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Fliegen ist die Welt umarmen vom Himmel aus, denkt Johann, alles ist möglich. Doch dann verschweigt ihm Susanna, wer sein Vater ist. Mit dieser Selbstungewissheit im Nacken und einem absoluten Drang nach Autonomie arbeitet sich Johann nach oben. Und er stößt an seine unbekannte Herkunft und an seine Grenzen gleichermaßen. "Susannas Schweigen" ist ein Roman mit zeitgeschichtlichen Bezügen. Was 1910 in Oberungarn beginnt, endet 1968 mit dem Einmarsch der Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei. Die Handlung spielt abwechselnd in der Slowakei und in Deutschland, dabei blinkt das Thema der Fliegerei leitmotivisch auf.
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Seitenzahl: 265
Veröffentlichungsjahr: 2020
Denen gewidmet, die nicht reden können
Ingrid Samel
Susannas Schweigen
Roman
Die im Roman dargestellten Figuren sind wie ihre Handlungen fiktiv. Ähnlichkeiten zu Menschen, die ein ähnliches Schicksal gehabt haben mögen, sind möglich, auch stimmt vielleicht das eine oder andere Detail mit dem überein, was sie getan oder entschieden haben. Der Roman als Fiktion jedoch geht über das alles weit hinaus.
© 2020 Ingrid Samel
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Coverfoto: © Samel
ISBN
Paperback:
978-3-7497-9831-5
Hardcover:
978-3-7497-9832-2
e-Book:
978-3-7497-9833-9
Das Werk einschließlich seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Inhalt
Teil I Susanna
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Teil II Johann
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Teil III Hana
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Teil IV Sabeth
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Zeittafel
Über die Autorin
Deutschland, April 1968
Die Post lag sorgsam aufgeschichtet auf dem Schreibtisch, als Johann am späten Nachmittag das Büro betrat. Er sah sich ein paar der Briefumschläge an und legte sie beiseite. Ein graues Kuvert fiel ihm auf. Endlich. Er wendete den Brief hin und her, dann brach er ihn auf und las. Jede Kleinigkeit war wichtig.
Johann las aber immer langsamer. Sich den Sinn erschließen, dachte er. Es half nichts. Der Sinn lag verborgen, hinter der holperigen Sprache eines deutschen Amts.
„Eine Kooperation … möglich, sobald …“ Sie schienen Forderungen zu stellen. „… sobald Sie Ihren …“ Johanns Atmung stolperte, er gab sich einen Ruck, weiterzulesen, „Staatsangehörigkeit … Herkunftsnachweis … nötig, dass Sie …“, jetzt kam es, „Namen und Anschrift eines in der Slowakei verbliebenen Vaters … “
Johann setzte sich, stützte den Kopf mit der Hand. Wie lange war das alles her? Mehr als dreißig Jahre! Er hatte sich nie, wie sie es nannten, als Staatsangehöriger dieses anderen Landes gefühlt. Ein Bub war er gewesen, vierzehn Jahre alt. Und noch nie hatte jemand offiziell nach seinem Vater gefragt. Johann wischte mit der Hand durch die Luft, als wollte er Mücken verscheuchen. Das mit der Herkunft, wie es hier in dem Brief stand, war anders gewesen. Er war ohne Vater aufgewachsen, hatte auch nicht viel über ihn nachgedacht. Er hatte eben keinen Vater gehabt. Punkt.
Johann schluckte. Aber er konnte diese Kälte nicht einfach herunterschlucken, diesen kalten Kloß, der ihm im Hals saß. Es war ein Gefühl, das er kannte. Verwundert stellte er fest, dass er sich im Moment nicht einmal ärgerte. Johann versuchte, sich aus dieser überbordenden Kälte zu retten, und warf den Brief zurück auf den Schreibtisch. Der rutschte mit Schwung über die Platte und fiel auf der anderen Seite hinunter.
Er schlug mit der Faust auf den Tisch. Hatte er nicht beste Verbindungen geknüpft, schon nach Übersee geliefert? Nie Probleme gehabt. Nur wegen Prag, wo man so sehr darauf hoffte, dass der Frühling weiter aufbrach und alles sich ändern würde – ausgerechnet wegen Prag kam die Vaterfrage hoch. Das deutsche Wirtschaftsministerium war nicht die Einwanderungsbehörde. Es musste doch möglich sein, wirtschaftliche Dinge von persönlichen zu trennen, Johann war jetzt wütend, kurz vor Vertragsabschlüssen kamen sie ihm mit ihrer bürokratischen Schikane. Es war doch Schikane, reine Schikane.
