Sushi & Chardonnay - Yoyo van Gemerde - E-Book

Sushi & Chardonnay E-Book

Yoyo van Gemerde

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Beschreibung

Rezeptionistin zu sein kann doch nicht so schwer sein, denkt sich die achtundzwanzigjährige Amsterdamerin Nick. Doch weit gefehlt. Als sie vom Flughafen die falsche Band abholt und diese das Hotel verwüstet, hat Nick zwar einen netten Bassisten kennen gelernt, aber sie muss bei der Plattenfirma ihren Platz räumen. Da helfen nur schäumende Vollbäder und Videoabende mit Häagen Dasz und ihrer besten Freundin Peet. Der coole Musiker stellt sich natürlich als Enttäuschung heraus, und Nick braucht zweierlei: einen neuen Freund und einen Job.

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Seitenzahl: 257

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Yoyo van Gemerde

Sushi & Chardonnay

Aus dem Niederländischen von Ingeborg Kalischer

Ihr Verlagsname

Über dieses Buch

Rezeptionistin zu sein kann doch nicht so schwer sein, denkt sich die achtundzwanzigjährige Amsterdamerin Nick. Doch weit gefehlt. Als sie vom Flughafen die falsche Band abholt und diese das Hotel verwüstet, hat Nick zwar einen netten Bassisten kennen gelernt, aber sie muss bei der Plattenfirma ihren Platz räumen. Da helfen nur schäumende Vollbäder und Videoabende mit Häagen Dasz und ihrer besten Freundin Peet. Der coole Musiker stellt sich natürlich als Enttäuschung heraus, und Nick braucht zweierlei: einen neuen Freund und einen Job.

Über Yoyo van Gemerde

Yoyo van Gemerde, geboren 1961, arbeitet in Amsterdam als freie Journalistin für verschiedene Frauenmagazine. «Sushi & Chardonnay» ist ihr Debütroman.

Inhaltsübersicht

1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel

1

«Ich komm nicht mit», sage ich. «Ich gucke gerade Sex and the City von letzter Woche auf Video. Das habe ich verpasst.» Den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter geklemmt, lümmle ich gemütlich auf dem Sofa. Meine zweite Halbliterpackung Pralines & Cream von Haägen Dazs ist fast alle. Mir ist übel.

«Du wirst mit mir zu dieser Party gehen, weil ich meine blauen Linsen das erste Mal den ganzen Abend tragen darf», brüllt Peet entrüstet in mein Ohr. Sie spult das ganze Programm ab: dass sie nicht umsonst achtzig Euro beim Friseur gelassen und zwei Stunden im Nagelstudio gesessen hat und schon die ganze Woche dabei ist, sich an ihre gefärbten Linsen zu gewöhnen. «Ich habe gerade den neuen Bestseller über Netzwerke gelesen», schiebt sie nach. «Und die Theorie soll man immer in der Praxis testen. Bin gleich da und hol dich ab.»

Bevor ich irgendwas sagen kann, hat sie den Hörer schon aufgeknallt. Wenn Peet sich etwas in den Kopf gesetzt hat, ist es sinnlos, dagegen zu protestieren. Das weiß ich aus Erfahrung: Wir kennen uns seit unserem sechsten Lebensjahr.

Seufzend mache ich den Videorecorder aus und schlüpfe in den Tigerrock, den ich beim Ausverkauf in der supernoblen P.C. Hooftstraat gekauft habe. Stelle mich vor den Spiegel, um die Wirkung zu betrachten. Nicht schlecht für jemanden, der beinahe dreißig ist. Na ja, in zwei Jahren.

Eigentlich sehe ich ganz gut aus. Das Stretchoberteil sitzt wie angegossen. Der Push-up-BH macht meine Brüste ein kleines bisschen größer. Unter der Brustlinie fällt der Stoff locker um meinen Körper, sodass niemand die Fettröllchen an Taille und Hüfte und meine dicken Oberschenkel sehen kann. Das ist der Vorteil von Markenkleidung, sie überspielt deine kleinen Minuspunkte. «Schmeichelt Ihnen», wie die Verkäuferin affektiert sagte. Und dafür bezahlst du dann auch.

Ich trage Eyeliner und Longlasting Mascara auf. Meine Lippen male ich rotbraun. Dann kommen wir zu einem ernsten Problem: meine Haare. Féria-rot, halblang, widerspenstig und dünn. Ich habe mich inzwischen damit abgefunden, dass jeder Tag für mich ein bad hairday ist. Weil ich jetzt echt keine Zeit habe, etwas daraus zu machen, wähle ich die sicherste Lösung: Ich stecke sie mit einer schwarzen Haarklemme hoch. Dann noch schnell meine schwarzen spitzen Stiefel mit den hohen Hacken anziehen, und ich kann mich sehen lassen. Mehr oder weniger.

Als ich Gehupe höre, stopfe ich die Schlüssel in meine Handtasche – eine Pseudo-Gucci vom Albert-Cuyp-Markt – und stürze hinunter. Eine Jacke ist an diesem schwülen Maiabend nicht nötig.

