Sus und Katz - Liesa Buch - E-Book

Sus und Katz E-Book

Liesa Buch

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Beschreibung

Die Stärke der beiden liegt in ihrer unbändigen Leidenschaft. Füreinander. Aber nicht nur die Lust verbindet sie, sie arbeiten auch zusammen: Sus und Katz, das sind Bonnie und Clyde - nur seitenverkehrt. Gemeinsam jagen sie einen Serienmörder, der Frauen tötet. Doch die Opfer sind nur Mittel zum Zweck. Als klar wird, dass der Täter ein ganz anderes Ziel verfolgt, wird das Ermittlerduo selbst zum Gejagten... "Ein genialer Plot zwischen knisternder Erotik und purer Lebensgefahr." "Ein brodelnder und heißer Vulkan - Liesa Buch ist ein außergewöhnlicher Wurf mit diesem Buch gelungen, quasi ein Touchdown." "Ein Feuerwerk der Gefühle." "Sus und Katz - ein außergewöhnlicher Thriller mit Suchtpotential."

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Seitenzahl: 177

Veröffentlichungsjahr: 2021

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"Man muss das Glück unterwegs suchen, nicht am Ziel, da ist die Reise zu Ende."

– ALTE WEISHEIT

Inhaltsverzeichnis

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Kapitel XI

Kapitel XII

Epilog

KAPITEL I

„Noch‚ ne tote Leiche“,

sagte Katz und grinste wie immer, wenn er das sagte. Sus verdrehte die Augen – wie immer, wenn er das sagte. Das gehörte zu ihrem Spiel und Sus war Katz dankbar dafür. Anders hätte sie sich manchmal schwer getan, mit diesen schrecklich schön aussehenden Leichen klar zu kommen. Diese hier war nun schon die dritte und mittlerweile wussten sie, dass sie es mit einem Serienmörder zu tun hatten.

Katz raschelte in seiner Jacke und zog sich ein paar geröstete Pistazien heraus. Er brach eine nach der anderen auf, steckte sie sich in den Mund und ließ die Schalen in der anderen Jackentasche wieder verschwinden. Er wollte den Tatort nicht versauen. Er wusste, dass selbst dieses vorsichtige Knabbern unmöglich war. Und gefährlich: Eines Tages würden sie einen dumpfen, Nüsse knackenden Affen jagen und hätten doch einen intelligenten, killerglatten Aal vor sich. Die Maßstäbe, die er für alle Anderen hinsichtlich der Unversehrtheit eines Tatorts setzte, erfüllte er selbst nicht. Er tat es trotzdem. Er knabberte und schaute sich um und das Knabbern und Schauen wurde eins; eine rhythmische Nachdenklichkeit bemächtigte sich seiner und seine Sinne wollten mit der Suche beginnen. Aber noch zögerte Katz. Und er beging einen zweiten Tabubruch. Langsam schlenderte er zu Sus und kniff sie in den Hintern. Sie kickte in seine Wade und stellte ein weiteres Täfelchen auf, um ihre Fotos zu kennzeichnen. Dann stand sie auf, drehte sich zu ihm um und sah ihm in die Augen. Katz kam näher. Sie spürte seine Hand ihren Rücken hinauf und unter ihrem langen Haar entlang zu ihrem Hals kriechen. Sie ließ ihre Arme, die Kamera in der einen, die Schildchen in der anderen Hand, fallen und schloss die Augen. Er hielt sie fest, sie roch wie er immer näher kam und dann mit seiner Zunge ihre Lippen öffnete. Sus gewährte ihm Einlass, fühlte seinen leichten Druck in sich, wie er ihren Gaumen streichelte, nach ihr fragte. Sie antwortete, sie kam zu ihm, sie saugte seine Zunge zu sich und lehnte sich in seine Arme.

Sus und Katz nahmen sich dieses Weggehen, das Abhauen aus der Szene, das beieinander und für sich und stark Sein immer wieder, wenn sie an Tatorte wie diese kamen. So wurden sie zu diesem unschlagbaren Team, das in wortloser Einheit die Szenerie vielfältiger aufnahm als einer das alleine konnte. Sie führten einander so durch das garstige Land der widerwärtigen Realität dieser Morde, die die erotischen Vorstellungen eines Verrückten spiegelten, dessen unerfüllte Wünsche ganz normal waren und versicherten sich mit ihrer intimen Berührung dieser Normalität.