Teil I Susanna
1
Oberungarisches Bergland, Herbst 1910
Die Sonne schickte ihre ersten Strahlen in die Nebel, als der kleine Trupp sich aufmachte zum Einschlagplatz am kleinen Fluss, der hinter den dicht bewaldeten Bergen in den breiten Hron fließt. Die Männer liefen neben den Pferden, die den Kopf im gleichmäßigen Trott kaum hoben. Hinter den Fuhrwerken liefen die Frauen und größeren Kinder immer wieder ins Unterholz und sammelten das Reisig auf, das sie sich in Bündeln auf den Rücken warfen und dann auf die Wagen schoben. Das war das Holz für die Feuer, die sie am Abend wärmen würden.
Diesmal war die kleine Susanna mit dabei. Sie hatte lange gebettelt, endlich mitzudürfen, wenn sie hinaufgingen, das Holz zu schlagen. So oft blieb sie zurück und verbrachte den nicht enden wollenden Tag mit der Cousine. Während sie Stich für Stich die Nadel führten, fuhr ihnen der Hunger in die Magengrube. Susanna wartete dann allein auf den Augenblick, wenn die Mutter endlich zur Tür hereinkam.
In den Dörfern lebten die Menschen von dem, was der Acker hergab. Viel war es nicht. Von Frühjahr bis Herbst lieferten sie zusätzlich Holz ins Tal, damit es im Sägewerk zerschnitten wurde, lebten von den Früchten, die der Wald ihnen bot, von den Kräutern, den Kiefernzapfen, die die Kinder neben dem Reisig sammelten. Jetzt im Herbst war auch jeder Pilz, den die Frauen der Waldarbeiter fanden, eine Kostbarkeit. Sie legten ihn wie die Beeren sorgfältig in Leinwollsäckchen, um alles später auszulegen und zu trocknen. Dann hatten sie für den Winter, den sie im Haus verbrachten, etwas zu essen.
Nun lief Susanna der Mutter hinterher und gab sich gleichzeitig ihren Träumen hin. Sie stellte sich vor, dass kleine Wesen unter den Wurzeln der Bäume wohnten und sich kleine Wohnstuben eingerichtet hatten, in denen sie schliefen. Darin hatten sie einen Herd und ein Kochgeschirr, und vielleicht schauten sie gerade aus dem Haus und sahen Susanna, wie sie an ihnen vorbeilief. Luden sie sie zum Spielen ein? Susanna bückte sich, um genauer hinzusehen.
Die Mutter weiter vorn war unter dem riesigen Reisigbündel auf ihrem Rücken kaum noch auszumachen. Sie machte schnelle Schritte, dabei sah es so aus, als hätten die schwarzen Schuhe ein Eigenleben und liefen von allein unter dem langen Rock. Susanna blieb zurück und betrachtete die laufenden Schuhe, die immer kleiner wurden. Bald würden sie in die Wichtelstuben passen.
„Wo bleibst du nur!“, rief die Mutter. Es klang seltsam entrückt, weil sie sich nicht nach Susanna umdrehte.
Susanna lief schnell zu ihr hin. Sie hatte Mühe, ihre Schritte denen der Mutter anzupassen, und nun rannte sie fast neben ihr her. Doch tapfer hielt sie mit.
Es wurde hell. Die Landschaft weitete sich, und ein kleiner Bach floss direkt neben ihnen, als sie über eine Wiese liefen. Susanna sprang zur Seite. Sie ließ das gurgelnde Wasser über ihre Hände laufen und betrachtete eine gelb gestreifte Blüte, die sich mitten in rosa und rot blühenden Wiesenstauden stolz behauptete.
„Komm, Susanna!“, schalt sie die Mutter unwirsch. „Komm her zu mir, wir haben keine Zeit. Wir gehen weiter.“
Susanna sah auf das Loch in ihrem Schuh. Sie würden noch lange laufen, und es war ungewiss, wann sie wieder an dieser Stelle vorbeikamen. Da pflückte sie schnell die kleine Blume und steckte sie oben in ihre Tasche.
„Ich werde sie pressen“, sagte sie, glücklich über ihren Fund. „Dann können wir sie uns immer ansehen. Und meine kleine Schwester auch.“
Zufrieden reihte sie sich neben der Mutter ein, bei den Sammlerinnen mit den schnellen Schritten, die hinter den Waldarbeitern und den Pferden herzogen.
Als sie wieder nach Hause kamen, lag das Dorf bereits dunkel in der Abenddämmerung. Auch Susanna hatte einige Reisigbündel gesammelt und das letzte getragen, sie warf es ab und schleifte es zum Haus. Dann rannte sie in die Stube. Schön war es, wieder daheim zu sein. Aber jetzt war sie, nach einem langen Tag des Laufens, entsetzlich müde.
„Schau, Katrena, für dich!“
Damit holte sie die Blume, die mittlerweile mehrfach geknickt worden war, aus der Tasche und lief an die Wiege des Babys, die an der Seite des Zimmers stand.
Katrena schlief. Wie klein und dünn sie war. Noch richtig runzlig. Susanna rüttelte sanft am Bettchen.