 

Loungemusik kommt uns entgegen, als Peet und ich unser Entree machen.

«Die Gastgeberin ist Stylistin», flüstert Peet mir ins Ohr. «Und ihr Mann Fotograf. Lächeln. Lächeln!»

Während ich etwas zu trinken suche, wird Peet von einem Vierzigjährigen in Blumenpullunder und rosa Sakko in Beschlag genommen. Er versucht, ihr einen Kuss auf den Mund zu geben. Im entscheidenden Moment wendet sie ihr Gesicht ab, sodass er die Luft küsst. Gutes Timing.

Die meisten Gäste sind leger gekleidet. Die Sorte «Wir-sind-sehr-sportlich-und-kommen-zufällig-gerade-vom-Squashen»-leger. Da fällt natürlich kein Schwein drauf rein. Aber ich falle mit meinem Tigerrock völlig aus dem Rahmen. Ich sehe auch keine Bekannten, und auf den ersten Blick ist niemand da, mit dem ich reden wollen würde.

Anscheinend hat Peet mich völlig vergessen. Sie bewegt sich durch die Menschenmassen wie ein Fisch im Wasser, schüttelt Hände und strahlt, als hätte sie gerade im Lotto gewonnen. Warum musste ich eigentlich mit? Sie kommt sehr gut ohne mich klar: Networken ist ihre zweite Natur. Säße ich doch gemütlich zu Hause vor dem Fernseher!

Da kommt ein Kellner vorbei mit einem Tablett. Ich greife mir ein Glas Weißwein und nehme einen Schluck. Ha, ein Chardonnay, das macht einiges wieder gut. Neugierig gucke ich mich um. Augenscheinlich war hier ein Innenarchitekt am Werk: viel Glas, Stahl, weiße Ledersofas und moderne Kunst. Es ist, als ob man in einen Hochglanz-Artikel von VT-Wohnen hineinspaziert.

Als ich mich auf eines der Sofas setze, schiebt sich ein Mann neben mich. Er hat seine Hände um eine Flasche Corona geschlungen und betrachtet mich prüfend. Seine Augen ruhen ein bisschen zu lang auf meinen Brüsten. I am not amused. Was denkt sich das Ekel eigentlich?

«Hoi, ich bin Jan Willem.»

Er bekommt nur ein kurzes Nicken. Gerade noch nicht unhöflich.

«Weißt du, dass meine Freundin mich verlassen hat?», beginnt er das Gespräch. «Weil ich keine Kinder will. Und das nach fünf Jahren Beziehung!»

Das will ich überhaupt nicht wissen. Ehrlich gesagt, es interessiert mich nicht die Bohne.

«Ich war am Boden zerstört. Ich bin sogar bei einem Psychologen gewesen. Nichts für mich.»

Ich reagiere nicht.

«Aber meine Medikamente helfen mir darüber hinweg.» Er zwinkert mir kräftig zu. «Meine Pillen. Wenn du verstehst, was ich meine.»

«Was für Pillen?»

«Delphine.»

Aha, er redet von XTC.

«Zufällig habe ich mich gerade wieder mit einem kleinen Vorrat versehen. Willst du auch eine?»

Ich habe noch nie XTC genommen und finde es etwas unheimlich. Aber ganz ehrlich, eine Frau von Welt muss doch alles mal ausprobieren?

Jan Willem gibt mir eine Pille und eine Visitenkarte. Er beugt sich zu mir rüber. «Wenn du Lust hast, kannst du mich jederzeit anrufen. Ich steh auf Tigerfrauchen.»

Verdammt.

 

Eine halbe Stunde später geht’s mir wahnsinnig gut. Mein Kopf ist klar, ich finde mich ganz toll und außerordentlich schlau. Eigentlich finde ich jeden toll und schlau. Und lieb. Vor allem lieb. Selbst Jan Willem ist auf einmal ganz in Ordnung. Er kann doch auch nichts dafür, dass er nicht blendend aussieht? Und dass seine Freundin ihn verlassen hat, ist natürlich seeehr traumatisch für ihn. Der arme Junge.

Ich lege meine Hand auf seinen Arm. «So ein netter Mann wie du hat doch gleich wieder eine neue Freundin», beruhige ich ihn. «Wetten, dass sie bei dir Schlange stehen?»

Sein Gesicht heitert sich auf. «Meinst du?»

«Da bin ich ganz sicher.»

«Was sitzt du hier rum, du Transuse», unterbricht Peet unsere Zweisamkeit. «Los, wir gehen! Eröffnung von einem neuen Nachtclub. Was für VIPs, habe gerade einen kennen gelernt.»

Blumenpullunder, natürlich. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, sitzen wir hinten in einem großen BMW und flitzen los. Die Visitenkarte von Jan Willem habe ich auf dem Sofa liegen gelassen.

«Sag mal, was ist eigentlich mit dir los?», fragt Peet, während sie mich misstrauisch anguckt.