SonderKommando: S+K, Sus+Katz. Manche Kollegen beneideten dieses erfolgreiche und schöne Paar, das immer dann zum Einsatz kam, wenn es brenzlig wurde. Die meisten aber liebten sie. So wie sie berühmte Schauspieler liebten, Musiker, YouTuber. Sus und Katz waren das Glamourpaar, die Sehnsuchtsphantasie, die Ansicht von dem, wie es sein sollte, wie man es für sich selbst wünschte.

S+K hatten mit den normalen, alltäglichen Fällen, die sie alle in wiederkehrender Routine bearbeiteten, nur selten zu tun. Meist waren sie in irgendwelchen komplizierten und langwierigen und ja, auch gefährlichen Missionen unterwegs – so wie jetzt bei diesem Serienmörder. Manch einer war froh, da außen vor zu sein, sich nicht in diese anstrengenden und aufreibenden Jagden begeben zu müssen, am Abend gemütlich nach Hause gehen und im Fernsehen über die unsinnigen, von ihrer wirklichen Arbeitswelt meilenweit entfernten Serienkrimis lachen zu können. Andererseits hatten S+K Privilegien, die sie auch gerne gehabt hätten. Aber das war doch überall so. Die einen, die paar Wenigen, fuhren die dicken Autos und die anderen mussten sich mit einem Opel begnügen. Die Natur hatte eben nicht jedem die elegante Schönheit eines Stars mitgegeben.

Sus war nicht nur schön, „sonderschön“ (wie ihr Katz manchmal ins Ohr raunte), sie war auch schlau, superschlau. Sie hatte als Beste ihres Jahrgangs das Abitur mit einer Null vor dem Komma hingelegt. Hingerotzt, wie ihre Freunde damals behaupteten, denn irgendwie schien es sie gar nicht besonders angestrengt zu haben. Sie war überall dabei, die Feten ohne sie waren selten und war sie nicht da, fehlte ihnen oft der Kick. Es gibt Leute, die kommen in einen Raum und sind das Zentrum, der Mittelpunkt, der Lichtkegel, den alle aufsuchen. Sus konnte träge dahinplätschernde Zusammenkünfte in Bewegung bringen, indem sie einen ihrer Kreativschübe darauf los ließ und zum Beispiel mit dem Vorschlag, den aktuellen Wunsch auf ein Blatt zu malen für ungeahnte Ereignisse sorgte. Eine Vorgehensweise, für die jeder andere nur ein müdes Lächeln oder ablehnendes Abwinken über den zu offensichtlich angehauchten Ringelpietz mit Anfassen geerntet hätte. Sus unterstellte man das nicht, man vertraute ihrer übersprühenden Ideenvielfalt, ohne dass es dafür einen Grund gab, außer dass die Ideen eben von dieser selbstsicheren, schönen Sus kamen. Jeder, der ehrlich war, mochte Sus.

Sie war trotz ihres aufsehenerregenden Leuchtens bescheiden und verschwenderisch mit ihrer Zeit. Sie hatte keine Angst, etwas zu verpassen. Wenn sie hörte, dass jemand Hilfe brauchte, war sie zur Stelle und dann war das der Ort, an dem sie blieb, bis sie das Gefühl hatte, gehen zu können. Es konnten kleine Dinge oder Angelegenheiten sein; Ines‘ Kummer über einen Korb oder der zu klein gewählte Tampon von Marlene, der als Zeichen seines überstrapazierten Fassungsvolumens einen verräterischen Fleck auf ihrer Hose hinterließ.

Götz war ein Großmaul und wie alle Großmäuler ein Schwächling. Warum sich Ines gerade ihn ausgesucht hatte, war für Sus nicht entscheidend. Sie ging zu ihm, während er sich in der Runde seiner Bewunderer brüstete, küsste ihn leidenschaftlich, ließ ihre weibliche Macht über ihn fallen wie ein Netz und Götz erwiderte ihren Kuss mit auflodernder Begierde und die Beule in seiner Hose wurde für alle sichtbar. Dann löste sie sich von ihm, tippte mit ihrem Zeigefinger auf seinen steifen Penis unter der Hose, so dass auch der Letzte darauf aufmerksam werden konnte und sagte:

„Lieber Götz! Nur ein kleiner Kuss und Du gehst schon so ab? Du musst unbedingt cooler werden!“

Sie lächelte ihn an und ließ ihn stehen. Götz wurde tiefrot. Ob es Scham oder Wut oder beides war, spielte keine Rolle mehr. Sus hatte Ines seine Unterlegenheit gezeigt und die hatte die Lust auf den Kerl verloren.