Die Mutter war ruhig neben Susanna getreten. Sie zog ihr Kopftuch von den dürren Haaren und sah auf Katrena herunter.
„Was hat sie denn?“, fragte Susanna verwirrt.
Die Mutter zog Susanna zur Seite. „Lass sie“, meinte sie.
Katrenas Mund war leicht geöffnet. Etwas getrockneter Speichel lag in ihren Mundwinkeln. Sie war in ein graues Tuch gepuckt wie ein kleines Paket.
Susanna fasste nach den kleinen geschlossenen Fäusten, die mit dem Handrücken auf dem Kissen lagen. „Sie hat so kalte Hände“, meinte Susanna.
Katrena hatte doch auf sie alle gewartet! So, wie Susanna es so oft schon getan hatte, bis die Tür aufging und die Mutter endlich als Erste hereintrat.
„Mutter!“, rief Susanna. „Sie zappelt gar nicht.“ Sie drückte die Händchen, um sie zu wärmen, und versuchte, den kleinen Daumen zu befreien. Aber das Kind gab keine Antwort.
Die Mutter nahm langsam Katrena aus der Wiege und betrachtete sie. Dann drückte sie sie kurz an sich und drehte das Tuch, in welches das Baby gewickelt war, etwas auf. Sie legte das Ende des Tuchs über seinen Kopf und wiegte das Kind sanft im Arm.
„Katrena ist tot“, sagte sie. „Sie atmet nicht mehr.“
In die furchtsame Stille kam der Vater mit seinen Stiefeln hereingepoltert. Ohne den beiden einen Blick zuzuwerfen, ging er zum Bottich, hielt seine großen, schwieligen Hände hinein und wusch sich bis zum Ellenbogen.
„Mach das Essen warm“, sagte er zur Mutter hinüber, die reglos mitten im Raum stand. Erst als er sich mit dem Handtuch über Gesicht und Arme gewischt hatte, sah er auf. Die Mutter trat zu ihm hin und zeigte ihm stumm das Bündel mit Katrena, das sie auf ihrem Arm trug. Fragend sah er sie an. Sie nickte. Dann legte die Mutter Katrena zurück ins Bett. Sie nahm das Reisig und machte damit Feuer im Ofen an. Danach setzte sie das Wasser im Kessel auf. Bei allem, was sie tat, sagte sie nichts.
Susanna traute sich nicht, irgendetwas zu fragen. Ihr Kopf war verwirrt, sie fasste sich an die pochenden Schläfen. Warum atmete Katrena nicht mehr. War tot. Dann hielt Susanna die Luft an. Atmete ein und nicht mehr aus. Einige Sekunden konnte sie den Atem halten. Bis ihr Kopf schwirrte, er schien bald zu bersten, und ihr wurde schwindlig. Da holte sie tief Atem, noch einmal und noch einmal. Der Schwindel im Kopf ließ nach.
Der Vater ging mit Katrena noch einmal weg. Als er allein zurückkam, legte er der Mutter kurz die Hand auf die Schulter und setzte sich dann stumm an den Tisch. Da stand die Mutter einfach auf.
Susanna wurde unruhig. Wo ging die Mutter hin? Ging sie auch länger weg, wie der Vater es getan hatte?
Im Stall bei der kleinen Kuh ging das Licht an, und Susanna beruhigte sich. Die Mutter war im Stall. Nach einer Weile kam sie zurück und schüttete Milch in die Kanne. Davon gab sie etwas in die große Schale, in der sie den Käse anrührten, und stellte dann den Rest vor Susanna hin.
„Trink deine Milch“, sagte sie.
Susanna gehorchte und trank die warme, frische Milch in einem Zug aus. Sie füllte den Magen für die Nacht.
Später schickte die Mutter Susanna ins Bett. Es stand in der Nähe des Ofens, dessen Feuer hoch aufgelodert hatte und bald wieder erloschen war.
Die Mutter blieb beim Vater am Tisch sitzen. Sie hatten eine Lampe angezündet, deren Licht unruhig flackerte. Susanna lag allein dort hinten im Zimmer und betrachtete die beiden.
„Ich hätte auf Katrena aufpassen müssen“, dachte sie. „Warum bloß wollte ich mit den anderen mit!“
Ein Schauder lief ihr über den Rücken, als sie die Mutter sah, den Vater, das stumme Einverständnis spürte, das die beiden umgab. Das Licht warf gespenstisch wechselnde Schatten auf ihre Gesichter, die so starr waren, als wäre es ein Gesetz: Sei still. Frag nicht. Und doch hatte das Kind viele Fragen. So nahm Susanna in die Nacht und über die Träume mit, was sie instinktiv schon wusste: Katrena war tot. Nur Susanna sollte leben.