«Delphine sind großartig. So lieb.»

«O nee. Wo wir zur Party des Jahrhunderts gehen! Bist du jetzt völlig verrückt geworden? Weißt du eigentlich, wie bescheuert das ist, XTC von einem Fremden anzunehmen? Wer weiß, was da drinsteckt. Du hättest dabei draufgehen können! Deine Initialen in der Zeitung, und finito.»

Ich glaube, Peet ist sauer.

«Grins nicht so blöd», fährt sie mich an.

Blumenpullunder verteidigt mich. «Menschenskind, nun stell dich nicht so an. Sie ist einfach happy.»

«Happy? Happy?», brüllt Peet empört. «Was verstehst du denn davon?»

Blumenpullunder guckt genervt nach hinten. Peet merkt es nicht mal. Sie tobt noch eine Weile weiter, gegen mich und gegen Blumenpullunder.

Der fährt auf einmal an den Straßenrand. «Es reicht, meine Damen, aussteigen. Ich habe keine Lust auf das Gezeter.»

«Das meinst du nicht ernst», stammelt Peet.

«Und ob ich das ernst meine. Raus hier, und zwar ein bisschen plötzlich.»

Er lässt uns zurück in einer verlassenen kleinen Straße irgendwo am Waldrand. Ich hab’s ja gewusst, Männer in Blumenpullundern taugen nichts.

«Was für ein Drecksack», sagt Peet. «Was machen wir jetzt?»

«Ein Taxi rufen, natürlich.» Ich habe zwar so eine Pille genommen, aber ich habe durchaus noch alle beisammen.

Peet tippt die Nummer der Taxizentrale in ihr Telefon. «Verdammt, Warteschleife. Noch zwölf Leute vor uns.»

Als Peet endlich zur Telefonistin durchgekommen ist, dreht sie sich zu mir um. «Nick, sie fragt nach der Adresse. Weißt du, wie das hier heißt?»

Ich schüttel den Kopf und laufe los, auf der Suche nach einem Straßenschild. Peet rennt mir nach, die Tasche baumelt an ihrem Arm, das Telefon drückt sie gegen das Ohr. Als wir herausgefunden haben, dass wir an der Kreuzung Admiraal De Ruyterweg und Haarlemmerweg stehen, hat die Frau von der Taxizentrale schon aufgelegt. Peet ist wütend, aber ich kann mich nicht darüber aufregen, ich finde alles einfach superspannend.

Ich schlage Peet vor, zur Westergasfabrik zu laufen. Das ist nicht weit.

«Ich wollte auf die VIP-Party, nicht in einen Club. Übrigens: Ich hab keine Lust, mit jemandem auszugehen, der vollkommen high ist.»

«Stell dich nicht so an. Wir können auch ein Taxi nach Bloemendaal aan Zee nehmen», probiere ich sie zu überreden. «Zum ‹Solaris›. Da können wir draußen tanzen.»

«Nee!»

«Wollen wir vielleicht Videos bei mir gucken?», mache ich einen letzten Versuch. Bloß jetzt nicht allein sein, ich will Party machen, Menschen um mich herum haben.

Peet bleibt unerbittlich, und wir gehen zum Taxistand auf dem Haarlemmerplein, ein ganzes Stückchen weiter. Peet schweigt konsequent, bis mich das Taxi zu Hause absetzt.

 

Ich fühle mich bedauernswert und einsam. Und hellwach. Aus dem Medizinschränkchen im Badezimmer nehme ich eine Schlaftablette und spüle sie mit Wasser hinunter. Dann falle ich aufs Sofa, um mir den Rest von Sex and the City anzugucken.

Während des Abspanns schlummere ich endlich ein. Ich kann mich gerade noch rechtzeitig ins Bett schleppen, bevor ich endgültig ausgeknockt bin.

Als ich wieder hochschrecke, ist es dunkel. Der Wecker steht auf 3.25. Welcher Tag ist eigentlich? Noch Wochenende, oder? Ich habe doch nicht etwa Sonntag und Montag durchgepennt? Shit, shit, shit. Ich arbeite seit beinahe drei Monaten als Empfangssekretärin bei WHOP-Records, einer großen Plattenfirma, und da möchte ich auch gerne bleiben. Seit ich mein Kunstgeschichtsstudium geschmissen habe – todlangweilig –, hatte ich tausendundeine Zeitarbeitsstelle. Eine schlimmer als die andere. Bei WHOP-Records passiert zumindest noch manchmal was.

Panisch rufe ich die Telefonauskunft an, um zu fragen, welcher Tag heute ist. Das ist die einzige Nummer, die mir einfällt. Ein amüsierter Herr teilt mir mit, dass es Montag, der 12. Mai ist, drei Uhr dreißig.

Pff, Glück gehabt. Werde noch eben ein kleines Schönheitsschläfchen halten.