Sus hielt nichts von Scham und Scheu, sprach klar und ohne Heimlichkeit die Dinge aus und bevor Marlene sie daran hindern konnte, hatte sie schon festgestellt:

„Mensch, Du läufst ja aus! Komm, ich begleite Dich nach Hause.“

Marlene, die sich nicht getraut hatte, aufzustehen, schwor sich, Sus bei der ersten sich bietenden Gelegenheit umzubringen, folgte ihr dann und Sus begleitete sie mit ihrer gelassenen Sicherheit und Fröhlichkeit nach Hause. Niemand machte sich über Marlene lustig, die Mordgelüste verflogen mit jedem Meter, den sie zurücklegten und Marlene wusste plötzlich, dass nichts peinlich war, außer man machte es dazu.

Respekt brachte Sus eine andere Sache, eine wirklich große, ein. Siegfried war dick, roch unangenehm, seine Familie kleidete ihn in braune Hosen und karierte, bunte Hemden. Er war das Abbild eines Versagers, sein Handy war uralt. Jeans und Sweatshirt waren keine Option. Geld hatte diese Familie definitiv nicht, mehr wusste keiner. Siegfried hatte zwar einen gewissen Stolz und war keineswegs traurig, nicht zum Götz-Freundeskreis zu gehören, aber er schien auch zu ahnen, dass er die Verliererstraße wohl kaum verlassen würde. Auch Sus beachtete ihn nicht weiter, bis er nicht mehr auftauchte und sie ihn eine Woche später mit zugeschwollenem Auge und aufgesprungener Lippe hinter dem Bahnhof entdeckte. Als er sie bemerkte, rannte er nicht weg. Was hatte sie hier überhaupt zu suchen? Er baute sich auf und spuckte auf den Boden. Sus blieb in sicherer Entfernung stehen und blickte ihn an. Er blickte zurück, so gut es mit dem einen Auge ging, trotzig, aggressiv, gedemütigt, dem Heulen nah. Sus erkannte das letzte, ging rasch, bevor er sich wappnen konnte auf ihn zu und umarmte ihn. Siegfried konnte das nicht zulassen, sie hatte ja keine Ahnung, sie gehörte nicht in seine Welt, ihre Umarmung war so falsch wie sie. Er befreite sich, holte aus, wollte sie schlagen, aber Sus war schneller. Sie duckte sich und stieß ihm dann ihr Knie so hart unter den Magen, dass er taumelte und sich setzen musste. Sus setzte sich neben ihn. Sie legte ihren Arm über seine Schulter und nun heulte Siegfried los. Ein großer, dicker Kerl mit braunen Hosen und zugeschwollenem Auge saß hinterm Bahnhof bei den Containern auf dem Bordstein und zerfloss in Tränen. Und sein Schluchzen war tief, es nahm ihm fast den Atem. Er versuchte, sich zu beruhigen – aber es gab keine Ruhe für ihn. Zu viel Schrecken, Trauer und Angst hatte sich bei ihm Eintritt verschafft. Sein Innenraum war voll, die Tür ließ sich nicht mehr öffnen, es gab keinen Ausweg mehr. Und er fühlte sich kaputt, er war kaputt. Sus blieb neben ihm sitzen, lange. Die andern Leute waren weit weg, keiner bemerkte sie. Allmählich ließ das Schluchzen und Schütteln von Siegfried nach und er schien ruhiger zu werden. Sus wartete. Schließlich war er fähig und bereit, etwas zu sagen:

„Nur noch diese Woche, dann hau ich ab.“

„Warum diese Woche?“

„Meine Schwester.“, sagte Siegfried.