2
Susanna verrichtete mit ihren sechs Jahren bereits alle Aufgaben im Haushalt. Sie hielt die Wohnstube sauber. Nähte. Holte Feuerholz, wenn sie welches im Schuppen hatten. Die Tage wurden gegen Ende des Herbstes bereits sehr frisch, doch gingen sie auch da noch sparsam mit dem Holz um. Nur an manchen Abenden und wenn sie Brot backten und dann mit der ausgehenden Glut noch die Stube heizten, war es ausreichend warm.
Die Menschen gingen überhaupt hart miteinander um. Wer hinten war, blieb liegen. Hatte man zu viele Mäuler zu stopfen, kam man nicht mehr hoch.
Eigentlich war es eine kleine Kuh, die die Familie ernährte. Sie hatte im letzten Jahr gekalbt. Und obwohl Susanna immer größer wurde, blieb die Kuh klein und dünn. Es war eine der neuen Aufgaben Susannas geworden, die Kuh zu melken und die Milch in den großen Rahmbottich zu schütten. Sie stieg dann auf den Stuhl, um mit der hohen Kanne an den Bottich zu gelangen, und achtete sorgsam darauf, nichts zu verschütten. Die Milch ließen sie stehen, und nach ein paar Tagen lief die Molke langsam ab. Was zurückblieb, wurde gerührt und getrocknet, da hinein gaben sie das Brot. Und wenn es Susanna kalt war und einsam in diesem Winter, der auf Katrenas Tod folgte, dann lief sie zur kleinen Kuh in den Schuppen und lehnte sich mit dem Rücken an sie.
„Ej, Janik, Janik“, sang sie, „schlaf ein Schläfchen“, und die Kuh drehte ihren Hals zu ihr hin. Ihr Wiederkäuen hatte etwas Beruhigendes. Susanna träumte sich so in ihr Märchenland und spielte dort mit dem Katrena-Kind, das auf diese Weise seinen Platz in Susannas Vorstellungswelt bekam. Manchmal schlief Susanna dann am Rücken der wiederkäuenden kleinen Kuh von Gedanken warm umhüllt friedlich ein.
Die Tage vergingen, wie die Jahreszeiten kamen und gingen. Auch der Winter sollte hart werden, sie hatten oft reichlich Schnee, doch das Licht des Morgens entschädigte Susanna immer für alles.
Jetzt erst recht. Susanna ging seit dem Herbst in die Schule, denn die Ungarn hatten die Schulpflicht auch für die Slowaken im oberungarischen Bergland eingeführt. In der Schule war es anders als im dunklen Zimmer daheim. Hier war Susanna gern, malte die Buchstaben mit so großen Schleifen auf ihre Tafel, dass der Lehrer sie des Öfteren ermahnte, nicht vor Eifer über die Linien zu schreiben.
Es war auch im Winter warm im Schulzimmer, denn jeden Tag brachte ein anderes Kind Kohle oder Holz für den großen, schweren Eisenofen mit. Und dann gab es zum Glück die Pausen. Auf dem Schulhof verloren sich die Kinder im Spiel und rannten wild umher. Viele Kinder setzten sich auch einfach hin und schauten den anderen zu, so wie Susanna und Martina mit den großen blauen Augen, die Susanna ihre beste Freundin nannte. Sie waren schon müde in die Schule gekommen, weil sie am Morgen zu Hause ihre Arbeiten hatten verrichten müssen.
Susanna lernte in ihrem ersten Winterschuljahr auch eine neue Sprache: Ungarisch. Das war die Amtsund damit auch die Unterrichtssprache. Untereinander sprachen die Kinder aber leise Slowakisch, wenn sie meinten, dass der Lehrer es nicht hörte.
„Das ist ein Magyarone! Ein ungarisch Gesinnter!“, meinte der Vater daheim oft, wenn sie vom Lehrer sprachen. Das klang wie ein Schimpfwort.
„Sei ruhig, Milan Človek!“, schalt ihn die Mutter dann sofort. „Wenn dich jemand hört!“
Der Lehrer war Slowake. Auch er war in der Gegend groß geworden. Er ließ es sich nicht anmerken, ob er es mitbekam, wenn die Kinder außerhalb seines Unterrichts in ihre eigene Sprache wechselten.
Alle redeten seit einigen Tagen davon: Der österreichische Thronfolger war in Sarajewo umgebracht worden. Aber keiner konnte sich ausmalen, was das sie angehen oder für sie bedeuten würde. Dann kam der Vater nach Hause.
„Es ist Krieg!“, rief er und wedelte aufgeregt mit seiner Hand in der Luft herum.
Susanna war damals mit ihren zehn Jahren sehr zart, und als er das so schrill hinausrief, zitterte sie wie die kleine Kuh, wenn sie fror.