2

Als der Wecker klingelt, komm ich nur schwer hoch. Himmel, geht’s mir schlecht: Nachwirkung von der Schlaftablette in Kombination mit XTC-after-Blues. Nach einer Wechseldusche, heiß-kalt-heiß-kalt, und einer Extrarunde kalt um jede Brust für die Festigkeit geht’s mir schon etwas besser. Zum Glück ist der Badezimmerspiegel beschlagen, sodass ich die Ringe unter meinen Augen nicht sehen kann. Dass sie da sind, weiß ich genau.

Was soll ich heute anziehen? Meine weiße Hose? Nee, die ist zu empfindlich. Dann also meine schwarze Levi’s. Wo ist die bloß? Ich wühle in einem Klamottenstapel herum, aber sie ist nicht zu finden. Stoße schließlich auf ein rot geblümtes Röckchen, das nicht mehr ganz frisch riecht, aber nach einer ordentlichen Dosis «Febreze» duftet es, als käme es direkt aus der Waschmaschine. Meine Rettung, das Zeug.

Draußen schließe ich mein Fahrrad los und race durch die Stadt, ohne auf rote Ampeln zu achten, sodass ich doch noch um Viertel vor neun auf der Arbeit bin. Zeit genug also, um Kaffee zu trinken und davon zu träumen, dass ich entdeckt werde. Als Moderatorin oder als Schauspielerin. Vielleicht auch als Wettermädchen oder Nachrichtensprecherin. Die Hoffnung, jemals eine bekannte Sängerin zu werden, habe ich schon lange aufgegeben. Dafür muss man singen können. Obwohl … man weiß ja nie.

Meine Farne kriegen Wasser mit einem Schuss Blumendünger. Ich hab sie gekauft, um das Ganze hier ein bisschen fröhlicher zu machen. Der stählerne, halbrunde Empfangstresen ist vielleicht trendy und teuer, aber auch verdammt ungemütlich. Ich hätte am liebsten noch etwas bunte Keramik aus dem Kunstverleih hingestellt, aber das wollte Ro nicht, mein Boss. Not our style. Er fand die Pflanzen schon nicht so toll, also habe ich ihm weisgemacht, dass Farne total Feng-Shui sind. Seitdem hat er sich nicht mehr darüber beschwert.

 

«Yo, Nicki», ruft Ro, während er eilig reingelaufen kommt.

«Yo, Ro.» Ich gebe ihm einen Stapel Post-it-Zettelchen. «Diese Leute bitten um Rückruf.»

Ro blättert die gelben Blätter durch und wirft die meisten in den Papierkorb. «Losers.»

Als ich bei WHOP-Records anfing, musste ich mich ziemlich an die merkwürdige Mischung aus Niederländisch und Englisch gewöhnen, die im Musikbusiness üblich zu sein scheint. Aber inzwischen laufe ich auch den ganzen Tag rum und brülle «Man, what’s up» und «Let’s get the party startin’».

 

«WHOP-Records, hier ist Nick», sage ich zum soundsovielten Mal an diesem Tag.

«Hi, lebst du noch?», fragt Peet. «Sollen wir zusammen Mittag essen?»

Ein Glück, sie ist mir nicht mehr böse.

«Bin ein bisschen knapp bei Kasse.»

«Geht auf meine Rechnung», sagt sie stolz. «Habe gerade erfahren, dass ich befördert bin. Du sprichst mit der neuen stellvertretenden Chefredakteurin von Isis. Was hältst du von ‹Zento›, der Sushi-Bar in der Ferdinand Bolstraat?»

Da kann ich natürlich nicht widerstehen.

Es erstaunt mich kein bisschen, dass Peet Karriere macht. Sie ist wahnsinnig ehrgeizig. Sie hat sich bei der Journalistenschule beworben, wurde prompt angenommen und hat sie ohne Probleme durchlaufen. Danach fing sie als Praktikantin bei Isis an, einer trendy Wochenzeitschrift für Frauen. Innerhalb eines halben Jahres saß sie in der Redaktion. Und weil ihre Beziehung kaputtgegangen war – wieder so ein Idiot mit Bindungsangst –, machte sie aus purer Verzweiflung jeden Abend Überstunden. Da fahren Chefs anscheinend drauf ab, denn ihre Aufträge wurden immer interessanter und wichtiger. Auf Partys behauptete sie, dass sie straight to the top wollte. Das ist ihr also geglückt. Mit ihren schwarz gefärbten Haaren, dem kurzen französischen Haarschnitt und dem knallroten Lippenstift sieht sie auch aus wie eine echte Miss Hotshot. Dazu passen ihre Selbstsicherheit – vorgespielt – und ihre durchgreifende Art – vollkommen echt.

 

Als ich, ein kleines bisschen angeschickert, zurück zur Arbeit komme, sind alle in heller Aufregung: Die PR-Frau, die eine englische Boy-Group vom Flughafen Schiphol abholen sollte, ist plötzlich krank geworden.

Das ist meine Chance. «Das kann ich doch machen», biete ich an.