Sus wusste, dass sie mehr nicht von ihm erfahren würde und wohin er abhauen würde, war auch egal. Entscheidend war seine Schwester. Und dorthin würde sie ihn nun begleiten. Sie erwartete, dass ihr Vorschlag, gemeinsam zu ihr zu gehen, abgelehnt würde. Aber Siegfried schien erleichtert. Es war eine Mischung aus Furcht und Liebe, die er seiner Schwester entgegenbrachte. Und dass ihn nun jemand zurück begleiten würde, machte es einfacher.

Das ganze Drama, das sich Sus offenbarte, als sie mit Siegfried zusammen in das heruntergekommene Haus im Hinterhof einer verwahrlosten Gasse eintrat, überforderte sie. Was sollte sie, was konnte sie hier ausrichten. Sie war ein siebzehnjähriges Mädchen aus einer behüteten Welt, das offensichtlich in der Hölle, deren Gesetze sie nicht verstand, gelandet war. Vor wenigen Tagen war Siegfrieds Mutter gestorben, sie lag noch immer tot und schlimm zugerichtet im Bett im Nebenzimmer. Die fehlende Tür gab den Blick frei. Der Vater, ein finster drein blickendes, dünnes Kerlchen saß gefesselt auf einem Stuhl in eben diesem Raum und brüllte immer wieder lallend irgendwelche Silben. Er war offensichtlich im Delirium. Er hatte, seit er die Mutter umgebracht hatte, keinen Alkohol mehr bekommen und seine Kinder hatten ihn an diesen Stuhl gefesselt. Die Schwester von Siegfried war hübsch und groß und hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihm. Sie war ein paar Jahre älter als er und kümmerte sich liebevoll um ein kleines Mädchen von ungefähr vier Jahren. Siegfried blickte scheu zu ihr hin, sie schien ihn nicht sonderlich zu mögen. Und sie verübelte ihm, dass er jemanden mitgebracht hatte.

„Sie wird die Polizei holen!“

Ein missbilligender, böser Blick traf auf Sus. Die Situation war am Entgleisen, Sus spürte, dass es gefährlich wurde. Sie war völlig überrascht von diesen Umständen und wusste nicht, wie sie hier sicher wieder rauskam.

Siegfrieds Rache, dachte sie.

Er benutzt mich, um zu entkommen.

Sie fühlte sich hilflos, naiv, überwältigt, allein. Was musste sie jetzt tun? Was würde ihr Vater tun?

„Furchtlosigkeit und Offenheit holt Dich aus der Defensive.“, hatte er ihr einmal gesagt, als sie ihm von den Gemeinheiten eines Lehrers berichtete. Man muss die Dinge benennen, sie ansprechen. Sie musste jetzt die Situation mit Worten klären. Und Sus wuchs über sich und ihre Furcht hinaus. Sie konnte die Schwester überzeugen, dass es nur hilfreich sein würde, die Polizei zu rufen und dass nicht sie, sondern die Schwester selbst das tun musste. Sie konnte Siegfried überzeugen, dass er einen Arzt aufsuchte und nicht abhaute. Sie konnte ihren Vater überzeugen, dass Siegfried ein intelligenter Junge war, der eine Chance brauchte und mit seiner Hilfe konnte sie einen Platz für ihn in einem Wohnprojekt finden. Acht Wochen später war Siegfried wieder in der Schule, er hatte eine Jeans an, Hoffnung im Blick und ab und zu sogar ein Lächeln auf den Lippen. Selbstsicher war er noch lange nicht. Eine solche Sicherheit bekommt man nicht von heute auf morgen. Aber er wusste, dass er Unterstützung bekam. Von den Menschen mit denen er nun lebte und von Sus in der Schule. Seine Story war durch die lokale Presse gegangen und auch wenn Sus unerwähnt blieb – das hatte ihr Vater mit all den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln durchgesetzt – war allen Mitschülern klar, dass es ohne Sus ein schlimmes Ende genommen hätte. Und viele bewunderten sie wieder einmal und keiner wagte, Siegfried zu schaden. Manche erkannten sogar, dass dieser Junge, der durch die Hölle gegangen war, ihnen einiges voraus hatte.