Doch vom Krieg selbst bekam sie nichts mit. Alles schien weit weg, Krieg war nur ein Wort, mit dem sie nichts anzufangen wusste, viel schlimmer war der Vater, der seinen Zorn bald immer wieder hinausbrüllte. Der Krieg, meinte er, mache die Städte kaputt. Die Stadt jedenfalls war weit weg, einen halben Tag lang war man mit dem Fuhrwagen unterwegs, um hinzukommen. Als sie im Herbst dann in die Stadt fuhren, um Mutters Pilze zu verkaufen, stand ihre Stadt noch, nichts war zerstört. Susanna konnte sich den Krieg nicht vorstellen, und unter Feinden oder dem Wort Vaterland auch nichts. Alles, was sie von den Leuten aus ihrer Umgebung hörte, war für sie unscharf. Wer waren die Feinde? Wie sahen sie aus? Wo waren sie? Sie hätten ja auch weit bis zu Susanna hinlaufen müssen, dachte sie. Deswegen blieben sie einfach fort.
Einige Jungen aus dem Dorf wurden zum Militär eingezogen und gingen weg. Dabei waren sie noch nicht mal mit der Schule fertig. So auch der Nachbarjunge, der gerade vierzehn geworden war. Seine Mutter war ganz verzweifelt, aber sein Vater deutete mit dem Finger auf sein eingerahmtes Foto. Er sagte, dass am besten alle Söhne eingezogen werden sollten.
„Der Krieg wird doch nicht lange dauern“, meinte er, und das erklärte er auch allen anderen. „Das hat sich gleich erledigt.“
Die Nachbarn warteten. Aber ihr Junge kam nicht mehr nach Hause. Stattdessen wurden noch mehr Jungen Soldaten und zogen an die Front. Was bedeutete das Wort Front? Bald kamen manche verwundet von dort zurück. Gesund gepflegt, gingen sie gleich nochmal fort.
Susanna machte sich da noch keine Gedanken. Sie war erst zehn, und mit den Jungen hatte sie nichts zu tun. Sie hatte Martina, mit der sie jeden Tag in den angrenzenden Gärten und Wiesen spielte, wenn sie die Gänse des Dorfes hüteten. Bis zu den Feiern zum Heiligen Sankt Martin waren sie in der Obhut der beiden Mädchen.
Susanna bewunderte Martina. Sie fand sie hübsch, und Martina war von allen gern gesehen.
„Martina“, sagte Susanna, „wir wollen auf ewig Freundinnen bleiben. Willst du?“
Martina kaute auf ihrer Unterlippe. Ihre Augen strahlten in hellem Blau, das langsam in ein dunkles Wiesengrün wechselte, während sie nachdachte. Dann streckte sie die Arme aus und legte sie Susanna auf die Schultern.
„Abgemacht“, sagte sie. „Nichts und niemand wird uns trennen.“
Als ob da jemals etwas anderes hätte sein können. Sie sahen sich in die Augen, und Susanna verlor sich im wechselnden Farbspiel von Martinas Iris. Dann lachte Martina laut auf, schlang die Arme um Susannas Hüften und galoppierte mit ihr in einer wilden Polka an der Gänseherde vorbei. Alle Zukunft war weit weg.
Im Dorf wurden Tiere beschlagnahmt. Der Bürgermeister rief die Bauern dazu auf, alles herauszugeben, was sie übrig hatten. Nun kamen Soldaten. Zuerst nahmen sie die Gänse, und zwar gleich alle, dann die Pferde. Auch alle.
Susannas großer Vater, der ihr immer Angst eingejagt hatte, jammerte jetzt, und seine buschigen Augenbrauen zogen sich über der Nasenwurzel zu einem Strich zusammen. Er hatte zwar kein eigenes Fuhrwerk, aber wie sollten er und die anderen die Baumstämme transportieren, wenn die Pferde sie nicht zogen? Wie sollten sie die Bäume fällen, wenn die Pferde nicht die Seile spannten?
Der Vater war niedergeschlagen, und Susanna setzte sich neben ihn auf die Bank. Scheu saß sie da und wagte nicht, ihn anzusprechen.
„Wir haben versucht, mit dem Bürgermeister zu reden“, erzählte der Vater. „Er sollte mit dem Oberst verhandeln. Wir sollen an die Armee denken, antwortete er. Aber auch das Sägewerk ist geschlossen. Wovon sollen wir jetzt leben?“ Er fuhr sich mit der großen Hand durch die dichten Haare. „Und wie?“, fragte er. „Ohne Pferde?“
Und dann nahmen die Soldaten auch noch Susannas kleine Kuh weg, damit sie genug zu essen hatten. Der Nachbar war dabei, als sie sie wegführten.
„Stell dich nicht so an!“, rief er dem Vater zu, als dieser mit der erhobenen Hand drohte und fluchte.
Die Kuh lief wie immer mit den Zähnen mahlend ruhig an Susanna vorbei, diesmal, ohne den Hals nach ihr umzudrehen.
