssensorik nunmehr auch in der Lage, auch feinmotorische Aufgaben zu übernehmen und dabei direkt mit ihren menschlichen Kollegen zu interagieren.“42
Fiona ergänzte: „Kollaborative Roboter (Cobots) nehmen die Umweltverhältnisse wahr und eine sichere physische Zusammenarbeit von Mensch und Maschine wird möglich.“
Der Abend war fortgeschritten und Leo beendete die Diskussion: „Wir haben heute alle schon sehr viel über die digitale Arbeitswelt lernen können. Ich möchte mit euch morgen weitermachen und lade alle dazu ein.“ Die Anwesenden stimmten ihm zu und verabredeten ein weiteres Treffen zur Vorbereitung eines „Familienvertrages zur Digitalisierung“.