Die meisten ihrer Freunde dachten damals, dass Sus einfach eine furchtlose, uneigennützige Person sei, der alles zuflog und natürlich bewunderten sie ihre Freiheit. Sus wusste es besser. Alles was sie tat, meist spontan und direkt ihrem Gefühl folgend, brachte ihr etwas zurück. Einsatz und Anstrengung waren die Voraussetzung für Stärke. Stärke befreit Dich von der Angst. Und Freiheit bedeutete nichts verlieren zu können, weil es nichts zu verlieren gab.

Freedom’s just another word for nothing left to lose.

Ihr Vater hatte diesen Satz von Kristofferson, den Janis Joplin in unnachahmlicher Weise interpretiert hatte, oft erwähnt und er war sozusagen das Leitmotiv seiner Arbeit, die ihn reich gemacht hatte.

„Wenn Du bereit bist, alles los zu lassen, dann kommt alles zu Dir. Halte aber nichts davon fest. Es wird Dir entgleiten, sobald Du daran ziehst.“

Sus lächelte. Ihr Vater war bei all seinem Engagement ein Sprüchemacher. Seine Sprüche waren gut. Klar. Aber was sie nicht sagten, was Sus aber schon immer wusste, war, dass Du solche Sprüche nur machen kannst, wenn Dir Verlieren nichts bedeutete. Wenn Du ein Geschlagener bist, ist jedes Verlieren ein weiterer Schlag, der Dich eben nicht frei macht, sondern nur noch schwächer, noch unfähiger und Dich noch mehr der Möglichkeit beraubt, Dich anzustrengen. Nicht jeder hatte die Kraft, den Berg zu erklimmen, um eine weite Sicht zu bekommen. Ein anderes Bild ihres Vaters. Manche blieben für immer im Tal liegen.

Das hatte Sus aufmerksam gemacht. Es war nicht ganz so einfach mit dem Gewinnen und dem Verlieren. Ein uralter Weiser, Sunzi, der General der vor mehr als 2500 Jahren über die Kunst des Krieges geschrieben hatte, bemerkte einmal, dass die größte Leistung darin bestünde, den Widerstand des Feindes ohne einen Kampf zu brechen. Natürlich befand sie sich nicht im Krieg und Feinde konnte sie keine erkennen. Im Gegenteil, sie hatte immer das Gefühl auf einer Welle aus Freundlichkeit, Freundschaft und Liebe zu schwimmen. Aber es gab auch eine Hölle. Und die konnte man nicht durch Kampf besiegen. Man musste ihre Macht anders brechen.

Das hatte Sus weich gemacht. Stark war sie trotzdem. Sie spielte als schnelle Außenschwimmerin Wasserball. Das war ein kräftezehrender Sport und genau das liebte sie. Den Einsatz bis es weh tat. Und das Team. Alleine kann man in diesem Sport nichts erreichen. Das war ihr Äußeres. Weich wurde sie mit der Musik. Musik war ihre Anlegestelle, wenn sie aussteigen wollte. Sobald sie ihren großen Bass ausgepackt und ihm durch ihr Streichen diese beruhigenden, tiefen Töne entlockt hatte, war sie eins mit dieser Welt. Die Farben der dunklen Laute beruhigten ihre angespannten Sinne, sie konnte leise werden, sich zurückziehen und Hast und Last verschwanden unter der warmen Sonne der Klänge. Zu gemütlich konnte es Sus aber nicht ertragen. Ihr Wille, wo immer es nötig war, aufzustehen und bereit zu sein, brach sich Bahn in den stampfenden Rhythmen des Blues (Janis Joplin ließ grüßen). Sie spielte mit ihrer Band, den Blue Jazzmics, nicht nur auf Schulfesten und bediente dort den Elektrobass auf eine Weise, die ihren alten Musiklehrer an Eberhard Weber erinnerte und das nicht ohne Grund.