Die Mutter aber stand mit hängenden Schultern da, und Susanna sah, dass sie weinte.
3
„Susanna!“ Der Vater schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.
Susanna zuckte zusammen und stürzte herbei. Hatte sie etwas vergessen? Sie zog die Tür hinter sich zu und wartete. Auch die Mutter kam herein, schlug ein Kreuz und murmelte dabei vor sich hin. Wie verhärmt sie aussah in ihrem schwarzen Rock und dem schwarzgeblümten, verwaschenen Kopftuch. Grobe Kleider. Fetzenkleider. Still und blass sah sie auf Susanna.
„Setz dich hin.“
Susanna sah zur Mutter, dann wieder zum Vater, der aufrecht am Tisch saß. Er hatte seit längerer Zeit Haarzotteln wie ein Bär, weil er sich nicht mehr kämmte. Susanna ging zögernd zu ihm hin, setzte sich auf den Hocker und faltete die Hände auf dem Schoß. Sie schrieb gute Noten in der Schule, das konnte es nicht sein, was ihn so ernst aussehen ließ.
„Was ist?“, fragte sie.
Auch die Mutter setzte sich an den Tisch.
„Der Schmied im Nachbarort …“, begann der Vater.
Susanna sah ihn verständnislos an.
„Er will sich vergrößern. Hat einen Hof gekauft“, fuhr der Vater fort.
Fragend sah Susanna zur Mutter. Was hatte sie mit dem Schmied zu tun? Sie kannte ihn ja gar nicht.
„Susanna, du bist alt genug“, sagte der Vater.
„Wofür?“, schoss es Susanna durch den Kopf. Sie zupfte unruhig an ihrem Ärmel.
Vaters Blick wurde eindringlich. „Mit der Schule bist du im Sommer fertig. Du kostest uns nur noch“, sagte er.
Susanna war jetzt vierzehn und arbeitete für drei. Ohne sie lief hier gar nichts im Haus. Was wollte er?
„Wir haben nicht genug zu essen, seit die Kuh fort ist“, sagte der Vater. „Sieh dich an, wie dürr du bist.“
Susanna sah an sich herunter. Es stimmte. Ihre schmalen Arme und die Beine. Nervös zupfte sie weiter am Ärmel.
„Aber ich arbeite doch“, sagte Susanna. „Mutter, sag, dass ich fleißig bin, nicht wahr, Mutter, das sagst du doch.“ Sie sah bittend auf die Mutter.
Diese hielt ihren Kopf gesenkt und knotete am Kinn das schwarze Kopftuch auf.
„Du gehst als Magd“, fuhr der Vater fort. „Morgen bringe ich dich rüber zum Schmied. Er wird für dich sorgen. Dann hast du auch genug zu essen. Und du bekommst einen Lohn. Zwanzig Kronen schickst du uns jeden Monat. Dafür hast du Essen und ein Dach über dem Kopf. Der Schmied hat das alles schon zugesagt. Er will sich vergrößern“, wiederholte der Vater, er sprach jetzt sehr schnell, „der kann sich das leisten. Der Krieg ist schuld.“
Der Krieg war da gerade vorbei. Und außer dass sie immer weniger zu essen gehabt hatten, hatten sie nichts von ihm mitbekommen. Doch, die Frauen machten jetzt die ganzen Arbeiten. Weil Männer und Jungen fehlten. Die hatte der Krieg genommen. So drückte man es aus. Wie auch die Kuh.
„Der Schmied zieht in die Donauebene“, sagte die Mutter. „Da ist es auch wärmer. Nicht so viel Schnee im Winter. Dann haben wir hier auch einen Hungerleider weniger.“
Susanna betrachtete ihre Eltern. Ihre Mutter, ihr graues, eingefallenes Gesicht, den Vater, der seine Schultern in diesem Augenblick sehr gerade hielt. Susanna verstand, dass er nicht nachgeben würde. Da war nichts zu machen. Susanna fror und schwitzte zugleich, dann schob sie ihre nervösen Hände unter ihre Oberschenkel. Wie konnten sie sie so einfach fortschicken! Als wäre das nichts.
Plötzlich sprang Susanna auf. Martina, wo war Martina! Vielleicht war sie in den Gärten. Susanna rannte hinaus und suchte die Wiesen ab, dann fand sie ihre Freundin hinter dem Schuppen. Heulend brach sie neben Martina zusammen.
„Der Schmied“, sagte Martina mit erstickter Stimme. „Ich hab´s schon gehört. Du sollst zum Schmied.“
Sie saß dicht neben Susanna in der Hocke und schlang ihre Arme um sie, aber Susanna konnte nicht aufhören zu weinen.
„Wir bleiben trotzdem Freundinnen“, sagte Martina fest. „Nichts und niemand kann uns trennen. Nicht die größte Not.“ Sie schloss ihre Augen, während sie Susanna an sich drückte.