Ro guckt zweifelnd. «Nicki, das ist eine wichtige Band. Riesentalent, von dem wir uns viel erwarten. Traust du dir das auch zu?»

Ich bin erstaunt. «Wieso?»

«Na ja, kürzlich hast du den Direktor der Londoner Filiale in der Warteschleife hängen lassen, während ich dringend auf seinen Anruf wartete.»

Stimmt, aber der Mann hatte sich als every girl’s dream vorgestellt, also dachte ich, er sei einer von diesen Idioten.

«Und du bist nicht gerade ein Ausbund an Effizienz», fährt Ro fort. «Letzte Woche hast du rund anderthalb Stunden gebraucht, um einen Brief zu tippen. Einen Tick zu lang für einen eiligen Auftrag, findest du nicht auch? Ganz zu schweigen von der Aktion neulich, als du meine Handynummer an das aufdringlichste Groupie der Niederlande weitergegeben hast. Das Weib hing Tag und Nacht in der Leitung und hat mir die Hucke voll gejault, um Backstage-Ausweise zu kriegen.»

Mir klappt der Unterkiefer runter. Ich habe den bescheuerten Brief für ihn getippt, weil seine Sekretärin zum Zahnarzt musste. Nebenbei habe ich auch noch meine normale Arbeit getan. Und das Groupie hat mir erzählt, dass sie Ros Schwester ist und im Krankenhaus sitzt, weil Ros Vater gerade einen Herzanfall hatte. Da wäre doch wohl jede drauf reingefallen?

Ro stößt einen theatralischen Seufzer aus.

«Nun denn, vorwärts, geh du mal los. Ich hab niemand anders, um die Jungs abzuholen.» Er drückt mir ein Handy und sechs Hunderterscheine in die Hand. «Für Taxi und Restaurant. Und denk dran: Nimm die Jungs nicht mit in einen Coffeeshop, bevor sie nicht ihre Arbeit getan haben. Ich hab die Nase voll von Musikern, die zu stoned sind, um geradeaus zu gucken. Kiffen können sie in ihrer eigenen Zeit. O ja, Nicki, eine Sache noch. Wenn du das vermasselst, fliegst du hier raus.»

 

Ich bin gerade rechtzeitig in Schiphol. Das Flugzeug aus London ist gelandet, und die Passagiere warten bei der Gepäckausgabe. Weil ich die Sealions nicht kenne, habe ich mir im Büro noch schnell eine Pressemappe gegriffen. Zu meinem großen Schrecken steckt da nur ein einziges PR-Foto drin. Ein ganz originelles Kunstwerk, wo die Bandmitglieder mit dem Rücken zur Kamera stehen. Nützt mir natürlich herzlich wenig.

Ich nehme einen Filzstift aus meiner Tasche – ein großes Mädchen lässt sich durch so eine Kleinigkeit nicht aus dem Feld schlagen – und schreibe mit großen Buchstaben «Sealions» auf die Rückseite der Pressemappe. Dann stelle ich mich vor die Schiebetüren, durch die die Leute aus London in kleinen Gruppen herauströpfeln. Meine Augen fallen auf drei bleiche Jungs mit Sonnenbrillen. Einer von ihnen trägt einen Gitarrenkoffer.

Erleichtert schieße ich auf sie los: «Are you the band?»

«Yeah», sagt der Kleinste aus der Gruppe. «That’s us, babe.»

Ich bugsiere sie in ein Taxi, und wir fahren nach Amsterdam. Ins «American Hotel» am Leidseplein. Auf meine Frage, ob sie einen guten Flug hatten, brummen sie etwas Unverständliches.

«Are you tired?», mache ich noch einen Versuch, freundlich und höflich zu sein.

Darauf geben sie überhaupt keine Antwort. Arrogantes Pack.

Als wir beim Hotel angekommen sind, bringe ich die Britpopper auf ihre Suite. Während sie gerade mit lautem Gejohle über die Minibar herfallen – da sitzt also doch Leben drin –, klingelt mein Telefon.

«Nicki, hier ist Ro. Wo bist du, um Himmels willen?»

«Wo ich bin? Im ‹American› natürlich.»

«Es ist doch nicht zu glauben, du dumme Gans! Ich habe die Sealions auf der anderen Leitung», schnaubt er wütend. «Sie sind in Schiphol und nehmen jetzt selbst ein Taxi zum Hotel. Du erwartest sie dort, du bezahlst den Taxifahrer, du entschuldigst dich, und dann kommst du sofort ins Büro.»

 

Es war noch ein schönes Stück Arbeit, die falschen Sealions rauszuwerfen. Sie wehrten sich so dagegen, dass ich die Sicherheitsbeamten des Hotels zu Hilfe rufen musste. Schließlich musste auch noch jemand vom Technischen Dienst dazukommen, um das Badezimmerschloss aufzubrechen. Da hatte sich einer von den Widerlingen verschanzt. Er war schon bei seiner dritten Flasche Jack Daniel’s und kreischte wie ein mageres Spanferkel, als er ohne Pardon aus dem Bad gezogen und vor die Tür gesetzt wurde. Die anderen beiden folgten nach einigem Hin- und Hergezerre, wobei der Gitarrenkoffer aufging. Da war noch nicht mal eine Gitarre drin, nur T-Shirts und ’ne Jeans!