Wie Sus das alles schaffte, wusste keiner so recht, am wenigsten sie selbst, denn ihr fiel gar nicht auf, dass sie immer, wenn sie nicht schlief, in Aktion war. Aber wenn sie schlief, dann richtig. Sie aus dem Schlaf zu holen, war eine Herausforderung. Ihr Freund Franziskus, den sie im letzten Schuljahr kennen und lieben lernte, hat das einmal so ausgedrückt:

„Sus kannst Du streicheln wo Du willst, wenn sie schläft schnurrt sie allenfalls wie eine Katze, aber aufwachen wird sie nicht.“

Sus war das nicht peinlich, als er das im Kreise ihrer Freundinnen einmal scheinbar frustriert, aber natürlich nicht ohne Hintergedanken, von sich gab und die Mädchen seine Schilderung mit einem bedauernden Ton an Franz und neidischen Blick auf Sus quittierten. Das wünschten sie sich auch. Überall gestreichelt zu werden. Franz, der das damals noch nicht wusste (Sus wusste es), hatte ein Auge auf Annie geworfen. Die war so schön wie Sus, hatte aber einen weniger tiefen Schlaf und Sus dachte, dass es Franz, den sie sehr mochte, mit ihr vielleicht leichter hätte. Im Übrigen wusste sie natürlich genau, dass Franz nur die halbe Geschichte erzählte. Wenn sie bei ihm schlief und er morgens, selbst schon ganz steif, anfing sie zu streicheln, erst über den Bauch, dann weiter auf ihrem Höschen ihre Härchen darunter, tiefer zwischen den Beinen, die sie langsam öffnete, wachte sie auf. Aber noch nicht für Franz. Für ihn und ihre Lust war sie, wenn sie bei ihm schlief, dazu übergegangen, statt ihrer normalen Baumwollhöschen die leichten fast durchsichtigen aus Elastan zu tragen, damit er und sie einander besser fühlen konnten. Denn Franz würde nun mit dem Stoff zwischen den Fingern ihre Schamlippen reiben und dann ihre kleine Stange suchen, sie ebenfalls vorsichtig steif machen, indem er ihre sich füllenden Lippen als kleine Pressschwämme gegen ihre Klitoris einsetzte, die immer mehr nach oben drängte und sie dieses drängende Beben spüren ließ und dann würde Franz die sich im Stoff ausbreitende Feuchtigkeit nützen, um unter das Höschen zu kriechen und ohne ihre kleine Spitze zu vernachlässigen langsam seinen Finger in sie schieben und von unten noch mehr Druck auf ihre schwellende Lust ausüben. In ihrem Kopf würde nun dieses flatternde Summen einsetzen und dann musste sie wachwerden. Ihr Atem wurde zittriger, sie begann zu stöhnen, ihre Schenkel pressten sich gegen seine Hand, sie suchte seinen Mund, machte ihre Beine weit auf, hob sie leicht an und ließ dann dem aufgebauten Druck freien Lauf, vibrierte sich in den Orgasmus und flatterte zum Lösungspunkt, der sie in seinen Armen zusammenfallen ließ. Dann blieb sie eng an ihn gekuschelt, saugte seinen Duft ein, schob nach einer Weile ihre Hand zu seinem harten Penis, der sich gegen sie presste und rieb mit ihrer zur Faust geballten Hand langsam seinen Saft aus ihm heraus, bis auch er schwer atmend neben ihr zusammenfiel.

KAPITEL II

Sus stand vor der Leiche. Das Mädchen war so schön und völlig unversehrt. Allein, dass der Körper nicht mehr atmete, deutete darauf hin, dass er tot war. Die Szene erinnerte an einen pornographischen Film. Vollkommen nackt, die Beine leicht gespreizt, die rechte Hand auf der Scham. Sex konnte so schön sein. Und dann der Tod. Katz trat neben sie. Auch er warf stumm einen langen Blick auf das tote Mädchen.

Dann flüsterte er:

„Ich schau mich um“.

Sus nickte und drückte ab. Das Foto war verwackelt, sie machte noch eines. Katz schlich durch den Raum. Das machte er immer. Er brauchte die Stille, die nur durch das Klicken von Sus‘ Kamera unterbrochen wurde. Manchmal blieb er einfach stehen und durchwanderte die Spuren des Raums in die nahe Vergangenheit. Er versuchte zu erfassen, was hier nur ein paar Stunden vorher geschehen war. Und oft gelang ihm dies auch. Eine schräg stehende Kerze, ein merkwürdiger Schattenwurf eines Vorhangs, die Delle im Teppich. Katz entging nichts und sein Gehirn bastelte daraus eine Geschichte.

Man musste sich Zeit nehmen. Manchmal viel Zeit. Auch wenn die Zeit drängte. Denn Flüssigkeiten konnten