Es begann ein leichter Nieselregen, als Susanna morgens am Fuhrwerk des Schmieds und seiner Familie stand. Susanna kümmerte sich schon eine ganze Weile um das Gepäck. Sie würde mit der Frau des Schmieds und seinen vier kleinen Kindern mit dem Zug nachkommen, während der Schmied und sein ältester Sohn, der Mischko, jetzt schon mit dem großen Wagen Richtung Donau vorfuhren. Sie würden den Rest der Familie dann von der Bahnstation in Levice abholen.
Susanna hatte sich noch vor ein paar Wochen nichts mehr gewünscht, als bei der Mutter zu bleiben. Aber die hatte sie in Gottes Namen fortgeschickt. Susanna spürte bei der Erinnerung an die Worte der Mutter sofort wieder das ewig bohrende Gefühl in der Magengegend. Und spürte gleich darauf die Übelkeit, die der Hunger erzeugt. Doch seit sie im Haus des Schmieds lebte, hatte sie mehr zu essen als je zuvor. Es gab einfache Gerichte, aber genug davon.
„Du musst die Dinge nehmen, wie sie sind“, hatte die Mutter ihr noch gesagt. „Und sei fleißig. Nichts wird dir geschenkt.“
Susanna wusste nicht, wie das gehen sollte, die Dinge zu nehmen. Und sie hatte damals auch nichts darauf zu antworten gewusst. Es war üblich, dass die Mädchen in frühem Alter in Arbeit gingen. Viele gingen sogar noch weiter weg, nach Ungarn. Sie alle sprachen ja Ungarisch, kannten die Lieder der Ungarn aus der Schule. Am Ende dieses letzten Tages zu Hause war Susanna überzeugt gewesen, dass alles so sein musste, wie sie gesagt hatten. Doch war da die Angst vor der Ungewissheit, vor dem neuen Leben, das sie führen würde. Bei Fremden. Und einsam würde sie sein, weil sie Martina jetzt schon vermisste.
Susanna stellte sich die Wärme im Süden vor. Die Donauebene. Sie würde die Donau sehen! Schließlich, so dachte Susanna, war sie alt genug, sich nicht mehr nach der Vergangenheit umzudrehen. Das Neue lockte. Darauf freute sie sich nun doch. Und an Martina würde sie Briefe schreiben. Mindestens einen im Monat!
4
Jesenské, Mai 1922
Mischko, der Sohn des Schmieds, hatte sich wieder mit seinem Vater angelegt. Man hörte es schon von weitem. Jetzt wurde das Eisen unregelmäßig geschlagen, es klang wütend und gefährlich. Größte Sorgfalt war beim Schmieden geboten, aber hier war es blanker Zorn, der sich mit jedem Schlag auf das glühende Eisen einen Ausweg suchte.
Susanna hörte die Schläge. Dann wieder laute Worte. Der Sohn wollte Lehrer werden, und der Schmied hatte dann keinen Helfer mehr. So sah es aus. Er musste in diesem Fall jemanden teuer einstellen.
Susanna stand schon eine Weile hinter der Scheune und wartete. Als Mischko um die Ecke bog, kam er gleich auf sie zu. Mit dem Handrücken schob er die dunklen Haare zurück, als streiche er sich bedrückende Gedanken aus der Stirn.
„Er versteht es nicht“, sagte er. „Ich kann machen, was ich will.“
Susanna senkte den Kopf. „Dann wirst du weggehen“, meinte sie traurig.
„Sie stellen neuerdings Slowaken als Lehrer ein“, sagte Mischko, wie um sich zu rechtfertigen. „Da hab ich doch bessere Chancen! Was hab ich denn vom Schmieden! Die wenigen Pferdefuhrwerke, die es noch gibt! So viel geschmiedetes Eisen braucht man heute auch nicht mehr. Aber Lesen und Schreiben, das muss man können. Unsere Bauern müssen lesen lernen. Und gerade jetzt beginnt eine neue Zeit, jetzt, wo unser Land endlich uns Tschechen und Slowaken gehört. Es ist unsere Chance!“
Mischko klang begeistert, wenn er davon redete. Der Krieg war endgültig vorbei, die neuen Grenzen waren gezogen. Oberungarn gab es nicht mehr. Ein neuer Staat war im Aufbau. Alle redeten jetzt wieder in ihren eigenen Sprachen, als gäben sie damit schon kund, dass sie von den Ungarn befreit waren.
Mischko. Was war er doch für ein Schwärmer, dachte Susanna. Aber wenn er so weitermachte, würde aus ihm noch etwas Großes werden. Doch vorerst ging es ihm nur um den Lehrerberuf. Susanna fand das einen guten Beruf. Besser als Schmied, natürlich. Da hatte er sie überzeugt. Aber die Ausbildung, die er bald beginnen würde, konnte nicht in der Nähe von Jesenské sein. Mischko musste dafür das Lehrerseminar besuchen. Wo das war, wusste er noch nicht. Jedenfalls nicht hier.