Enfin, die Suite ist wieder leer und aufgeräumt. WHOP-Records bekommt allerdings eine gehörige Extrarechnung. Shit, shit, shit.

Ich setze mich draußen auf die Treppe und warte. Die echten Sealions kommen eine halbe Stunde später, aber da bin ich schon längst in Tränen aufgelöst. Ich habe es vermasselt. Und zwar richtig.

Als die Bandmitglieder meine roten Augen sehen, fragen sie, was los ist. Also erzähle ich ihnen die Geschichte mit den falschen Sealions. Ein paar Sekunden gucken sie mich sprachlos an. Dann fangen sie an zu lachen. Sie können sich gar nicht beruhigen.

«Poor thing», sagt ein riesiges Prachtexemplar mit halblangen braunen Locken. So ein leckerer, zottiger Kerl, der einem so ein Kribbeln im Bauch macht. Er lacht mich an und greift sich das Telefon.

«Ro», sagt er. «Hi, this is Paul, base player of the Sealions.» Er erklärt Ro, dass es nicht meine Schuld war, dass ich sie in Schiphol verpasst habe. Sie saßen nämlich alle zusammen auf der Toilette, um sich auf Amsterdam vorzubereiten. Sie sind nicht böse, im Gegenteil, sehr zufrieden mit mir und brauchen mich unbedingt für den Rest des Tages.

Jetzt kriege ich Ro dran.

«Um fünf Uhr beginnt die Pressekonferenz für eine Gruppe Journalisten, und um halb sieben müssen die Jungs für den Fotografen posieren. Bleib in ihrer Nähe und sorg dafür, dass jeder sich an den Zeitplan hält.»

 

Erschöpft, aber höchst zufrieden falle ich nachts in mein Bett. Am Ende ist alles prima gelaufen. Ich musste nur in der Lobby sitzen, ein paar Journalisten empfangen und sie zu der Suite der Sealions bringen. Die Fotosession lief wie geschmiert. Danach habe ich die Jungs mitgenommen zum Austernessen in den Club «Chez Inez». Zum Glück konnten wir noch ein Plätzchen finden. Purer Dusel. Normalerweise ist es da rappeldickevoll: eine Mischung aus Halbpromis, Künstlern, Designern und flotten Werbefritzen. Das Personal ist freundlich, die Einrichtung fröhlich und die Stühle komfortabel. Paul war völlig begeistert von der Küche. «Die Wände sind aus Glas, du kannst direkt reingucken! Wie zu Besuch bei Jamie. Wonderful place.» Er sah mich an. «And you’re a wonderful lady. Ich will neben dir sitzen.»

Als die Austern serviert wurden, auf einem Eisbett, mit einer Flasche trockenem Weißwein, fielen wir gemeinsam darüber her. Nach der vierten Flasche, wir saßen inzwischen an der dritten Portion Austern, begann Paul, mich zu füttern. Mit seiner großen Pranke hielt er mir eine Muschel vor den Mund. Ich versuchte, das Biest so elegant und sinnlich wie möglich runterzuschlucken.

«Wow, sexy», sagte Paul. Er schien die anderen Bandmitglieder vergessen zu haben und richtete seine Aufmerksamkeit vollständig auf mich. Er erzählte, wie er mit dem Sänger und Gitarristen, seinem Jugendfreund, die Sealions aufgebaut hat. Wie schwierig die Anfangszeit war. Dass sie gerade an dem Punkt waren, wo sie aufgeben wollten, als sie plötzlich einen Plattenvertrag angeboten bekamen. «Dann war es nur noch eine Frage von knüppelhart arbeiten und ein bisschen Glück.»

Unter dem Tisch hielt er einen meiner Füße fest und massierte ihn sanft. Das Eis auf den Tellern schmolz.

 

Bevor wir zum Hotel zurückgingen, wollte der Drummer, Ian, noch schnell in einen Coffeeshop.

«Nee, ey», rief der Sänger. «Nicht schon wieder. Man, grass is so boring.» Er hielt sich die Hand vor den Mund, als ob er gähnen müsste.

«Lass ihn mal, sonst heult er uns den ganzen Abend die Ohren voll», sagte Paul.

Wir gingen zum «Bulldog», wo Ian, glücklich wie ein Kind im Spielzeugladen, seine Wahl traf. «Wow, sie haben hier eine Art Speisekarte, da kannst du aussuchen.» Etwas später hielt er triumphierend ein Tütchen hoch. «I bought Nederweed!»

«O Jesus.» Der Sänger schlug seine Augen zum Himmel. «Das ist das Zeug, das so fürchterlich stinkt!»

«Bringst du uns zum Hotel?», fragte mich Paul, während er meine Hand festhielt. Er guckte mich an. «I really like you. Willst du heute Nacht bei mir bleiben?»

Es klang verführerisch, aber ich lehnte höflich ab. Ich will nicht das soundsovielte Mädchen sein, das gleich mit ihm ins Bett hüpft.

«Okay, dann gib mir aber bitte deine Telefonnummer.» Er nahm sein Handy und setzte mich in sein Phone Book. Auf der Treppe des «American» gab er mir einen Kuss. Einen echten. Einen langen. Einen leckeren. «I’ll call you soon», sagte er zum Abschied.

Noch sechs Stunden schlafen, bevor ich wieder ins Büro muss. Ich kann nicht sagen, dass ich mich drauf freue, Ro unter die Augen zu kommen.

3

Mit eingefrorenem Lächeln sitze ich hinter dem Empfangstresen. Ich habe Angst, weil Ro gedroht hat, mich zu entlassen, aber das brauchen meine Kollegen nicht zu wissen. Als sei nichts geschehen, nehme ich Telefonanrufe entgegen, stelle Leute durch und teile die Post aus.

Ro hat sich noch nicht sehen lassen. Seine Bürotür ist schon den ganzen Morgen zu, und er geht nicht ans Telefon. Ob er irgendwo einen Termin hat? Eigentlich müsste er mich das wissen lassen. Schließlich bin ich die Empfangsdame.

Noch zumindest.

Weil Ro mich so schmoren lässt, werde ich immer nervöser. So nervös, dass ich eine Zigarette vom Buchhalter schnorre. Meine erste seit acht Monaten. Nur gut, dass Peet nicht hier ist, sie wäre ziemlich sauer auf mich: Wir waren nämlich Jahre mit dem Aufhören beschäftigt und haben ein Vermögen für Nikotinpflaster ausgegeben. Zu guter Letzt ist es uns doch noch gelungen. Mit Hypnose und dem Buch von Alan Carr.

Erst am späten Nachmittag komme ich dahinter, dass Ro in Hamburg ist. Pff, Exekution aufgeschoben. Er ist zu Besuch bei einer sechzehnjährigen R&B-Sängerin, die er für WHOP-Records unter Vertrag nehmen will. Weil sie noch minderjährig ist, hat Ro wahrscheinlich hauptsächlich damit zu tun, ihre Eltern mit leeren Versprechungen zu beruhigen. «Natürlich stehen das Wohlbefinden und die Interessen Ihrer Tochter ganz vorne an. Wir werden gut für sie sorgen. Blablabla.» Hoffentlich fallen die Leute da nicht drauf rein. Ro sieht doch nichts als Dollarzeichen.

Der Tag kriecht langsam vorbei, viel zu langsam. Als es beinahe sechs Uhr ist – mein Schreibtisch ist schon aufgeräumt und meine Tasche gepackt –, bekomme ich einen sehr besonderen Anruf.

«Nicki?», sagt eine tiefe Männerstimme. Paul von den Sealions! Ich fall beinahe vom Stuhl, denn ich hatte nicht erwartet, jemals wieder etwas von ihm zu hören. Musiker stehen doch auf ultrakurze Beziehungen: One-night-Stands. In jedem Städtchen ein anderes Schätzchen.

«I wanted to hear your voice.»

Ich bin geschmeichelt. Sehr geschmeichelt.

«Did Ro give you a hard time?»

Wie lieb. Er macht sich Sorgen! Ich erzähle ihm, dass Ro zwar heute in Hamburg ist, aber dass die Chance groß ist, dass ich meinen Job bald los bin.

«Shit, that’s horrible», reagiert er mitfühlend. Er bietet an, bei Ro ein gutes Wort für mich einzulegen. Aber das will ich nicht. Eine Frau hat auch ihren Stolz.

«Wenn du entlassen wirst, kommst du zu mir, und dann gehst du mit auf Tournee.»

«We’ll see», sage ich ruhig. Nicht zu gierig sein.

Entzückt setze ich mich aufs Fahrrad und radel nach Hause. Ein Popstar ist hinter mir her. Yes! Auf dem Weg hole ich beim Albert-Heijn-Supermarkt eine Fertigmahlzeit. Es lebe die Mikrowelle. Eine Multivitaminpille dazu, und ich bin vollkommen safe. Nahrungsergänzungsmittel wirken nämlich echt. Da gibt es Untersuchungen zu. Peet hat mal einen Artikel darüber geschrieben und war sofort Feuer und Flamme: Sie hat gleich für uns beide ein Kingsizedepot im Reformhaus gekauft. Seitdem hatten wir keine Grippe mehr, und Erkältungen sind wir in no time wieder los.

Während ich meinen Chicoree mit Schinken, Käse und jungen Kartoffeln esse, gucke ich mir im Fernsehen eine Nachrichtensendung für Kinder an. Die Sprecherin, die ein lustiges lilarotes Shirt trägt und zwei kleine Zöpfe auf dem Kopf hat, sagt, dass es morgen sonnig wird. «Prima Wetter zum Draußen-Spielen.»