Aus der Schmiede hörte man jetzt rhythmisches Schlagen. Nach einer Weile ebbte es ab, und es war still. Mischko nahm Susanna in den Arm und drückte sie kurz an sich. Dann bog er ihren Kopf nach hinten.
„Ich komme heute Nacht zu dir“, sagte er an ihrem Ohr. Seine Hand fuhr ihren Rücken entlang. „Bist du einverstanden?“
Susanna wurde rot. Ihr Herz pochte laut, als sie kaum merklich nickte.
„Ich geh jetzt lieber wieder zu ihm rein“, sagte Mischko unvermittelt, machte eine Kopfbewegung zur Schmiede hin und grinste. „Er hat sich beruhigt. Und er braucht mich noch, auch wenn er es nicht so gern zugibt.“
Er schlenkerte ein Bein, als er in Richtung Schmiede lostrabte, sodass Susanna lachen musste. Dann winkte er ihr noch einmal zu, legte zwei Finger kurz an seine Lippen und drehte sie zu ihr hin, bevor er die Tür zur Schmiede aufmachte.
Als Susanna am Haus vorbeikam, sah sie, dass die neuen Gänse auf dem Hof herumirrten. Sie lockte sie in den Pferch und machte das Gatter zu. Wie aufgezogen liefen sie im Kreis. Susanna lachte in sich hinein. Sie waren, wie sie waren, dummes, nützliches Vieh. Dann beeilte Susanna sich, dass sie ins Haus kam. Die Frau des Schmieds wollte mit ihr die Decken waschen und hatte schon nach ihr gerufen.
Susanna hatte in der letzten Zeit gut zugenommen. Sie war ein kräftiges junges Mädchen geworden. Allgemein war sie beliebt für ihr freundliches Wesen und für ihren Fleiß. Sie war bereit, anzupacken, und die Arbeit ging ihr auch gut von der Hand. Bald wurde sie neunzehn, und sie war auch hübsch geworden.
Oben in ihrem Zimmer betrachtete Susanna sich im Spiegel und versuchte, sich vorzustellen, wie Mischko sie sah. Für die Wäscherei flocht sie ihre langen Haare nach hinten, griff nach einem hellen Kopftuch und band es unter dem Haar zusammen. Dann holte sie eine kleine Strähne wieder vorn aus dem Tuch heraus. Schon besser. Sie streckte dem Spiegel die Zunge heraus, was eigentlich Mischko galt, verließ ihre Stube und ging zur Schmiedin in die Waschküche.
Als Mischko zu ihr kam, verblasste die Schwere der Tagesarbeit. Erst bei Sonnenaufgang zog er die Tür leise hinter sich zu. Zum Abschied machte er wieder das Handzeichen.
5
In den nächsten Wochen bekam Susanna immer wieder mit, dass Vater und Sohn in der Stube miteinander sprachen. Das ging zuerst in ganz normalem Ton, dann fingen sie an, heftig zu streiten. Mischko gab nicht nach. Er bestand darauf, das Lehrerseminar zu besuchen.
Susanna ging dann immer weg, wenn sie es hörte, und beschäftigte sich. Meist strickte oder häkelte sie oder stopfte irgendein Kleid der kleineren Geschwister von Mischko.
Mischko kam diesmal wütend aus der Stube gelaufen. Fast wäre er über Susanna gefallen, die auf der Stufe vor dem Haus saß. Schnell schob sie das Nähzeug zur Seite.
„Komm!“, sagte er nur und zog sie an der Hand mit sich fort. Gemeinsam liefen sie über die Felder in den späten Nachmittag hinein. Sie sprachen wenig. Susanna genoss diese Momente, in denen sie einfach nebeneinander wanderten wie zwei, die alles voneinander wissen und dem andern vertrauen wie sich selbst. Die Vögel begannen mit dem Abendlied, als sie sich am Waldrand, wo die Wiesen anfingen, auf den Boden setzten. Mischko stützte sich auf seine Ellbogen. Er sah nachdenklich aus. Susanna daneben zog die Beine an und schob den Rock über ihre Füße.
„Du könntest doch auch Förster werden“, schlug sie vor. „Das ist auch ein Amt. Dann hättest du mit deinem Vater nicht so viel Ärger. Er macht sich doch nur Sorgen, weil du weit weg bist, wenn du Lehrer bist.“
Mischko lachte spöttisch. „Dann müsste er den Förster bestechen, dass der mir eine Stelle gibt. Dazu ist er zu geizig … Das könnte ihm so passen!“, rief er plötzlich. „Mich so zu ködern, nur damit ich bleibe.“
„Mischko“, meinte Susanna. „Er ist dein Vater.“