Das klingt gut.

Als ich an Ro und WHOP-Records denke, ist meine Hochstimmung wegen Paul wie weggeblasen. Wäre ich doch auch wieder Kind! Kein Chef, der Schwierigkeiten macht. Keine Sorgen und Verantwortlichkeiten. Einfach nur lustig draußen spielen.

In der Küche inspiziere ich meinen Notvorrat: drei Riegel Cadbury, eine halbe Packung Schokoladenkekse und eine Tüte Paprikachips. An die Arbeitsplatte gelehnt stopfe ich alles nacheinander in mich hinein. So schnell, dass ich nicht mal was schmecke. Mehr. Ich will mehr. Im Kühlschrank steht noch eine Packung Vanillequark. Soll ich? Nach kurzem Zögern gebe ich meinen Widerstand auf.

Einen Moment fühle ich mich befriedigt, aber das ist von kurzer Dauer. Ärger und Schuldgefühle stecken ihre Köpfe raus. Morgen zeigt die Waage wahrscheinlich ein Kilo mehr an und auf meiner Taille sitzt eine Extrafettrolle. Verdammt.

Aus den Tiefen des Schrankes krame ich ein Fitnessvideo von Cindy Crawford hervor und eine Übungsmatte, die drei Monate unbenutzt herumlag. Vielleicht ist der Schaden noch zu begrenzen.

 

Ich habe das Video nicht ganz geschafft. Schlimmer noch: Schon nach zehn Minuten musste ich völlig außer Atem aufgeben. Dann holte ich den Stepper – irgendwann beim Versandhaus Wehkamp bestellt und noch original verpackt – aus dem Schrank im Flur. Ich riss den Karton auf, legte eine CD von Live auf und begann voll guten Mutes zu steppen. Nach einem halben Titel schon verkrampften meine Waden. Etwas später lief mein Kopf lila an, und ich bekam Herzklopfen. Da habe ich doch lieber aufgehört.

Niedergeschlagen sitze ich auf dem Sofa. Ich brauche moralische Unterstützung. Jetzt sofort. Ich gebe Peets Nummer ein.

«Hoi. Hier ist der Anrufbeantworter von Peet. Sprich nur dann drauf, wenn du was Interessantes zu erzählen hast.»

Verdammt. Keiner da.

«Peet, ich habe eine Identitätskrise», sage ich nach dem Piep. Ich schick noch eine SMS hinterher: «Help!»

Ein paar Minuten später ruft sie zurück. «Ich habe gerade Staub gesaugt, deshalb nichts gehört. Was ist mit dir los?»

Ich erzähle ihr von den Riegeln, den Keksen und den Chips. «Aus mir wird nie etwas», beginne ich zu schluchzen.

«Mach dir keine Sorgen, jede Frau hat im Durchschnitt alle vierzehn Tage einen Fressanfall. Da hat Isis letzten Montag vier Seiten drüber gebracht. Ist das alles?»

«Nein. Ich hab eine Kondition von null Komma nix, das Video von Cindy Crawford ist viel zu schwer für mich. Allein schon das Warming-up! Wollte auch noch steppen, aber das habe ich nur fünf Minuten durchgehalten.»

«Meinst du das Workout-Tape, wo Cindy dreißig Situps und fünfzig Liegestützen macht? So was kann doch niemand. Das ist für Topsportler, nicht für normale Menschen wie dich und mich. Übrigens, hast du sie echt fünfzig Sit-ups machen sehen?»

«Nein, sie hat nur ein paar vorgemacht.»

«Siehst du, das wollte ich sagen. Und mit Steppen solltest du gar nicht erst anfangen, das ist schlecht für die Knie. So, und jetzt hör auf, um den heißen Brei herumzureden. Wo sitzt des Pudels Kern? Warum hast du den Fressanfall gekriegt, in the first place?»

Und dann erzähle ich, dass Ro wütend ist wegen der falschen Sealions, sie hört andächtig zu und sagt an den richtigen Stellen «oh», «ach» und «nein, so was». Ich fühle mich gleich ein ganzes Stück besser. Danach bekommt sie die guten Nachrichten zu hören. Dass Paul von den Sealions mich geküsst und heute auch noch extra angerufen hat.

«Wow, du hast einen Popstar an der Angel», sagt sie. «Siehst du, so schlecht ist das Leben noch nicht.»

***

Ja, doch, ich muss dran glauben. Ros Hamburg-Trip dauerte nur zwei Tage, und gerade ist eine E-Mail auf dem Bildschirm meines Computers erschienen: «Ich will dich sofort sprechen. Right now.»

Ich trinke meine Teetasse in einem Zug aus, hole tief Luft und begebe mich in die Höhle des Löwen.

«Setz dich», sagt Ro gemessen und zeigt auf einen ungemütlichen, tiefen Stuhl. Ro überragt mich um zwei Haupteslängen. Bah, was für ein widerlicher Managertrick.